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Donnerstag, 7. Mai 2015

Die zerrissene Eidechse


Horch! mitten von einander riß die Eidechse,
Die sich der Schlang’ an Länge wollte gleich machen.

Babrios und die älteren jambendichter
Griechisch mit metrischer Uebersetzung und prüfenden und erklärenden Anmerkungen
von
Johann Adam Hartung
Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig, 1858

Donnerstag, 17. März 2011

Henne und Marder


121.

Die Henne war einst krank: der Marder kam, steckte
Den Kopf herein und frug: »Wie geht’s? Woran fehlt dir’s?
Ich will dir Alles geben: nur gesund werd’ mir!«
Sie sagte: »Geh’ nur fort! Dann muß ich nicht sterben.«

Johann Adam Hartung
aus: Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig, 1858

Dienstag, 2. März 2010

Maus und Topf

In einen deckellosen Topf hinein stürzte
Ein Mäuschen, und, im Fett erstickend, sprach’s sterbend:
»Ich hab’ gespeist, getrunken, bin von Wohlleben
Recht satt geworden: Zeit ist’s daß ich heimgehe.«

Babrios
Ü: Johann Adam Hartung

Montag, 11. Januar 2010

Die widerspenstige Ziege



Ein Hirte wollt’ die Ziegen in den Hof treiben,
Zur Stallung. Wie die kamen, andre ausblieben,
So traf er eine mit ‘nem Stein im Hohlschlunde
Von weitem, als sie widerspenstig Geisblätter
Abnagt’ und Mastir, daß das rechte Horn abbrach.
Da bat er stehend: »Liebes Zicklein, Dienstschwester,
Beim Pane, bitt’ ich, bei dem Hort der Waldschluchten,
Verrath’ mich, liebes Zicklein, nicht dem Gutsherren!
Der Stein hat’s Horn getroffen ohne mein Zielen.«
Die sprach: »Wie kann ich offenbare That leugnen?
Es schreit das Horn, auch wenn ich ewig stillschweige.«



Johann Adam Hartung
aus: Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig, 1858

Sonntag, 8. November 2009

Die Heroen sind eher bereit zu schaden …


In der volksthümlichen Anschauung war vielleicht der Heros längst ein gefährlicher Kobold während man ihn officiell noch von der feierlichen Seite nahm. Für die Wandelung in den Ansichten ist eine Fabel in der Sammlung des Babrios höchst lehrreich. Auf einem Bauerngut liegt ein Heroengrab; der Landmann bringt Opfer, Kränze und Weinspenden und betet zum Heros um reichliches Gutes; da erscheint ihm derselbe im Traum und spricht: nichts gutes gewährt dir ein Heros; um solches mußt du die Götter bitten; wir sind Spender alles Übels das die Menschen verfolgt; willst du Übles, dann bitte; auch wenn du nur um Ein Übles bittest, gewähre ich dir viele! - Unter den Sprichwörtern und Redeweisen der Alexandriner findet sich das folgende aufgezeichnet: um zu sagen: ich bin keiner von Denjenigen welche den Leuten nichts Gutes gönnen, sagte man: ich bin keiner von den Heroen, denn , fügte der Aufzeichner hinzu, die Heroen sind eher bereit zu schaden als zu nützen.

Jacob Burckhardt
Griechische Culturgeschichte
Band II

Mittwoch, 17. Juni 2009

Das kackende Kamel


Ein Wasser, welches reißend strömt, hindurch watet
Ein buckliges Kameel, und kackt, und sieht vornen
Vor sich den Unrath fließen. »Weh, mir geht’s übel!
Das Hint’re, sprach es, seh’ ich vornen hinkommen!«

Johann Adam Hartung
aus: Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig, 1858

Mittwoch, 29. April 2009

Delphine und Walfische


Delphine hatten Fehde mit den Walfischen:
Da wollt’ ein Krebs sich zum Vermittler aufwerfen.
Doch dem entgegnet einer von den Delphinen:
»Wir wollen doch noch lieber uns zu Grund’ richten
Einander, als dich haben hier zum Schiedsrichter.«

Babrios
Ü: Johann Adam Hartung
Leipzig, 1858

Dienstag, 17. März 2009

Über die Bedeutung des Babrios

Als mit der Freiheit und Unabhängigkeit zugleich das eigenthümliche Volksleben der griechischen Städte und Landschaften, und mit ihm die Zeugungskraft immer neuer Dicht- und Kunstarten untergegangen war unter der Herrschaft der Könige nach Alexander, that Theokrit einen glücklichen Griff in der Poesie des Stillebens, indem er aus der Komödie der Sicilier und den Mimen heraus das Idyll schuf, und damit gewann die Poesie, den damaligen Zuständen angemessen, eine neue Belebung, welche mehrere Jahrhunderte nachhalten konnte. Der zweite glückliche Griff zur Zeit der römischen Kaiserherrschaft war die Fabeldichtung des Babrios, eine Unterthanen-Poesie welche ihren Stoff aus dem von jeher despotisch beherrschten Orient durch eine Sclaven zugeführt erhalten hatte, und, eben weil sie so gut für die damalige Menschheit paßte, allgemein mit Liebe aufgenommen und mit Eifer gepflegt worden ist. Babrios ist der letzte volksthümliche Dichter des Alterthums, und die Fabeldichtung das letzte naturwüchsige Erzeugniß auf dem Boden der griechischen Welt …
Johann Adam Hartung
im Vorwort zu:
Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig 1858

Montag, 9. Februar 2009

Vorrede zum zweiten Buche

O Königs Alexanders Sohn, die Thierfabel
Ist alte Erfindung, die vom Syrervolk herrührt.
Aus jener Zeit wo Bel und Ninos dort herrschten.
Bei Griechenkindern hat zuerst Aesop solche
Erzählt, so sagt man: vom Kybisses her stammen
Die libyschen Fabeln., und zu neuer Versdichtung
Gestalt’ ich sie, und zäum’ in goldne Kinnketten
Den Fabeljambos, gleich ‘nem Roß in Kriegsrüstung.
Nachdem ich einmal aufgethan das Thor hatte,
Sind viele eingedrungen, welche gleich Räthseln
Fein ausgedachte Musen-Schöpfung aushecken,
Und außer Unverständniß nichts gelernt haben.
Doch ich erzähl’ in blanker Sprache aufrichtig,
Und will der Jamben Zähne gar nicht scharf wetzen,
Im Feuer prüfen, und den Stachel abbrechen,
Und so im zweiten Gang dir dieses Buch singen.

Babrios
Ü: Johann Adam Hartung
Leipzig 1858

Dienstag, 3. Februar 2009

Hund und Herr


Das Hündchen stand, indem der Herr wollt’ ausgehen.
Der sprach: »Was gaffst du? mache dich nur ganz fertig,
Mit mir zu geh’n.« Da hob der Hund den Schweif höher,
und sprach: »Ich bin schon fertig: aber du zögerst.«

Babrios
Ü: Johann Adam Hartung (1858)

Freitag, 30. Januar 2009

… und sich lediglich an den Verstand richtet

Also nicht die Tendenz zu lehren an sich, und auch nicht die beabsichtigte Einwirkung auf bestimmte im Leben eines Volkes oder Menschen vorgekommene Zustände macht, daß die Fabel weniger poetischen Werth hat als ein anderes Gedicht (denn welcher Dichter will nicht mit seinem Gedicht auch gewisse Lebensansichten oder Erkenntnisse veranschaulichen und welcher wird nicht durch vorkommende Ereignisse, welche ihn stärker berührten, zur Wahl eines Stoffes veranlaßt und bei dessen Bearbeitung gleitet?), sondern der Umstand, daß sie nichts mit den Empfindungen zu thun hat, keine Rührung, mithin auch keine Reinigung (Läuterung) irgend einer Leidenschaft, bewirken will, und sich lediglich an den Verstand richtet, macht die Fabel so wie auch die Parabel, zu einem prosaischen Gedichte.

Johann Adam Hartung
im Vorwort zu:
Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig 1858

Samstag, 3. Januar 2009

Der Bauer im Weingarten


Ein Bauer grub einmal in seinem Weingarten,
Verlor dabei die Hack’ und als er nachforschte,
Ob nicht der Dieb sei unter seinen Arbeitern,
So leugnet jeder, und er kann sich nicht helfen,
Führt alle hin zur Stand, und läßt sie dort schwören.
Denn auf dem Lande wohnen nur die einflält’gen
Gottheiten, glaubt man: innerhalb der Ringmauern
Sind die die Alles wissen und die Wahrhaften.
Doch als sie stehend hinterm Thor die Füß’ wuschen
An einem Quell und ihre bündel ablegten,
Da ruft ein Herold: “Tausend Drachmen dem, welcher
Den Räuber, der den Gott bestahl, uns anzeigtet!”
Und er, das hörend, spricht: Ich komm’ umsonst also:
Wie soll der Gott wohl kennen fremde Spitzbuben,
Der seine eigenen Diebe selbst nicht ausfindet,
Und um Belohnung Menschen sucht, die’s anzeigen?

Babrios
Übersetzung: Johann Adam Hartung
Leipzig 1858