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Donnerstag, 11. April 2019

Der Fuchs als Hirte

Es war einmal eine Frau, die ging aus und wollte sich einen Hirten miethen. Da begegnete ihr der Bär. »Wo willst Du hin?« fragte der Bär sie. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen«, antwortete die Frau. »Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Bär. »Ja, wenn Du bloß hübsch locken kannst«, sagte die Frau. »Hö–i!« sagte der Bär. »Nein, Dich will ich nicht haben«, sagte die Frau, als sie das hörte, und ging weiter.

Da begegnete ihr der Wolf. »Wo willst Du hin?« fragte der Wolf. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen«, antwortete die Frau. »Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Wolf. »Ja, kannst Du auch hübsch locken?« sagte die Frau. »Uh–uh!« sagte der Wolf. »Nein, Dich will ich nicht haben«, sagte die Frau.

Ein Ende weiter hin begegnete ihr der Fuchs. »Wo willst Du hin?« fragte der Fuchs. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen«, antwortete die Frau. »Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Fuchs. »Ja, wenn Du bloß hübsch locken kannst«, sagte die Frau. »Dil–dal–holom!« sagte der Fuchs noch so hübsch und artig. »Ja, Dich will ich haben«, sagte die Frau und nahm den Fuchs zum Hirten bei ihrem Vieh an.

Am ersten Tage, wie der Fuchs das Vieh auf die Weide trieb, fraß er alle Ziegen auf, den zweiten Tag ließ er sich die Schafe schmecken, und den dritten Tag mußten die Kühe daran. Als er darauf am Abend nach Hause kam, fragte die Frau ihn, wo er das Vieh gelassen hätte. »Der Kopf ist im Bach, und der Rumpf im Busch«, sagte der Fuchs. Die Frau stand eben bei ihrem Butterfaß und butterte; aber sie wollte doch selbst zusehen; während sie nun zusah, steckte der Fuchs den Kopf ins Butterfaß und fraß allen Rahm auf. Als die Frau zurückkam und das gewahr ward, da wurde sie so erbittert, daß sie einen Rahmklumpen nahm, der noch im Butterfaß saß, und damit nach dem Fuchs warf, so daß er einen Klatsch am Schwanz bekam. Davon kommt es, daß der Fuchs einen weißen Schwanzzipfel hat.

Asbjørnsen, P./Moe, J.
Norwegische Volksmärchen
Berlin, 1908

Donnerstag, 11. Juni 2015

Von den Seehunden

 
§ 654. Sonderbar ist es, daß der gemeine Mann in Island einen gewissen Abscheu, und doch zugleich eine Ehrerbietung für die Seehunde hat. Die Ursache hiezu ist die ungegründete Meinung, daß sie an Gestalt den Menschen mehr als anderen Thieren gleichen sollen, worin man durch ihren Vorwitz und ihre Klugheit gestärket wird. Hier erzählt man auch die Fabel, daß Pharao und sein Kriegsheer, die im rothen Meere ersoffen, in Seehunde sollen verwandelt geworden seyn. Eine andere Fabel oder Meinung, die eben so unrichtig ist, giebt den Seehunden ein Ansehen, daß es nämlich eine Art menschliches Geschlechtes, Seefolk genannt, sey, und eine menschliche Gestalt unter der äußerlichen und bekannten Seehundebildung haben solle, welche er zuweilen, wenn er am Ufer spaziren gehen wollte, ablegte. Man soll ihre Weibchen geheyrathet haben; auch hat man ihre Kühe, die sehr gute Milch geben, so wie die aschgrauen Kühe, die von diesen entstehen, gefangen und gemerkt. Die alten dänischen Riesenlieder (Klompe-Viser) enthalten eins oder andres, das diesen und dergleichen Fabeln ähnlich ist. Es ist unbeschreiblich, wie viel von ihnen zum Zeitvertreib erdichtet und erzehlt und von Einfältigen geglaubt worden ist. Die Gestalt dieser Thiere betreffend, gleichen sie vielmehr Hunden, als Menschen, desfalls sie auch bey den neuesten Naturkündigern, bey jenen ihrer Stelle, und daher den Hundenamen erhalten haben.

Des Vice-Lavmands Eggert Olaffens
und des Landphysici Biarne Povelsens
Reise durch Island
Aus dem Dänischen übersetzt
Kopenhagen und Leipzig, 1774

Sonntag, 5. August 2012

Vom Luchs


Fabel 34

Ein Luchs, der im Walde Obervisitator war, verlor einstmals durch ungesunde Feuchtigkeiten das eine Auge. Alle Tiere, insbesondere diejenigen, welche Handelsleute waren, erfreuten sich darüber, indem sie meinten, er werde nunmehr nicht so scharfsichtig wie zuvor sein. Aber der Fuchs sagte: Ihr törichten Kreaturen! ihr freut euch über euer eigenes Unglück; denn niemand unterscheidet und sieht richtiger, und gleichsam auf ein Haar, als ein Einäugiger.

Diesfalls sagt man im Sprichwort: Nimm dich vor demjenigen in Acht, der nur ein Auge hat.

Diese Fabel lehret, dass sich manche über gewisse Begebenheiten freuen, die ihnen hernach zum Schaden gereichen.

Ludvig Baron Holberg
13. Dezember 1684 in Bergen, Norwegen.
† 28. Januar 1754 in Kopenhagen.