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Freitag, 8. April 2011

Die geschminkte Rose


An seinem Fenster pinselte
Ein Maler eine Rose je,
Und weil sie nicht bestellet war,
Gelang die Ros' ihm wunderbar:
Nun war er fertig, nahm den Hut,
Ging seines Weg's, und dachte: – gut!

Und eine weisse Rose, die
Am Fenster blühte, sah es, wie,
So schön das Roth der Schwester fand:
Den Vorzug sie gar tief empfand.
Sie faßte Neid, schalt ihren Topf,
Zergrämte sich und hing den Kopf.

Als nun der Maler wieder kam,
Und wahr der Rose Trauern nahm,
Da trat er mit dem Spritzkrug hin,
Zu Hülf' der armen Kränklerin;
Allein die Rose sträubte sich,
Und klagte bitter: Lasset mich!

Was hilft mir euer Wasserkrug?
Ich bleibe doch wie Leichentuch!
So roth, wie die dort, werd' ich nie,
Und bin doch auch so gut, wie sie.
Das Wasser bleicht mich nur noch mehr:
Nehmt lieber euern Pinsel her,
Und gebt mir auch so schönes Roth;
Ich bin ja sonst so blaß, wie Tod.

Der Maler dacht' in seinem Sinn,
Du eitle Närrin! nahm Karmin,
Und strich ihr roth die Blätter all',
Das dankte sie ihm tausendmal;
Allein kaum war die Farbe d'ran,
So fieng sie auch zu welken an.

Das Roth verdarb den Lebenssaft,
Zerfraß der zarten Fibern Kraft,
Gelbrothe Flecken zeigten sich,
Zusammenschrumpften jämmerlich
Die Blätter alle, und ihr Duft
War Odem einer Leichengruft.

Der Maler kam, und sah, und roch:
Gott, rief er, das die Rose noch,
Die gestern so den Text mir las,
Heut' stinkend, wie ein faules Aas? –
Er riß die Rose von dem Stock,
Im Hut sie über's Fenster flog.

Hört, Mädchen, was die Fabel spricht,
Und malt die weisse Rose nicht.

Aloys Blumauer

aus: Sämmtliche Gedichte. München 1830

S. 216ff


Sonntag, 15. November 2009

Lob des Floh's

Du kleiner Nero, Compagnon der Läuse,
Blutgieriger Tyrann!
Für dich stimm' ich, nach Meister Linguets Weise
Nun auch ein Loblied an.

Dein ganz brünetter Teint, so sehr verschieden
Vom Teint der blonden Laus,
Erkohr gleich Anfangs dein Geschlecht hienieden
Zu grossen Thaten aus.

Nur deinen Stamm, der stets in ganzen Schaaren
Bei Mädchen Wache hält,
Hat die Natur zu tapfern Leibhusaren
Der Jungfrauschaft erwählt.

Und darum patroulliren auch Schwadronen
Von diesem leichten Heer
Beständig in den dunklen Regionen
Des Unterrock's umher.

Nichts schützt die Mädchen, die sich dir verschliessen,
Vor deiner Blutbegier:
Die Erstlinge von ihrem Blute fliessen
O Glücklicher, nur dir!

Du Springinsfeld bist überall gelitten,
Wo nie ein Mann hin soll,
Und schwelgst dich, gleich der Biene, an den Blüthen
Geheimer Schönheit voll.

Kein Fleck im ganzen weiblichen Gebiete,
Auch noch so heilig, ist,
Auf dem du nicht schon mit verweg'nem Tritte
Herumspazieret bist.

Da ist kein Strauch, wo du dich nicht verstecktest
Kein Plan, wo du nicht liefst,
Kein Hügelchen, wohin du dich nicht legtest,
Kein Thal, wo du nicht schliefst.

Ja, wollte man einst auch rektificiren
Der Schönheit Lustrevier,
So brauchte man, um recht es zu mappiren,
Nur dich zum Ingenier.

Nur dies verzeihen dir die Schönen nimmer,
Daß stets von jedem Kuß,
Den im Geheim du ihnen aufdrückst, immer
Ein Fleckchen zeugen muß.

D'rum lauren auch stets auf dich losen Näscher,
Enthüpfst du nicht geschwind,
Bei Tag und Nacht so viele hundert Häscher
Als Mädchenfinger sind.

Doch hascht ein Mädchen auch dich kleinen Springer
Zuletzt in ihrem Schooß,
So ist doch unter einem schönen Finger
Noch neidenswerth dein Loos.

Aloys Blumauer
Sämmtliche Gedichte
München 1830

Mittwoch, 9. September 2009

Der Feigenbaum und der Weißdorn


Eine Fabel aus dem Französischen, die bei Voltaire's Aufnahme in der Loge z.d. N.S. zu Paris 1778 vorgelesen ward.

Ein schönbelaubter Weißdorn trotzte
Dem Feigenbaum, der um die Frühlingszeit,
Noch kaum belaubt, doch schon von Früchten strotzte,
Und that mit seinen Blüthen breit.
Wo sind denn deine Blüthen? frug
Der Weißdorn ihn – Und wo – erwiedert' jener –
Ist deine Frucht? – Dagegen bin ich schöner,
Versetzt' der Strauch, und das ist mir genug.
So lass' uns denn in Frieden leben,
Erwiederte der Feigenbaum:
Dir hat Natur für's Auge Reiz gegeben,
Mir gab sie Früchte für den Gaum.

Die Fabel gilt den Männern, deren Schriften
Der Welt bald Nutzen, bald Vergnügen stiften:
Der unterhält, der unterrichtet sie.
Die gütige Natur, in ihren Gaben allen
Gleich mütterlich, gibt dem die Gabe zu gefallen,
Und jenem die des Unterrichts, daß nie
Ein Kind von ihr das andere beneide;
Nur ihrem liebsten Sohn Voltairen – gab sie beide.

Aloys Blumauer
aus: Sämmtliche Gedichte.
München 1830, S. 218

Mittwoch, 3. Juni 2009

Raupe und Schmetterling


Es wundert dich, dass ein so garstig Ding,
als eine Raupe ist, zum schönsten Schmetterling
in wenigen Wochen wird - mich wundert's nicht,
denn wiss', auch manche Schöne kriecht
als Raupe morgens aus dem Bette
und kömmt' als Schmetterling von der Toilette …