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Mittwoch, 6. Juni 2012

Vogel Greif


Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin? 
»Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin;
höher als höchste Alpenspitzen
soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen.«
        Vogel Greif heißt dein Fahrzeug? »Vogel Greif;
        heut soll er den Sieg mir greifen.«

Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit!
Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt.
Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen
zitterte wie ein gefangnes Mäuschen,
        als sie sich lachend den Wetterpelz
        um die schlanken Hüften legte.

»Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß!
leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus;
ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen
kostet uns beiden Kopf und Kragen.«
        Und während der Vogel Greif knatternd stieg,
        kobolzte der Strauß in ein Kornfeld.

Viertausend Meter stieg er und mehr,
eisig kreiste das Weltblau um sie her;
aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen
stiegen sie lachend, lachend, und flogen,
        bis die Erde ein fernes Fabelland war,
        Vogel Greif - da stockte das Flugwerk.

Da stockte das Lachen; nur's Steuer noch klang,
schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang.
Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen
glitten sie keuchend, keuchend, und flogen,
        bis die Erde schon fast wieder Erde war:
        »Vogel, greif!« Da knackte das Steuer.

Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß
kobolzten sie aus dem Wrack hinaus,
hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise
mit fliegenden Haaren zur letzten Reise;
        du kühner! du kühne! klangs geisterleise
        auf ins eisige Weltblau.

Und als man sie fand, er atmete noch,
im Todesfiebertraum sah er hoch,
hoch über die Wolken und hauchte: siegen -
morgen werden wir höher fliegen -
        morgen -
        höher - -

Richard Dehmel, 1863 - 1920
aus: Schöne wilde Welt, 1. Auflage 1913

Montag, 4. Juni 2012

Mir war's ganz seltsam …


Mir war's ganz seltsam als ich so unter dem Tohr der drey Kronen stund als es anfing zu tagen. Recht wie vom Vogel Greif in eine fremde Welt unter alle die Sterne und Kreuze hinunter geführt, und dadrein so mit ganz offnem Herzen herumgewebt und auf einmal alles verschwunden.

Johann Wolfgang von Goethe
in einem Brief an Carl Ludwig von Knebel

Donnerstag, 10. Mai 2012

Der Greif auf der Brücke


Gerade wollte er sich über das Geländer schwingen um sich in den Rhein zu stürzen, da hielt er inne. Ob es ein Luftzug war, oder ob er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrgenommen hatte – er wusste es nicht zu sagen. Aber als er den Kopf wandte, sah er dieses Wesen da sitzen, ruhig, mächtig, still, abwartend. Er hatte nie dergleichen gesehen. Ein kräftiger Leib wie von einem Löwen mit ebensolchen Pranken hinten und Klauen wie bei einem Geier vorne. Schwingen wie bei einem Adler und den Kopf eines Falken.
„Ein Greif“, sagte er. „Das ich so etwas noch einmal erleben darf“.
Das Wesen schwieg ihn vielsagend an.
„Oder ob ich schon hinüber bin, in die andere Welt? Bin ich schon nach dem Sprung?“ Er sah sich um, schaute vom Geländer in das dunkle Wasser. Nein, er stand eindeutig noch oben. Wieder sah er hin in der Erwartung, dass kein Greif mehr zu sehen war, sah hin in der Hoffnung, einer Sinnestäuschung unterlegen zu sein. Aber es half nicht, der Greif saß noch immer da und sah ihn mit seinen klugen Augen an.
„Freund, was hattest du vor?“
Hatte der Greif gesprochen? Oder klang die Frage nur in seinem Kopf.
„Wolltest du von der Brücke in den Tod springen? Einfach so?“
„Was soll ich auch sonst noch machen?“ antwortete er spontan und erbittert. Tränen traten ihm in die Augen. „Ist denn ein Weiterleben noch möglich?“
„Doch“, sagte der Greif. „Das ist immer möglich. Bis zum letzten Tag.“
„Wann ist der letzte Tag?“
„Der deines Todes.“
„Der jetzt gekommen ist.“
Wieder fasste er das Geländer. Aber er konnte nicht springen, konnte nicht hinüber. Er versuchte zu wollen. Aber auch das ging nicht mehr.
„Es liegt nicht in deiner Hand, zu bestimmen, wann der Tod gekommen ist.“
„Niemals?“
„Meistens nicht“, sagte der Greif.
„Also manchmal doch.“
„Aber nicht für dich.“
„Die Welt ist ungerecht“, sagte er, die Hand noch am Geländer. Aber er wusste schon, dass er nicht mehr springen würde.
„Und was nun? Man sagt doch, dass der Greif selbst den Basilisken vertreiben kann. Kannst du da nicht die paar Steuerfahnder, Bankrevisoren und Gläubiger für mich vertreiben? In den Wind blasen, mit den Krallen zerfetzen. Aus dem Weg räumen?“
„Warum sollte ich das tun?“ fragte der Greif. „Tun sie etwas unrechtes?“
Er schwieg.
„Du hast die Kraft, das auszuhalten“, sagte der Greif. „Du hast die Stärke, das wieder hinzubekommen.“
Er schüttelte den Kopf, aber er wusste, dass es stimmt.
Der Greif legte den Kopf in den Nacken und stieß einen Schrei aus, der schrill und laut jeden anderen in die Flucht getrieben hätte. Ihn machte er er aber zuversichtlich, gab ihm Kraft. Er musste lachen.
„Du hast recht“, sprach er. „Das sind Peanuts im Vergleich zu den Problemen, die meine Frau und meine Kinder hätten, spränge ich da jetzt hinab.“
Der Greif erhob sich in die Lüfte und flog mit kräftigen Flügelschlägen davon. Er sah ihm noch lange nach.
„Gehen wir’s an“, sagte er, drehte sich um und ging davon. Und fast war es, als lächelte er dabei.

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 6. Mai 2012

Der Vogel Greif


Ohne Wolken steht der Himmel,
Ohne Welle ruht das Meer,
Doch viel schreckliches Gewimmel
Rührt sich um das Schifflein her.

Grimme Haye, Ungeheuer,
Leichen wittern sie am Bord,
Und die Raben wie die Geier
Suchen Atzung an dem Ort.

In dem Schiff‘ am Felsenstrande
Liegen bleich und starr und stumm
Fern von Rettung, fern vom Lande
All‘ die Männer rings herum.

Unter ausgeleerten Kisten
Sucht der Steuermann nach Brod,
Will das zähe Leben fristen
Um ein Stündlein herber Noth.

Heinrich wickelt ein die Leichen,
Senkt sie in des Meeres Grab,
Macht des heil’gen Kreuzes Zeichen,
Möchte stürzen mit hinab.

Seine Augen zugedrückte
Liegt er nun im schweren Traum;
Plötzlich fühlt er sich entrücket
Hoch empor zum Himmelsraum.

Flügelschläge hört er schallen,
Rauschen langen Federschweif,
Und er ruht in Eisenkrallen,
Und ihn trägt der Vogel Greif.

Himmelhohe Felsen ragen,
Heinrich Hält den Schwertknauf fest,
Hat den Greif sammt Brut erschlagen
Mitten drin in seinem Nest.

Ueber Berge, durch die Wüste
Zog der Held zur heil’gen Stadt,
Und er betete und büßte,
Wo der Herr geduldet hat.

aus dem Zyklus: Heinrich, der Löwe
von Julius Mosen
Gedichte, Leipzig, 1836

Mittwoch, 2. Mai 2012

Die zwei Brüder


Ein Vater hatte zwei Söhne; der ältere hieß Jörg, der jüngere Hans. Als sie groß und stark geworden, so sagte der Vater eines Tags zu ihnen: »Ziehet nun fort in die Fremde, und suchet euch selbst zu ernähren. Und bleibt einträchtig, und liebet einander; und wer mehr hat, der theile mit; und, wenn einer aus euch krank oder elend wird, so stehe ihm der andere bei, und helfe ihm.« Also schieden die beiden Brüder vom Vater, und gingen desselben Weges fort mit einander. Als sie aber an einen Scheideweg kamen, da sagte Jörg, der ein böses Herz hatte, zu seinem Bruder: »Gehe jeder von uns seines Weges, und sorge für sich. Und das sage ich dir: wenn wir uns wieder begegnen, du arm, und ich reich, so schlage ich dich todt, damit ich nicht für dich zu sorgen habe, wie der Vater gewollt. Und du magst mir deßgleichen thun, wenn ich arm geworden und du reich.« Ueber dieser Rede erschrack Hans sehr, der von guter Gemüthsart war. Doch tröstete er sich, und dachte: Gott wird's recht fügen; und nahm vom Bruder Jörg Abschied.

Es war ungefähr ein Jahr vergangen, als Hans eines Tags in einem fremden Lande die Straße zog ohne Brod und Geld und in schlechtem Anzuge; denn er hatte nirgendwo Arbeit gefunden. Da sah er eine Kutsche herbei kommen, worin ein vornehmer Herr saß in reichem Kleide und von gutem Aussehen. Den sprach er um einen Zehrpfenning an. Es war sein Bruder Jörg, den er aber nicht kannte. Dieser hatte durch Diebstahl und Wucher in kurzer Zeit großen Reichthum erworben, so daß er nun in einer eigenen Kutsche fahren, und ein Wohlleben führen konnte, während sein Bruder betteln mußte. Der Reiche erkannte sogleich in dem Bettler seinen Bruder. Zornig sprang er aus dem Wagen, packte ihn, und sprach: »Kennst du mich? Ich bin Jörg, dein Bruder. Du mußt nun sterben, wie wir's verabredet haben.« Hans in seines Herzens Angst bat, er möchte ihn doch beim Leben lassen. »Beim Leben will ich dich lassen, sagte Jörg; aber die Augen muß ich dir durchstechen, damit du mich nie mehr erkennest, und mir fortan zur Last fallest.« Das that er denn auch. Drauf schleppte er ihn zu einem Galgen, und band ihn dran fest. Da ließ er ihn, und fuhr sodann davon.

Der arme, geblendete Hans wußte aber nicht, an welchem schlechten Orte er sich befand. Er fühlte um sich, und merkte, daß er unter einem Holzbalken saß. Da meinte er, es wäre ein Kreuz, und sprach: »Dank dem Himmel, daß er mich wenigstens unter ein Kreuz gebunden habe; Gott ist bei mir, und von ihm wird mir Hülfe kommen.« Wie es nun anfing, Nacht zu werden, hörte er etwas über sich flattern. Das waren aber drei Krähen, die ließen sich auf dem Balken des Galgens nieder. Da fingen sie zu reden an, und die eine sagte: Woher kommst du, Schwester? Diese antwortete: »Ich komme aus Norden.« »Was bringst du Neues?« »Des Königs Sohn hat seine beiden Augen ausgefallen, und der König gäbe dem gern sein halbes Königreich, der helfen könnte. Aber wer weiß das?« »Das weiß ich – sagte die andere – hier unter dem Galgen wächs't ein Gras; auf das fällt von Zeit zu Zeit ein Thau; und wer damit die Augen eines Blinden bestreicht, dem werden sie wieder sehend.« – Drauf geschah die Frage an die zweite: »Und woher kommst du, Schwester?« »Ich komme aus Süden.« »Was bringst du Neues mit?« »Ein reicher Edelmann hat in seinem Garten einen Baum, der trägt silberne Birnen; aber wenn sie anfangen, reif zu werden, so fallen sie ab, und werden zu Staub und Asche. Er gäbe gern die Hälfte davon in jedem Jahr dem, der wüßte, wie dem Uebel abzuhelfen sey. Aber wer weiß das?« »Das weiß ich, sagte die dritte. Unter dem Baum liegt eine garstige Kröte; man darf sie nur heraus graben, und zu Asche verbrennen, und die Asche nach allen vier Winden zerstreuen.« – Nun wurde die dritte gefragt: »Woher kommst du, Schwester?« »Von Westen.« »Was bringst du Neues?« »In einem dichten Walde, zwischen vier Bergen, liegt ein gläserner Sarg; darin schläft eine Prinzessin schon viele Jahrhunderte; es liegt auf ihrer Zunge ein Schnitz von einem giftigen Apfel; und wer den heraus nehmen könnte, der würde sie wieder zum Leben bringen. Aber wer weiß das?« »Das weiß ich, sagte die erste. Man müßte von dem Vogel Greif drei Federn holen, und mit diesen der Prinzessin den Mund streichen. Der Vogel Greif würde aber wohl für jede Feder eine silberne Birn verlangen.« – Wie die drei Krähen das gesprochen, hörte er es wieder flattern, und sie flogen da fort. Hans aber machte sich allmählich von seinen Banden los, und dann bückte er sich, und brach ein paar Gräslein ab, und bestrich damit seine Augen. Alsbald ward er wieder sehend, und Mond und Sterne leuchteten ihm wieder, und er dankte dafür Gott. Darauf sammelte er in einen Scherben von dem köstlichen Thau, so viel er zusammen bringen konnte, und ging fort, gerades Weges nach Norden, um den König aufzusuchen, dessen Sohn blind geworden.

Er war noch nicht gar viele Tage gegangen, als er einen Herold ausrufen hörte: Wer des Königs Sohn wieder das Gesicht gibt, der soll das halbe Königreich haben. Nun wußte er, daß er recht gegangen sey. Er ließ sich sogleich in des Königs Schloß führen, und meldete, daß er des Königs Sohn zu heilen gedenke. Das wurde mit Freuden vernommen. Er bestrich darauf dessen Augen mit dem Thau, und alsobald wurde jener sehend. Der König hielt sein Wort, und trat ihm sein halbes Königreich ab. Dieser wollte es aber nicht sogleich antreten, sondern verlangte, daß man es ihm aufbewahre, bis er wieder käme.

Drauf zog er weiter, und ging gerades Weges nach Osten. Da hörte er bald von dem reichen Edelmann, und von dem Baum, der silberne Birnen trug. Er meldete sich bei ihm, und sagte, was zu thun sey. Die Kröte wurde ausgegraben und verbrannt, und sodann ihre Asche nach allen vier Winden zerstreut. Drauf, wie eine reife Birn gepflückt wurde, blieb sie eitel Silber, und zerfiel nicht in Staub. Der Edelmann wollte alsogleich die Früchte mit ihm theilen; dieser aber las nur drei Birnen aus, die schönsten, und zog weiter, um den Vogel Greif aufzusuchen.

Da zeigte man ihn des Weges nach Osten; und wie er viele Tage gegangen war, so kam er vor zwei Berge, die gingen immer zusammen, und er sollte doch durch. Da rief er: Laßt mich durch! laßt mich durch! »Das wollen wir, wenn du den Vogel Greif bittest, daß wir wieder ruhig stehen dürfen.« Hans versprach es, und drauf ließen sie ihn ungehindert durch. – Als er wieder eine Weile gegangen war, kam er an einen großen See, und drüben lag des Vogels Greif sein Schloß. Da kam in einer Nußschale ein kleines, altes, häßliches Weib heran geschwommen. »Fahr mich über,« rief Hans. »Das will ich thun, sagte das Weib; aber fragen mußt du den Vogel Greif, wie lange ich hier noch überfahren soll.« Das versprach Hans zu thun, und stieg ein, und ließ sich hinüber fahren. Als er ins Schloß trat, war Vogel Greif eben nicht zu Haus; doch bald rauschte es von ferne her, wie ein Sturm, und der Greif nahete und verdeckte mit seinem breiten Gefieder die Sonne, daß es ganz dunkel wurde. Da ward es Hansen doch bange ums Herz, und er versteckte sich. Vogel Greif aber, als er sich aus der Luft niedergelassen, sagte: Ich riech, ich riech Menschenfleisch. Das wiederholte er öfter, und schnupperte umher. Da kroch Hans aus seinem Winkel hervor, und sprach: Mächtiger Vogel Greif! wenn ihr mir drei Bitten gewähren wollt, so will ich euch diese drei silbernen Birnen geben. Vogel Greif sagte: Ich gewähre sie dir; sag' an. Da sprach Hans: Für's erste, wie lang müssen die zwei Berge zusammen und auseinander gehen? – »Bis sie einen Menschen erdrücken.« – Fürs zweite: »wie lange muß die alte Hexe noch die Leute überfahren?« – »So lange sie lebt.« – Aber nun zum dritten, so bitte ich, daß ich euch drei Federn ausziehen darf aus dem Schweif. Der Greif sagte: »Du verlangst viel; doch will ich dir Wort halten. Wenn du aber bei eine Feder zweimal ansetzest, so fress' ich dich.« – Drauf zwängte sich Vogel Greif zwischen zwei Felsen ein, und Hans zog nun, was er ziehen konnte. Der Vogel Greif zermalmte vor Schmerz die Felsen, und soff einen ganzen See aus. Wie Hans die drei Federn hatte, bedankte er sich, und gab die drei Birnen her. Drauf ging er des Weges zurück, den er gekommen.

Als er wieder zu dem See kam, schwamm die Alte in ihrer Nußschale heran. Die rief ihm gleich zu: Sag an, wann darf ich aufhören, überzufahren? Hans sprach: Ich darf es dir erst sagen, wenn ich drüben bin. Als sie ihn nun ans Land gesetzt hatte, sagte er: Du mußt so lange fahren, als du lebst. Da erhob die Alte ein großes Geschrei; sie sprang aus ihrer Nußschale ins Wasser, wo sie so lange tobte, bis sie ertrank. Von ihrem Toben war aber die See so ausgetreten, daß Hans bis an den Hals im Wasser ging, und beinahe ertrunken wäre; und das dauerte fort, bis er an die Berge kam. Die fragten ihn sogleich: Sag an! wann dürfen wir still stehen? Hans sprach: Ich darf es euch erst sagen, wann ich durch bin. Als er durch war, sagte er: Ihr dürft nicht eher still stehen, als bis ihr einen Menschen erdrückt habt. Da ergrimmten die Berge; es tosete und wüthete in ihrem Innern, so daß sie in Stücke zersprangen, die weit umher flogen. Aber Hans duckte sich, und kam glücklich davon.

Nachher zog er gen Osten, und fand den Wald, und die drei Berge, und den gläsernen Sarg, und das Mädchen, das darin lag. Das war aber eines Königs Tochter, und die Geschichte hat sich also begeben: Ihre Mutter, die Königin, war viele Jahre kinderlos. Eines Tages saß sie traurig am offenen Fenster und nähete. Es war aber zur Winterszeit. Da fiel ihr eine Schneeflocke auf den Schoß, und auf die Schneeflocke fiel ein Blutstropfen; denn sie hatte sich in den Finger gestochen. Da seufzte sie gar innerlich: Ach hätte ich doch ein Mägdlein, so weiß wie Schnee und so roth, wie Blut! Nach einiger Zeit gebar sie auch ein Mädchen, so weiß wie Schnee, und so roth, wie Blut. Und das Mädchen wurde Schneeweißchen genannt, und wuchs, und wurde groß und schön und fromm, und sie war der Mutter einzige Freude. Aber ein böses, altes Weib mißgönnte der Königin ihr Glück; und sie gab eines Tags dem Schneeweißchen einen vergifteten Apfel, und als das Mädchen einen Schnitz davon in den Mund nahm, so fiel sie als todt hin, und erwachte nicht mehr. Und weil sie nun gar so schön war, und roth blieb, wie Blut, und weiß, wie Schnee, so thaten es die Eltern in einen gläsernen Sarg, und stellten den Sarg zwischen die drei Berge. Die Eltern starben, aber Schneeweißchen blieb unverändert. – Zu dem trat nun Hans, und, nachdem er den Deckel abgehoben, so strich er mit den mitgebrachten Federn des Mägdleins Mund. Der that sich auf, und alsobald fiel der Apfelschnitz heraus. Da that das Mägdlein die Augen auf, und, als erwachte sie aus einem langen, schönen Traum, sah sie den Jüngling, der vor ihr stand, mit ihren holdseligen Augen an. Der war, wie ihr leicht denken könnt, voller Freuden, und er nahm das Mägdlein gleich mit in sein Königreich, das er gut aufgehoben fand.

Als er nun Hochzeit machte, war der Hof voll von Armen. Die saßen in zwei Reihen, und Schneeweißchen vertheilte unter sie das Almosen. Der junge König ging aber hinten drein, und freute sich über sein schönes und frommes Weib. Da bemerkte er plötzlich unter den Armen und Siechen seinen Bruder Jörg, der gleichfalls die Hand ausstreckte nach einer milden Gabe. Als der junge König ihn sah, und so elend, da dachte er nicht an das Unrecht und an Rache, sondern er nahm ihn aufs Schloß, wo er ihn speis'te und tränkte; und er erzählte ihm alles, wie es ihm ergangen, von Anfang bis ans Ende. Und zuletzt sagte er: Jetzt bleib bei mir, daß ich dir wohl thun möge, wie es der Vater gewollt hat. Aber Jörgs böses Herz ließ das nicht zu, in welchem Neid und Zorn und Stolz war; und er sprach: Willst du mir nicht thun, gleichwie ich dir gethan, so laß mich ziehen; denn ich mag nicht bei dir bleiben. Also zog er vom Hofe, und er dachte bei sich: »Die Krähen werden mir so gut weissagen, wie diesem Hans; und, da ich klüger bin, als er, so werde ich nicht bloß ein halbes, sondern ein ganzes Königreich bekommen. Dann werde ich ihn bekriegen, und einfangen, und ihn wiederum blenden, und noch elender machen, als vor her.« Als er zu dem Galgen gekommen, da blies ihm der Neid ein, und rieth ihm: Raufe alles Gras aus, das da ist, damit dein Bruder nicht wieder das Gesicht bekommen kann, wenn du ihn blendest. Das that er denn auch, und er legte sich dann auf den Rücken, und erwartete so die Krähen. Bald kamen sie; und die erste sprach: Das letzte Mal muß uns ein Mensch behorcht, und unsere Geheimnisse verrathen haben. Drauf die andere: Seht! da unten liegt wiederum einer. Der dritte sagte: Hacken wir ihm die Augen aus. Und sogleich flogen sie herab, saßen ihm auf den Kopf, und hackten ihm die Augen aus, und hackten weiter im Gesicht, so lange, bis er ganz todt war. Da blieb er liegen unter dem Galgen. Wäre er nicht so neidisch gewesen, und so dumm, und hätte das Gras stehen lassen, so hätten ihn die Krähen nicht gesehen, und hätten ihm auch geweissagt.

Hans aber lebte als König lang und glücklich, und Schneeweißchen auch.

Ludwig Aurbacher: Ein Büchlein für die Jugend
Stuttgart/Tübingen/München 1834

Dienstag, 1. Mai 2012

Der Greif und der Eisvogel


Allein, als das Meer anschwoll, entriß derselbe die jungen Eisvögel.
Da sagte das Weibchen:
- Ich habe es ja gleich von vorne herein gesagt, daß es so kommen werde.
Das Männchen aber entgegnete:
- Ich werde mich zu rächen wissen an dem Herrn des Meeres.
Darauf ging er zu einer Truppe von Vögeln und sprach zu ihnen:
- Ihr seyd meine Verwandte und Freunde, so stehet mir nun bei!
Diese fragten:
- Was willst du, daß wir thun sollen?
Der Seevogel erwiederte:
- Gehet mit mit insgesamt zu den übrigen Vögeln, daß wir ihnen klagen was von dem Herrn des Meeres geschehen ist, und wir wollen zu ihnen sagen: ihr seyd Vögel wie wir, drum steht uns bei.
Jene Truppe von Vögeln entgegnete:
- Siehe! Der Greif ist unser Beherrscher und König, darum gehe mit uns zu demselben, daß wir ihn um seine Hülfe anrufen, ihm klagen was dir von dem Herrn des Meeres begegnet und ihn bitten, Rache an demselben uns zu verschaffen durch die Macht seines ganzen Reiches.
Hierauf begaben sie sich zu dem Greif mit dem Eisvogel und ließen ihren Hülferuf ertönen. Der Greif zeigte sich ihnen alsbald, wo sie ihm dann ihre Geschichte erzählten und ihn ersuchten, mit ihnen zum Kampf gegen den Herrn des Meeres auszuziehen, was derselbige ihnen gleich zusagte. Wie aber der Herr des Meeres erfuhr, dass der Greif mit dem gesamten Reich der Vögel ihn bekriegen wolle, da wagte er es nicht sich in Kampf einzulassen mit einem ihm überlegenen König, gab dem Eisvogel seine Jungen zurück und schloß mit ihm Frieden, worauf der Greif sich zurückzog.

aus: Calla und Dimna oder die Fabeln Bidpai’s
Aus dem Arabischen von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie Privatdozenten der orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitglied der asiatischen Gesellschaft von Paris,
Erstes Bändchen, Stuttgart 1837, S. 87 f.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Der Vogel Greif


S isch einisch e Chönig gsi, woner gregiert hat und wiener gheisse hat, weiß i nümme. De het kei Sohn gha, nummene einzige Tochter, die isch immer chrank gsi, und kei Dokter het se chönne heile. Do isch em Chönig profizeit worde, si Tochter werd se an Öpfle gsund esse. Do lot er dur sis ganz Land bchant mache, wer siner Tochter Öpfel bringe, daß se se gsund dar chönn esse, de müesse zur Frau ha und Chönig wärde. Das het au ne Pur verno, de drei Söhn gha het. Do säit er zum elste »gang ufs Gade ufe, nimm e Chratte (Handkorb) voll vo dene schöne Öpfle mit rote Bagge und träg se a Hof; villicht cha se d' Chönigstochter gsund dra esse und de darfsche hürote und wirsch Chönig.« De Kärle hets e so gmacht und der Weg under d' Füeß gno. Woner e Zitlang gange gsi isch, begegnet es chlis isigs Manndle, das frogt ne, was er do e dem Chratte häig, do seit der Üle, denn so het er gheisse, »Fröschebäi.« Das Manndle säit druf »no es sölle si und blibe,« und isch witer gange. Ändle chunt der Üle fürs Schloß un lot se anmelde, er hob Öpfel, die d' Tochter gsund mache, wenn so dervo ässe tue. Das het der Chönig grüsele gfreut und lot der Üle vor se cho, aber, o häie! woner ufdeckt, so heter anstatt Öpfel Fröschebäi e dem Chratte, die no zapled händ. Drob isch der Chönig bös worde, und lot ne zum Hus us jage. Woner häi cho isch, so verzelter dem Ätte, wies em gange isch. Do schickt der Ätte der noelst Son, de Säme gheisse het; aber dem isch es ganz glich gange wie im Üle. Es isch em halt au es chlis isigs Manndle begegnet, und das het ne gfrogt, was er do e dem Chratte häig, der Säme säit »Seüborst,« und das isigs Manndle säit »no es söll si und blibe.« Woner do vor es Chönigsschloß cho isch, und säit, er heb Öpfel, a dene se d' Chönigstochter gsund chönn esse, so händ se ne nid welle ine lo, und händ gsäit, es sig scho eine do gsi und heb se füre Nare gha. Der Säme het aber aghalte, er heb gwüß dere Öpfel, se solle ne nume ine lo. Ändle hend sem glaubt, un füre ne vor der Chönig. Aber woner er si Chratte ufdeckt, so het er halt Seüborst. Das het der Chönig gar schröckele erzürnt, so daß er der Säme us em Hus het lo peütsche. Woner häi cho isch, so het er gsäit, wies em gange isch. Do chunt der jüngst Bueb, dem händse nume der dumm Hans gsäit, und frogt der Ätte, ob er au mit Öpfel goh dörf. »Jo,« säit do der Ätte, »du wärst der rächt Kerle derzue, wenn die gschite nüt usrichte, was wettest denn du usrichte.« Der Bueb het aber nit no glo »e woll, Ätte, i will au goh.« »Gang mer doch ewäg, du dumme Kerle, du muest warte, bis gschiter wirsch,« säit druf der Ätte und chert em der Rügge. Der Hans aber zupft ne hinde am Chittel, »e woll, Ätte, i will au goh.« »No minetwäge, so gang, de wirsch woll wieder ome cho,« gitt der Ätte zur Antwort eme nidige Ton. Der Bueb hat se aber grüsele gfreut und isch ufgumpet. »Jo, tue jetz no wiene Nar, du wirsch vo äim Tag zum andere no dümmer,« säit der Ätte wieder. Das het aber im Hans nüt gmacht und het se e siner Freud nid lo störe. Wils aber gli Nacht gsi isch, so het er dänkt, er well warte bis am Morge, er möcht hüt doch nümme na Hof gcho. Z' Nacht im Bett het er nid chönne schloffe, und wenn er au ne ihli igschlummert isch, so hets em traumt vo schöne Jumpfere, vo Schlößern, Gold und Silber und allerhand dere Sache meh. Am Morge früe macht er se up der Wäg, und gli drufe bchuntem es chlis mutzigs Manndle, eme isige Chläidle, un frogt ne, was er do e dem Chratte häig. Der Hans gitt em zur Antwort, er heb Öpfel, a dene d' Chönigstochter se gsund äße sött. »No,« säit das Manndle, »es sölle söttige (solche) si und blibe.« Aber am Hof händ se der Hans partu nit welle ine lo, denn es sige scho zwee do gsi und hebe gsäit, se bringe Öpfel, und do heb äine Fröschebäi und der ander Seüborst gha. Der Hans het aber gar grüsele aghalte, er heb gwöß kene Fröschebäi, sondern von de schönste Öpfle, die im ganze Chönigreich wachse. Woner de so ordele gredt het, so dänke d' Törhüeter, de chönn nid lüge, und lönde ine, und se händ au rächt gha, denn wo der Hans si Chratte vor em Chönig abdeckt, so sind goldgäle Öpfel füre cho. De Chönig het se gfreut, und lot gli der Tochter dervo bringe, und wartet jetzt e banger Erwartig, bis menem der Bericht bringt, was se für Würkig to hebe. Aber nid lange Zit vergot, so bringt em öpper Bricht: aber was meineder, wer isch das gsi? d' Tochter selber isch es gsi. So bald se vo dene Öpfle ggäße gha het, isch e gsund us em Bett gsprunge. Wie der Chönig e Freud gha het, chame nid beschribe. Aber jetz het er d' Tochter dem Hans nid welle zur Frau ge un säit, er müeß em zerst none Wäidlig (Nachen) mache, de ufem drochne Land wäidliger geu as im Wasser. Der Hans nimmt de Betingig a und got häi und verzelts, wies eme gangen seig. Do schickt der Ätte der Üle is Holz, um se söttige Wäidlig z' mache. Er hat flißig gewärret (gearbeitet) und derzue gpfiffe. Z' Mittag, wo d' Sunne am höchste gstande isch, chunt es chlis isigs Manndle und frogt, was er do mach. Der Üle gitt em zur Antwort »Chelle (hölzernes Gerät).« Das isig Manndle säit »no es sölle si und blibe.« Z' Obe meint der Üle, er heb jetz e Wäidlig gmacht, aber woner het welle isitze, so sinds alles Chelle gsi. Der anner Tag got der Säme e Wald, aber s' isch em ganz gliche gange wie im Üle. Am dritte Tag got der dumm Hans. Er schafft rächt flißig, daß es im ganze Wald tönt vo sine chräftige Schläge, derzue singt er und pfift er rächt lustig. Da chunt wieder das chli Manndle z' Mittag, wos am heißeste gsi isch, und frogt, was er do mach. »E Wäidlig, de uf em drochne Land wäidliger got as uf em Wasser,« und wenn er dermit fertig seig, so chom er d' Chönigstochter zur Frau über. »No,« säit das Manndle, »es söll e so äine ge und bliebe.« Z' Obe, wo d' Sunne aber z' Gold gange isch, isch der Hans au fertig gsi mit sim Wäidlig und Schiff und Gscher. Er sitzt i und ruederet der Residenz zue. Der Wäidlig isch aber so gschwind gange wie der Wind. Der Chönig hets von witen gseh, will aber im Hans si Tochter nonig ge und säit, er müeß zerst no hundert Haase hüete vom Morge früeh bis z' Obe spot, und wenn em äaine furt chömm, so chömm er d' Tochter nit über. Der Hans isch e des z' friede gsi, und gli am andre Tag got er mit siner Herd auf d' Wäid und paßt verwändt uf, daß em keine dervo laufe. Nid mänge Stund isch vergange, so chunt e Magd vom Schloß und säit zum Hans, er söll ere gschwind e Haas ge, so hebe Wisite über cho. Der Hans hett aber woll gmerkt, wo das use will, und säit, er gäb e keine, der Chönig chön denn morn siner Wisite mit Haasepfäffer ufwarte. D' Magd het aber nid no glo und am Änd fot so no a resniere. Do säit der Hans, wenn d' Chönigstochter selber chömm, so woll er ene Haas ge. Dat het d' Magd im Schloß gsäit, und d' Tochter isch selber gange. Underdesse isch aber zum Hans das chli Manndle wieder cho und frogt der Hans, was er do tüej. »He, do müeß er hundert Haase hüete, daß em käine dervo lauf, und denn dörf er d' Chönigstochter hürote und wäre Chönig.« »Guet,« säit das Manndle, »do hesch e Pfifle, und wenn der äine furtlauft, so pfiff nume, denn chunt er wieder ume.« Wo do d' Tochter cho isch, so gitt ere der Hans e Haas is Fürtüchle. Aber wo se öppe hundert Schritt wit gsi isch, so pfift der Hans, und der Haas springt ere us em Schäubele use und, was gisch was hesch, wieder zu der Herd. Wo's Obe gsi isch, so pfift de Haasehirt no emol und luegt, ob alle do sige, und treibt se do zum Schloß. Der Chönig het se verwunderet, wie au der Hans im Stand gsi seig, hundert Haase z' hüete, daß em käine dervo glofe isch; er will em aber d' Tochter äine weg nonig ge, und säit, er müeß em no ne Fädere us d' Vogelgrife Stehl bringe. Der Hans macht se grad uf der Wäg und marschiert rächt handle vorwärts. Z' Obe chunt er zu neme Schloß, do frogt er umenes Nachtlager, denn sälbesmol het me no käine Wirtshüser gha, das säit em der Herr vom Schloß mit vele Freude zue und frogt ne, woner he well. Der Hans git druf zur Antwort »zum Vogelgrif.« »So, zum Vogelgrif, me säit ame, er wuß alles, und i hane Schlössel zue nere isige Gäldchiste verlore: ehr chöntet doch so guet si und ne froge, woner seig.« »Jo frile,« säit der Hans, »das wili scho tue.« Am Morgen früe isch er do witer gange, und chunt unterwägs zue mene andere Schloß, i dem er wieder übernacht blibt. Wo d' Lüt drus verno händ, daß er zum Vogelgrif well, so säge se, es sig im Hus ne Tochter chrank, und se hebe scho alle Mittel brucht, aber es well kais aschlo, er söll doch so guet si und der Vogelgrif froge, was die Tochter wieder chön gsund mache. Der Hans säit, das weller gärn tue, und goht witer. Do chunt er zue emne Wasser, und anstatt eme Feer isch e große große Ma do gsi, de alle Lüte het müesse übere träge. De Ma het der Hans gfrogt, wo sie Räis ane geu. »Zum Vogelgrif,« säit der Hans. »No, wenn er zue ume chömt,« säit do de Ma, »so froget ne an, worum i all Lüt müeß über das Wasser träge.« Do säit der Hans »jo, min Gott jo, das will scho tue.« De Ma het ne do uf d' Achsle gno und übere träit. Ändle chunt do der Hans zum Hus vom Vogelgrif, aber do isch nume d' Frau dehäime gsi und der Vogelgrif sälber nid. Do frogt ne d' Frau, was er well. Do het ere der Hans alles verzelt, daß ere Fädere sölt ha us s' Vogelgrife Stehl, und denn hebe se emene Schloß der Schlüssel zue nere Gäldchiste verlore, und er sött der Vogelgrif froge, wo der Schlüssel seig; denn seig eme andere Schloß e Tochter chrank, und er söt wüße, was die Tochter chönt gsund mache; denn seig nig wid vo do es Wasser und e Ma derbi, de d' Lüt müeß übere träge, und er möcht au gern wüsse, worum de Mall all Lüt mueß übere träge. Do säit di Frau »ja lueget, mi guete Fründ, s' cha käi Christ mit em Vogelgrif rede, er frißt se all; wenn er aber wänd, so chönneder under sis Bett undere ligge, und z' Nacht, wenn er rächt fest schloft, so chönneder denn use länge und em e Fädere usem Stehl riße; und wäge dene Sache, die ner wüße söttet, will i ne sälber froge.« Der Hans isch e das alles z' friede gsi und lit unders Bett undere. Z' Obe chunt der Vogelgrif häi, und wiener i d' Stube chunt, so säit er »Frau, i schmöke ne Christ.« »Jo,« säit do d' Frau, »s' isch hüt äine do gsi, aber er isch wieder furt;« und mit dem het der Vogelgrif nüt me gsäit. Z' mitzt e der Nacht, wo der Vogelgrif rächt geschnarchlet het, so längt der Hans ufe und rißt em e Fädere usem Stehl. Do isch der Vogelgrif plötzle ufgjuckt und säit »Frau, i schmöke ne Christ, und s' isch mer, s' heb me öpper am Stehl zehrt.« Do säit d' Frau »de hesch gwüß traumet, und i ho der jo hüt scho gsäit, s' isch e Christ do gsi, aber isch wieder furt. Do het mer allerhand Sache verzellt. Si hebe ime Schloß der Schlüssel zue nere Gäldchiste verlore und chönnene numme finde.« »O die Nare,« säit der Vogelgrif, »de Schlüssel lit im Holzhus hinder der Tör undere Holzbig.« »Und denn het er au gsäit, imene Schloß seig e Tochter chrank und se wüße kais Mittel für se gsund z' mache.« »O die Nare,« säit der Vogelgrif, »under der Chällerstäge het e Chrot es Näscht gmacht von ere Hoore, und wenn se die Hoor wieder het, so wers se gsund.« »Und denn het er au no gsäit s' sig amene Ort es Wasser un e Ma derbi, der müeß all Lüt drüber träge.« »O de Nar,« säit de Vogelgrif, »täter nome emol äine z' mitzt dri stelle, er müeßt denn käine me übere träge.« Am Morgen frue isch der Vogelgrif uf gstande und isch furt gange. Do chunt der Hans underem Bette füre und het e schöne Fädere gha; au het er ghört, was der Vogelgrif gsäit het wäge dem Schlüssel und der Tochter und dem Ma. D' Frau vom Vogelgrif het em do alles no nemol verzellt, daß er nüt vergäße, und denn isch er wieder häi zue gange. Zerst chunt er zum Ma bim Wasser, de frogt ne gli, was der Vogelgrif gsäit heb, do säit der Hans, er söll ne zerst übere träge, es well em's denn däne säge. Do träit ne der Ma übere. Woner däne gsi isch, so säit em der Hans, er söllt nume äinisch äine z' mitzt dri stelle, er müeß denn käine me übere träge. Do het se de Ma grüsele gfreut und säit zum Hans, er well ne zum Dank none mol ume und äne trage. Do säit der Hans näi, er well em die Müeh erspare, er seig sust mit em z'friede, und isch witer gange. Do chunt er zue dem Schloß, wo die Tochter chrank gsi isch, die nimmt er do uf d' Achsle, denn se het nit chönne laufe, und träit se d' Chellerstäge ab und nimmt das Chrotenäscht under dem underste Tritt füre und gits der Tochter i d' Händ, und die springt em ab der Achsle abe und vor im d' Stäge uf, und isch ganz gsund gsi. Jetz händ der Vater und d' Mueter e grüsliche Freud gha und händ dem Hans Gschänke gmacht vo Gold und Silber: und was er nume het welle, das händ sem gge. Wo do der Hans is ander Schloß cho isch, isch er gli is Holzhus gange, und het hinder der Tör under der Holzbige de Schlüssel richtig gfunde, und het ne do dem Herr brocht. De het se au nid wenig gfreut und het dem Hans zur Belohnig vill vo dem Gold gge, das e der Chiste gsi isch, und sust no aller derhand für Sache, so Chüe und Schoof und Gäiße. Wo der Hans zum Chönig cho isch mit deme Sache alle, mit dem Gäld und dem Gold und Silber und dene Chüene, Schoofe und Gäiße, so frogt ne der Chönig, woner au das alles übercho heb. Do säit der Hans, der Vogelgrif gäb äin, so vill me well. Do dänkt der Chönig, er chönt das au bruche und macht se au uf der Wäg zum Vogelgrif, aber woner zue dem Wasser cho isch, so isch er halt der erst gsi, der sid em Hans cho isch, und de Ma stellt e z' mitzt ab und goht furt, und der Chönig isch ertrunke. Der Hans het do d' Tochter ghürotet und isch Chönig worde.
Jacob und Wilhelm Grimm
Kinder- und Hausmärchen

Samstag, 22. Mai 2010

Der Vogel Greif


Der Vogel Greif (Gryphs, Gryphus), ein in der Fabellehre der Alten sehr bekanntes Wunderthier, dessen Gestalt sehr vielfache Zusätze, je nach den Phantasien der Dichter und Schriftsteller, erhalten hat. Gewöhnlich giebt man ihm die Gestalt eines Löwen, einen Adlerkopf mit Pferde-Ohren, übrigens aber Flügel und statt der Mähne einen Kamm von Fisch-Floßfedern. Nach der Fabel sollten sie das Gold aus der Erde graben und es gegen die Räuber bewachen. Die griechischen Tragiker bedienten sich der Greife als schwebenden Zuggespanns vor den Wagen der Götter. In der Heraldik kommt er öfters als Schildhalter vor. Sehr viel ist über die Entstehung der Idee von dieser Fabel gemuthmaßet worden: namentlich haben der Graf von Veltheim in seiner Abhandlung von den goldgrabenden Ameisen und Greifen der Alten und der berühmte Archäolog Böttiger in seinen Vasengemälden sehr viel Sinnreiches darüber gesagt, von denen Letzterer diese und ähnliche Ungeheuer blos als Erzeugnisse der indischen Tapetenwirkerei mit vieler Wahrscheinlichkeit erklärt, da die Indier sich von den ältesten Zeiten her an seltsamen Zusammensetzungen ihrer heiligen Thiere ergötzten; und als nun die Griechen am Hofe des persischen Königs solche Tapeten erblickten, so glaubten sie, die Thiere wären nach der Natur genommen, und hielten sie für wirkliche Geschöpfe des wunderreichen Indiens. Auf ähnliche Art entstanden auch die nachherigen Arabesken, Grotesken etc. mit denen jene also einerlei Ursprung hätten.
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 7.
Amsterdam 1809, S. 408-409.

Dienstag, 25. August 2009

Alice und der Greif

Quelle: Wikisourse

Sie kamen bald zu einem Greifen, der in der Sonne lag und schlief. (Wenn ihr nicht wißt, was ein Greif ist, seht euch das Bild an.) »Auf, du Faulpelz,« sagte die Königin, »und bringe dies kleine Fräulein zu der falschen Schildkröte, sie möchte gern ihre Geschichte hören. Ich muß zurück und nach einigen Hinrichtungen sehen, die ich angeordnet habe;« damit ging sie fort und ließ Alice mit dem Greifen allein. Der Anblick des Thieres gefiel Alice nicht recht; aber im Ganzen genommen, dachte sie, würde es eben so sicher sein, bei ihm zu bleiben, als dieser grausamen Königin zu folgen, sie wartete also.

Der Greif richtete sich auf und rieb sich die Augen: darauf sah er der Königin nach, bis sie verschwunden war; dann schüttelte er sich. »Ein köstlicher Spaß!« sagte der Greif, halb zu sich selbst, halb zu Alice.

»Was ist ein Spaß?« frage Alice.

»Sie,« sagte der Greif. »Es ist Alles ihre Einbildung, das: Niemand wird niemals nicht hingerichtet. Komm schnell.«

Lewis Carroll
Alice’s Abenteuer im Wunderland
Übersetzt von:
Antonie Zimmermann (1869)

Sonntag, 23. August 2009

Der Greif



Es war einmal ein Mann, der wohnte in der Wildnis mit seinen zwei Kindern, einem Knaben und einem Mädchen. Als seine Kinder kaum etwas herangewachsen waren, ging der Vater eines Tages an die Küste. In der Nacht erhob sich ein starkes Geräusch; denn ein Greif kam geflogen, setzte sich auf das Dach des Hauses, in dem die Kinder allein waren und machte sie furchtsam, indem er sprach:
»So, ihr Kinder, nun ist mein Essen bereit! Wohin ist euer Vater gegangen?«
Sie antworteten:
»An die Küste.«
Der Greif sagte:
»Gut! So will ich mein Essen haben.«
Da fürchteten sich die Kinder und zeigten ihm die Hühner ihres Vaters. Die verzehrte der Vogel und machte sich davon.
In der zweiten Nacht schlief der Vater an der Küste. Der Greif kam wieder auf das Dach geflogen und sprach zu den Kindern die gleichen Worte wie am Tage vorher. Da waren die Kinder sehr ängstlich und zeigten ihm die Ziegen ihres Vaters, die verspeiste er und flog fort.
In der dritten Nacht war der Mann nicht mehr sehr weit von seinem Hause entfernt. Der Greif kam wieder auf das Haus geflogen und sprach, wie er vordem gesprochen hatte. Die Kinder fürchteten sich und zeigten ihm die Hunde. Die fraß er auf und flog davon.
Am folgenden Morgen kehrte der Vater heim. Er begrüßte seine Kinder, fand sie aber krank und abgemagert. Deshalb fragte er sie:
»Warum seid ihr so mager geworden, meine Kinder?«
Da berichteten sie, was sich in seiner Abwesenheit zugetragen hatte. Der Vater hörte schweigend zu und überlegte, wie er wohl am besten des Greifes habhaft werden könne. Er hatte an der Küste starke Pfeile gekauft und hoffte, mit ihnen den bösen Vogel zu erlegen. Als die Sonne untergegangen war, begab er sich mit seinen Kindern ins Haus, schloß die Türe zu und machte eine Luke in das Grasdach. Es dauerte gar nicht lange, bis der Vogel kam und sich gerade vor der Luke auf dem Dache niederließ.
Er rief die Kinder und fragte:
»Wohin ist euer Vater gegangen?«
Der Vater aber hatte den Kindern befohlen, den Greif wütend zu machen; deshalb antworteten sie:
»Du Taugenichts und Bösewicht, warum läßt du uns nicht in Frieden? Du hast unsere Hühner, Ziegen und Hunde gefressen, heute bekommst du nichts!«
Da wurde der Vogel sehr zornig und rief:
»Wie kommt es, daß ihr mich heute beschimpft? Ich werde kommen und euch selber fressen.«
Mit diesen Worten versuchte er, in das Haus einzudringen; aber der Vater nahm geschwind seinen Bogen und seine Pfeile und schoß. Da fiel der Greif blutend zu Boden, und ein zweiter Schuß tötete ihn. Der Vater ging nun mit seinen Kindern vor die Tür des Hauses, wo der tote Vogel lag; sie rupften ihn und bereiteten ihn zu, daß er gebraten werden konnte. Darauf legten sie das Fleisch an das Feuer, und der Vater sprach zu den Kindern:
»Ich gehe jetzt auf das Feld. Gebt wohl acht, daß das Fleisch gut gebraten ist, wenn ich wiederkomme, und eßt nicht davon, denn ich will es allein essen.«
Der Knabe aber spürte Lust, von dem Gericht zu kosten, trat herzu, hob den Deckel von dem Topf auf, in dem das Fleisch war, und wollte eben zulangen, als er eine Stimme hörte, die rief:
»Iß mich nicht, iß mich nicht!«
Da lief der Knabe davon. Bald aber kehrte er zurück, ergriff schnell ein Stück des Fleisches und aß. Da erscholl die Stimme des Fleisches wiederum laut und deutlich, so daß die Schwester des Knaben sie hörte, herzulief und fragte:
»Warum hast du von dem Fleisch gegessen?«
Ihr Bruder wurde darauf sehr böse und schalt sie und gab ihr allerlei Namen. Da lief das Mädchen auf das Feld zu dem Vater und erzählte ihm alles. Als beide bald darauf nach Hause zurückkehrten, fanden sie den Knaben in einen Büffel verwandelt. Der Vater rief ihm zu:
»Wenn du Säbelantilopen siehst, so folge ihnen nicht; wenn du Elefanten siehst, folge ihnen nicht; wenn du eine Herde Büffel siehst, so folge ihnen!«
Da rannte der Büffel davon und verschwand in dem Walde; der Vater blieb mit der Tochter allein zurück.
T.Heid
afrikanisches Märchen, 1904

Samstag, 22. August 2009

Kennen Sie kein fabelhaftes Thier ...

E. Kenne Sie kein fabelhaftes Thier, das auf den Bergen der ältesten Welt, eben in der Gegend, wohin unsre Sage das Paradies setzet, wohnt, und Schätze der Vorzeit bewachet?
A. Jene Drachen, jener Greif, der Gold oder güldene Aepfel bewahret?
E. Das war die Tradition späterer oder nordischer Völlker. Die Morgenländer haben ein geflügeltes Thier, das auf dem Berge Kaf wohnt, und mit den Riesen der Urwelt viel Krieg gehabt hat. Es hat, sagen sie, Vernunft und Religion, spricht alle Sprachen der Welt, hat die Weisheit der Sphinxe, die List der Greife, und bewahrt den Weg zu den Schätzen des Paradieses; eine Wundergestalt der Werke Gottes, weder mit List zu hintergehen, noch mit Gewalt zu überwinden.

Johann Gottfried von Herder

Freitag, 21. August 2009

Von Heinrich dem Löwen


Herzog Heinrich, der Herr der Braunschweiger Lande, fuhr über Meer; ein Sturm erfaßte sein Schiff und verschlug ihn und sein Schiffsvolk in unbekannte Meere; alle Speise ging ihnen aus, und der Hunger quälte sie über die Maßen. Da mußte einer nach dem andern sein Leben opfern für der andern Sättigung, und bestimmte das Los den, welcher sich mußte töten lassen. So fristeten sie eine Zeit ihr Leben, und immer fügte es Gott, daß das Los des Herzogs nicht gezogen wurde. Endlich war nur noch der Herzog und ein einziger Diener auf dem Schiffe, und der Hunger nahm kein Ende. So losen wir nun zum letztenmal, sprach traurig der Fürst, und wen das Los trifft, der sterbe. – Nein, lieber tötet mich, o Herr! sprach der treue Knecht. – Nein, wir losen, antwortete der Herzog. Und da warfen sie das Los, und es traf Heinrich. Aber der Diener sprach: Nimmer werde ich meinen liebwerten Herrn töten, ich habe noch einen Rat, ich will Euch in eine Ochsenhaut einnähen und Euer Schwert dazu, vielleicht sendet der Himmel Euch eine Rettung. Das war der Herzog zufrieden, und als es geschehen war, so kam ein Vogel Greif geflogen, der faßte die Haut in seine Krallen, glaubte ein Tier zu rauben und trug die Beute weit übers Meer in sein Nest, dann flog er wieder hinweg, und Heinrich durchschnitt mit dem Schwerte die Haut, und da die jungen hungrigen Greifen ihn anfielen, schlug er ihnen mit dem Schwert die Köpfe ab, dann nahm er sich eine Klaue mit und stieg von dem hohen Baume, darauf das Greifennest war, in den Wald hinab …

Ludwig Bechstein
aus: Deutsches Sagenbuch

Donnerstag, 20. August 2009

Greif

Bildquelle: Wikipedia

Ein Fabelthier, welches in die Kategorie der Drachen, Lindwürmer, Basilisken, Vogel Ruck und ähnlicher Gebilde der Phantasie gehört. Er wird abgebildet mit dem Körper und Schweif eines Löwen, dem Kopf eines großen Adlers oder Geiers, und an den Füßen mehrentheils Löwen- oder Geierklauen. Gewöhnlich sind auch die Vorderfüße gefiedert, und ein mächtiges Flügelpaar befähigt dieß Ungeheuer, sich augenblicklich in die Luft zu schwingen. Der Greif gehört mehr der romantischen, als der klassischen Fabelwelt an, er spielt oft eine Rolle in den Feenmährchen und Ritterromanen. Wie die der Drachen, so ist in der Maschinerie dieser Erzählungen auch die Funktion der Greise: Burgen, verzauberte Schlösser, Feenpaläste, gefangene Prinzessinnen und tief verborgene Schätze zu bewachen. Auf Greifen reiten Feen und Zauberer, Greife rauben Kinder, Greife tragen Gefangene aus ihren Kerkern durch die Lüfte fort. Vom Mährchen der persischen Sultanide bis zum deutschen Kindermährchen herab spielt der Vogel Greif eine Rolle. Seine Gestalt benutzte eine schöpferische Architektonik vielfach zu Ornamenten, und auf hundertfältige Weise bürgerte er sich als Wappen oder deren Schildhalter, in unzählige Fürstenhäuser und Ritterfamilien ein. Der Greif ist zugleich ein Symbol der Stärke, des Muthes, der Macht, der Klugheit und der Wachsamkeit, lauter Eigenschaften, die ihn als ritterliches Stammzeichen oft erwählen ließen.

Damen Conversations Lexikon
Band 5., 1835, S. 5-6.

Mittwoch, 25. Juni 2008

Fabeltiere



Tiere, die nicht in der Realität sondern in Religion, Mythos und Dichtung vorkommen, nennt man Fabelwesen. Bekanntestes Fabeltier, über viele Völker verbreitet, ist der Drache, der als großes, schlangen- oder echsenartiges, oft geflügeltes Wesen dargestellt wird, das Feuer speien kann und Schätze bewacht. Darstellungen finden sich bereits in der Kunst des Alten Orients. In China gilt der Drache auch als Symbol des Wächters. Das Einhorn ist ein Fabeltier aus dem Mittelalter (weißes Pferd mit Horn), das seine Symbolik hauptsächlich aus dem Christentum entnimmt. Der Phönix ist ein Vogel, der sich selbst verbrennt und aus der Asche neu aufsteigt. Er wurde bereits im alten Ägypten verehrt.
Eine Reihe von Mischwesen sind den Fabeltieren ebenfalls noch zuzuordnen: der Basilisk (Drache & Hahn), Pegasus (Pferd & Mensch) und Greif (Löwe & Vogel).
Fabeltiere sind heute keineswegs ausgestorben. Sie bevölkern die Literaturgattung »Fantasy« so reichlich, wie zuvor die Mythologien der verschiedenen Völkern. In Fabeln selbst kommen sie allerdings nur höchst selten vor.
Horst-Dieter Radke