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Sonntag, 26. November 2017
Sagen und Legenden des Mittelalters
Bücher mit alten Sagen gibt es zu Hauf, meist kommentarlos zusammengestellt, manchmal mit einem erläuternden Vor- oder Nachwort. Dieses Sagenbuch ist anders. Die Sagen sind thematisch geordnet (Heldensagen - König Artus und Gralssagen - Sagen um Karl den Großen - Königs- und Kaisersagen - Rheinsagen - Burgensagen - Legenden), jede Gruppe wird eingeführt, jede einzelne Sage darüber hinaus noch durch Erläuterungen zu den Hintergründen kommentiert. Das Buch ist mit alten Abbildungen (s/w) illustriert und wird durch Farbtafeln auf Kunstdruckpapier ergänzt. All dies zu einem unschlagbaren Preis. Nicht nur als Geschenk geeignet, sondern auch zum selberlesen.
Montag, 13. November 2017
Die Wunderharfe
Auf zwei hohen Bergen lebten einst in grauer Vorzeit zwei Eremiten (Yathay), die das Abkommen getroffen hatten, sich Lichter zu zeigen, um sich gegenseitig Kunde von ihrem Leben zu geben. Eines Nachts konnte der eine Eremit kein Licht auf dem andern Berge bemerken, und er schloß daraus, daß sein Freund das Zeitliche gesegnet habe und in den Stand der Dämonen (Nats) übergegangen sei. Bald darauf erhielt er auch einen Besuch von dessen Gespenst, und da er sich über die wilden Elephanten beklagte, welche ihn vielfach belästigten, eine Harfe zum Geschenk, durch deren Spielen er je nach der Melodie die Elephanten herbeiziehen oder vertreiben könne.
Eines Tages hörte er in der Wildniß das Gejammer eines Kindes, und als er darauf zuging, fand er, trostlos auf einem Baume sitzend, eine Königin mit einem Säugling im Arme. Sich im Hofe ihres Palastes sonnend, war sie durch den herbeischwirrenden Riesenvogel aufgepackt und aus dem Kreise ihrer jammernden Ehrendamen fortgeführt worden, um ihm in seinem Neste zur Speise zu dienen.
Der Eremit verbarg sie in seiner Einsiedelei und vermählte sich mit ihr; den königlichen Sohn, Oudinath, adoptirte er, mit der Wunderharfe ihn beschenkend. Einst im Dunkel der Nacht sah der Eremit einen der glänzendsten Sterne am Himmel sich plötzlich verdüstern und erkannte daraus, daß der große König, der Oudinath seinen Ursprung gegeben, sein Leben geendet habe, und der Sohn, davon hörend, beschließt in sein väterliches Reich zurückzukehren. Auf hohem Elephanten thronend, begleitet von den sämmtlichen Elephanten des Waldes, langt er vor den Thoren der Hauptstadt an, die er verschlossen findet, und das ganze Volk in Trauer, da dem Lande ein Herrscher fehlt. Durch die Wahrzeichen eines Ringes und Gürtels, welche seine Mutter ihm mitgegeben, wurde er als der Erbprinz erkannt und von den Edelleuten auf den Thron gehoben.
Zu jener Zeit erfüllte die Tochter eines Pana (Brahmanen) mit dem Rufe ihrer Schönheit die Reiche der Erde, und aus allen Gegenden strömten Bewerber um ihre Hand herbei, aber Niemand fand Gnade vor ihren Augen. Der Vater begegnete einst Myatzoa-Phaya (Buddha), und überwältigt von dem göttlichen Glanz seiner Herrlichkeit, dachte er in ihm einen passenden Schwiegersohn zu finden. Er bat ihn, in einem Hause zu warten, da er seine Tochter herbeibringen wollte, aber als er zurückkam, war sein Gast fortgegangen und hatte nur den Abdruck seines Fußes zurückgelassen. Die in der Kenntniß der Beden (Vedas) wohl unterrichtete Tochter erkannte aus den Figuren, daß es die Fußsohle des Gottes sei, und wurde von unbezwinglicher Sehnsucht ergriffen, sich ihm zu vermählen. Seinen Spuren nachgehend, holte sie Myatzoa-Phaya ein, dieser aber wies ihre Liebe zurück, da er auf dem Wege nach Baranasi (Benares) war, um dort den Thron zu besteigen, und Überfluß an Frauen ihn schon erwartete. Die verschmähte Schöne traf im Walde mit Oudinath zusammen, und jetzt weniger wählerisch geworden, erlaubte sie ihm, sie als seine Königin sich zur Seite zu setzen.
Nun geschah es, daß ein benachbarter König, der Oudinaths Zauberinstrument zu besitzen suchte, auf eine List sann, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Er läßt die große Figur eines weißen Elephanten aus Holz verfertigen und mit Soldaten gefüllt in den Wald stellen. Als Jäger an Oudinath berichten, ein Thier höchster Vollkommenheit gesehen zu haben, zieht dieser aus, um dasselbe zu fangen. Aber zum ersten Male versagen die Töne der Harfe ihren Dienst. Statt zu folgen entfernt sich der Elephant, und Oudinath, überrascht und verwundert, verfolgt ihn so eifrig auf seinem Pferde, daß er bald von seinem Jagdgefolge getrennt ist. An einer versteckten Stelle des Waldes springen die Soldaten aus dem Bauche des Elephanten hervor und führen Oudinath als Gefangenen zum König. Dieser verlangt die Mittheilung seiner magischen Geheimnisse, kann aber die hartnäckige Verschwiegenheit Oudinaths nicht besiegen, da selbst Todesandrohungen fruchtlos, blieben. Zuletzt erbietet er sich, als Bedingung der Freiheit, ein Sklavenmädchen darin zu unterrichten; der König aber substituirt seine eigene Tochter, die er hinter einen Vorhang stellt und ihr sagt, daß sie von einem weisen Manne unterrichtet werden würde, der aber körperlich ein abschreckendes Scheusal und aussätzig sei. Als während des Unterrichtes Oudinath sie ausschilt, weil sie nicht rascher begreife, schmäht sie auf ihn als einen Aussätzigen zurück. In der Lebhaftigkeit des Zankes wird der Vorhang beiseite geschoben, Beide erblicken sich und verlieben sich sterblich in einander aus Wahlverwandtschaft, da sie schon in einer frühern Existenz Gatte und Gattin gewesen. Sie entwerfen einen Plan und theilen dem Könige mit, daß zur Ausführung der Zauberceremonien Blätter eines fremden Baumes nöthig seien. Darnach ausgeschickt, entläuft die Prinzessin, welche die Wachen des Gefangenen fortgesendet hat, mit ihm nach seinem Reich, und sie wurde ihm als die erste Königin vermählt. Die dadurch eifersüchtige Brahmanin benützt eine Abwesenheit des Königs, um eine zwischen Blumen versteckte Schlange auf den Thron zu stellen und die Königin des Verraths zu beschuldigen. Die Minister, welche die hervorzüngelnde Schlange sehen, erkennen sie für schuldig, und die Brahmanin, der sie zur Hut übergeben ist, verbrennt sie in einem durch Teppiche verhängten Hofe des Palastes.
Als der König bei seiner Rückkehr davon hörte und den Zusammenhang der Sache erfuhr, gerieth er in den größten Zorn. Er läßt das ganze Geschlecht der Pona herbeiholen, sie auf einem Felde eingraben und dann ihre Köpfe abpflügen. Für die Ponatochter selbst aber wird die grausamste Strafe ausgesonnen. In dem obersten Gemache des Palastes eingeschlossen, wird ihr jeden Tag ein kleines Stück ihres Fleisches abgeschnitten, vor ihren Augen in ein Ragout gemischt und ihr zum Essen eingezwängt, um die Pein zu verlängern; aber während dieser ganzen Zeit betet die Ponatochter täglich zu Myatzoa-Phaya, den sie durch ein kleines Loch aus dem Dache ihres Gefängnisses über sich am Firmament umherwandeln sieht. Daß die Ponatochter, obwohl sie so eifrig Myatzoa-Phaya verehrte, diese schmerzliche Strafe ausdulden mußte, war die Folge einer in früherer Existenz begangenen Sünde. Als sie einst aus dem Bade hervorkam, und der Tag etwas kühl war, machte sie sich Feuer an im Walde. Durch die zurückgebliebenen Kohlen entstand nach ihrem Fortgehen ein Waldbrand, und ein heiliger Rochanda, der, in Meditation versunken, im Walde saß, wäre fast verbrannt, wenn er nicht, durch die Fähigkeit zu fliegen, in die Höhe gestiegen und entkommen wäre.Di
Eines Tages hörte er in der Wildniß das Gejammer eines Kindes, und als er darauf zuging, fand er, trostlos auf einem Baume sitzend, eine Königin mit einem Säugling im Arme. Sich im Hofe ihres Palastes sonnend, war sie durch den herbeischwirrenden Riesenvogel aufgepackt und aus dem Kreise ihrer jammernden Ehrendamen fortgeführt worden, um ihm in seinem Neste zur Speise zu dienen.
Der Eremit verbarg sie in seiner Einsiedelei und vermählte sich mit ihr; den königlichen Sohn, Oudinath, adoptirte er, mit der Wunderharfe ihn beschenkend. Einst im Dunkel der Nacht sah der Eremit einen der glänzendsten Sterne am Himmel sich plötzlich verdüstern und erkannte daraus, daß der große König, der Oudinath seinen Ursprung gegeben, sein Leben geendet habe, und der Sohn, davon hörend, beschließt in sein väterliches Reich zurückzukehren. Auf hohem Elephanten thronend, begleitet von den sämmtlichen Elephanten des Waldes, langt er vor den Thoren der Hauptstadt an, die er verschlossen findet, und das ganze Volk in Trauer, da dem Lande ein Herrscher fehlt. Durch die Wahrzeichen eines Ringes und Gürtels, welche seine Mutter ihm mitgegeben, wurde er als der Erbprinz erkannt und von den Edelleuten auf den Thron gehoben.
Zu jener Zeit erfüllte die Tochter eines Pana (Brahmanen) mit dem Rufe ihrer Schönheit die Reiche der Erde, und aus allen Gegenden strömten Bewerber um ihre Hand herbei, aber Niemand fand Gnade vor ihren Augen. Der Vater begegnete einst Myatzoa-Phaya (Buddha), und überwältigt von dem göttlichen Glanz seiner Herrlichkeit, dachte er in ihm einen passenden Schwiegersohn zu finden. Er bat ihn, in einem Hause zu warten, da er seine Tochter herbeibringen wollte, aber als er zurückkam, war sein Gast fortgegangen und hatte nur den Abdruck seines Fußes zurückgelassen. Die in der Kenntniß der Beden (Vedas) wohl unterrichtete Tochter erkannte aus den Figuren, daß es die Fußsohle des Gottes sei, und wurde von unbezwinglicher Sehnsucht ergriffen, sich ihm zu vermählen. Seinen Spuren nachgehend, holte sie Myatzoa-Phaya ein, dieser aber wies ihre Liebe zurück, da er auf dem Wege nach Baranasi (Benares) war, um dort den Thron zu besteigen, und Überfluß an Frauen ihn schon erwartete. Die verschmähte Schöne traf im Walde mit Oudinath zusammen, und jetzt weniger wählerisch geworden, erlaubte sie ihm, sie als seine Königin sich zur Seite zu setzen.
Nun geschah es, daß ein benachbarter König, der Oudinaths Zauberinstrument zu besitzen suchte, auf eine List sann, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Er läßt die große Figur eines weißen Elephanten aus Holz verfertigen und mit Soldaten gefüllt in den Wald stellen. Als Jäger an Oudinath berichten, ein Thier höchster Vollkommenheit gesehen zu haben, zieht dieser aus, um dasselbe zu fangen. Aber zum ersten Male versagen die Töne der Harfe ihren Dienst. Statt zu folgen entfernt sich der Elephant, und Oudinath, überrascht und verwundert, verfolgt ihn so eifrig auf seinem Pferde, daß er bald von seinem Jagdgefolge getrennt ist. An einer versteckten Stelle des Waldes springen die Soldaten aus dem Bauche des Elephanten hervor und führen Oudinath als Gefangenen zum König. Dieser verlangt die Mittheilung seiner magischen Geheimnisse, kann aber die hartnäckige Verschwiegenheit Oudinaths nicht besiegen, da selbst Todesandrohungen fruchtlos, blieben. Zuletzt erbietet er sich, als Bedingung der Freiheit, ein Sklavenmädchen darin zu unterrichten; der König aber substituirt seine eigene Tochter, die er hinter einen Vorhang stellt und ihr sagt, daß sie von einem weisen Manne unterrichtet werden würde, der aber körperlich ein abschreckendes Scheusal und aussätzig sei. Als während des Unterrichtes Oudinath sie ausschilt, weil sie nicht rascher begreife, schmäht sie auf ihn als einen Aussätzigen zurück. In der Lebhaftigkeit des Zankes wird der Vorhang beiseite geschoben, Beide erblicken sich und verlieben sich sterblich in einander aus Wahlverwandtschaft, da sie schon in einer frühern Existenz Gatte und Gattin gewesen. Sie entwerfen einen Plan und theilen dem Könige mit, daß zur Ausführung der Zauberceremonien Blätter eines fremden Baumes nöthig seien. Darnach ausgeschickt, entläuft die Prinzessin, welche die Wachen des Gefangenen fortgesendet hat, mit ihm nach seinem Reich, und sie wurde ihm als die erste Königin vermählt. Die dadurch eifersüchtige Brahmanin benützt eine Abwesenheit des Königs, um eine zwischen Blumen versteckte Schlange auf den Thron zu stellen und die Königin des Verraths zu beschuldigen. Die Minister, welche die hervorzüngelnde Schlange sehen, erkennen sie für schuldig, und die Brahmanin, der sie zur Hut übergeben ist, verbrennt sie in einem durch Teppiche verhängten Hofe des Palastes.
Als der König bei seiner Rückkehr davon hörte und den Zusammenhang der Sache erfuhr, gerieth er in den größten Zorn. Er läßt das ganze Geschlecht der Pona herbeiholen, sie auf einem Felde eingraben und dann ihre Köpfe abpflügen. Für die Ponatochter selbst aber wird die grausamste Strafe ausgesonnen. In dem obersten Gemache des Palastes eingeschlossen, wird ihr jeden Tag ein kleines Stück ihres Fleisches abgeschnitten, vor ihren Augen in ein Ragout gemischt und ihr zum Essen eingezwängt, um die Pein zu verlängern; aber während dieser ganzen Zeit betet die Ponatochter täglich zu Myatzoa-Phaya, den sie durch ein kleines Loch aus dem Dache ihres Gefängnisses über sich am Firmament umherwandeln sieht. Daß die Ponatochter, obwohl sie so eifrig Myatzoa-Phaya verehrte, diese schmerzliche Strafe ausdulden mußte, war die Folge einer in früherer Existenz begangenen Sünde. Als sie einst aus dem Bade hervorkam, und der Tag etwas kühl war, machte sie sich Feuer an im Walde. Durch die zurückgebliebenen Kohlen entstand nach ihrem Fortgehen ein Waldbrand, und ein heiliger Rochanda, der, in Meditation versunken, im Walde saß, wäre fast verbrannt, wenn er nicht, durch die Fähigkeit zu fliegen, in die Höhe gestiegen und entkommen wäre.Di
Bastian, Adolf
Erzählungen und Fabeln aus Hinterindien
In: Globus, Juli 1866, S. 82-83
Erzählungen und Fabeln aus Hinterindien
In: Globus, Juli 1866, S. 82-83
Mittwoch, 19. April 2017
Ein Mann besaß einen Wolfsgürtel
Ein Mann besaß einen Wolfsgürtel, d.h. er hatte die Fähigkeit, sich in
einen Wolf (Wehrwolf) zu verwandeln. Einst veranstalteten die Jäger eine
Fuchsjagd und hatten ein todtes Pferd als Köder für den Fuchs in den
Wald gelegt. Der Wehrwolf begab sich dahin und fraß von dem Pferde.
Dabei wurde er von den Jägern überrascht und angeschossen. Er entfloh,
und als man in das Haus des Mannes trat, der im Verdacht stand, ein
Wehrwolf zu sein, fand man ihn im Bette mit der Schußwunde.
Karl Bartsch
Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1–2
Band 1
Wien
1879/80
Sonntag, 16. April 2017
Wie das Schaf den Wolf fängt
Vor langer Zeit, als die Gegend bei dem Dorfe Eichel am Main noch mit Wald bedeckt war, kam ein Mann mit einem Schafe zu der Wallfahrtskapelle »Maria zur Eiche«. Er band das Schaf an die Kirchentür und ging hinein, sein gebet zu verrichten. Mittlerweile kam aus dem Wald ein Wolf, um das Schaf zu rauben. Dieses riß sich aber los und sprang in die Kirche, der Wolf ihm nach. Da lief das Schaf zur Tür zurück, faßte mit dem Maul den Strick, der an der Tür hängen geblieben war und riß die Tür zu. Der Wolf war nun eingesperrt und wurde getötet.
Karl Hofmann
Mittwoch, 11. Januar 2017
Das versteinerte Schiff
In uralter Zeit war die ganze Insel Borneo noch Meer; dazumal war der Berg Lantjak eine Insel mit zahlreicher Bevölkerung.
Es lebte einmal auf dieser Insel eine arme Witwe, die einen einzigen Sohn hatte, namens Linggi. Es war dieser ein recht boshafter, unartiger Bube, der seiner Mutter gar viel
zu schaffen machte. Eines Tages, als sie am Webstuhl sass, quälte er sie wieder fortwährend, ja, nahm ihr sogar den Tropong (Schiessspuhl) mit dem er sich aus dem Staube machte.
Beim Spiele verletzte er sich mit demselben so sehr, dass er eine tiefe Wunde in der Stirn bekam. Die Wunde heilte bald, hinterliess aber ein breites Wundmal.
Als der Linggi das Jünglingsalter erreicht hatte , verliess er seine Mutter, und reiste nach fernen Gegenden. Jahre und Jahre vergingen, ohne dass die Witwe die geringste Nachricht von ihrem Sohne bekam. Schon war sie alt und grau geworden und noch immer kehrte der Linggi nicht heim.
Nach längerer Zeit endlich warf ein grosses Schiff den Anker vor Lantjak aus. Da zog Alt imd Jung zum Meeresufer, und als man den Djuragan (Schiffskapitän) sah, riefen Viele: „Seht,
da ist der Linggi heimgokommen ! Ja , gewiss , er ist es , seht nur die Narbe an seiner Stirn!” Und froh stolperte auch das alte Mütterchen herbei , ihren langersehnten Sohn zu bewillkommen. Der Linggi aber , stolz auf seine erworbenen Reichtümer , rief: „Ihr seid alle verrückt, ich habe euch niemals gesehen. Und die Alte da kenne ich auch nicht, sie ist keineswegs meine Mutter.”
Der armen Witwe drangen die Worte des entarteten Sohnes wie ein Dolch ins Herz, und empört schrie sie: „Bist du wirklich ein Fremder, so geh ’s dir wohl; hast du aber einmal
meine Milch getrunken, so sei verflucht, dann möge Allah’s Zorn dich treffen !”
Entsetzt hörten die Umstehenden dem Mutterfluch zu; der Sohn aber stand mit höhnischem Lachen auf dem Schiff, und befahl, den Anker zu lichten, um fortzusegeln.
Kaum aber war das Schiff in voller See, da sandte Allah einen tobenden Sturm, der Wand und Segel zerriss; haushoch türmten sich die Wogen, und überstürzten das Fahr-
zeug, sodass es zu sinken anfing.
„Mutter” rief Linggi in Todesnot, „Mutter ! Gnade, hilf mir, ich bin dein Kind.” Für ihn aber war die Gnadenfrist vorüber, allmählich sank das Schiff mit Mann und Maus, und
die Wellen schlossen sich über dem entarteten Sohn.
Und später, als das Meer sich von Borneo zurückgezogen hatte, da fand man das Schiff, versteinert wie es sich noch heute im stillen Thalgrunde des Rapuns befindet.
Es lebte einmal auf dieser Insel eine arme Witwe, die einen einzigen Sohn hatte, namens Linggi. Es war dieser ein recht boshafter, unartiger Bube, der seiner Mutter gar viel
zu schaffen machte. Eines Tages, als sie am Webstuhl sass, quälte er sie wieder fortwährend, ja, nahm ihr sogar den Tropong (Schiessspuhl) mit dem er sich aus dem Staube machte.
Beim Spiele verletzte er sich mit demselben so sehr, dass er eine tiefe Wunde in der Stirn bekam. Die Wunde heilte bald, hinterliess aber ein breites Wundmal.
Als der Linggi das Jünglingsalter erreicht hatte , verliess er seine Mutter, und reiste nach fernen Gegenden. Jahre und Jahre vergingen, ohne dass die Witwe die geringste Nachricht von ihrem Sohne bekam. Schon war sie alt und grau geworden und noch immer kehrte der Linggi nicht heim.
Nach längerer Zeit endlich warf ein grosses Schiff den Anker vor Lantjak aus. Da zog Alt imd Jung zum Meeresufer, und als man den Djuragan (Schiffskapitän) sah, riefen Viele: „Seht,
da ist der Linggi heimgokommen ! Ja , gewiss , er ist es , seht nur die Narbe an seiner Stirn!” Und froh stolperte auch das alte Mütterchen herbei , ihren langersehnten Sohn zu bewillkommen. Der Linggi aber , stolz auf seine erworbenen Reichtümer , rief: „Ihr seid alle verrückt, ich habe euch niemals gesehen. Und die Alte da kenne ich auch nicht, sie ist keineswegs meine Mutter.”
Der armen Witwe drangen die Worte des entarteten Sohnes wie ein Dolch ins Herz, und empört schrie sie: „Bist du wirklich ein Fremder, so geh ’s dir wohl; hast du aber einmal
meine Milch getrunken, so sei verflucht, dann möge Allah’s Zorn dich treffen !”
Entsetzt hörten die Umstehenden dem Mutterfluch zu; der Sohn aber stand mit höhnischem Lachen auf dem Schiff, und befahl, den Anker zu lichten, um fortzusegeln.
Kaum aber war das Schiff in voller See, da sandte Allah einen tobenden Sturm, der Wand und Segel zerriss; haushoch türmten sich die Wogen, und überstürzten das Fahr-
zeug, sodass es zu sinken anfing.
„Mutter” rief Linggi in Todesnot, „Mutter ! Gnade, hilf mir, ich bin dein Kind.” Für ihn aber war die Gnadenfrist vorüber, allmählich sank das Schiff mit Mann und Maus, und
die Wellen schlossen sich über dem entarteten Sohn.
Und später, als das Meer sich von Borneo zurückgezogen hatte, da fand man das Schiff, versteinert wie es sich noch heute im stillen Thalgrunde des Rapuns befindet.
Volksdichtung aus Indonesien
Sagen, Tierfabeln und Märchen
Übersetzt von T. J. Bezemer
1904
Sagen, Tierfabeln und Märchen
Übersetzt von T. J. Bezemer
1904
Freitag, 8. April 2016
Eine fabelhafte Sammlungen von Sagen & Legenden hat Monika Detering vorgelegt. Sie hat gesammelt, was an interessanten Themen im Münsterland, Ostwestfalen-Lippe, längs der Weser, um Paderborn, in der geheimnisvollen Stadt Bielefeld und auch im Ruhrgebiet in Vorzeiten alles so passiert sein soll. Sagen & Legenden aus Westfalen eben. Und das schönste dabei – Sie hat die Sagen nicht einfach nur zusammengestellt, sondern erläutert und erklärt, wo sich uns heute die Sage nicht mehr so ohne weiteres erschließt. Man ist schlauer nach dem Lesen dieses Buches und das ist, finde ich, eine fabelhafte Sache. Erschienen ist das Buch gerade eben im Regionalia Verlag, Rheinbach (ISBN 978-3-95540-197-9), zu bekommen in jedem Buchladen offline und online und auch im Gemischtwarenhandel.
Donnerstag, 26. November 2015
Die Werwolf-Probe
Eines Tages brachten Bauern einen Mann nach Königsberg zu Herzog Albrecht von Preußen (*1490 - +1568), den sie für einen Werwolf hielten. Er sah verwildert aus und hatte im Gesicht Narben und Wunden. Der Mann sagte, dass diese von Hunden stammten, die ihn verfolgten, wenn er sich als Werwolf verwandelte. Dies würde zweimal im Jahr geschehen, einmal zum Johannisfest und dann zu Weihnachten. Er würde die Gestalt eines Wolfes annehmen, in die Wälder laufen und sich zu den echten Wölfen gesellen. Die Verwandlung würde ihm nicht leicht fallen, gab der Mann zu. Jedes Mal würde ihn große Angst überkommen, bevor die Haare ausbrächen und der Wolfspelz wuchs. Das alles schien sehr glaubhaft zu sein, doch wolle man sich selbst davon überzeugen. Deshalb behielt man ihn im Schloss, bis die Zeit der Verwandlung kam. Aber der Mann blieb ein Mensch und wurde kein Wolf.
Erzählt nach einer alten ostpreußischen Sage
Dienstag, 20. Oktober 2015
Der Böxenwolf
Der Werwolf von Neuses
(Wikipedia)
Eine Abart des Werwolfs ist der sogenannte Böxenwolf; das ist ein Mensch, der mit dem Teufel im Bunde steht und durch Umschnallen eines Gürtels ein riesenstarker Wolf wird, um andere Leute zu quälen. Besonders liebt er es, denselben auf den Rücken zu springen und sich eine Strecke weit tragen zu lassen. Im Schaumburgischen giebt es wohl kein Dorf, wo sich nicht Jemand fände, dem dieß schon begegnet sein soll. Auch er wird durch Verwundung erkannt. – Der Name scheint auf das plattdeutsche böxen – Hosen – zurückzuführen und demnach einen Wolf zu bezeichnen, der eigentlich Hosen trägt, also einen männlichen Werwolf, dem sich vielleicht der von Grimm besprochene rheinisch-westfälische Uetterbock – Euterbock - als weiblicher zur Seite stellt (?).
Dr. Wilhelm Hertz
Der Werwolf
Beitrag zur Sagengeschichte
Stuttgart, 1862
Montag, 3. Juni 2013
Die Melusine und der Abt
Wenn ich früher auf dem Weg nach Wertheim oder zurück von Wertheim Richtung Tauberbischofsheim an der Stelle vorbei kam, an der es ab zur Eulschirbenmühle ging, gab es nichts auffälliges zu bemerken. Neuerdings stehen dort am Straßenrand aber immer ein oder zwei Autos oder Radfahrer sind auf dem Weg zu sehen, der zu dem alten, Schloß ähnlichen Gemäuer führt. Ob ich das auf die Veröffentlichung in meinem Buch »Alles fließt in Tauberfranken« zurückführen darf?
Nicht nur das Gebäude, das leider zu verfallen scheint, ist romantisch, sondern auch die Sage, die damit verknüpft ist:
Der Graf, der auf der
Gamburg lebte und seine Tage mit Fischen und Jagen verbrachte, sah ein Mädchen
von großer Schönheit an der Mühle vorübergehen. Er erfuhr, dass die Fremde seit
kurzem in der Mühle verdingt sei. Als er einmal sah, dass sie sich ihrer
Kleider entledigte und in das Wasser der Tauber sprang, wo sie dann als
Wasserfrau mit Fischschwanz eine Weile ihr Vergnügen fand, stahl er ihr die
Kleider und machte sie so zu seiner Geliebten. Der neidische Müller verband
sich mit dem Abt von Bronnbach. Beide machten dem Treiben ein Ende. Die
Wasserfrau verschwand für immer und der Graf starb bald aus Gram.
aus: Horst-Dieter Radke
Alles fließt in Tauberfranken
Gmeiner Verlag, 2013
Dienstag, 17. Juli 2012
Der Tazzelwurm
Bildquelle: Wikipedia
Festlied bei Aufstellung des Herbergsschilds «Zum feurigen Tazzelwurm» am Bergwirtshäuslein zu Rehau, beim Übergang über die Audorfer Almen
Als noch ein Bergsee klar und gross
In dieser Täler Tiefen floss,
Hab' ich allhier in grosser Pracht
Gelebt, geliebt und auch gedracht
Als Tazzelwurm.
Vom Pentling bis zum Wendelstein
War Fels und Luft und Wasser mein,
Ich flog und ging und war gerollt,
Und statt auf Heu schlief ich auf Gold
Als Tazzelwurm.
Hornhautig war mein Schuppenleib
Und Feuerspei'n mein Zeitvertreib,
Und was da kroch den Berg herauf,
Das blies ich um und frass es auf
Als Tazzelwurm.
Doch als ich mich so weit vergass
Und Sennerinnen roh auffrass,
Da kam die Sündflut grausenhaft
Und tilgte meine Bergwirtschaft
Zum Tazzelwurm.
Jetzt zier' ich nur gemalt im Bild
Des Schweinesteigers neuen Schild,
Die Senn'rin hört man jauchzend schrei'n
Und keine fürcht't das Feuerspei'n
Des Tazzelwurms.
Und kommt so ein gelehrtes Haus
So höhnt's und spricht: «Mit dem ist's aus,
Der war ein vorsündflutlich Vieh,
Doch weise Männer sah'n noch nie
Den Tazzelwurm.»
Kleingläub'ge Zweifler! Kehrt nur ein
Und setzt auf Bier Tiroler Wein...
Ob Ihr dann bis nach Kufstein fleucht,
Ihr spürt, dass ich Euch angekeucht
Als Tazzelwurm.
Und ernsthaft spricht der Klausenwirt:
«Schwernoth! Woher sind die verirrt?
Das Fusswerk schwankt... im Kopf ist Sturm...
Die sahen all' den Tazzelwurm!
Den Tazzelwurm!»
Als noch ein Bergsee klar und gross
In dieser Täler Tiefen floss,
Hab' ich allhier in grosser Pracht
Gelebt, geliebt und auch gedracht
Als Tazzelwurm.
Vom Pentling bis zum Wendelstein
War Fels und Luft und Wasser mein,
Ich flog und ging und war gerollt,
Und statt auf Heu schlief ich auf Gold
Als Tazzelwurm.
Hornhautig war mein Schuppenleib
Und Feuerspei'n mein Zeitvertreib,
Und was da kroch den Berg herauf,
Das blies ich um und frass es auf
Als Tazzelwurm.
Doch als ich mich so weit vergass
Und Sennerinnen roh auffrass,
Da kam die Sündflut grausenhaft
Und tilgte meine Bergwirtschaft
Zum Tazzelwurm.
Jetzt zier' ich nur gemalt im Bild
Des Schweinesteigers neuen Schild,
Die Senn'rin hört man jauchzend schrei'n
Und keine fürcht't das Feuerspei'n
Des Tazzelwurms.
Und kommt so ein gelehrtes Haus
So höhnt's und spricht: «Mit dem ist's aus,
Der war ein vorsündflutlich Vieh,
Doch weise Männer sah'n noch nie
Den Tazzelwurm.»
Kleingläub'ge Zweifler! Kehrt nur ein
Und setzt auf Bier Tiroler Wein...
Ob Ihr dann bis nach Kufstein fleucht,
Ihr spürt, dass ich Euch angekeucht
Als Tazzelwurm.
Und ernsthaft spricht der Klausenwirt:
«Schwernoth! Woher sind die verirrt?
Das Fusswerk schwankt... im Kopf ist Sturm...
Die sahen all' den Tazzelwurm!
Den Tazzelwurm!»
Joseph Victor von Scheffel
Donnerstag, 15. September 2011
Drachenberg
Bildquelle: Wikipedia
Urheber: Philipendula
Drachenberge gibt es in Deutschland nicht wenige; ihre Namen bezeugen den festgewurzelten Volksglauben an Drachen, die, mit dem an Lindwürme verschmolzen und fast eins, überall auf Ungeheuer der Vorzeit hindeuten, die nicht mehr vorhanden sind. Wo Sagen von Lindwürmer haften, ist insgemein die Sankt Georg-Legende mit ihnen verwachsen. Die vielen drachenhaften Gebilde an den Kirchen des romanischen Baustils gaben der Sage stets neue Nahrung. Bei Wurmlingen und seiner berühmten Wallfahrtkapelle und in der Höhle am Fuße der Wandelburg hauste und wandelte vorzugsweise ein greulicher Wurm, der ja auch Wurmlingen den Namen gab. Viele sagen, es sei gar ein Pärchen, Männlein und Weiblein, gewesen, auf daß die gute Art nicht aussterbe und die irrenden Ritter doch etwas zu tun fänden. Die Sage vom Lindwurm auf Frankenstein wie die von Limburg (Lindburg) an der Lahn wiederholt sich getreu mit der alten Limburg auf dem Lim- oder Lindberge im Neidlinger Tale im Schwabenlande, nur daß sie geradezu den heiligen Georg als Drachentöter nennt, während andere verwandte Sagen dessen mythische Persönlichkeit mehr umhüllen. Nah dem Filstale liegt das Dorf Drackenstein mit einem Drachenloch und einer Totenhöhle, wie bei Meiningen ein Drachenberg mit einem Drachen- und einem Bärengraben. Der Drache im Drachenloch bei Drackenstein soll noch immer geisten. Einst gelang ihm der Raub einer Kaiserstochter, er hielt sie gefangen fünf Jahre lang und gedachte ihr die Ehre zu, sie zu seiner Gemahlin zu erheben, aber er gefiel ihr nicht, obschon er ihr drei herrliche Kleider schenkte, darauf auf einem Sterne gestickt waren, auf dem zweiten der Mond und auf dem dritten die Sonne. Sie ging mit einem Schneider, der ihr im Walde begegnet war, durch und nahm die Kleider mit, und später heiratete sie den Schneider, und der Drache hatte das Nachsehen. Auch bei Eningen liegt ein Drackenberg; daran sollen zwei hohe Nußbäume gestanden haben, mit den Kronen ineinander verschlungen. Diese Kronen bildeten das Drachenbette, und der Drache sei gewesen wie eine ungeheuer große Klapperschlange. Ein Jäger, welcher allerlei Jagdstücklein verstand, auch wohl selbst ein Hexenmeister war, schoß mit einer gewissen Kugel die Schlange in den Kopf, da tat sie einen Schneller noch den halben Drackenberg hinauf und starb. Im Ammentale hauste ein greulicher Lindwurm, den erlegte nur dadurch ein Ritter, daß er sich über und über mit Spiegeln behing. Da der Wurm in diesen sich erblickte, meinte er, er bekomme Kameradschaft, und nahte sich nicht feindlich. Gleich darauf stieß ihm der Ritter seinen Speer in das Herz.
Ludwig Bechstein
Deutsches Sagenbuch
Meersburg und Leipzig 1930
Labels:
Drache,
Ludwig Bechstein,
Sagen,
Schlange
Dienstag, 6. September 2011
Die Frau ist ein Werwolf
Bildquelle: Wikipedia
In Caseburg auf Usedom waren einmal ein Mann und seine Frau beim Heuen auf einer Wiese beschäftigt. Da sagte die Frau nach einiger Zeit, sie habe gar keine Ruhe mehr, sie könne nicht mehr bleiben, und ging fort. Vorher aber der Mann ihr noch versprechen, daß, wenn etwa ein wildes Tier käme, er ihm seinen Hut hinwerfen bevor er fliehen wolle. Daß wilde Tier täte ihm dann keinen Schaden. Das versprach der Mann. Nur eine kleine Weile war sie fort, da kam durch die Swine *) ein Wolf geschwommen. Der ging grade auf die Heuer los; da warf ihm der Mann seinen Hut hin, den das Tier sogleich in kurz und kleine Stücke zerriß. Aber unterdessen hatte sich ein Knecht mit einer Forke herangeschlichen und erstach den Wolf von hinten. Im selben Augenblick aber verwandelte sich das Tier, und alle erstaunten nicht wenig, als sie sahen, daß es des Bauers Frau war, die der Knecht getötet hatte.
Sage aus Mecklenburg-Vorpommern
Montag, 22. August 2011
Die Gründung des Klosters Holzkirchen
Bildquelle: Wikipedia
In alter Zeit war der einzige Sohn des Edelmanns im untern Schlosse zu Remmlingen auf die Jagd gegangen und lange nicht nach Hause zurückgekehrt. Da sandte sein Vater allenthalben hin Leute, ihn zu suchen, und er selbst ritt aus, gelobend, da ein Kloster zu bauen, wo sein Sohn, lebend oder todt, wiedergefunden würde. In einem wilden Waldthale fanden sie endlich den Jüngling, von einem Einhorn durchbohrt, das, von seinem Pfeile getroffen, todt neben ihm lag. Seinem Gelübde treu, stiftete der Edelmann an dem Ort ein Benediktinerkloster und nannte es Holzkirchen, weil das Michelskirchlein, das auf der Höhe zuerst gebaut wurde, ganz von Holz war. Außen an der Klosterkirche ist noch jetzt ein Steinbild, welches den Edelmann zu Pferd, dessen Frau und ihren Sohn mit dem Einhorne vorstellt.
Bernhard Baader
Volkssagen aus dem Lande Baden
und den angrenzenden Gegenden
Band 1, Karlsruhe 185
America - The Last Unicorn
Samstag, 20. August 2011
Das Einhorn
Dame mit Einhorn
Barbara Longhi (1552 - 1638)
Bildquelle: Wikipedia
Barbara Longhi (1552 - 1638)
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Am 22. September des Jahres 1659 haben die Schanzenarbeiter vor dem Bockenheimer Thore am Fundamente der äußersten Stadtgrabenmauer gearbeitet und dort ein Einhorn, fünf Werkschuhe lang, etliche Klafter tief in der Erde ausgegraben, allein da sie aus Unverstand nicht gewußt, was solches für ein Horn gewesen, haben sie solches mit Hämmern und Pickeln zerhauen, da dann ein Jeder ein Stücklein davon haben wollen und ist in Folge davon dieses schöne Stück zertheilt und gleichsam vernichtet worden. Die Herrn Medici und Materialisten haben etliche solche Stücke probirt und für köstlich befunden und darum haben auch die Apotheker wahrscheinlich solche von den Arbeitern um theures Geld gekauft. Vermuthlich hat auch die Frankfurter Apotheke »zum Einhorn« ihren Namen davon bekommen.
Johann Georg Theodor
Sagenbuch des preußischen Staates
Zweiter Band, Frankfurt und Umgegend 1779
Dienstag, 9. August 2011
Werwölfe in der Heide
Lucas Cranach
(Bildquelle: Wikipedia)
In Lachendorf hatte ein Bauer einen Knecht; der lag mit einem andern Knecht auf der Wiese hinterm Busch, und sie hielten Mittagsruhe. Da schlief der zweite Knecht beinahe ein, aber er blinzelte doch mit den Augen und sah, wie der andre Knecht einen ledernen Gürtel umtat und sich in einen Werwolf verwandelte, darauf fortlief, ein junges Füllen, das unten auf der Wiese graste, anfiel und fraß mit Haut und Haar. Wie er nun zurückkam, legte er sich neben den andern Knecht, der noch tat, als wenn er schliefe. Wie die Zeit um war, standen sie beide auf und mähten bis es Abend war. Darauf gingen sie zusammen nach Lachendorf, und unterwegs sagte der eine Knecht zum Werwolf: ich möchte mich doch nicht an lebendigem Pferde satt fressen. – Das hättest du draußen nicht sagen sollen, es wäre dir übel ergangen, sagte der Werwolfsknecht. Ein andermal stand der Knecht wieder von der Mittagsruhe auf, tat seinen Gürtel um und lief davon, aber da verfolgten ihn die Knechte, hetzten die Hunde auf ihn und schlugen ihn tot, weil er ein Werwolf war.
Die Menschen verwandeln sich in Werwölfe, indem sie einen Gürtel umlegen, und dann stehlen sie den Leuten allerlei. Den Knechten, die Korn auf dem Rücken tragen, nehmen sie das Korn ab. Ruft man einen Werwolf bei seinem menschlichen Namen, wenn man ihn nämlich weiß, so muß er so lange laufen, bis er umkommt.
Die Menschen verwandeln sich in Werwölfe, indem sie einen Gürtel umlegen, und dann stehlen sie den Leuten allerlei. Den Knechten, die Korn auf dem Rücken tragen, nehmen sie das Korn ab. Ruft man einen Werwolf bei seinem menschlichen Namen, wenn man ihn nämlich weiß, so muß er so lange laufen, bis er umkommt.
Sage aus Niedersachsen
Dienstag, 26. Oktober 2010
Die Löwin und die Antilope
Darstellung der Antilope (Fabelwesen) im Harley-Bestiarium (1240)
Quelle: Wikipedia
Eine Suahelisage
Eine Löwin hatte ein Junges. Da sie es eben zur Welt gebracht hatte, verspürte sie großen Hunger und konnte ihn gar nicht stillen. Am siebenten Tage beschloß sie, auf Raub auszugehen und zu töten, was ihr in den Weg käme. Auf ihrem Wege traf sie eine Antilope, die graste friedlich nahe dem Walde. Die Löwin schlich sich leise und vorsichtig dicht an das Tier heran. Gerade wollte sie losspringen, als die Antilope sich umsah und, die Löwin freundlich anblickend, rief: »Willkommen, Gevatter!« Da schämte sich die Löwin ihres bösen Vorhabens und verschonte die Antilope, die sie so freundlich begrüßt hatte.
Held, T. von
Märchen und Sagen der afrikanischen Neger
Jena, 1904
Mittwoch, 17. Februar 2010
Emma und Eginhardt
An Betty
Geh, Betty, schließ die Halle zu
Und gieb die Harfe mir;
Von einem Fräulein, schön wie Du
Sing ich ein Liedchen Dir.
Der große Carl, ein deutscher Held,
Des Fräuleins Vater war;
Die Sachsen schlug er aus dem Feld
Und manche Maurenschaar.
Doch Emma war so furchtbar nicht,
Mild, heiter, minnereich;
Ein Rosenbeet war ihr Gesicht,
Ihr Aug dem Himmel gleich.
Die schlaue Mutter hielt sie hart;
Kein Ritter kam ihr nah,
Bis auf den Junker Eginhard,
Den Schreiber des Papa.
Ein hübscher Mann aus altem Stamm,
Pechschwarz von Aug und Haar,
Flink wie ein Hirsch, sanft wie ein Lamm,
Und keck wie Roland war.
Den ganzen Winter gab er ihr
Im Schreiben Unterricht;
Allein sie sah nicht aufs Papier,
Nur stets ihm ins Gesicht.
Ein weiches Herz führt Mädchen weit
Im siebenzehnten Jahr.
Herr Eginhard in kurzer Zeit
Der Hahn im Korbe war.
Einst hatte Carl das Zipperlein
Und zog mit seinem Weib,
Der schönen Hildegard, allein
Im Schach zum Zeitvertreib.
Im Vorsaal bebt des Schreibers Knie
Vor Nachtfrost. Immer wach
Führt Satan ihn, man weiß nicht wie
In Emmas Schlafgemach.
Lag sie zu Bett? Die Chronika
Sagt nichts davon. Genug,
Der arme Junker wärmt sich da,
Bis Glocke zwölfe schlug.
Die Mette schallt. Mit einem Kuß
Entwich er. Doch, o weh!
Im Hof, durch den er waten muß,
Lag nun ein tiefer Schnee.
Was seh ich, schrie er, großer Gott!
Läßt sich mein Fußtritt sehn,
So sterb ich heut auf dem Schaffot,
Du mußt ins Kloster gehn.
Stumm, wie die Schmerzensmutter, lief
Das Fräulein durchs Gemach;
Auf einmal stand sie still und rief:
Nur mir, Geliebter, nach.
Auf ihren Schultern trägt sie ihn,
Beym klaren Mondenschein,
Durch den beschneyten Schloßhof hin,
Bis in sein Kämmerlein.
Doch ach, ihr Heilgen alle, steht
Dem armen Paare bey!
Carl sieht aus seinem Kabinet
Die seltne Reuterey.
Voll Wuth griff er nach seinem Schwerdt,
Schoß wie ein Pfeil heran:
Sterbt beyde, rief er – Nein, bekehrt
Euch erst! – Holla, Caplan!
Der Priester hörts; mit schwerem Kopf,
Das Chorhemd in die Queer,
Mit ofnem Wams und Hosenknopf
Flog er bestürzt daher.
Er sah – Nur Hogarth malt das Bild –
Das Fräulein auf den Knien,
Carl mit dem Schwerdt, der Knapp als Schild
Gelehnet auf sie hin.
Was soll ich? lallt Probst Engelbert
Mit einer Hand im Haar.
Ey nun, ruft Carl und senkt sein Schwerdt,
Vermähle dieses Paar.
Gottlieb Konrad Pfeffel
aus: Poetische Versuche,
Erster bis Dritter Theil, Band 1, S. 56-60.
Tübingen 1802
Tübingen 1802
Dienstag, 26. Januar 2010
Freitag, 15. Januar 2010
Die Mutter von Mythe, Sage, Märe und Fabel
… daß die Sage von der Lorelei ursprünglich nicht ächt volksthümlich und erst durch Cl. Brentano und Heine gemacht worden sei. Nunmehr freilich ist sie volksthümlich geworden, durch die Macht der Poesie, die wir schon … die Mutter von Mythe, Sage, Märe und Fabel nannten.
Ludwig Bechstein
Mythe, Sage, Märe und Fabel
im Leben und Bewußtsein des deutschen Volkes
Dritter Theil, Leipzig 1855
Dienstag, 12. Januar 2010
Der Basilisk auf dem Burgberge
Auf dem Burgberge und in seiner Umgebung hat sich früher eine ungeheure Schlange gezeigt, die ist so lang gewesen wie ein Heubaum und wird von einigen die große Otterschlange, von den meisten aber der Basilisk genannt. Einige halten dafür, daß die weiße Jungfer aus dem Schloßbrunnen sich habe in diese Schlange verwandeln können, andere sagen: die Schlange sei der Teufel gewesen, der die Schätze in den unterirdischen Gängen und Höhlen von außen bewacht habe. Das wissen die meisten, daß der Basilisk der Schätze wegen da gewesen sei, die in dem Gange hinter der eisernen Thür sind, und daß er den Menschen hat Furcht einjagen sollen, wiewohl er niemanden etwas gethan hat. Oft hat er auf der Burgwiese da gelegen und den Kopf auf den Boden gescheuert. Endlich, bei einem Waldbrande an der Stelle, die jetzt die Brandklippe heißet, soll der Basilisk mit verbrannt sein und einen furchtbaren Quik gethan haben. Aber andere sagen, der Basilisk sei seitdem schon wieder gesehen worden. Einmal soll auch ein junger Basilisk gesehen worden sein, der hat ausgesehen wie eine Puppe.
Heinrich Pröhle
Harzsagen,
zum Teil in der Mundart der Gebirgsbewohner
Leipzig 1886
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