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Montag, 5. Februar 2018

Friedrich von Hagedorn

Friedrich von Hagedorn
Zur 200. Wiederkehr seines Todestages
Von Ludwig Hübsch
Innsbrucker Nachrichten vom 22.4.1908

Wenige Namen sind so schnell dem Gedächtnis des deutschen Volkes entschwunden, wie der dieses liebenswürdigen Dichters. Und doch war Friedrich von Hagedorn einer der beliebtesten und geehrtesten Menschen seiner Zeit; ein Mann, der bei seinen Zeitgenossen Gellert, Bodmer, Rabener und anderen in hohem Ansehen stand; von dem selbst ein Lessing beeinflußt wurde. J.JH. Eschenburg, der geistreiche und um die deutsche Literatur hochverdiente Professor am Carolineum zu Braunschweig (1743 bis 1820) erzählt, »daß Hagedorn alle Freitage bei seinem Freunde Carpfer in Hamburg zu Tische war, wo sich dann die geistvollsten Männer, Reisende – worunter auch Personen fürstlichen Standes – einfanden, um seine Gesellschaft zu genießen.« Und heute? Wer kennt, wer liest heute Hagedorn? Auf diese Frage könnten nur wenige bejahend antworten. Außer dem humorvollen Gedichte »Johann der Seifensieder«, das in allen Schullesebücher zu finden ist, wird heute wohl so ziemlich alles, auch seine vortrefflichen fabeln, vergessen sein. Das ist schade, wirklich schade, denn Hagedorns Lieder, seine Fabeldichtungen und eine kleine Anzahl seiner Epigramme besitzen heute noch Lebendigkeit und Wert.
Manche seiner Gedichte sind von einer zartfröhlichen Leichtigkeit, Schalkhaftigkeit und einer, von natürlicher Anmut geleiteten Grazie und Naivität, die an Anakreon erinnert. So »Der Tag der Freude«:

Umkränzt mit Rosen eure Scheitel
(Noch stehen euch die Rosen gut)
Und nennet kein Vergnügen eitel,
Dem Wein und Liebe Vorschub tut.
Was kann das Totenreich gestatten?
Nein! Lebend muß man fröhlich sein!
Dort herzen wir nur kalte Schatten:
Dort trinkt man Wasser und nicht Wein.

Echt anakreontische Fröhlichkeit atmen auch »Der Mai«, »Doris und der Wein«, »Phryne«, »Der verliebte Bauer«, »Der ordentliche Hausstand« und viele andere Lieder. Mit Hagedorn beginnt eigentlich wieder eine neue Blütezeit des deutschen Liedes, das durch die zweite schlesische Dichterschule und besonders durch ihre Hauptvertreter Hoffmannswaldau und Lohenstein geradezu barbarisch behandelt worden war.
Einige seiner wenigen Lieder sind oftmals vertont worden und werden heute noch gesungen. Ich nenne nur: »Die Vögel«, »Die Empfindung des Frühlings«, »An die Freude«, »Der Kuckuck« und »Der Morgen«. Besonders das letztgenannte Lied ist entzückend und formvollendet. Hier die erste Strophe:

Uns lockt die Morgenröte
In Busch und Wald,
Wo schon der Hirten Flöte
Ins Land erschallt.
Die Lerche steigt und schwirret,
Von Lust erregt;
Die Taube lacht und girret,
Die Wachtel schlägt.

Hagedorns Epigramme sind treffend, witzig und scharf, einfach und geistreich. Der größte Teil derselben hat allerdings für uns kein Interesse mehr, doch sind manche wegen ihrer Eigenart noch heute lesenswert. Einige mögen hier Platz finden:

Langweiliger Besuch macht Zeit und Zimmer enger:
O Himmel, schütze mich vor jedem Müßiggänger
*
Unzählig ist der Schmeichler Haufen,
Die jeden Großen überlaufen,
Solang er sich erhält.
Doch gleitet er von seinen Höhen,
So kann er bald sich einsam sehen
Das ist der Lauf der Welt.
*
Wer übertrifft den, der sich mild erzeigt?
Der jehne Freund, der es zugleich verschweigt.

Auch Hagedorns Oden und seine moralischen Erzählungen sind für uns belanglos und zudem auch ohne jede Originalität. Dagegen wäre eine größere Kenntnis und Verbreitung seiner Fabeln sehr wünschenswert. Einige derselben sind wirklich vortrefflich; man kann sie getrost den besten Fabeln Lessings an die Seite stellen. Genannt seien »Der Fuchs und der Bock«, »Der Hase und viele Freunde«, »Die Räuber und der Esel« und

»Die Eulen«.
Der Uhu, der Kauz und zwo Eulen
Beklagten erbärmlich ihr Leid:
Wir singen; doch heißt es wir heulen:
So grausam belügt uns der Neid.
Wir hören der Nachtigall Proben,
Und weichen an Stimme nicht ihr.
Wir selber, wir müssen uns loben.
Es lobt uns ja keiner, als wir.

Dann noch:

»Die Natter«
Als einst der Löwe Hochzeit machte,
Kroch zu der neuen Königin
Auch eine kleine Natter hin,
Dir zum Geschenk die schönste Rose brachte.
Doch jene weist sie ab und spricht
Ich nehme Rosen an; allein von Nattern nicht.
*

Über Hagedorns Lebensgang ist nicht viel zu berichten. Er wurde am 23. April 1708 in Hamburg geboren, wo sein Vater Konferenzrat war. Hier besuchte er das damals vorzüglich geleitete Hamburgische Gymnasium, studierte die alten, aber auch die neueren und ausländischen Dichter und gewann besonders die letztern lieb. Von 1726 bis 1729 studierte er in Jena die Rechte und ging sodann nach London, wo er bei dem dänischen gesandten Privatsekretär wurde. Im Sommer 1731 kehrte er über Brabant und Holland nach Hamburg zurück und erhielt zwei Jahre später eine Anstellung bei dem sogenannten English Court, einer alten Handelsgesellschaft. Da diese Stelle mit einem anständigen Gehalt verbunden war, so heiratete er bald darauf; die Ehe blieb kinderlos. Hagedorn widmete seine freie Zeit fortan der Poesie, der Freundschaft und dem geselligen Umgange. Am 28. Oktober 1754 starb er noch nicht ganz 47 Jahre alt, an der Wassersucht.
Möge der morgige Gedenktag nicht nur seinen Namen, sondern auch seine Werke dem deutschen Volke wieder in Erinnerung bringe; sie verdienen es!

Da hat der Autor (oder der Redakteur) einen ordentlichen Bock geschossen. Es handelte sich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses sonst lesenswerten Artikels keineswegs um Hagedorns zweihundertsten Todes-, sondern Geburtstags.

Mittwoch, 24. Juli 2013

Der welsche Hahn, der Habicht und der Adler


Man diene, wem man kann, doch nicht um reich zu werden.
Dann nichts ist kärglicher, als die Erkenntlichkeit.
Es ging ein welscher Hahn, in stolzer Sicherheit,
Aus seinem Hof ins Feld, und musterte die Herden.
Ein Habicht, welchem nur der Adler schrecklich war,
An Fängen stark, schlau wie ein Hasengeyer,
Schoß auf den Hahn herab, und, durch ein Abenteuer,
Entriß ein Adler ihn der plötzlichen Gefahr.
Damit ich, sprach der Hahn, nicht dankvergessen scheine,
Sing ich dein Lob: ich singe meisterlich.
Auch hab ich ein Geschenk für dich.
Ich gebe gern. Was? Meiner Federn eine.

Es drohte Spanien Alphonsens‘ Thron den Fall,
Doch Englands zweiter Carl beschützte Portugall.
Für den zu schwachen König stritten
Die unerschrockenen freien Britten,
Und siegten, so wie sonst, auch bey Amerial.
Alphonsus lobt den Heldenmut der scharen,
Durch deren Arm sein Reich bestand;
Doch macht er seinen Dank auch durch Geschenke kund.
Die königlichen Gaben wären,
Für jede Compagnie, an Schnupftabak, drye Pfund.

Friedrich von Hagedorn
Versuch in Poetischen Fabeln und Erzählungen
Leipzig bey Bernh. Christ. Breitkopf
ca. 1739
unberechtigter Nachdruck

Donnerstag, 16. Mai 2013

Der Esel, der Affe und der Maulwurf

Ein betrübter Esel heulte,
Weil des Schicksals karge Hand
Ihm nicht Hörner zugewandt,
Die sie doch dem Stier ertheilte;
Und der Affe fiel ihm bey,
Daß der Himmel grausam sey,
Weil er ihm den Schwanz versagte.
Als nun jeder mürrisch klagte,
Sprach der Maulwurf: Ich bin blind;
Daß man sich mit mir vergleiche,
Wenn des Schicksals Zorn und Streiche
Andern unerträglich sind!


Hagedorn
Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Freitag, 21. Dezember 2012

Das Schäfchen und der Dornstrauch

Ein Schäfchen kroch in dicke Hecken,
Dem rauhen Regen zu entgehn.
Hier konnt' es freilich trocken stehn;
Allein die Wolle blieb ihm stecken.
Beglückt ist, den dies Schaf belehrt.
Bethörte Had'rer, laßt euch rathen.
Vertraut die Wolle nicht den scharfen Advocaten.
Oft ist, was ihr gewinnt, nicht halb der Kosten werth.


Friedrich von Hagedorn
(1708 - 1754)

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Das Hühnchen und der Diamant

Ein verhungert Hühnchen fand
einen feinen Diamant,
Und verscharrt' ihn in den Sand.

Möchte doch, mich zu erfreun,
Sprach es, dieser schöne Stein
Nur ein Weizenkörnchen seyn!

unglückselger Ueberfluß,
Wo der nötigste Genuß
Unsern Schätzen fehlen muß!


Friedrich von Hagedorn
Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Montag, 15. Oktober 2012

Der Hirsch und der Eber

Ein Eber fragt den Hirsch: was macht dich hundescheu?
Für mich gesteh ich gern, daß ich es nicht begreife.
Du hörst so scharf, als sie: wie schnell sind deine Läufe?
Wie fürchterlich ist dein Geweih?
Und da du größer bist, so solltest du dich schämen,
Vor kleinern stets die Flucht zu nehmen.
Was ist es immermehr, das so dich schrecken kann?
Das will ich, spricht der Hirsch, dir im Vertrauen sagen:
Der Abscheu hängt mir noch von meinem Vater an;
ich kann das Heulen nicht vertragen.


Friedrich von Hagedorn

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Die Fledermaus und die zwo Wiesel

Es kam die Fledermaus in einer Wiesel Loch;
Die war den Mäusen feind, und sprach: Wie darfst du doch,
Der Mäuse Mißgeburt! dich meinen Augen weisen?
Wiewol du kömmst mir recht; ich wollte so schon speisen.

Was? schreit die Fledermaus, ich eine Maus? o nein!
Mein gutes Wieselchen, das mögt ihr selbst wol sein;
Die mich zur Maus gemacht, sind Lügner oder Feinde;
Die Kater unsers Dorfs sind meine besten Freunde.
Es lebe, was gut maust! Ihr wird zuletzt geglaubt;
Sie rettet unversehrt ihr unerkanntes Haubt;
Und doch geräth sie bald, durch ihr Gesicht betrogen,
In einer andern Bau; die war der Maus gewogen;
Ihr waren gegentheils die Vögel ganz verhaßt.
Sie fraß, in Hoffnung, schon den ihr zu schlauen Gast.

Es weiß die Fledermaus ihr glücklich zu entgehen.
Wofür denn, ruft sie aus, werd' ich jetzt angesehen?
Für einen Vogel? Ich? Du, Wiesel, irrest sehr.
Soll dies ein Fittig sein? Kennt man nicht Mäuse mehr?
Der erste Donnerschlag zerschmettre hier die Katzen!
Die Mäuse leben und die Ratzen!

Ein Kluger sieht auf Ort und Zeit,
Aus Vorsicht, daß man ihn nicht fange.
Er ruft mit gleicher Fertigkeit:
Es lebe Wolf! Es lebe Lange!


Friedrich von Hagedorn

Sonntag, 15. Juli 2012

Drey Taube

Es haben oft zugleich der Leser und der Dichter,
Und auch der Criticus kein zuverläßig Ohr.
So lud vor einen tauben Richter
ein Tauber einen Tauben vor.
Der Kläger sagt: Auf meinem Felde
Hat er dem Wilde nachgehetzt.
Beklagter: nein; von seinem Gelde
War längst das Drittheil abgesetzt.
Der Richter sprach: Das Recht der Ehen
Bleibt heilig, alt und allgemein.
Es soll die Heirath vor sich gehen,
Und ich will bey der Hochzeit seyn!

Hagedorn
Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Mops und Hector

Der beste Freund in unsrer Welt,
Mops, war mit Hector auferzogen,
Und blieb ihm immer unverstellt,
Mit wahrer Hundetreu gewogen.

Ihm ging es recht nach seinem Sinn:
Wo Möpschen war, da gab es Freude;
Doch Hector zog nach Norden hin,
Und fand Verfolgung, Frost und Räude.

Wahr ist es: Hectors Unverstand
Gibt Anlaß oft ihn zu verlästern:
Er ist zu munter, zu galant,
Und lebte dort bei keuschen Schwestern.

Kaum finden sich die Brüder ein,
Und seufzen brünstig an der Schwelle,
(Vom Nachbar recht gehört zu sein)
So übertäubt sie sein Gebelle.

Er wedelt, wenn den Andachtbund
Gebet und Wink und Kuß beleben!
Er wedelt! O der Höllenhund,
Der Unschuld Aergerniß zu geben!

Er nimmt sich endlich mehr in Acht,
Damit sein Thun unsträflich scheine.
Doch Hectorn drückt schon der Verdacht;
Er ist kein Thier für die Gemeine.

Bald soll ein wohlgewählter Stein
Den ungezognen Hund ertränken;
Nur ist die Strafe fast zu klein;
Der Hunger kann noch länger kränken.

Man stößt, und schlägt, und nennt ihn toll,
Zum Vorschmack härtrer Züchtigungen:
Doch alles dient zu seinem Wohl,
Und zielt auf nichts, als Besserungen.

Der Brüderschaft ergrimmte Zucht
Häuft täglich die gewohnten Tücke.
Zuletzt dringt ihn die Noth zur Flucht,
Und halberstarrt kehrt er zurücke.

Von Mopsen wird er kaum erkannt;
So dürftig kömmt er angekrochen.
Allein, sobald er sich genannt,
Wird er aufs zärtlichste berochen.

Mops spricht: mein Freund, du jammerst mich,
Ich werde dich zu trösten wissen,
Ich lebe hier fast königlich,
Mich mästen lauter Leckerbisse.

Madame gibt mir manchen Kuß,
Manch Schmätzchen, dem kein Nachdruck fehlet.
Mir kommen sie in Ueberfluß,
Dem Manne werden sie gezählet.

Wer will, was Höhere gewollt,
Dem wird die Ehrfurcht zum Ergötzen,
Mir sind die meisten Schönen hold,
Mich lieben zwanzig junge Betzen.

Mich lobt das ganze Haus; warum?
Ich kann die Treue klüglich üben;
Ich bleibe dem Geliebten stumm,
Und belle Bettlern oder Dieben.

Friedrich von Hagedorn
aus: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Montag, 31. Oktober 2011

Die Natter

Als einst der Löwe Hochzeit machte,
Kroch zu der neuen Königin
Auch eine kleine Natter hin,
Die zum Geschenk die schönste Rose brachte.
Doch jene weist sie ab, und spricht:
Ich nehme Rosen an; allein von Nattern nicht.

Friedrich von Hagedorn
Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Ein Mittel, bei Hofe alt zu werden


An Höfen fällt es schwer, das Alter zu erreichen,
Das mancher schlechter Greis in niedern Hütten fand.
Dort wird der Glücklichste, nach kurzen Gnadenzeichen,
Mit Titeln wohl versorgt, oft plötzlich weggebannt.
Ein Alter hatte doch die meisten Lebensjahre
An seines Fürsten Hof ersprießlich zugebracht,
Und seinen ersten Bart und seine grauen Haare
Zu Zeugen frühen Ruhms und langer Gunst gemacht.
Der ward: wie dieses ihm so meisterlich gelungen,
Was tausend sonst verfehlt? einst insgeheim befragt.
Er sprach: Ich habe stets, auch für Beleidigungen,
Den Feinden meines Glücks gelassen Dank gesagt.

Friedrich von Hagedorn
aus: Fabeln und Erzählungen

Freitag, 8. Juli 2011

Der gute Rath eines Dervis

Ein Dervis klagt einmal bey einem seiner Brüder,
Ihn quälten Reich und Arm, und überliefen ihn,
Dem ward, wie Sadi schreibt, der gute Rath verliehn:
Freund, gieb den Armen nichts; so kommen sie nicht wieder:
Von Reichen suche Geld; so werden sie dich fliehn.

Friedrich Hagedorn
aus: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Freitag, 17. September 2010

Der Traum eines Dervis


Ein Dervis sah im Traum den Himmel und die Hölle:
Hier traf er einen Mönch, dort einen König an.
In jener Welt allein erkläret unsre Stelle
Der Mensch wahrer Werth, da nichts mehr täuschen kann.
Er wird bestürzt, und fragt, wie sie dahin gekommen.
Ein Fürst im Paradies! Das scheint ihm wunderbar.
Der Todes-Engel spricht: Er war ein Freund der Frommen,
so wie der Geistliche des Hofes Schmeichler war.

Friedrich von Hagedorn

Mittwoch, 26. Mai 2010

Der schöne Kopf, an ***


Ja, ja, es reizt auch mich das blühende Gesicht,
Auch ich empfinde selbst die Kraft von diesen Blicken.
Der Mund, das Auge kann entzücken,
Und wer verehrt den vollen Busen nicht,
Der alles das an Liebreiz übersteiget,
Was Paris je gesehn, und Venus je gezeiget?
Doch Phryne schwatzt, und scherzt. Mein erster Trieb wird kalt.
Ihr lächerlicher Witz, ihr unerträglich Scherzen
Verliert die schon gefangnen Herzen:
Ich merke kaum die täuschende Gestalt.
Es wird ihr Sieg befördert, und gestöret,
So oft man sie erblickt, so oft man sie gehöret.
Mein Freund, dir ist gewiß Aesopus noch bekannt,
Der klügste Phrygier, der uns vom Fuchs erzählet,
Daß er ein Bild, dem nichts gefehlet,
Den schönsten Kopf bei einem Künstler fand.
Er rief: Wie schön ist Auge, Mund und Stirne!
Bewundernswerther Kopf, ach hättest du Gehirne!

Friedrich von Hagedorn

Freitag, 23. April 2010

Das Reh und der Hund


Ein zartes Reh, das gar zu sicher ruht,
Erhascht ein Hund, der keinen Dickigt scheute.
Er beisst es an, leckt das vergoßne Blut,
Und küsst zugleich die angenehme Beute.
Da seufzt das Wild: Welch Mitleid rühret dich?
Du kömmst als Feind, und raubest mir das Leben.
Und mir willst du doch solche Küsse geben,
Als wäre dir kein Freund so lieb, als ich?
Ich bitte sehr, hör auf mit deinen Bissen;
wo nicht, verschone mich mit Küssen.

Friedrich von Hagedorn
aus: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen
Zweytes Buch

Dienstag, 15. September 2009

Der Bauer und die Schlange


Ein Ackersmann fand eine Schlange,
Die fast erstarrt vor Kälte war.
Sein Arm entriß sie der Gefahr,
Und ihrem nahen Untergange.
Er nahm sie mit sich in sein Haus,
Und sucht' ihr einen Winkel aus,
Wo noch ein Rest von Reisern glühte.
Doch als ihr Frost und Noth entwich,
Erholte, regt', und hub sie sich,
Und lohnte dem mit Biß und Stich,
Den ihre Rettung so bemühte.
Betrogne Huld und Zärtlichkeit,
Die Frevlern blindlings Hilfe beut!
Hier folgt der Schade stets der Güte.

Friedrich von Hagedorn

Sonntag, 28. Juni 2009

Empfindsam, wie Homer gewesen …


Erfindsam, wie Homer gewesen.

Er schrieb nicht bis ins Stufenjahr,
Nicht viel, nichts auf Befehl, nichts eilig.
Wie ihm die Wahrheit heilig war,
So war ihm auch die Sprache heilig.
Sich selbst zum Lobe redt' er nie,
Doch litt er andrer Stolz und Träume,
Sprach selten von der Poesie,
Noch gegen oder für die Reime.
Er war voll weiser Sittsamkeit,
Drum ward er keiner Secte Götze,
Und hinterließ der Folgezeit
Zwar Muster, aber nicht Gesetze.
Nur Wasser trank er, und nicht Wein.
Von Schönen liebt' er nur die alten:
Blos ihrer Seelen Freund zu sein,
Und sich des Busens zu enthalten.
Er starb, und ließ, eh' er verschied,
Ein Buch, das er gemacht, verbrennen,
So sehr auch sein Verleger rieth,
Das Werk der Welt und ihm zu gönnen.


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Donnerstag, 16. April 2009

Der Zeisig


Ein Zeisig, der sein Nest nur eben angelegt,
Versang an einem heitern Morgen
Den Schlaf, die Bau- und Nahrungssorgen.
Ihm wuchs sein kleines Herz, durch West und Lust erregt.
Sein Waldgesang verehrte Licht und Sonne,
Denn ihn begeisterte des schönen Himmels Wonne;
Und, wie ein Fröhlicher oft gern zu schwatzen pflegt,
So wollt' auch er sich recht beredt erweisen,
Der Lerche diesen Tag vor allen anzupreisen.
Der Mittag kömmt umwölkt. Die grauen Möwen fliehn
Mit bangem Flug, und schrein, und nähern sich dem Lande:
Allein und unglücksvoll spaziert im trocknen Sande
Die dunkle Kräh', und scharrt; Gewitter, die verziehn,
Ruft sie mit Krächzen her. Tief um das Schilfgras streichen
Die Erdschwalb' und der Spatz: der Häher sucht die Eichen,
Der Reiher hohe Luft, sein Bette Hirsch und Thier:
Mit aufgewecktem Hals schnauft der beklommne Stier:
Die Pferde treiben sich, die Ställe zu erreichen.
Schnell überwältiget ein Wirbelwind den West,
Der Hain erbebt, und heult: auf Ficht' und Tanne schossen
Verwüstend der Orcan, der Regen und die Schlossen;
Und so verlor der Zeisig auch sein Nest.
Der müde Sturm hört auf zu toben.
Der nasse Sänger hüpft zu seiner Lerche hin,
Die ihm recht zugehört, der guten Nachbarin.
Zum Glück war er bei ihr ganz sicher aufgehoben.
Wißt, sprach er, daß ich schon durch Schaden klüger bin:
Man muß den schönsten Tag nicht vor dem Abend loben.

Friedrich von Hagedorn

Mittwoch, 1. April 2009

Der Hänfling des Papstes Johannes des dreiundzwanzigsten

Zwei Dinge haben sich noch nie verbinden können:
Ein Weib und recht verschwiegen sein.
Abt Grecourt sagt's. Ich muß ihn nennen,
Um mich Unschuldigen vom Argwohn zu befrein,
Als fiele mir dergleichen ein.
Ihm will ich stets den Haß verschwiegner Damen gönnen.
Zum spöttischen Beweis erzählt er ein Gedicht.
Ihr Schönen, was erzählt man nicht?

Der fürchterliche Papst, der durch den Blitz des Bannes
Dem fünften Ludewig, dem Bayern, widerstand,
Der dreiundzwanzigste Johannes
War, wie Franzosen sind, bei Nonnen recht galant:
Galant; doch wie ein Papst, ohn' Abgang seiner Würde.
Er sprach zu Frontevaux sehr oft den Schwestern zu,
Theils zur Erleichtrung seiner Bürde,
Theils zur Befördrung ihrer Ruh'.
Dies Kloster war der Sitz geweihter Schwätzerinnen.
Die suchten alles auszusinnen,
Durch ihrer Zungen Fertigkeit
Den Schutz und die Gewogenheit
Des Oberhirten zu gewinnen;
Und die Hochwürdigen gewannen seine Huld.
Sie war kaum reichlicher, noch schöner anzulegen.
Was gab er ihnen nicht! Bald Ablaß, bald Indult,
Und bald, verschwendrisch, seinen Segen.
War ihnen das genug? O nein.
Wann weiß der Mensch vergnügt zu sein?

Sie ließen sich gar von dem Wahn bethören,
Den Männern beichten, sei nicht recht,
Und von dem weiblichen Geschlecht
Sollt' eine stets der andern Beichte hören:
Und dieses einzusehn, sei auch der Päpste Pflicht.
Er kömmt auch kaum ins Kloster wieder,
So wirft vor ihm sich die Aebtissin nieder,
Küßt zärtlich seinen Fuß, und spricht:
O heil'ger Vater, hör' ein Flehen;
Laß bei dem Priester uns nicht mehr zur Beichte gehen!
Wir alle schämen uns, ihm alles zu gestehen.
Im Wachen und im Schlaf gibt's manche Kleinigkeit,
Die, Männern zu vertraun, sich jede Nonne scheut.
Laß künftig uns einander beichten.
Wir sind weit fähiger, die Sünden zu beleuchten.

Den Papst befremdet sehr der Bitte Dreistigkeit.
Wie? sagt er: ihr wollt Beichte sitzen?
Ihr guten Kinderchen könnt sonst der Kirche nützen.
Wißt: Dieses Sacrament erheischt Verschwiegenheit.
Die ward euch nicht zu Theil. Ihr denkt schön und erhaben,
Und ihr, Geliebteste, besitzet viele Gaben:
Doch eine nicht, die Zuverlässigkeit.
Allein, ich nehm' es in Bedenken.
Vielleicht weiß Frontevaux sich klüglich einzuschränken.
Ist die Aebtissin nicht verständig wie ein Mann?
Zur Prüfung will ich hier noch heut' ein Kästchen senden.
Das überliefre sich nur ihren keuschen Händen!
Wenn sie, nichts ist so leicht, mir's wiedergeben kann;
Doch uneröffnet, merkt dies an!
So bin ich ganz geneigt, euch alles zuzuwenden.

Das Kästchen kömmt. Die Ankunft wird bekannt,
Und jeder Nonne Blick und Hand
Will, darf und muß es sehn, betasten und recht kennen.
Sie reißen sich darum. Die Eifernden zu trennen,
Kömmt die Aebtissin, und die Nacht.
Das schöne Kästchen wird vorjetzt nicht aufgemacht.
Der Vorwitz quälet oft mehr, als der Alp der Sorgen.
Die Nonnen flieht der Schlaf: auch die Aebtissin wacht,
Voll reger Ungeduld, bis an den müden Morgen.
Die Messe geht nun an. Gebet, Gesang und Chor
Geräth erbärmlich schlecht; man zischelt sich ins Ohr,
Und singt nicht, sondern schwatzt, und fragt sich, und will wissen,
Warum sie nichts eröffnen müssen?
Die weibliche, verschleierte Clerisey
Versammlet sich noch vor der Mittagsstunde,
Und stimmet, als aus Einem Munde,
Gehorsamst der Aebtissin bei,
Daß man, obgleich der Papst es nicht erlauben wolle,
Das Kästchen untersuchen solle.
Selbst unserm Arbrissel stand etwas Vorwitz frei.
Es bleibt ja unter uns; wir alle können schweigen.
Das eben soll, uns selbst, jetzt die Eröffnung zeigen.
Auch kein Concilium erräth,
Daß wir im mindsten nur am Deckelchen gedreht.
Doch damit lassen wir die Frau Aebtissin schalten.
Die nimmt den Deckel ab. Ein Hänfling fliegt heraus.
Ein Wunderwerk hat ihn erhalten.
Er flattert, singt, entwischt, setzt sich aufs nächste Haus.
Da mag für ihn der Vögel Schutzgeist walten.

Man klopft gebietrisch an. Wer war's? ... Der Papst war da.
Er kam. Sobald er nur den frommen Haufen sah,
Wollt' er sein schönes Kästchen schauen;
Denn, sprach er, es enthält, was ihr so sehr begehrt,
Die Bulle selbst, die euch den Beichtstuhl schon gewährt.
Allein! ... darf man auf Weiber bauen?
Ihr zaudert, wie mich däucht. Gebt her! ... Was seh' ich jetzt?
Ist eure Bulle schon entflogen?
Das schönere Geschlecht ist sinnreich und verschmitzt,
Doch zum Geheimniß nicht erzogen.
Dem Priester nur geziemt, daß er euch Beichte sitzt.

Ein junges Nönnchen war dem alten Brauch gewogen,
Und sagt': Ich liebe nicht dergleichen Neuerung!
Mein Beichtiger ist mir schon gut genung.

Friedrich von Hagedorn

Freitag, 6. März 2009

Der Löwe und der Esel


Ein Esel schleppt sich aus dem Luder;
Ein Löwe kömmt ihm zu Gesicht;
Zu diesem naht er sich, und spricht:
Ich grüße dich, mein lieber Bruder!
Der Löwe stutzet, und ergrimmt,
Sobald er sich die Mühe nimmt,
en Bruder ins Gesicht zu sehen.

Doch denkt er: Einen edlen Muth
Versöhnet nur ein tapfres Blut;
Allein die Esel läßt man gehen.
Friedrich von Hagedorn