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Mittwoch, 31. Januar 2018

Das Märchen vom Glück

Es war ein Mann, der Steine hieb aus dem Fels. Seine Arbeit war schon schwer, und der Lohn war gering, und zufrieden war er nicht. Er seufzte und rief: »O wäre ich reich und ruhte in einer Sänfte mit Vorhängen von rother Seide!«. Da kam ein Engel vom Himmel und sprach: »Dir sei, wie Du gesagt hast!« Und er war reich und er ruhte in einer Sänfte mit Vorhängen von rother Seide. Da fuhr der König des Landes vorbei, Reiter zogen ihm voran, Reiter folgten ihm, und der goldene Sonnenschirm wurde über seinem Haupte getragen. Das verdroß den Mann, dass der König mächtiger war als er, und er rief: »Ich möchte König sein!« Und der Engel kam vom Himmel und sprach: »Dir sei, wie Du gesagt hast!«
so beginnt das alte indische Märchen vom Glück, wie es der holländische Verwaltungsbeamte Dekler, der Dichter Multatuli, von Java oder Sumatra mitgebracht hat. Das uralte Lied vom Sehnen und Wünschen, das uralte Lied vom Hoffen auf das Glück, das uralte Lied von der Unzufriedenheit und der Bescheidenheit.
Der Mann wird König, aber die Sonne ist stärker als er, trotz des goldenen Sonnenschirms. Er wird die Sonne und versengt die Erde, aber eine Wolke stellt sich vor die Sonne und hindert ihre Macht. Er wird die Wolke und läßt Ströme hinabregnen, die das Land verwüsten und das Vieh wegschwemmen, aber der Fels weicht nicht seiner Kraft. Er wird der Fels, der starr dastand, ob die Sonne schien, ob es regnete. Aber es kommt ein Mann mit der Hacke, dem Meißel, dem Hammer und schlägt Steine aus dem Fels. Da wünscht er dieser Mann zu sein, und auch dieser Wunsch wird ihm erfüllt. Er wird ein Steinhauer und schlägt Steine aus dem Fels, mit schwerer Arbeit, für geringenLohn …
»Und er war zufrieden«, so schließt das Märchen. Ob es wohl wahr ist? Wer das Menschenherz kennt, der sollte wohl meinen, das Märchen könnte wieder von vorn anfangen.
Wir kennen das Märchen vom Glück alle, nur in etwas anderer Form. Diese Geschichte von dem Steinhauer kommt wohl der Urform am nächsten. Sie hat das Motiv am reinsten und klarsten bewahrt, am wenigsten beeinflußt von anderen Ideen und Vorstellungen. Als die Völker sich trennten und von der Urheimat in alle Windrichtungen auseinander zogen, da nahmen sie auch die Sehnsucht nach dem Glück mit und auch das Märchen vom Glück. Im Laufe der Jahrtausende erlitt das Märchen allerlei Wandlungen, aber die Sehnsucht blieb und das Glück kam nie.
Ein weiser Mann in Vorderindien, erzählt der Pantschatantra, das alte Weisheitsbuch der Könige, hatte eine Maus aus der Lebensgefahr gerettet und beschloß, sie bei sich zu behalten. Er verwandelte sie in ein Mädchen. Als das Mädchen herangewachsen war, sollte sie auf Geheiß des weisen Mannes, der auch ein mächtiger Mann war, einen Gatten wählen. Sie will den Mächtigsten zum Gatten haben, den Sonnengott. Der Sonnengott aber, der ihre wahre Natur kennt, denn die Sonne sieht alles, mag sie nicht und sagt: »Nicht doch, die Wolke, die mich verhüllen wird, die ist viel mächtiger.« Die Wolke verweist sie an den Sturmwind, der sie dahinjagt, der Sturmwind an den Berg, an dem er sich bricht. Gerade will sie den Berg zum Gatten wählen, da sieht sie, wie eine Maus ein Loch durch den Berg wühlt …
Hier ist an Stelle der einfachen Erhabenheit der ersten Geschichte der Humor getreten. Das Mädchen – schon das ist bezeichnend, daß es ein Mädchen ist – will den Mächtigsten wählen, aber jeder schiebt einen Mächtigeren vor, bis sie schließlich auf diesem Umwege zum Anfangspunkte zurückkehrt und der Ring sich schließt. Die Idee des Strebens nach dem Glücke ist zurückgedrängt, und die andere Idee, daß jeder Mächtige noch einen Mächtigeren hat, überwiegt. Hier ist es das Unscheinbare, was schließlich am meisten vermag: die Maus, die ja auch den Löwen aus seinen Stricken herausnagt.
Ein Tschandalamädchen – so erzählt das indische Buch Somadewa – wollte den Mächtigsten zum Herrn haben. Sie folgte dem Könige auf seinem Umritte durchs Land. Da kamen sie an einem Tempel vorbei; hier machte der König Halt, stieg vom Pferde und warf sich vor dem Götzen nieder. Da sah das Mädchen, daß das Steinbild mächtiger sein müsse und es wollte diesem dienen. Aber ein Hund kam und that an dem Steinbilde, wie manchmal respectlose Hunde thun, und das Steinbild duldete es. Doch ein Tschandalajüngling kam und prügelte den Hund, und ihm diente das Mädchen.
Hier ist der Humor schon ins Burleske übergeschlagen und die Idee des Märchens vom Glück so beinahe gänzlich verwischt.
Wer kennt nicht das deutsche Volksmärchen vom »Fischer un sine Fru«? Der Fischer hat durch Zufall Gewalt über einen Zauberfisch bekommen, den »Butje, Butje in den See«, und der muß ihm Wünsche erfüllen. Aber nicht er ist es, der immer wieder Wünsche hat, er wäre mit einer bescheidenen Aufbesserung zufrieden: Die Frau ist es, die immer mehr begehrt – »Mine Fru de Ilsebill, will nicht so as ick woll will –«. Sie wird schließlich Kaiser, ja sogar Papst, und zuletzt will sie der liebe Gott sein … da verfliegt das Glück und sie finden sich in ihrer elenden Hütte wieder.
Das Märchen erinnert in seinem Grundzuge an das vom Steinhauer. Es ist nur nicht die natürliche Sehnsucht nach dem Glück, die jeden Menschen innewohnt, es ist eine krankhafte Großmannssucht, die diese Evastochter beseelt und die schließlich aus dem Paradiese heraustreibt. Es ist etwas Herbes, etwas Weiberfeindliches darin, ganz anders, wie in den beiden indischen Geschichten, die das Treiben des naiven Dinges mit überlegenen Lächeln zu sehen scheinen. Auch die Führung der Erzählung steht nicht auf derselben Höhe. In den indischen Märchen haben wir überall einen sich von selbst schließenden Ring, eine leicht gleitende Entwicklung, die den Helden oder die Heldin zu ihrer Natur zurückführt, – das deutsche Märchen vermag das nicht, es führt die Rückkehr plötzlich und plump durch einen jähen Sturz herbei: zur Strafe für ihre Vermessenheit werden beide, die Schuldige und der Mitschuldige, wieder das, was sie waren! Das ist ein neues Motiv, aber kein besseres; es ist, als ob die Stiefmutter mit drohend geschwungener Ruthe in einen Reigen harmlos spielender Kinder stürzte.
Feiner ist in dieser Hinsicht die verwandte Geschichte von »Hans im Glücke«, die eine ähnliche Idee in umgekehrter Reihe, in absteigender Linie verfolgt. Hans hat für langjährige, schwere Arbeit einen Klumpen Gold erhalten und wollt heimwärts. Aber der Klumpen ist ihm zu schwer, er tauscht ihn gegen ein Pferd ein, das Pferd, das ihn abwirft, gegen eine Kuh, die  sich nicht melken läßt, diese gegen ein Schwein, eine Gans und schließlich gegen ein paar Schleifsteine, die er in den Brunnen wirft, weil er sie nicht mehr schleppen mag. So kommt er arm, aber lustig zu Hause an. Der Ring hat sich zwanglos geschlossen.
Hierher gehören auch die mancherlei Geschichten von den drei Wünschen, wie der hübsche Scherz, wo die Frau wünscht, daß zu der einfachen Speise ein paar Würstchen wären, worauf die Würstchen da sind – ein Anklang an das Tischlein deck dich, auch eine Form ersehnten Glückes, unter vielen anderen – der Mann ruft: »Wenn Dir doch bloß die Würste an der Nase hingen!«, womit auch der dritte Wunsch verwirkt ist, denn was sollte er machen? Er mußte die Würste wieder von der Nase herunter wünschen. Zu dieser Geschichte gibt es zahllose Varianten.
Hier thun sich noch weite Parallelen auf, zum Wunschhütchen, zur Tarnkappe, zum Schlaraffenland, und andererseits finden wir Anklänge an die griechischen Mythen vom Ikarusfluge, von der Fahrt des Phaethon, von Philemon und Baucis und vielerlei anderes.
Das weiter auszuführen möchte ich nun dem geschätzten Leser selbst überlasse, wie ich es ihm auch anheim geben muß, sich mit seiner Sehnsucht nach dem Glücke nach besten Kräften abzufinden. Da kann kein Mensch den anderen helfen, ich auch keinem, und keiner mir.

Karl Mischke
Innsbrucker Nachrichten
15. Januar 1901,   S.1 f.

Samstag, 13. Januar 2018

fabuloes als Buch


Nun gibt es »fabuloes« nicht nur als Blog, sondern auch als Buch und E-Book. Das Schönste aus den mehr als 1.300 Postings dieses Blogs themenorientiert zusammengestellt. Während der Blog nach wie vor gut zum stöbern ist, lädt das Buch zum schmökern ein. Natürlich wird der Blog weitergeführt. Fabeln, Parabeln und fabelhafte Beiträge gibt es noch genug.

Freitag, 29. Dezember 2017

Sieben Indische Sprüche

1.
Staub, der, mit dem Fuß getreten, auffährt und aufs Haupt dir steigt,
Ist dem Menschen vorzuziehen, der, beschimpft, sich ruhig zeigt.

3.
Wie Wind den Baum, den Lotus Frost, der Donnerkeil den Berg bedroht,
So leben vor dem Bösewicht die Guten, ach, in Angst und Noth.

12.
Den, welchem ohne eigens Mühn der Zufall etwas reicht,
Und den, der nichts beim Mühn erlangt, du findest sie nicht leicht.

51.
Gerieth ein Mensch in Mißgeschick, so kann ihm Leides thun ein Tropf.
Versank ein Elephant im Sumpf, so hüpft ein Frosch ihm auf den Kopf.

80.
Ein freundlich Wort, wenn Jemand zürnt, läßt seinen Zorn stracks höher wallen;
Das thun die Wassertropfen auch, wenn sie in heiße Butter fallen.

93.
Hüllt stets dich Armuth-Dunkel ein, dann wird bei hellem Tag sogar
Trotz aller Mühe Niemand dein, auch wenn du vor ihm stehst, gewahr.

109.
Das ist ein Wicht, der sich aus Furcht vor Schaden nichts zu thun getraut;
Stellt keiner doch das Essen ein aus Furcht, daß er es nicht verdaut.


aus: Indische Sprüche
Aus dem Sanskrit metrisch übersetzt von
Ludwig Fritze
Leipzig o.J. (ca. 1880)

Freitag, 10. März 2017

Da beißt die Maus keinen Faden ab

Das Sprichwort »Da beißt die Maus keinen Faden ab«, soll zurückgehen auf eine alte Fabel von Äsop. Diese erzählt von einem Mäuschen, das über einen schlafenden Löwen lief, worauf der Löwe erwachte und es mit seinen gewaltigen Tatzen griff. Das Mäuschen flehte um sein Leben und versprach ewige Dankbarkeit dafür. Großmütig schenkte der Löwe ihr die Freiheit und dachte dabei, wie wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein könne. Bald darauf hörte das Mäuschen das fürchterliche Gebrüll des Löwen, lief nachsehen, und fand ihren Wohltäter in einem Netze gefangen. Es zernagte einige Knoten des Netzes, so daß der Löwe mit seinen Tatzen das übrige zerreißen konnte. So vergalt das Mäuschen die ihm erwiesene Großmut. Selbst unbedeutende Menschen können bisweilen Wohltaten großartig vergelten, darum sollte auch der Geringsten nicht übermütig behandelt werden.

Eine andere Erklärung könnte auch eine Legende um die heilige Gertrud von Nivelles (626 - 659) liefern. In manchen Darstellungen wird die heilige Gertrud mit Mäusen, manchmal auch mit einem Spinnrad dargestellt. Die Legende erzählt, dass sie durch ihr Gebet Mäuse vertrieb, die immer wieder den Faden beim Spinnen durchbissen haben. Die Spindel ist aber auch ein Symbol für den Lebensfaden und damit mythisches Erbe der germanischen »Nornen«, der Schicksalsgöttinnen, die am Lebensfaden der Menschen spinnen. Diesen Faden beißen in den alten Mythen Mäuse ab.

HDR

Freitag, 3. März 2017

Über Avianus

Man setze irrig voraus, daß Avianus in der Vorrede zu seinen Fabeln alle, bis auf seine Zeit lebende, Fabeldichter habe angeben wollen, und man legen den Umstand, daß er den Titianus übergangen habe, einem irrigen Grunde bei. Denn Avianus erwähne nur diejenigen Sammler von Fabeln, welche sie in Versen lieferten; deshalb habe er den Tizian, wenn dieser gleich älter als er selbst war, aber doch keine neue Fabeln verfertigt, sondern bloß (nach Aufoncy) die Aesopischen –  vielleicht durch Babrius in griechische Verse gebrachte – Fabeln in Prosa gebracht und ins Lateinische übersetzt hat, übergangen.

Wilhelm David Fuhrmann
Handbuch der Classischen Literatur der Römer
Rudolfstadt, 1809

Mittwoch, 2. November 2016

Der kreißende Berg

Der kreißende Berg

In dem Innern eines Berges vernahm man einst ein fürchterliches Getöse. Alle benachbarten Leute liefen voller Neugierde herbei, um die Ursache dieses Lärmens zu entdecken, und vermuteten nichts weniger, als dass der Berg noch einen andern gebären würde. Aber wie sahen sie sich getäuscht, als es nach einer Weile wieder ruhig wurde, und sie eine Maus erblickten, welche aus dem Berg hervorkam. »Also einer Maus wegen,« - riefen die Zuschauer lachend – »hat der Berg diesen schrecklichen Lärm gemacht?« und ihn verspottend, entfernten sie sich.

Anwendung

So wie der Berg machen es viele Prahler, die vorher von ihren Projekten und Plänen so große Dinge sprechen, daß sie die Neugierde und Erwartung aller Zuhörer auf’s höchste spannen, und am Ende nur etwas sehr Geringfügiges oder gar Erbärmliches an den Tag bringen, wodurch sie sich verdienterweise Spott und Gelächter zuziehen, und von sich sogar sagen lassen müssen, daß sie viel Geschrei gemacht und nichts Erhebliches hervorgebracht haben.

Äsop

Dienstag, 6. Oktober 2015

Habicht und Nachtigal

Der Habicht fasste die Nachtigall mit seine Krallen und flog mit ihr davon. Der Singvogel schrie und wehklagte laut über sein Schicksal. Da sprach der Habicht zu ihr: »Wozu schreist du, Törin? Glaubst du, dass dies etwas an deiner Situation ändert? Du bist jetzt in meiner Macht, weil ich stärker bin als du. Ob ich dich nachher töte und esse oder dich wieder freilasse, das liegt ganz in meinem Belieben. Du kannst zu deinem Unglück nur noch die Schande tragen, wenn du nicht einsichtig bist.«

Frei nach Hesiod (Werke und Tage 202-212)

Mittwoch, 17. Juni 2015

Auslegung der Fabel von Phaethon, von den Heliaden, seinen Schwestern, und von dem Cygnus

(2)

Ich gestehe es, daß es schwer ist, den wahren Ursprung dieser Erdichtung zu finden; aber die Anlage dazu ist darum nicht weniger historisch; und es ist hier von sehr wirklichen Personen die Rede, deren Geschlechtsregister […] das Alterthum auf uns gebracht hat. Der gemeinen Meinung zu Folge, war Phaethon ein Sohn der Sonne und der Klymene; es sey nun, daß man unter der Sonne den Ägyptischen König Horus andeuten wollen; denn aus diesem Lande scheint, wie wir im folgenden sagen werden, diese Geschichte gekommen zu seyn; oder daß man eine andere von den Personen damit gemeint, welche für dieses Gestirn genommen worden. Einige Alten geben ihm die Nymphe Rhode, die Tochter Neptuns und der Amphitrite, zur Mutter, und Hesiodus […] sagt, daß er ein Sohn des Cephalus und der Aurora gewesen. Diese Stammtafel nimmt Apollodor […] an, und Eusebius, der darin den Julius Afrikanus zum Vorgänger gehabt, hat sich dieser Meinung bedient, die Zeit, wenn Cekrops gelebt, daraus zu bestimmen. Diesem Schriftsteller zur Folge war die Tochter dieses ersten Königs zu Athen, Nahmens Herse, die Mutter des Cephalus, welcher durch die Aurora entführt wurde; das heißt, welcher Griechenland verließ, um sich gegen Morgen niederzulassen. Cephalus hatte einen Sohn, Nahmens Tithon, der den Phaethon erzeugte. Nach dieser Stammtafel erkannte Phaethon den Cekrops für seinen Urältervater; und man kann demnach annehmen, daß er hundert und funfzig Jahre nach diesem ersten Könige zu Athen gelebt, welcher 1582 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung regierte, und fast 400 Jahre vor dem Trojanischen Kriege, wie man solches aus dem Dionys von Halikarnaß, und aus dem Censorin […] beweisen kann.

Anton Baniers
Erläuterungen der Götterlehre und Fabeln
aus der Geschichte
Aus dem Französischen übersetzt von
Johann Adolf Schlegel
und mit Anmerkungen begleitet von
Johann Matthias Schroeckh
Wien, 1791

Dienstag, 16. Juni 2015

Auslegung der Fabel von Phaethon, von den Heliaden, seinen Schwestern, und von dem Cygnus

(1)

Was wir jetzt von der Sonne gesagt haben, das führt uns auf die Fabel vom Phaeton. Diese Fabel, welche Ovidius […] umständlich beschreibt, ist kürzlich folgenden Inhalts. Als Phaethon einen Streit mit dem Epaphus, dem Sohne Jupiters und der Io, hatte, warf ihm dieser vor, daß er kein Sohn der Sonne oder des Phöbus sey, wie er sich rühme, sondern daß seine Mutter, Klymene solches nur ausgesprengt habe, um ihre Schwachheit zu verbergen, zu der sie sich von irgend einem Liebhaber verleiten lassen. Den Phaethon verdroß dieser Vorwurf, und er beklagte sich gegen seine Mutter darüber. Diese befahl ihm, daß er in den Palast des Phöbus gehen, und ihn bitten sollte, daß er ihm, zum beweise seiner Abkunft von ihm, die Führung seines Wagens auf einen Tag überlassen möchte. Phaethon kam dem Befehle seiner Mutter nach, und nachdem er seinem Vater die Ursache seines Besuchs eröffnet, beschwor er ihn, daß er ihm eine Gnade erweisen möchte, ohne diese aber zu bestimmen. Phöbus, oder die Sonne, ließ sich das nicht einfallen, daß ein so junger Mensch ihn um eine Sache bitten könnte, die seine Kräfte so sehr übersteige, als die Führung seines Wagens; er beschwor es ihm bey dem Styx, daß er ihm nichts abschlagen wolle, und Phaethon bath ihn um Erlaubniß, die Welt zu erleuchten. Phöbus hatte sich durch einen unwiderruflichen Eid zu Gewährung seiner Bitte anheischig gemacht; nachdem er nun alles Mögliche angewendet, seinen Sohn von einer so schweren und so gefährlichen Unternehmung abzubringen, gewährte er ihn endlich seiner Bitte. Der junge Wagehals besteigt den wagen der Sonne; aber die Pferde fühlten, daß die Hand ihres Herrn sie nicht lenkte, und wichen von der gewöhnlichen Straße aus, indem sie bald zu hoch stiegen, und den Himmel mit einer unvermeidlichen Verbrennung bedrohten, bald tief herunter kamen, und die Brunnenquellen und Flüsse austrockneten. Die Erde, welche dadurch in Schrecken gesetzt wurde, wendete sich an den Jupiter, und flehte ihn um Hülfe an. Der Gott wurde durch die gerechten Klagen dieser Göttinn gerührt, und schlug den jungen Phaethon mit einem Donnerkeile herab, daß er in den Fluß Eridanuns hinab stürzte. Die Heliaden, seine Schwerstern, überließen sich der grausamsten Verzweiflung. Cygnus, sein Bruder, starb vor Schmerz, und die Götter verwandelten ihn in einen Schwan.

Denen, welche die Fabeln nur für Behältnisse ansehen, in denen die Alten die Sätze der Sittenlehre und Naturkunde aufbewahrt, kostet es nicht viel Mühe, die gegenwärtige zu erklären. Sie sagen, sie sey das Sinnbild eines Verwegenen, welcher sich einer Unternehmung erkühnt, die seine Kräfte übersteigt. Aber bedurfte es so vieler Zurüstungen, uns eine so alltägliche Sittenlehre vorzutragen?

Anton Baniers
Erläuterungen der Götterlehre und Fabeln
aus der Geschichte
Aus dem Französischen übersetzt von
Johann Adolf Schlegel
und mit Anmerkungen begleitet von
Johann Matthias Schroeckh
Wien, 1791

Donnerstag, 7. Mai 2015

Die zerrissene Eidechse


Horch! mitten von einander riß die Eidechse,
Die sich der Schlang’ an Länge wollte gleich machen.

Babrios und die älteren jambendichter
Griechisch mit metrischer Uebersetzung und prüfenden und erklärenden Anmerkungen
von
Johann Adam Hartung
Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig, 1858

Donnerstag, 22. November 2012

Fabelhafte Fabelbücher (Rezension)

Wer Fabeln liebt, möchte sie auch gelegentlich nachlesen. Das Angebot an alten und neuen Fabelbüchern ist groß, doch welches soll man wählen. Eine kleine Hilfe versucht die folgende Übersicht zu geben.

Das große Fabelbuch von Constanze Breckhoff und Gerhard Glück (Lappan Verlag) ist ein Prachtband, der nicht nur eine repräsentative Auswahl Fabeln von Aesop bis Wilhelm Busch und verschiedener Völker bringt, sondern auch noch schön und angemessen illustriert (G.Glück) ist. Das Buch ist nicht nach Zeitalter sortiert, sondern bunt gemischt. Ein guter Tipp für diejenigen, die gerne in guten Büchern schmökern und eine gute »Fabelgrundausstattung«.



Wer sich speziell für die Fabeln des Aesop interessiert, greift statt der zu Hauf verfügbaren Billigausgaben diverser Nachdruckverlage besser auf die Neuübersetzung von Thomas Voskuhl aus dem Reclam-Verlag.



Wem es nicht so auf sprachliche Genauigkeit ankommt, dafür aber auf sprachliche Schönheit, sollte sich die von Fulvio Testa illustrierten Ausgabe von Gisbert Haefs ansehen.




Die Fabeln des Jean de LaFontaine liegen in der Übersetzung von Ernst Dohm in einer umfangreichen und illustrierten Gesamtausgabe vor (mehr als 500 Seiten).



Wer es etwas karger und preiswerter möchte, wählt die Reclam Ausgabe (Übersetzer: Jürgen Grimm), die immerhin auch die Illustrationen von Gustave Doré enthält.



Lessings Fabeln liegen in einer schönen Taschenbuchausgabe des Fischer-TB-Verlages vor. Sie enthält außerdem auch die »Abhandlungen über die Fabel«.



Sie sind nicht jedermanns Geschmack und kommen heute arg belehrend daher, aber wer sie mag, die Kinderfabeln des Wilhelm Hey, findet 50 davon in einem preiswerten Taschenbuch:



Luthers Fabeln und Sprichwörter
findet man in einer schönen Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Illustriert mit Abbildungen und Holzschnitten aus der Werkstatt von Lukas Cranach:



Deutsche Fabeln des 18. Jahrhunderts sind repräsentativ in einem Bändchen des Reclam-Verlages zusammen gestellt. Es ist sehr zu empfehlen, denn darin sieht man, dass es neben Lessing, Gellert & Gleim noch zahlreiche andere Fabeldichter in dieser Zeit gab.



Zum Abschluss Johann Wolfgang von Goethe. Seine längere Fabeldichtung um »Reineke Fuchs« ist wunderschön Illustriert von Dieter Wiesmüller in diesem Prachtbuch aus dem Hanser-Verlag. Ein Buch nicht nur für Kinder. Oder anders gesagt: Ein Buch, das Erwachsene, die es sich gekauft haben, auch an Kinder aushändigen können.




Horst-Dieter Radke

Dienstag, 1. Mai 2012

Der Greif und der Eisvogel


Allein, als das Meer anschwoll, entriß derselbe die jungen Eisvögel.
Da sagte das Weibchen:
- Ich habe es ja gleich von vorne herein gesagt, daß es so kommen werde.
Das Männchen aber entgegnete:
- Ich werde mich zu rächen wissen an dem Herrn des Meeres.
Darauf ging er zu einer Truppe von Vögeln und sprach zu ihnen:
- Ihr seyd meine Verwandte und Freunde, so stehet mir nun bei!
Diese fragten:
- Was willst du, daß wir thun sollen?
Der Seevogel erwiederte:
- Gehet mit mit insgesamt zu den übrigen Vögeln, daß wir ihnen klagen was von dem Herrn des Meeres geschehen ist, und wir wollen zu ihnen sagen: ihr seyd Vögel wie wir, drum steht uns bei.
Jene Truppe von Vögeln entgegnete:
- Siehe! Der Greif ist unser Beherrscher und König, darum gehe mit uns zu demselben, daß wir ihn um seine Hülfe anrufen, ihm klagen was dir von dem Herrn des Meeres begegnet und ihn bitten, Rache an demselben uns zu verschaffen durch die Macht seines ganzen Reiches.
Hierauf begaben sie sich zu dem Greif mit dem Eisvogel und ließen ihren Hülferuf ertönen. Der Greif zeigte sich ihnen alsbald, wo sie ihm dann ihre Geschichte erzählten und ihn ersuchten, mit ihnen zum Kampf gegen den Herrn des Meeres auszuziehen, was derselbige ihnen gleich zusagte. Wie aber der Herr des Meeres erfuhr, dass der Greif mit dem gesamten Reich der Vögel ihn bekriegen wolle, da wagte er es nicht sich in Kampf einzulassen mit einem ihm überlegenen König, gab dem Eisvogel seine Jungen zurück und schloß mit ihm Frieden, worauf der Greif sich zurückzog.

aus: Calla und Dimna oder die Fabeln Bidpai’s
Aus dem Arabischen von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie Privatdozenten der orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitglied der asiatischen Gesellschaft von Paris,
Erstes Bändchen, Stuttgart 1837, S. 87 f.

Mittwoch, 3. August 2011

Der Fuchs und der Drache


Ein Fuchs wühlte, indem er sich seine Grube aushöhlte, etwas tiefer; suchte aber noch mehrere und tiefere Minen, und kam denn endlich bis auf die unterste Höhle eines Drachen, der einen geheimen Schatz bewachte. »Vor allen Dingen,« sagte der Fuchs, so wie er den Drachen erblicke, »verzeihe meine Unvorsichtigkeit! Aber sodann sage mir auch, denn du siehst es leicht ein, wie schlecht sich das Geld zu meiner Lebensart reimt, was du mit dieser Mühwaltung gewinnst; und was dich dafür entschädigt, daß du des Schlummers entbehrst, und beständig in der Finsterniß lebst?«
»Nichts,« antwortete der Drache. »Jupiter übertrug mir’s.«
»Du nimmst also nichts für dich, und gibst auch niemanden etwas?«
»So ist es der Wille des Schicksals!«
»Werde nicht ungehalten über mein offenherziges Geständniß: die Götter haßten ihn von seiner Geburt an, der so lebt, wie du.«

Fabulae Aesopiae
Phädrus in deutschen Reimen
von Xaver Weinzierl
Wien und Triest, 1817

Dienstag, 26. Juli 2011

Der verschwenderische Jüngling und die Schwalbe

„Hömma, wat willze denn mit die dünnen Lappen“, sarich, als unse Hilde mitti Minirock und die enge Tishört ankam.
„Wieso“, sacht Hilde, „gezz ist doch Frühlink. Da geh ich doch nich in Wintamantel aufn Fest.“
Mitti Fraun kannze nich gescheit reden, wennse sich ma wat in Kopp gesetzt ham. Also sint wa losgezogen. Inne Nacht aba, allz wa aufn Heimwech waan, da konnze die Hilde bibbern sehn in ihrn kurzen Röckchen und mittn dünnen Hemt. Dat schmale Jäckchen, dat se dann noch ausse Handtasche gezogen hat, war auch nich wirklich am helfen tun.
„Kannze ma sehn“, sarich, „dat de olle Äsop auch da ma wieda schon allet gewusst hat.“
„Wieso“, sacht Hilde. „Wa der au aufe Vaanstaltung gewesen?“
„Vielleicht. Aba Idioten hat es au dammals schon gegeben, die den Wintamantel zu früh am wegtun gewesen waan. Oda wie die Englända sagen tun: Wan swallo das not mäk a samma.“

Äsop
ins Ruhrdeutsche übersetzt von
Horst-Dieter Radke

Sonntag, 17. Juli 2011

Der Leser sieht das Bild …

Der Leser sieht das Bild, und lacht des Fuchses List:
Merkt aber schamroth oft, da er getroffen ist.

Die Charaktere der Thiere sind bestimmt. Auch dieses trägt nicht wenig zum Vergnügen, oder zu dem Unterzweck der Fabel bey. Der Esel ist dumm, der Fuchs schlau: der Löwe muthig, der Hase feig: der Wolf grausam, das Lamm sanft etc.  Aus dieser Bestimmtheit der Charaktere läßt sich auf einen moralischen Satz ein eben so sichere, als angenehme Anwendung machen. So wird durch die Fabel die ganze Natur belebt, und alle Wesen, wenn man sie mit Äsops Augen ansieht, werden eben so viele unterhaltende Lehrer. Ich sagte schon oben, daß die Moral der Philosophen oft zu versteckt und finster ist; aber in der Fabel lernet man seine Pflichte, die Wahrheit, die Schönheit der Tugend, die Häßlichkeit des Lasters ohne Anstrengung wie spielend, kennen. Die zu nackte Wahrheit blendet, im Fabelschleyer ist sie doppelt reizend. …

Fabulae Aesopiae
Phädrus in deutschen Reimen
von Xaver Weinzierl
Wien und Triest, 1817
aus dem Vorwort

Dienstag, 28. Juni 2011

Die Maus und der Frosch


Maus und Frosch hatten Freundschaft geschlossen. Eines Tages lud die Maus den Frosch zu einem Essen ein. Sie führte ihn in das Haus eines reichen Mannes, wo es alles gab, was gut und lecker war. Später wollte der Frosch sich revanchieren und sprach ebenso eine Einladung aus. Damit die Maus ihm gut folgen könne, band der Frosch den Fuß der Maus an seinen eigenen und sprang mit ihr in den Teich. »Hilfe«, rief die Maus. »Ich werde ertrinken, durch deine Schuld, doch ein anderer wird mich rächen.« Ein Seeadler sah die ertrinkende Maus, stieß herab und packte sie. Dabei nahm er aber auch den Frosch mit, denn der war ja an die Maus gebunden. So konnte der Seeadler beide zerfleischen.

Diese Fabel lehrt, dass ein böser Rat den Ratgeber selbst schaden kann.

Äsop
Nacherzählt von
Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 31. März 2011

Sumerische Fabeln

Bildquelle: Wikipedia

Die ältesten bekannten Fabeln stammen aus Mesopotamien und wurden in sumerischer Sprache verfasst. Früheste Texte datieren bereits aus der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. Die meisten Texte sind aber ein Jahrtausend jünger und kommen aus den babylonischen Schreibschulen. Einige der Fabeln des Aesops weisen Parallelen zu diesen sumerischen Fabeln auf, ebenso wie manche Fabeln aus dem indischen Panchatantra. Sumerische Fabeln enthalten Interaktionen zwischen zwei Tieren, die belehren und erheitern sollen. Sie sind den späteren äsopischen Fabeln ähnlich, enthalten aber nicht deren explizite moralische Auslegung. Eine dieser Fabeln enthält das älteste bekannte Wortspiel:

Ein Löwe hatte ein hilfloses Zicklein gefangen und es sagte zu ihm: «Lass mich gehen und ich werde dir dafür meine Kameradin, das Mutterschaf geben.» Der Löwe entgegnete: «Wenn ich Dich gehen lasse, dann sag mir zuerst Deinen Namen!» Das Zicklein antwortete dem Löwen: «Du kennst nicht meinen Namen? Ich-bin-klüger-als-Du (ummu-mu-e-da-ak-e) ist mein Name.» Nachdem der Löwe zum Schafpferch gekommen war, brüllte er: «Ich habe Dich freigelassen!» Es antwortete von der anderen Seite: «Du hast mich freigelassen, aber warst Du klug (ummu mu-e-ak)? Denn die Schafe sind nicht hier!» [Berndt Alster: Wisdom of Ancient Sumer, S. 362]

Auch Streitgespräche finden sich und sogenannte Wellerismen, kurze Szenen mit einem Tier als Sprecher, aber ohne weiter gehende Handlung.

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 17. März 2011

Henne und Marder


121.

Die Henne war einst krank: der Marder kam, steckte
Den Kopf herein und frug: »Wie geht’s? Woran fehlt dir’s?
Ich will dir Alles geben: nur gesund werd’ mir!«
Sie sagte: »Geh’ nur fort! Dann muß ich nicht sterben.«

Johann Adam Hartung
aus: Babrios und die älteren Jambendichter
Leipzig, 1858

Samstag, 5. März 2011

Die Fischer


Äsop:

Einmal waren Fischer auf Fang ausgefahren, hatten sich lange geplagt und nichts gefangen, nun saßen sie in ihrem Kahn und bliesen Trübsal. In diesem Augenblick erschien mit viel Getöse ein Thunfisch, der verfolgt wurde, und sprang wie von ungefähr in ihr Fahrzeug hinein. Die Fischer kappten ihn, brachten ihn in die Stadt und machten ihn zu Geld.

So ist es oft: Was die Kunst nicht einbringt, das schenkt das Glück.


Übersetzung in Ruhrdeutsch (HDR)

„Samma Hebbert“, sarich, „wat hab ich anne Bude neulich gehört? Du hass soon dicken Kawenzmann außn Teich gefischt?“
„Jau“, sacht unsa Hebbert, „abba frach nich wie?“
„Zähl mal“, sarich, „soll mich auf ein Pilskes nich ankommen.“
„Pass up, dat wa so. Ich hock schon den halben Tag in Boot un tu vomich hindösen, weil aba auch kein Fischsack anbeißen tut. Un da sarich mich, Hebbert, sarich mich, gez is Schluss. Gez packse zusammn un ab nach Hause. Pilscken aussn Kühlschrank und ab in Gaaten mit die Radio, Fußball hörn. Un ich hab die Angel schon zusammengepackt un alles vastaut, da denk ich, watt nimmse die Würma alle wieder mit, is doch Kappes und kipp se so am Bootrant ins Wassa. Glaubsses nich, was da plözlich los waa. Ein Gewussel un Gequirle un alle Fische von Teich waan plözlich da un gab Zoff um die Würmas. Nehm ich seelenruich main Kescha und ziehn einma durch und fast hättichn Kaapfen nich ins Boot gekricht.“
„So kanz gehn“ sarich, „watte Kunst nich bringt, dat bringt der Dusel.“

Sonntag, 27. Februar 2011

Die Holzfäller und die Eiche


Die Holzfällers sinn beim malochen in Wald un warn grat ne Aiche am umhauen. Dazu ham se auch hölzane Kaile reingekloppt. Da sacht die Aiche doch: »Mannoman, die Axt ismirja aintlich egal, abba dass die Kaile, die aus mich gewachsen sint, auch zu meim Fall beitragen, dat wuamt mich doch.«

Äsop
Ins Ruhrdeutsche übersetzt von
HDR