Posts mit dem Label Begründung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Begründung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 25. Februar 2011

Wat is aintlich ne Fabel?

»Kannze aintlich erklärn tun«, fraacht unse Hilde letztens, »wasne Faabel is?«
»Ne Faabel?« sarich, »warum willze dat denn wissen?«
»Unsre Dschakelin soll als Hausaufgabe füa Deutsch aine Faabel schraibn, un da saß sie heute Mittach in Küche am Heulen, weil se nich wusste, was aine Faabel is.«
»Und du konz dat au nich erklären?«
»Nee.«
»Also, dat is doch ganz ainfach«, sarich. »Wennze zum Baispiel ain Politika saan willz, was er füan Döskopp is, oone dat er gleich zun Rechtsvadreha rennt, oda daim Chef auffe Aabeit, watta füan Leuteschinda is, oone dat er dich glaich rausschmeißen tut, dann azählste dem Politika die Storie von Raaben, der dat Flaisch fallen lässt, weil der Fuchs ihm sagt, wie schön er schallern kann, oda dem Chef sachste die Geschichte von Wolf un Schaaf, wo dat Schaaf den Wolf helfen soll, waila valetzt ist un das Schaaf dann sacht, hassesie noch alle?«
»Ach so«, sacht unse Hilde, »sozusarn durchs Blümken.«
»Genau«, sarich, »oder wie mitte Latte von Zaun«.
»Dann wär das au ne Faabel, wenn ich dir erzählen tu, dat die Henne zum Hahn sacht, er soll nich so viel auffe Stange krähen un mit die Kumpels kloppen, sonnern saine Kraft für die Bodenaabeit bei de Hennen aufspaan?«
»Wie mainze dat gez?« frag ich unse Hilde.
Aba die hat nur gegrinst.

HDR

Dienstag, 18. Januar 2011

Die Muse und der Fabeldichter

Die Muse erschien dem Fabeldichter, und fragte ihn: Warum läßt du doch die Thiere oft vernünftiger sprechen, als die Menschen?

Weil die Menschen, war die Antwort, oft unvernünftiger handeln, als die Thiere.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772

Aus der Vorrede:

Wie aber? Soll Niemand Satyren schreiben, als Rabner? – Niemand Heldengedichte, als Klopstock? – Niemand Idyllen, als Geßner? – niemand Fabeln, als Gellert und Leßing? – Man darf es doch wagen! – Man darf doch auch in unsern Gegenden anfangen. Jemand muß doch die Pfade machen. jemand vorausgehen. ich wage es, und weiß zu meiner Entschuldigung nichts anders zu sagen, als daß ich es gewagt habe.

Geschrieben München den 1ten September 1771

Freitag, 19. November 2010

Endlich bahnt die Fabel den Weg zum Denken

Endlich bahnt die Fabel den Weg zum Denken. Lessing zeigt mehrere Wege, wie man die Fabel, die schon vor uns liegt, eben so nützlich als angenehm studiren kann. 1. Jetzt gebe der Lehrer den Unterricht, sie zu verkürzen; 2. jetzt zu verlängern; 3. jetzt ändere er einzelne Umstände; 4. oder er nehme den wichtigsten heraus, und baue eine neue; 5. man suche manch Mahl eine edlere Moral; man mache die einfache zur zusammengesetzten, oder dichte aus einer Fabel eine Reihe anderer.
Diese Art von Studium ist ungemein erheiternd, und weckt den Geist. Man geht vom allgemeinen zum Besondern, vom Besondern zum Allgemeinen; so muß der Knabe Genie werden, fährt Lessing fort, oder man kann nichts in der Welt werden.

Fabulae Aesopiae
Phädrus in deutschen Reimen
von Xaver Weinzierl
Wien und Triest, 1817
aus der Vorrede

Mittwoch, 18. November 2009

Die Bibel und die Fabellehre

Wir haben schon oben angedeutet, wie bei Novalis Poesie und Religion sich gewissermaßen identifizierten. Nachdem er (im Ofterdingen) in der Tugendlehre die Religion als Wissenschaft, die sogenannte Theologie im eigentlichen Sinne erkannt hat, stellt er gleich darauf die Poesie, nur als einen andern Ausdruck der Tugend, recht in den Mittelpunkt desselben Kreises. »Also«, sagt er, »ist der Geist der Fabel eine freundliche Verkleidung des Geistes der Tugend und der eigentliche Geist der untergeordneten Dichtkunst die Regsamkeit des höchsten, eigentümlichsten Daseins. Eine überraschende Selbstheit ist zwischen einem wahrhaften Liede und einer edlen Handlung; – so wie diese (die Tugend) die unmittelbar wirkende Gottheit unter den Menschen und das wunderbare Widerlicht der höheren Welt ist, so ist es auch die Fabel. Wie sicher kann nun der Dichter den Eingebungen seiner Begeisterung oder, wenn auch er einen höheren überirdischen Sinn hat, höheren Wesen folgen und sich seinem Berufe mit kindlicher Demut überlassen. Auch in ihm redet die höhere Stimme des Weltalls, und ruft mit bezaubernden Sprüchen in erfreulichere, bekanntere Welten. Wie sich die Religion zur Tugend verhält, so die Begeisterung zur Fabellehre, und wenn in heiligen Schriften die Geschichten der Offenbarung aufbehalten sind, so bildet in der Fabellehre das Leben einer höheren Welt sich in wunderbar entstandene Dichtungen auf mannigfache Weise ab. Fabel und Geschichte begleiten sich in den innigsten Beziehungen auf den verschlungensten Pfaden und in den seltsamsten Verkleidungen, und die Bibel und die Fabellehre sind Sternbilder eines Umlaufs.«

Joseph von Eichendorf
Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands
2. Teil

Montag, 1. Juni 2009

Moralische Fabeln


Aus der Vorrede des Verfassers:

Ich habe in der Einleitung zu meinen moralischen Gedanken verschiedene Arten bemerket, deren sich die Skribenten im Moralisiren bedienet haben, und zugleich gewiesen, daß keine Art unschuldiger und zugleich kräftiger sey, als der Gebrauch der Fabeln …

Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des
Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.

Leipzig 1752

Freitag, 10. April 2009

Fabel als ideale Naturgeschichte


3360. Wollen wir die Würmer mit der Wurzel, die Krabben mit dem Stengel zusammenstellen; so werden wir die Drosselthiere das Laub nennen müssen. Ihre Flügel sind gefiederte Blätter, und unter den Schricken (orthopteren) kommen manche vor, die sowohl in der Form des Leibes als der Flügel so eben vom Schmetterlingsbaum sich losgelöst zu haben scheinen. Die Fabeln, daß Blätter sich in der heißen Zone in Insecten verwandeln, sind nicht ohne Sinn, wie denn die Fabel nichts anderes ist, als die ideale Naturgeschichte.

Lorenz Oken
Lehrbuch der Naturphilosophie
Jena, 1831

Dienstag, 10. März 2009

Die echte Fabel


Die echte F. ist, wie Mythus und Märchen, ein Erzeugnis des Gesamtbewußtseins und reicht in Zeiten zurück, in denen eine primitiv volkstümliche Auffassungsweise herrscht und eine Trennung verschiedener Bildungsschichten noch nicht eingetreten ist. In der F. macht sich die-beseelende oder personifizierende Apperzeption (s. Ästhetische Apperzeptionsformen) geltend, die in dem primitiven Bewußtsein vorwaltet, und sie erstreckt sich insbes. auf die Tiere, die als Menschen oder menschengleiche Wesen angesehen werden. So ist die ursprüngliche F. Tierfabel; sie wird nach ihrem vermeintlichen Erfinder Äsopos auch die Äsopische F. genannt. Das didaktisch-reflektierende Element kommt in der Tierfabel um so leichter und deutlicher zum Ausdruck, als wir hergebrachtermaßen jedem Tier eine bestimmte hervorstechende Eigenschaft beilegen. Erzählung und Moral sind in der F. noch unlösbar verbunden, und es ist nicht notwendig, aber schon seit alter Zeit beliebt, daß die letztere am Schluß (hier und da auch schon zu Anfang) in einer besondern Formel zusammengefaßt wird. In der modernen F. sind das erzählende und reflektierende Element in der Regel deutlicher voneinander geschieden, und die Erzählung dient nur zur überraschenden Darlegung einer bestimmten Wahrheit …

Meyers Großes Konversations-Lexikon
Band 6. Leipzig 1906, S. 241

Sonntag, 8. März 2009

Jedes Kunstwerk soll eine tiefe Bedeutung haben

… Da in der Fabel die Phantasie den unbeschränktesten Spielraum hat, so pflegt man im Allgemeinen alle Erdichtungen, im Gegensatze gegen die Wirklichkeit, Fabeln zu nennen, sowie man die Gestalten der Einbildungskraft, welche aufgeführt werden, als fabelhaft bezeichnet. Sehr mit Unrecht werden vorzugsweise inhaltleere, bedeutungslose Erdichtungen Fabeln genannt. Vielmehr liegt es im Wesen der eigentlichen Fabel, eine Bedeutung zu haben. Die Alten, und nach ihnen auch neuere Schriftsteller, nannten daher die in einem Schauspiele dargestellte Geschichte, dieselbe mochte nun eine historische, mythologische oder rein aus der Phantasie des Dichters hervorgegangene sein, die Fabel des Stücks, denn jedes Kunstwerk soll eine tiefe, innere Bedeutung haben.

Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon
Band 2. Leipzig 1838., S. 1


Montag, 9. Februar 2009

Vorrede zum zweiten Buche

O Königs Alexanders Sohn, die Thierfabel
Ist alte Erfindung, die vom Syrervolk herrührt.
Aus jener Zeit wo Bel und Ninos dort herrschten.
Bei Griechenkindern hat zuerst Aesop solche
Erzählt, so sagt man: vom Kybisses her stammen
Die libyschen Fabeln., und zu neuer Versdichtung
Gestalt’ ich sie, und zäum’ in goldne Kinnketten
Den Fabeljambos, gleich ‘nem Roß in Kriegsrüstung.
Nachdem ich einmal aufgethan das Thor hatte,
Sind viele eingedrungen, welche gleich Räthseln
Fein ausgedachte Musen-Schöpfung aushecken,
Und außer Unverständniß nichts gelernt haben.
Doch ich erzähl’ in blanker Sprache aufrichtig,
Und will der Jamben Zähne gar nicht scharf wetzen,
Im Feuer prüfen, und den Stachel abbrechen,
Und so im zweiten Gang dir dieses Buch singen.

Babrios
Ü: Johann Adam Hartung
Leipzig 1858

Freitag, 30. Januar 2009

… und sich lediglich an den Verstand richtet

Also nicht die Tendenz zu lehren an sich, und auch nicht die beabsichtigte Einwirkung auf bestimmte im Leben eines Volkes oder Menschen vorgekommene Zustände macht, daß die Fabel weniger poetischen Werth hat als ein anderes Gedicht (denn welcher Dichter will nicht mit seinem Gedicht auch gewisse Lebensansichten oder Erkenntnisse veranschaulichen und welcher wird nicht durch vorkommende Ereignisse, welche ihn stärker berührten, zur Wahl eines Stoffes veranlaßt und bei dessen Bearbeitung gleitet?), sondern der Umstand, daß sie nichts mit den Empfindungen zu thun hat, keine Rührung, mithin auch keine Reinigung (Läuterung) irgend einer Leidenschaft, bewirken will, und sich lediglich an den Verstand richtet, macht die Fabel so wie auch die Parabel, zu einem prosaischen Gedichte.

Johann Adam Hartung
im Vorwort zu:
Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig 1858

Dienstag, 6. Januar 2009

Die geschwätzige neue Art

Daß, bey den Alten, die Aesopische Fabel nicht zu dem Gebiete der Poesie, sondern der Rhetorik gerechnet worden, hat G.E. Lessing in s. Abhandlung von dem Vortrag der Fabeln, S. 222. Ausg. von 1777 bereits bemerkt; allein, daß erst daraus, daß die Neuern sie blos als Gedicht ansehen, auch die geschwäzige neuere Art sie zu erzählen, und die Zierrate in dem Vortrage derselben entsprungen sind, wird, meines Bedünkens, durch eine Stelle in des Priscians Praeexercitamentis rhetor. ex hermogene (ap. Putsch. S. 1330) widerlegt, wo schon von zweyerley Arten ihres Vortrages, breviter und latius, gesprochen, und jede mit Beyspielen belegt wird.

Johann Georg Sulzer
Allgemeine Theorie der Schönen Künste in einzelnen,
nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden,
Artikeln abgehandelt von

Zweyter Theil
Neue vermehrte dritte Auflage
Frankfurt und Leipzig, 1798

Sonntag, 2. November 2008

Es ist schlimm genug …

Es ist schlimm genug, daß heut zu Tage die Wahrheit ihre Sache durch Fiktion, Romane und Fabeln führen lassen muß.

Georg Christoph Lichtenberg
aus: Sudelbuch

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Mensch und Tier

Es ist nicht bloß die äußere menschähnlichkeit der thiere, der glanz ihrer augen, die fülle und schönheit ihrer gliedmaße was uns anzieht; auch die wahrnehmung ihrer manigfalten triebe, kunstvermögen, begehrungen, leidenschaften und schmerzen zwingt in ihrem innern ein analogon von seele anzuerkennen, das bei allem abstand von der seele des menschen in ein so empfindbares verhälnis zu jenen bringt, daß ohne gewaltsamen sprung, eigenschaften des menschlichen gemüts auf das thier, und thierische äußerungen auf den menschen übertragen werden dürfen. In mehr als einer sinnlichen kraft thut es uns das thier zuvor, in schärfe des gesichts, feinheit und stärke des gehörs und geruchs, schnelle des laufs und befähigung zum flug; sollten wir ihm nicht zugestehen, neben uns und in der einwirkung auf uns seine besonderheit geltend zu machen?
Jacob Grimm
aus: Reinhart Fuchs, Berlin 1834, S. I/II

Freitag, 24. Oktober 2008

Oh Muse …


O Muse! die du weißt, was Thier’ und Bäume sagen,
Wovon der Vogel singt, was Fisch’ und Wurm beklagen,
Ich bitte, sage mir, wie reden Löw’ und Maus?
Wie drückt sich eine Gans, und wie ein Adler aus?
Wovon schwatzt Schneck’ und Forsch? wie sprechen muntre Pferde?
Was denkt der volle Monde? worüber seufzt die Erde?
Wie redet die Natur? Es läßt ja ungereimt,
Wenn roher Sänger Witz von Wuth der Lämmer träumt,
Die Löwen weinen läßt, die Hasen drohen lehret,
Gewächsen Flügel dreht, und die Natur verkehrt.
Aesopus dichtete natürlich, ohne Zwang,
Aesop, der von der Maus bis an den Löwen sang,
und ohne der Natur was falsches aufzubürden,
Die Thiere reden ließ, wie Thiere reden würden,
Die Wölfe dürsteten nach feiger Lämmer Blut,
Der Hirsch pries sein Geweih, der Uhu seine Brut,
der Panther drohete, der Stier sprach von dem Stalle,
Der Sperling plauderte, der Fuchs belog sie alle.
So sang der Phrygier; nichts, so sich widersprach,
Floß jemals in sein Lied, ihm sang ein Phädrus nach,
und Alle die nach ihm das Fabelreich durchstrichen,
Erhoben ihren Ruhm, so weit sie jenen glichen.
Mein Mund versucht ihr Lied. Wie, wenn es nicht gelingt?
Wer zweifelt, hat gewählt. Es sey gewagt, er singt.

Magnus Gottfried Lichtwer

Sonntag, 5. Oktober 2008

Die Fabel

Ich durchwandelte die Gassen,
ihre Weisheit zu erfassen;
aber bald hab' ich's gelassen.
Was mir etwa noch, im Toben
überschrieen und umstoben,
alte Stein' und Bilder loben:
davon tönt's im weiten Kreise
laut und leise, klarer Weise,
tausendfach in einem Preise.
Sonnen, Monde, Wolken, Lüfte,
Frühlingshügel, Todesgrüfte,
Wald und Strom und Blum und Düfte
und der Thiere bunte Schaaren:
Alles hör' ich offenbaren,
und Uraltes neu erwahren.
Und was noch so golden gleißet,
in den Gassen »Göttlich!« heißet,
alles mächtig mit sich reißet:
Derlei Vieles hör' ich richten
und verspotten und zernichten
ernst und leicht in Thiergeschichten.
*
Was ich also mir erschauete,
meinem Freunde sei's vertrauet,
der sich mit mir auferbauet:
einsam durch die Au'n zu gehen:
ihre Bilder zu verstehen,
und sich selber drin zu sehen.

Abraham Emanuel Fröhlich

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Etliche Fabeln aus Esopo …

Dis Buch von den Fabeln oder Merlin ist ein hochberümbt Buch gewesen bey den allergelertesten auff Erden, sonderlich vnter den Heiden. Wiewol auch noch jtzund die Warheit zu sagen, von eusserlichem Leben in der Welt zu reden, wüsste ich ausser der heiligen Schrifft nicht viel Bücher, die diesem vberlegen sein solten, so man Nutz, Kunst vnd Weisheit vnd nicht hochbedechtig Geschrey wolt ansehen Denn man darin vnter schlechten Worten vnd einfeltigen Fabeln die allerfeineste Lere Warnung vnd Vnterricht findet (wer sie zu brauchen weis), wie man sich im Haushalten in vnd gegen der Oberkeit vnd Vnterthanen schicken sol, auff das man klüglich vnd friedlich vnter den bösen Leuten in der falschen argen Welt leben müge.

Das mans aber dem Esopo zuschreibet ist meins achtens ein Geticht vnd vieleicht nie kein Mensch auff Erden Esopus geheissen. Sondern ich halte es sey etwa durch viel weiser Leute zuthun mit der zeit Stück nach Stück zuhauffen bracht vnd endlich etwa durch einen Gelerten in solche Ordnung gestelt. Wie jtzt in Deudscher sprach, etliche möchten die Fabel vnd Sprüche so bey vns im brauch sind samlen vnd darnach jemand ordentlich in ein Buch fassen. Denn solche feine Fabeln in diesem Buch vermöcht jtzt alle Welt nicht, schweig denn ein Mensch erfinden. Drumb ist gleublicher, das etliche dieser Fabeln fast alt etliche noch elter etliche aber new gewesen sind, zu der zeit da dis Büchlin gesamlet ist wie denn solche Fabeln pflegen von jar zu jar zuwachssen vnd sich mehren. Darnach einer von seinen Vorfaren vnd Eltern höret vnd samlet.

Martin Luther
Vorrede aus: Etliche Fabeln aus Esopo verdeudscht

Freitag, 19. September 2008

Was die Fabel sein kann …

… belehrend, hinterlistig, spitzfindig, tiefgründig, naseweis, altbacken, philosophisch, moralisch, amoralisch, humorvoll, lustig, traurig, schlitzohrig, besserwisserisch, neunmalklug, weise, verstaubt, antik, modern, überraschend, vorhersehbar, ein Fingerzeig, vernachlässigbar, erforscht, unbekannt, eine Dichtung, aus dem Leben gegriffen, aufgesetzt, erhaben, erniedrigend, falsch, problembezogen, neuartig …

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 31. August 2008

Die reisende Fabel

Die arme Tochter des Äsop,
Die Fabel, reiste von Athen,
Entfernte Länder zu besehn.
Wer sie erblickte, der erhob
Ihr Wesen, ihren Gang,
Und ihren Anzug. Nicht zu lang
Und nicht zu kurz, war er bequem:
Wohin sie kam, da war sie angenehm.
Zu Rom schenkt ihr ein feinres Kleid
Ein Freigelassener 1) des Kaisers seiner Zeit,
Es stand ihr wohl, es war gemacht
Nett, aber ohne Pracht!
Dann reiste sie darin, noch blöde, nach Paris;
Ein edler Ritter 2) nahm sie auf, und unterwies
Das wohlerzogne Kind, das seine Freundin ward,
In Sitten und in Putz, nach seiner Landesart.
Auch nahm er einst sie mit, in einer Gallanacht,
An Ludwigs Hof, in Hofestracht.
Und weil der jungen Maintenon 3)
An Geist und Schönheit sie vollkommen glich,
So zog sie allsobald des Königs Aug' auf sich.
Was hatte sie davon?
Er rühmte sie den Prinzen, sie gefiel!
Und einst beim Spiel,
Nannt' er, in Gnaden, sie: die Menschenlehrerin!
Ich? Ihro Majestät! ich bin
Nur eine Zeitvertreiberin! 4)
Mich hören Kinder nur so gern!
Ich? Lehrerin? der Menschen? das sei fern!
Was recht und Tugend ist, zu lehren und zu preisen,
Das überlaß' ich Herrn,
Und Königen, und Weisen!

Anmerkungen:

1) Phädrus.
2) La Fontaine.
3) Der Geliebten Ludwig XIV., Königs von Frankreich.
4) Weil selbst ein Bodmer diesen Scherz für Ernst genommen hat, wie solches erweislich ist aus seiner Vorrede zu den Fabeln des von Knonau (Zürich 1757), so scheints nicht überflüssig, zu sagen, daß die reisende Fabel hier eine Spötterin ist.


Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Montag, 25. August 2008

Die Fabel ist eine symbolische Moral …

… Die Fabel ist eine symbolische Moral; das Vergnügen, das sie unserer Imagination gewährt, beruht in der Seltenheit und Neuheit der Personen, die darin auftreten … Ein weiterer Vorzug der Fabeln ist, daß sie uns die beschämende Wahrheit vorhalten, daß wir mit all unseren vermeinten Vorrechten nicht gescheiter handeln als Kreaturen, die wir gewohnt sind sehr niedrig zu setzen und endlich, daß sie uns unter fremden Namen die eigenen Fehler vorhalten. Die Fabel dient vor allem zur Belehrung von solchen Leuten, deren Verstand zu den philosophischen Raisonnements zu schwach ist. …

F. Braitmaier
in: Geschichte der poetischen Theorie und Kritik.
Von den Diskursen der Maler bis auf Lessing,
Frauenfeld 1888, S. 39

zu Ausführungen von Bodmer und Breitinger

Dienstag, 19. August 2008

In Fabeln spricht das Meer …



In Fabeln spricht das Meer, die Elemente hören,
Der harte Fels gebiert, die Thier’ und Vögel lehren,
Es reden Baum und Stein, der Wurm, die Fliege spricht,
Und jedes Wesen giebt uns Lehr’ und Unterricht:

Die Wahrheit wird zum Traum, man siehet Drachen fliegen,
Und ein ganz Kranichheer mit den Pygmäen kriegen,
Hier gilt, was Menschen Witz von einer andern Welt,
Nur jemals im Gehirn sich möglich vorgestellt.

Glaubt nicht, als ob der Zweck nur die Vergnügung wäre,
Der Fabelzucker deckt oft eine bittre Lehre.
Der Leser sieht das Bild, er lacht des Fuchses List,
Merkt aber schamroth oft, daß er getroffen ist.

Die Fabel, die nicht lehrt, kehrt sich in leere Dünste,
Und füllt das Haupt mit Rauch; das sind der Perser Künste.
So träumt ein wilder Kopf, erhitzt vom Sonnenbrand,
Der, wo er nu hin sah, Gespenst und Riesen fand.

Aesop, der häßlichste von Xantus Sudelknechten,
Lehrt in zwei Stunden mehr, als sie in tausend Nächten,
Und Reinecke der Fuchs, giebt wie ein Morhof sprach,
Dem göttlichen Homer an Weisheit wenig nach.

Magnus Gottfried Lichtwehr