Posts mit dem Label Spinne werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Spinne werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 20. März 2017

Die goldene Spinne


Der kleine Karlmann war sehr still und hatte immer solche Sehnsucht. Wonach er Sehnsucht hatte, wußte er selber nicht, aber es tat recht weh. Oft besah er sich das Bild seiner Mutter, das in Vaters Studierstube über dem Schreibtisch hing. Sie hatte ein weißes Kleid an und einen grünen Kranz mit einem Schleier auf dem Kopfe und war sehr schön. Karlmann wußte, daß das Kleid ein Hochzeitskleid und der Kranz ein Brautkranz gewesen war. Und nun war sie schon so lange tot, fast so lange wie er lebte.

Manchmal stand er auch am Küchenfenster und sah über den Zaun weg auf die Straße. Da spielten die Kinder »es ging ein Bauer ins Holz« und andere Spiele. Karlmann sah gern zu, aber mitspielen mochte er nicht; die Kinder waren so heftig und laut und etschten ihn aus, weil er so still war. Nein, besser spielte es sich schon mit Mohr; der war gut und freute sich, wenn man ihn von der Kette losmachte und mit ihm um den großen Rasenplatz herumlief.

Am liebsten saß er aber drin bei der alten Nanna und ließ sich Geschichten erzählen; vom Feuermännchen und der Maus Grisegrau oder von der schönen Müllerstochter, die in den Mühlgraben gefallen war und den häßlichen Wasserbock mit dem grünen Barte heiraten mußte. Die allerschönste Geschichte aber war doch die von der goldnen Spinne, die ihre Fäden vom Himmel bis zur Erde spannte. Die Nanna hatte ihm gesagt, daß die goldne Spinne nur goldne Wespen essen könne, und daß sie im Frühjahr in der alten Eiche am Park wohne. Wer ihr eine goldne Wespe bringe, kriege den Himmel zu sehn, hatte sie gesagt. Da dachte der kleine Karlmann oft, wie er wohl der goldnen Spinne eine goldne Wespe bringen könne, aber es fiel ihm nichts ein.

Einmal lag er unter dem Fliederbusch an der Laube. Er hatte die Hände unter den Kopf gelegt und sah dem Luftballon zu, der weit oben im blauen Himmel stand. Das Schiffchen unten glänzte wie Silber, und wieder hatte der kleine Karlmann solche Sehnsucht. Er wäre gern da oben in dem Luftballon gewesen, hoch, hoch über den Bäumen und den Menschen. Der Lehrer hatte gesagt, die ganze Erde wäre nur eine große Kugel. Ob man das von oben sehen konnte? Oder ob man noch höher mußte? Bis an die Sonne, wo die goldne Spinne ihre Fäden festgebunden hatte?

Da flog eine Schwalbe hoch über ihn weg, und – pink – fiel etwas ins Gras. Als er sich aufrichtete und hinsah, war es eine goldne Wespe; da wußte er gleich, daß er die der goldnen Spinne bringen müsse, band sie in sein Taschentuch und ging zum Parke.

Da saß nun der kleine Karlmann und wartete auf die goldne Spinne. Er saß geduldig unter der alten Eiche und guckte sich die seltsamen krummen Äste an. Ja, das mußte wohl die Wundereiche sein! Ihm wurde ganz bange, und er legte sich in das frischgeschnittne Gras. Wie süß das roch, und wie wunderlich die Sonnenstrahlen aus den Zweigen ins Gras hüpften, blank! hopp, hopp, blink, blank! Ob wohl die Engel so tanzen konnten? Die Augen taten ihm weh vom bloßen Hinsehen, und er machte sie lieber zu. Da sah alles noch viel schöner aus! Die hunderttausend goldnen Blättchen und die rote Sonne und die weißen Sternblumen. Da saßen auch die bunten Papageien und der komische Pfefferfresser mit dem mächtigen rotgelben Schnabel und den prächtigen bunten Federn. Die waren gewiß aus dem Zoologischen Garten gekommen, um die goldne Spinne zu besuchen. Ja, und da war sie ja schon selber, die goldne Spinne! Der kleine Karlmann staunte, er hatte sie gar nicht kommen sehn! Und nun war da ein herrliches goldnes Netz, das spannte sich, soweit er sehen konnte, von Baum zu Baum, und ein Funkeln und Leuchten war um ihn her. Die goldne Spinne aber kam auf ihn zu, ließ noch immer neue Fäden aus ihrem Leibe wachsen und sang mit feiner Stimme:

Spinne spinnt im Sonnenschein
goldne Netze schleierfein;
goldne Fädchen, Sonnenfädchen,
für die Knaben, für die Mädchen;
spinnt sie ein,
spinnt sie ein,
spinnt die stillen Kinder ein.

Während sie das sang, hatte sie Karlmann mit den weichen goldnen Fäden ganz umsponnen; aber er fürchtete sich nicht, ihm war wie im allerschönsten Traum ganz wunderselig zu Sinn. Komm mir nach, sagte die goldne Spinne. Karlmann hatte nun ein Kleid von lauter Gold an und wunderte sich, wie leicht und geschickt er klettern konnte! Er nickte den Papageien und dem Pfefferfresser zu, die verwunderte Augen machten, und stieg der goldnen Spinne nach, hoch oben in die Spitze der alten Eiche. Wie ein grünes Meer lag der Park unter ihnen, denn der Eichbaum war höher als alle andern Bäume, viel höher; ja, was war denn das? Er wuchs noch immer höher, bis an die Wolken! Da lag das Haus seines Vaters, er erkannte es an dem Taubenschlag; da lag die Kirche und das Schulhaus, und alles war so putzig klein! Und der Kanal! wie eine silberne Schlange sah der aus!

Der Eichbaum wuchs noch immer. Tiefer und tiefer lag die Stadt unter ihnen. Zuletzt sah er nur noch helle und dunkle Flecke. Über die Berge sah er und über den Wald. Er sah, wie der Kanal in einen großen Fluß mündete, und wie der große Fluß weit, weit in das Land hineinging.

»Jetzt kommt unser Wagen,« sagte die goldne Spinne. Da hielt der kleine Luftballon, den Karlmann vorhin gesehen hatte, grade vor ihnen. Die Spinne spann ihn fest mit einem goldnen Faden, und sie stiegen in das silberne Schiffchen. »Nun sollst du auch sehen, wozu ich die goldne Wespe brauche,« sagte die Spinne. Dabei holte sie das Tierchen hervor und knüpfte zwei starke Fäden um seinen schlanken Hinterleib. Hui, flog die Wespe davon, und die große Spinne hatte ihr Pferdchen am Zügel. »Wenn wir zu Gott kommen, muß sie sterben, aber sie tut es gern, denn Gott wird sie küssen, und das ist das größte Glück,« sagte die goldne Spinne. »Sieh nur, wie die Erde immer kleiner wird, jetzt merkst du schon, daß sie eine Kugel ist, wie der Mond und die andern Sterne auch!«

Karlmann sah erstaunt hinunter. Nur Land und Wasser konnte er noch unterscheiden und die hohen Berge. Und immer weiter flog die Wespe mit dem silbernen Schiffchen, an dem Mond vorüber, der auch Berge und Meere hatte, und an tausend Sternen vorbei, großen und kleinen, roten und weißen, blauen und grünen.

»Wenn du jetzt nicht dein goldnes Kleid anhättest, müßtest du erfrieren; hier ist die Luft so dünn und kalt, daß kein Mensch drin leben kann,« erklärte die goldne Spinne, »bald aber sind wir im Garten der jungen Engel, da ist es warm, und da werden wir bleiben.«

Karlmann war noch stiller als sonst, aber er hatte gar keine Sehnsucht, er mußte nur immer und immer die funkelnden Sterne ansehen.

Endlich waren sie im Garten der jungen Engel. Ein großes Tuch aus weißem Sammet war zwischen vier Sternen ausgespannt. Bäume und Blumen wuchsen da, wie auf der Erde, nur viel höher und leuchtender. Durch die Büsche flogen seltsame, große Vögel. Dazwischen standen und saßen viele hundert Engel, die hatten Geigen oder Flöten in den Händen, einige lasen auch in Büchern. Alle hatten weißseidne Gewänder an und Sonnenstrahlen um den Kopf. In der Mitte stand ein großer Stuhl. Der war aus weißen Wolken gebaut, und vier große graue Adler saßen auf der Lehne. »Das ist der Thron des lieben Gottes,« sagte die goldne Spinne und ging mit Karlmann an den Engeln vorbei, die freundlich grüßten. Sie setzten sich an den Stufen vor Gottes Thron nieder, und die Spinne erzählte: »Heut ist Sonnwendfest, heut kommt Gott hierher und küßt die Seelen, die neu in den Himmel gekommen sind; dann werden sie selig und bekommen Flügel. Höre, die Engel machen schon Musik.«

Solche Musik hatte aber Karlmann noch nie gehört! Es klang wie das Rauschen von Bäumen und von Wasserfällen, wie das Summen von Käfern und von Grillen, dazwischen kamen lange Töne, als ob die Nachtigall riefe. Und alles war so feierlich, daß Karlmann kaum zu atmen wagte. Als er sich aber nach der goldnen Spinne umsah, mußte er die Augen zutun vor all dem Glanze! Wie die liebe Sonne selbst stand sie da, und auf ihrem funkelnden Netze kletterten die kleinen Engel auf und ab! Auf dem Throne aber saß ein großer schöner Mann mit weißem Bart und weißen schlanken Händen. Und alle Engel beugten sich vor ihm, und alle Engel küßte und segnete der liebe Gott, und alle bekamen Flügel und hatten selige Augen.

Die goldne Spinne aber hatte auf einmal das schöne Gesicht von seiner verstorbenen Mutter und hatte einen langen Schleier und einen Kranz auf dem Kopfe. Sie nahm Karlmann bei der Hand und führte ihn zu Gott. »Küsse ihn auch, Herr,« bat sie, »küsse ihm die böse Sehnsucht fort, daß er lustig wird wie die andern Kinder und im Sonnenlicht mit ihnen spielen kann.«

»Küssen will ich ihn wohl,« sagte der liebe Gott und zog Karlmann zu sich heran, »aber seine Sehnsucht kann ich ihm nicht wegküssen, die muß er behalten.« Und Gott küßte Karlmann auf die Stirn. Da brauste der Himmel; tausend Glocken läuteten, dem Kinde war, als fiele ein großes Feuer in sein Herz, er schluchzte laut vor Seligkeit und fiel auf die Knie.

Als er sich wieder aufrichten und Gott und seine schöne liebe Mutter noch einmal ansehen wollte, war es dunkel um ihn her; er fiel, die Sinne vergingen ihm fast, er fiel, lautlos und schnell fiel er durch die Nacht, immer tiefer, immer tiefer, bis er unten im Park auf der Erde lag. Es war an derselben Stelle, wo ihn die Spinne abgeholt hatte. Er stand auf und ging nach Hause. Nanna und Mohr standen vor der Tür und wollten ihn eben suchen gehen. Die Nanna meinte, er hätte geschlafen und geträumt, er wußte es aber besser.

Er blieb noch immer der stille, kleine Karlmann; aber wenn die Sonne durch die Zweige schimmerte, sah er die goldne Spinne, die die Augen seiner Mutter hatte, mitten in ihrem Strahlennetze sitzen, und die kleinen Engel daran auf- und niedersteigen. Und wenn die böse Sehnsucht kam und ihn quälen wollte, fühlte er Gottes Kuß auf der Stirn und das Feuer im Herzen, und dann tat dem kleinen Karlmann die böse Sehnsucht nicht mehr weh.

Paula Dehmel

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Die Spinne am Kreuz


Als Jesus auf dem Kalvarienberge mit dem Tode rang, sah eine Spinne seine Glieder mit Fliegen bedeckt, erbarmte sich seiner Qualen und ging daran, ein Netz um seine schmerzenden Füße zu ziehen. Nach dieser guten Tat zieht sich die mitleidige Spinne an das Ende eines Fadens zurück. Aber wie sie sich entfernt, zeichnet sich plötzlich der Schatten des Kreuzes auf ihrem Körper ab, so weiß wie eine Lilie, und die Gartenspinne hat ein solches immer behalten.
aus Frankreich
Oskar Dähnhart: Natursagen
4 Bände, Leipzig-Berlin, 1907-1912

Mittwoch, 29. Juni 2011

Die Schwalbe und die Spinne


Die Schwalbe baute sich ein Nest
An einem hohen Balken vest;
Daselbst ward auch von einer Spinnen,
Die sich nicht weit davon befand,
Ein Netz gewebt und ausgespannt.
Um ihre Nahrung zu gewinnen.
Eh du, sprach sie, dein Nest erbaut,
Wollt‘ ich wohl dreissig Netze weben;
Wie viele Müh‘ mußt du dir geben,
Eh‘ man des Werkes Fortgang schaut!
Du holst dein Bauzeug erst von weiten,
und suchst es da und dort herfür;
Ich aber hab‘ es selbst bey mir,
Und kann es aus mir zubereiten;
Wie bin ich gegen dich beglückt!
Wie bald ist nicht mein Netz gestrickt!
Wie bald ist nicht mein Garn gewebet,
Das künstlich in den Lüften schwebet!

Ja! ja! rief jene, du hast recht
Die Arbeit wird mir schwer und sauer;
Allein ich bau‘ auch auf die Dauer,
Und nicht nur obenhin und schlecht;
Ich bin zwar langsam; du geschwinde,
doch siehst du, wie mein Werk besteht,
Da deins hingegen von dem Winde
Und anderm Zufall, leicht vergeht.

* * *

Ihr, die ihr alle Vierteljahre
Ein neues Buch ans Licht gebracht,
Und wegen eurer leichte Waare
Diejenigen aus Stolz verlacht,
Die nur auf dieser Meynung bleiben,
Zwar langsam, aber gut, zu schreiben:
Glaubt, euer Werk wird euch mehr Schmach,
Als Ehre, Ruhm und Vortheil, geben;
Ihr baut; doch lauter Spinnenweben;
Ihr schreibt geschwind; es ist darnach.

Fabeln von Karl Friedrich Kretschman
aus: Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799

Mittwoch, 3. Februar 2010

Die Spinne und das Podagra


Foto: Jeremias Radke

Das Podagra und eine Spinne,
Geführt von ihrem Eigensinne,
Entschlossen sich, die Welt zu sehn
Und Abenteuern nachzugehn.
Sie trafen unterwegs sich an,
Und grüßten sich, da sie sich sahn,
So leicht, so artig und galant,
Als hätten sie sich längst gekannt.
Ich dächte (sprach das Podagra),
Wir setzten nach dem Dorfe da
Zusammen unsre Reise fort.
Es scheint ein wohlgelegner Ort,
Und sind Madam so müd' als ich,
So wird uns Beiden, sicherlich,
Jedwede Herberg, groß und klein,
Auf diese Nacht willkommen seyn.
Der Spinne war das eben recht.
Sie kamen an das Dorf. Geschwächt,
Hinfällig, kraftlos und halb lahm
Erlag das Podagra und nahm,
So bald als möglich, voll Begier,
Beim ersten Bauer das Quartier.
Die Spinne hielt sich für gescheuter
Und nahm den Weg noch etwas weiter,
Bis zu des Edelmannes Haus;
Hier wählt' sie einen Saal sich aus,
In welchem man mit großem Prachte
Zu einem Gastmahl Anstalt machte.
Sogleich nahm sie nach ihrem Witz
Von einem Fensterrahm Besitz;
Hub an, mit emsigem Bestreben,
Viel ihrer Fäden anzukleben.
Doch eh' ihr Netz noch fertig war,
Nimmt eine Stubenmagd es wahr,
Die mit dem Besen d'rüber fährt
Und unbarmherzig es zerstört.
Die Spinne hub von Neuem an
Zu weben, wie sie erst gethan;
Da ward der Saal voll Herr'n und Damen,
Mit denen viel Lakaien kamen.
Ein naseweiser Bursche sah
Der Spinne Netz, und rief: Sieh' da,
Was machst du hier? und stieß sogleich
Den Hut quer durch ihr Fadenreich.
Die Spinne ließ sich's nicht verdrießen,
Und heftete mit muntern Füßen
Ihr hangend halbzerstörtes Nest
Zum dritten Mal am Fenster fest.
Da trat ein junges Fräulein her,
Das sah am Fenster ungefähr
Die Spinne hangen, und schrie laut:
Ach, Herr Baron, mir graut, mir graut!
Und wies mit Schrecken auf die Spinne.
Kaum ward der Herr Baron sie inne,
So zog er wie ein Held den Degen,
Fing an im Netz herumzufegen,
So daß mit Noth die Spinn' entkam
Und aus dem Saal den Abschied nahm.

Dem Podagra ging's fast auch so,
Es ward der Herberg wenig froh.
Nachdem es lange g'nug gesessen,
Sprach es: Ich möcht' ein wenig essen!
Der Bauer brachte trocken Brod,
Zum Trunk dazu kalt Wasser bot;
Dies waren nach so langen Reisen
Für's Podagra sehr schlechte Speisen.
Es aß nicht viel, trank kaum dazu,
Und sprach betrübt: Bringt mich zur Ruh'!
Da wies der Bauer ihm zum Bette
Gar eine harte Lagerstätte,
Worauf ein wenig Stroh nur lag.
Hier lag es kläglich, bis der Tag
Im Osten an zu grauen fing,
Und seufzend es von dannen ging.

Es traf die Spinne wieder an,
Die auch kein Auge zugethan;
Und alle Beide klagten sich,
Wie elend und wie jämmerlich
Sie beiderseits die vor'ge Nacht
In Furcht und Sorgen zugebracht;
Ich seh' wohl, wo der Knoten sitzt,
(Sprach d'rauf das Podagra). Dir nützt
Zum Aufenthalte kein Palast;
So wie ich niemals Ruh' und Rast
Bei schlechten Bauern finden kann.
D'rum geh' du zu dem armen Mann,
Und ich will deinen Junker sehn,
So soll das Ding wohl besser gehn.
Dies waren Beide wohl zufrieden,
Und Beide gingen nun verschieden
Den Weg, so wie der Abend kam.
Das Podagra, voll Hoffnung, nahm
Zum Schloß des Junkers seinen Gang.
Und mit welch freudigem Empfang
Ward es von ihm nicht aufgenommen!
Kaum sah er es gehinket kommen,
So nahm er's höflich bei der Hand,
Führt's in sein Zimmer; d'rinnen stand
Ein Sopha mit viel weichen Kissen,
Davon legt' er ihm drei zu Füßen,
Und sprach: Ihr Gnaden fordern dreist,
Was Ihrem Gaum willkommen heißt.
D'rauf rief er seine Diener her;
Da ward der Tisch nicht einmal leer
Von Thee, und Kaffee, und Orsade,
Von Chokolad' und Limonade,
Alsdann ward von der Schüsseln Menge
Die große Tafel fast zu enge;
Da kam französisches Ragout,
Weit umher dampfend nach haut Gout,
Schön Rostbeef, nach der Briten Art,
Und Austern mit und ohne Bart;
Dann kamen Austern am Kapaun,
Dann Austern, schön gebraten, braun;
Dann wieder Austern in Pasteten,
Dann Fisch mit Austern, bis zum Tödten;
Und schöne Braten, vom Fasan,
Bis auf den feisten Ortolan.
Kurz, Alles, was die Schmausewelt
Für ächte Leckerbissen hält,
War so im Ueberflusse da,
Als wär' es in Hammonia.
Die Weine? ja, wer kann die zählen?
Gewiß! hier durfte keiner fehlen,
Und das Probiren riß nicht ab,
Vom Franzwein bis zum Vin de Cap,
So daß das Podagra sogar
Satt bis zum höchsten Ekel war.

Die Spinne trat zum armen Mann
Indeß auch ihre Wallfahrt an.
Sie fand bei ihm ein freies Leben,
Fing an zu haspeln und zu weben
Nach Herzenslust mit Füßen, Händen
An Thüren, Fenstern, Balken, Wänden,
Und machte sich manch schönes Netz
Nach ihres Eigensinns Gesetz;
Rund mit viel Strahlen krumm und schief,
Gleich, ungleich, seltsam, flach und tief.
So herrschte sie im ganzen Haus,
Und Niemand stört' und trieb sie aus.
Als d'rauf die beiden Wanderer
Nach kurzer Zeit von ungefähr
Sich wieder sahn, da rühmten beide,
Mit welcher wahren Lust und Freude
Ihr Leben nun versüßet sey.
Jedwedes blieb der Herberg treu;
Vergnügen war auf beiden Seiten.
Und so wohnt noch zu unsern Zeiten
Die Spinne bei den Armen gern,
Das Podagra bei großen Herr'n.

Just Friedrich Wilhelm Zachariä

Donnerstag, 17. September 2009

Die Spinne und die Schwalbe


Die Spinne sah mit Misvergnügen,
Wie öfters eine Schwalbe kam,
Und, durch den Raub der besten Fliegen,
Ihr Unterhalt und Nahrung nahm;
Dieß, sprach sie, kann ich nicht mehr leiden,
Ich will dir die Gelegenheit,
Du Nahrungsdieb, gar bald beschneiden.

Drauf zog sie in Geschwindigkeit
Ein Netz vor die zerbrochnen Scheiben,
Wodurch die leichte Schwalbe flog;
Hier dachte sie, wird sie hangen bleiben,
Wiewohl sie sich gar sehr betrog.

Denn als die Schwalbe wiederkommen,
hat sie das Netz, weil es nicht hielt,
Zusammt der Spinnen fortgenommen;
So war die Rachlust schlecht gekühlt.
*
Wenn Schwächre sich an Stärkern rächen,
Pflegt es nicht anders herzugehn;
Wo Nachdruck und Gewalt gebrechen,
Da läßt sichs schwerlich widerstehn.
Ein Zorn, der ohne Kraft und Macht,
Tobt nur umsonst, und wird verlacht.

Daniel Wilhelm Triller
aus: Neue Aesopische Fabeln,
wrinnen in gebundener Rede
allerhand erbauliche Sittenlehren
und nützliche Lebensregeln
vorgetragen werden.
Hamburg, 1740

Montag, 10. August 2009

Der Seidenwurm und die Spinne


Der Raupen edelste, die Weberinn der Seide,
Spann sich ihr Grab zu eines Fürsten Kleide;
Nicht weit von ihr hing an der schwarzen Wand
Die Künstlerin, die Pallas überwand.
Noch war von ihr nicht ganz der alte Stolz entwichen,
Sie hatte sich Minerven einst verglichen,
So hielt sie unter sich jetzt Raupen weit entfernt:
Wo hast du armer Wurm dein Spinnen wohl gelernt?
Dein Faden ist zu grob, und viel zu derb gewunden.
Bewundre meine Kunst, wie zart sie Fäden zieht;
Die Fliege findet sich gebunden,
Noch eh' sie das Gewebe sieht;
Mit minderm Stoff, als da dein Ey umhüllt,
Wird eine Wand von mir erfüllt;
Zwar du bist blind: mit so viel Kunst zu weben,
Sind von der Götter Huld acht Augen mir gegeben.
Den Vorzug, der dich ziert, hast du mir g'nug erklärt,
Doch wirst du, sprach der Wurm, die Antwort auch vergönnen:
Acht Augen, die nur Mücken kennen,
Sind wenig mehr, als meine Blindheit werth:
Und wenn sich mein Gespinnst auf Throne darf erheben,
So lern' ich wohl von dir nicht Fliegennetze weben.

Abstrakte Logiker, merkt euch den Unterricht,
Euklides lernt von euch des Denkens Regeln nicht.

Abraham Gotthelf Kästner

Sonntag, 9. August 2009

Die Spinne und die Mücke


Eine Spinne fing eine große FleischFliege, mit der sie lange Zeit nur tändelte. - Endlich ersah die Fliege ihren Vortheil, und entkam. Gleich darauf flog eine Mücke ins Gewebe, und blieb hangen.
»Du entfliehst mir nicht mehr«, sagte die Spinne.
»Warum«, fragte die Mücke, »muß denn ich, als ein so kleines Insekt, hangen, da du doch die große Fliege so gnädig entlassen hast?«
»Ist dir das SprüchWort nicht bekannt?« versetzte die Spinne: »Große Diebe läßt man laufen, und kleine müssen hangen.«
-
Wie leicht ist der Sinn dieser Fabel zu enthüllen!

Joseph Krause
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Strasburg und Mainz, 1801

Mittwoch, 18. März 2009

Velázquez: Die Fabel der Arachne

Quelle: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Die Lydierin Arachne trägt einen Wettstreit im Weben mit der Göttin Athene aus. Sie verliert und wird von Athene in eine Spinne verwandelt. Velázques hat diesen Mythos in seinem Bild »Die Spinnerinnen« thematisiert – allerdings nich
t direkt. Die alte Frau links im Vordergrund mit dem entblößten (jugendlich aussehndem) Bein stellt die Göttin Athene da, die unerkannt am Wettstreit teilnimmt, das Mädchen daneben Arachne. Im Hintergrund ist ein Bild zu sehen, das Zeus und Europa thematisiert, das Webstück, das Arachne gefertigt hat.

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Fliege und Spinne


Lange saß die Spinne am Rande des Netzes, bis die Fliege sich darin verfing. Gnädig betäubte sie die Gefangene, bevor sie ihr das Leben aussaugte, um eigenes zu erhalten.

Horst-Dieter Radke

Freitag, 26. September 2008

Die Spinne


Foto: ⓒ Jeremias Radke

Hochmütig über ihre Künste,
Warf vom durchsichtigen Gespinste
Die Spinne manchen finstern Blick
Auf einen Seidenwurm zurück;
So aufgebläht, wie ein Pedant,
Der itzt, von seinem Wert erhitzet,
In Werken seiner eignen Hand
Bis an den Bart vergraben sitzet,
Und auf den Schüler, der ihn grüßt,
Den Blick mit halben Augen schießt.
Der Seidenwurm, den erst vor wenig Tagen
Der Herr zur Lust mit sich ins Haus getragen,
Sieht dieser Spinne lange zu,
Und fragt zuletzt: "Was webst denn du?"
"Unwissender!" läßt sich die Spinn erbittert hören,
"Du kannst mich noch durch solche Fragen stören?
Ich webe für die Ewigkeit!"

Doch kaum erteilet sie den trotzigen Bescheid:
So reißt die Magd, mit Borsten in den Händen,
Von den noch nicht geputzten Wänden
Die Spinne nebst der Ewigkeit.

----

Die Kunst sei noch so groß, die dein Verstand besitzet,
Sie bleibt doch lächerlich, wenn sie der Welt nicht nützet.
Verdient, ruft ein Pedant, mein Fleiß denn keinen Dank?
Nein! Denn er hilft nichts mehr, als andrer Müßiggang.

Christian Fürchtegott Gellert

Donnerstag, 18. September 2008

Feindschaft zwischen Kröten und Spinnen


Erasmus von Rotterdam in seinen Gesprächen erzehlet eine Geschicht, welche würdig ist, daß man sie mercke: Und ob er zwar selber es eine Fabel nennet, so bezeugets doch jetzund die tägliche Erfahrung, daß es sich in der Natur wahrhafftig also befindet. Zwischen der Spinnen und der Kröten ist eine innerliche und inbrünstige Feindschafft und grosse Widerwärtigkeit, daß wann die Spinne der Kröten ansichtig wird, sie alsbald diese anfähret und zu tödten sich bemühet.

Auf eine Zeit hatte ein Mönch in Britannien etliche Bündlein Grases oder Binsen gesammlet, selbige in seine Kammer zu streuen zur Erfrischung. Er legt sich schlaffen aufm Rücken, siehe, da kreucht ihm eine grosse Kröte ans Maul, hefftet sich an die Ober- und Unter-Leffze mit ihren vier Füssen gar fest. Die Kröte mit Gewalt abzureissen wäre der gewisse Tod gewesen: Sie sitzen lassen und so immerfort am Munde tragen, wäre greulicher als der Todt. Was war hier für Mittel und Rath? Da seynd etliche Naturerfahrne Leute gewesen, welche gerathen, man solte den Mönch ans Fenster tragen, aufn Rücken legen, gerade unter eine grosse Spinne, die eben zur Zeit allda ihre Herberge hatte. Solches ist geschehen. Die Spinne, so bald sie ihres Feindes, der Kröten gewahr worden, hat sich mit einem Faden schleunig herunter gelassen, ist der Kröten aufn Leib gesessen, ihr einen Stich gegeben und alsbald wieder mit ihrem Faden in die Höhe gefahren. Die Kröte fänget an zu schwellen, bleibet aber sitzen. Die Spinne sticht noch einmal: Die Kröte schwillet noch mehr, stirbt aber doch nicht. Endlich drittens wie die Spinne noch eins gestochen, hat die Kröte ihre vier Füsse nach sich gezogen, ist gestorben und vom Mönche abgefallen.

Es ist nichts in der Natur so böß oder gifftig, daraus den Menschen nicht kan Nutz und Frommen entstehen.

Quelle: Lauremberg, Peter: Neue und vermehrte Acerra philologica, Das ist: Sieben Hundert auserlesene, nützliche, lustige und denckwürdige Historien und Discursen, aus den berühmtesten griechischen und lateinischen Scribenten zusammengetragen [...], Frankfurt am Main, Leipzig, 1717, S. 483-484.

Mittwoch, 3. September 2008

Die Spinnengerechtigkeit



Auch die Spinne wollte einst gerecht sein und sagte der Besenfrau, welche alle Wochen einmal ihr Haus in den Staub legte, sie sei gewiß kein so böses Geschöpf, als man sie allgemein dafür halte; es sei freilich wahr, sie empfinde nicht alles immer richtig, was an den äußersten Spitzen ihrer langen Spindelgebeine vorgehe. Und wenn sie zuzeiten genötigt sei, ein unglückliches Tier wegen Frevel und Unruhe zu ihrem Haupt bringen zu lassen, so sei sie ganz unschuldig, wenn ihre gefühllosen Fingerspitzen ein solches Tier etwa zu hart in die Klauen fassen.
Heinrich Pestalozzi