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Donnerstag, 29. Dezember 2016

Der Knabe und der Hund

Von einem Hund geleitet, schlich
Ein blinder Greis an seinem Stabe
Durch eine Stadt. Ein wilder Knabe,
Der Spitzbarts Israelchen glich,
Schnitt, um sich einen Spaß zu machen,
Des Manne’s Compas, den Strick entzwey.
»Flieh,« - sprach er. - »Phylax, du bist frey;
»Dein Graukopf mag sich selbst bewachen.«
Der Pommer fuhr dem kleinen Wicht
Voll edlen Grimmes an die Waden,
Und sagte: »Nein, ich fliehe nicht,
»Du willst mir wohlthun, um zu schaden.«

Fünfzig Fabeln und Bilder
aus der Jugendwelt.
Von
Wilhelm Corrodi
Zürich, 1876, Zweite Auflage

Sonntag, 3. Mai 2015

Die Hühnlein

Kind.
Wo seid ihr alle denn versteckt,
ihr Hühnlein? Keins hab ich entdeckt
Bis jetzt, und bring doch Futter mit.
Hört ihr nicht den bekannten Tritt?
Hört ihr nicht den bekannten Ton?
bi bi, bi bi – da sind sie schon!

Hühnlein.
Wir waren nur da hinterm Haus,
Und suchten gute Würmlein aus.
Was du uns bringst, schmeckt süßer noch,
Die Körnlein sind das Beste doch.
Geh jetzt nur dort zum Häuschen hin,
Du findest unsre Eier drin.
Fünfzig Fabeln und Bilder
aus der Jugendwelt.
Von
Wilhelm Corrodi
Zürich, 1876, Zweite Auflage

Donnerstag, 9. April 2015

Die Biene und die Taube

Ein Bienchen fiel in einen Bach,
Dies sah voll Mitleid eine Taube,
Und warf ein Blättchen von der Laube
Ihr zu: das Bienchen schwamm darnach,
Und half sich glücklich aus dem Bach.
Den andern Tag saß unsre Taube
In Frieden wieder auf der Laube.
Ein Jäger hatte jtzt den Hahn auf sie gespannt.
Mein Bienchen kam, pick! stach’s ihm in die Hand,
Paff! ging der Schuß daneben.
Die Taub’ entfloh. Wem dankt’ sie nun ihr Leben?
Nimm dich voll Menschenhuld der Kleinsten willig an,
Auch wisse, daß dir oft der Kleinste nützen kann.

Auswahl von Fabeln für die Jugend mit 16 illuminirten Bildern
Im Verlage der lithographischen Anstalt
Winckelmann & Söhne in Berlin, 1832

Freitag, 31. Mai 2013

Der Hirsch und die Fliege

Jüngst lagerte sich eine Fliege
Auf eines Hirsch’s Geweih.
»Wenn ich zu lästig auf dir liege,« -
Sprach sie »so rede frei.«
»Ey, sieh doch!« rief der Hirsch, - »mein Liebchen,
Bist du auch in der Welt?«
so ist’s mit manchem Bübchen,
Das sich für wichtig hält.


Wilhelm Corrodi
Fabeln und Bilder
Zürich 1876

Freitag, 3. Dezember 2010

Der Winter



Winter:
Bin ich denn etwa freudenleer?
Meinst du, mein Kind? O, nimmermehr!

Ich lass’ dich schlitten, lass’ dich schleifen,

Und willst du meinen Schnee angreifen,

So ist er wohl ein bischen kalt,
Doch findest sicherlich du bald,
Daß sich ein Männchen, weiß und fest,
Ganz herrlich daraus bauen läßt.

Kind:
Wie kannst du auch so artig sprechen!
Doch was du sagst, ist Alles wahr.
Laß nur kein Bein mich bei dir brechen;

Denn allzu leicht bringst du Gefahr!



Winter:
Nur nicht verwegen, liebes Kind,
Dann bleib’ ich freundlich dir gesinnt!

Wilhelm August Corrodi
aus: Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendwelt

Mittwoch, 24. November 2010

Die Ringelblumen


Schöne Blumen, laßt euch pflücken,
Ihr müsst meinen Hals jetzt schmücken,
Eine Kette sollt ihr werden,
Nicht so sitzen in der Erden!
Also sprach die kleine Liese,
Hüpfte durch die ganze Wiese,
Hörte nicht die Bienlein summen,
Sieht nur nach den Ringelblumen,
Macht sich eine hübsche Kette -
Keine Königin, ich wette,
Kann in ihrem Perlenschein
Glücklicher als Lieschen sein.

Wilhelm Corrodi
aus: Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendwelt
Zürich, 1876

Dienstag, 22. Dezember 2009

Der Winter



Winter
Bin ich denn etwa freudenleer?
Meinst du, mein Kind? O, nimmermehr!
Ich lass’ dich schlitten, lass’ dich schleifen,
Und willst du meinen Schnee angreifen,
So ist er wohl ein bischen kalt,
Doch findest sicherlich du bald,
Daß sich ein Männchen, weiß und fest,
Ganz herrlich daraus bauen läßt.

Kind
Wie kannst du auch so artig sprechen!
Doch was du sagst, ist Alles wahr.
Laß nur kein Bein mich bei dir brechen;
Denn allzu leicht bringst du Gefahr!

Winter

Nur nicht verwegen, liebes Kind,
Dann bleib’ ich freundlich dir gesinnt!


Wilhelm August Corrodi
aus: Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendwelt
Zürich 1876

Freitag, 14. August 2009

Das Schneckenhaus


Kind:
Schnecke, Schnecke, komm heraus,
Bleib nicht immer nur im Haus,
Zeig mir deine Hörnlein schön,
Die möcht ich so gerne sehn.


Schnecke:
Kindlein, sieh, ich folge dir,
Denn du scheinst nicht böse mir,
Rührst so weich und sanft mich an,

Daß ich dich nicht fürchten kann.



Kind:
Keinem Thierchen thu ich weh,
Weil ich sie so gerne seh.
Schau mir frisch nur in’s Gesicht,
Schnecklein; denn ich plag dich nicht.

Wilhelm August Corrodi
Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendzeit
Zürich 1876

Samstag, 6. September 2008

Die Raupe



Kind
Was hast du Raupe mir gemacht?
Um Blatt und Blüthe ganz gebracht
Hast du das schöne Bäumlein da,
Wie man so schön noch keines sah!

Raupe
Sei nicht so zornig über mich,
Und denk ein wenig nur an dich.
Nicht wahr, du liebst was Gutes sehr?
Und ich hab nicht gesündigt mehr;
Ich aß nur, was mir herrlich schmeckt,
hier war für mich der Tisch gedeckt!

Kind
Hast Recht, ich kann nicht böse sein,
Und will dir dieß Mal gern verzeihn;
Doch ach, wie mich das Bäumchen reut,
Fort ist die Frucht und aus die Freud!
Wilhelm Corrodi
Zürich 1876