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Dienstag, 28. Juli 2015

Die beiden Tauben


Eine Fabel nach Lafontaine

Zwei Täubchen liebten sich mit zarter Liebe.
Jedoch, der weichen Ruhe überdrüssig,
Ersann der Tauber eine Reise sich.
Die Taube rief: »Was unternimmst du, Lieber?
Von mir willst du, der süßen Freundin, scheiden:
Der Uebel größtes, ist's die Trennung nicht?
Für dich nicht, leider, Unempfindlicher!
Denn selbst nicht Mühen können und Gefahren,
Die schreckenden, an diese Brust dich fesseln.
Ja, wenn die Jahrszeit freundlicher dir wäre!
Doch bei des Winters immer regen Stürmen
Dich in das Meer hinaus der Lüfte wagen!
Erwarte mindestens den Lenz! Was treibt dich?
Ein Rab' auch, der den Himmelsplan durchschweifte,
Schien mir ein Unglück anzukündigen.
Ach, nichts als Unheil zitternd werd' ich träumen
Und nur das Netz stets und den Falken sehn.
Jetzt ruf' ich aus, jetzt stürmt's: mein süßer Liebling,
Hat er jetzt alles auch, was er bedarf,
Schutz und die goldne Nahrung, die er braucht,
Weich auch und warm ein Lager für die Nacht
Und alles Weitre, was dazu gehört?« –
Dies Wort bewegte einen Augenblick
Den raschen Vorsatz unsers jungen Toren;
Doch die Begierde trug, die Welt zu sehn,
Und das unruh'ge Herz den Sieg davon.
Er sagte: »Weine nicht! Zwei kurze Monden
Befriedigen jedweden Wunsch in mir.
Ich kehre wieder, Liebchen, um ein Kleines,
Jedwedes Abenteuer, Zug vor Zug,
Das mir begegnete, dir mitzuteilen.
Es wird dich unterhalten, glaube mir!
Ach, wer nichts sieht, kann wenig auch erzählen.
Hier, wird es heißen, war ich; dies erlebt' ich;
Dort auch hat mich die Reise hingeführt;
Und du, im süßen Wahnsinn der Gedanken,
Ein Zeuge dessen wähnen wirst du dich.« –
Kurz, dies und mehr des Trostes zart erfindend,
Küßt er – und unterdrückt, was sich ihm regt –
Das Täubchen, das die Flügel niederhängt,
Und fleucht. –

Und aus des Horizontes Tiefe
Steigt mitternächtliches Gewölk empor,
Gewitterregen häufig niedersendend.
Ergrimmte Winde brechen los: der Tauber
Kreucht untern ersten Strauch, der sich ihm beut.
Und während er, von stiller Oed' umrauscht,
Die Flut von den durchweichten Federn schüttelt,
Die strömende, und seufzend um sich blickt,
Denkt er, nach Wandrerart, sich zu zerstreun,
Des blonden Täubchens heim, das er verließ,
Und sieht erst jetzt, wie sie beim Abschied schweigend
Das Köpfchen niederhing, die Flügel senkte,
Den weißen Schoß mit stillen Tränen netzend;
Und selbst, was seine Brust noch nie empfand,
Ein Tropfen, groß und glänzend, steigt ihm auf.
Getrocknet doch, beim ersten Sonnenstrahl,
So Aug' wie Leib, setzt er die Reise fort
Und kehrt, wohin ein Freund ihn warm empfohlen,
In eines Städters reiche Wohnung ein.
Von Moos und duft'gen Kräutern zubereitet
Wird ihm ein Nest, an Nahrung fehlt es nicht,
Viel Höflichkeit, um dessen, der ihn sandte,
Wird ihm zuteil, viel Güt' und Artigkeit:
Der lieblichen Gefühle keins für sich.
Und sieht die Pracht der Welt und Herrlichkeiten,
Die schimmernden, die ihm der Ruhm genannt,
Und kennt nun alles, was sie Würd'ges beut,
Und fühlt' unsel'ger sich als je, der Arme,
Und steht, in Oeden steht man öder nicht,
Umringt von allen ihren Freuden, da
Und fleucht, das Paar der Flügel emsig regend,
Unausgesetzt, auf keinen Turm mehr achtend,
Zum Täubchen hin und sinkt zu Füßen ihr
Und schluchzt in endlos heftiger Bewegung
Und küsset sie und weiß ihr nichts zu sagen –
Ihr, die sein armes Herz auch wohl versteht!

Ihr Sel'gen, die ihr liebt, ihr wollt verreisen?
O, laßt es in die nächste Grotte sein!
Seid euch die Welt einander selbst und achtet
Nicht eines Wunsches wert das übrige!
Ich auch, das Herz einst eures Dichters, liebte:
Ich hätte nicht um Rom und seine Tempel,
Nicht um des Firmamentes Prachtgebäude
Des lieben Mädchens Laube hingetauscht!
Wann kehrt ihr wieder, o ihr Augenblicke,
Die ihr dem Leben einz'gen Glanz erteilt?
So viele jungen, lieblichen Gestalten,
Mit unempfundnem Zauber sollen sie
An mir vorübergehn? Ach, dieses Herz!
Wenn es doch einmal noch erwarmen könnte!
Hat keine Schönheit einen Reiz mehr, der
Mich rührt? Ist sie entflohn, die Zeit der Liebe – ?

Heinrich von Kleist

Dienstag, 14. April 2015

Der Affe und der Leopard


Der Affe und der Leopard
Verdienten auf der Messe Geld,
Indem sie sich zur Schau gestellt,
Einer des andern Widerpart.
Der eine rief: »Ihr lieben Leute,
Mein Ruf und Ruhm ist nicht von heute,
Ich bin bekannt an höchster Stell;
Der König kam, um mich zu sehen,
Und sterb ich einst, dann soll mein Fell
Als Muff sich um die Hände drehen
Der allergnädigsten Königin.
Betrachtet mich, wie bunt ich bin:
Gestreift, gesprenkelt und geschenkt,
Getupft, beringelt und gefleckt.«

Das bunte Spiel der Haut gefiel
Für einen Blick als Augenziel,
Ein jeder sah es flüchtig an
Und wendete sich weiter dann.

Der Affe rief: »Herbei, herbei,
Ihr edlen Herrn und schönen Damen!
Ich kenne Künste mancherlei
Und nicht nur nach dem Namen.
Die Buntheit, die ihr hier
Bei meinem Nachbarn schaut,
Die trag ich auch bei mir,
Doch nicht auf meiner Haut,
Vielmehr in meinem Geist.
Weit bin ich hergereist,
Drei Schiffe haben mich getragen.
Muß ich noch meinen Namen sagen?
Hier steht Hans Wurst! Zwiefach verwandt
Mit Bertrand, der des Papstes Affe.
Gesegelt ist er und gerannt,
Damit er hier euch Kurzweil schaffe.
Er tut's! Man höre, schau und staune:
Er ist ein Tänzer, ist ein Hexer,
Springt Seil und Reifen, bläst Posaune –
Und alles dies für einen Sechser.
Was sag ich? Schon für einen Sou!
Und wenn euch seine Kunst mißfällt,
So geht und schaut nicht länger zu,
Ihr kriegt zurück das Eintrittsgeld.«

Der Affe redete gescheit.
Es gilt die Mannigfaltigkeit
Des Geistes mehr als die am Kleid:
Ein buntes Fell
Ermüdet schnell,
Ein bunter Geist dagegen
Weiß immer anzuregen.

Es gibt, dem Leoparden gleich,
So manchen Herrn, der, stolz und reich,
Als einziges Talent
Sein Kleid nur hat und kennt.

Lafontaine, Jean de

Sonntag, 21. Juli 2013

Der Vogelsteller, der Habicht und die Lerche

Oft dient uns Unrecht, dem die Bösen huldigen,
Die eignen Übeltaten zu entschuldigen.
Dies aber ist der Welt Gesetz und Brauch:
Willst du geschont sein, schone andre auch.

Ein Landmann fing mit seinen Netzen Vögelein.
Er lockte eine Lerche an. Ein Habicht fuhr
Von Himmelshöhe nieder auf die Flur,
Ein schneller Stoß, die Sängerin war sein;
Noch eh sie in der bösen Falle,
Spürt sie des Habichts scharfe Kralle.
Er will sie rupfen und sich niedersetzen,
Da fängt er selbst sich in den Netzen.
In seiner Sprache flehte er den Landmann an:
»Laß mich, ich hab dir nie etwas zuleid getan!«
Der Vogelsteller drauf: »Was aber tat denn dir
Zuleide dieses kleine Tier?«

Jean de Lafontaine
Berlin 1923

Donnerstag, 22. November 2012

Fabelhafte Fabelbücher (Rezension)

Wer Fabeln liebt, möchte sie auch gelegentlich nachlesen. Das Angebot an alten und neuen Fabelbüchern ist groß, doch welches soll man wählen. Eine kleine Hilfe versucht die folgende Übersicht zu geben.

Das große Fabelbuch von Constanze Breckhoff und Gerhard Glück (Lappan Verlag) ist ein Prachtband, der nicht nur eine repräsentative Auswahl Fabeln von Aesop bis Wilhelm Busch und verschiedener Völker bringt, sondern auch noch schön und angemessen illustriert (G.Glück) ist. Das Buch ist nicht nach Zeitalter sortiert, sondern bunt gemischt. Ein guter Tipp für diejenigen, die gerne in guten Büchern schmökern und eine gute »Fabelgrundausstattung«.



Wer sich speziell für die Fabeln des Aesop interessiert, greift statt der zu Hauf verfügbaren Billigausgaben diverser Nachdruckverlage besser auf die Neuübersetzung von Thomas Voskuhl aus dem Reclam-Verlag.



Wem es nicht so auf sprachliche Genauigkeit ankommt, dafür aber auf sprachliche Schönheit, sollte sich die von Fulvio Testa illustrierten Ausgabe von Gisbert Haefs ansehen.




Die Fabeln des Jean de LaFontaine liegen in der Übersetzung von Ernst Dohm in einer umfangreichen und illustrierten Gesamtausgabe vor (mehr als 500 Seiten).



Wer es etwas karger und preiswerter möchte, wählt die Reclam Ausgabe (Übersetzer: Jürgen Grimm), die immerhin auch die Illustrationen von Gustave Doré enthält.



Lessings Fabeln liegen in einer schönen Taschenbuchausgabe des Fischer-TB-Verlages vor. Sie enthält außerdem auch die »Abhandlungen über die Fabel«.



Sie sind nicht jedermanns Geschmack und kommen heute arg belehrend daher, aber wer sie mag, die Kinderfabeln des Wilhelm Hey, findet 50 davon in einem preiswerten Taschenbuch:



Luthers Fabeln und Sprichwörter
findet man in einer schönen Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Illustriert mit Abbildungen und Holzschnitten aus der Werkstatt von Lukas Cranach:



Deutsche Fabeln des 18. Jahrhunderts sind repräsentativ in einem Bändchen des Reclam-Verlages zusammen gestellt. Es ist sehr zu empfehlen, denn darin sieht man, dass es neben Lessing, Gellert & Gleim noch zahlreiche andere Fabeldichter in dieser Zeit gab.



Zum Abschluss Johann Wolfgang von Goethe. Seine längere Fabeldichtung um »Reineke Fuchs« ist wunderschön Illustriert von Dieter Wiesmüller in diesem Prachtbuch aus dem Hanser-Verlag. Ein Buch nicht nur für Kinder. Oder anders gesagt: Ein Buch, das Erwachsene, die es sich gekauft haben, auch an Kinder aushändigen können.




Horst-Dieter Radke

Montag, 24. September 2012

La Fontaine auf die Ohren

Fabeln von Jean de La Fontaine zum anhören gibt es kostenlos hier

Sonntag, 16. September 2012

Der Reiher


Einst schritt, ich weiß nicht, wo es war,
Ein Reiher her mit langem Schnabel, langem Hals.
Die Luft war hell, der Himmel klar,
Die Welle ebenfalls.
Gevatter Karpfen neckte mit Gevatter Hecht,
Sie tummelten sich nah am Rand des Ufers hin;
Ein Stoß vom Reiher nur, so hatte er Gewinn –
Doch war es ihm zurzeit nicht recht,
Da seine Vesperstund noch nicht geschlagen.
Er hielt auf Ordnung, darum schien's ihm besser,
Zu warten, bis noch leerer ihm der Magen.
Der Hunger kam. Da trat er ans Gewässer
Und sah die Schleie jetzt empor vom Grunde ziehn:
Ein Mahl, das ihm nicht eben sehr lukullisch schien.
Er hatte Besseres erwartet, denn er hatte
So heikelen Geschmack wie des Horatius Ratte.
»Ich – Schleie?« sagte er; »nein, euch verachte ich.
Welch ein gemeiner Fraß! Wofür denn hält man mich?«
Die Schleie fort – Gründlinge kommen.
»Ein Reiher, der mit Gründlingen fürlieb genommen –
Ein Unding wär's! Für solche Kleinigkeiten sperr
Ich nicht den Schnabel auf. Bewahre mich der Herr!«
Er hat ihn aufgesperrt für weniger als dies!
Es kam so weit, daß sich kein Fisch mehr sehen ließ.
Der Hunger wuchs. Er war zuletzt zufrieden,
Daß ihm ein kleines Schneckchen ward beschieden.

Wer zu viel haben möcht,
Der wird riskieren,
Das, was ihm minder recht,
Auch zu verlieren.
Schwimmt euch kein Taler her,
Greift nach dem Dreier,
Denkt an die gute Lehr
Von unserm Reiher.

Jean de Lafontaine




Dienstag, 11. September 2012

Der Frosch, der groß sein will wie ein Ochse


Ein Frosch sah einen Ochsen gehen.
Wie stattlich war der anzusehen!
Er, der nicht größer als ein Ei, war neidisch drauf,
Er spreizt sich, bläht mit Macht sich auf,
Um gleich zu sein dem großen Tier,
Und rief: »Ihr Brüder achtet und vergleicht!
Wie, bin ich nun so weit? Ach, sagt es mir!« –
»Nein!« – »Aber jetzt?« – »Was denkst du dir!« –
»Und jetzt?« – »Noch lange nicht erreicht!« –
Das Fröschlein hat sich furchtbar aufgeblasen,
Es platzte und verschied im grünen Rasen.

Die Welt bevölkern viele solcher dummen Leute:
Jedweder Bürger möchte baun wie große Herrn,
Der kleine Fürst – er hält Gesandte heute,
Das kleinste Gräflein prunkt mit Pagen gern.


Jean de Lafontaine

Mittwoch, 4. April 2012

Der Fuchs und der Storch


Fingerhutmuseum Creglingen

Gevatter Fuchs, der Knauser, scheute nicht
Die Kosten, Nachbar Storch ein Gastmahl zu spendieren.
Das Mahl war karg: als einziges Gericht
Ließ klare Brühe unser Schelm servieren –
Und diese gar in einem flachen Teller.
Der Storch mit seinem langen Schnabel sticht
Umsonst hinein, doch schleckte um so schneller
Der Fuchs mit breitem Maul das Ganze auf.
Um sich zu revanchieren,
Bat kurze Zeit darauf
Der Storch den Fuchs, bei ihm nun zu soupieren.
Der sprach: »Ich komme gern,
Zu speisen bei so liebem Herrn.«
Er eilte zur gegebnen Zeit
Zur Storchenwohnung, pries die Liebenswürdigkeit
Des Freundes, labte sich entzückt
Am Duft des Fleisches, das zerstückt
Und fein gekocht – so ganz, wie er's am liebsten mag,
Zunächst noch abseits lag.
Er war mit gutem Appetit beglückt,
Der Füchsen selten fehlen soll.
Doch ach, wie war das jammervoll:
Man trug das Mahl in einer engen Flasche auf!
Die Mündung war nicht weiter als ein Büchsenlauf.
Der Storchenschnabel tauchte leicht hinein ins Glas,
Des Gastes Schnauze aber brauchte andres Maß.
Mit leerem Magen zog der Herr nach Haus,
Mit eingekniffnem Schwanz und schlappen Ohren;
Er sah beschämter als ein Füchslein aus,
Dem keck ein Huhn den Pelz geschoren.

Merkt's euch, Betrüger all auf Erden:
Auch ihr sollt so betrogen werden!

Jean de Lafontaine
Fabeln. Berlin 1923

Samstag, 17. Dezember 2011

Die verwandelte Katze

Wertiger
Bildquelle: Wikipedia

Ein Mann war verrückt in seine Katze.
Er fand ihr Miauen so zaubervoll,
So reizend ihr Köpfchen, so zärtlich die Tatze –
Kurz, er war toller als toll!
Was tat er nicht alles an Bittgebeten,
An Tränen und Sprüchen der Zauberkunst,
Bis endlich durch eines Gottes Gunst
Das große Wunder eingetreten:
Als eines Morgens der Narr erwacht,
Da war seine Katze zum Weibe geworden!
Er hat sich keine Minute bedacht,
Er trat mit ihr in Hymens Orden
Und jubelte in den höchsten Akkorden,
Als er sie abends zu Bett gebracht.
Er zeigte sich ebenso übertrieben,
Wie einst in der Freundschaft, jetzt im Lieben.
So sehr war er von ihr entzückt,
Wie noch kein Dichter je geschrieben,
Daß eine Schöne den Liebsten beglückt.
Und während sie ihm innig schmeichelt,
Liebkost er sie und herzt und streichelt
Der jungen Gattin geschmeidigen Leib;
Die ganze Katze ist vergessen,
Und der Beglückte glaubt vermessen,
In allem sei sie ganz ein Weib.
Doch jählings wird der Gatte
In seiner Freude gestört,
Dieweil man an der Matte
Ein Mäuslein knabbern hört.
Das Weib mit einem Satz zum Bett hinaus!
Das Mäuslein fort – doch kehrt es bald zurück –
Sie liegt auf Lauer und sie packt's voll Glück:
Mit diesem Mäuslein war es aus!
Und immer war sie so auf jede Maus erpicht,
Getreu dem Wort: Die Katze läßt das Mausen nicht!

Was nutzte nun die schöne Wandlung der Statur?
Stärker als alles ist die Stimme der Natur!
Der angeborne Trieb verspottet jeden Zwang,
Ihr lehrt ihn nicht mit Sporn noch Peitsche andern Gang.
Spart euch die Müh und laßt es bleiben,
Alte Manieren auszutreiben,
Denn alles wird erfolglos sein;
Werft ihr sie vorne auch zur Tür hinaus,
So schlagen hinten sie ein Fenster ein –
Und sitzen wieder mitten drin im Haus.

Jean de Lafontaine

Donnerstag, 10. November 2011

Der durch einen Pfeil verwundete Vogel

 
Tödlich getroffen durch einen befiederten Pfeil,
Klagte ein Vogel in blutendem Schmerz sein Geschick:
»Muß man zum eignen Verderben beisteuern sein Teil!
Nimmt doch der Mensch aus unserm Gefieder das Stück,
Welches dem Flug der Geschosse die Sicherheit schafft.
Dennoch: es dünkt mir der Menschen Gespötte nichts Rechtes,
Werden sie oft doch von gleichem Geschicke errafft,
Da für die eine Hälfte des Menschengeschlechtes
Immer die andre die Todeswaffen beschafft.«

Jean de Lafontaine,

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Der Löwe, der in den Krieg ziehen wollte

Der Löwe hatte eine Schlacht im Sinn.
So hält er Kriegsrat, schickt den Adjutanten
Zu allen Tieren hin;
Ein jedes stelle schnell sich ein,
Mit seinen Kräften hilfsbereit zu sein:
So brauche man den breiten Elefanten,
Damit er Munition und Waffen trage
Und wuchtigen Trittes eine Bresche schlage;
Zum Sturmlauf halte sich der Bär bereit;
Der Fuchs jedoch soll feine Ränke spinnen;
Der Affe suche nach Gelegenheit,
Den Feind durch Späße zu gewinnen.
»Schickt nur«, riet einer, »den Herrn Esel dort
Und auch den allzu feigen Hasen fort,
Denn jener ist so tölpelhaft wie dumm,
Und dieser kehrt vorm Feinde sicher um.«
»Durchaus nicht,« sprach der König, »beide haben
Für unsern Kriegszug nutzenswerte Gaben:
Der Esel soll mit seinem grimmen Ruf
Den Feind entsetzen,
Den Hasen, den Natur zum Läufer schuf,
Wird, denk ich, keiner als Kurier ersetzen.«

Ein weiser Fürst muß stets verstehen,
Auch dem Geringsten seinen Platz zu geben,
Und der Verständige wird nie im Leben
Den kleinsten Vorteil übersehen.

Jean de Lafontaine

Dienstag, 11. Oktober 2011

Die Eiche und das Schilfrohr


Zum Schilfrohr sprach einmal die Eiche:
»Ich finde, daß du Grund zur Klage hast,
Ein winziger Vogel schon wird dir zur Last,
Der schwächste Windhauch, der im Teiche
Das Wasser kräuselt, biegt dir fast
Den Kopf zur Erde, während ich mein Haupt,
Stolz wie der Kaukasus, nicht nur dem Licht,
Nein, auch dem Sturm entgegenhebe,
Und da, wo ich im Zephir schwebe,
Ist dir's, als ob der Nordwind schnaubt.
Ach ja, du Armer, ständest du nur nicht
Dort so im Freien, sondern mehr im Schutz
Der Blätter, die nach allen Seiten
Sich dicht um meine Zweige breiten,
So bötest du dem Sturm wohl Trutz.
Jedoch es läßt sich nicht bestreiten,
Daß euer schwächliches Geschlecht
Stets dort zu Hause, wo die Winde jagen,
Und darum muß ich leider sagen,
Natur behandelt euch gar ungerecht.«

»Aus gutem Herzen,« sagte drauf das Rohr,
»Entspringt dein Mitgefühl; indes bevor
Du urteilst, mußt du auch bedenken,
Daß mich die Winde wenig kränken.
Ich beuge mich und breche nicht; bis jetzt
Hast du dem Sturm dich tapfer widersetzt
Und krümmtest nicht vor ihm den Rücken,
Doch warte ab, ob bis zuletzt
Steifnackigkeit und Trotz dir glücken.«

Kaum war's gesagt, da kam in tollem Flug
Der schlimmste Sohn dahergebraust,
Den je der Nord in seinen Lenden trug.
Der Baum steht gut, das Schilfrohr schwankt.
Der Wind verdoppelt seine Kraft und zaust
Und rüttelt an der Eiche, bis sie wankt
Und stürzt. – Da lag sie, deren Haupt den Himmel fühlte,
Doch deren Fuß im Reich des Todes wühlte.


Jean de Lafontaine

Samstag, 10. September 2011

Der Drache mit mehreren Köpfen und der Drache mit mehreren Schwänzen


Einst zog, wie ein Histörchen uns berichtet
(Und ist's nicht wahr, so ist's doch gut erdichtet),
Des Sultans Abgesandter, der beim Kaiser war,
Des Sultans Macht der kaiserlichen vor.
Die Worte trafen eines Deutschen Ohr,
Der fand des Türken Meinung anfechtbar.
Er sagte: »Unser Herrscher hat Vasallen,
Die reich und mächtig sind wie er;
Jeder von ihnen könnte nach Gefallen
Besolden ein gewaltig Heer.«
Des Sultans Untertan, ein kluger Mann,
Entgegnete: »Gewiß, wohl hörte ich,
Daß jeder Kurfürst Truppen rüsten kann.
An einen Traum gemahnte dieses mich.
Ich war an sicherm Ort, als jenseits hoher Hecken
Die hundert Köpfe einer Hydra drohten.
Mich überfiel ein kalter Schrecken,
Ich zählte mich schon zu den Toten,
Doch kam ich mit dem Schrecken fort;
Der Drache konnte keine Öffnung finden,
Um durch die hohe Hecke dort
Die vielen Köpfe glatt hindurchzuwinden.
Noch sann ich nach dem Abenteuer,
Da zeigte sich am selben Ort
Ein andres Ungeheuer;
Das hatte nur ein einzig Haupt,
Doch mehr als einen Schwanz am Leibe.
Entsetzlich kam es angeschnaubt –
Unmöglich, daß ich's Euch beschreibe.
Der Kopf schlüpft mühlos durch mit Brust und Bauch,
Und hinterher die Schwänze alle auch;
Nichts hindert sie, leicht ist's vollbracht,
Da eins dem andern Platz gemacht.
Und seht – dies ist der Sache Kern –
So steht's mit Eurem, so mit unserm Herrn.«

Jean de Lafontaine
aus: Fabeln. Berlin 1923

Montag, 20. Juni 2011

Der kleine Fisch und die Fischer




Das Fischlein wächst von Mond zu Mond.
Doch wenn man wartend es verschont,
So scheint mir das durchaus verkehrt;
Denn wird man's jemals wiederfangen?

Ein Karpfen war ins Netz gegangen,
Noch klein und ohne jeden Wert.
Der Fischer sagte: »Immerhin
Ist mir ein Anfang doch beschert
Zu einem Mahl; auch Kleines zählt.«
Das Kärpfchen flehte angstgequält:
»Was hast du, Mensch, mit mir im Sinn?
Ich fülle halb dir kaum den Mund.
Wart ab, bis ich erwachsen bin,
Dann zahlt ein Reicher gut für jedes Pfund.
Hast du von meiner Größe hundert nicht,
So ist es nur ein mageres Gericht,
Und das noch schlecht.« – »Noch schlecht?« entgegnete der Mann.
»Ein Fischlein schlecht, das so vortrefflich predigen kann?
Zur Pfanne, Freund! Auf meinem Herd
Sollst braten du und dann mich laben.
Ein ›Haben‹ ist von größerm Wert
Als zwei ›Ich werde nächstens haben‹.

Jean de Lafontain

Dienstag, 15. März 2011

Der Vorteil der Wissenschaft

Einst haben sich zwei Bürger einer Stadt
Beständig um den Rang gestritten;
Der eine war ein reicher Nimmersatt,
Unwissend und von groben Sitten,
Der andre arm, doch groß an Geistesgaben.
Der Reiche wollte alle Ehre haben;
Er meinte, jeder sei verpflichtet gar,
Ob seiner Schätze ihn zu preisen.
Was soll man Gütern, des Verdienstes bar,
Achtung wie edlem Geistesgut erweisen?
So frage ich. Der Dumme aber war
Ganz andrer Meinung, und er sprach zum Weisen:
»Mein Freund, Ihr haltet Euch für wert,
Doch kann man je bei Weisen trefflich speisen?
Was nützt belesen sein und hochgelehrt?
Man muß zu Euch ins dritte Stockwerk reisen,
Ihr kleidet Euch im Winter wie im Mai
Und habt nur Euren Schatten als Lakai.
Wie sollte wohl ein Staat bestehen können
Von Leuten, die sich keinen Luxus gönnen?
Brauchbare Bürger müssen Geld verbreiten!
Seht uns, wie wir durch Lustbarkeiten
Der ganzen Stadt Verdienst bereiten,
Dem Künstler wie dem Handelsmann,
Dem, der die Röcke macht, und denen, die sie tragen!
Dagegen Ihr? Ihr fertigt Bücher an,
Die mit den Namen hoher Gönner prahlen
Und die wahrhaftig sonst nicht viel besagen,
Als daß Belobte Schlechtes gut bezahlen.«
Es fand der unverschämte Redeschwall,
Was er verdiente: keinen Widerhall!
Der Weise schwieg, er sparte sich sogar
Eine Satire, die gewiß am Platze war.
Weit besser rächten ihn die Kriegesplagen,
Die bald darauf der Feind ins Land getragen.
Die Stadt wird eingenommen und zerstört,
Schutt ist die Pracht, die jenem Protz gehört,
Und wie der Arme muß auch der Verarmte fliehn.
Er irrte um und wußte nicht wohin.
Man wies Unbildung allerorten ab,
Indes dem Weisen gern man Hilfe gab,
Denn Wissen wurde allerorts geschätzt.
Und das entschied den Streit zu guter Letzt.

Was auch die Dummheit knurrt und bellt,
Die Wissenschaft gilt mehr als Geld.

Jean de Lafontaine
Übers.: T. Etzel

Freitag, 22. Oktober 2010

Der Löwe und die Ratte



Man soll sich möglichst alle Welt verpflichten,

Der Kleinste selbst kann werten Dank verrichten.

Nichts ahnend kroch

Aus ihrem Loch

Vor des Löwen Maul eine Ratte hervor

Und bangte, daß sie ihr Leben verlor.


Der König der Tiere aber bewies

Großmut, indem er sie laufen ließ.

Die Wohltat blieb nicht ohne Lohn.

Wer glaubt wohl, daß von jener Ratte

Der Löwe einen Nutzen hatte?


Und doch geschah's nach wenig Tagen schon,

Als er aus seinen sichern Wäldern ging

Und unversehens sich in einem Netze fing.

Er machte drin – vergeblich – groß Geschrei

Und doch: die Ratte eilt darauf herbei –

Das Maschenwerk zernagen ihre Zähne,

Befreit entkommt der König mit der Mähne.


Viel mehr als Wut und große Kraft

Hat hier Geduld und Zeit geschafft.

Jean de Lafontaine

Sonntag, 25. April 2010

Die Taube und die Ameise


Zu schwach ist keiner und zu klein –
Er kann dem andern dienlich sein.

Aus einem klaren Bächlein trank
Ein Täubchen in dem Augenblick,
Als eine Ameis niedersank
Ins Wasser, das für sie ein Meer.
Sie hätte nie ans Land zurück
Sich retten können, wenn ihr nicht
Die Taube beigesprungen wär.
Die fühlte des Erbarmens Pflicht
Und warf ein Hälmchen Gras hinab,
Das der Ertrinkenden die Brücke gab,
Auf der sie eilig lief zum Uferrand.
Als sie auf festem Boden sich befand
Und ihre Retterin zum Baum geflogen,
Da kam ein wilder Mann des Wegs gezogen
Verlumpt und barfuß, der die Taube sah
Und gierig griff zu Pfeil und Bogen.
Er meinte, daß der Vogel da
Als guter Schmaus ihm sei gesandt,
Und will ihn töten. Wie er spannt
Die Sehne und verborgen zielt,
Da beißt die Ameis ihn ins Bein,
Wobei er sich nicht still verhielt,
Denn solch ein Biß bereitet Pein.
Nun merkt die Taube, was ihr droht,
Und schnell enteilet sie dem Tod.
Lebwohl, du schönes Festgericht,
So billig war die Taube nicht!

Jean de Lafontaine

Sonntag, 21. Februar 2010

Die Pest unter den Tieren

Ein Übel, schreckhaft, wo es je erstand,
Ein Übel, das des Himmels Zorn erfand,
Der Erde Übeltun zu rächen,
Die Pest (kaum wag ich's auszusprechen),
Sie, die den Acheron so schnell bereichern kann,
Fiel kriegerisch die Tiere an.
Nicht alle starben, aber alle wurden krank:
Nicht einer, der noch sorgte, daß er aß und trank.
Kein Mahl erregte ihre Gier,
Nicht Wolf noch Fuchs umspähten mehr
Das unschuldvolle Beutetier.
Die Turteltauben flogen unstet hin und her,
Sie suchten keine Liebe, keine Freude mehr.

Der Leu hielt Rat und sprach: »Ich glaub es zu erfassen:
Ob unsrer Sünden groß und schwer
Hat diese Pein der Himmel zugelassen.
Drum säume unser größter Sünder nicht,
Dem Zorn des Himmels sich als Sühne anzutragen.
Vielleicht daß dies die Härte unsrer Strafe bricht.
Ihr wißt ja, daß man oft in ähnlich schlimmen Lagen
Solche Ergebenheitsbeweise brachte.
Bekennt euch also. Jeder hier betrachte
Ganz ohne Nachsicht sein Gewissen.
Was mich betrifft: fiel mich der Hunger an,
So hab ich oft ein Schaf zerrissen,
Das nicht das kleinste mir zuleid getan;
Und hie und da geschah's,
Daß ich sogar den Hirten aß.
Ich will mich opfern, wenn es nötig ist.
Doch scheint mir’s richtig, daß erst jedermann ermißt,
Ob nicht noch schwerer wiegt sein eignes Sündenmaß,
Da es gerecht ist, daß der größte Sünder stirbt.«
»Oh, unser guter König,« rief der Fuchs darauf,
»Der hier wie immer unser aller Lob erwirbt!
Doch, Herr, Ihr fraßt nur Schafe, dummen Pöbel auf –
Wie könnt Ihr denken, daß dies eine Sünde wäre?
Nein, nein! Indem Ihr sie zu Eurem Mahl ergrifft,
Erwiest Ihr ihnen hohe Ehre.
Und was den Hirten anbetrifft,
Der war gewiß des Todes wert,
Da er zu jenen Leuten ja gehört,
Die sich in ihrem Hochmut oft so weit vergaßen,
Sich über uns, die Tiere, Rechte anzumaßen.«
So sprach der Fuchs. Die Schmeichler pflichteten ihm bei.
Man wagte auch dem Tiger, Bär und andern Großen
Nicht nachzuweisen, daß ihr Rauben sündhaft sei.
Man scheute sich, die starken Frevler zu erbosen,
Sie alle bis zum Hofhund hieß man heilige Leute.
Nun kam der Esel an die Reih:
»Ich kam an einer Klosterwiese einst vorbei.
Die zarten Gräser, die Gelegenheit zur Beute,
Der Hunger und, ich glaube, irgendwelcher Teufel
Verführten mich, den grünen Rasen
Auf Zungenbreite abzugrasen.
Da tat ich unrecht – ohne Zweifel.«
»O Schmach!« schrie man den Esel an.
Und ein gerißner Wolf bewies mit vielen Phrasen,
Die Pest sei darum da, um diese Tat zu rächen,
Das räudige Eselsvieh allein sei schuld daran.
Die kleine Sünde ward der Strafe wert ermessen.
Welch ein empörendes Verbrechen:
Der andern Leute Gras zu fressen!
Der Tod nur sühnte solche Tat des Bösewichts.
Das zeigte man ihm gar geschwind.

Ganz je nachdem, wie mächtig oder schwach wir sind,
Macht weiß uns oder schwarz das Urteil des Gerichts.



Jean de Lafontaine

Samstag, 20. Februar 2010

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken

Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: les animaux malades de la peste, wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Not hingesetzten Anfang. Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Tierreich, der Löwe versammelt die Großen desselben, und eröffnet ihnen, daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen müsse. Viel Sünder seien im Volke, der Tod des größesten müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er, für sein Teil, gestehe, daß er, im Drange des Hungers, manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja, es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn niemand sich größerer Schwachheiten sich schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben. »Sire«, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, »Sie sind zu großmütig. Ihr edler Eifer führt Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? Oder ein Hund, diese nichtswürdige Bestie? Und: quant au berger«, fährt er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: »On peut dire«; obschon er noch nicht weiß, was? »qu'il méritoit tout mal«; auf gut Glück; und somit ist er verwickelt; »etant«; eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft: »de ces gens la«, nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Not reißt: »qui sur les animaux se font un chimerique empire«. Und jetzt beweist er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter auffrißt), das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn herfallen, und ihn zerreißen.

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakte, für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse.

Heinrich von Kleist
aus: Über die allmähliche Verfertigung
der Gedanken beim Reden

Mittwoch, 10. Februar 2010

Die Ratte und der Elefant


Der Eigendünkel kommt in Frankreich häufig vor:
Man spielt den einflußreichen Mann
Und ist doch nur ein Bürger, nur ein Tor,

Der seiner Eitelkeit nicht widerstehen kann.

Die Eitelkeit ist auch dem Spanier eigen,
Doch pflegt er sie nicht so zu zeigen;
Sein Dünkel scheint mir närrischer zu sein,

Doch nicht so dumm und nicht so kindisch klein.

Den unsrigen soll euch ein Beispiel geben,

Das ich mit Fleiß gezeichnet nach dem Leben.
Die allerkleinste Ratte sah einmal
Den allergrößten Elefanten gehen,
Und höhnte laut, es wäre ein Skandal,

Den Schneckengang des Riesen anzusehen.
Der Elefant war feierlich geschmückt,

Und lang und breit mit schwerer Last beglückt:
Des Sultans edles Weib
Nebst ihrem liebsten Zeitvertreib,

Dem Hündchen, Äffchen und der Katz,
Der Magd und allem Putz und Tand,

Ja selbst dem Papagei noch auf der Hand,

Fand auf des Tieres breitem Rücken Platz

Zu einer fernen Pilgerreise.

Die Ratte höhnte die demütige Weise,

Mit der das Volk zur Seite wich.

»Es scheint,« rief sie, »man achtet den am meisten,
Der rücksichtslos für sich

Den größten Raum in Anspruch nimmt.

Ist's denn die Masse, die den Wert bestimmt?

Kommt's mehr nicht darauf an, etwas zu leisten?
Den Elefanten fürchtet jedes Kind,
Doch wir, die wir viel kleiner sind,

Wir stehn an Kraftbewußtsein ihm nicht nach!«
Das war es, was die tief empörte Ratte sprach.

Sie hätte wohl noch mehr gesprochen,

Doch eine Katze, die herbeigekrochen,

Bewies der eitlen Kleinen kurzerhand,

Daß eine Ratte schwächer als ein Elefant.

Jean de Lafontaine