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Montag, 15. November 2010

Der Hirsch, der sich über sein Schicksal beklagte

Muß ich denn, sprach ein Hirsch, allein

Ein Raub der Hund’ und Menschen seyn?

Vor stündlichen Gefahren beben?

Und länger noch als Andre leben?
Natur! so rief er jämmerlich,
Natur! o warum schufst du mich?



Ein Hase lief bey ihm vorbey.

„Du kleines Thier lebst sorgenfrey.

Wie leicht, wenn Jager uns entdecken,
Kann solch ein Würmchen sich verstecken!“
Wo kam denn jüngst mein Weibchen hin,

Sprach dieser, wenn ich sicher bin?



Indessen trabt ein großer Bär

Tiefsinnig seinen Holzweg her.
Wär’ ich so stark, rief er von neuen,
Wie sollten sich die Jäger scheuen!

Dich zog das Gluck uns allen vor. –

Ja! sprach der Bär, das weiß mein Ohr.

Ein Rebhuhnflug schoß schwirrend auf.
Was hilft mir, sprach der Hirsch, mein Lauf?
O könnt’ ich als ein Rebhuhn fliegen! 
...
Thor! siehst du nicht den Spürhund liegen?

Rief eines fliehend: flieh, wie wir;

Der Jager zielt nach uns und dir.
 
Ein Schuß geschah: der Hirsch entflieht.
Wenn nichts sich der Gefahr entzieht,

Was will ich denn durch stätes Grämen

Mir vor der Zeit das Lehen nehmen?

So sprach der Hirsch. – Mich selber däucht,
Was alle trifft, erträgt man leicht.

Karl Wilhelm Ramler

Dienstag, 27. Januar 2009

Schädlichkeit des menschlichen Mundes


Den Erbfeind unseres Volks hab’ ich dir jüngst gezeigt,
Mein Kind, sprach eine Zieg’; eins muß ich dir noch sagen:
Auch von den Menschen kannst du etwas nicht ertragen.
»Wie? Von den Menschen? Ey! Die sind uns ja geneigt.«
Je gütiger sie gegen uns dem Schein nach sind,
Je schädlicher ist auch ihr Gift, mein Kind.
»Was kann an ihnen denn so schädlich seyn?« - Ihr Mund:
Der ist uns Ziegen äußerst ungesund.
Vermeide ja der Menschen Mund.

Ist’s wahr, was unsre Ziege spricht?
Sie selbst und auch der Grieche muß es wissen,
Der ihr Geschichtbuch schrieb, ich weis es nicht.

Dies aber weiß ich: Parthenisten
That oft die kluge Mutter diese Lehre kund:
Mein Kind, vermeide ja der Menschen Mund.
Karl Wilhelm Ramler

Dienstag, 13. Januar 2009

Momus und Cupido


An eine unverheiratete Dame

Du bist ein sehr geschickter Schütze,
Sprach Momus 1) zum Cupido 2): das ist ausgemacht;
So treffen nicht des Donners gezackte Blitze,
Nicht Phöbus 3) tödliches Geschoss, als Tag und Nacht
Dein kleiner Pfeil. Doch sage mir, furchtbares Kind!
Da Mars, Neptun und Zeus von dir verwundet sind,
Warum du es nicht wagst auf Pallas 4) Herz zu zielen. –
Man sagt, die sey zu klug, die tauge nicht zum Spielen.

Karl Wilhelm Ramler

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1) griech. Gott des Spotts
2) (andere) Bezeichnung für den römischen Liebesgott Amor
3) griech. Gott des Schreckens
4
) Pallas Athene

Mittwoch, 7. Januar 2009

Der Bullenbeißer und das Windspiel

Ein tapfrer Bullenbeißer, den mit eigner Hand
Ein Junker an den Thorweg band,
lag harmlos einst im heitern Sonnenschein,
Und spielte still mit seiner Kette.
Da trat die flüchtige Finetre,
Ein Windspiel, vor ihn hin: Macht dies denn keine Pein,
So fragte sie, zur unverdienten Schande
Der Fessel hier verdammt zu seyn?
Du bist ja stark genug: zerbrich die Bande! -
Ich thue, wie du siehst, noch mehr, versetzet er:
Die Kunst, die Ketten, die wir fühlen,
Zu brechen, ist noch nicht so schwer,
Als die -- damit zu spielen.

Karl Wilhelm Ramler

Sonntag, 14. Dezember 2008

Fehler der fürstlichen Erziehung

Ein König ließ den Erben seines Throns
Mit großem Fleiß erziehn. Man sucht’ in den Provinzen
Zum Unterrichte seines Sohns
Die größten Meister auf: man unterwies den Prinzen
In allen Künsten, die zur Zier
Und Nutzen dieneten: Er lernte zeichnen, tanzen
Palläste bauen, Städt’ umschanzen,
Blies seine Flöte, spielte fein Klavier;
Man hieß ihn in den Alterthümern unterweisen,
Und mehr noch (denn er sollte reisen)
Die besten Lehrer in vier Sprachen an.
Zwey Reitende befragten einen alten Mann
An seinem Hofe: Sagt uns, aber ungeheuchelt,
Was Euer Prinz am besten kann.
Gut reiten, sprach er; denn kein Pferd hat ihm geschmeichelt.

Karl Wilhelm Ramler

Donnerstag, 27. November 2008

Der Adler und die Eule


Als in Gesellschaft sich der alberne Philer,
Den einer Favoritinn Gunst erhöht,
Mit klügern Staatsbedienten maß,
Ergriff Hilarion ein Blatt, und las:

Der Adler Jupiters und Pallas Eule stritten.
»Abscheulich Nachtgespenst!« - »Bescheidner! will ich bitten;
Der Himmel häget mich und dich:
Was bist du also mehr, als ich?«
Der Adler sprach: Wahr ists, im Himmel sind wir beide,
Doch mit dem Unterscheide,
Ich durch eigenen Flug,
Wohin dich deine Göttinn trug.

Karl Wilhelm Ramler

Sonntag, 9. November 2008

An den Leser


Ein junges Mädchen in Athen,
Kallikoete war ihr Nahme,
Trug Bluhmen feil: Narzissen, Tausendschön,
Jasmin und Nelken. Eine Dame
(Sie war histerisch) sprach zu ihr:
Was trägst du solchen Tand den Leuten vor die Thür?
Kaum bricht der Abend ein, so welken
Narzissen und Jasmin und Tausendschön und Nelken.
Gestrenge Frau, versetzt das arme Kind:
Der Käufer wird ja nicht von mir betrogen;
Ich sage nicht, daß sie unsterblich sind. -

So, Leser, denk’ ich auch von diesen Apologen.

Karl Wilhelm Ramler

Dienstag, 7. Oktober 2008

Karl Wilhelm Ramler

Foto: Wikipedia

Wurde als Sohn des Steuerinspektors Wilhelm Nikolaus Ramler und dessen Ehefrau Elisabeth Stieg am 25.2.1725 in Kolberg (Hinterpommern) geboren. Nach dem Schulbesuch in seiner Heimatstadt, in Stettin und Halle (Saale) begann er 1742 an der Universität Halle Theologie zu studieren, wechselte aber drei Jahre später an die Universität Berlin und zum Medizinstudium, das er jedoch nicht beendete. Durch Vermittlung von Johann Wilhelm Ludwig Gleim trat er eine Anstellung als Hauslehrer auf der Domäne Lähme bei Werneuchen an.
1747 kehrte Ramler nach Berlin zurück und wurde 1748 Dozent für Philosophie an der Kadettenanstalt. Dieses Amt hatte er bis 1790 inne. Ramler war Teilnehmer des angesehenen Montagsclubs, zu dem auch Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai gehörten. Zum weiteren Bekanntenkreis gehörten neben Gleim auch Ewald Christian von Kleist und Gotthold Ephraim Lessing.
In seinem literarischen Schaffen dominierte die Lyrik. Friedrich den Großen besang er in mehreren Oden, was von diesem aber ignoriert wurde. Dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. berief Ramler jedoch 1786 in den Rat der Akademie der Wissenschaften und setzte ihm eine Pension aus. 1790 übernahm Ramler auf Wunsch des Königs die Direktion des Nationaltheaters. Seit 1750 gab Ramler die »Kritischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit heraus«. 1783 erschien Ramlers »Fabellese« (Neuauflage 1790).
Am 11. 4. 1798 starb Karl Wilhelm Ramler im Alter von 73 Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Sophienkirchhof.
Horst-Dieter Radke

Montag, 6. Oktober 2008

Der Rang



Vor Zeiten als am Hofe gar
Ein eigenes Amt für Narren war,
Anstatt daß sie in unsern Tagen
Zugleich noch andre Würden tragen,
Ging eines Fürsten lust’ger Rath,
Hans Ley, dem Kanzler aus Versehen
Zur rechten Seite. Der Magnat
Hub an sich heftig aufzublähen,
Ward roth, und polterte voll Wuth,
Gleich einem Hahn aus Kalkut:
»Ich, von stiftsfähigem Geschlechte,
und erster Herr im Staat dabey,
Ich lasse keinem Narrn die Rechte.«
»Wohl aber ich«, sprach Hofnarr Ley,
Und sprang, mit Lachen, Nicken, Winken
Dem ersten Herrn des Staats zur Linken.

Karl Wilhelm Ramler

Dienstag, 24. Juni 2008

Der Fuchs und die Trauben



Ein Fuchs, der auf die Beute ging,
fand einen Weinstock, der voll schwarzer Trauben
an einer hohen Mauer hing.
Sie schienen ihm ein köstlich Ding,
allein beschwerlich abzuklauben.
Er schlich umher, den nächsten Zugang auszuspähn.
Umsonst! Kein Sprung war abzusehn.
Sich selbst nicht vor dem Trupp der Vögel zu beschämen,
der auf den Bäumen saß, kehrt er sich um und spricht
und zieht dabei verächtlich das Gesicht:
Was soll ich mir viel Mühe nehmen?
Sie sind ja herb und taugen nicht.

Karl Wilhelm Ramler (nach Äsop)