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Donnerstag, 23. Mai 2013

Das Rhinozeros und die Gazelle

Das furchtbare Rhinozeros erlaubte manchmal einer lustigen Gazelle allerley Scherz und Schöckerey. Nur selten, wenn sie etwa zu grob neckte, fieng es an zu murren; aber - doch murrte der Behemot.

Die Gazelle faßte daraus kein Arges, und fuhrt täglich in ihrem Muthwillen fort. Da sprach das klügere Känguru: »Mich soll doch Wunder nehmen, ob unvorsichtiger Spaß nicht sehr ernstlich enden wird?«


Der Erfolg bestättigte diesen Argwohn: denn wenige Tage darauf fand man die Gazelle durchbohrt.


Karl Friedrich Kretschmann
aus: Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
8. Auflage, Leipzig, 1799

Dienstag, 1. Januar 2013

Neujahrs-Epistel

an
meinen Freund Weinhändler


Das alte Jahr ist nun entflohn,
Der alte Wein ist meist vertrunken;
In deinen leeren Fässern nisten schon
Die Spinnen und die Keller-unken:
Doch in den vollen braußt ein junger Most, der nicht
Den schlimmsten Elbler dir verspricht.

Er halte dir, was er versprach!
Von Schwefel rein, von Hausenblas‘ und Kreide,
Werd‘ er dein Lieblingsfaß, und nach und nach
Dein Ehrenwein, als deiner Kundschaft Freude!
Gott Bacchus schenk euch beyden manches Jahr,
Stets feurig und gesund, auch immer hell und klar!

Hier hast du nun ein Neujahr-Angebinde
Aus meinem Musenfaß.
Doch, wenn nun auch in dir, zum Gegenangebinde
ein christlich feiner Wunsch entstünde,
Und, Freund du wüßtest nicht gleich was? –
So zapf‘ ein Epigramm aus deinem Mutterfaß!


Karl Friedrich Kretschmans
sämtliche Werke
Sechster Band
Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799

Montag, 31. Dezember 2012

9. Die Nacht


»Es ist doch nicht so ganz wahr, was man behaupten will, daß die Nacht Niemands Freund sey; (sagten ihre Nachbarn, der Abend und der Morgen), wir haben oft bemerkt, daß eine Menge Menschen ihrer Ankunft mit Sehnsucht entgegensahn, ihre Auer, verlängert wünschten, und sie Freund nannten.«
»Wer denn? (antwortete der Mittag), Faullenzer vermuthlich, oder Liebesknechte doch, und – Diebe.«

Karl Friedrich Kretschmans
sämtliche Werke
Sechster Band
Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799

Samstag, 29. Dezember 2012

4. Die Eulen


Kränkt euch nicht, (sprach der Eulenvater zu seinen Kindern), daß die Nachtigall so gern gehört wird, das Rebhuhn so beliebt, der Adler wegen seiner Macht und seines Sonnenfluges so berühmt ist! Wir sind immer weiser, angesehener und glücklicher als sie alle: denn – keines von ihnen hat einen Bart wie wir.

Karl Friedrich Kretschmans
sämtliche Werke
Sechster Band

Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799

Mittwoch, 29. Juni 2011

Die Schwalbe und die Spinne


Die Schwalbe baute sich ein Nest
An einem hohen Balken vest;
Daselbst ward auch von einer Spinnen,
Die sich nicht weit davon befand,
Ein Netz gewebt und ausgespannt.
Um ihre Nahrung zu gewinnen.
Eh du, sprach sie, dein Nest erbaut,
Wollt‘ ich wohl dreissig Netze weben;
Wie viele Müh‘ mußt du dir geben,
Eh‘ man des Werkes Fortgang schaut!
Du holst dein Bauzeug erst von weiten,
und suchst es da und dort herfür;
Ich aber hab‘ es selbst bey mir,
Und kann es aus mir zubereiten;
Wie bin ich gegen dich beglückt!
Wie bald ist nicht mein Netz gestrickt!
Wie bald ist nicht mein Garn gewebet,
Das künstlich in den Lüften schwebet!

Ja! ja! rief jene, du hast recht
Die Arbeit wird mir schwer und sauer;
Allein ich bau‘ auch auf die Dauer,
Und nicht nur obenhin und schlecht;
Ich bin zwar langsam; du geschwinde,
doch siehst du, wie mein Werk besteht,
Da deins hingegen von dem Winde
Und anderm Zufall, leicht vergeht.

* * *

Ihr, die ihr alle Vierteljahre
Ein neues Buch ans Licht gebracht,
Und wegen eurer leichte Waare
Diejenigen aus Stolz verlacht,
Die nur auf dieser Meynung bleiben,
Zwar langsam, aber gut, zu schreiben:
Glaubt, euer Werk wird euch mehr Schmach,
Als Ehre, Ruhm und Vortheil, geben;
Ihr baut; doch lauter Spinnenweben;
Ihr schreibt geschwind; es ist darnach.

Fabeln von Karl Friedrich Kretschman
aus: Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799

Sonntag, 31. Oktober 2010

Der Reiher und die Rohrdommel


Um seinen Durst zu löschen, kam der Reiher an einen Teich, wo die Rohrdommel das klare Wasser aufgerührt und getrübt hatte.
»Thor!« (rief ihr der Reiher zu) »Warum rührst du den Schlamm auf, wenn du fischen willst?«
»Thor selber!« (versetzte die Rohrdommel) »Weißt du noch nicht, daß sichs im Trüben am besten fischt?«
Karl Friedrich Kretschman
aus: Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte,
Leipzig 1799