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Donnerstag, 19. März 2020

Das Traumkissen von Kantan

Eine chinesische Legende

Im Lande Schih lebte vor vielen hundert Jahren ein Mann mit Namen Ro-sei. Der studierte viel, forschte nach Wahrheit und Tugend, und da er bei diesem Forschen sein bisheriges Leben als nichtig und wertlos erkannte, beschloß er, sich von der Welt zurückzuziehen und ein gehorsamer Nachfolger Buddhas zu werden. Nach dessen Beispiel verkaufte er Hab und Gut, gab es den Armen und wanderte nach dem Berge Jo-hi, um dort bei einem gelehrten Mönche noch tiefer in die Lehre Buddhas einzudringen. Nach langer, mühevoller Wanderung erreichte er eines Abends das Dorf Kantan, die Hälfte seines Reiseweges. Da es schon spät war und alle Tore geschlossen, mußte er in einer verlassenen Herberge über Nacht bleiben. Er fand dort ein Kissen vor, legte es unter seinen Kopf und schlief ein. Als er erwachte, war blendender Sonnenschein um ihn. Ein Mann in reichgesticktem Gewande und mit großem Gefolge stand vor ihm, grüßte tief und fragte, ob er Ro-sei heiße und nach dem Berge Jo-hi im lande Ibara wandern wolle. Ro-sei bejahte dies, und der Mann sprach weiter: »Mich schickt der Kaiser von Ibara. Ich soll dich zu ihm geleiten, denn er will dem Throne entsagen. Du aber sollst sein Nachfolger werden.« Als Ro-sei erstaunt nach den Gründen dieser Wahl fragte, entgegnete der Gesandte:
»Mein Fürst hat dich als den Würdigsten erkannt, um sein Volk zu beherrschen, darum folge mir schnell. diese Sänfte hier soll dich zur Hauptstadt bringen.«
Verwirrt und überrascht tat Ro-sei, wie ihm der Bote geheißen, und wunderbar schnell gelangte er in den Palast des Kaisers, der so herrlich war, daß Ro-sei vermeinte, in den Himmel zu gelangen, wo der göttliche Tung-Wang-Kung mit seiner Gemahlin thront.
Die Böden des Hofes waren mit goldenem Sande bestreut, und aus vier Toren von Jaspis und Diamanten trat die Schar der Höfling in lichtstrahlenden Gewändern, drängte sich das Volk mit kostbaren Geschenken. Im Osten erhob sich ein Berg aus Silber mit einer goldenen Sonne darüber und im Westen einer aus Krystall über dem eine silberne Mondscheibe hing. Süße Musik ertönte und schöne Jungfrauen tanzten einen anmutigen Reigen.
Ro-sei stand in Verzückung, aus der ihn plötzlich eine Stimme erweckte. Ein Greis mit wallendem Silberhaar, im weißem Gewande, ließ sich vor ihm auf die Knie und bot ihm eine dunkelgrüne, glänzende Schalte mit einer wasserhellen Flüssigkeit. Er sprach:
»Du beherrschest die Welt und alle Völker gehorchen dir und wünschen, daß dein Leben noch tausend Lenze währe, darum biete ich dir diesen Trank.« Erstaunt fragte Ro-sei: »Was ist das für ein Trank?« Und der Greis erwiderte: »Es ist der Trank der Unsterblichkeit, wenn du ihn aus dieser Schale trinkst.«
Ro-sei fragte weiter: »Ist es die Schale oder der Trank, die dem Sterblichen solche Gabe verleiht?«
Der Greis belehrte ihn: »Nicht der Trank allein, auch nicht die Schale allein, sondern beide vereint schaffen den Trank der Unsterblichkeit. Die Schale ist aus Neghrit, dem kostbarsten und edelsten Gestein auf Erden, aus dem auch das Himmelsgebäude geformt ist. Sie ist ein  aus jenem Felsen, der neben der Burg des göttlichen Tung-Wang-Kung steht und dessen Innern ein Born entquillt, dessen Wasser, wenn es über die Blätter des Lebensbaumes Kiung fließt, einen Trank gibt, der das Menschenleben tausend Jahre dauern läßt. Kommt dieser Trank nun in diese Neghritschale, so verleiht er Unsterblichkeit und alle Gaben des Steines der Weisen.«
Ro-sei griff nach der Schale, doch ehe er sie fassen konnte, streckten sich Tausende von Händen begierig darnach aus, und jeder wurde sie entrissen, ehe sie eines Durstigen Lippen genetzt.
So kreiste die Schale von Hand zu Hand, aller Begehrlichkeit entfesselnd, keinem Labe bringend.
Und so kreisten die Zeiten im rasenden Fluge vorüber, Mittagssonne, Sternenflimmer und Mondschein, Frühlingsblühen, Sommerreifen, Herbsternte und Winterschnee. Schneller und schneller kreiste die Schale, schneller folgten sich Morgen, Mittag, Abend und Nacht, Keimen, Blühen, Reisen, Welken und Vergehen. Da griff Ro-sei nochmals nach der Schale. Sie entglitt seiner Hand und fiel zerbrochen zu Boden. Das Licht erlosch. Die gleißende Pracht versank, Kälte und Dunkel umgaben ihn. Er seufzte tief auf und erwachte. Langsam öffnete er die Augen und fand sich auf dem Kissen in der verlassenen Herberge liegend. Glanz und Macht waren dahin, die fünfzig Jahre seiner Herrschaft, »der kurze Traum einer Stunde, während im Topfe der Hirsebrei dampft.«
In tiefes Sinnen versunken, saß Ro-sei da und er ward sich bewußt, daß alles Leben das Gleiche lehrt. In der Todesstunde zerrinnt des längsten Lebens Glück und Genuß gleich einem Traum in nichts. In nichts zerrinnt des Herrschers Macht und Größe, in nichts des Helden Ruhm, des Ehrgeizigen Streben, des Reichen Besitz, des Armen Kummer, Sorge und Not. Eitel und vergänglich ist alles in dieser unsteten Welt. Kantans Kissen hatte ihm im Traum geoffenbart, daß das ganze Leben nur ein Traum ist.
Ro-sei lenkte seine Schritte heimwärts. Er hatte die Lehre des wahren Geistes erfaßt und brauchte die Weisungen des frommen Einsiedlers auf dem Berge nicht mehr.
Innsbrucker Nachrichten
30.12.197

Montag, 30. September 2019

Der Dank der Seele

Eine Legende

Als sie aus einem Menschenleibe ging,
Geschah es, daß sie dreimal wiederkam
Und von dem Leibe süßen Abschied nahm,
Indem er dreimal ihren Kuß empfing.

Sankt Patriz, der das seltne Schauspiel sah,
Erfragte sich vom Heiland den Bescheid:
»Weil er sie hielt in Glanz und Lauterkeit,
Darum wars, daß ihm dieser Dank geschah!«

Max Hayek
(1882 - Mai 1944 im KZ Ausschwitz Birkenau)

Sonntag, 26. November 2017

Sagen und Legenden des Mittelalters


Bücher mit alten Sagen gibt es zu Hauf, meist kommentarlos zusammengestellt, manchmal mit einem erläuternden Vor- oder Nachwort. Dieses Sagenbuch ist anders. Die Sagen sind thematisch geordnet (Heldensagen - König Artus und Gralssagen - Sagen um Karl den Großen - Königs- und Kaisersagen - Rheinsagen - Burgensagen - Legenden), jede Gruppe wird eingeführt, jede einzelne Sage darüber hinaus noch durch Erläuterungen zu den Hintergründen kommentiert. Das Buch ist mit alten Abbildungen (s/w) illustriert und wird durch Farbtafeln auf Kunstdruckpapier ergänzt. All dies zu einem unschlagbaren Preis. Nicht nur als Geschenk geeignet, sondern auch zum selberlesen.

Montag, 13. November 2017

Die Wunderharfe

Auf zwei hohen Bergen lebten einst in grauer Vorzeit zwei Eremiten (Yathay), die das Abkommen getroffen hatten, sich Lichter zu zeigen, um sich gegenseitig Kunde von ihrem Leben zu geben. Eines Nachts konnte der eine Eremit kein Licht auf dem andern Berge bemerken, und er schloß daraus, daß sein Freund das Zeitliche gesegnet habe und in den Stand der Dämonen (Nats) übergegangen sei. Bald darauf erhielt er auch einen Besuch von dessen Gespenst, und da er sich über die wilden Elephanten beklagte, welche ihn vielfach belästigten, eine Harfe zum Geschenk, durch deren Spielen er je nach der Melodie die Elephanten herbeiziehen oder vertreiben könne.

Eines Tages hörte er in der Wildniß das Gejammer eines Kindes, und als er darauf zuging, fand er, trostlos auf einem Baume sitzend, eine Königin mit einem Säugling im Arme. Sich im Hofe ihres Palastes sonnend, war sie durch den herbeischwirrenden Riesenvogel aufgepackt und aus dem Kreise ihrer jammernden Ehrendamen fortgeführt worden, um ihm in seinem Neste zur Speise zu dienen.

Der Eremit verbarg sie in seiner Einsiedelei und vermählte sich mit ihr; den königlichen Sohn, Oudinath, adoptirte er, mit der Wunderharfe ihn beschenkend. Einst im Dunkel der Nacht sah der Eremit einen der glänzendsten Sterne am Himmel sich plötzlich verdüstern und erkannte daraus, daß der große König, der Oudinath seinen Ursprung gegeben, sein Leben geendet habe, und der Sohn, davon hörend, beschließt in sein väterliches Reich zurückzukehren. Auf hohem Elephanten thronend, begleitet von den sämmtlichen Elephanten des Waldes, langt er vor den Thoren der Hauptstadt an, die er verschlossen findet, und das ganze Volk in Trauer, da dem Lande ein Herrscher fehlt. Durch die Wahrzeichen eines Ringes und Gürtels, welche seine Mutter ihm mitgegeben, wurde er als der Erbprinz erkannt und von den Edelleuten auf den Thron gehoben.

Zu jener Zeit erfüllte die Tochter eines Pana (Brahmanen) mit dem Rufe ihrer Schönheit die Reiche der Erde, und aus allen Gegenden strömten Bewerber um ihre Hand herbei, aber Niemand fand Gnade vor ihren Augen. Der Vater begegnete einst Myatzoa-Phaya (Buddha), und überwältigt von dem göttlichen Glanz seiner Herrlichkeit, dachte er in ihm einen passenden Schwiegersohn zu finden. Er bat ihn, in einem Hause zu warten, da er seine Tochter herbeibringen wollte, aber als er zurückkam, war sein Gast fortgegangen und hatte nur den Abdruck seines Fußes zurückgelassen. Die in der Kenntniß der Beden (Vedas) wohl unterrichtete Tochter erkannte aus den Figuren, daß es die Fußsohle des Gottes sei, und wurde von unbezwinglicher Sehnsucht ergriffen, sich ihm zu vermählen. Seinen Spuren nachgehend, holte sie Myatzoa-Phaya ein, dieser aber wies ihre Liebe zurück, da er auf dem Wege nach Baranasi (Benares) war, um dort den Thron zu besteigen, und Überfluß an Frauen ihn schon erwartete. Die verschmähte Schöne traf im Walde mit Oudinath zusammen, und jetzt weniger wählerisch geworden, erlaubte sie ihm, sie als seine Königin sich zur Seite zu setzen.

Nun geschah es, daß ein benachbarter König, der Oudinaths Zauberinstrument zu besitzen suchte, auf eine List sann, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Er läßt die große Figur eines weißen Elephanten aus Holz verfertigen und mit Soldaten gefüllt in den Wald stellen. Als Jäger an Oudinath berichten, ein Thier höchster Vollkommenheit gesehen zu haben, zieht dieser aus, um dasselbe zu fangen. Aber zum ersten Male versagen die Töne der Harfe ihren Dienst. Statt zu folgen entfernt sich der Elephant, und Oudinath, überrascht und verwundert, verfolgt ihn so eifrig auf seinem Pferde, daß er bald von seinem Jagdgefolge getrennt ist. An einer versteckten Stelle des Waldes springen die Soldaten aus dem Bauche des Elephanten hervor und führen Oudinath als Gefangenen zum König. Dieser verlangt die Mittheilung seiner magischen Geheimnisse, kann aber die hartnäckige Verschwiegenheit Oudinaths nicht besiegen, da selbst Todesandrohungen fruchtlos, blieben. Zuletzt erbietet er sich, als Bedingung der Freiheit, ein Sklavenmädchen darin zu unterrichten; der König aber substituirt seine eigene Tochter, die er hinter einen Vorhang stellt und ihr sagt, daß sie von einem weisen Manne unterrichtet werden würde, der aber körperlich ein abschreckendes Scheusal und aussätzig sei. Als während des Unterrichtes Oudinath sie ausschilt, weil sie nicht rascher begreife, schmäht sie auf ihn als einen Aussätzigen zurück. In der Lebhaftigkeit des Zankes wird der Vorhang beiseite geschoben, Beide erblicken sich und verlieben sich sterblich in einander aus Wahlverwandtschaft, da sie schon in einer frühern Existenz Gatte und Gattin gewesen. Sie entwerfen einen Plan und theilen dem Könige mit, daß zur Ausführung der Zauberceremonien Blätter eines fremden Baumes nöthig seien. Darnach ausgeschickt, entläuft die Prinzessin, welche die Wachen des Gefangenen fortgesendet hat, mit ihm nach seinem Reich, und sie wurde ihm als die erste Königin vermählt. Die dadurch eifersüchtige Brahmanin benützt eine Abwesenheit des Königs, um eine zwischen Blumen versteckte Schlange auf den Thron zu stellen und die Königin des Verraths zu beschuldigen. Die Minister, welche die hervorzüngelnde Schlange sehen, erkennen sie für schuldig, und die Brahmanin, der sie zur Hut übergeben ist, verbrennt sie in einem durch Teppiche verhängten Hofe des Palastes.

Als der König bei seiner Rückkehr davon hörte und den Zusammenhang der Sache erfuhr, gerieth er in den größten Zorn. Er läßt das ganze Geschlecht der Pona herbeiholen, sie auf einem Felde eingraben und dann ihre Köpfe abpflügen. Für die Ponatochter selbst aber wird die grausamste Strafe ausgesonnen. In dem obersten Gemache des Palastes eingeschlossen, wird ihr jeden Tag ein kleines Stück ihres Fleisches abgeschnitten, vor ihren Augen in ein Ragout gemischt und ihr zum Essen eingezwängt, um die Pein zu verlängern; aber während dieser ganzen Zeit betet die Ponatochter täglich zu Myatzoa-Phaya, den sie durch ein kleines Loch aus dem Dache ihres Gefängnisses über sich am Firmament umherwandeln sieht. Daß die Ponatochter, obwohl sie so eifrig Myatzoa-Phaya verehrte, diese schmerzliche Strafe ausdulden mußte, war die Folge einer in früherer Existenz begangenen Sünde. Als sie einst aus dem Bade hervorkam, und der Tag etwas kühl war, machte sie sich Feuer an im Walde. Durch die zurückgebliebenen Kohlen entstand nach ihrem Fortgehen ein Waldbrand, und ein heiliger Rochanda, der, in Meditation versunken, im Walde saß, wäre fast verbrannt, wenn er nicht, durch die Fähigkeit zu fliegen, in die Höhe gestiegen und entkommen wäre.Di

Bastian, Adolf
Erzählungen und Fabeln aus Hinterindien
In: Globus, Juli 1866, S. 82-83

Freitag, 10. März 2017

Da beißt die Maus keinen Faden ab

Das Sprichwort »Da beißt die Maus keinen Faden ab«, soll zurückgehen auf eine alte Fabel von Äsop. Diese erzählt von einem Mäuschen, das über einen schlafenden Löwen lief, worauf der Löwe erwachte und es mit seinen gewaltigen Tatzen griff. Das Mäuschen flehte um sein Leben und versprach ewige Dankbarkeit dafür. Großmütig schenkte der Löwe ihr die Freiheit und dachte dabei, wie wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein könne. Bald darauf hörte das Mäuschen das fürchterliche Gebrüll des Löwen, lief nachsehen, und fand ihren Wohltäter in einem Netze gefangen. Es zernagte einige Knoten des Netzes, so daß der Löwe mit seinen Tatzen das übrige zerreißen konnte. So vergalt das Mäuschen die ihm erwiesene Großmut. Selbst unbedeutende Menschen können bisweilen Wohltaten großartig vergelten, darum sollte auch der Geringsten nicht übermütig behandelt werden.

Eine andere Erklärung könnte auch eine Legende um die heilige Gertrud von Nivelles (626 - 659) liefern. In manchen Darstellungen wird die heilige Gertrud mit Mäusen, manchmal auch mit einem Spinnrad dargestellt. Die Legende erzählt, dass sie durch ihr Gebet Mäuse vertrieb, die immer wieder den Faden beim Spinnen durchbissen haben. Die Spindel ist aber auch ein Symbol für den Lebensfaden und damit mythisches Erbe der germanischen »Nornen«, der Schicksalsgöttinnen, die am Lebensfaden der Menschen spinnen. Diesen Faden beißen in den alten Mythen Mäuse ab.

HDR

Samstag, 31. Dezember 2016

Die Legende Silvesters …

By Unknown medieval artist in Rome [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons


Die Legende Silversters, offenbar erdichtet, um die römische Taufe Constantins zu beglaubigen, muss schon am Ende des 56en Jahrhunderts verfertigt worden sein. Sie ist aus Einem Gusse und trägt keine Spuren späterer Einschaltungen. Der Griechische Text, in welchem sie erhalten, ist augenscheinlich eine Uebersetzung aus dem Lateinischen, der wohl in Rom geschrieben wurde. In dem ganzen Dokumente findet sich nicht ein historischer Zug. Constantin ist zuerst ein Feind der Christen, lässt Viele und darunter seine eigne Gemahlin, da sie den Götzen nicht opfern wollen, hinrichten, so dass Silvester sich nach dem Gebirge Soracte flüchtet. Der Kaiser, mit dem Aussatz behaftet, soll, um zu genesen, sich in einem mit frischen Knabenblute gefüllten Teiche baden, aber durch die Thränen der Mütter dieser Knaben erweicht, verzichtet er auf das grausame Heilmittel und wendet sich, durch eine himmlische Vision belehrt, an Silvester, der ihn durch die christliche Taufe von der Krankheit heilt, worauf ganz Rom, Senat und Volk, an Christus glaubt. Eingeflochten sind noch zwei Episoden. die eine von der grossen Schlange unter dem Tarpeischen Hügel, die mit ihrem Gifthauche Tausende tödtet, bis Silvester die Pforten ihre Höhle verschliesst; und dann eine lange, durch Helena veranlasste, für Silvester siegreiche Disputation mit den Juden.
Der Verfasser hat die Kirchengeschichte des Eusebius gekannt, er will, wie er im Eingange sagt, die Berichte derselben ergänzen; aber die Biographie Constantins, welche der Taufe des Kaisers gedenkt, hat er entweder nicht gekannt, oder er hat doch Unbekanntschaft mit derselben bei seinen Lesern vorausgesetzt. Und wirklich ist es ihm gelungen, seiner Fabel, trotz der so bestimmten und einhelligen Zeugnisse des vierten Jahrhunderts, Eingang zu verschaffen. Selbst die Chronik des Hieronymus, der man doch sonst in geschichtlichen Dingen unbedingt folgte, unterlag zuletzt in dieser Frage.

Johann Joseph Ignaz von Dollinger
Die Papst-Fabeln des Mittelalters
1863

Papst Silvester I., von 314 bis zu seinem Tod am 31. Dezember 335 Papst, gilt für die römisch katholische Kirche als Namensgeber für den 31. Dezember, für die griechisch- und bulgarisch-orthodoxen Kirchen am 2. Januar und für die russisch-orthodoxe Kirche am 15. Januar.

Freitag, 8. April 2016


Eine fabelhafte Sammlungen von Sagen & Legenden hat Monika Detering vorgelegt. Sie hat gesammelt, was an interessanten Themen im Münsterland, Ostwestfalen-Lippe, längs der Weser, um Paderborn, in der geheimnisvollen Stadt Bielefeld und auch im Ruhrgebiet in Vorzeiten alles so passiert sein soll. Sagen & Legenden aus Westfalen eben. Und das schönste dabei – Sie hat die Sagen nicht einfach nur zusammengestellt, sondern erläutert und erklärt, wo sich uns heute die Sage nicht mehr so ohne weiteres erschließt. Man ist schlauer nach dem Lesen dieses Buches und das ist, finde ich, eine fabelhafte Sache. Erschienen ist das Buch gerade eben im Regionalia Verlag, Rheinbach (ISBN 978-3-95540-197-9), zu bekommen in jedem Buchladen offline und online und auch im Gemischtwarenhandel.

Dienstag, 12. März 2013

Der Teufel und das Kirchlein


In Detwang, das unten am Berg liegt, auf dem Rothenburg thront, können sie sich mit einem Kirchlein und dem Teufel beschäftigen. Man erzählt, dass dieser sich so ärgerte, als er vom Kirchenbau in Detwang hörte, dass er einen schweren Felsbrocken aufnahm und sich auf den Weg machte, das Gotteshaus zu zerstören. Unterwegs traf er eine alte Frau, die auf dem Rücken einen Korb voll durchgelaufener Schuhe trug, die sie für die Nachbarn zum Schuster bringen sollte. Der Teufel, schon müde von der Last des Felsens, hielt zu einem Schwätzchen an und wollte von der Frau wissen, wie er zu dem Kirchlein in Detwang komme.  Die merkte aber wohl, mit wem sie es zu tun hatte, und sagte pfiffig: »All die Schuhe habe ich auf dem Weg von Detwang bis hierher schon durchgelaufen.« Da sah der Teufel rot. So weit sollte er noch laufen? Wütend schleuderte er den Stein beiseite und verschwand. Woran man sieht, dass die bösesten oft nicht die gescheitesten sind.

Horst-Dieter Radke

Entnommen dem Buch:


Samstag, 14. Mai 2011

Eine Buddha-Legende

Bildquelle:Wikipedia

Der gute Budda Otschirwani hatte einmal zufällig eine, vom bösen Dokschit zubereitete Schale, in welche die von diesem Dämon für das Menschengeschlecht angeschafften Übel und Kummer eingegossen waren. Otschirwani hatte Erbarmen mit den Menschen und beschloss, das für sie Bestimmte zu vernichten. Doch wohin solches thun? Die Schale irgendwo im Himmel oder in den Wolken verwahren – Dokschit wird sie suchen und gewiss finden; den Inhalt auf die Erde schütten – gerade dies ist nötig, um die Absichten des Feindes der Menschheit zu erfüllen ... Und der gute Budda beschloss, allein in sich selber alles für die Menschen zubereitete Übel zu fassen: mögen sie, die Millionen, glückselig sein, er allein wird für sie leiden! Otschirwani erfasste mit seiner göttlichen Hand die Schale mit dem Übel und trank sie ganz, in einem Zuge, bis zum letzten Tropfen aus. Seit jener Zeit leidet er unbeschreiblich: sein Körper war blau von der Höllenpein und brennt in ewigem Feuer; sein Gesicht ward tierisch; er stösst furchtbare Wehklagen aus; seine Arme und Beine winden sich, so dass er nicht mehr die ruhig beschauliche, einem Budda gebührende Haltung bewahren kann. Und dennoch erreichte seine Selbstaufopferung nicht vollständig ihr Ziel: er vergass die Schale des bösen Dokschit abzulecken und der Feind der Menschheit bemühte sich, das Gefäss leer findend, von dessen Wänden aufzusammeln, und sammelte noch einen Tropfen Unglücks zusammen, den er dann auch auf die Erde warf. Und dieser Tropfen war es nun, der all das Übel und Elend erzeugte, in denen das Menschengeschlecht bis auf den heutigen Tag verharrt. Wie gross aber wäre jetzt das Leiden der Menschheit, wie böse wären die Leute, wenn Otschirwani nicht fast den ganzen Inhalt der grossen Schale ausgetrunken hätte! ... Wegen dieser grossherzigen That aber wird er gleich den anderen grössten Buddas verehrt und, ungeachtet seines schrecklichen Aussehens, der gute Gott genannt.

Seidel, A. (Hg.)
Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur
Weimar, 1898

Montag, 11. Mai 2009

Mariae Verkündigung

Quelle: Wikipedia / Pisanello

Nicht daß ein Engel eintrat (das erkenn),
erschreckte sie. Sowenig andre, wenn
ein Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht
in ihrem Zimmer sich zu schaffen macht,
auffahren –, pflegte sie an der Gestalt,
in der ein Engel ging, sich zu entrüsten;
sie ahnte kaum, daß dieser Aufenthalt
mühsam für Engel ist. (O wenn wir wüßten,
wie rein sie war. Hat eine Hirschkuh nicht,
die, liegend, einmal sie im Wald eräugte,
sich so in sie versehn, daß sich in ihr,
ganz ohne Paarigen, das Einhorn zeugte,
das Tier aus Licht, das reine Tier -,)
Nicht, daß er eintrat, aber daß er dicht,
der Engel, eines Jünglings Angesicht
so zu ihr neigte; daß sein Blick und der,
mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen
als wäre draußen plötzlich alles leer
und, was Millionen schauten, trieben, trugen,
hineingedrängt in sie: nur sie und er;
Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide
sonst nirgends als an dieser Stelle – : sieh,
dieses erschreckt. Und sie erschraken beide.

Dann sang der Engel seine Melodie.

Rainer Maria Rilke