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Donnerstag, 7. Mai 2015

Die zerrissene Eidechse


Horch! mitten von einander riß die Eidechse,
Die sich der Schlang’ an Länge wollte gleich machen.

Babrios und die älteren jambendichter
Griechisch mit metrischer Uebersetzung und prüfenden und erklärenden Anmerkungen
von
Johann Adam Hartung
Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig, 1858

Donnerstag, 17. März 2011

Henne und Marder


121.

Die Henne war einst krank: der Marder kam, steckte
Den Kopf herein und frug: »Wie geht’s? Woran fehlt dir’s?
Ich will dir Alles geben: nur gesund werd’ mir!«
Sie sagte: »Geh’ nur fort! Dann muß ich nicht sterben.«

Johann Adam Hartung
aus: Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig, 1858

Mittwoch, 16. September 2009

Welches die schönste Art einfacher Fabeln sei


… Unter den einfachen Fabeln und Handlungen sind die episodischen die schlechtesten. Ich verstehe unter episodischer Fabel diejenige, in welcher das Anreihen der Auftritte (Episodien) weder auf Wahrscheinlichkeit noch auf Nothwendigkeit beruht. Solche Fabeln werden von schlechten Dichtern um ihrer selbst willen, von guten aber den Schauspielern zu Gefallen gedichtet. Indem sie nämlich Musterleistungen dichten wollen und die Fabeln über Vermögen ausdehnen, sehen sie sich genöthigt den Zusammenhang zu stören.

Weil aber die Tragoedie nicht allein Nachahmung einer vollständigen Handlung ist, sondern auch dessen was Furcht und Mitleid erregt, und dieses am meisten und mehr entsteht, wenn die Dinge sich aus einander wider Erwarten entwickeln … werden sie auch mehr Erstaunliches enthalten als wenn sie willkührlich und zufällig sind, weil selbst vom Zufälligen dasjenige am wunderbarsten erscheint, was wie mit Absicht geschehen scheint, z.B. wenn die Bildsäule des Mitys in Argos durch ihren Umsturz den Mörder des Mitys, als er sie betrachtete, erschlug; denn dergleichen scheint kein blindes Ohngefähr zu sein; so sind derartige Fabeln nothwendig schöner

Johann Adam Hartung
aus: Lehren der Alten über die Dichtkunst

Samstag, 20. Juni 2009

Einheit der Fabel und dramatische Gestaltung

Von der erzählenden aber und in Hexametern nachahmenden Poesie ist klar, daß die Fabeln wie in den Tragoedien dramatisch gestaltet werden und sich um eine einzige vollständige und vollendete Handlung drehen müssen, welche Anfang, Mitte und Ende hat, auf daß sie, wie ein einziges organisches Ganzes, die ihr eigenthümliche Ergötzung gewähre, und daß der Plan nicht der Geschichtschreibung gleich sein muß, bei welcher natürlich nicht Darlegung einer Handlung, sondern eines Zeitlaufs Aufgabe ist, was nämlich in diesem in Bezug auf einen oder mehrere sich zutrug, wo dann das Einzelne nur zufällig mit einander in Beziehung steht.

J.A. Hartung
Lehren der Alten über die Dichtkunst
Durch Zusammenstellung
Mit denen der besten Neueren
Hamburg und Gotha, 1845

Mittwoch, 17. Juni 2009

Das kackende Kamel


Ein Wasser, welches reißend strömt, hindurch watet
Ein buckliges Kameel, und kackt, und sieht vornen
Vor sich den Unrath fließen. »Weh, mir geht’s übel!
Das Hint’re, sprach es, seh’ ich vornen hinkommen!«

Johann Adam Hartung
aus: Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig, 1858

Mittwoch, 29. April 2009

Delphine und Walfische


Delphine hatten Fehde mit den Walfischen:
Da wollt’ ein Krebs sich zum Vermittler aufwerfen.
Doch dem entgegnet einer von den Delphinen:
»Wir wollen doch noch lieber uns zu Grund’ richten
Einander, als dich haben hier zum Schiedsrichter.«

Babrios
Ü: Johann Adam Hartung
Leipzig, 1858

Dienstag, 17. März 2009

Über die Bedeutung des Babrios

Als mit der Freiheit und Unabhängigkeit zugleich das eigenthümliche Volksleben der griechischen Städte und Landschaften, und mit ihm die Zeugungskraft immer neuer Dicht- und Kunstarten untergegangen war unter der Herrschaft der Könige nach Alexander, that Theokrit einen glücklichen Griff in der Poesie des Stillebens, indem er aus der Komödie der Sicilier und den Mimen heraus das Idyll schuf, und damit gewann die Poesie, den damaligen Zuständen angemessen, eine neue Belebung, welche mehrere Jahrhunderte nachhalten konnte. Der zweite glückliche Griff zur Zeit der römischen Kaiserherrschaft war die Fabeldichtung des Babrios, eine Unterthanen-Poesie welche ihren Stoff aus dem von jeher despotisch beherrschten Orient durch eine Sclaven zugeführt erhalten hatte, und, eben weil sie so gut für die damalige Menschheit paßte, allgemein mit Liebe aufgenommen und mit Eifer gepflegt worden ist. Babrios ist der letzte volksthümliche Dichter des Alterthums, und die Fabeldichtung das letzte naturwüchsige Erzeugniß auf dem Boden der griechischen Welt …
Johann Adam Hartung
im Vorwort zu:
Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig 1858

Montag, 9. Februar 2009

Vorrede zum zweiten Buche

O Königs Alexanders Sohn, die Thierfabel
Ist alte Erfindung, die vom Syrervolk herrührt.
Aus jener Zeit wo Bel und Ninos dort herrschten.
Bei Griechenkindern hat zuerst Aesop solche
Erzählt, so sagt man: vom Kybisses her stammen
Die libyschen Fabeln., und zu neuer Versdichtung
Gestalt’ ich sie, und zäum’ in goldne Kinnketten
Den Fabeljambos, gleich ‘nem Roß in Kriegsrüstung.
Nachdem ich einmal aufgethan das Thor hatte,
Sind viele eingedrungen, welche gleich Räthseln
Fein ausgedachte Musen-Schöpfung aushecken,
Und außer Unverständniß nichts gelernt haben.
Doch ich erzähl’ in blanker Sprache aufrichtig,
Und will der Jamben Zähne gar nicht scharf wetzen,
Im Feuer prüfen, und den Stachel abbrechen,
Und so im zweiten Gang dir dieses Buch singen.

Babrios
Ü: Johann Adam Hartung
Leipzig 1858

Dienstag, 3. Februar 2009

Hund und Herr


Das Hündchen stand, indem der Herr wollt’ ausgehen.
Der sprach: »Was gaffst du? mache dich nur ganz fertig,
Mit mir zu geh’n.« Da hob der Hund den Schweif höher,
und sprach: »Ich bin schon fertig: aber du zögerst.«

Babrios
Ü: Johann Adam Hartung (1858)

Freitag, 30. Januar 2009

… und sich lediglich an den Verstand richtet

Also nicht die Tendenz zu lehren an sich, und auch nicht die beabsichtigte Einwirkung auf bestimmte im Leben eines Volkes oder Menschen vorgekommene Zustände macht, daß die Fabel weniger poetischen Werth hat als ein anderes Gedicht (denn welcher Dichter will nicht mit seinem Gedicht auch gewisse Lebensansichten oder Erkenntnisse veranschaulichen und welcher wird nicht durch vorkommende Ereignisse, welche ihn stärker berührten, zur Wahl eines Stoffes veranlaßt und bei dessen Bearbeitung gleitet?), sondern der Umstand, daß sie nichts mit den Empfindungen zu thun hat, keine Rührung, mithin auch keine Reinigung (Läuterung) irgend einer Leidenschaft, bewirken will, und sich lediglich an den Verstand richtet, macht die Fabel so wie auch die Parabel, zu einem prosaischen Gedichte.

Johann Adam Hartung
im Vorwort zu:
Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig 1858

Samstag, 3. Januar 2009

Der Bauer im Weingarten


Ein Bauer grub einmal in seinem Weingarten,
Verlor dabei die Hack’ und als er nachforschte,
Ob nicht der Dieb sei unter seinen Arbeitern,
So leugnet jeder, und er kann sich nicht helfen,
Führt alle hin zur Stand, und läßt sie dort schwören.
Denn auf dem Lande wohnen nur die einflält’gen
Gottheiten, glaubt man: innerhalb der Ringmauern
Sind die die Alles wissen und die Wahrhaften.
Doch als sie stehend hinterm Thor die Füß’ wuschen
An einem Quell und ihre bündel ablegten,
Da ruft ein Herold: “Tausend Drachmen dem, welcher
Den Räuber, der den Gott bestahl, uns anzeigtet!”
Und er, das hörend, spricht: Ich komm’ umsonst also:
Wie soll der Gott wohl kennen fremde Spitzbuben,
Der seine eigenen Diebe selbst nicht ausfindet,
Und um Belohnung Menschen sucht, die’s anzeigen?

Babrios
Übersetzung: Johann Adam Hartung
Leipzig 1858