Freitag, 19. August 2011
O dieses ist das Tier, das es nicht giebt …
Mittwoch, 15. Juli 2009
Im Kirchhof zu Ragaz Niedergeschriebenes

Falter, über die Kirchhof-Mauer
Herübergeworfen vom Wind,
trinkend aus den Blumen der Trauer,
die vielleicht unerschöpflicher sind ...
Falter, der das geopferte Blühen,
das nachdenklicher geschieht,
in das unbedingte Bemühen
aller Gärten einbezieht.
Montag, 25. Mai 2009
La Dame à la licorne

In seinem Buch »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« beschäftigt sich Rilke auch mit dem sechsteiligen Wandbehang »Die Dame mit dem Einhorn« (La Dame à la licorne). Diese Sonderausgabe in der Insel-Bücher mit der Nr. 1001 enthält die Reflektionen Rilkes zu den Wandteppichen und stellt diesen die Teppiche ganz oder in Ausschnitten gegenüber. Ein Nachwort von Egon Olesssak geht nicht nur auf Rilkes Deutung ein, sondern beschreibt auch in einer kurzen Zusammenfassung die Herkunft des Einhorns, die Entstehung der Teppiche, soweit bekannt und deren Geschichte bis zur heutigen Unterbringung im Musée de Cluny in Paris.
Ein nettes kleines Büchlein, das man schnell an einem Abend gelesen hat, mit dem man sich aber dank der hervorragenden Abbildungen öfters und länger beschäftigen kann.
Dienstag, 19. Mai 2009
Das Einhorn
Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet
fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte:
denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,
das weiße Tier, das wie eine geraubte
hülflose Hindin mit den Augen fleht.
Der Beine elfenbeinernes Gestell
bewegte sich in leichten Gleichgewichten,
ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell,
und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,
stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,
und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.
Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum
war leicht gerafft, so daß ein wenig Weiß
(weißer als alles) von den Zähnen glänzte;
die Nüstern nahmen auf und lechzten leis.
Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,
warfen sich Bilder in den Raum
und schlossen einen blauen Sagenkreis.
Montag, 11. Mai 2009
Mariae Verkündigung
Nicht daß ein Engel eintrat (das erkenn),
erschreckte sie. Sowenig andre, wenn
ein Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht
in ihrem Zimmer sich zu schaffen macht,
auffahren –, pflegte sie an der Gestalt,
in der ein Engel ging, sich zu entrüsten;
sie ahnte kaum, daß dieser Aufenthalt
mühsam für Engel ist. (O wenn wir wüßten,
wie rein sie war. Hat eine Hirschkuh nicht,
die, liegend, einmal sie im Wald eräugte,
sich so in sie versehn, daß sich in ihr,
ganz ohne Paarigen, das Einhorn zeugte,
das Tier aus Licht, das reine Tier -,)
Nicht, daß er eintrat, aber daß er dicht,
der Engel, eines Jünglings Angesicht
so zu ihr neigte; daß sein Blick und der,
mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen
als wäre draußen plötzlich alles leer
und, was Millionen schauten, trieben, trugen,
hineingedrängt in sie: nur sie und er;
Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide
sonst nirgends als an dieser Stelle – : sieh,
dieses erschreckt. Und sie erschraken beide.
Dann sang der Engel seine Melodie.
Rainer Maria Rilke


