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Sonntag, 17. Januar 2016

Buddha im Schnee


Eines Tages wurden Buddha und seine Jünger beim Meditieren bereits morgens vom Schnee überrascht. Während seine Jünger nach und nach aufhörten zu meditieren, blieb der Buddha in seiner Versenkung und rührte sich nicht. Es wurde Mittag, die Jünger liefen frierend und zitternd herum, sich mit den Armen sich auf Brust und Schulter schlagend. Keiner wagte es, den Erhabenen aus seiner Versenkung zu holen. Nur Ananada befreite ab und zu den Meister von allzu großer Schneelast. Am frühen Nachmittag hörte der Schneefall auf, die Sonne kam durch und schmolz den Schnee wieder weg. Noch vor Sonnenuntergang schüttelte sich der Buddha, stand auf, schaute um sich und sah nur bibbernde Mönche.

»Was ist los?« fragte er. »Warum friert ihr? Wärmt euch die Sonne nicht, die gerade dabei ist, mit einem wunderschönen Rot für die Nacht zu verschwinden?«

»Habt ihr nicht gefroren, Meister? Wir hatten den ganzen Tag über Schnee und eisigen Wind!«

Buddha lächelte. »Vielleicht hatten wir Schnee und vielleicht war es kalt. Ich war jedoch nicht da. Wie konnte ich da frieren?«

Der Kater, dem Buddha schon einige Male begegnet war, schnurrte, während er noch mit seinen Jüngern sprach, heran und rieb sich an seinem Bein. Auf seinem schwarzen Fell glänzten noch wenige Schneekristalle. »Auch er war nicht anwesend«, sagte Buddha, »und hat folglich nicht gefroren.«

»In einer Höhle wird er gewesen sein, in irgend einem Unterschlupf. Das Katzenvieh ist viel zu bequem um der Kälte zu trotzen«, schimpfte ein Jünger.

»Oder zu schlau«, sagte Buddha. »Wer wird auch so dumm sein, im Schnee und in der Kälte auf und ab zu laufen ohne sich unterzustellen.«
apokryphe Buddha-Legende aus dem 21. Jh.
aufgeschrieben erstmals von
 Horst-Dieter Radke

Dienstag, 27. Oktober 2015

Fabularium


Gesehen in Magdeburg, im Hundertwasserhaus. Eine von den außergewöhnlichen Buchhandlungen, die man gottseidank nach häufig findet – im richtigen Leben, und nicht im Internet. Fabularium ist Fabelhaft, finde ich.

Montag, 15. Dezember 2014

Der Reiher und der Krebs


Bei irgend einem fischreichen Teiche war einmal ein Reiher, den die Fische flohen, sobald sie ihn nur erblickten. Da er sie also nicht fangen konnte, log der falsche Reiher den Fischen vor: »Ein Mensch, der Fische zu töten pflegt, ist hier angelangt mit einem Netz; er wird euch in seinem Netze fangen und in kurzer Zeit alle vernichten. Deshalb tut nach meinen Worten, sofern ihr mir glaubt. An einem einsamen versteckten Orte ist ein kleiner Teich, den Fischern unbekannt, dahin will ich euch einzeln hinbringen und hineinwerfen, daß ihr dort wohnen mögt.« Voll Furcht riefen die törichten Fische: »Tue so! Wir haben volles Zutrauen zu dir!« Da nahm der hinterlistige Reiher die Fische einen nach dem andern und legte sie auf einen Felsboden nieder, wo der Betrüger ihrer eine Menge in Gemächlichkeit auffraß.
Ein Krebs, der in diesen Teich kam, sah, wie der Reiher die Fische forttrug und fragte ihn: »Wohin trägst du die Fische?« Der Reiher wiederholte ihm, was er den Fischen vorgeschwindelt hatte, und der erschrockene Krebs bat ihn, er möge ihn ebenfalls dorthin bringen. Der Reiher, den die Aussicht nach dessen Fleisch reizte und verblendete, nahm ihn auf und flog mit ihm nach der Schlachtbank; als der Krebs aber die Gräten der verzehrten Fische dort bleichen sah, erriet er, wie schmählich sie alle getäuscht seien und daß der Reiher sich von ihrer Vertrauensseligkeit mäste. Kaum hatte der Reiher den Krebs auf den Felsboden niedergelegt, so riß der schlaue Krebs ohne Säumen dem Reiher den Kopf ab. Zurückgekehrt, erzählte er es den übrigen Fischen, die ihn hocherfreut als ihren Lebensretter begrüßten.
*
Denn die Klugheit ist eine Macht; wozu nützt die Stärke dem Unklugen?

aus: Indische Erzählungen
Aus dem Sanskrit zum erstenmal ins Deutsche übertragen
von Dr. Hans Schacht,
1918, Lausanne und Leipzig

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Der Bär, der Fuchs und der Spervorgel


Der Bär war in die Fremde gegangen. Unterdessen hatte sich ein Spervogel *) oder Sperling am Eingang der Bärenhöhle sein Nest gebaut, und als der Fuchs, des Bären Hausmeier, ihn aufforderte, den Ort zu verlassen, lachte er und behauptete dreist, der ganze Wald und auch die Höhle gehöre ihm zu eigen.
Eines Tages kehrte der Bär von seiner Wanderschaft zurück und wollte von seiner Höhle wieder Besitz ergreifen. Der Fuchs aber war dem Heimkehrenden entgegengegangen, um ihn zu bewillkommen. Er teilte dem Bären auch mit,d aß eine Sperlingsfamilie am Eingang der Höhle ihr Nest gebaut und daß es dort sehr laut hergehe.
»Mein Freund,« sprach der Bär, »weißt du auch gewiß, daß es nur Sperlinge sind?«
»Ja, herr, es ist ein elender, schwacher Spervogel mit seinem Weib und seinen fünf Jungen.«
»Ein Tier, das sich in meine Höhle wagt, ist sicher kein schwaches, elendes Tier, sondern ein starker, gefährlicher Feind, vor dem ich mich zu hüten habe. Mir grauet vor dem Abenteuer; es wird nicht gut ablaufen.«
Auch der Spervogel hatte erfahren, daß der Bär im Anzug sei, und er sprach zu seiner Fra:
»Liebes Weib, heute oder morgen wird der Bär kommen, um von seiner Höhle Besitz zu ergreifen. Aber den dummen Bären wollen wir schön anführen. Tu nur genau alles, was ich dir sage.« und dann hielt er lange Rücksprache mit der Sperlingsfrau.
Am  Nachmittag kam der Bär mit dem Fuchs und wollte seine Höhle beziehen.
»Hört Ihr das Geschrei der Spervögel?« fragte der Fuchs.
Der Bär winkt eihm zu schweigen, denn eben erhob der alte Spervogel seine Stimme. »Was haben denn die Kleinen, daß sie so grausam schrien?« fragte er seine Frau.
»Hunger haben sie,« war die Antwort.
»So gib ihnen doch von dem Bärenfleisch zu essen, das wir vorrätig haben,« sprach der Sperling.
»Ach,« sagte das Weibchen, »das Bärenfleisch ist von gestern, und die Jungen wollen frisches. Warum hast du die Leckermäuler so verwöhnt?«
»So vertröste sie auf morgen,« sprach der alte Spervogel wieder. »Der Bär, der diese Höhle sonst bewohnt, kommt heute zurück, und mein Freund, der Fuchs, hat mir versprochen, ihn mit List hierher zu bringen. Wenn das geschieht, will ich den Bären umbringen, und unsere Kleinen sollen sich morgen an frischem Bärenfleisch erlustigen.«
»Wie das der Bär hörte, gab er dem Fuchs mit seiner Tatze einen Schlag, daß dieser das Aufstehen vergaß. Dann packte er seine sieben Sachen zusammen, verließ die Spervögel, die Höhle und den Wald, ging in die Stadt und wurde Tanzbär.

Rudolf Baumbach
aus: Neue Märchen, Stuttgart und Berlin 1903, S. 159 ff.

*) Spervogel ist nicht nur ein anderer Name für den »Sperling«, sondern auch ein hochmittelalterlicher Minnesinger (nach 1170), der in der Manessischen Liederhandschrift

Mittwoch, 24. Juli 2013

Der welsche Hahn, der Habicht und der Adler


Man diene, wem man kann, doch nicht um reich zu werden.
Dann nichts ist kärglicher, als die Erkenntlichkeit.
Es ging ein welscher Hahn, in stolzer Sicherheit,
Aus seinem Hof ins Feld, und musterte die Herden.
Ein Habicht, welchem nur der Adler schrecklich war,
An Fängen stark, schlau wie ein Hasengeyer,
Schoß auf den Hahn herab, und, durch ein Abenteuer,
Entriß ein Adler ihn der plötzlichen Gefahr.
Damit ich, sprach der Hahn, nicht dankvergessen scheine,
Sing ich dein Lob: ich singe meisterlich.
Auch hab ich ein Geschenk für dich.
Ich gebe gern. Was? Meiner Federn eine.

Es drohte Spanien Alphonsens‘ Thron den Fall,
Doch Englands zweiter Carl beschützte Portugall.
Für den zu schwachen König stritten
Die unerschrockenen freien Britten,
Und siegten, so wie sonst, auch bey Amerial.
Alphonsus lobt den Heldenmut der scharen,
Durch deren Arm sein Reich bestand;
Doch macht er seinen Dank auch durch Geschenke kund.
Die königlichen Gaben wären,
Für jede Compagnie, an Schnupftabak, drye Pfund.

Friedrich von Hagedorn
Versuch in Poetischen Fabeln und Erzählungen
Leipzig bey Bernh. Christ. Breitkopf
ca. 1739
unberechtigter Nachdruck

Freitag, 5. Juli 2013

Der Sperling und die Nachtigall


Ein Sperling sprach zu einer Nachtigall:
Der Storch ist doch ein großer Reiser!
Er reist in alle Welt, ist, sagt er, überall
Umher gewesen; ob er weiser
Geworden ist? Ich zweifle dran.

Die Nachtigall hört alle an,
Sagt nichts; allein, man las in ihrem Blick,
Daß sie nicht eben viel vom Afterreden halte –
Sie flog in ihren Wald zurück,
Und sang, daß Berg und Thal erschallte!

Johann Wilhelm Ludwig Gleim
Ausgewählte Werke, Leipzig 1885

Dienstag, 2. Juli 2013

Die sechs Falken oder der gebrochene Flügel


Sechs junge Falken, von denen nur Midschidschiquona, der älteste, etwas fliegen konnte, hatte der plötzliche Tod ihrer Eltern unversorgt und nahrungslos gelassen. Lange hatten sie auf deren Rückkehr vergeblich gehofft, und die jüngeren hatten sich schon mit dem Gedanken des Hungertodes vertraut gemacht, als sich Midschidschiquona entschloß, die anderen, so gut er eben vermochte, mit Futter zu versehen. Eine Zeitlang ging dies auch recht nett, bis endlich auch er ausblieb.

Nun fühlten sich die anderen erst recht unglücklich, denn der Winter war vor der Tür, und ihre Flügel waren noch zu schwach, um sie in eine wärmere Gegend zu tragen. Doch faßten einige Mut und flogen aus, ihren verunglückten Bruder zu suchen.


Bald fanden sie ihn auch; er hatte sich im Kampf mit einem anderen Raubvogel den rechten Flügel gebrochen. »Brüder«, stöhnte er, »mir ist's schlecht ergangen; aber kümmert euch nicht weiter um mich, und laßt euch nicht durch mich abhalten, der rauhen Zeit zu entfliehen.«


»Nein, nein!« schrien sie alle. »Wir verlassen dich nicht, sondern bleiben hier, um deine Leiden zu teilen und für dich zu sorgen, wie du ehemals für uns sorgtest. Wenn dich der Winter tötet, mag er uns auch töten; doch solange du lebst, bleiben wir bei dir.«
Darauf trugen sie den Kranken in einen hohlen Baum, und drei blieben ständig zu seiner Pflege und Wartung um ihn herum, während die anderen zwei ausflogen und Futter suchten.


Midschidschiquona genas bald und gab seinen Brüdern allerlei erprobte Lehren hinsichtlich der Jagd, was diese befähigte, den ganzen Winter hindurch den Hunger fernzuhalten.
Der Frühling erschien, und die Jagd wurde ergiebiger; doch Pipidschiwisäns, der jüngste Falke, der gerade nicht der klügste und stärkste war, brachte nie etwas nach Hause, trotzdem er täglich am längsten weg war. Da fragte ihn einst Midschidschiquona nach der Ursache seines ständigen Unglücks.


»Es ist weder meine Schwachheit noch meine kleine Gestalt daran schuld«, erwiderte er, »denn ich töte stets so viele Enten und sonstige Vögel wie ein anderer; aber wenn ich mit ihnen heimfliegen will, so stürzt jedesmal eine mächtige Kokokoho (Eule) auf mich los und nimmt mir meine Beute wieder ab.«


Midschidschiquona flog daher am anderen Tag mit ihm und verbarg sich in der Nähe des Ufers. Pipidschiwisäns fing bald eine Ente, und gleich darauf erschien auch die große Eule, um sie ihm wieder abzunehmen. Schnell stürzte nun Midschidschiquona aus seinem Dickicht, packte sie mit seinen scharfen Krallen und trug sie nach Hause.


Der Kleine flog nebenher und versuchte ihr die Augen auszuhacken.


»Tu das nicht, Bruder«, sagte Midschidschiquona, »denn es ist Unrecht, einen hilflosen Feind zu verstümmeln und ihn zu lehren, gegen Schwächere grausam zu sein.«
Darauf ließ er die Eule wieder fliegen.


Die sechs Falken lebten noch lange Jahre beisammen, und die alten Mediziner, die diese Fabel erzählt haben, wollen ihren roten Landsleuten damit beweisen, daß Einigkeit und Bruderliebe jede Not des Lebens besiegen.

Knortz, Karl
 Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas

Sonntag, 30. Juni 2013

Die Blume im Pfade


Eine Blume stand im Gange,
Die der Zufall dort gepflanzt.
Doch der Gärtner sprach: wie lange
Bleibt hier wol dein Glück verschanzt:
Du wirst bald den Hindernüßen
Weichen, und verderben müßen.

Nein, sprach sie, man läßt mich leben,
Wenn du nur mein Gönner bist.
Und ich will mich schön erheben,
Daß kein Feind mir schädlich ist.
Drum so laß dich auch erweichen,
Und mri meinen Glanz erreichen.

Kind, versetzt der, dich zu retten
Widersprcht des Pfades raum.
Du wirst ohne dem zertretten,
Denn die meisten sehn dich kaum.
Du mußt fort. Mit einem Worte,
Du stehst nicht am rechten Orte.

Mancher Einfall klänge schöne,
Wär er nur recht angebracht.
Dieß bedenkt, ihr Musensöhne,
Wenn ihr schreibt, und Lieder macht.

Pflanzt euch Blumen, schwingt die Worte.
Aber thuts am rechten Orte.



Daniel Wilhelm Triller

Donnerstag, 20. Juni 2013

Von der Maus im Käse


Die Katze fand eine Maus, die sich in einen fetten Käse so tief eingegraben hatte, daß man nichts mehr als nur den Kopf von ihr sehen konnte. Die Katze fragte, was sie hier zu bestellen hätte? Worauf die Maus versetzte: ich habe mich der Welt entschlagen. Die Katze sagte darauf: Ich preise diese deine Philosophie. Ich will deinem Beyspiele nachfolgen, und auf eben diese Art mich auch der Welt entschlagen. Hierauf fraß sie so wohl die Maus als den Käse auf.

Diese Fabel lehret, daß viele, die den Umgang mit andern Leuten scheuen, und unter dem Vorwande, sie hätten sich der Welt entschlagen, sich insgeheim in Wollust und Unmäßigkeit herumwälzen.



Moralische Fabeln
mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg
übersetzt durch J.A.S.K.D.E.
Leipzig 1752

Sonntag, 16. Juni 2013

Der Fuchs und der Biber

 
Reinike, der einem Biber begegnete, lobte nach Hofmanier dessen sanftwolligen Pelz. Nur Schade! sprach er, daß ein so zartes Thier einen so rauhschuppigen Schwanz führt. Sieh, wie sanft und baumelnd der meinige nachwallt!

Aber hast du mit dem deinigen auch ein Haus gebaut? fragte der Kastor.

Das atlasne Patschchen! Aber wie steht es mit der Arbeit?


Johann Friedrich Ferdinand Schlez

Mittwoch, 12. Juni 2013

Die Eule und der Rabe


Die Eule
Daß Jedermann mich als Minvervens Vogel ehre!

Der Rabe
Und mich, weil ich dem Phöbus angehöre.

Die Eule
Mich wundert es doch ungemein,
Daß Phöbus einen Dieb zu seinem Liebling wählet.

Der Rabe.
Und meinst du beß'rer Art zu seyn?
weiß nicht die ganze Welt, daß auch ihr Eulen stehlet?

Die Eule
Ey nun! Freund Rabe, laß uns nur Gesten,
Daß nicht Verdienste stets zu Lieblingen erhöhn.


Johann Friedrich August Kazner

geb. 1732 in Stuttgart
gest. 1798 in Frankfurt a.M.
als Gräfl. Degenfeldischer Hofrath

Fabeln, Epigrammen Und Erzählungen (1786)

Montag, 3. Juni 2013

Die Melusine und der Abt


Wenn ich früher auf dem Weg nach Wertheim oder zurück von Wertheim Richtung Tauberbischofsheim an der Stelle vorbei kam, an der es ab zur Eulschirbenmühle ging, gab es nichts auffälliges zu bemerken. Neuerdings stehen dort am Straßenrand aber immer ein oder zwei Autos oder Radfahrer sind auf dem Weg zu sehen, der zu dem alten, Schloß ähnlichen Gemäuer führt. Ob ich das auf die Veröffentlichung in meinem Buch »Alles fließt in Tauberfranken« zurückführen darf?




Nicht nur  das Gebäude, das leider zu verfallen scheint, ist romantisch, sondern auch die Sage, die damit verknüpft ist:


Der Graf, der auf der Gamburg lebte und seine Tage mit Fischen und Jagen verbrachte, sah ein Mädchen von großer Schönheit an der Mühle vorübergehen. Er erfuhr, dass die Fremde seit kurzem in der Mühle verdingt sei. Als er einmal sah, dass sie sich ihrer Kleider entledigte und in das Wasser der Tauber sprang, wo sie dann als Wasserfrau mit Fischschwanz eine Weile ihr Vergnügen fand, stahl er ihr die Kleider und machte sie so zu seiner Geliebten. Der neidische Müller verband sich mit dem Abt von Bronnbach. Beide machten dem Treiben ein Ende. Die Wasserfrau verschwand für immer und der Graf starb bald aus Gram.

aus: Horst-Dieter Radke
Alles fließt in Tauberfranken
Gmeiner Verlag, 2013

Montag, 27. Mai 2013

Der alte Hahn


Ein Hahn spielte sich ständig vor seinen Hühnern auf, wie schön er doch sei, was für einen prächtigen Kamm er hätte und wie viele er nacheinander auf der Stange beglücken könne. Die Hühner mochten das schon lange nicht mehr hören. Als die Bäuerin auf den Hühnerhof kam und suchend um sich sah, wussten die Hennen sofort, worum es ging: Sie suchte eine von ihnen für die Suppe. Geistesgegenwärtig liefen alle auf den jungen Hahn zu, der abseits in der Ecke stand, weil er vom alten Hahn immer weg gehackt wurde. »So ist das«, sagte sich die Bäuerin, »der alte Gockel schafft es nicht mehr. Ja, ja, das kenne ich. Na, für die Suppe wird er noch taugen.« Sie griff sich den Hahn, drehte ihm den Hals um und verschwand. »Das hat er jetzt davon«, sagte die weiseste der Hennen. »Erst schwillt ihm der Kamm und dann ist er nur noch für die Suppe gut.«

Horst-Dieter Radke

Mittwoch, 15. Mai 2013

Die Gänse und der Hahn



Die Gänse:
Wir haben einst zu unsrer ew’gen Ehre
Durch unsre Wachsamkeit
Roms Kapitol vom Untergang’ befreit.

Der Hahn:
Ei! was ich hör!
Habt ihr denn auch die Stadt beschützet?

Die Gänse:
Nein.

Der Hahn:
Nicht? – Nun so haltet ja mit eurem Prahlen ein.



Dialogische Fabeln
Johann Gottlieb Willamov
(1736 − 1777)
Berlin, 1791

Donnerstag, 25. April 2013

Schnecke und Wühlmaus


Eine Schnecke traf die emsigen Wühlmäuse als sie ihre Gänge gruben und fragte verwundert: „Ihr macht euch jedes Mal aufs Neue so viel Arbeit, aber meistens halten die Gänge ja nicht lange! Warum macht ihr das?“
„So viel Arbeit?“  antwortete eine Maus und die umherstehenden lachten lauthals.
„Das ist doch keine Arbeit,“ sagte die erste. „Das macht uns Spaß. Wir bauen Gänge, ab und zu schauen wir nach draußen und schieben die Erde etwas raus, knabbern an leckere Wurzeln und wenn wir eine Pause machen, liegen wir in unseren Nestern. Wenn ein Gang hier und da zusammenbricht, dann machen wir gerne wieder einen Neuen.“
„Das macht Spaß?“ Die Schnecke zog ihre Fühler verärgert etwas zurück, „sinnloses Tun ist das!“
„Wenn wir sehen, wie schwer du an deinem Häuschen trägst, das wäre nichts für uns. Das ist doch lästig, immer das Haus auf dem Buckel zu haben. Ohne Haus auf deinem Buckel könntest du auch wie wir, schneller deiner Wege gehen!“
Die Schnecke zog sich beleidigt in sein Haus zurück und dachte so bei sich: „Ein eigenes Haus zu haben ist doch immer schön. Manchmal aber ist es schon hinderlich, da haben die Mäuse recht.“
Spaß haben ist die eine Seite der Medaille, die andere: Alles kann auch hinderlich sein.


Dienstag, 23. April 2013

Das Freundschaftstreffen


Schon lange herrschte tiefe Feindschaft zwischen den Völkern der Hunde und der Katzen. So lange schon, dass man auf beiden Seiten gar nicht mehr wusste, wodurch dieser Streit denn entstanden sei. Und so wurde eines Tages beschlossen, von beiden Seiten je einen Delegierten zu entsenden, damit diese auf neutralem Boden verhandeln konnten und damit endlich Frieden einkehre.

Auf Seiten der Hunde wurde ein prächtiger Bernhardiner auserwählt, der für seine Freundlichkeit und Geduld weithin bekannt war, während die Katzen einen weisen, schwarz und braun gefleckten Kater entsendeten. Die beiden Unterhändler trafen sich auf einer schattigen Waldlichtung, und um seine friedvollen Absichten auszudrücken, hob der Bernhardiner die rechte Vorderpfote und blickte sein Gegenüber treusorgend an. Der Kater jedoch glaubte, der Hund wolle zum Angriff seine Krallen zeigen und sprang entsetzt zurück. Dann aber erinnerte er sich der Wichtigkeit seiner Aufgabe und ließ, um den Gegner vielleicht doch zu besänftigen, ein schmeichelndes Schnurren ertönen, was der Bernhardiner nun seinerseits als bösartiges Knurren empfand.

Tief enttäuscht über soviel Tücke und Gemeinheit trennten sich die beiden Delegierten, die Katze fauchend und der Hund mit gefletschten Zähnen. Wieder zu Hause berichteten beide, dass mit der Gegenseite, trotz besten Willens, keine Verhandlungen möglich seien, und beide Völker wussten nun wieder, warum sie einander hassten.


Montag, 22. April 2013

Die Tagediebin



Sie hat vergessen, warum sie in diese Stadt mit dem nach Schweiß und gasigem Atem, nach faulenden Hölzern stinkenden Fluß und den engen Straßen gezogen war.

Sofia wohnt in einer Pension. Außer ihr gibt es keinen anderen Gast. Ihr Raum ist der kleinste im Haus. Er grenzt an Kammern, in denen gestapelter Hausrat nach Vergangenem riecht. Eine Lattentür führt zum Dachboden mit abgelegten Gedanken von Menschen, die niemand mehr kennt.
Manchmal öffnet sie in der Morgendämmerung die Fenster, holt sich den jungen Tag, saugt seine Stimmung mit Augen, Nase und Mund ein. Er faltet sich auseinander, bringt Erdgeruch und den fliegenden Duft von Blättern und Blüten mit. Immer mehr Tag springt herein, flattert in Spinnennetzen, weht den Staub durcheinander und lacht Sofia an.

Nach Waldmeister riechendes Gras erinnert sie an eine verlorene Zeit. Der scheinbar unbenutzte Tag macht sie glücklich. Dabei vergißt sie, dass er weiterzieht, nicht bleibt. Um ihn zu halten, riecht sie am Bett, am Tisch, am Schrank, an den Wänden. An ihnen haftet Harz und schwebende Öle aus den Nadelwäldern. Mit den Fingerspitzen zerreibt sie gefundenen Duft, mischt ihn mit Rosmarin und Vergißmeinnicht, die eingetopft auf der Fensterbank stehen. Kaffeearoma zieht unter das Dach, in das Zimmer, ihm kriecht malziges von frisch gebackenem Brot hinterher. Fettiger Dunst hängt sich dran, von Speck oder Schinken. Dahinter die Angst eines verwursteten Schweines, ertränkt in Glutamat und Nitrit. Das Gleichgewicht der Stunde ist durcheinander und der Tag riecht nur noch banal.

Da atmet Sofia Zorn, die Reinheit ihres Tages ist zerstört. Was jetzt noch hereinzieht, ist nur zum Atmen gut. Sie reißt die Zimmertüre auf, nimmt einen hingestellten Teller mit Brot und schleudert ihn die Treppe hinunter.
Kreischend werden Nackenmuskeln hart. Ihre Augen brennen, und  Nerven schneiden ins Gehirn, Sofia rennt vor den Modergerüchen aus der Küche fort.
Im Freien krallt sie die Luft, packt sie mit den Fäusten, stopft sie in den Mund. Aber sie ist schon zersetzt von Menschengestank. Und doch ist es besser als im Zimmer, im Haus, sie rennt den Weg zum Fluß, legte sich ans Ufer, kriecht wie ein Hund zum Wasser, und taucht den Kopf hinein. Auf dem Boden des Uferweges kann sie das beruhigende Erdatmen nicht wahrnehmen. Augen, Nase und Ohren sind zugeschwollen.
Nach vielen Stunden wacht sie auf, riecht Holzkohlenqualm. Mit Bratwurstsucht läuft sie zu einer Bude, nimmt weder Geruch noch Geschmack wahr, rennt mit wehenden Haaren durch viele Straßen.

Als Sofia wieder riecht und hört, schnuppert sie an den Händen, die nach verbranntem Fett schmecken.
***

Grünflirrende Sonne verführt Sofia, sich endlich ihren eigenen Tag zu fangen, zu stehlen und seinen Duft aufzubewahren.
Sie erinnert sich an Feuer, an den Glanz besonderer Tage, beginnt ihr Zimmer von Überflüssigem zu befreien, rollt den fremden Teppich mit eingetretenen Gerüchen nach stumpfen Staub und Menschen zusammen. Schleppt ihn zum Speicher, öffnet eine Truhe, findet einen Anzug. Abgestorbene Hautschuppen rieseln auf Gesicht, Hals und Hände.

Sie wollte nur eins, sie wollte ihren Tag, wartete ungeduldig, beobachtete Abends und Morgens den Himmel, roch an der Luft. Viele Tage ließ sie vorbeigehen, denn keiner von ihnen war ihrer.
Nach einer Nacht mit zunehmendem Mond strömte neu geborener Morgenduft in ihr Zimmer. Er legte sich auf ihre Nase und ihren Mund und sie malte ihn mit den Fingern nach. Sofia schmückte Arme und Hals mit Silber, zog Kleider in den Farben des Regenbogens übereinander. Alle Fenster riß sie auf, verschloß die Tür. Ihr Tag zog strahlend mit rotorangenem Frühlicht herein, wirbelte umher, breitete vor Sofia den Duft von Zimt und Mandeln, von bitterwürzigen Blättern der Linden und Birken, von sterbenden Blüten aus. Geruch nasser Gräser hing im Raum, vermischte sich und alles destillierte sich in herber Klarheit. Sie empfing ihn mit geöffneten Armen, roch, schmeckte, er schien vollkommen.
Aber - ein Hauch fehlte.
Sie schrie ihn an, „mach, gleich wachen die Menschen auf und alles ist umsonst!“
Und da kam er wirklich, leise, schwebend, Hauch des fernen Meeres, den günstige Winde getragen hatten. Glücklich zog sie sich aus, damit auch ihre Haut zu einem einzigen Duft wurde. Ihr Tag schenkte ihr seine Zeit, seine Düfte, deckte gegen Abend Sofia mit Spuren gewelkten Flieders, mit hereingewehten Linden- und Birkenblättern zu.
Als seine Stimmung leiser wurde, Zimt- und Mandeldüfte verblaßten, der Hauch nach Meer weiterzog, tanzte er in die Sichel des Mondes und ließ die Nacht herein.


 

Donnerstag, 18. April 2013

Krieger, Barde und Taugenichts (2)

 
Ach, groß war das Wehklagen am Hofe, als die schlechte Nachricht nach der Hälfte der Jahresfrist dort anlangte. Und wie grämte sich der Baron solcherart seinen Sohn verloren zu haben.
Da kam der zweitälteste seiner Söhne zu ihm und sagte: “Hört mein Vater, laßt mich ziehen, damit ich meinen Bruder befreien und die Hand der Prinzessin erwerben kann.”
»Ach«, wehrte der Baron ab, »wie willst du denn den dunklen Herrscher besiegen? Kannst du doch kaum mit dem Schwert umgehen.«
Doch der Barde lachte nur und antwortete: »Nicht mit dem Schwert werde ich ihn besiegen, Vater. Wohl aber mit einer List.«
Da ließ der Vater seinen zweiten Sohn schwergemut ziehen.
Auch der Barde gelangte nach Wochen und Monaten endlich in das kleine Dorf am Waldesrand, wo man ihn zu der alten Vettel verwies. Doch der Barde zog nicht gleich weiter, er hörte sich um im Dorf und sprach mit den Leuten. Er umgarnte sie mit Worten und Liedern, bis er endlich erfuhr, daß die alte Frau wohl eine Hexe war. »Ach«, dachte er, »gut das zu wissen. Nun ist es wohl recht günstig, die Alte zu umgarnen, damit sie mir ihr Wissen preisgibt.«
So zog er in den Wald und traf auch recht bald auf die Alte, die singend mit zwei Eimern Wasser beladen seinen Weg kreuzte. »Zwei Weiden und eine Erle, die standen am Sumpf. Die Erle wurde größer, die Weiden verfaulten am Stumpf«, sang sie, als der Barde sie unterbrach.
»Erlaubt mir, Euch zu begleiten«, lächelte er und bot ihr seinen Arm. Ihre Eimer jedoch trug er nicht. Und die Alte dankte ihm und ließ sich von ihm zu ihrem Haus geleiten. Dort bewirtete sie den jungen Mann gar fürstlich und der spielte als Dank seine Lieder für sie. So erfuhr er bald auch den Weg und auch was seinem Bruder widerfahren war. Gar höflich dankte er der Frau, bevor er weiterzog, doch die Warnung, die sie ihm nachrief, hörte er nicht mehr: »Gebt acht und laßt Euch auf keinen offenen Kampf mit ihm ein!«
Schon bald stand er vor den gewaltigen Toren der Burg und freudig gewährte man ihm Einlaß, denn Barden sind allenthalben gern gesehene Gäste. So spielte er und sang an der Tafel des dunklen Herrschers und sagte kein Wort davon, woher er kam. Es dauerte nicht lange, bis er das Zimmer fand, wo man die Prinzessin eingekerkert hatte. Und auch seinen Bruder fand er, der in Ketten gehüllt Steine schleppte zum Bau eines Schuppens. Dies erbitterte den Barden sehr.
Der dunkle Herrscher jedoch durchschaute die Maskerade des Barden und ließ ihn festnehmen. »Hört«, sagte er zu dem Barden. »Ihr habt die Wahl. Entweder ich lasse Euch in meinen tiefsten Kerker sperren für Euren Verrat oder ich fordere Euch zum Kampf. So Ihr jedoch verliert, sollt Ihr mein Sklave sein.« So sprach der Dunkle, denn er war sich seines Sieges sicher.
Der Barde jedoch lächelte nur, war er doch auf einen Kampf vorbereitet. Denn eingedenk der Niederlage seines Bruders hatte er sich das Pülverchen verschafft, daß diesen seiner Kraft beraubt hatte. »Gerne nehme ich Eure Herausforderung an«, antwortete er daher, »doch zuerst laßt uns miteinander speisen, wie es die Gastfreundschaft verlangt.«
Da lachte der Usurpator nur und sagte: »Lange genug habt Ihr an meiner Tafel gespeist. Nun aber sollt Ihr kämpfen.«
Nichts konnte der Barde tun, um dem anstehenden Kampf noch aus dem Wege zu gehen, hatte er ihm doch schon zugestimmt. Und so kam es, daß auch der zweite Sohn des Barons als Sklave des dunklen Herrschers endete.



Fortsetzung folgt
Petra E. Joerns

Mittwoch, 17. April 2013

Krieger, Barde und Taugenichts (1)

 
Es war einmal …

… ein Baron, der diente treu und ergeben seinem König. Er war nicht reich. Denn nicht jeder Baron schwimmt in Gold. Sein einziger Reichtum waren seine Burg, die zugegebenermaßen schon recht baufällig war, die Freundschaft seines Königs und seine drei Söhne, auf die er recht von Herzen stolz war.
So hatte der älteste der drei in kürzester Zeit mit viel Stärke und Entschlossenheit das Waffenhandwerk erlernt und war schon in jungen Jahren zum besten Krieger der bekannten Lande geworden. Wiewohl Mitgefühl ihm fremd war und er ob seiner vierschrötigen Gestalt und seiner groben Manieren nicht wenige der vielen Damen, die sich ihm zu nähern wagten, vergraulte, war er überall im Land berühmt und geachtet.
Der zweite der Söhne hatte recht bald bemerkt, daß er es in Stärke und Waffengeschick nicht mit seinem älteren Bruder aufnehmen konnte und hatte darob das Spielen der Harfe erlernt. Aufgrund seiner geschickten Finger und seiner glatten Zunge war er bald als bester Barde im weiten Land gerühmt, wenn er es auch mit der Ehrlichkeit nicht so ernst nahm und mehr Frauenherzen brach, als es schicklich war.
Der Jüngste jedoch war ein rechter Träumer. Er lernte das Waffenhandwerk, doch obwohl er geschickt und schnell war, war er doch zu mitfühlend, um je ein guter Krieger zu werden. Auch konnte er zwar der Harfe die süßesten Melodien entlocken und die schönsten Geschichten dazu erzählen, doch war er zu ehrlich und direkt und schaffte sich damit bei Hofe keine Freunde.
So unbestimmt war sein Geschick, daß sein Vater es schließlich nicht mehr mitansehen konnte und er ihn an seinem sechzehnten Geburtstag zu sich rufen ließ.
»Höre mein Sohn«, sagte er zu ihm. »Du wirst nun bald zu den Männern zählen, darum sage mir, was aus dir werden soll. Willst du ein Krieger werden oder ein Barde? Ach, es wäre mir recht egal. Doch allein ich sehe nicht, daß du dich für eines entscheiden könntest.«
Der Jüngling sah ihn recht betroffen an und schämte sich, doch eine Antwort konnte er seinem Vater nicht geben, denn er hatte keine. So bat der Sohn seinen Vater um Geduld, weinte sogar, um ihn wohlgesonnen zu stimmen. Jedoch dem Baron überkam die Wut und in seinem Zorn schickte er seinen Sohn fort, auf daß er in der weiten Welt zu einer Einsicht gelangen möge. Nur ein Pferd gab er ihm mit, Schwert und Harfe und etwas Geld, damit er nicht hungern müsse, bis er seine Entscheidung getroffen habe.
Und so zog der jüngste der drei Söhne des Barons in die Welt hinaus.

Drei Jahre gingen ins Land, in denen der Vater nichts mehr von seinem jüngsten Sohn hörte und schon dauerte ihn, daß er ihn fortgeschickt hatte. Da begab es sich, daß ein Usurpator den Thron des Nachbarreiches bestieg, und das kleine Königreich mit Krieg überzog. Der König rief seine Recken zusammen und stellte sich dem feindlichen Heer, als Schreckliches geschah und die Tochter des Königs von dem dunklen Herrscher entführt wurde. Noch entmutigender war die Nachricht, die der Dunkle dem König überbringen ließ. Wollte er doch die Prinzessin in Jahresfrist ehelichen und sich das Land untertan machen, wenn es niemandem zuvor gelingen sollte, ihn im Zweikampf zu besiegen. Und der dunkle Usurpator war ein gar schrecklicher Krieger.
Ach, groß war das Wehklagen des Königs, als er davon erfuhr, und voller Entsetzen hörte es auch der Baron. »Was soll ich nur tun?« jammerte der König, und der Baron als sein treuester Ratgeber mußte nicht lange überlegen.
»Schickt Eure Recken und Krieger hinaus, mein König«, antwortete er, »und versprecht ihnen Ruhm und Gold für die Errettung der Prinzessin. So wird sich wohl einer finden, der das Wunder vollbringen kann.«
Und so tat es der König, und die Recken zogen aus, die Prinzessin zu retten. Gar viele waren es, und nur wenige kehrten zurück. Viele fanden die Burg des Gegners gar nicht, so versteckt lag sie. Andere wiederum wurden auf dem Weg dorthin getötet. Die meisten jedoch verirrten sich, und fanden nicht wieder zurück. Voller Gram lauschte der König den schlechten Nachrichten, die ihn allenthalben erreichten, und so gingen drei Monate ins Land, und es tat sich nichts. Die Söhne des Barons jedoch blieben am Hofe.
»Was soll ich nur tun?« wehklagte der König sein Leid.
»Hört«, antwortete der alte Baron, »Gold und Ruhm vermögen die tapfersten Recken Eures Landes nicht zu locken. Die Belohnung muß wohl besser sein, damit die besten Krieger Eures Landes losziehen, Eure Tochter zu retten.«
Die Worte klangen weise und so fragte der König: »Aber um wieviel höher soll die Belohnung denn bemessen sein, um ihren Zweck zu erfüllen?«
Der Baron überlegte nicht lange, hatte er doch genau diese Frage erwartet. »Gebt dem Retter die Hand Eurer Tochter«, sagte er daher nur und schwieg hernach.
Lange dachte der König über die Worte des Barons nach. Drei Tage vergingen, bevor er seine Entscheidung endlich verkündete, die lautete, daß der Retter seiner Tochter, ihre Hand erhalten würde. Da schickte der Baron nach seinem ältesten Sohn und sprach zu ihm: »Nun geh, mein Sohn! Denn wenn du die Prinzessin errettest, wirst du der Schwiegersohn des Königs sein.« Und der Sohn ging.
Lange wanderte der Krieger durch die Lande, Wochen und Monate verstrichen, bis er schließlich ein kleines Dorf am Rande eines großen Waldes erreichte. Dort endlich konnten die Leute ihm sagen, daß die Burg des dunklen Usurpators wohl im Herzen des Waldes läge. Doch allein die alte Vettel in ihrer kleinen Hütte im Wald wüßte wohl den Weg dorthin.
Der Krieger zögerte nicht lange und ritt in den Wald hinein. Er war noch nicht weit gekommen, als er den Gesang einer alten Frau hörte, die mit zwei Eimern voller Wasser seinen Weg kreuzte. »Zwei Weiden und eine Erle, die standen am Sumpf. Die Erle wurde größer, die Weiden verfaulten am Stumpf.« So ging ihr Lied.
Allein den Krieger quälte die Ungeduld, und so rief er grob: »Heh, alte Vettel! Wo ist der Weg zur Burg des dunklen Herrschers?« Und als die Frau vor Schrecken nicht gleich antwortete, hob er das Schwert an ihren Hals, bis sie ihm endlich zitternd und stotternd den Weg wies. »Hütet Euch vor seiner Hinterlist«, warnte sie den Eiligen noch, doch er hörte sie schon nicht mehr.
Bald darauf gelangte er auch schon an der Burg an und verlangte Eintritt. Bereitwillig ließ man ihn ein, und schon bald stand der Krieger vor dem dunklen Herrscher. Er schlug mit seinem Schwert auf den Schild und schrie ihm seine Herausforderung entgegen.
»Gerne nehme ich Eure Herausforderung an«, antwortete der Dunkle, »seid Ihr doch ein würdiger Gegner. Doch erlaubt mir Euch meine Gastfreundschaft anzubieten und speist zuerst mit mir, so wie es sich geziemt.«
Der Krieger war zwar ungeduldig auf den Kampf, doch er gab nach und ließ sich an die Speisentafel geleiten, wo ihm die leckersten Speisen und Getränke aufgetischt wurde.
Allein er merkte nicht, wie die Diener auf Geheiß ihres Herrn ein Pulver in seinen Wein mischten. Wußte der Dunkle Herrscher doch allzu gut, daß sein Herausforderer der beste Krieger der bekannten Lande war. So gab er ihm ein Pulver zu trinken, daß seine Muskeln erlahmen lassen sollte.
»Was ist Euer Preis, solltet Ihr verlieren«, fragte der Dunkle den Krieger beim letzten Krug des roten Weines.
»Mein Leben soll Euch gehören«, antwortete da der Krieger ohne Zögern und hob den Krug.
»So sei es«, nickte der Dunkle, »solltet Ihr verlieren, so werdet Ihr mein Sklave sein.« Und er prostete dem Krieger zu. So bekräftigten sie ihr Abkommen.
Doch schon bald begann das Pulver zu wirken, die Muskeln des Kriegers erlahmten und der Krieger wurde so schwach, daß er kaum noch aus eigener Kraft stehen konnte. Jetzt erst erkannte er die Hinterlist seines Gegners, obschon es zu spät war. Und so kam es, daß der Krieger seinen Kampf verlor und zum Sklaven des dunklen Herrschers wurde.



Fortsetzung folgt


Donnerstag, 11. April 2013

Ich bin ein Star - holt mich hier raus!


»Musiker, wollte ich werden. In Bremen. Die Laute schlagen. Hängen geblieben  bin ich beim Essen in einem Räuberhaus!« knurrte der Esel.
»Musiker, wollte ich nie werden,« flatterte die Schwalbe fröhlich durch diesen Frühlingstag, »und zwischen Buchdeckeln,  also wirklich, das ist doch nichts. Schon mal gar nicht für einen Esel.«
»Unbequem ist das schon, aber seit 200 Jahren bin ich der Star in der Märchenszene«, plusterte sich der Esel auf.
»Ein Star in der Märchenszene? Du wolltest doch Musiker werden, jetzt bist du noch immer ein Esel, in einem Märchen«, sagte die Schwalbe spöttisch und flog munter weiter.

Wer nicht hängen bleiben will, sollte sich bewegen, sonst kommt man leicht zwischen die Buchdeckel.