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Samstag, 13. Januar 2018
fabuloes als Buch
Nun gibt es »fabuloes« nicht nur als Blog, sondern auch als Buch und E-Book. Das Schönste aus den mehr als 1.300 Postings dieses Blogs themenorientiert zusammengestellt. Während der Blog nach wie vor gut zum stöbern ist, lädt das Buch zum schmökern ein. Natürlich wird der Blog weitergeführt. Fabeln, Parabeln und fabelhafte Beiträge gibt es noch genug.
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Dienstag, 26. Januar 2016
Russische Fabeldichter
Als Begründer der russischen Fabel gilt Alexander Petrowitsch Sumarokow (1717 - 1777). Sumarokow stammt aus einer adligen Familie, diente u.a. in der militärischen Kanzlei und war eine Zeit lang auch Theaterdirektor. Er schrieb Theaterstücke, Opernlibretti und zwischen 1762 und 1769 Fabeln. Seine Fabeln zeichnen sich durch eine große Geschwätzigkeit aus. A. A. Rževskij (1737 - 1804) ist ein weiterer Dichter, der sich in Rußland der Fabel angenommen hatte. Anders als Sumarokow, der die Prosafabel pflegte, nutzte Rževskij die Gedichtform, teilweise durch druckgrafische Gestaltung, in dem er den Gedichten geometrische Formen gab. Vasilij Ivánovič Májkov (1728-1778) bewunderte Sumarokow, dem er insbesondere in den Fabeln nachstrebte. Bekannt wurde er allerdings durch seine Episteln. Iwan Andrejewitsch Krylow (1769 - 1844) war Hauslehrer und Bibliothekar in Sankt Petersburg. Er veröffentlichte zwischen 1809 und 1843 mehr als 200 Fabeln, von denen eine Auswahl bereits 1842 in deutscher Sprache erschien. Nur am Anfang orientierte sich Krylow an Äsop und La Fontaine, schuf später dann aber eigene Fabeln. Alexander Nikolajewitsch Afanassjew (1826 - 1871) gilt als der »russische Grimm«. Er war Märchensammler und erfasst dabei auch Fabeln.
Horst-Dieter Radke
Dienstag, 23. Juni 2015
Kurze Geschichte der Fabel
(Neufassung)
Fabeln sind kurze, lehrhafte Erzählungen, in denen Tiere handeln und agieren. Es gibt sie in der Erzähltradition fast aller Völker. Mit zu den ältesten Fabelsammlungen gehört die indische Sammlung Pantschatantra, die vermutlich im 3.-2. Jahrtausend v. Chr. zusammen gestellt wurde. Die heute bekannten Texte stammen aber aus dem 3.-6. Jh. n. Chr. Fabeln sind auch aus dem alten Ägypten bekannt.
Ausgangspunkt in der europäischen Fabeltradition ist Äsop (um 600 v.Chr.). Zur mittelalterlichen Schullektüre gehörten lateinische Fabelsammlungen. Einer der ersten Fabeldichter, der die Mittelhochdeutsche Sprache nutzte, war der Stricker (13.Jh). Große Beliebtheit genoss die Fabel im Humanismus und in der Reformationszeit. Hans Sachs (1494-1576) und Martin Luther (1483-1546) bereicherten die Fabeldichtung nicht unwesentlich. Danach wurde die Fabel erst im 17. Jh. wieder populär, durch La Fontaine (1621-1695) in Frankreich und durch ihn angeregt im 18. Jh. auch in Deutschland. In dieser Zeit gab es eine Motivverschiebung: An Stelle der moralischen Belehrung trat nun die Betonung der bürgerlichen Lebensklugheit. Aus der Vielzahl der Fabeldichter des 18. Jahrhunderts sind von Friedrich von Hagedorn (1708-1754), Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) und Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) zu nennen.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der sich mit seinen Fabeln wieder an Äsop orientierte, brachte die Fabel zu einem Höhepunkt und schloss diese Entwicklung weitgehend ab. Es gab danach zwar immer noch eine hohe und deutliche Produktion an Fabeln bis ins 19. Jh. hinein, aber sie wurde meist zur Belehrung von Kindern und Schülern eingesetzt, so z.B. von dem Pfarrer Wilhelm Hey (1789-1854).
Moderne Dichter des 20. Jahrhunderts griffen die Fabel gelegentlich auf. Beispiele finden sich bei Franz Kafka (1883-1924), Berthold Brecht (1898-1956), Wolfdietrich Schnurre (1920-1989).
Ausführlicheres über die Fabel ist hier zu finden.
Horst-Dieter Radke
Donnerstag, 30. Mai 2013
Der Fuchs und die Vogeljungen auf dem Baum
In Benfeys Pantschatantra … wird eine Fabel angeführt, die man im Mittelalter in lateinischer, arabischer, hebräischer, spanischer und deutscher Sprache las. Sie steht in dem bei Johann Capua hinzugefügten letzten (17.) Kapitel und hat folgenden Inhalt:
Der Fuchs weiß eine Taube, die auf einem Baume sitzt, so in Schrecken zu setzen, daß sie ihm, um ihr Leben zu retten, ihre Jungen herabwirft. Als der Fuchs weg ist, kommt der Spatz zu ihr und sagt: sie hätte antworten sollen, er solle sein möglichstes tun, und wenn er auf den Baum klettere, so würde sie mit ihnen auf einen andern Baum fliegen. Als der Fuchs wiederkommt, gibt sie ihm diese Antwort. Der Fuchs erwidert: Ich will deine Jungen schonen, wenn du mir sagst, wer dir dies geraten. Sie sagt: Der Sperling. Darauf geht der Fuchs zu diesem und fragt ihn: Wenn der Wind dich trifft, wohin legst du dann deinen Kopf? Der Spatz antwortet: Unter die linke Seite. Darauf fragt der Fuchs: Wenn er dich vorn trifft, wohin dann? Der Sperling: An mein Hinterteil. Der Fuchs: Wenn er dich aber von allen Seiten trifft, wohin dann: Unter meine Flügel. Darauf fragt der Fuchs: Wieso er das könne? Er könne es nicht glauben; wenn er es aber könne, so habe er seinesgleichen noch nicht gesehen. Der Sperling mach te es ihm nun vor. Da packte ihn der Fuchs und sagt: »Du konntest der Taube raten, aber nicht dir selbst!« und frißt ihn auf.
Diese Fabel ist literarisch interessant, da sie Hans Sachs in einem Meisterlied (Götze Bd. 5, Nr. 630) bearbeitete und eine Parallele dazu im Reineke Fuchs steht, wo der Fuchs den Hahn beredet mit geschlossenen Augen zu singen und ihn so fangt; doch wird er hier später befreit.
Interessant ist auch die Volksüberlieferung, die eine Anzahl nahe verwandter Sagen kennt.
Dähnhardt: Natursagen
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Sonntag, 20. Januar 2013
Bidpai's Fabelbuch (5)
Arabisch
…
Zuförderst verlangt Ibn Mokasse von den Lesern des Buchs, das sie nicht bei dem Aeußern der Erzählungen stehen bleiben, sondern, daß sie vielmehr den verborgenen moralischen Sinn derselben aussuchen sollen. Erst dann werde das Buch Nutzen bringen. So müße man ja auch die Nuß erst aufbrechen, wenn man sie genießen wolle. Sodann empfiehlt er: die erkannten Lehren der Weisheit in das praktische Leben übergehen zu lassen, denn das Wissen helfe nichts, wenn man nicht darnach handle. Das Wissen, sagt er, vollendet sich erst durch das Handeln, das Wissen ist wie der Baum, und das Handeln wie die Frucht. Und wer nach dem wohl erkannten Guten nicht handle, der mache sich dadurch nur um so strafbarer. Der weise Mann, fährt er fort, werde bei all seinen Unternehmungen sich stets ein nützliches Ziel vorstecken, er werde Missgeschick, das ihn nach göttlicher Fügung treffe, in Geduld ertragen, denn dasselbe sey nur ein anscheinendes und werde für ihn günstigen Erfolg haben. Das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung dürfe ihn nicht abhalten das seinige zu thun, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, aber der höchste Gegenstand seiner Bestrebungen müßen immer die bleibenden und unvergänglichen Güter seyn. Der einsichtsvolle Mensch werde auf seiner Hut seyn gegen seine Leidenschaften, nicht Glauben schenken den Worten aller Welt, nicht hartnäckig bestehen bei einem falschen Verfahren, an das Unausweichbare der Beschlüsse der Gottheit glauben, mit Muth und fester Ausdauer handeln, Andern nicht thun was er wünscht, daß man ihm nicht thue, und nie sein Vortheil auf Kosten Anderer suchen.. Zuletzt ermahnt er nochmals die Leser, daß sie sich nicht begnügen sollen, blos oberflächlich in dem Buch zu blättern, sondern daß sie es ganz und in ernster Aufmerksamkeit lesen sollen.
Der Verfasser des Buchs, sagt er noch am Ende, habe sich bei Abfassung desselben viererlei vor Augen gestellt. Einmal nemlich: dasselbe anziehend zu machen für die jungen Leute, was er dadurch zu erreichen glaubte, daß er darin verschiedene Thiere reden und handeln ließ. Zweitens: die Aufmerksamkeit der Fürsten zu fesseln durch die darin gezeichneten Gestalten der Thiere. Drittens: Daß dasselbe, dem Vergnügen gemäß, das die Leute aus allen Ständen in seiner Lectüre finden würden, durch eine große Anzahl von Abschriften sich vervielfältigen und so auf die fernste Nachwelt sich erhalten sollte. Viertens endlich, sagt er, betreffe der wahre Zweck der Abfassung des Buchs nur die Philosophen, d.h. sein höchster Zweck seyen die unter dem Gewande der Fabeln verborgenen Lehren der Weisheit und Moral.
Calila und Dimna
aus dem Arabisch
von Philipp Wolff
Stuttgart 1837
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Montag, 14. Januar 2013
Bidpai's Fabelbuch (4)
Pehlwi
Die wichtigsten historischen Zeugnisse stimmen darin überein, daß unter Nuschirwan, dem Gerechten, das Buch Bidpai’s nach Persien gebracht worden sey. Der Arzt Barzujeh, so lauten die historischen Berichte, gieng entweder aus eigenem antrieb oder aus Auftrag des Königs nach Indien, um sich das außerordentliche Buch, dessen Ruf weit hin verbreitet war, zu verschaffen. Er erreichte seinen zweck durch seine Klugheit und Schlauheit. Barzujeh, der das Buch sofort in das Pehlwi (das Altpersische) übersetzte, erwarb sich durch seine Bemühungen die höchste Gunst seines Fürsten, verlangte aber von demselben als Lohn nichts anderes, als daß er seinen ersten Minister Buzurschmihr beauftragen möchte, die Geschichte eines (Barzujeh’s) Lebens bis zu seiner Reise nach Indien dem übersetzten Buch voranzustellen. …
Die Pehlwi Uebersetzung hatte fast mit der gesammten persischen Literatur das Loos, unter der Dynastie der Sassaniden durch den Glaubenseifer der Araber vernichtet zu werden.
Calila und Dimna
aus dem Arabisch
von Philipp Wolff
Stuttgart 1837
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Donnerstag, 10. Januar 2013
Bidpai's Fabelbuch (3)
Indisch
Daß das Buch, d.h. der Grundstock desselben, indischen und nicht persischen Ursprungs sey, wie Herr von Diez zu beweisen sich bemühte, ist jetzt nach dem zu Tage geförderten indischen Text des Hitopadesa (freundliche Unterweisung) und nach den gründlichen Untersuchungen englischer und französischer Gelehrten, namentlich nach denen meines verehrtesten Lehrers, des Barons S. de Sacy außer allen Zweifel gesetzt. Außer vielen historischen Zeugnissen spricht für Indien als das Stammland dieser Fabelsammlung das indische Colorit, das sich an vielen Stellen unserer arabischen Uebersetzung nicht verkennen läßt, wiewohl der arabische Uebersetzer oder Bearbeiter im Ganzen das Buch zu nationalisieren suchte. Die allerdings nicht kleine Verschiedenheit in den einzelnen Fabeln und Erzählungen und in ihrer Anreihung an einander, bei Hitopadesa und unserm arabischen Text, darf nicht befremden. Der arabische Uebersetzer hat eben den ihm vorliegenden Stoff frei behandelt. Der Hitopadesa, dem selbst wieder ein älteres Werk, das Panchatantra (fünf Sammlungen), zu Grund liegt, ist zuerst von Wilkins in einer englischen Uebesetzung Bath, 1787 bekannt gemacht worden. …
Ueber die Entstehung des Buchs in Indien verbreitete sich die von einem gewissen Behnud, einem Perser, zu dem Buch gemachte Einleitung. Was an der Erzählung dieses Behnud Historie, was bloße Sage oder Erfindung sey, ist nicht auszumitteln, indeß ist wohl nicht zu zweifeln, daß dieselbe eine historische Grundlage habe. Das Wesentliche dieser Einleitung ist folgendes:
Nachdem der indische König Fur (Porus) durch Alexander den Großen überwunden und getödtet war, kam ein gewisser Dabschelim, königlichen Stammes, auf den Thron von Indien, denn der von Alexander an Porus Stelle eingesetzte Statthalter konnte sich nicht halten. Dieser Dabschelim wurde mit der Zeit ein vollkommener Tyrann. Zu seiner Zeit lebte ein wegen seiner Weisheit in allgemeinem Ansehen stehender Brahmane, namens Bidpai. Der Weise, von dem rücksichtslosen Eifer getrieben, den König von seinem ungerechten Thun und Treiben abzubringen, stellt sich vor demselben und hält ihm in freimüthiger Sprache alle seine Gebrechen vor und ermahnt ihn zur Aenderung seiner Handlungsweise. Der ob solcher Freimüthigkeit ergrimmte König gab alsbald Befehl, den Brahmanen an’s Kreuz zu schlagen, änderte jedoch gleich denselben dahin ab, daß er den Bidpai bloß in’s Gefängniß werfen ließ. Die zahlreichen Schüler des Weisen entflohen in entfernte Gegenden. Bidpai blieb lange Zeit im Gefängniß. In einer schlaflosen Nacht verfiel der König in Nachdenken über die Gestirne des Himmels und ihre Bewegungen, sowie über das System des Universums. Da gedachte er wieder des weisen Brahmanen, hoffte von demselben über das, was ihm dunkel war, Aufschluß erhalten zu können und bereuete seine an demselben ausgeübte Grausamkeit. So ward Bidpai vor den König gebracht und auf dessen Befehl wiederholte er, indem er die Reinheit seiner Absichten betheuerte, die früher demselben gegebenen Zurechtweisungen und Ermahnungen. Dabschelim hörte ihn aufmerksam und ruhig an, ließ ihm die Fesseln abnehmen und erklärte ihm sogar, ihm die Regierung seines Reichs anvertrauen zu wollen. Nur ungern gieng der Brahmane auf diese Antrag ein. Seine Verwaltung hatte, wie sich erwarten ließ, den günstigsten Einfluß auf das Reich. Alle Könige Indiens unterwarfen sich gern der Oberherrschaft des nun durch seine vortreffliche Eigenschaften ausgezeichneten Dabschelim. Bidpai erklärte hierauf seinen Schülern, die sich nach seiner ehrenvollen Erhebung zu dem höchsten Staatsamte wieder um ihn versammelt hatten, daß der König ihm den Auftrag gegeben: ein Buch zu verfassen, welches die wichtigsten Regeln der Weisheit in sich enthielte. Anfangs wollte Bidpai die Arbeit mit seinen Schülern theilen, aber bald sah er ein, daß er besser derselben sich allein unterzöge, und so gieng er an’s Werk, indem er nur einen seiner Schüler als seinen Schreiber annahm. Nachdem er sich mit Papier und mit den für ihn und seinen Schreiber nöthigen Nahrungsmitteln auf ein ganzes Jahr, welche Frist ihm vom König zur Abfassung seines Werks vergönnt war versehen hatte, schloß er sich mit seinem Schreiber in ein Zimmer ein, zu dem Niemand Eintritt erhielt. Nach Verfluß der bestimmten Frist ward er mit dem Buche fertig. Der König berief alle Großen und Weisen seines Reichs und vor solcher Versammlung las Bidpai sein Buch vor. Der König war entzückt darüber und zeigte sich bereit, dem Verfasser jegliche Belohnung, die er dafür verlangte, zu geben. Bidpai verlangte aber keinen andern Lohn, als daß sein Buch sorgsam aufbewahrt werden möchte, auf daß es nicht über Indien hinaus und in die Hände der Perser komme.
Daß das Buch, d.h. der Grundstock desselben, indischen und nicht persischen Ursprungs sey, wie Herr von Diez zu beweisen sich bemühte, ist jetzt nach dem zu Tage geförderten indischen Text des Hitopadesa (freundliche Unterweisung) und nach den gründlichen Untersuchungen englischer und französischer Gelehrten, namentlich nach denen meines verehrtesten Lehrers, des Barons S. de Sacy außer allen Zweifel gesetzt. Außer vielen historischen Zeugnissen spricht für Indien als das Stammland dieser Fabelsammlung das indische Colorit, das sich an vielen Stellen unserer arabischen Uebersetzung nicht verkennen läßt, wiewohl der arabische Uebersetzer oder Bearbeiter im Ganzen das Buch zu nationalisieren suchte. Die allerdings nicht kleine Verschiedenheit in den einzelnen Fabeln und Erzählungen und in ihrer Anreihung an einander, bei Hitopadesa und unserm arabischen Text, darf nicht befremden. Der arabische Uebersetzer hat eben den ihm vorliegenden Stoff frei behandelt. Der Hitopadesa, dem selbst wieder ein älteres Werk, das Panchatantra (fünf Sammlungen), zu Grund liegt, ist zuerst von Wilkins in einer englischen Uebesetzung Bath, 1787 bekannt gemacht worden. …
Ueber die Entstehung des Buchs in Indien verbreitete sich die von einem gewissen Behnud, einem Perser, zu dem Buch gemachte Einleitung. Was an der Erzählung dieses Behnud Historie, was bloße Sage oder Erfindung sey, ist nicht auszumitteln, indeß ist wohl nicht zu zweifeln, daß dieselbe eine historische Grundlage habe. Das Wesentliche dieser Einleitung ist folgendes:
Nachdem der indische König Fur (Porus) durch Alexander den Großen überwunden und getödtet war, kam ein gewisser Dabschelim, königlichen Stammes, auf den Thron von Indien, denn der von Alexander an Porus Stelle eingesetzte Statthalter konnte sich nicht halten. Dieser Dabschelim wurde mit der Zeit ein vollkommener Tyrann. Zu seiner Zeit lebte ein wegen seiner Weisheit in allgemeinem Ansehen stehender Brahmane, namens Bidpai. Der Weise, von dem rücksichtslosen Eifer getrieben, den König von seinem ungerechten Thun und Treiben abzubringen, stellt sich vor demselben und hält ihm in freimüthiger Sprache alle seine Gebrechen vor und ermahnt ihn zur Aenderung seiner Handlungsweise. Der ob solcher Freimüthigkeit ergrimmte König gab alsbald Befehl, den Brahmanen an’s Kreuz zu schlagen, änderte jedoch gleich denselben dahin ab, daß er den Bidpai bloß in’s Gefängniß werfen ließ. Die zahlreichen Schüler des Weisen entflohen in entfernte Gegenden. Bidpai blieb lange Zeit im Gefängniß. In einer schlaflosen Nacht verfiel der König in Nachdenken über die Gestirne des Himmels und ihre Bewegungen, sowie über das System des Universums. Da gedachte er wieder des weisen Brahmanen, hoffte von demselben über das, was ihm dunkel war, Aufschluß erhalten zu können und bereuete seine an demselben ausgeübte Grausamkeit. So ward Bidpai vor den König gebracht und auf dessen Befehl wiederholte er, indem er die Reinheit seiner Absichten betheuerte, die früher demselben gegebenen Zurechtweisungen und Ermahnungen. Dabschelim hörte ihn aufmerksam und ruhig an, ließ ihm die Fesseln abnehmen und erklärte ihm sogar, ihm die Regierung seines Reichs anvertrauen zu wollen. Nur ungern gieng der Brahmane auf diese Antrag ein. Seine Verwaltung hatte, wie sich erwarten ließ, den günstigsten Einfluß auf das Reich. Alle Könige Indiens unterwarfen sich gern der Oberherrschaft des nun durch seine vortreffliche Eigenschaften ausgezeichneten Dabschelim. Bidpai erklärte hierauf seinen Schülern, die sich nach seiner ehrenvollen Erhebung zu dem höchsten Staatsamte wieder um ihn versammelt hatten, daß der König ihm den Auftrag gegeben: ein Buch zu verfassen, welches die wichtigsten Regeln der Weisheit in sich enthielte. Anfangs wollte Bidpai die Arbeit mit seinen Schülern theilen, aber bald sah er ein, daß er besser derselben sich allein unterzöge, und so gieng er an’s Werk, indem er nur einen seiner Schüler als seinen Schreiber annahm. Nachdem er sich mit Papier und mit den für ihn und seinen Schreiber nöthigen Nahrungsmitteln auf ein ganzes Jahr, welche Frist ihm vom König zur Abfassung seines Werks vergönnt war versehen hatte, schloß er sich mit seinem Schreiber in ein Zimmer ein, zu dem Niemand Eintritt erhielt. Nach Verfluß der bestimmten Frist ward er mit dem Buche fertig. Der König berief alle Großen und Weisen seines Reichs und vor solcher Versammlung las Bidpai sein Buch vor. Der König war entzückt darüber und zeigte sich bereit, dem Verfasser jegliche Belohnung, die er dafür verlangte, zu geben. Bidpai verlangte aber keinen andern Lohn, als daß sein Buch sorgsam aufbewahrt werden möchte, auf daß es nicht über Indien hinaus und in die Hände der Perser komme.
Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp Wolff
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp Wolff
Stuttgart, 1837
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Dienstag, 8. Januar 2013
Bidpai's Fabelbuch (2)
Schwer zu begreifen ist es, daß ein Buch wie vorliegendes der Fabeln Bidpai’s, dem der Orient wie der Occident seine Bewunderung gezollt, ein Buch, das wohl nächst der Bibel in die meisten Sprachen der Welt übersetzt ist, ein Buch, das ganze Völker begeisterte und dem Könige und Fürsten Aufmerksamkeit und Huldigung schenkten, – schwer zu begreifen ist es, sage ich, daß ein solches Buch bei uns in solches Dunkel der Vergessenheit gerathen ist, daß außer Gelehrten vom Fach fast Niemand mehr eine Kenntniß von demselben hat.
Aus der Einleitung zu:
Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
oder
die Fabeln Bidpai’s.
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Sonntag, 6. Januar 2013
Bidpai's Fabelbuch
Kalila und Dimna
Afghanisches Manuskript, 1429
Quelle: Wikipedia
Afghanisches Manuskript, 1429
Quelle: Wikipedia
…Was den Titel vorliegenden Buches betrifft, so glaubte ich dem alten und ursprünglichen „Calila und Dimna,“ welches Benennungen zweier Schakale sind, die in den beiden ersten Capiteln des Buchs die Hauptrolle spielen, und wornach dann das ganze Buch benannt worden, den Titel beisetzen zu müßen, unter welchem das Buch am bekanntesten ist, „Fabeln Bidpai’s.“ Hier muß aber gegen die Meinung verwahret werden, welche nach diesem Titel blos gewöhnliche Thierfabeln, in unzusammenhängender Reihe neben einander gestellt, wie die des Aesop und Locman, erwarten wollte; denn Bidpai’s Fabelbuch enthält nicht vereinzelt dastehende Fabeln, sondern, mit einem Wort, eine Philosophie des Lebens, dargestellt in dem anmuthigen Gewande von Fabeln und Parabeln. Die in dem Buche enthaltenen, mehr denn sechzig, Fabeln und Parabeln sind durch ein engeres oder loseres Band an einander geknüpft, kunstreich und dennoch natürlich. Eine Einsicht in das Buch wird das Nähere über die Art und Weise der Verbindung zeigen.
Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitlgiede der asiatischen Gesellschaft von Paris.
Erstes Bändchen
Stuttgart:
J. Scheible’s Buchhandlung
1837
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitlgiede der asiatischen Gesellschaft von Paris.
Erstes Bändchen
Stuttgart:
J. Scheible’s Buchhandlung
1837
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Donnerstag, 18. Oktober 2012
Dithyrambus und Fabel
Der Dithyrambus und die kleine Aesopische Fabel scheinen zwo so verschiedene Dichtungsarten zu seyn, daß sie zwei ganz entgegengesetzte Genie’s zu erfordern scheinen: wenn jene in eine poetischen Trunkenheit enthusiastisch tobt, und mit den Mänaden über die Gebirge raset … so suchet diese, der gelassenen Natur in ihrer äußersten Simplizität zu folgen, und allezeit den kürzesten und geradesten Weg zu gehen. Wir wollen nicht behaupten, daß es nicht solche ausgebreitete Genie’s geben sollte, die mit gleichem Glücke sich in jede von diesen Verfassungen ätzen könnten: indessen scheint es, daß die letztere der Muse unsers Dichters doch weit natürlicher ist, als die erstere. Der Enthusiasmus seiner Dithyramben ist nicht selten erzwungen und studiret; er sucht öfteren den Strom, der seine Wort fortwälzen soll, dals daß er von demselben jähling ergriffen und fortgerissen wird. Unter seinen Fabeln sind verschiedene, deren Erfindung so gut ist, und die so leicht und ungekünstelt dialogirt sind, daß wir sie denen des Phädrus an die Seite setzen könnten. Der Charakter der handelnden Thiere ist meistens wohl ausgedrückt, die Sprache ist leicht, und die Lehre sinnlich und gut herbeigeführt: nur möchten wir zweifeln, ob diejenige Weise, die Personen gleich dialogisch einzuführen, allezeit wohl angebracht sei und durchgängig gefallen möchte, da der Ort der Szene zur Wahrscheinlichkeit viel beiträgt, und den Leser nicht selten auf eine angenehme Art vorbereitet. Wem wird z. B. bei der ersten Fabel nicht gleich einfallen, daß es eine seltsame Katze seyn müsse, die so viel mit der Maus komplimentiret, und nicht gerade zufährt, wenn jene nicht noch in ihren Löchern sitzt.
Johann Gottlieb Willamov (1736 - 1777)
aus: Dialogische Fabeln, S. 23 f.
Berlin, 1791
Mittwoch, 1. August 2012
Der Luchs in der Fabel
Der Luchs (Lynx lynx) wird gerne mit dem Fabelnamen Lynx angegeben. Allerdings taucht diese Bezeichnung in Fabeln eher selten auf, zumeist wird er dort auch »Luchs« genannt. Der Fabelname ist allerdings durchaus beliebt. Ganz abgesehen davon, dass es auch der wissenschaftliche Name ist, gibt es ein Sternbild dieses Namens, ein früher, textbasierter Webbrowser wurde Lynx genannt (entwickelt 1992 an der University of Kansas, bis heute noch gern im Unixumfeld genutzt), ein Betriebssystem aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderst wurde: LynxOS getauft und eine der ersten Handheld-Spielekonsolen von Atari trug den Namen Lynx. Der amerikanische Automobilhersteller Mercury taufte ein Modell Lynx von dem immerhin rund 600.000 Stück verkauft wurden. Und wo wir schon bei Automobilen sind: Ein britischer Hersteller trägt sogar diesen Namen. Leider gibt es auch einen Panzer, der mit diesem Namen versehen wurde, was mir gar nicht gefallen will und auch nicht zu passen scheint, denn der Luchs ist in der Natur ein bewegliches, leises und schnelles Tier. All dies scheint mir auf einen Panzer nicht unbedingt zuzutreffen.
Immerhin ist der Name beliebt und weil der Luchs in diesem Fabel-Blog bislang zu kurz gekommen ist, werde ich im August d.J. eine Reihe von Luchs-Fabeln posten.
Immerhin ist der Name beliebt und weil der Luchs in diesem Fabel-Blog bislang zu kurz gekommen ist, werde ich im August d.J. eine Reihe von Luchs-Fabeln posten.
Horst-Dieter Radke
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Donnerstag, 1. März 2012
Der Pfau
III. (p. 161 a.)
Einstmals gingen ein Pfau und eine Pfauhenne freundschaftlich zusammen, und da sie sich nicht begatten konnten, machte der Pfau die Bewegung des Begattens und ging dreimal um die Henne herum. Da er dabei eine Thräne vergoss, so fing die Henne diese, ehe sie zur Erde fiel, in ihrem Schnabel auf und verschluckte sie.
Einst dachte der Pfau so: „Kein Geschöpf ist so schön wie ich; indem die Menschen meine Federn anstecken, erlangen sie einen Rang, und mein Futter sind giftige Schlangen“. Während er so sich brüstend dort stand, kam plötzlich ein Geier listig herbei und holte ihn. So war die List sehr mächtig.
Der Pfau ist in der Fabel oft das Bild der Eitelkeit und Thorheit, wie in der von Schiefner, Mélanges asiatiques Bd. VIII. S. 101 mitgeteilten Geschichte, aber andererseits auch das Symbol der gesitigen Schönheit, Reinheit und Tugend, wozu man die Erzählung von dem Pfauenkönig Suvarnaprabhasa (Goldglanz) vergleiche.
Fünf indische Fabeln
Aus dem Mongolischen von Hans Conon von der Gabelentz
aus einer unveröffentlichten Handschrift der Königl. Bibliothek zu Berlin mitgeteilt
von B. Laufer
S. 286
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Mittwoch, 29. Februar 2012
Erzählungen und Fabeln in Indochina
Die Indochinesen sind reich an Märchen und Erzählungen verschiedener Art, die sich theils in ihrer Literatur geschrieben finden, theils mündlich fortgepflanzt werden. Sie tragen vielfach das Gepräge eines indischen Ursprungs, oder lehnen sich an das Chinesische, andere sind aus dem Malayischen übersetzt, andere wieder aus dem Javanischen, indem sich die verschiedenartigsten Einflüsse auf der hinterindischen Halbinsel gekreuzt haben. Daneben her laufen die historischen Sagen der nationalen Traditionen, und dann findet sich noch ein unerschöpflicher Fabelschatz, der den heiligen Textbüchern entnommen ist, vorzüglich den 550 Vorexistenzen Buddha's, welche die kleineren heißen, im Gegensatz zu den zehn letzten oder großen Wuttu's der Xataka.
aus: Adolf Bastian
Erzählungen und Fabeln aus Hinterindien
In: Globus #, Juli 1866, S. 82
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Fabeln der Völker,
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Mittwoch, 18. Januar 2012
… aus Aegypten gekommen seyn soll
Da die ganze Fabel von der poetischen Hölle aus Aegypten gekommen seyn soll, so hält man es für sehr wahrscheinlich, daß ein dasiger König Chebres oder Kebron zu der Erdichtung des Cerberus Anlaß gegeben.
Hederich, Benjamin
Gründliches mythologisches Lexikon
Leipzig 1770., Sp. 667-672
Mittwoch, 30. November 2011
Der ethische Werth der Sagen
Der ethische Werth der Sagen verdient die vollste Beachtung und Berücksichtigung; es ist nicht schwer, denselben in den Sagen selbst zu finden, obschon die Sage nie, wie die Fabel, die in ihr enthaltene Lehre gleichsam aufdringt und aufzwingt. Die Sage spricht und lehrt für sich, wie nach des frommen Sängers Lied die Saat und der Baum in seiner vollen Blühtenpracht. (S. 207)
Die Fabel, die ihren ethischen Werth meist selbst in Worten darlegt, fand in neuer Zeit häufig auch künstlerische Verklärung, und es genügt, die Namen Grandville und Otto Speckter zu nennen, … (S. 219)
Die Fabel, die ihren ethischen Werth meist selbst in Worten darlegt, fand in neuer Zeit häufig auch künstlerische Verklärung, und es genügt, die Namen Grandville und Otto Speckter zu nennen, … (S. 219)
Ludwig Bechstein
aus: Mythe, Sage, Märe und Fabel
im Leben und Bewußtsein des deutschen Volkes
Dritter Theil
Leipzig 1855
Sonntag, 27. November 2011
Eine Rezension
Brauns, H., Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen. München 1772. 8. 187 S.
Diesen Fabeln hat der Herr Verfasser für seine Landsleute eine kleine Theorie angehängt, weil, sagt er, nicht ohne Selbstgefälligkeit: „vielleicht etliche junge Leute sich hervortun, und ihm fabeln nachschreiben könnten, so wie gleich etliche Bändchen freundschaftlicher Briefe erschienen wären, seitdem Er einen Versuch in freundschaftlichen Briefen geschrieben hätte. Diesen jungen Leuten nun, meint er, wären die ächten Begriffe von der Fabel sehr nötig.“ – –
Nötig sind sie freilich, sowohl den bösen jungen Leuten, die Herrn B. Fabeln nachschreiben, als allen andern, die sich ohne Genie in dieses Feld wagen; aber durch Herrn B’s. Theorie werden sie eben nicht sehr erleuchtet werden. Er sagt: „die Fabel wäre ein kurze erdichtete, meistenteils thierische Handlung, worunter ein gewisser Satz aus der Sittenlehre verborgen liege.“ Unbestimmter kann man wohl nicht erklären. Uns dünkt überhaupt, man hat die Theorie von der Fabel noch nicht genug auseinander gesetzt. Wir glauben daß sie im Anfang nichts war, als eine Art von Induktion, welche in den glücklichen Zeiten, da man noch nichts von dem dito de Omi et nullo wußte, die einzige Weisheit war. Wollte man nämlich andere belehren oder überreden, so zeigte man ihnen den Ausgang verschiedener Unternehmungen in Beispielen. Wahre Beispiele waren nicht lange hinlänglich; man erdichtete also andere, und weil eine Erdichtung, die nicht mehr sagt als vor Augen sieht, immer abgeschmackt ist, so ging man aus der menschlichen Natur hinaus, und suchte in der übrigen belebten Schöpfung andere tätige Akteurs. Da kam man auf die Thiede, und so fabulirte man fort, bis die Menschen mehr anfingen zu raisonniren, als zu leben. Nun erfand man Axiome, Grundsätze, Systeme u.d.gl. und mochte Induktion nicht mehr leiden; zugleich entstand das Unding der honneten Compagnie, zu welcher sich Dichte rund Philosophen schlugen. Diese wollten der Fabel, die mit der Induktion gefallen war, wieder aufhelfen. Sie schminkten sie also, puderten sie, behängten sie mit Bändern, und da kam das Mittelding zwischen Fabel und Erzählung heraus, wodurch man nun nicht mehr lehren, sondern amüsieren wollte. Endlich merkte man, wie weit man sich von der ersten Erfindung entfernt hatte. Man wollte zu ihr zurückkehren, und schnitt die Auswüchse ab; allein man konnte doch mit der Induktion nicht fortkommen, und behalf sich also mit dem bloßen Witz; da wurde Fabel Epigramm.
So würde die Geschichte der Theorie aussehn, die wir von der Fabel schreiben würden. Beispiele von der letzten Gattung würden wir genug in Herrn B’s. Fabeln antreffen. Wir würden aber schwerlich welche daraus wählen; denn die meisten sind entweder schlecht erfunden, oder abgenutzt, oder falsch, oder alltäglich. Herr B. verspricht noch eine weitläufigere Theorie von der Fabel. Sollten wir aus diesem Versuch auf ihren Wert schließen, so wollten wir sie verbitten; aber Liceat perire poetis! und warum sollte Herr B. auch nicht so viel Recht haben zu dichten und zu theoretisieren als andere?
Diesen Fabeln hat der Herr Verfasser für seine Landsleute eine kleine Theorie angehängt, weil, sagt er, nicht ohne Selbstgefälligkeit: „vielleicht etliche junge Leute sich hervortun, und ihm fabeln nachschreiben könnten, so wie gleich etliche Bändchen freundschaftlicher Briefe erschienen wären, seitdem Er einen Versuch in freundschaftlichen Briefen geschrieben hätte. Diesen jungen Leuten nun, meint er, wären die ächten Begriffe von der Fabel sehr nötig.“ – –
Nötig sind sie freilich, sowohl den bösen jungen Leuten, die Herrn B. Fabeln nachschreiben, als allen andern, die sich ohne Genie in dieses Feld wagen; aber durch Herrn B’s. Theorie werden sie eben nicht sehr erleuchtet werden. Er sagt: „die Fabel wäre ein kurze erdichtete, meistenteils thierische Handlung, worunter ein gewisser Satz aus der Sittenlehre verborgen liege.“ Unbestimmter kann man wohl nicht erklären. Uns dünkt überhaupt, man hat die Theorie von der Fabel noch nicht genug auseinander gesetzt. Wir glauben daß sie im Anfang nichts war, als eine Art von Induktion, welche in den glücklichen Zeiten, da man noch nichts von dem dito de Omi et nullo wußte, die einzige Weisheit war. Wollte man nämlich andere belehren oder überreden, so zeigte man ihnen den Ausgang verschiedener Unternehmungen in Beispielen. Wahre Beispiele waren nicht lange hinlänglich; man erdichtete also andere, und weil eine Erdichtung, die nicht mehr sagt als vor Augen sieht, immer abgeschmackt ist, so ging man aus der menschlichen Natur hinaus, und suchte in der übrigen belebten Schöpfung andere tätige Akteurs. Da kam man auf die Thiede, und so fabulirte man fort, bis die Menschen mehr anfingen zu raisonniren, als zu leben. Nun erfand man Axiome, Grundsätze, Systeme u.d.gl. und mochte Induktion nicht mehr leiden; zugleich entstand das Unding der honneten Compagnie, zu welcher sich Dichte rund Philosophen schlugen. Diese wollten der Fabel, die mit der Induktion gefallen war, wieder aufhelfen. Sie schminkten sie also, puderten sie, behängten sie mit Bändern, und da kam das Mittelding zwischen Fabel und Erzählung heraus, wodurch man nun nicht mehr lehren, sondern amüsieren wollte. Endlich merkte man, wie weit man sich von der ersten Erfindung entfernt hatte. Man wollte zu ihr zurückkehren, und schnitt die Auswüchse ab; allein man konnte doch mit der Induktion nicht fortkommen, und behalf sich also mit dem bloßen Witz; da wurde Fabel Epigramm.
So würde die Geschichte der Theorie aussehn, die wir von der Fabel schreiben würden. Beispiele von der letzten Gattung würden wir genug in Herrn B’s. Fabeln antreffen. Wir würden aber schwerlich welche daraus wählen; denn die meisten sind entweder schlecht erfunden, oder abgenutzt, oder falsch, oder alltäglich. Herr B. verspricht noch eine weitläufigere Theorie von der Fabel. Sollten wir aus diesem Versuch auf ihren Wert schließen, so wollten wir sie verbitten; aber Liceat perire poetis! und warum sollte Herr B. auch nicht so viel Recht haben zu dichten und zu theoretisieren als andere?
J.W.v.Goethe
aus: Rezensionen in die Frankfurter gelehrten Anzeigen.
Die Jahre 1772 und 1773
aus: Rezensionen in die Frankfurter gelehrten Anzeigen.
Die Jahre 1772 und 1773
Donnerstag, 1. September 2011
Fabelschatz & Fabelspiel
Fabelschatz
Kern der sinnvollsten, lehrreichsten und ansprechendsten Fabeln aller Zeiten, Völker und Sprachen.
Fabelspiel
das, für die Jugend, oder die bewegl. Lafontaine’schen Fabeln (französ. u. deutsch) mit e. gemalten Landschaft u. vielen ausgeschnittenen ill. Figuren.
aus:
Vollständiges Bücher-Lexicon
enthaltend
alle von 1750 bis zu Ende des Jahres 1832
Vollständiges Bücher-Lexicon
enthaltend
alle von 1750 bis zu Ende des Jahres 1832
in Deutschland und in den angrenzenden Ländern gedruckten Bücher
Zweiter Theil
Zweiter Theil
Labels:
Fabelglossar,
Theorie der Fabel,
Zitate
Sonntag, 17. Juli 2011
Der Leser sieht das Bild …
Der Leser sieht das Bild, und lacht des Fuchses List:
Merkt aber schamroth oft, da er getroffen ist.
Die Charaktere der Thiere sind bestimmt. Auch dieses trägt nicht wenig zum Vergnügen, oder zu dem Unterzweck der Fabel bey. Der Esel ist dumm, der Fuchs schlau: der Löwe muthig, der Hase feig: der Wolf grausam, das Lamm sanft etc. Aus dieser Bestimmtheit der Charaktere läßt sich auf einen moralischen Satz ein eben so sichere, als angenehme Anwendung machen. So wird durch die Fabel die ganze Natur belebt, und alle Wesen, wenn man sie mit Äsops Augen ansieht, werden eben so viele unterhaltende Lehrer. Ich sagte schon oben, daß die Moral der Philosophen oft zu versteckt und finster ist; aber in der Fabel lernet man seine Pflichte, die Wahrheit, die Schönheit der Tugend, die Häßlichkeit des Lasters ohne Anstrengung wie spielend, kennen. Die zu nackte Wahrheit blendet, im Fabelschleyer ist sie doppelt reizend. …
Merkt aber schamroth oft, da er getroffen ist.
Die Charaktere der Thiere sind bestimmt. Auch dieses trägt nicht wenig zum Vergnügen, oder zu dem Unterzweck der Fabel bey. Der Esel ist dumm, der Fuchs schlau: der Löwe muthig, der Hase feig: der Wolf grausam, das Lamm sanft etc. Aus dieser Bestimmtheit der Charaktere läßt sich auf einen moralischen Satz ein eben so sichere, als angenehme Anwendung machen. So wird durch die Fabel die ganze Natur belebt, und alle Wesen, wenn man sie mit Äsops Augen ansieht, werden eben so viele unterhaltende Lehrer. Ich sagte schon oben, daß die Moral der Philosophen oft zu versteckt und finster ist; aber in der Fabel lernet man seine Pflichte, die Wahrheit, die Schönheit der Tugend, die Häßlichkeit des Lasters ohne Anstrengung wie spielend, kennen. Die zu nackte Wahrheit blendet, im Fabelschleyer ist sie doppelt reizend. …
Fabulae Aesopiae
Phädrus in deutschen Reimen
von Xaver Weinzierl
Wien und Triest, 1817
aus dem Vorwort
Phädrus in deutschen Reimen
von Xaver Weinzierl
Wien und Triest, 1817
aus dem Vorwort
Labels:
18./19. Jh.,
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Theorie der Fabel,
Zitate
Montag, 2. Mai 2011
Die Fabel
Als didaktische und darum weil mehr nüchterne Erzählung einer erdichteten Begebenheit bezeichnet sich die Fabel; stäts Erdichtung, will sie doch immer belehren und nimmer ihr Bild aus der physischen Welt, dadurch unterscheidet sie sich vom Mährchen; als Bild ist sie eine moralische Allegorie. Aber sie ist mehr, nämlich erzählende, aber auch dialogisierte Darstellung einer Regel der Lebensklugheit oder Lebensweisheit unter einem aus der physischen Welt (namentlich Thier- und Pflanzenwelt) hergenommenen Sinnbilde. Sie besteht aus zwei wesentlichen Theilen, dem Sinnbilde und dessen Anwendung, stäts deutet das Bild auf eine Moral, und diese wird am Schlusse angegeben. so spiegelt sich in der Fabel die Moral in der physischen Welt ab. weil aber die Menschenwelt nicht immer moralisch ist, nimmt der Fabeldichter sein Bild aus der nicht-menschlichen Welt. Der Ton dieser Dichtungsart ist einfach, kindlich, edel, oft scherzhaft, naiv. Herder’s Eintheilung in theoretische, sittliche und Schicksalsfabeln ist überflüssig, denn die Fabel moralisiert stäts. Als ausgezeichnete Fabeldichter nennen wir den Araber Leckman, Aesop, Phädrus, Gellert. Reineke Fuchs ist eine epische Fabelreihe in erzählender und dialogisierter Form.
D.J.G. Scheibel
in: Allgemeine Kirchenzeitung
Sonntag 22. October 1837
Nr. 169 - S. 1389 f.
in: Allgemeine Kirchenzeitung
Sonntag 22. October 1837
Nr. 169 - S. 1389 f.
Samstag, 30. April 2011
Hitopadesa
Bildquelle: Wikipedia
Trishnân chhinddhi, bhaja kshamân, tyaja madan, pâpe ratin mâ krithâh;
satyan brûhy-anuyâhi sâdhupadavîn, sevasva vidvajjanân;
mânyân mânaya, vidvisho ‘pyanunaya, prachchhâdaya svân gunân,
kîrtin pâlaya, dushkhite kuru dayâm, – etat satân lakshanan°
(Bhartrihari I. Jahrh. vor Chr.)
Still‘ den Durst, üb‘ die Geduld und lass den Hochmuth; sünd’ger Freude fröhne nicht;
Sprich die Wahrheit, geh‘ den Pfad des Rechts und an die Wissenschaft gewöhne Dich;
Wer’s verdient, den ehre, liebe selbst den Feind und schätz‘ gering die eigne Kraft!
Guten Namen schütze, Kummer bringe Lindrung: Das ist’s, was der Edle schafft!
(Übers. August Boltz)
Wie die gesammte indo-europäische Sprachenfamilie auf eine gemeinsame Ursprache zurückweist, so deuten auch die ersten Spuren der Fabeln und Märchen auf den Orient zurück.
Die älteste Sammlung solcher Fabeln und Märchen, die einen sehr bedeutenden Einfluss auf die ganze Literatur des Morgenlandes und somit auch auf die unseres Mittelalters ausgeübt hat, ist die unter dem Namen Bidpay oder Pilbay seit mehr als 2000 Jahren im ganzen Orient bekannt gewordene …
Als die letzte Quelle dieser Fabeln und Erzählungen hat sich … das Panchatantra herausgestellt, dessen ursprünglicher Text zwar gewaltige Veränderungen und Zusätze erlitten hat und nicht mehr sicher herzustellen ist, dessen Existenz aber für das 6. Jahrh. v. Chr. gesichert ist, wo es auf Befehl des Nushirvan, des berühmten Sasaniden, in in das Pehlvi übersetzt ward … Der Name Bidpay oder Pilpay scheint eine persiche Umgestaltung des indischen Vidyapriya (= Freund der Wissenschaft) zu sein, und dürfte somit mehr die Sache selber als eine historische Person bezeichnen.
Von jenem großen Sammelwerke Panchatantra ist der Hitopadesa (hita + upadesa, freundiche Unterweisung …) ein in Palibothra am Ganges zusammengestellter Auszug, der minder den Zweck der Erzählung, als den der Belehrung in’s Auge fasste, da die in die Fabeln eingeflochtenen Sprüche uralter Weisheit, die Moral der Geschichte, hier recht eigentlich Hauptsache sind.
Über die vielfachen Bearbeitungen dieser Sammlung in allen möglichen Sprachen Asien’s und Europa’s giebt das Brockhaus’sche Conv.-Lex. II. 666. recht ausführlichen Nachweis. In Deutschland wurde sie zum ersten Male durch Veranstaltung des würtembergischen Herzogs Eberhard im Bart im Jahre 1480 unter dem Titel „Buch der Byspel der alten Weisen“ bekannt, die damals nach einer lateinischen Übersetzung des Johannes von Capua gefertigt worden war, der wiederum di ehebräische Version des Rabbi Joel zu Grund gelegen hatte. Erst im Jahre 1844 gab Max Müller, Professor zu Oxford, die erste vollständige Übersetzung in deutscher Prosa heraus, und dabei könnte es nun sein Bewenden haben.
Die Natur des Buches aber bringt es mit sich, dass es, wie es da ist, einen grösseren Leserkreis sich kaum erworben haben dürfte. Abgesehen von dem Einschachtelungssystem der ersten Compilatoren, die eine Fabel in die andere schoben, so dass man den Hauptfaden und mit ihm die Geduld oft ganz verliert, so verlangt auch die Fabel eine naive metrische Behandlung, wenn sie Volkseigenthum werden soll.
Bei der grossen literarhistorischen Wichtigkeit dieser Fabeln, auf die so viele der unter den jüngeren Völkern eurisirenden zurückweisen, schien es mir der Mühe werth, einen solchen Versuch zu wagen.
Die ersten Proben meiner Übersetzungen, die ich – nebst Sanskrittext in lateinischer Umschrift – mehreren bedeutenden Journalen einsandte, wurden gern aufgenommen, und so fühlte ich mich ermuthigt, mit meinen Versuchen fortzufahren.
Hauptzweck war und blieb mir stets fast wörtliche Treue, weshalb ich auch hier den Sanskrittext in lateinischer Umschrift und möglichster Trennung der Wortgruppen Zeile für Zeile danebenstellte. Die oberflächlichste Vergleichung wird zeigen, wie weit mir das in vielen Fällen geglückt ist, was jedoch die nachhelfende Hand für die Zukunft nicht ausschliesst.
…
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18./19. Jh.,
Asien,
Fremdsprachige Fabeln,
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