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Sonntag, 7. Januar 2018

Der Affe und der Zimmermann

Ein Affe, erzählt man, sah einen Zimmermann ein Stück Holz spalten vermittelst zweier Keile, indem er auf dem Holz rittlings saß. Das setzte den Affen in Erstaunen. Kaum war der Zimmermann nach einem anderen Geschäft fortgegangen, so erhob sich der Affe, und ergriff ein Geschäft, das nicht das seinige war. Er setzte sich nemlich rittlings auf das Holz, lehnte sich mit dem Rücken an den hintern Keil, und richtete sein Gesicht auf das Stück Holz. Da kamen seine Hoden in die Spalte zu hangen, und er zog den vordern Keil heraus und die Spalte klaffte zusammen. Da fiel er in Ohnmacht. Nach einiger Zeit kam der Zimmermann, und wie er den Affen an seiner Stätte sah, nahte er sich demselben und schlug ihn tüchtig durch. Die Schläge aber, die er von dem Zimmermann erhielt, verursachten ihm noch ärgere Schmerzen, als ihm das zusammenklaffende Stück Holz verursachte.

Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitlgiede der asiatischen Gesellschaft von Paris. 
Erstes Bändchen, 
J. Scheible’s Buchhandlung, 1837

Donnerstag, 28. Januar 2016

Der giftige Fisch

Ein Mann hatte einstmals einen Fisch gefangen, den man Stachelbauch oder Fugu nennt und für giftig hält. Er kannte aber dessen böse Eigenschaften nicht recht und begann, ihn zum Mahle herzurichten, obwohl er doch nicht ohne alle Besorgnis war. Während er mit dem Zubereiten des Fisches beschäftigt war, kam eine hungrige Katze, ergriff ein Stück von dem Fische und lief mit demselben davon. Der Mann verfolgte sie; sie lief deshalb in einen engen Spalt zwischen zwei Häuser, wo sie in Sicherheit war; das Stück Fisch hielt sie fortwährend im Maule.

Der Mann dachte nun, als er von der Verfolgung der Katze zu seiner früheren Beschäftigung zurückgekehrt war, daß seine Besorgnis wohl unbegründet sein müsse, denn wenn die schlaue Katze den Fisch nicht verschmähe, könne er ihm unmöglich schaden. Er begann daher, als sein Mahl fertig war, ruhig den Fisch zu verspeisen.

Die Katze aber hatte, nachdem sie ihre Beute in Sicherheit gebracht, doch auch einige Bedenken gehabt. Sie kam daher aus ihrem Verstecke wieder hervor und sah zu, ob der Mann den Fisch auch wirklich verzehre. Als sie nun sah, daß er ihn wirklich aß, da zögerte sie nicht länger und fraß ihr Stück ebenfalls. Beide, Mann und Katze, starben elendiglich. So täuschen sich die schlauesten oft am allerleichtesten.

Brauns, David
Japanische Märchen und Sagen
Leipzig, 1885

Mittwoch, 11. November 2015

Kuh und Bache

Kuh und Bache wohnten, so geht die Mär, zusammen in einem geruhigen Tal. Sie bekamen zur selben Zeit Junge. Sprach die Bache zu ihrer Gefährtin: »Schau, wie fruchtbar ich bin, und wie viel schöner ich mit meinen vielen Kleinen bin als du!« Die Kuh antwortete: »Laßt uns ins Dorf gehen und den Leuten unsere Nachkommenschaft zeigen; wer von uns verhöhnt wird, soll die Häßlichste sein.« Die Bache willigte ein, und beide begaben sich auf den Weg. Die Kuh trabte zuerst durch die Gassen; als die Leute sie sahen, sagten sie: »Schaut mal, welch herrliche Kuh! Seht, was für ein niedliches Kälblein sie bei sich hat!« Die Bache folgte ihr unmittelbar; als die Leute sie sahen, höhnten sie und riefen: »Seht einmal das garstige Wildschwein an!«

Daher trägt das Wildschwein stets den Kopf zum Boden gesenkt; es schämt sich der Worte der Menschen. Die Kuh aber hält das Haupt hoch empor, denn sie ist auf die Schmeicheleien stolz.

Paul Hambruch
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
 Jena: Eugen Diederich, 1922.

Montag, 10. August 2015

Mensch und Mücke

Herr Olombelona und die Mücke Rekehitsa hatten Gefallen aneinander; so schlossen sie denn auch Blutsbrüderschaft; als Rekehitsa vom Blute des Herrn Olombelona trank, mundete dies ihr vortrefflich. Und so erzählte sie nachher den anderen Mücken: »Wir mühen uns allemal ab, Blut ausfindig zu machen. Da wollen wir künftighin doch nicht das unseres Bruders vergessen, das ausgezeichnet schmeckt.« Eine andere Mücke antwortete: »Laßt uns ihn besuchen und einmal sein Blut proben; dann ersparen wir ihm die Mühe, uns Reis zu kochen, Wasser zu holen und ihn zu waschen, wir bitten ihn da nur um ein recht einfaches Mahl.«

Herr Olombelona war eingeschlafen und schnarchte, als die Besucher bei ihm erschienen; sie baten nach allen Regeln des Anstands um Eintritt, doch Herr Olombelona hörte sie nicht und antwortete nicht. »Bss! Bss!« machten die Mücken, »laßt uns hineingehen.« Damit flogen sie hinein, ließen sich auf dem Menschen nieder und tranken sein Blut. Plötzlich fuhr Herr Olombelona aus dem Schlafe auf und rief wütend: »Wartet! Euch werde ich kommen! So benehmt ihr euch also einem Blutsbruder gegenüber?« Und tapp, tapp! streckte er eine Mücke nach der anderen nieder.

Seither, so geht die Mär, sind Menschen und Mücken keine Freunde mehr. Sieht der Mensch eine Mücke, schlägt er sie tot; trifft aber die Mücke einen Menschen, sticht sie ihn und saugt sein Blut.

Paul Hambruch
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Eugen Diederich Verlag, Jena, 1922.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Katze und Mäuse


Einstmals kam eine Katze, die ein gelb und rotes Kleid angezogen hatte, in die Nähe der Mäuse. Als die Mäuse sie erblickten, flohen sie erschrocken. Die Katze sagte: »Flieht nicht! Ich habe vor Buddha ein Gelübde abgelegt und thue deshalb keinem Geschöpf etwas zuleide«. Die Mäuse aber sagten: »Frau Katze, höre. Wenn dein Körper, indem du das gelb und rote Kleid anzogst, ein Gelübde genommen hat, hat dein Gemüt auch ein Gelübde genommen?« Die Katze sprach: »Meine Brüder, hört mich! Alle andern Dinge werden sich finden, mein Gemüt ist aufrichtig und rein. Die Mäuse glaubten es und machten die Katze zu ihrem Fürsten. Als sie aber zusammen waren, frass die Katze, sich listig verbergend, täglich mehrere hundert Mäuse. Die Mäuse wunderten sich und fanden, als sie nachzählten, das 800.000 Mäuse weg waren. Sie erkannten nun, dass die Katze sie gefressen hatte und sprachen »Jeder schlechtgesinnte Mensch muss so . . . . . .  werden«. So sprechend flohen sie. Das war die Macht der List.

Die Fabel ist auch in der mohammedanischen Welt verbreitet; man vergleiche die folgende Version:

Eine alte Katze war neben dem Feuer im Hause, auf dem Kopfe einen Turban setzend; diese Katze rief zu den Mäusen: ich habe viele Leute von euch getötet, ich habe Reue empfunden, ich habe Busse gethan, ich begebe mich zur Kaaba; kommet, um mir zu verzeihen und Frieden zu machen, sprach die Katze. Alle Mäuse kamen zu dieser Katze; eine grosse Maus blieb auf dem Hofe, ohne ins Innere des Hauses zugehen. Komm auch du, sprach die Katze zu dieser Maus; diese Maus sprach: bei Gott, das aussehen dieser Katze ist dasselbe, der Schnauzbart ist derselbe, die Ohren sind dieselben, der schwanz ist derselbe, die Art ist dieselbe; wegen des Turbans hat sie ihre Sitten nicht aufgegeben,m ich kann nicht hineinkommen. Also sprechend lief die grosse Maus davon; nahe kamen alle Mäuse und die Katze tötete und frass jene Mäuse und die Katze wurde satt.


aus: Fünf indische Fabeln
Aus dem Mongolischen von Hans Conon von der Gabelentz
Aus einer unveröffentlichten Handschrift der Königl. Bibliothek zu Berlin
mitgeteilt von B. Laufer
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft
Bd. 52 (1898)

Dienstag, 9. Juni 2015

Der Elefant und die Mäuse



Als vor alten Zeiten ein Elefant das Wasser des Meeres zu trinken ging, begegnete er einer Maus, die zu ihm sagte: »Onkel, du bist von Natur weise, ich bin von Natur listig; wer von uns beiden ist der ältere Bruder?« Der Elefant erwiderte zornig: »Ziemt es sich, dass du Knirps älterer Bruder sein willst? Ich zerstöre mit meinem Stosszahn den Berg Sumeru; wenn ich mit dem Fuss auftrete, töte ich zehntausend Mäuse«.

Als er im Begriff war, auf sie zu treten, floh die Maus erschrocken und sann auf eine List. Sie versammelte viele Mäuse und sprach: »Ein Elefant will uns alle töten. Wenn wir die Erde aus seinem Weg heimlich aushöhlen und ihn u Falle bringen und besiegen, so wird dies gut für unsern Ruhm sein«.

Die andern billigten diesen Vorschlag, gruben die erde auf und warteten. Der Elefant kam, stolperte und fiel, und da er sich nicht wieder aufrichten konnte, sprang die erste Maus auf das Haupt des Elefanten und sprach: »Onkel Elefant, wer von uns beiden ist nun der ältere Bruder?« Der Elefant antwortete: »Da alle Mäuse meine Lehrer gewesen sind, so mögen sie die älteren Brüder sein. Wenn ihr mich aus diesem Unglück errettet, so werde ich, wo ich eure Löcher sehe, erschrocken fliehen«. Auf diese Rede versammelte die erste Maus 800.000 Mäuse; einige befehligten von dem Körper des Elefanten aus und zogen von oben, andere gruben die Erde tiefer aus und feuchteten sie an, so dass der Elefant allmählich sich erhob. Als nun der Boden geebnet und der Elefant aufgestanden war, lief er erschrocken davon. Die Mäuse lachten.

O König, dass die einen Finger langen Mäuse durch Behendigkeit und List den gierigen Elefanten besiegt haben, ist durch solche List geschehen.


aus: Fünf indische Fabeln
Aus dem Mongolischen von Hans Conon von der Gabelentz
Aus einer unveröffentlichten Handschrift der Königl. Bibliothek zu Berlin
mitgeteilt von B. Laufer
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft
Bd. 52 (1898)

Dienstag, 26. Mai 2015

Die Fliegen Bunnyyarl und die Bienen Wurrunnunnah


Die Bunnyyarl und Wurrunnunnah waren Verwandte und lebten zusammen im selben Orte. Die Wurrunnunnah waren fleißig und arbeiteten tüchtig, um rechtzeitig viele Vorräte einzusammeln und sie für die böse Zeit der Hungersnot aufzuspeichern. Die Bunnyyarl bekümmerten sich jedoch nicht um die Zukunft; sie vergeudeten die Zeit mit Spielen und Possentreiben und dachten gar nicht daran, ebenfalls Vorräte einzusammeln.
Eines Tages sagten die Wurrunnunnah: »Kommt mit und holt den Honig aus den Blumen! Bald ist der Winter da, dann gibt es keine Blumen, und ihr könnt keinen Honig mehr einsammeln!«
»Nein,« antworteten die Bunnyyarl, »wir haben uns hier um andere Dinge zu kümmern.«
Sie gingen fort und überlegten sich, was sie nun wohl für neue Dummheiten aufstellen können; sie glaubten ja, daß die Wurrunnunnah nachher doch ihre Vorräte mit ihnen teilen würden. Die Wurrunnunnah taten also die Arbeit allein und überließen die Bunnyyarl ihren Nichtsnutzereien. Sie besuchten alle Blumen, trugen den Honig ein und kehrten nicht wieder zu den Bunnyyarl zurück. Sie waren es überdrüssig geworden, stets alle Arbeit für diese Faulpelze zu tun.

Und später wurden die Wurrunnunnah in kleine, wilde Bienen und die faulen Bunnyyarl in Fliegen verwandelt.

Paul Hambruch
Südseemärchen
Jena 1916

Freitag, 30. August 2013

Sengijn Erdene

Es gibt nicht viele mongolische Schriftsteller, von denen es deutsche Übersetzungen gibt. Einer der wenigen ist Sengijn Erdene (1929 - 2000). Er stammte aus einer Familie von Viehhütern, studierte in Ulan Bator Medizin, arbeitete als Psychiater und war Leiter des Schriftstellerverbandes. Von 1965 - 1979 war er Chefredakteur der Zeitung „Kunst und Literatur“. Seine beiden Erzählungen Die Frau des Jägers und Das Ende des Serüün-Tempels sind in der Übersetzung von Renate Bauwe erschienen.


Dienstag, 6. August 2013

Das Wolfskind

Bildquelle: Wikipedia

Als diese Kaufleute in die Nähe der Residenz des Königs Kütschün-Tschidaktschi kamen und an einem Flussarm das Nachtlager aufgeschlagen hatten, nahten Wölfe und begannen zu heulen. Die Kaufleute pflegten das indische Wolfskind Schalû zu nennen. Daher fragten sie den Jungen: »Schalû, was sagen diese Wölfe?« »Diese Wölfe«, antwortete Schalû, »sind meine beiden Eltern; sie sagen: ›fünf oder sechs Frauen zogen des Weges und liessen dich, als du geboren wurdest, bei uns zurück; da haben wir dich aufgezogen und gross gemacht; ohne unserer Wohlthat zu gedenken, hast du nun mit Menschen dich befreundet? Diese Nacht kommt ein Regen und da der Fluss eine gewaltige Überschwemmung anrichtet, so werden die Kaufleute sich in Sicherheit zu bergen suchen; bei dieser Gelegenheit komm du, unser Liebling, wieder zurück. In der Nähe lauert dir ein Dieb auf‹«. Und in der That lag der Prinz Vikramâditja, in der Absicht einen Diebstahl auszuführen, in der Nähe auf der Lauer. Als er nun hörte, wie Schalû seinen Gefährten die Worte der Wölfe mittheilte, dachte er: »Dieser Kenner der Wolfssprache ist kein gewöhnlicher Mensch. Dass ein Regen kommt, mag eine Lüge sein; aber wie konnte er wissen, dass ich auf der Lauer liege?« Und indem er umkehrte, sagte er: »Dir werde ich alle Nacht aufpassen!« Nach dieser Drohung entfernte er sich. Die Kaufleute aber änderten in Folge von Schalû's Verständniss der im Wolfsgeheul enthaltenen Worte ihren Aufenthaltsort und liessen sich auf einem vierseitigen Berge nieder. Als in der Nacht der Regen in Strömen goss und der Fluss mächtig über die Ufer trat, sagten die Kaufleute zu einander: »Ohne Schalû hätten wir umkommen müssen!« und gaben dem Schalû Schätze in reichlicher Menge zur Belohnung.

aus:
Ardschi-Bordschi (Vikramâditjas Geburt)
enthalten in:
Bernhard Jülg: Mongolische Märchen. Innsbruck, 1868

Freitag, 2. August 2013

Der Fuchs, der Löwe und das Rind

Abermals folgte der auf gutem und glücklichem Wandel begriffene Chân hinter Siddhi-K ýr her und gelangte in die Nähe des Mango-Baumes. Als er mit seiner Axt, »weisser Mond« benannt, den Fuss des Baumes umzuhauen begann, sprach Siddhi-K ýr: »Fälle meinen Baum nicht«. Nachdem er aber herabgestiegen war, hielt er es in der Art und Weise sich aus dem Staube zu machen wie das erste Mal. Der Chân begab sich daher abermals in den kühlen Todtenhain, um Siddhi-K ýr zu holen. Während er dann mit ihm auf dem Rücken dahin wandelte, erzählte Siddhi-K ýr neuerdings folgende Geschichte.

Wieder einmal früh vor Zeiten hauste in Indiens Nordland auf dem Schneegebirge in einer Löwenhöhle eine Löwin. Nachdem sie eben ein Junges zur Welt gebracht hatte und nirgends etwas zu essen vorfand, war sie schon auf dem Punkte ihr Junges zu verzehren. Doch da sie es nicht über sich bringen konnte dasselbe zu opfern und zu verzehren, so machte sie sich auf, um in der Richtung zwischen einem Berge und der Ebene Nahrung zu suchen. Während nun die Rinder einer Heerde den Geruch der Löwin spürten und sich eiligst davon machten, war eine Kuh nicht geflohen. Die Löwin packte die arme Kuh, schlürfte ihr das Blut aus und schleppte Fleisch und Knochen mit sich fort. Das Kalb folgte ihr. Während die Löwin von dem Schlürfen des Blutes berauscht dalag, saugten ihr Junges und das Kalb zusammen an ihr. Weil sie berauscht war, hielt die Löwin alle beide für ihre Jungen und nährte sie. Nach einiger Zeit wurde die Löwin krank, indem ihr der Knochen eines wilden Thieres im Halse stecken geblieben war. Als sie dem Tode nahe war, gab sie ihren zwei Jungen in ihrem Testamente noch folgende Lehre: »Ihr beide sollt friedlich mit einander leben; wenn ein Feind naht und eure Kraft von ihm durch unrechte und schlechte Mittel zu gewinnen gesucht wird, so dürft ihr seinen Worten kein Gehör schenken«. Darauf starb die Mutter. Der junge Löwe begab sich hierauf in einen Wald, das Kalb aber auf die Sonnenseite eines Berges. Zur Zeit des Wassertrinkens tranken sie gemeinschaftlich und pflegten dann mit Spielen zusammen sich zu unterhalten. Nach einiger Zeit fasste ein Fuchs, der seither dem Löwen gefolgt und vom Fleische der von ihm erlegten Thiere zu leben gewohnt war, einstmals als Löwe und Rind wieder mit einander zur Tränke gegangen waren, während des Trinkens den Entschluss, die beiden zu reizen und zu entzweien, indem er bei sich dachte: »Von des Löwen Beute habe ich bisher allein gezehrt; da nun dieses Rind gekommen ist, so müssen wir künftig mit einander von derselben zehren«. In solchen die Aufreizung beider bezweckenden Worten liess er sich aus. Eines Tages hatte der Löwe ein Thier ergriffen und begann es zu zerfleischen. Während er das Blut schlürfend so dalag, trat der Fuchs, ohne das Fleisch des vom Löwen ergriffenen Thieres anzurühren, zum Löwen hinzu, und da er seinen Schweif einziehend und seine Ohren hängen lassend so dastund, sprach der Löwe: »Fuchs, was ist dir geschehen? letze dich doch an diesem Fleisch hier«. Der Fuchs erwiederte: »Wie könnte ich dieses Fleisch verzehren? du hast einen Feind; darüber grämt sich mir, deinem Oheim, das Herz«. Doch der Löwe versetzte: »Ich dürfte kaum einen Feind haben, verzehre das Fleisch nur ruhig«. Allein der Fuchs sprach: »Wenn du den Worten deines Oheims kein Gehör schenkst, so wirst du es später bereuen«, und legte sich nieder. »Nun, wer ist denn mein Feind?« fragte der Löwe. »Ein Rind dort muss es wohl sein«, sprach der Fuchs; »es sagt immer: ›der Löwe hat meine Mutter getödtet, jetzt will ich dafür den Löwen tödten‹«. »Wir beide sind ja zwei Brüder«, sagte der Löwe; »da ist für mich keine Gefahr«. Der Fuchs versetzte: »Weisst du denn nicht, dass du in Wahrheit die Mutter deines schlimmen Bruders getödtet hast?« Indem der Löwe bei sich dachte: »Die ser Fuchs ist ja doch wahrlich mein Oheim«, begann er weiter: »Wie will denn das Rind mich tödten? sag' es mir doch«, worauf der Fuchs antwortete: »Wenn morgen früh das Rind aufsteht und mit den Hörnern die Erde aufwühlt, sich ausstreckt, den Schwanz hängen lässt und in einem fort brüllt, so ist dies das Zeichen, dass es dich tödten will«. Der Löwe, Argwohn fassend, sprach: »Nun, wenn das der Fall ist, so werde ich auf der Hut sein«.

Darauf begab sich der Fuchs auch auf des Berges Sonnenseite und trat zu dem Rinde, das sich eben gelagert hatte, nachdem es am Grase sich gesättigt. Indem er den Schweif einziehend, die Ohren hängen lassend und weinend vor ihm stand, sagte das Rind: »Fuchs, was ist dir geschehen?« »Mein Mütterchen«, sprach der Fuchs, »weil du einen Feind hast, desshalb gräme ich, dein Oheim, mich so und muss weinen«. Doch das Rind sprach: »Ich habe durchaus keinen Feind, der mir etwas anhaben könnte«, worauf der Fuchs versetzte: »Auf des Berges Rückseite haust ein Löwe; der sagt: ›früher hat meine Mutter seine Mutter zerfleischt, jetzt will ich ihn zerfleischen‹«. »Da sei du nur ganz ruhig«, erwiederte das Rind, »wir beide sind zwei Brüder; er wird gegen mich keine Feindseligkeit beginnen«. Allein der Fuchs sprach: »Wenn du jetzt meinen Worten kein Gehör schenkst, so wirst du es später bereuen«. »Du bist doch wahrlich mein Oheim«, versetzte das Rind; »nun, wenn die Sache so steht, wie will denn der Löwe mich tödten? sag' es mir doch«. Da sprach der Fuchs: »Wenn morgen früh der Löwe aufsteht und sich ausreckt, seine Mähnen emporschüttelt, seine Klauen ausstreckt und mit den Füssen die Erde in einem fort aufwühlt, so ist dies das Zeichen, dass er dich tödten will«. »Wenn das so ist«, sprach das Rind, »so will ich auf der Hut sein«.

Den andern Tag in der Frühe, als sie aufstunden und einander beobachteten, da zeigte sich alles so, wie der Fuchs es gesagt. In Folge dessen erhob sich in beiden der Groll, und als sie um Sonnenaufgang beide zu gleicher Zeit eintreffend Wasser zu trinken gekommen waren, liessen sie, weil jedes von beiden beim Aufstehen seine besondere Art hatte und eines des andern Gewohnheit nicht kannte, von den aufreizenden Worten des Fuchses sich hinreissen. Da machte der Löwe mit voller Wucht einen Satz und packte das Rind am Hals, das Rind dagegen fuhr gleichzeitig mit seinen Hörnern dem Löwen zwischen die Füsse empor. Auf diese Weise giengen alle beide, der Löwe und das Rind, zu Grunde. Bei dieser Gelegenheit liess sich eine geheimnissvolle Stimme vom Himmel vernehmen: »Man darf nie schlechten Freunden trauen; sehet, wie der Fuchs, als der Löwe und das Rind dem schlechten Freunde trauten, sie beide entzweit hat!«

»So hat also der böse Fuchs zwei theure Brüder entzweit!« rief bei diesen Worten der Erzählung der mit Glück und Wohlstand gesegnete Chân, und Siddhi-K ýr versetzte: »Sein Glück verscherzend sind dem Munde des Chânes Worte entschlüpft!« und mit dem Ausruf: »In der Welt bleibe ich nicht!« flog er durch die Lüfte davon.



Bernhard Jülg: Mongolische Märchen
Innsbruck, 1868, S. 35-40

Dienstag, 2. Juli 2013

Die sechs Falken oder der gebrochene Flügel


Sechs junge Falken, von denen nur Midschidschiquona, der älteste, etwas fliegen konnte, hatte der plötzliche Tod ihrer Eltern unversorgt und nahrungslos gelassen. Lange hatten sie auf deren Rückkehr vergeblich gehofft, und die jüngeren hatten sich schon mit dem Gedanken des Hungertodes vertraut gemacht, als sich Midschidschiquona entschloß, die anderen, so gut er eben vermochte, mit Futter zu versehen. Eine Zeitlang ging dies auch recht nett, bis endlich auch er ausblieb.

Nun fühlten sich die anderen erst recht unglücklich, denn der Winter war vor der Tür, und ihre Flügel waren noch zu schwach, um sie in eine wärmere Gegend zu tragen. Doch faßten einige Mut und flogen aus, ihren verunglückten Bruder zu suchen.


Bald fanden sie ihn auch; er hatte sich im Kampf mit einem anderen Raubvogel den rechten Flügel gebrochen. »Brüder«, stöhnte er, »mir ist's schlecht ergangen; aber kümmert euch nicht weiter um mich, und laßt euch nicht durch mich abhalten, der rauhen Zeit zu entfliehen.«


»Nein, nein!« schrien sie alle. »Wir verlassen dich nicht, sondern bleiben hier, um deine Leiden zu teilen und für dich zu sorgen, wie du ehemals für uns sorgtest. Wenn dich der Winter tötet, mag er uns auch töten; doch solange du lebst, bleiben wir bei dir.«
Darauf trugen sie den Kranken in einen hohlen Baum, und drei blieben ständig zu seiner Pflege und Wartung um ihn herum, während die anderen zwei ausflogen und Futter suchten.


Midschidschiquona genas bald und gab seinen Brüdern allerlei erprobte Lehren hinsichtlich der Jagd, was diese befähigte, den ganzen Winter hindurch den Hunger fernzuhalten.
Der Frühling erschien, und die Jagd wurde ergiebiger; doch Pipidschiwisäns, der jüngste Falke, der gerade nicht der klügste und stärkste war, brachte nie etwas nach Hause, trotzdem er täglich am längsten weg war. Da fragte ihn einst Midschidschiquona nach der Ursache seines ständigen Unglücks.


»Es ist weder meine Schwachheit noch meine kleine Gestalt daran schuld«, erwiderte er, »denn ich töte stets so viele Enten und sonstige Vögel wie ein anderer; aber wenn ich mit ihnen heimfliegen will, so stürzt jedesmal eine mächtige Kokokoho (Eule) auf mich los und nimmt mir meine Beute wieder ab.«


Midschidschiquona flog daher am anderen Tag mit ihm und verbarg sich in der Nähe des Ufers. Pipidschiwisäns fing bald eine Ente, und gleich darauf erschien auch die große Eule, um sie ihm wieder abzunehmen. Schnell stürzte nun Midschidschiquona aus seinem Dickicht, packte sie mit seinen scharfen Krallen und trug sie nach Hause.


Der Kleine flog nebenher und versuchte ihr die Augen auszuhacken.


»Tu das nicht, Bruder«, sagte Midschidschiquona, »denn es ist Unrecht, einen hilflosen Feind zu verstümmeln und ihn zu lehren, gegen Schwächere grausam zu sein.«
Darauf ließ er die Eule wieder fliegen.


Die sechs Falken lebten noch lange Jahre beisammen, und die alten Mediziner, die diese Fabel erzählt haben, wollen ihren roten Landsleuten damit beweisen, daß Einigkeit und Bruderliebe jede Not des Lebens besiegen.

Knortz, Karl
 Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas

Donnerstag, 30. Mai 2013

Der Fuchs und die Vogeljungen auf dem Baum


In Benfeys Pantschatantra … wird eine Fabel angeführt, die man im Mittelalter in lateinischer, arabischer, hebräischer, spanischer und deutscher Sprache las. Sie steht in dem bei Johann Capua hinzugefügten letzten (17.) Kapitel und hat folgenden Inhalt:

Der Fuchs weiß eine Taube, die auf einem Baume sitzt, so in Schrecken zu setzen, daß sie ihm, um ihr Leben zu retten, ihre Jungen herabwirft. Als der Fuchs weg ist, kommt der Spatz zu ihr und sagt: sie hätte antworten sollen, er solle sein möglichstes tun, und wenn er auf den Baum klettere, so würde sie mit ihnen auf einen andern Baum fliegen. Als der Fuchs wiederkommt, gibt sie ihm diese Antwort. Der Fuchs erwidert: Ich will deine Jungen schonen, wenn du mir sagst, wer dir dies geraten. Sie sagt: Der Sperling. Darauf geht der Fuchs zu diesem und fragt ihn: Wenn der Wind dich trifft, wohin legst du dann deinen Kopf? Der Spatz antwortet: Unter die linke Seite. Darauf fragt der Fuchs: Wenn er dich vorn trifft, wohin dann? Der Sperling: An mein Hinterteil. Der Fuchs: Wenn er dich aber von allen Seiten trifft, wohin dann: Unter meine Flügel. Darauf fragt der Fuchs: Wieso er das könne? Er könne es nicht glauben; wenn er es aber könne, so habe er seinesgleichen noch nicht gesehen. Der Sperling mach te es ihm nun vor. Da packte ihn der Fuchs und sagt: »Du konntest der Taube raten, aber nicht dir selbst!« und frißt ihn auf.

Diese Fabel ist literarisch interessant, da sie Hans Sachs in einem Meisterlied (Götze Bd. 5, Nr. 630) bearbeitete und eine Parallele dazu im Reineke Fuchs steht, wo der Fuchs den Hahn beredet mit geschlossenen Augen zu singen und ihn so fangt; doch wird er hier später befreit.

Interessant ist auch die Volksüberlieferung, die eine Anzahl nahe verwandter Sagen kennt.

Dähnhardt: Natursagen

Donnerstag, 28. März 2013

Von Werwölfen (3)

Bildquelle: Wikipedia

Einst ritt ein armer aber furchtloser Bauernbursch durch den Wald. Hier und da heulten Wölfe. Aus Mutwillen ahmte er ihnen nach und heulte immer lauter und lauter. Aber sein Pferd war alt und kam nur langsam von der Stelle, während die Wölfe durch sein Heulen näher herangelockt wurden. Das ging ihm denn doch etwas über den Spaß. Da erblickte er auf einer kleinen Waldlichtung vor sich ein Feuer, sprang vom Pferde und ging auf dasselbe zu. Dort saß auf einem Scheiterhaufen ein ehrwürdiger, hoher Greis, von Wölfen umgeben. Diese wollten sich gierig auf den Ankömmling stürzen, aber ein Wink des Alten bannte sie an ihren Platz. »Warum narrst du meine Wölfe?« fragte der Alte. »Dieses Mal mag's dir noch hingehen, in Zukunft aber sieh dich vor! Binde jetzt dein Pferd dort an die Tanne, selbst aber leg dich zu mir ans Feuer. Es soll euch beiden kein Leid geschehen!«

Der Bauer that, wie ihm geheißen und schlief bald ein. Am andern Morgen waren der Greis und seine Wölfe verschwunden; an Stelle des Feuers aber lag da ein Haufen Gold und des Burschen altes, schwaches Pferd hatte sich in ein junges, starkes Roß verwandelt


Lettische Märchen
Nacherzählt von Victor von Andrejanoff
Leipzig, 1896

Mittwoch, 27. März 2013

Von Werwölfen (2)

Ein Bauer, welcher eben erst geheiratet hatte, schickte sein Weib aufs Feld hinaus. Als die junge Frau wiederkam, brachte sie ein totes Lamm mit. »Iß,« sagte sie zum Mann, »ich will indessen schlafen!« Das wiederholte sich mehrere Male, so daß der Bauer argwöhnisch wurde und ihr nachzugehen beschloß.

Gedacht, gethan. Als sie wieder einmal aufs Feld hinaus mußte, schlich er ihr vorsichtig nach und sah, daß sie unter die Kleete kroch. Von dort kam sie dann in Wolfsgestalt wieder heraus und eilte fort. Der Bauer entsetzte sich, schaute unter der Kleete nach, fand seiner Frau Kleider und verbarg dieselben.

Nach einiger Zeit kehrte die Wölfin, mit einem Lamm im Rachen, zurück und kroch wieder unter die Kleete. Aber ihre Kleider waren fort – und sie konnte nicht mehr Mensch werden. Heulend und winselnd verließ sie den Hof und verschwand für immer im nahen Walde.


Lettische Märchen
Nacherzählt von Victor von Andrejanoff
Leipzig, 1896

Dienstag, 26. März 2013

Von Werwölfen (1)

»The Werewolf Delusion« by Ian Woodward
18. Jh. (Quelle: Wikipedia)

Einst mähten Arbeiter Gras auf einer Wiese. Da sprach einer von ihnen: »Wenn ich doch jetzt ein Schäflein hätte! Mich gelüstet sehr nach solchem Braten.« Der andere lachte, er aber ging hinter einem Balkenhaufen fort und verschwand am Waldessaum. Als er nach längerer Zeit nicht wiedergekommen, gingen ihm die übrigen Arbeiter nach. Hinter jenem Balkenhaufen fanden sie seine Mütze und Kleider hart bei einem Baumstumpf, dessen Wurzel aus der Erde herausgewachsen war, so daß sie ein kleines Thor zu bilden schien. Nun ging dem ältesten der Arbeiter, dem sogenannten Vorarbeiter, ein Licht auf; er nahm einen starken Knüttel und verbarg sich hinter einer Tanne. Nach einiger Zeit kommt ein mächtiger Wolf gelaufen, der ein frisch getötetes Schaf im Rachen trägt. Zuerst steckt er das Schaf durch jenes Wurzelthor an der Erde hindurch und will dann selbst nachkriechen – aber – klatsch! – saust der Knüttel des Vorarbeiters gerade auf des Wolfes Schwanz nieder, so daß derselbe vom Körper fällt. Sofort verwandelt sich der Wolf wieder in jenen Arbeiter, wurde von den andern ergriffen und trotz wütender Gegenwehr mit Gewalt nach Hause gebracht. Der Wolfsschwanz war am andern Tage von jener Stelle verschwunden, der Arbeiter aber hat niemals wieder ein Schaf geraubt.

Lettische Märchen
Nacherzählt von Victor von Andrejanoff
Leipzig, 1896

Samstag, 23. März 2013

Das Girren der Taube


(Aus Ruokolaks)

Die Taube und das Huhn hatten beide ihr Nest; aber die Taube hatte zehn Eier und das Huhn nur zwei. Da fing das Huhn an, die Taube mit List zu einem Tauschhandel  zu überreden. Endlich ging denn auch diese auf den Vorschlag ein: sie gab dem Huhn ihre zehn Eier und erhielt dafür die zwei Hühnereier. Doch bald merkte die Taube, wie sehr sie durch die Arglist des Huhnes geschädigt worden war, und bereute den einfältigen Tausch. Noch heutigen Tages trauert und jammert sie darüber; denn sobald du ihre Stimme hörst, vernimmst du auch die Klagelaute:

Girr, girre! zehn meiner Eier

Gab ich Elende hin für des Huhnes zwei Eier!



Schreck, Emmy:
Finnische Märchen
Weimar, 1887,

Mittwoch, 20. März 2013

Warum das Elentier weiße Streifen unter dem Bauch hat

Es war einmal ein Mann, der konnte es nicht vertragen, zu arbeiten. Er spazierte nur zwecklos im Walde umher und schlief. Endlich mußte er Hunger leiden; er hatte nichts mehr zu beißen und zu brechen.

In dieser Lage kam zu ihm ein alter Mann und gab ihm den Rat: »Stell eine Falle auf und bet zu Gott, dann wirst du schon ein Tier fangen!«

Der Mann dachte: »Sieh mal an, wieviel Mühe das ist!« Da aber sein Hunger immer größer wurde, konnte er sich nicht anders helfen. Er tat, wie er belehrt war: stellte die Falle auf und legte sich schlafen.

Als er aufwachte, sah er: ein Elentier steckte in der Falle. Der Mann fiel sogleich über das Tier her und begann, ihm das Fell abzuziehn.

Er hatte das Fell schon aufgeschnitten, als der grauköpfige Mann wieder zu ihm kam und sprach: »Nun, hab ich dir nicht gesagt: wenn du eine Falle aufstellst, so wird dir Gott einen Fang geben?«

Der Mann entgegnete: »Wieso hat Gott ihn mir gegeben? Ich selber habe die Falle gemacht und aufgestellt!«

Diese Antwort ärgerte den grauköpfigen Mann. Er klopfte mit seinem Stock auf das Elentier: da sprang es auf und lief in den Wald.

Der Mann eilte mit ausgebreiteten Armen hinterdrein und schrie dabei: »Gott hat dich gegeben! Gott hat dich gegeben!« Das Elentier achtete aber nicht darauf, sondern lief seines Wegs und verschwand im Walde.

Der Mann dachte: »Jetzt muß ich aber dem alten Graukopf dafür tüchtig das Fell gerben!« Er blickte um sich: da war kein alter Graukopf mehr zu sehn. Nun erst begriff der Mann, daß es der liebe Gott selber gewesen war, der ihn gelehrt hatte, die Falle aufzustellen, und der jetzt das Elentier in den Wald fortgeklopft hatte.

Weil des Elentiers Fell am Bauch aufgeschnitten war, so wuchsen an dieser Stelle nachher weiße Haare. Deswegen hat das Elentier unter dem Bauch weiße Streifen.


August von Löwis of Menar
Finnische und estnische Volksmärchen
Jena, 1922

Dienstag, 12. März 2013

Von dem Menschen und dem Fuchs

Einst pflügte ein Mensch am Rand eines Waldes, im Gebüsch aber lag ein Bär. Der Bär rief »Mensch, Mensch, ich werde deine Ochsen zerreissen!« Da kam ein Fuchs zu dem Menschen gelaufen und sprach »Was gibst du mir? so will ich deine Ochsen retten.« »Ich will dir einen Sack voll Hühner bringen«, antwortete der Mensch. Der Fuchs wars zufrieden und lief in den Wald hinein.

Drauf kam er von einem andern Ende wieder herbeigelaufen und rief »Mensch, Mensch, hast du hier keine Bären, Rehe, Wölfe und Eber gesehn? Der Herr macht eben im Wald ein Treiben.« Der Mensch sagte »Nein«, und da sprach der Fuchs »Ei was liegt denn dorten im Strauch?« »Das ist ein gerodeter Baumstumpf«, antwortete der Mensch. Drauf der Fuchs »Wenn das ein gerodeter Baumstumpf wäre, so wären doch die Äste abgeschnitten!« Damit lief er wieder in den Wald, der Bär aber sprach »Mensch, hack mir die Füsse ab!«

Jetzt kommt der Fuchs zum zweiten Mal aus dem Wald gelaufen und spricht »Mensch, Mensch, hast du keine Bären, Rehe und Wölfe gesehn? Der Herr macht eben im Wald ein Treiben.« Der Mensch sagte »Nein«, und da sprach der Fuchs »Ei was liegt denn dorten im Strauch?« »Da liegt ein Stück Bauholz«, erwiderte der Mensch. »Wenn das«, sagte darauf der Fuchs, »ein Bauholz wäre, so wäre doch in das Ende eine Axt eingehauen!« Damit lief er wiederum in den Wald, der Bär aber rief »Mensch, hau mir die Axt in den Kopf!«

Abermals kam jetzt der Fuchs zum Menschen gelaufen und sprach »Du siehst, ich habe deine Ochsen vom Tod errettet, da bring mir also morgen die Hühner, die du mir versprochen hast.« Am andern Morgen steckte der Mensch zwei Hunde in einen Sack und trug sie hin. Der Fuchs aber kam heran und sagte »Lass nur die Hühner heraus, Mensch, ich werde sie mir schon fangen.« »So komm dicht heran«, sagte der Mensch, der Fuchs aber sprach »Lass sie nur los, ich werde sie schon packen.« Da schüttelte der Mensch seinen Sack aus, und wie die Hunde jetzt dem Fuchs nachsetzten, da lief der Fuchs stracks auf sein Loch los. Als er glücklich drin war, sprach er »Ihr Äuglein, ihr Äuglein, woran dachtet ihr mir unterwegs?« »Wir guckten geschwind, um nur den stracksten Weg ins Loch zu nehmen.« Und er fragte die Beine »Ei und ihr Beinchen, woran habt ihr mir gedacht?« »Ei wir liefen geschwind, um nur so flink als möglich ins Loch zu kommen.« Und wieder zum Schwanz sprach er »Ei und du Schwänzlein, was dachtest denn du?« Das Schwänzlein aber antwortete und sprach »Ei ich wedelte und pinselte nach allen Seiten, auf dass Braunchen und Scheckchen (die Hunde) dich hurtiger fingen.« Da steckte der Fuchs den Schwanz zum Loch hinaus und sagte »Zimzili bimbili, da hast du den Schwanz!« Und da bekamen die Hunde den Fuchs zu fassen und zerrissen ihn.


Leskien, August/Brugman, K.
Litauische Volkslieder und Märchen
Straßburg, 1882

Dienstag, 5. März 2013

Die Fliege und die Spinne


Estnisches Märchen

In alten Zeiten gab es auf Erden nur einen König; dem waren nicht nur die Menschen, sondern auch alle Tiere untertan. Damals hatte man noch kein Feuer und mußte nach Sonnenuntergang im Dunkeln weilen und frieren. Man wußte wohl, daß in den Tiefen der Hölle Feuer sei, aber niemand wagte es von dort zu holen. Da versprach der König, daß der, der ihm Feuer aus der Hölle schaffen würde, mit seinen Kindern und Kindeskindern für ewige Zeiten umsonst an allen Tischen sollte essen dürfen, und niemand dürfe es ihm wehren. Nun versuchten es viele, das Feuer zu erlangen, fanden aber alle dabei ihren Tod. Zuletzt ließ sich die Spinne an ihrem Faden hinab, und es gelang ihr, einen Brand zu entwenden und wieder die Oberwelt zu erreichen. Dort schlief sie ermüdet ein. Die Fliege aber, die durch den Geruch aufmerksam gemacht war, stahl der Schläferin das Feuer, brachte es dem König und erhielt urkundlich den verheißenen Lohn. Die Spinne suchte nach ihrem Erwachen umsonst das Feuer, niemand wollte ihr glauben, daß sie es aus der Hölle gebracht hatte, und auch der König wies sie ab, da sie ihre Behauptung nicht beweisen konnte. Zuletzt versammelte sie alle Spinnen und forderte sie, da mit ihr auch alle übrigen bestohlen und betrogen seien, zu gemeinsamer Rache an dem ganzen Fliegengeschlechte auf. Sie beschlossen Netze zu spinnen, alle Fliegen darin zu fangen und jeder, die sie erwischen würden, den Kopf abzubeißen. Das tun sie bis zum heutigen Tage, aber die Fliegen haben das Recht, an allen Herrentischen zu essen.



Oskar Dähnhardt
Naturgeschichtliche Märchen
Leipzig/Berlin, 1925

Sonntag, 3. März 2013

Der Köter auf dem Jahrmarkt


Polnischer Hund in Masuren

Heimlich lief auf den Markt ein Köter um Beute zu machen.
Aber das thörigte Thier, das nie auf dem Markte gewesen,
Meinte, daß man umsonst da heute die Waaren verkaufe,
Und man mit liebreichem Sinn so sämmtliche Hunde ernähre.
Also die Sache bedenkend voll Zuversicht lief er der Stadt zu,
Schlich sich sofort auch unter die Reihen der Krämer und Höker,
Gleichwie ein Gast, der ehrbar ward zum Schmause geladen.
Aber nun gebet nur Acht, wie wunderlich ihm es ergangen.
Kühn erdreistet‘ er sich in Kaufmanns Laden zu steigen,
Denn gar schmackhafte Speisen der Herren da meint‘ er zu finden.
Aber als also verwegen er stieg in die Bud‘ auf dem Markte,
Langte der Kaufmann so mit der Ell‘ ihm über den Rücken,
Daß laut heulend alsbald kopfüber er fiel von der Treppe.
Aber nicht weit von dem Platz saß auf dem Markte ein Schuster
Lederne Waaren nach seiner Gewohnheit bietend den Käufern.
Sieh da, heimlich erfaßte der Hund zwei tüchtige Stiefel,
Denn wo Leder, so meint er, da sei auch Fleisch wohl vorhanden.
Aber auch hier kreigt‘ er mit dem Knüttel so über den Nacken,
Daß er winselnd vor Schmerz hinsprang zur Bude des Bäckers.
Aber wie dort fuhr hier auch ein Holzscheit über das Kreuz ihm,
Daß er hinkend nur kaum von der Stelle vermochte zu gehen.
Aber auch diesmal hatt‘ er genug noch nicht von dem Schmause;
Thöricht erdreistet‘ er sich zu einem Besuch bei dem Fleischer,
Hoffend, daß dort Vielleicht doch ein Darmstück sei zu gewinnen.
So sich verspitzend leckt er sich schon das Maul, das bereite,
Und wie ein Dieb schleicht näher er sich, um die Beute zu fassen.
Aber der Fleischer, der dies sehr wohl von ferne bemerkte,
Hieb, als eben er sprang, ihm bis zur Wurzel den Schwanz ab.
Also gastlich bedacht heim kehrte vom Markte der Köter,
Noch des absonderen Mahls und des Jahrmarkts häufig gedenkend.

Ei Du geschlagener Dieb, gieb Acht, was die Fabel Dich lehret.
Auf dem Markte als Dieb galt, wie Du hörest, der Köter,
Und wie ein thörichter Geck mit Recht ward rings er gezüchtigt.
Aber wer trägt die Schuld? warum nimmt Anderer Hab‘ er?
Freilich der thörichte Hund, wie groß er oder wie klein sei,
Hat nicht Verstand, drum darfst Du ihm nicht anrechnen die Sünde.
Aber der gottlose Mensch, der Andern Schaden bereitet,
Solch ein Räuber, Betrüger, der wahrhaft reif für den Henker,
Solch ein mensch, sag‘ ich, bringt sich durch Sünd‘ an den Galgen.
Aber noch mehr kannst Du aus unserer Fabel entnehmen.
Thöricht wie irgend ein narr lief hier der Hund auf den Marktplatz,
Dreist und verstandlos griff er da zu mit offenem Maule,
Wähnend, daß allüberall für ihn schon Fressen bereit sei.
Ob wohl manch‘ ein Lotterer sich, der Menschenverstand hat,
Ob wohl, sag‘ ich, besser als hier der Hund er sich führet?
Vieles Gesindel ist da, das nicht sich nähret von Arbeit,
Daß umschleichend in Winkeln umher nimmt, was es nur findet.
Geh, Faulenzer, zur Arbeit geht und ernähre Dich redlich.
Und nur, was Du verdientest, das acht‘, als sei es das Deine.



Christian Donalitius
Littauische Dichtungen
nach den Königsberger Handschriften
mit metrischer Uebersetzung, kritischen Anmerkungen und genauem Glossar
herausgegeben von G. H. R. Nesselmann
Königsberg, 1869