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Dienstag, 11. August 2015

Der Elephant und der Biber

Ein Elephant und ein Biber sprachen einsmals von dem Laufe der Welt mit einander, sowohl in Ansehung der Thiere, als der Menschen. Unter andern Dingen fragte der Biber den Elephanten, welche Herrlichkeit er sich am liebsten wünschen mögte, entweder Reichtum, oder Weisheit? Der Elephant antwortete: ich wollte mir wohl Weisheit wünschen, wenn ich nicht sähe, daß so viele weise Sooicitanten und studirte Leute mit niedergeschlagenen Köpfen in den Vorgemächern der Narren stünden.

aus: Moralische Fabeln
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.C.
Kopenhagen, 1761

Donnerstag, 20. Juni 2013

Von der Maus im Käse


Die Katze fand eine Maus, die sich in einen fetten Käse so tief eingegraben hatte, daß man nichts mehr als nur den Kopf von ihr sehen konnte. Die Katze fragte, was sie hier zu bestellen hätte? Worauf die Maus versetzte: ich habe mich der Welt entschlagen. Die Katze sagte darauf: Ich preise diese deine Philosophie. Ich will deinem Beyspiele nachfolgen, und auf eben diese Art mich auch der Welt entschlagen. Hierauf fraß sie so wohl die Maus als den Käse auf.

Diese Fabel lehret, daß viele, die den Umgang mit andern Leuten scheuen, und unter dem Vorwande, sie hätten sich der Welt entschlagen, sich insgeheim in Wollust und Unmäßigkeit herumwälzen.



Moralische Fabeln
mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Sonntag, 23. September 2012

Der Krieg zwischen den Leoparden und Tygern

Aus Brehms-Tierleben
Quelle: Wikipedia

Im Anfange des Monats Miriak ward im Walde ein sehr hohes Fest dem Waldgotte, Pan, zu Ehren , gefeyert. Auf diesem Feste fanden sich alle Arten der Thiere ein. Die Vornehmsten unter dieser versammleten Schaar waren ein Leopard und ein Tyger; jeder von ihnen war das Haupt seiner Nation. Beyde waren an diesem Tage in tiefer Trauer; denn der Leopard hatte seine Frau, der Tyger aber seinen Sohn verloren. Mitten unter der größten Feyerlichkeit ward die Sonne verfinstert. Da man dieses gewahr ward, und die anwesenden Thiere sehr darüber erschracken, bat sie der Tyger, nur alle Furcht, wegen eine bevorstehenden Unglücks, auf die Seite zu setzen; denn, sagte er: Die Sonne trauert über den Tod meines Sohnes, und weiter bedeutet diese Finsterniß nichts. Der Leopard hingegen meynte: diese Finsterniß geschähe wegen des Todesfalles, der in seinem Hause vorgegangen war. Dieses konnte der Tyger nicht leiden, und daher fragte er den Leoparden, was er sich wohl einbildete? Der Leopard, der eine eben so niederträchtige Ambition besaß, blieb auf seiner Meynung, und gab eine harte Gegenantwort. Kurz: Ein Wort gab das andere, bis endlich alles dadurch in Feuer und Flammen gerieth. Die ganze Schaar der Thiere nahm die Flucht, und die streitenden Partheyen droheten einander mit einem offenbaren Kriege, welcher sich auch sofort anfieng.

Menge von allerhand Thieren erhielt Befehl, im Felde zu erscheinen, oder sie ward auch gegen Besoldung angeworben. Die Vögel hingegen wollten sich in diese Sache nicht mischen denn, obschon der Adler von beyden Partheyen um Beystanmd ersucht ward, so wollte er doch keinem Vogel erlauben, sich zu der einen oder zu der andern Parthey zu schlagen; er erklärte sich also im Namen der ganzen fliegenden Nation, neutral zu bleiben. Von denen kriechenden Thieren wollten die Fischotter und der Seehund auch nichts damit zu thun haben; denn da der Krieg blos zu Lande geführt ward, diese sich aber meistens im Wasser aufhielten, so sagten sie: sie gehörten unter den See-Stat. Nachdem der Krieg eine Zeitlang mit grosser Hitze war geführt worden, ward endlich nach vielem Blutvergiessen der Friede folgendergestalt geschlossen: Eine jede derer streitenden Partheyen sollte bey ihrer Meynung bleiben, und alles sollte wieder in den Stand gesetzet werden, in welchem es vor dem Kriege war.

Diese Fabel lehret, daß die heftigsten Zwistigkeiten oft aus Kleinigkeiten entstehen, an denen gar nichts gelegen ist; ingleichen, daß die blutigsten Kriege, die unter denen Menschen geführet werden, auf eben diese Art geendigt werden. man führet also Krieg blos darum, um Krieg zu führen.


Moralische Fabeln
mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg übersetzt durch J.A.S.K.D.
Kopenahgen: Mumme, 1761


Sonntag, 5. August 2012

Vom Luchs


Fabel 34

Ein Luchs, der im Walde Obervisitator war, verlor einstmals durch ungesunde Feuchtigkeiten das eine Auge. Alle Tiere, insbesondere diejenigen, welche Handelsleute waren, erfreuten sich darüber, indem sie meinten, er werde nunmehr nicht so scharfsichtig wie zuvor sein. Aber der Fuchs sagte: Ihr törichten Kreaturen! ihr freut euch über euer eigenes Unglück; denn niemand unterscheidet und sieht richtiger, und gleichsam auf ein Haar, als ein Einäugiger.

Diesfalls sagt man im Sprichwort: Nimm dich vor demjenigen in Acht, der nur ein Auge hat.

Diese Fabel lehret, dass sich manche über gewisse Begebenheiten freuen, die ihnen hernach zum Schaden gereichen.

Ludvig Baron Holberg
13. Dezember 1684 in Bergen, Norwegen.
† 28. Januar 1754 in Kopenhagen.

Samstag, 14. Januar 2012

118. Die Klage des Mondes


Der Mond beschwerte sich einstmals bey seiner Mutter über die Hunde, die ihm ganze Stunden mit größter Bitterkeit anbelleten. Er meynte, dergleichen weder bey Thieren noch Menschen verschuldet zu haben. Die Mutter sagte darauf: Ey! meine Tochter! Nimm dieses nicht so sehr zu Herzen. Die Hunde sind mehr zu beklagen, die sich heiser bellen, als du, die du so weit von ihnen entfernt bist.

Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg 
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Samstag, 7. Mai 2011

Die Fischotter kurirt


Die 75. Fabel

Ein Wolf ward einsmals von einem hitzigen Fieber angegriffen. Die Fischotter bot ihm darauf ihre Dienste an, mit der Versicherung: sie wollte das Fieber in wenigen Tagen vertreiben. Der Wolf unterwarf sich auf diese Versicherung ihrer Kur; aber den Tag darauf starb er. Dadurch entstund zwischen der Fischotter und den Anverwandten des Verstorbenen ein Proceß; denn diese bestunden darauf: Die Arzteney habe ihn aus der Welt geschafft. Die Fischotter hingegen meynte, sie habe ihrem Versprechen Folge geleistet, und diesfalls habe sie ihre Bezahlung verdient. Sie sagte: Der Patiente starb zwar, aber das Fieber verließ ihn in der bestimmten Zeit.

Diese Fabel zeiget, daß auf diese Art die größten Krankheiten zu kuriren sind. Ja diese Kur schläget niemals fehl.

Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Montag, 11. April 2011

Die 38. Fabel: Von zween Raben


Eine persianische Fabel


Zweene Raben wollten einstmals mit einander in Schwägerschaft treten. Der eine hatte einen Sohn, und der andere eine Tochter; die Parthie war auf beyden Seiten gleich. Sie handelten nur darüber, was die Tochter zur Mitgift mitbringen sollte. Ihr Vater versprach darauf, sein Schwiegersohn sollte zehn wüste Dörfer zur Aussteuer erhalten. Dieses Versprechen gefiel dem anderen Raben, aber er fragte ihn: woher er so viel aufbringen könnte? Der Vater der Tochter sagte darauf: Wenn Gott unserm gnädigen Herrn, den Sultan Machmud, leben lässet, so werden wir niemals an wüsten Dörfern Mangel leiden.

Diese Fabel erfordert keine Erläuterung; denn sie erkläret sich selbst.

Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg 
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Freitag, 29. Oktober 2010

Der Wolf und der Bär


Der Wolf und Bär fielen einstmals in einerley Krankheit. Der Wolf erholte sich zuerst, und besuchte den Bär, der mit seiner Krankheit annoch behaftet war. Da sich nun der Bär verwunderte, wie der Wolf so bald war wieder hergestellet worden; so antwortete dieser: ich schliesse, es müsse daher kommen, weil ich nur allein mit der Krankheit zu kämpfen gehabt, du aber hast nicht allein mit der Krankheit sondern auch mit dem Doktor zu streiten.

Diese Fabel zeiget, die Natur kuriere öfters sicherer, als die Arzney, welche durch ihre Wirkung jener oft hinderlich ist.

Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E., Leipzig 1752

Mittwoch, 9. Juni 2010

Die 3. Fabel: Von einem Affen


Ein Affe, dem ein Erbgut zugefallen war, legte sich eine treffliche Equipage zu; ließ sich mit Gold gestickte Kleider machen, und, damit ihn alle und jede in seiner Herrlichkeit und Pracht sehen könnten, so stieg er auf einen Hügel, der an einer Landstrasse war. Ein andres Thier, welches vorbey gieng, und den Affen in dieser Positur gewahr ward, sagte zu ihm: Alles dieses dienet nur dazu, daß deine Häslichkeit und übele Gestalt desto merklicher werde. Quo altior es, eo turpior. Je höher, je hässlicher!

Diese Fabel lehret, daß es manche Leute giebt, deren schlechte Eigenschaften nicht eher bekannt werden, als bis sie in Ehrenämter und auf den grossen Schauplatz der Welt kommen, wo ihre Unvollkommenheiten allen in die Augen fallen.

Moralische Fabeln
mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Dienstag, 24. November 2009

Die 10. Fabel: Vom Monde


Der Mond bat seine Mutter um ein neues Kleid. Die Mutter sagte darauf: Meine Tochter! Kein Schneider ist vermögend, dir solche Kleider zu machen, welche dir passen würden; denn du hast alle Tage eine andere Gestalt.

Diese Fabel lehret, daß es gewisse wankelmüthige und unbeständige Menschen giebt, denen man niemals etwas recht machen kann, weil sie alle Stunden andres Sinnes sind.


Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Donnerstag, 10. September 2009

Die 65. Fabel: Der Bauer, der Drache und der Fuchs


Ein Bauer hörte einsmals auf seinem Wege ein klägliches Geschrey, als wenn jemand in äussersten Noth wäre. Er erschrack darüber, und kehrte sich anch der Gegend, wo der Schall herkam. Dieser ort war eine Höhle, welche mit einem Steine zugemacht war. Da er nun diese Höhle erreichet hatte, so hörte er folgende Worte ganzd eutlich: Ach! ist denn niemand vorahnden, der sich über einen elenden Gefangenen erbarmen will, den man unschuldiger Weise in dieses Gefängniß eingechlossen hat, in welchem ich umkommenmuß! Diese Worte wurden so oft und mit einer so kläglichen Stimme wiederhohlet, daß der Bauer zum Mitleiden bewogen ward, und sich vorsetzte, den Gefangenen zu retten. Dieses geschah dadurch, daßer den Stein, welcher vor dem Eingange der Höhle lag, auf die Seite wälzte. Aber, statt eines gefangenen Menschens, sah er mit grossem Schrecken einen grossen und hässlichen Drachen herauskommen, welcher seinen Rachen sofort weit aufsperrte, um den Bauern zu verschlingen, und dadurch seinen Hunger zu stillen, den er etliche Tage ausgestanden hatte. Der Bauer fiel auf die Knie, und stellte dem Drachen mit beweglichen Worten vor, wie unbillig er solchergestalt mit ihm verführe, da er ihm doch das Leben gerettet hätte; und ob das die Dankbarkeit sey, die er seinem Erretter schuldig wäre? Der Drache schüttelte den Kopf und sagte: Was Dankbarkeit? diese Tugend findet unter euch Menschen keine Statt. Der Bauer sagte: Er thäte denen Menschen mit diesem Vorwurfe unrecht. Und da sich eben ein altes Pferd sehen ließ: so bat der Bauer, man mögte es in dieser Sache urtheilen lassen. Der Drache war es zufrieden. Aber da die Sache von denen Partheyen mit grosser Wohlredenheit vollständig war vorgetragen worden: so fiel der Richter dem Drachen bey, indem er durch sein Beyspiel erwies, daß keine Dankbarkeit bey denen Menschen zu finden wäre. Er gieng seinen ganzen Lebenslauf durch, erzählte, was für Dienste er seinem Herrn gethan hatte, der ihn nun in seinem Alter durch Hunger umkommen liesse. Der Drache bedankte sich für das gute Urtheil, und öffnete seinen Schlund, den Bauer zu verschlingen. Der Bauer bat aufs neue um sein Leben, indem er vorgab, das Pferd wäre ein partheyischer Richter, und weil er eben einen alten magern Hund erblickte, so appellirte der Bauer an diesen. Der Drache sagte darauf: Wohlan, ich will dir das Maas vollmessen. Die Sache ward also vor dem neuen Richter abgehandelt, welcher aber die Undankbarkeit seines Herrn mit der schwärzesten Farbe abmalete, und darauf den Ausspruch des Pferdes bestätigte. Diese beyden Urtheile stürtzen den Bauer in die äusserste Verzweiflung. Und er würde stracks seyn aufgeopfert worden, wenn sich nicht ein Fuchs eingefunden hätte. Dieser verwunderte sich sehr, einen Drachen und einen Bauer in Gesellschaft anzutreffen, und er fragte nach der Ursache. Der Bauer erzählte darauf dem Fuchs, was ihm begegnet wäre, und bat den Drachen zu erlauben, daß der Fuchs mögte Richter zwischen ihnen beyden seyn, und er setzte hinzu: er wollte alsdann nicht mehr um sein Leben bitten, wenn der Fuchs mit der Meynung der vorigen Richter übereinstimmte. Der Drache wollte dieses lange nicht eingehen, zuletzt aber bequemte er sich doch dazu, weil er glaubte, er wäre eines günstigen Urtheils gewiß genung. Nachdem nun der Fuchs zum Richter, doch ohne weiteres Appelliren, war angenommen worden, zog er zuerst den Bauer auf die Seite, und fragte ihn, was für Belohnung er haben sollte, wenn er ihn retten würde? Der Bauer versprach ihm einen freyen Eingang in seinen Hof, nebst dem Ober- und Untergerichte über seine alten und jungen Hühner, Enten, Gänse u.d.g. Da der Bauer dieses Gelübde mit einem Eid versiegelt hatte, begab sich der Fuchs zum Drachen, und sagte zu ihm: Er zweifelte nun an der Richtigkeit der Sache nicht mehr, aber es wäre nöthig, daß man, bevor er ein gegründetes und gesetzmäßiges Urtheil spräche, sich zurück verfügte, um die Höhe in Augenschein zu nehmen. Sie verfügten sich darauf alle drey zurück, und da sie an die Höhle gekommen waren, sagte der Fuchs: Der Bericht, der mir von dieser Sache ist ertheilet worden, kommt mir ganz unglaublich vor; denn ich kann nicht begreifen, daß in dieser Höhle Raum für einen so grossen Drachen wäre. Ich will dir zeigen, sagte der Drache, daß der Raum für mich groß genung ist. Er kroch darauf in die Höhle, um den ungläubigen Richter zu überzeugen. Allein, kaum war er darinnen, so gab der Fuchs dem Bauer ein Zeichen, damit er den Stein wieder vor die Höhle wälzte. Dieses geschah, und der Drache fieng an, sich wieder eben so jämmerlich anzustellen, wie zuvor; aber vergebens. Der Bauer verließ nunmehr den Fuchs nach abgelegter Danksagung und Erneuerung seines Gelübdes. Aber, da er zu Hause war, und dieses schädliche Gelübde überlegte, beschloß er, solchem keinesweges nachzukommen, und, nachdem er in diesem Vorsatze von seiner Frau war bestärket worden, so bewaffnete er sich gegen die Ankunft des Fuches, und empfieng seinen Wohlthäter solchergestalt, daß er kaum mit dem Leben davon kam. Der Fuchs sagte darauf: Niemals kann ein Richter schlechter besoldet werden. Keine Geschichte kann die Undankbarkeit der Menschen stärker als diese beweisen; denn daß der Drache Recht hat, dieses können mein Rücken und meine Glieder bezeugen.

Diese Fabel lehret, daß die Wohlthaten gemeiniglich entweder vergessen oder schlecht belohnet werden.

Ludvig Holberg

Sonntag, 5. Juli 2009

Die 56. Fabel: Wodurch die bösen Weiber in die Welt gekommen sind


Ein Reiter reiset durch einen Wald; daselbst hörte er ein grosses Geschrey, als ob jemand in Noth und Gefahr wäre. Er lief geschwind dahin, wo das Geschrey herkam, daselbst fand er ein Mägdchen, welcher der Teufel Gewalt thun wollte. Der Reiter, der ein mitleidiger Mann war, und das Frauenzimmer gar nicht hassete, eilete, um das Mägdchen zu retten. Er zog seinen Pallach, um dem Teufel den Kopf abzuhauen; aber weil er im Eifer zu stark ausholte, so hieb er beyden zugleich die Köpfe ab. Diesen Fehler wollte er in aller Eil verbessern. Aber, weil es gegen Abend war, und er folglich beyde Köpfe nicht wohl von einander unterscheiden konnte: so ergriff er aus Irrthum den Kopf des Teufels, und setzte ihn auf den Rumpf des Mägdchens. Man glaubt, daß von ihr die bösen Weiber herstammen.

Moralische Fabeln
mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn
Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Montag, 1. Juni 2009

Moralische Fabeln


Aus der Vorrede des Verfassers:

Ich habe in der Einleitung zu meinen moralischen Gedanken verschiedene Arten bemerket, deren sich die Skribenten im Moralisiren bedienet haben, und zugleich gewiesen, daß keine Art unschuldiger und zugleich kräftiger sey, als der Gebrauch der Fabeln …

Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des
Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.

Leipzig 1752

Dienstag, 28. April 2009

Die 192. Fabel: Der Hochmuth des Maulwurfs


Ein Maulwurf fragte einen Biber, der eine Bedienung bey Hofe hatte, was man von ihm an dem Hofe des Löwens spräche? Der Biber antwortete darauf: ich habe nicht merken können, daß am ganzen Hofe jemand weiß, daß solche Thiere, die man Maulwürfe nennet, in der Welt sind.

Baron von Holberg
Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Donnerstag, 26. März 2009

Die 80. Fabel: Eines angeklagten Weibesbildes Entschuldigung


Ein Weibesbild, die sich hatte beschlaffen lassen, ward zum Stadtvogt gebracht, und von ihm befragt. Sie konnte die That zwar nicht läugnen, sie suchte sie aber zu entschuldigen. Diesfalls, als sie der Stadtvogt fragte: ob sie ganz nackend bey dem Kerl im Bette gelegen hätte? gab sie zur Antwort: Nein! Ich hatte meine Haube auf. Aber der Stadtvogt ließ sich durch diese Entschuldigung nicht bewegen, die Busse zu mäßigen.

Diese Fabel zeiget, daß man nichts damit gewinnet, wenn man seiner Sache ein Färbchen anstreichen will, und daß man seine Keuschheit durch keine Haube beweisen kann.

Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.,
Leipzig 1752

Mittwoch, 25. März 2009

Die 60. Fabel, oder Historie: Eine gelehrte Dame in der Versammlung der Gelehrten

Einige gelehrte Leute hatten sich versammlet, um sich über allerhand philosophische Materien zu unterreden. Ein Frauenzimmer, welche auch studieret hatte, fand sich dabey ein. Einer von ihnen, welcher die Dame nicht kannte, und der Meynung war, sie wollte durch ihre Ankunft ihre gelehrte Versammlung stören, sagte darauf: Quid Saul inter Prophetas? Das ist: Was will Saul unter den Propheten? Sie aber antwortete auf Latein: Quarit Afinos Domini sui: Das ist: Er sucht die Esel seines Herrn.

Diese Historie zeiget, daß man oft eine unerwartete Antwort erhält, wenn man sie am wenigsten erwartet hat.

Moralische Fabeln mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752