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Montag, 7. Dezember 2015

Die kleinen Leute

In Lilliput (ich glaub’ es kaum,
Doch Swift erzählt’s) giebt’s Leute
So groß, als ungefähr mein Daum:
Man denk erst in der Weite!
Da müssen sie gewiß so klein
Als bei uns eine Mücke seyn.

O wär’ ich dort, wie groß wär’ ich!
Man nennte mich den Riesen,
Und mit den Fingern würd’ auf mich,
Wo man mich säh’, gewiesen:
Dort, sprächen sie, dort gehet er!
Und vor mir ging’ ein Schrecken her.

Doch, wenn ich nun nicht klüger wär’,
Als jetzt, sie aber wären
Gesitteter, verständiger,
Wie? würden Sie mich ehren?
Ich glaube kaum. Sie würden schrein:
Am Leibe groß, am Geiste klein!

Christian Felix Weiße
(1726 - 1804)

Montag, 5. Oktober 2015

Der Holzwurm

Ein Holzwurm suchte seine Speis
In alten Bücherschränken.
Und lang beschäftigte sein Fleiß
Sich blos mit morschen Bänken.

Auf einmal aber fiel ihm bey,
An Bücher sich zu wagen;
Er fande daß es besser sey
Alß Bretter zu benagen.

Ein Alter schmutziger Roman,
War seine erste Beute
Dann fiel er den Menantes an,
Und Stegfrieds Helden Streite.

Nach diesen, weil ihm ungestört
Hier sein Gewerbe bliebe:
Nagt er ein Buch von großem Wehrt
Mit schadenfrohem Triebe.

Als drauf der Herr nach langer Zeit
Zu seinen Büchern nahte:
So schimpft’ er voll von Zorn und Neid
Auf die verwünschte Made.

»Du Frevler kannst dich unterstehn
Mir dieses Buch zu schänden.
Und schonend mit ihm umzugehn,
Hat ichs selbst nie in Händen!«

Mit spöttischem Gelächter schrie
der Wurm aus seinen Rizen:
»Du nüzest diese Buch ja nie,
Und darum wollt ichs nüzen!«

***

Ihr Kinder seht euch fleißig vor
Vor einem solchen Streite.
Sonst sagt der Holzwurm euch ins Ohr,
Ihr seyet faule Leute!

Belustigung für die Jugend in Fabeln und Erzählungen
von Christian Gottlieb Göz
Stuttgart, bey Christoph Friedrich Cotta, 1779

Sonntag, 3. Mai 2015

Die Hühnlein

Kind.
Wo seid ihr alle denn versteckt,
ihr Hühnlein? Keins hab ich entdeckt
Bis jetzt, und bring doch Futter mit.
Hört ihr nicht den bekannten Tritt?
Hört ihr nicht den bekannten Ton?
bi bi, bi bi – da sind sie schon!

Hühnlein.
Wir waren nur da hinterm Haus,
Und suchten gute Würmlein aus.
Was du uns bringst, schmeckt süßer noch,
Die Körnlein sind das Beste doch.
Geh jetzt nur dort zum Häuschen hin,
Du findest unsre Eier drin.
Fünfzig Fabeln und Bilder
aus der Jugendwelt.
Von
Wilhelm Corrodi
Zürich, 1876, Zweite Auflage

Freitag, 31. Mai 2013

Der Hirsch und die Fliege

Jüngst lagerte sich eine Fliege
Auf eines Hirsch’s Geweih.
»Wenn ich zu lästig auf dir liege,« -
Sprach sie »so rede frei.«
»Ey, sieh doch!« rief der Hirsch, - »mein Liebchen,
Bist du auch in der Welt?«
so ist’s mit manchem Bübchen,
Das sich für wichtig hält.


Wilhelm Corrodi
Fabeln und Bilder
Zürich 1876

Freitag, 12. April 2013

Kalle Knickohr


Kalle Knickohr, das Kaninchen, saß auf der Wiese und schaute sehnsüchtig den großen runden Strohballen an. Das Stroh duftete herrlich. Nach milden Sommerabenden und Sonnenschein. Doch der Sommer war zu Ende und Kalle brauchte dringend ein warmes Polster für seinen Bau und etwas zum Knabbern in den kalten Wintermonaten. Er hatte schon alles versucht, um den mächtigen Rundballen in seinem Bau unterzubringen. Rollen, schieben, zerren, drücken, nichts hatte geklappt. Kalle hatte den Strohballen keinen Millimeter vom Fleck rücken können. Da kam der Esel des Weges.
»I-ah, hallo Knickohr. Was schaust du denn so enttäuscht?«
»Ach Graufell, ich würde gerne den Strohballen in meinen Bau bringen, aber ich bin nicht stark genug«, antwortete das Kaninchen.
»Ich würde dir ja gerne helfen, aber ich bin vom Grasen auf der Weide schon so erschöpft, dass ich kaum noch einen Huf vor den anderen setzen kann.«

Eine Maus, die das gehört hatte, lachte laut fiepend los: »Was bist du nur für ein faules Tier, Graufell.«
Der Esel iahte empört und trottete davon. Das Mäuschen aber sagte zu Kalle Knickohr: »Was ein großer fauler Esel nicht schafft, dass schaffen emsige kleine Mäuschen im Handumdrehen. Warte einen Augenblick.«
Sie huschte davon und kam einige Augenblicke später mit unzähligen anderen Mäusen zurück. »Wir helfen dir, wenn du das Stroh mit uns teilst«, sagte die Maus.
Kalle war einverstanden und so machten sich die Mäuse ans Werk. Wie graue Schatten huschten sie über das Feld, machten sich über den Rundballen her und schleppten kleine Bündel aus Strohhalmen zum Bau des Kaninchens. Als dessen Vorratskammern prall gefüllt waren, war noch genug übrig um auch die Schlafhöhlen der Mäuse behaglich auszupolstern. Am Abend kuschelten sich alle gemütlich in ihr Stroh. Kalle streckte sich und seufzte wohlig: »Erstaunlich, was viele kleine Pfoten mit der richtigen Idee alles vollbringen können.«
Bild und Text:

Sonntag, 2. Dezember 2012

Rache ist süß, süßer Verzeiehn

Als jüngst Heinrichs kleine Hand
kleine Blumensträußchen band,
Stach ein Bienchen sie.
Ach! wie ich erschrocken bin,
Lief davon und schrie;

»Bienchen, warum stichst du mich?
Fang ich dich, so tödt' ich dich.
sieh, nun bist du mein
Aber wie? Ich räche mich?
Tierchen, ich befreie dich;
Süßer ist Verzeihn.«


Vaterländische Unterhaltungen
Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch zur
Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens,
Beförderung der Vaterlandsliebe und gemeinnütziger Kenntnisse
für die Jugend Österreichs
von Leopold Chimani
Dritter Teil, Wien 1815, Im Verlage bey Anton Doll

Donnerstag, 22. November 2012

Fabelhafte Fabelbücher (Rezension)

Wer Fabeln liebt, möchte sie auch gelegentlich nachlesen. Das Angebot an alten und neuen Fabelbüchern ist groß, doch welches soll man wählen. Eine kleine Hilfe versucht die folgende Übersicht zu geben.

Das große Fabelbuch von Constanze Breckhoff und Gerhard Glück (Lappan Verlag) ist ein Prachtband, der nicht nur eine repräsentative Auswahl Fabeln von Aesop bis Wilhelm Busch und verschiedener Völker bringt, sondern auch noch schön und angemessen illustriert (G.Glück) ist. Das Buch ist nicht nach Zeitalter sortiert, sondern bunt gemischt. Ein guter Tipp für diejenigen, die gerne in guten Büchern schmökern und eine gute »Fabelgrundausstattung«.



Wer sich speziell für die Fabeln des Aesop interessiert, greift statt der zu Hauf verfügbaren Billigausgaben diverser Nachdruckverlage besser auf die Neuübersetzung von Thomas Voskuhl aus dem Reclam-Verlag.



Wem es nicht so auf sprachliche Genauigkeit ankommt, dafür aber auf sprachliche Schönheit, sollte sich die von Fulvio Testa illustrierten Ausgabe von Gisbert Haefs ansehen.




Die Fabeln des Jean de LaFontaine liegen in der Übersetzung von Ernst Dohm in einer umfangreichen und illustrierten Gesamtausgabe vor (mehr als 500 Seiten).



Wer es etwas karger und preiswerter möchte, wählt die Reclam Ausgabe (Übersetzer: Jürgen Grimm), die immerhin auch die Illustrationen von Gustave Doré enthält.



Lessings Fabeln liegen in einer schönen Taschenbuchausgabe des Fischer-TB-Verlages vor. Sie enthält außerdem auch die »Abhandlungen über die Fabel«.



Sie sind nicht jedermanns Geschmack und kommen heute arg belehrend daher, aber wer sie mag, die Kinderfabeln des Wilhelm Hey, findet 50 davon in einem preiswerten Taschenbuch:



Luthers Fabeln und Sprichwörter
findet man in einer schönen Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Illustriert mit Abbildungen und Holzschnitten aus der Werkstatt von Lukas Cranach:



Deutsche Fabeln des 18. Jahrhunderts sind repräsentativ in einem Bändchen des Reclam-Verlages zusammen gestellt. Es ist sehr zu empfehlen, denn darin sieht man, dass es neben Lessing, Gellert & Gleim noch zahlreiche andere Fabeldichter in dieser Zeit gab.



Zum Abschluss Johann Wolfgang von Goethe. Seine längere Fabeldichtung um »Reineke Fuchs« ist wunderschön Illustriert von Dieter Wiesmüller in diesem Prachtbuch aus dem Hanser-Verlag. Ein Buch nicht nur für Kinder. Oder anders gesagt: Ein Buch, das Erwachsene, die es sich gekauft haben, auch an Kinder aushändigen können.




Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Der Hengst und die Wespe


Eine kleine Wespe stach
Einen Hengst. Er schlug nach ihr;
Und die kleine Wespe sprach:
Hengsten, schlag’ doch nicht nach mir,
Sieh, ich sitz’ an sichrem Orte,
Hengsten geh! du triffst mich nicht!

Hengsten gibt ihr gute Worte.
Und die kleine Wespe spricht:
Sanftmut findet doch Gehör!
Sieh nun stech’ ich dich nicht mehr!


Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Freitag, 22. Juni 2012

Sperling und Pferd

Sperling
Pferdchen, du hast die Krippe voll;
gibst mir wohl auch einen kleinen Zoll,
ein einziges Körnlein oder zwei;
du wirst noch immer satt dabei.
Pferdchen
Nimm, kecker Vogel, nur immer hin,
genug ist für mich und dich darin.

Und sie aßen zusammen, die zwei,
litt keiner Mangel und Not dabei.
Und als dann der Sommer kam so warm,
da kam auch manch böser Fliegenschwarm;
doch der Sperling fing hundert auf einmal,
da hatte das Pferd nicht Not und Qual.

Wilhelm Hey

Samstag, 3. März 2012

Der treue Hund

Schnuppernd schlich sich um die Schaafe
Rings der Wolf mit schlauem Blick,
Ob wohl Spitz, der Wächter, schlafe,
Und die Schäfchen flohn zurück.

Eng gedrückt auf einen Haufen,
Zittern sie von ihm bedroht;
Eilen sich ihm zu entlaufen,
In der größten Angst und Noth.

Und er spricht mit List zu Spitzen:
»Ei! wie möcht' ich doch wie du,
Bei den dummen Schaafen sitzen,
So in träger fauler Ruh.«

»Komm mit in den Wald spazieren,
Kühl ists dort, nicht heiß, wie hier.
Laß dich, Freundchen, von mir führen,
Steh nur auf und folge mir.«

Aber Spitz weißt ihm die Zähne,
Heisset ihn bei Zeiten gehn,
Wenn er etwa sich nicht sehne,
Noch der Schaafe Herrn zu sehn.

Nimm, o Kind! vom Spitz die Lehre,
Folge ja dem Heuchler nicht,
Der, damit er dich bethöre,
Mit verstellten Worten spricht.

Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder
Nürnberg 1821

Dienstag, 27. Dezember 2011

Einträglichstes

»Was trägt dein Singen ein?«
bemerkt die reiche Maus
vor ihrem vollen Haus
dem muntern Vögelein.

»Das«, sagt’s, »hab ich davon:
was Blumen von dem Glanz,
was Well’ und Wind vom Tanz:
die Freude ist mein Lohn
und Frohsinn, aller Güter Kron!«

Abraham Emanuel Fröhlich

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Der Knabe und die Biene


„Was doch nur die Mutter spricht:
Störe mir die Beinchen nicht!
Ich bin groß und sie sind klein,
Wie sollt’ ich wohl furchtsam sein?
Räuber! warum sauget ihr
Alles Süß’ aus meinen Blumen mir?“

Zürnend schlägt er auf sie ein.
Weh thut’s, ob sie auch nicht schrei’n.
Aber plötzlich, wutentbrannt
Sticht ein Beinchen seine Hand;
Ach, da läuft er weinend fort! –
Folgte willig nun der Mutter Wort.


Lebensweisheit in Fabeln
für die Jugend
Von
Friedrich Hoffmann,
Hofprediger in Ballenstedt
Stuttgart, Hoffmann’sche Verlags-Buchhandlung, 1840

Mittwoch, 13. Juli 2011

Die ungehorsamen Mäuschen


Die Mäuschen schmauseten so gern
Konfect und Zuckerwaaren;
Und, merkten Süsses sie von fern,
Gleich liefen sie in Schaaren,
Aus allen Löchern flink herzu,
Um schnell davon zu naschen;
Und flüchteten sich auch im Nu,
Wenn man sie wollte haschen.

Die Mutter sprach: »es thut nicht gut
Das allzuofte stehlen;
Der Mensch, so sorglos er auch thut,
Weiß seine Zeit zu wählen.
Drum rath ich euch, nascht nur mit Maas,
Daß es ihn nicht verdrieße.
Treibt nicht zu weit, noch arg, den Spaß,
Und meidet mir das Süße.«

Doch ach! die Mäuschen hörten nicht
Auf ihrer Mutter Lehre,
Die ihrer Naschsucht widerspricht,
Daß sie sie nicht bethöre.
Sie schmausen in dem Zuckerbrod
Ein Gift, für sie verborgen.
So fanden alle schnell den Tod
Ach, schon am andern Morgen.


Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder
Nürnberg 1821

Sonntag, 10. Juli 2011

Das Johanniswürmchen

Ein Johanniswürmchen saß,
Seines Demantscheins
Unbewußt, im weichen Gras
Eines Eichenhains.

Leise schlich aus faulem Moos
Sich ein Ungetüm,
Eine Kröte, her und schoß
All’ ihr Gift nach ihm.

»Ach! Was hab’ ich dir getan?«
Rief der Wurm ihr zu.
»Ei!« fuhr ihn das Untier an,
»Warum glänzest du?«

Gottlieb Conrad Pfeffel

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Der Sperling im Schnee


Knabe:
Vogel, wie ist es so kalt!
Sprich doch, erfrierst du nicht bald?

Sperling:
Bin noch ganz munter in dieser Zeit,
Hab‘ ein gar warmes Federkleid,
Fliege gar fröhlich her und hin,
Ist mir so warm als dir wohl drin

Kind, das dachte: »So ist schon gut,«
Fasste sich gleich einen frischen Mut,
Hatte ja auch sein warmes Kleid.
Lief und spielt‘ eine warme Zeit,
Fragte gar wenig nach Eis und Schnee,
Tat ihm drum doch keine Ader weh.

Wilhelm Hey

Freitag, 3. Dezember 2010

Der Winter



Winter:
Bin ich denn etwa freudenleer?
Meinst du, mein Kind? O, nimmermehr!

Ich lass’ dich schlitten, lass’ dich schleifen,

Und willst du meinen Schnee angreifen,

So ist er wohl ein bischen kalt,
Doch findest sicherlich du bald,
Daß sich ein Männchen, weiß und fest,
Ganz herrlich daraus bauen läßt.

Kind:
Wie kannst du auch so artig sprechen!
Doch was du sagst, ist Alles wahr.
Laß nur kein Bein mich bei dir brechen;

Denn allzu leicht bringst du Gefahr!



Winter:
Nur nicht verwegen, liebes Kind,
Dann bleib’ ich freundlich dir gesinnt!

Wilhelm August Corrodi
aus: Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendwelt

Mittwoch, 24. November 2010

Die Ringelblumen


Schöne Blumen, laßt euch pflücken,
Ihr müsst meinen Hals jetzt schmücken,
Eine Kette sollt ihr werden,
Nicht so sitzen in der Erden!
Also sprach die kleine Liese,
Hüpfte durch die ganze Wiese,
Hörte nicht die Bienlein summen,
Sieht nur nach den Ringelblumen,
Macht sich eine hübsche Kette -
Keine Königin, ich wette,
Kann in ihrem Perlenschein
Glücklicher als Lieschen sein.

Wilhelm Corrodi
aus: Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendwelt
Zürich, 1876

Montag, 15. November 2010

Der Hirsch, der sich über sein Schicksal beklagte

Muß ich denn, sprach ein Hirsch, allein

Ein Raub der Hund’ und Menschen seyn?

Vor stündlichen Gefahren beben?

Und länger noch als Andre leben?
Natur! so rief er jämmerlich,
Natur! o warum schufst du mich?



Ein Hase lief bey ihm vorbey.

„Du kleines Thier lebst sorgenfrey.

Wie leicht, wenn Jager uns entdecken,
Kann solch ein Würmchen sich verstecken!“
Wo kam denn jüngst mein Weibchen hin,

Sprach dieser, wenn ich sicher bin?



Indessen trabt ein großer Bär

Tiefsinnig seinen Holzweg her.
Wär’ ich so stark, rief er von neuen,
Wie sollten sich die Jäger scheuen!

Dich zog das Gluck uns allen vor. –

Ja! sprach der Bär, das weiß mein Ohr.

Ein Rebhuhnflug schoß schwirrend auf.
Was hilft mir, sprach der Hirsch, mein Lauf?
O könnt’ ich als ein Rebhuhn fliegen! 
...
Thor! siehst du nicht den Spürhund liegen?

Rief eines fliehend: flieh, wie wir;

Der Jager zielt nach uns und dir.
 
Ein Schuß geschah: der Hirsch entflieht.
Wenn nichts sich der Gefahr entzieht,

Was will ich denn durch stätes Grämen

Mir vor der Zeit das Lehen nehmen?

So sprach der Hirsch. – Mich selber däucht,
Was alle trifft, erträgt man leicht.

Karl Wilhelm Ramler

Freitag, 12. November 2010

Wahrer Ruhm des Reichen



Es sagte Jemand zu einem sehr angesehenen und reichen Manne, man wundere sich in der Stadt, warum er als ein gemeiner Mann lebe, da er doch reich sey. »Ich tue diese,« sprach er, »weil es rühmlich ist, beim Überflusse mäßig und eingezogen zu seyn, und alsdann seinen Lüsten nicht nachzuhängen, wenn man es am leichtesten Thun könnte.«


Vaterländische Unterhaltungen
Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch zur
Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens,
Beförderung der Vaterlandsliebe und gemeinnütziger Kenntnisse
für die Jugend Österreichs von Leopold Chimani
Vierter Teil ,Wien 1815' Im Verlage bey Anton Doll

Dienstag, 19. Oktober 2010

Der alte Wetterhahn



»Man sagt mir nach, ich solle feig mich dreh’n
Nach jedem Wind; vor Zeiten ist’s gescheh’n,
Das räum’ ich ein,« sprach stolz ein Wetterhahn,
»Doch solche Schwachheit hab’ ich abgethan,
Seit Jahren steh’ ich fest auf meinem Turm
Und biete Trotz dem Winde wie dem Sturm.«
Er drehte sich auch nicht, doch offenbar
Nur deshalb, weil er eingerostet war.

Julius Sturm
Neues Fabelbuch
Leipzig, 1881