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Dienstag, 21. Februar 2012

Bambis Appetit



MMM 11: Bambis Appetit

„Papa“, fragt Bambi, „können wir nicht mal was anderes essen?“
„Was anderes?“ fragte Vater Hirsch erstaunt und hörte auf, die Knospen abzuweiden.
„Zum Beispiel Menschenfleisch.“
„Igitt! Wie kommst du denn auf so etwas.“
„Immer nur Gras, und Kräuter und Halme und Knospen. Das hängt mir doch schon zum Halse heraus. Da ist eine Brombeere ja schon eine Abwechslung - trotz der Stacheln.“
„Aber Menschenfleisch? Überhaupt Fleisch - wer isst denn so was?“
„Na der Fuchs zum Beispiel, oder Gevatter Uhu, oder …“
„Deine Mutter hat recht, du hast schlechten Umgang. Wir sollten besser auf dich aufpassen.“
„Jetzt hör aber mal auf. Ich glaube, du findest das Essen auch langweilig und du traust dich nur nicht was zu sagen, weil du Angst hast, dass deine Frauen dir was auf dein Geweih geben.“
„Das ist nicht wahr!“ brauste Vater Hirsch auf. „Hier bin immer noch ich der Hirsch in der Herde.“
„Wer’s glaubt. Du traust dich ja nichts.“
„Und überhaupt, Menschen haben Schonzeit.“
„Wie lange denn schon?“
„Weiß ich’s? Die darf man erst jagen, wenn die Schonzeit vorbei ist.“
„Das ist wieder so etwas, was alle behaupten und keiner überprüft. Ich glaube, die Schonzeit für die Menschen hat noch nie einer ausgerufen.“
„Aber es wäre unfair die zu brechen. Die Menschen halten ja auch die Schonzeiten bei uns ein, naja, die meisten jedenfalls.“
„Und die rufen sie auch selber aus. Warum rufst du jetzt nicht aus, dass die Schonzeit für die Menschen zu Ende ist? Schließlich bist du ja der Hirsch im Wald, wie du eben noch behauptet hast.“
„Meinst du?“ Vater Hirsch klang nachdenklich.
„Na klar“, fasste Bambi sofort nach. „Und dann nimmst du gleich einen auf die Hörner, da, am besten den dort drüben, den mit der grünen Jacke. Und dann machen wir uns ein lecker Essen.“
„Eigentlich hast du recht“, sagte der Hirsch und röhrte laute die Schonzeit zu Ende. Dann beugte er den Kopf und rannte auf den herannahenden Jäger los.

Horst-Dieter Radke
MMM = Moderne Mini Märchen

Sonntag, 28. August 2011

Das Einhorn und der Bischof


Eines Tages begegneten sich das Einhorn und der Bischof. Das Einhorn ging eine Weile neben dem Bischof her.
“Wie geht’s” fragte der Bischof höflich.
“Nicht gut”, sagte das Einhorn.
“Wie kommt’s?” fragte der Bischof erstaunt.
“Die Menschen erkennen mich nicht mehr”, antwortete das Einhorn traurig. “Wenn sie mich überhaupt sehen, versuchen sie mich zu jagen, weil sie sich wer weiß was vorstellen, was sie mit mir und meinem Horn anfangen können. Und Jungfrauen gibt es ja auch fast nicht mehr.”
“Ja, da hilft kein Predigen mehr”, schimpfte der Bischof. “Die Unzucht hat die Herrschaft über die Welt bekommen.”
“Aber warum ich so in Vergessenheit geraten bin, das verstehe ich nicht”, sagte das Einhorn.
“Das ist kein Wunder”, erklärte der Bischof. “An dich muss man nicht glauben, dich kann man ja sehen - wenn man will. Alles aber, was die Menschen sehen können, ist ihnen nicht geheimnisvoll genug.”

“Meinst du?” fragte das Einhorn und überlegte, ob es sich besser gänzlich unsichtbar machen solle.
“Aber der eigentliche Grund liegt wohl darin, dass du über die Menschen keine Macht ausüben willst. Da haben sie keine Ehrfurcht vor dir. Sieh mich an, mich fürchten die Menschen. Ich sorge schon dafür, dass sie keine Ruhe finden, denn ich drohe Ihnen mit dem, was sie nach dem Tod erwartet. Sie fallen deshalb reihenweise vor mir auf die Knie und ich kann ihnen erzählen, was ich will - sie glauben mir alles, gerade, weil sie es nicht sehen können.”
“Und das gefällt dir? Macht über die Menschen auszuüben?”
“Aber ja!” rief der Bischof. “Das ist ein herrliches Gefühl zu sehen, wie sie den Nacken beugen, weil ich das so will.”
Da beschloss das Einhorn, ein für alle Mal aus dem Leben der Menschen zu verschwinden. Es wollte geliebt und geschätzt, möglicherweise auch ein wenig bewundert werden. Keinesfalls aber wollte es, dass die Menschen sich vor ihm fürchten. Und Macht über sie bekommen mochte es auch nicht.
Seit es aber verschwunden ist, möchten die Menschen wieder an das Einhorn glauben.


Horst-Dieter Radke
Mehr vom Verschwinden des Einhorns gibt es hier.


Freitag, 7. Januar 2011

Die Rangierlokomotive und der Prellbock



»Sie sind mir im höchsten Grade unsympathisch, um mich nicht schärfer auszudrücken«, sagte die Rangierlokomotive zum Prellbock.

Es war eine Rangierlokomotive ältester Konstruktion, die nur noch dazu verwandt wurde, auf dem Hauptgüterbahnhof Waggons, die entladen werden sollten, in ein sogenanntes »totes Gleis« zu ziehen, an dessen Ende der Prellbock stand.

»Unsympathisch sind Sie mir«, knirschte sie und rannte absichtlich hart gegen den Prellbock.

»Lassen Sie mich doch, bitte, nicht immer unter Ihrer Unzufriedenheit leiden; ich kann doch nichts dafür, daß man Sie hier auf den Rangierbahnhof gesteckt hat«, meinte der Prellbock gutmütig, »ergeben Sie sich doch in Ihr Schicksal.«

»Ergeben – ergeben – so ein dummes Gewäsch! Man möchte explodieren, wenn man es mit ansehen muß, wie man heute unreifen, unerfahrenen Laffen von Maschinen, kaum der Werkstätte entwachsen, Züge anvertraut. – Einen roten Streifen um den Schornstein und all die anderen Firlefanzereien habe ich nicht – Gott sei Dank, es täte mir leid – ich bin eine solide Person. – Ich, ausgerechnet ich, bin dazu verdammt, blöde ungebildete Güterwagen auf und ab auf diesem idiotischen Gleise zu ziehen. – Veraltet sei ich! Ha – Ha – ha! Ich veraltet! – Und Sie«, fiel sie plötzlich über den Prellbock her, »Sie haben nicht das geringste Verständnis für die Tragik in meinem Leben. – Ihre langweilige Physiognomie immer vor Augen, das geht mir, weiß Gott, auf die Nerven. – Sie sind schuld! Sie versperren mir den Weg in die Welt! Ha, wie würde ich den Herren vom grünen Tisch zeigen, was die veraltete Lokomotive zu leisten vermag; hätte ich nur freie Fahrt vor mir. – Sie – Sie versperren mir den Weg – Sie Reaktionär!! Wenn Sie wüßten, wie ich Sie hasse, vom Grund meiner Seele aus hasse. – Glotzen Sie nicht so dumm!« Sie rannte wütend gegen den Prellbock.

»Immer Ruhe, Ruhe«, suchte der Prellbock die Aufgeregte zu beschwichtigen. »Sie verbiegen sich nur die Puffer, und das ist schmerzhaft.«

Sein Phlegma erhöhte nur ihren Zorn. Rasend vor Wut pfiff sie gellend auf. – –

Tag für Tag wiederholten sich diese Szenen, und die Ausfälle gegen den guten Prellbock wurden immer heftiger, so daß es schließlich diesem, der doch eine Seele von einem Kerl war, zuviel wurde. Als wieder mal die Lokomotive in der gemeinsten Weise über ihn hergefallen war und ihn unter anderem ein »reaktionäres Mastodon« genannt hatte, riß dem Prellbock, der zwar nicht so recht wußte, was ein Mastodon sei, jedoch das Empfinden hatte, daß es ein sehr verletzendes Schimpfwort sein müsse, die Geduld, und er brüllte plötzlich los: »Lossen's mir mai' Ruah! Mai Ruah will i hob'n!«

»Sprechen Sie Hochdeutsch mit mir, Sie Flegel!« schrie die Lokomotive und kam in voller Fahrt haßerfüllt auf den Prellbock losgefahren, um sich in einem empfindlichen Stoß zu rächen. – Fast berührten ihre Puffer den Prellbock, als dieser blitzschnell zur Seite sprang; die Lokomotive sauste durch, vergrub sich mit den Rädern im Dreck, überschlug sich und explodierte mit furchtbarem Knall.

»Mastodon. So eine Gemeinheit. Diese freche Person«, murmelte vor Erregung keuchend der Prellbock und hüpfte wieder an seinen alten Platz.

Hermann Harry Schmitz
aus: Drei Fabeln ohne Moral

Donnerstag, 6. Januar 2011

Der Hahn und der Wurm


An einem Freitag morgen sagte der Regenwurm nach dem Morgenkaffee zu seiner Frau: »Höre mal, Traudchen, es wird mir hier unten zu muffig, ich krieche ein wenig nach oben, um Luft zu schnappen.«

»Gott, Kaspar«, ängstigte sich die Regenwürmin, »gib nur bei Leibe acht, daß dir nichts passiert. Du weißt, speziell Hühner sind so unglaublich roh und rücksichtslos.«

»Ich bin Fatalist«, sagte der Regenwurm kurz und verabschiedete sich von seiner Frau. Leise vor sich hinweinend, schaute die Gute ihrem Gemahl nach, bis er an der Biegung des Ganges verschwand.

Im Hühnerstall krakeelte zur gleichen Zeit der Hahn mit den Hühnern.

»Ich bin den ewigen Körnerfraß leid. Wenn derartig nachlässig für mich gesorgt wird, suche ich mir draußen selbst etwas. Wann hatte ich den letzten Regenwurm?« fuhr er sein Lieblingshuhn Mathilde an. »Um Pfingsten«, stammelte dieses ganz zerknirscht. Der Hahn warf die Tür ins Schloß und ging auf den Hof. –

Der Regenwurm war mittlerweile oben angelangt und hatte gerade das Loch verlassen.

»O Schrecken! Ich bin verloren«, murmelte er entsetzt, als er den Hahn gewahrte, der soeben die ersehnte Delikatesse erspäht hatte und in eiligen Schritten auf ihn zukam.

Schon bückt sich der Hahn, um sein Opfer zu verschlingen; da richtet sich der Regenwurm in seiner ganzen Länge kerzengerade auf und schnarrt dem Hahn entgegen: »Verzeihen Sie, ich bin eine Stricknadel.«

Der Hahn prallte zurück. – Da er nicht gern Stricknadeln mochte, stammelte er verlegen: »Dann entschuldigen Sie, bitte«, machte eine leichte Verbeugung und ging weiter.

Der Wurm lachte sich ins Fäustchen.

Hermann Harry Schmitz
aus: Drei Fabeln ohne Moral

Mittwoch, 5. Januar 2011

Der Fuchs und die Trauben


»Na, ich konnte mir auch denken, daß die Trauben noch nicht reif waren«, sagte der Fuchs und stellte den Stuhl, auf welchen er gestiegen war, um die Trauben zu kosten, wieder an seinen Platz.

Er streckte sich behaglich am Fuße des Weinstockes aus und ließ sich die Sonne auf den Pelz brennen.

Von ohngefähr kam der Rabe geflogen. Der Rabe war ein Witzbold, ein wenig Satiriker; die Tiere meinten, er sei boshaft. Er selbst hielt sich für einen Lebens-Künstler; er war stets im evening dress.

»Hallo, wie schaut's, alter Freund«, – Leute, die man nicht mag, nennt man gern alter Freund – rief er dem Fuchs zu.

»N Tag«, erwiderte lässig der Fuchs.

»Ah so, Traubenkur, was?«

»Zu sauer«, gähnte der Fuchs faul.

»Verstehe, verstehe«, kicherte hämisch der Rabe, flog an den Weinstock und pickte eine dicke Beere ab.

»Pfui Teufel!« Wütend spuckte er aus und flog beschämt davon.

Der Fuchs feixte befriedigt.

(1880 - 1913)
aus: Drei Fabeln ohne Moral
zuerst erschienen in: 
Sonntagsblatt des "Düsseldorfer General-Anzeiger"
vom 29.12.1907, Nr. 52.