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Mittwoch, 21. Juni 2017

Die Krähe und der Fuchs

Die Heumacher hatten auf der Wiese eine Heugabel aufrecht in den Boden gesteckt vergessen.

Es kam der Frühling. Eine Krähe fand die Gabel und baute zwischen deren Zinken ihr Nest. Der Fuchs sah es und dachte nach, wie er die Krähenjungen aus dem Nest herauskriegen könne. Er begann, der Krähe Furcht einzujagen: »Das ist meine Gabel. Gib mir ein Kind aus dem Neste heraus. Gibst du es nicht, so hau ich die Gabelstange nieder!«

Die Krähe gab aber das Kind nicht her. Da ging der Fuchs unters Nest und schlug mit dem Schwanz an die Gabelstange. Die Krähe sah das und dachte: »Jetzt haut der Fuchs die Stange nieder und brennt sie mit Feuer!« Sie nahm ein Kind und warf es dem Fuchse hinunter. Auf diese Weise lockte ihr der Fuchs drei Kinder ab.

Endlich merkte die Krähe den Betrug und gab ihm keine Kinder mehr. Der Fuchs beschloß, die Krähe dafür umzubringen. Er legte sich in der Nähe des Krähennestes nieder und stellte sich tot. Auf solche Weise lag der Fuchs zwei Wochen lang an ein und derselben Stelle hingestreckt, so daß ihm auf der einen Seite schon die Haare ausgingen.

Jetzt erst kam die Krähe, um dem Fuchse die Augen auszuhacken. Da sprang der Fuchs vom Boden auf und zerriß die Krähe.

August von Löwis of Menar
Finnische und estnische Volksmärchen
Jena, 1922

Mittwoch, 5. Januar 2011

Der Fuchs und die Trauben


»Na, ich konnte mir auch denken, daß die Trauben noch nicht reif waren«, sagte der Fuchs und stellte den Stuhl, auf welchen er gestiegen war, um die Trauben zu kosten, wieder an seinen Platz.

Er streckte sich behaglich am Fuße des Weinstockes aus und ließ sich die Sonne auf den Pelz brennen.

Von ohngefähr kam der Rabe geflogen. Der Rabe war ein Witzbold, ein wenig Satiriker; die Tiere meinten, er sei boshaft. Er selbst hielt sich für einen Lebens-Künstler; er war stets im evening dress.

»Hallo, wie schaut's, alter Freund«, – Leute, die man nicht mag, nennt man gern alter Freund – rief er dem Fuchs zu.

»N Tag«, erwiderte lässig der Fuchs.

»Ah so, Traubenkur, was?«

»Zu sauer«, gähnte der Fuchs faul.

»Verstehe, verstehe«, kicherte hämisch der Rabe, flog an den Weinstock und pickte eine dicke Beere ab.

»Pfui Teufel!« Wütend spuckte er aus und flog beschämt davon.

Der Fuchs feixte befriedigt.

(1880 - 1913)
aus: Drei Fabeln ohne Moral
zuerst erschienen in: 
Sonntagsblatt des "Düsseldorfer General-Anzeiger"
vom 29.12.1907, Nr. 52.

Freitag, 25. September 2009

Der Fuchs und die Trauben


Ein Fuchs, der auf die Beute gieng,
Traf einen Weinstock an, der, voll von falben Trauben,
Um einen hohen Ulmbaum hieng;
Sie schienen gut genug; die Kunst war, abzuklauben.
Er schlich sich hin und her, den Zugang auszuspähn;
Umsonst, es war zu hoch, kein Sprung war abzusehn.
Der Schalk dacht in sich selbst: ich muß mich nicht beschämen;
Er sprach und macht dabei ein hämisches Gesicht:
»Was soll ich mir viel Mühe nehmen,
Sie sind ja saur und taugen nicht!«
So gehts der Wissenschaft. Verachtung geht für Müh.
Wer sie nicht hat, der tadelt sie.

Albrecht von Haller
(1708 bis 1777)

Mittwoch, 22. April 2009

Die erst fabel von dem fuchs und dem truben.


Ain fuchs lieff für ain hohe winreben und sach dar an hangen zytig truben deren begeret er zeessen /
a suchet magezlay weg wie inm die truben werden möchten /
mit klimmen und spungen aber sie stunden so hoch /
dz sie im nit werden mochten. wo er das merket /
lieff er hin weg /
und verhöret syne anfechtug un lust zu den truben in fröd und sprach. Nun synt doch die truben noch suwr. Ich ölte sie öch nit essen. ob ich sie wo möchte erlange.
Die fabel bedütet /
dz ain wyser ma /
sol sich lassen bdunken /
er wölle und mug des nit /
dz er nit gehaben mag.

aus:
Aesopus; vita et Fabula.
Uß latin von Heinrico Stainhoewel
schlecht und verstentlich getütscht,
nit wort uß wort sunder sin uß sin.

Ulm 1476

Freitag, 27. Februar 2009

Teufelglauben

In Reben umflattert ein Lumpen den Dorn
als schwarzer Teufel mit Schwanz und mit Horn,
und Füchse predigen überall:
die Diebe hole der Teufel all.
Das glauben die Vögel geraume Zeit,
und halten sich von den Trauben weit;
die Füchs’ aber stehlen ungescheut.
Da keinen der Schwarze beim Fell ergreift,
naht auch das lustige Volk und verpfeift,
was es einfältig so fest geglaubt.
Sie sitzen dem Teufel sogar aufs Haupt
und schnabelieren, was sie geraubt.

Abraham Emanuel Fröhlich

Samstag, 21. Februar 2009

The Fox and the Grapes


A Fox, seeing some sour grapes hanging within an inch of his nose, and being unwilling to admit that there was anything he would not eat, solemnly declared that they were out of his reach.

Äsop

Sonntag, 1. Februar 2009

Der Fuchs und die Trauben


Hungrig schlich der Fuchs ins Freie

Futter für den leeren Magen

Auf der Wiese zu ersphän.

Endlich hoch am Rebenzweige

Winket ihm die schönste Traube,

Welche je sein Mund begehrt

Springend sucht er zu erreichen,

Was das Auge lüstern reizet;

Doch umsonst ist all sein Mühen,

Denn die Traube

Hängt zu hoch für Meister Fuchs.

Mürrisch spricht er: „ach, sie schmecket

Bitter noch und bittre Trauben

Freß ich, glaubt's mir, niemals gern.“

___

Solche trifft der Mund der Fabel,

Die mit Worten frech verhöhnen,

Was zu groß für ihre Kraft.

Theodor Storm
(handschriftlich), 1835
Storm war damals 17 Jahre alt

Dienstag, 24. Juni 2008

Der Fuchs und die Trauben



Ein Fuchs, der auf die Beute ging,
fand einen Weinstock, der voll schwarzer Trauben
an einer hohen Mauer hing.
Sie schienen ihm ein köstlich Ding,
allein beschwerlich abzuklauben.
Er schlich umher, den nächsten Zugang auszuspähn.
Umsonst! Kein Sprung war abzusehn.
Sich selbst nicht vor dem Trupp der Vögel zu beschämen,
der auf den Bäumen saß, kehrt er sich um und spricht
und zieht dabei verächtlich das Gesicht:
Was soll ich mir viel Mühe nehmen?
Sie sind ja herb und taugen nicht.

Karl Wilhelm Ramler (nach Äsop)