Posts mit dem Label Abraham Gotthelf Kästner werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Abraham Gotthelf Kästner werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 25. Mai 2010

Die Coeursleben

Nicht schlaue Füchse, wilde Stiere,
Nicht Menschen allzugleiche Thiere,
Nicht Mährchen, wie Aesop erfand,
Sind meines Dichtens Gegenstand;
Die Karten will ich jetzt beleben,
Und ihnen Witz und Denken geben.
Ihr Spötter, eh' ihr den verlacht,
Der todte Karten redend macht,
So lernt, wie das, was ich erfinde,
Sich auf Natur und Wahrheit gründe.

Was macht, daß Chloris sinnt und schließt,
Und daß Silvander artig ist?
Die Karten müssen sie beleben,
Und ihnen Witz und Denken geben:
Wenn sie nun Andern das verleihn,
So kann es wohl ihr eigen seyn.

In jenen streitbaren Papieren,
Damit die Schönen Kriege führen,
Und Stutzer selbst zu Felde ziehn,
Weicht Alles vor dem schwarzen Sieger;
Stets würgt er zween berühmte Krieger,
Gemeines Volk läßt er entfliehn.

An Farbe gleicher, als an Stärke,
Doch stark zu manchem großen Werke,
Ist ihm der zweyte Kämpfer nah,
Auf dessen Schild, nie ohne Zittern,
Der kühnste von den bunten Rittern
Das schwarze Kreuze blicken sah.

Den dritten Platz hat er im Heere.
Der zweyten Stelle Macht und Ehre
Bleibt nicht stets Einem ganz allein;
Weil zweymal zween gemeine Knechte
Auf diesen Rang mit gleichem Rechte
Sich einer um den andern freun.

Einst ward ein Blatt dazu erhoben,
Das uns als seiner Kühnheit Proben
Sechs Herzen und noch eines zeigt,
Und bey der andern Blätter Neide,
Berauscht von stolzerfüllter Freude,
Nun seinen König übersteigt.

Die Basta selber muß mich ehren!
So ließ es sich voll Hochmuth hören,
Ein einzig Blatt ist über mir.
Die Basta, durch den Stolz verletzet,
Sprach: wenn dein Rang dich so ergetzet,
So glaube doch, ich gönn' ihn dir.

Beständig kann mein Beystand nützen;
Stets wünschet man mich zu besitzen:
Dich macht nur blinder Zufall werth.
So eile, recht dein Glück zu fühlen,
Eh' durch dich in den nächsten Spielen
Verworfner Blätter Zahl sich mehrt.
Der Leser mag es selbst ergründen,
Worauf der Fabel Inhalt zielt.

Er braucht vielleicht, es auszufinden,
Nicht halb den Witz, damit er L'hombre spielt.

Abraham Gotthelf Kästner

Montag, 10. August 2009

Der Seidenwurm und die Spinne


Der Raupen edelste, die Weberinn der Seide,
Spann sich ihr Grab zu eines Fürsten Kleide;
Nicht weit von ihr hing an der schwarzen Wand
Die Künstlerin, die Pallas überwand.
Noch war von ihr nicht ganz der alte Stolz entwichen,
Sie hatte sich Minerven einst verglichen,
So hielt sie unter sich jetzt Raupen weit entfernt:
Wo hast du armer Wurm dein Spinnen wohl gelernt?
Dein Faden ist zu grob, und viel zu derb gewunden.
Bewundre meine Kunst, wie zart sie Fäden zieht;
Die Fliege findet sich gebunden,
Noch eh' sie das Gewebe sieht;
Mit minderm Stoff, als da dein Ey umhüllt,
Wird eine Wand von mir erfüllt;
Zwar du bist blind: mit so viel Kunst zu weben,
Sind von der Götter Huld acht Augen mir gegeben.
Den Vorzug, der dich ziert, hast du mir g'nug erklärt,
Doch wirst du, sprach der Wurm, die Antwort auch vergönnen:
Acht Augen, die nur Mücken kennen,
Sind wenig mehr, als meine Blindheit werth:
Und wenn sich mein Gespinnst auf Throne darf erheben,
So lern' ich wohl von dir nicht Fliegennetze weben.

Abstrakte Logiker, merkt euch den Unterricht,
Euklides lernt von euch des Denkens Regeln nicht.

Abraham Gotthelf Kästner

Dienstag, 7. Juli 2009

Die gefüllte wilde Rose


Im Felde, wo noch frey vom künstelnden Bemühen
Die reizende Natur entzückt,
Sah man sich einen Busch in hundert Aesten ziehen,
Von tausend Rosen ausgeschmückt:
Fünf Blätter, welche sich an Farb' und Schönheit gleichen,
Bekrönen jener Blume Haupt;
Doch einer Blume nur ist größrer Schmuck erlaubt,
Daß ihr die andern alle weichen.

Zum Vorzug, der ihr eigen ist,
Kann sie allein, in wiederholten Kreisen,
Da einer stets den andern in sich schließt,
Fünf Blätter jedesmal, doch oft vervielfacht weisen.

Sie fand ein Blumenfreund, er nahm sie mit Vergnügen;
Die andern würdigt er nicht einmal anzusehn:
Wie ist dadurch der Rose Stolz gestiegen!
Wie fing sie an, die Schwestern zu verschmähn!
Doch ihren hohen Sinn zu schwächen,
Hat ihr der, der sie nahm, des Vorzugs Grund erklärt:
»Im Garten würde man unzählig bessre brechen,
Am wilden Rosenstrauch bist du bewundernswerth.«

So wird man oft den Ruhm gelehrter Schönen hören,
Mehr das Geschlecht zu schmähn, als die Person zu ehren.

Abraham Gotthelf Kästner

Donnerstag, 2. April 2009

Der Gärtner und der Schmetterling

Nicht der erste dieses Jahr, den ich gesehen habe,
aber der erste, der sich fotografieren ließ.

Ach gönne mir das Glück, mein Leben frey zu enden!
So bat ein Schmetterling in seines Fängers Händen,
Noch wenig Tage sind zum Fliegen mir erlaubt,
Was hilft die Grausamkeit, die mir auch diese raubt?
Du weißt, der Blumen Schmuck wird nicht durch mich versehret,
Ein unvermißter Saft ist alles, was mich nähret.

Dein Flehen bringt mich nicht zu unbedachter Huld,
Sagt ihm der Gärtner drauf, stirb jetzt für alte Schuld;
Wollt' ich der Raupe That dem Schmetterling vergeben,
So wird sie hundertfach in deinen Jungen leben.

Auch bey der Bessrung Schein befiehlt des Bösen Tod
Das Uebel, das er that, und mehr noch, das er droht.

Anmerkung:
Daß die Schmetterlinge Raupen gewesen sind, und Eyer legen, aus denen wieder Raupen auskriechen, ist vielleicht zu Erläuterung dieser Fabel eine nöthige Anmerkung für manche witzige Köpfe, die sich eine Schande daraus machen, sich um solche Kleinigkeiten, wie die Wunder der Insekten sind, zu bekümmern. Eben diese sollen auch wissen, daß die Insekten sich noch stärker vermehren, als die reimreichen und reimlosen Dichter, und auch noch den Vorzug haben, daß sie meistens besser gerathne Kinder sind.

Abraham Gotthelf Kästner