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Dienstag, 24. April 2012

Geprüfte


Reben von hohen Bäumen gehoben,
prächtig von Kränzen und Früchten umwogen,
wurden nicht müde, sich selber zu loben
vor den hart an die Erde gebannten,
kleinen, bescheidenen Anverwandten.

Diese dagegen haben gelächelt:
„Prangt nur dort oben von Kühlung umfächelt,
während wir in den langen Tagen
an dem Gesteine die Gluten ertragen.
Unsere Früchte sind rum die mildern,
schön zwar die euern, aber die wildern.“

Abraham Emanuel Fröhlich
Aarau, 1829

Dienstag, 27. Dezember 2011

Einträglichstes

»Was trägt dein Singen ein?«
bemerkt die reiche Maus
vor ihrem vollen Haus
dem muntern Vögelein.

»Das«, sagt’s, »hab ich davon:
was Blumen von dem Glanz,
was Well’ und Wind vom Tanz:
die Freude ist mein Lohn
und Frohsinn, aller Güter Kron!«

Abraham Emanuel Fröhlich

Freitag, 25. November 2011

Frömmler


Irrwische hielten ihr nächtliches Stündchen
auf der Haide, und ohne ein Sündchen
tanzten sie betend wol auf und ab,
priesen auch: daß in so finstern Zeiten
Demut allein die Erleuchtung hab’,
richtigen Pfad die Welt zu leiten.

Aber die Sterne sangen herab:
„Wer, verirrt in erdunkelten Thalen,
aufschaut zu den himmlischen Strahlen,
die da brennen in ewiger Ruh,
diesen führen wir aus den Qualen
einem erfrischenden Morgen zu!
Aber in Nacht bleibt Jeder versunken,
welcher gefolgt, wo jene gewunken!“

Abraham Emanuel Fröhlich

Dienstag, 25. Oktober 2011

Sumpfreigen


»Herrscher im Fröscheteich,
Kröten- und Molchen-Reich,
o König Storch!
Wir dick- und dünner Art,
groß und fett, jung und zart,
die du bisher bewahrt,
preisen dich, horch!

Dein Haus, wie edel ragt’s,
dein gelber Schnabel sagt’s,
dein dünnes Bein;
dein silbern Staatsgewand,
dein schwarzes Ordensband,
dein hoher Gang und Stand:
welch hehrer Schein!

Wer von uns kommt dir gleich?
jeder auch noch so reich
ist dir ein Spott.
Wann hoch im Flug du schwirrst,
oder wann du regierst,
und an dem Teich spazierst,
bist du ein Gott!

Wer hat ein Herrscherrecht,
wenn nicht dein alt Geschlecht,
o Teiches Ruhm?
Du nur versorgst uns gut,
wir zollen deiner Hut,
und sind mit Gut und Blut
dein Eigenthum!«
Abraham Emanuel Fröhlich

Samstag, 11. September 2010

Lebensworte


Zu dem vollen Rosenbaume
sprach der nahe Leichenstein:
»Ist es recht, in meinem Raume
groß zu thun, und zu verhüllen
meiner Sprüche goldnen Schein,
die allein mit Trost erfüllen?«

»Auch aus Grüften, sagt die Blüthe,
ruft mich Gottes Macht und Güte,
heller noch denn todte Schriften
sein Gedächtniß hier zu stiften.
Und ich blühe tröstend fort,
ein lebendig Gotteswort!«

Abraham Emanuel Fröhlich

Freitag, 30. April 2010

Erste Gedanken


Die Blumenstauden sagen:
»Du, Veilchen, bist verblüht,
wann Kränze hocherglüht
wir alle wieder tragen.«

»Dennoch bin ich zufrieden,
spricht es, da mir beschieden,
zu künden euer Glück.
Man sucht mich in dem Mose,
als wär’ ich selbst die Rose,
und denkt noch spät an mich zurück!«

Abraham Emanuel Fröhlich

Samstag, 21. November 2009

Neuer Tag



Die liebe Sonne both
dem Wölklein rosenroth
zum Abschied noch die Hand.
Und von dem Bergesrand
schaut es erbleichend nach.
Sie tröstet es, und spricht:
»Mein Kind, verzage nicht!
Dich küß’ ich wieder wach.«

Und weinend klagt das Kind:
»Es wollen Nacht und Wind
verwehn mich alsobald
von diesem Fluß und Wald!«

»Und ob sie dich verwehn,
sagt ihm die Sonne drauf,
du sollst mich wiedersehn.
So weit du auch gereist,
ob jenseits du auch seist;
ich geh’ dir dennoch auf.«

Abraham Emmanuel Fröhlich

Samstag, 12. September 2009

Langleben


Vor dem Tagenlang
klang des finken Sang;
und die Jungen riefen:
»Süßer wär’s, wir schliefen!«

»Nein«, sagt er, »das Träumen
ist nur ein Versäumen;
heiß wird der Mittag,
lang des Winters Plag;
bald schon welkt’s in Bäumen.
Macht die enge Zeit
euch durch Freuden weit!«

Abraham Emanuel Fröhlich

Montag, 29. Juni 2009

Erziehung


Kirschen blühen wieder,

Dornen selbst daneben,
und auf nackte Reben
sehn sie höhnend nieder.

Nun die Armen weinen,
ruft die Sonn: »Ihr Kleinen,
sollt mir nicht verzagen!
Wer noch späten Tagen
Segen will ertheilen,
darf nichts übereilen.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Mittwoch, 6. Mai 2009

Kunst und Gunst

Zur Ulme fleht die Rebe:
»Reich mir die Hand, und hebe
mich auf zu Luft und Licht.
Was ich empor auch strebe:
Gedörn, so mich umflicht,
läßt mich gedeihen nicht.
Du bist so groß und mächtig;
ich mache dich noch prächtig:
ich will dein Haus umschlingen
rundum mit einem Kranz,
hinein dir Düfte bringen
und goldner Früchte Glanz.«

Die Ulme war gewogen,
hat sie empor gezogen,
und prangt vor andern weit.

Darnach als Sturm und Zeit
den Baum daniederbogen,
ward ihm die Reb’ ein Stab,
der lang noch Haltung gab.


Abraham Emanuel Fröhlich

Freitag, 27. Februar 2009

Teufelglauben

In Reben umflattert ein Lumpen den Dorn
als schwarzer Teufel mit Schwanz und mit Horn,
und Füchse predigen überall:
die Diebe hole der Teufel all.
Das glauben die Vögel geraume Zeit,
und halten sich von den Trauben weit;
die Füchs’ aber stehlen ungescheut.
Da keinen der Schwarze beim Fell ergreift,
naht auch das lustige Volk und verpfeift,
was es einfältig so fest geglaubt.
Sie sitzen dem Teufel sogar aufs Haupt
und schnabelieren, was sie geraubt.

Abraham Emanuel Fröhlich

Samstag, 31. Januar 2009

Hang und Zwang


In Nacht und Schacht beisammenlag
der Diamant und Kieselstein;
und auf des Bergmanns Hammerschlag
gab auch der Kiesel Funkenschein.
Da sprach er zu dem Diamant:
»Auch mir ist Farbenglanz und Tag;
ich bin dir gleich, nicht nur verwandt.«

Der aber sagt: »Nur in der Noth
wird dir ein Fünklein blasses Roth.
Stets brennt des Edelsteines Pracht
Im Sonnenlicht und in der Nacht.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Sonntag, 21. Dezember 2008

Häutungen

»Muß es dir denn nicht verleiden,
spricht die Taube zu der Schlange,
jährlich anders dich zu kleiden?
Welche Farb’ auch an dir prange,
ob die grüne oder gelbe,
immer bleibst du doch dieselbe!«

Schlange sagt: »du närrisch Kind,
weißt drum nicht, was Moden sind.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Samstag, 13. Dezember 2008

Fluß und Straße


»Gradaus, gradaus immerfort!
ruft dem Fluß die Straße zu;
schnell geht’s so durch tausend Ort’
und zum Ziel fast wie im Nu!«

»Langsam nur, und quer und rund,
wandl’ ich, ist des Flusses Wort;
kurz ist meine Lebensstund,
und ich möcht’ die Welt beschau’n.
Staub erjagst im Staub du dir;
mich begrüßen frisch die Au’n,
und der Himmel zieht mit mir.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Dienstag, 2. Dezember 2008

Die Nützlichen


»Unkraut seid ihr, sprachen Aehren
zu der Korn- und Feuer-Blume;
und ihr dürfet euch, vermessen,
selbst von unserm Boden nähren?«

»Wir sind freilich nicht zum essen,
wenn das einzig hilft zu Ruhme,
sagten diese Wohlgemuthen;
aber wir erblühn hieneben,
euer Einerlei, ihr Guten,
mannigfarbig zu beleben.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Sonntag, 19. Oktober 2008

Abraham Emanuel Fröhlich

Bildquelle: Wikipedia

wurde am 1.2.1796 in Brugg (Schweiz) als Sohn eines Lehrers geboren. Er besuchte die städtischen Schulen und studierte seit 1811 in Zürich Theologie. Anfang 1817 wurde er ordiniert und erhielt anschließend die Stelle eines Lehrers an der heimatlichen Lateinschule. 1820 heiratete er seine Jugendfreundin Elisabeth Frei.

Fröhlich war auch an den Künsten, insbesondere der Musik, interessiert. Da er zur Satire neigt und weltoffen war, schuf er sich nicht nur Freunde. Er scheiterte deshalb 1823 bei der Bewerbung um die Pfarrstelle in Brugg. Dies regte ihn an, Fabeln zu schreiben, die zunächst unter dem Namen Demokrit Schmerzenreich in der Zeitschrift »Europäische Blätter« erschienen. 1825 gab es dann eine Buchausgabe mit dem Titel Hundert neue Fabeln unter seinem richtigen Namen. Die zweite Ausgabe musste bereits im Jahre 1829 neu aufgelegt werden. Im Herbst 1827 nahm Fröhlich eine Stelle als Professor der deutschen Sprache an der Kantonsschule in Aarau an, an der er auch von 1832 bis 1833 Rektor war. Er betätigte sich außerdem zwischen 1831 und 1835 als Redakteur der »Neuen Aargauer Zeitung«. Bei der Neuwahl der Kantonsschullehrer wurde er übergangen genauso wie bei der Besetzung der Pfarrstelle von Kirchberg. Der Gemeinderat von Aarau jedoch wählte ihn zum Rektor der Bezirksschule.

Gemeinsam mit seinem Bruder Theodor erarbeitete er ein Gesangbuch (Auserlesene Psalmen und geistliche Lieder für die evangelisch-reformirte Kirche des Cantons Aargau), das er jedoch alleine fertig stellen musste, da der Bruder 1836 Selbstmord in der Aare beging. Das vollendete Werk erschien 1844 und brachte Fröhlich die philosophische Doktorwürde der Basler Universität ein. Fröhlich veröffentlichte mehrere satirische Gedichte (u.a. Der junge Deutsch-Michel, 1843) und zwei Sammlungen Trostlieder (1851 und 1864), die in Folge des Todes der Ehefrau und der Tochter entstanden. Auch epische Gedichte (Ulrich Zwingli, Ulrich von Hutten, Johannes Calvin) sowie Novellen und Erzählungen legte er vor. Als bedeutendste Leistungen werden aber seine Fabeln angesehen. Nach einem Schlaganfall im Sommer 1865 starb er am 1.12. des gleichen Jahres.

Horst-Dieter Radke

Samstag, 18. Oktober 2008

Himmelsschüssler


Bei seines Waldes Leuten
den Glauben zu verbreiten,
der einzig selig macht,
sang Uhu seinem Chor,
durchwachend manche Nacht,
die Trauerpsalmen vor.

Allein beim besten Willen
war ihres Uhus Lahr
den Vögeln allzu schwer.
Sie duldeten im Stillen
und ließen ihren Sang
den ganzen Winterlang.

Doch wie das neue Licht
in junge Waldung bricht,
wird von den tausend Zungen
auch tausendfach gesungen:
»Wie sich die Baumgestalten
zu Einem Kranz entfalten,
soll auch in allen Weisen
Gesang den Höchsten preisen!«

Abraham Emanuel Fröhlich

Dienstag, 14. Oktober 2008

Kernsprüche


Kürbisstauden eine
sagt zur hohen Eiche:
»Du Gepriesne, Reiche,
hast doch gar gemeine
Frücht’ und winzig kleine,
Schau dagegen meine
Aepfel, wie sie quollen,
Wunder von Gewichte!«

»Aber schnell zu Nichte
sind die wasservollen,
spricht die Eich’; aus meinen
Kernen, den so kleinen,
wird in späten Zeiten
sich ein Wald verbreiten!«
Abraham Emanuel Fröhlich

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Wiederfinden


»O du lieblicher Geselle,
sprachen Blumen zu der Welle,
eile doch nicht von der Stelle!«

Aber jene sagt dawider:
»Ich muß in die Lande nieder,
weithin auf des Stromes Pfaden,
mich im Meere jung zu baden.
Aber dann will ich vom Blauen
wieder auf euch niederthauen.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Sonntag, 5. Oktober 2008

Die Fabel

Ich durchwandelte die Gassen,
ihre Weisheit zu erfassen;
aber bald hab' ich's gelassen.
Was mir etwa noch, im Toben
überschrieen und umstoben,
alte Stein' und Bilder loben:
davon tönt's im weiten Kreise
laut und leise, klarer Weise,
tausendfach in einem Preise.
Sonnen, Monde, Wolken, Lüfte,
Frühlingshügel, Todesgrüfte,
Wald und Strom und Blum und Düfte
und der Thiere bunte Schaaren:
Alles hör' ich offenbaren,
und Uraltes neu erwahren.
Und was noch so golden gleißet,
in den Gassen »Göttlich!« heißet,
alles mächtig mit sich reißet:
Derlei Vieles hör' ich richten
und verspotten und zernichten
ernst und leicht in Thiergeschichten.
*
Was ich also mir erschauete,
meinem Freunde sei's vertrauet,
der sich mit mir auferbauet:
einsam durch die Au'n zu gehen:
ihre Bilder zu verstehen,
und sich selber drin zu sehen.

Abraham Emanuel Fröhlich