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Donnerstag, 16. April 2015

Die Mäßigung des Wolfs


»Sie sehen doch, mein Herr, daß ich nicht so gefräßig bin, als mich meine Feinde insgemein ausgeben«  sprach ein an der Holz-Kette fortgeschleifter Wolf zum Jäger, dem er einige übrig gelassene dürre Knochen wiese. »Du sollst auch«, antwortete ihm jener, »nicht um der Knochen willen, sondern nur vor das Fleisch büssen, das du davon gefressen hast.«

Friedrich Carl von Moser
Der Hof in Fabeln
Leipzig 1762

Dienstag, 9. Juli 2013

Die Freundschafft der Kazen und Ratten

Die Kazen und Ratten lebten sonst in großer Feindschafft, und von beyden Seiten sezte es manchen gefährlichen Tanz. Murner der Alte that endlich Vergleichs-Vorschäge: die Ratten sollten den Kazen den Mäusefang frey lassen, und diese sollten jene nicht auf den Malzböden stören. Sie wurden billig befunden, und durch die Speckmäuse als erbetene Garants feyerlich puliciret. Sultan hörte an einem Riz den Tractaten mit zu: Ist es doch, sprach er und leckte seinen Schnurbart, als wann ich meinen gnädigen Herrn, Zevs tröste ihn! den Cammer-Rath mit seinen Amtleuten wieder reden hörte.

Friedrich Karl von Moser

Freitag, 29. Juli 2011

Friedrich Karl von Moser

Bildquelle: Wikipedia

Friedrich Karl von Moser wurde am 18. Dezember 1723 in Stuttgart als ältester Sohn Johann Jacob Mosers in einer alten, württembergischen Familie geboren. Er erhielt eine pietistische Erziehung und begann 1743 nach dem Jurastudium in Jena als Gehilfe seines Vaters juristische und diplomatische Erfahrungen zu sammeln. Über Frankfurt (1751-67) kam er nach Wien, wo er von 1767 bis 1770 Reichshofrat war. Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt berief ihn 1772 zu seinem ersten Minister mit dem Auftrag, die durch Kabinettschulden desolat gewordenen Staatsfinanzen zu sanieren, was Moser durch eine Schuldenregelung auch erreichte. Er gründete in dieser Zeit die erste deutsche Ökonomische Fakultät in Gießen. Moser erreichte viel, war aber nicht unumstritten, da er rigide und selbstherrlich vorging. 1780 nahm er seinen Abschied, 1782 wurde er gar wegen Untreue und Eigenmächtigkeit des Landes verwiesen. Der Rechtsstreit daraus wurde allerdings 1790 mit Mosers Rehabilitierung beigelegt. Von 1783 bis 1790 lebte Moser in Mannheim und zog dann nach Ludwigsburg, wo er am 11. November 1798 starb.

Als Schriftsteller war Moser recht umfangreich tätig. Neben seinen juristischen Schriften, entstanden auch zeitkritische Schriften, so Der Herr und der Diener, geschildert mit patriotischer Freiheit (1759) und Der Hof in Fabeln (1761).

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 28. Juli 2011

Die Logic der Wölfe


XXXVIII.

Der beständigen Verfolgungen müde, beschlossen die Schaafe, eine Deputation an die Wölfe zu schicken, um die wahre Ursache des ewigen Haßes zu erforschen und, wo möglich, einen erträglichen Vergleich zu stifften. Ein ehrbarer Hammel und eine trächtige Schaaf-Mutter thaten, als Abgeordnete, den Vortrag, berufften sich auf ihr gleiches Schöpfungs-Recht, auf ihre Unschuld und daß sie mit allen andern Thieren in Friede und Eintracht lebten. Mich zur Rede zu stellen, sprach der Wald-Tyrann, ist das größte eurer Verbrechen, ihr mißbraucht, sehe ich wohl, meine Gedult und Großmuth, euer Tod, hier fiele er über sie her, sey die Strafe eurer Vermessenheit.
Friedrich Carl von Moser
Der Hof in Fabeln
Leipzig 1762

Donnerstag, 4. November 2010

Die weisse Raben


Den Raben gieng es sehr nahe, daß ihnen von den Menschen so übel nachgeredt wurde; sie ersuchten mit grossen Verheissungen den Nachbar Staar, da er mehr mit den Menschen zu thun hätte, ihnen diese üble Meinung zu benehmen, und sie die schöne weisse Raben zu heissen. Das will ich wohl tuhn, sagte Matz, die Menschen werden euch doch wohl an der Stimme und den Federn erkennen.

Friedrich Carl von Moser
Der Hof in Fabeln
Leipzig 1762

Dienstag, 5. Oktober 2010

Zuneigungs-Schrift an meine liebe Mutter die Wahrheit

Liebe Mutter,

Wie [ist] es Euch seit Eurem Abschied von ** ergangen? ob Ihr noch lebt? ob Ihr den Teutschen Boden gar verlassen? oder euch, wie Ihr zuweilen im Sinn gehabt, in die Wüste geflüchtet? habe ich seit unserer Trennung nie erfahren können.

Unserer Freunde, deren, wie Ihr wißt, noch wenige seynd, wollen mich versichern, Ihr habt euch an den Hof eines guten und weisen Fürsten begeben, der habe Euch an seinem Fürstenstuhl zu stehen vergönnt, Ihr gienget vor Ihm her in den Rath und weichet nie von seiner Seite, die Unschuld und Tugend zu Ihm zu begleiten, seye euer tägliches Amt, durch Euch rede der Fürst Worte der Gnade und der Gerechtigkeit zu seinem Volk, preißwürdige Thaten zu den Menschen.

Andere hingegen sagen mir: Unsere Feindinnen, die Verläumdung und Lügen, hätten ihren alten Proceß gegen Euch gewonnen, ungehört und unbefragt wäret Ihr in vier Mauren gebracht worden, wo Euch mit niemand mehr zu reden vergönnet seye.

Ihr habt mich gelehret, Mutter, den Menschen eben so viel Gutes als Böses zuzutrauen, ich glaube jenes, indem ich dieses fürchte. Doch wie kan, hat mir offt meine Tante, Gute-Gewissen, gesagt, wie kan die Tochter der Wahrheit um ihre Mutter sich fürchten!

Ihr habt mich, wie Ihr noch wohl wißt, in den Händen der Weisheit, meiner Groß-Mutter, zurückgelassen, sie konnte mich aber, da sie von den Göttern der Erde berufen worden, Friede unter Ihnen zu machen, nicht länger bey sich behalten, sie schickte mich in die Welt: Jung seyd ihr noch, sagte sie, ihr werdet noch wohl Freunde finden, so viel Feinde auch Eure Mutter hat.

Ein mitleidiger Greis, edel von Herzen und Bildung, brachte mich in die Hütte eines Patrioten, der mich lieb gewann, weil ich Eure Tochter bin, er umhüllte mich in ein leichtes Gewand, in welchem ich dem verwöhnten Auge der Menschen unanstößiger wäre. Ich gienge mit ihm auf Reisen, ich sahe die Welt und die Höfe, ich erkannte den Menschen, ich sammelte meine Anmerkungen und verfaßte sie in der Sprache meines Pfleg-Vaters, Aesops.

Ich sende sie Euch hier, liebe Mutter, durch Fama, unsere Freundin, die Euch noch zu finden vermeinet. Erkennet darinnen, bitte ich Euch, die ächte Mine und das ehrliche Herz
Eurer
gehorsamen Tochter
der Fabel

Friedrich Carl von Moser
Der Hof in Fabeln
Leipzig, 1762

Freitag, 25. Juni 2010

L. Der Stachel der Biene


Die Thiere brachten ihre Klagen vor den Jupiter und unter denselben erschiene auch die Biene. Sie beschwerte sich über den Undanck der menschen, die sie ihres Honigs beraubten, und über die Spöttereyen der Thiere, die ihren Fleiß verlachten. Jupiter gabe der Abgesandtin den Bescheid: ich habe dir Fähigkeit und Lust zur Arbeit gegeben, du bist eins der edelsten meiner Geschöpfe, die Thiere, so deinen Fleiß belachen, thun es aus Neid, weil sie es dir nicht gleich zu thun vermögen, die Menschen erheben dein Lob und besingen deine Gaben, ihr Beyfall sey dein Lohn, Danck ist bey ihnen nicht zu suchen, zum Ueberfluß lege ich dir hiemit einen Stachel bey, diejenige zu züchtigen, so dich in deinem Fleiß stören und deine Unschuld beleidigen wollen.
Friedrich Carl von Moser
aus: Der Hof in Fabeln
Leipzig 1762