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Donnerstag, 11. April 2019

Der Fuchs als Hirte

Es war einmal eine Frau, die ging aus und wollte sich einen Hirten miethen. Da begegnete ihr der Bär. »Wo willst Du hin?« fragte der Bär sie. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen«, antwortete die Frau. »Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Bär. »Ja, wenn Du bloß hübsch locken kannst«, sagte die Frau. »Hö–i!« sagte der Bär. »Nein, Dich will ich nicht haben«, sagte die Frau, als sie das hörte, und ging weiter.

Da begegnete ihr der Wolf. »Wo willst Du hin?« fragte der Wolf. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen«, antwortete die Frau. »Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Wolf. »Ja, kannst Du auch hübsch locken?« sagte die Frau. »Uh–uh!« sagte der Wolf. »Nein, Dich will ich nicht haben«, sagte die Frau.

Ein Ende weiter hin begegnete ihr der Fuchs. »Wo willst Du hin?« fragte der Fuchs. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen«, antwortete die Frau. »Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Fuchs. »Ja, wenn Du bloß hübsch locken kannst«, sagte die Frau. »Dil–dal–holom!« sagte der Fuchs noch so hübsch und artig. »Ja, Dich will ich haben«, sagte die Frau und nahm den Fuchs zum Hirten bei ihrem Vieh an.

Am ersten Tage, wie der Fuchs das Vieh auf die Weide trieb, fraß er alle Ziegen auf, den zweiten Tag ließ er sich die Schafe schmecken, und den dritten Tag mußten die Kühe daran. Als er darauf am Abend nach Hause kam, fragte die Frau ihn, wo er das Vieh gelassen hätte. »Der Kopf ist im Bach, und der Rumpf im Busch«, sagte der Fuchs. Die Frau stand eben bei ihrem Butterfaß und butterte; aber sie wollte doch selbst zusehen; während sie nun zusah, steckte der Fuchs den Kopf ins Butterfaß und fraß allen Rahm auf. Als die Frau zurückkam und das gewahr ward, da wurde sie so erbittert, daß sie einen Rahmklumpen nahm, der noch im Butterfaß saß, und damit nach dem Fuchs warf, so daß er einen Klatsch am Schwanz bekam. Davon kommt es, daß der Fuchs einen weißen Schwanzzipfel hat.

Asbjørnsen, P./Moe, J.
Norwegische Volksmärchen
Berlin, 1908

Mittwoch, 31. Januar 2018

Das Märchen vom Glück

Es war ein Mann, der Steine hieb aus dem Fels. Seine Arbeit war schon schwer, und der Lohn war gering, und zufrieden war er nicht. Er seufzte und rief: »O wäre ich reich und ruhte in einer Sänfte mit Vorhängen von rother Seide!«. Da kam ein Engel vom Himmel und sprach: »Dir sei, wie Du gesagt hast!« Und er war reich und er ruhte in einer Sänfte mit Vorhängen von rother Seide. Da fuhr der König des Landes vorbei, Reiter zogen ihm voran, Reiter folgten ihm, und der goldene Sonnenschirm wurde über seinem Haupte getragen. Das verdroß den Mann, dass der König mächtiger war als er, und er rief: »Ich möchte König sein!« Und der Engel kam vom Himmel und sprach: »Dir sei, wie Du gesagt hast!«
so beginnt das alte indische Märchen vom Glück, wie es der holländische Verwaltungsbeamte Dekler, der Dichter Multatuli, von Java oder Sumatra mitgebracht hat. Das uralte Lied vom Sehnen und Wünschen, das uralte Lied vom Hoffen auf das Glück, das uralte Lied von der Unzufriedenheit und der Bescheidenheit.
Der Mann wird König, aber die Sonne ist stärker als er, trotz des goldenen Sonnenschirms. Er wird die Sonne und versengt die Erde, aber eine Wolke stellt sich vor die Sonne und hindert ihre Macht. Er wird die Wolke und läßt Ströme hinabregnen, die das Land verwüsten und das Vieh wegschwemmen, aber der Fels weicht nicht seiner Kraft. Er wird der Fels, der starr dastand, ob die Sonne schien, ob es regnete. Aber es kommt ein Mann mit der Hacke, dem Meißel, dem Hammer und schlägt Steine aus dem Fels. Da wünscht er dieser Mann zu sein, und auch dieser Wunsch wird ihm erfüllt. Er wird ein Steinhauer und schlägt Steine aus dem Fels, mit schwerer Arbeit, für geringenLohn …
»Und er war zufrieden«, so schließt das Märchen. Ob es wohl wahr ist? Wer das Menschenherz kennt, der sollte wohl meinen, das Märchen könnte wieder von vorn anfangen.
Wir kennen das Märchen vom Glück alle, nur in etwas anderer Form. Diese Geschichte von dem Steinhauer kommt wohl der Urform am nächsten. Sie hat das Motiv am reinsten und klarsten bewahrt, am wenigsten beeinflußt von anderen Ideen und Vorstellungen. Als die Völker sich trennten und von der Urheimat in alle Windrichtungen auseinander zogen, da nahmen sie auch die Sehnsucht nach dem Glück mit und auch das Märchen vom Glück. Im Laufe der Jahrtausende erlitt das Märchen allerlei Wandlungen, aber die Sehnsucht blieb und das Glück kam nie.
Ein weiser Mann in Vorderindien, erzählt der Pantschatantra, das alte Weisheitsbuch der Könige, hatte eine Maus aus der Lebensgefahr gerettet und beschloß, sie bei sich zu behalten. Er verwandelte sie in ein Mädchen. Als das Mädchen herangewachsen war, sollte sie auf Geheiß des weisen Mannes, der auch ein mächtiger Mann war, einen Gatten wählen. Sie will den Mächtigsten zum Gatten haben, den Sonnengott. Der Sonnengott aber, der ihre wahre Natur kennt, denn die Sonne sieht alles, mag sie nicht und sagt: »Nicht doch, die Wolke, die mich verhüllen wird, die ist viel mächtiger.« Die Wolke verweist sie an den Sturmwind, der sie dahinjagt, der Sturmwind an den Berg, an dem er sich bricht. Gerade will sie den Berg zum Gatten wählen, da sieht sie, wie eine Maus ein Loch durch den Berg wühlt …
Hier ist an Stelle der einfachen Erhabenheit der ersten Geschichte der Humor getreten. Das Mädchen – schon das ist bezeichnend, daß es ein Mädchen ist – will den Mächtigsten wählen, aber jeder schiebt einen Mächtigeren vor, bis sie schließlich auf diesem Umwege zum Anfangspunkte zurückkehrt und der Ring sich schließt. Die Idee des Strebens nach dem Glücke ist zurückgedrängt, und die andere Idee, daß jeder Mächtige noch einen Mächtigeren hat, überwiegt. Hier ist es das Unscheinbare, was schließlich am meisten vermag: die Maus, die ja auch den Löwen aus seinen Stricken herausnagt.
Ein Tschandalamädchen – so erzählt das indische Buch Somadewa – wollte den Mächtigsten zum Herrn haben. Sie folgte dem Könige auf seinem Umritte durchs Land. Da kamen sie an einem Tempel vorbei; hier machte der König Halt, stieg vom Pferde und warf sich vor dem Götzen nieder. Da sah das Mädchen, daß das Steinbild mächtiger sein müsse und es wollte diesem dienen. Aber ein Hund kam und that an dem Steinbilde, wie manchmal respectlose Hunde thun, und das Steinbild duldete es. Doch ein Tschandalajüngling kam und prügelte den Hund, und ihm diente das Mädchen.
Hier ist der Humor schon ins Burleske übergeschlagen und die Idee des Märchens vom Glück so beinahe gänzlich verwischt.
Wer kennt nicht das deutsche Volksmärchen vom »Fischer un sine Fru«? Der Fischer hat durch Zufall Gewalt über einen Zauberfisch bekommen, den »Butje, Butje in den See«, und der muß ihm Wünsche erfüllen. Aber nicht er ist es, der immer wieder Wünsche hat, er wäre mit einer bescheidenen Aufbesserung zufrieden: Die Frau ist es, die immer mehr begehrt – »Mine Fru de Ilsebill, will nicht so as ick woll will –«. Sie wird schließlich Kaiser, ja sogar Papst, und zuletzt will sie der liebe Gott sein … da verfliegt das Glück und sie finden sich in ihrer elenden Hütte wieder.
Das Märchen erinnert in seinem Grundzuge an das vom Steinhauer. Es ist nur nicht die natürliche Sehnsucht nach dem Glück, die jeden Menschen innewohnt, es ist eine krankhafte Großmannssucht, die diese Evastochter beseelt und die schließlich aus dem Paradiese heraustreibt. Es ist etwas Herbes, etwas Weiberfeindliches darin, ganz anders, wie in den beiden indischen Geschichten, die das Treiben des naiven Dinges mit überlegenen Lächeln zu sehen scheinen. Auch die Führung der Erzählung steht nicht auf derselben Höhe. In den indischen Märchen haben wir überall einen sich von selbst schließenden Ring, eine leicht gleitende Entwicklung, die den Helden oder die Heldin zu ihrer Natur zurückführt, – das deutsche Märchen vermag das nicht, es führt die Rückkehr plötzlich und plump durch einen jähen Sturz herbei: zur Strafe für ihre Vermessenheit werden beide, die Schuldige und der Mitschuldige, wieder das, was sie waren! Das ist ein neues Motiv, aber kein besseres; es ist, als ob die Stiefmutter mit drohend geschwungener Ruthe in einen Reigen harmlos spielender Kinder stürzte.
Feiner ist in dieser Hinsicht die verwandte Geschichte von »Hans im Glücke«, die eine ähnliche Idee in umgekehrter Reihe, in absteigender Linie verfolgt. Hans hat für langjährige, schwere Arbeit einen Klumpen Gold erhalten und wollt heimwärts. Aber der Klumpen ist ihm zu schwer, er tauscht ihn gegen ein Pferd ein, das Pferd, das ihn abwirft, gegen eine Kuh, die  sich nicht melken läßt, diese gegen ein Schwein, eine Gans und schließlich gegen ein paar Schleifsteine, die er in den Brunnen wirft, weil er sie nicht mehr schleppen mag. So kommt er arm, aber lustig zu Hause an. Der Ring hat sich zwanglos geschlossen.
Hierher gehören auch die mancherlei Geschichten von den drei Wünschen, wie der hübsche Scherz, wo die Frau wünscht, daß zu der einfachen Speise ein paar Würstchen wären, worauf die Würstchen da sind – ein Anklang an das Tischlein deck dich, auch eine Form ersehnten Glückes, unter vielen anderen – der Mann ruft: »Wenn Dir doch bloß die Würste an der Nase hingen!«, womit auch der dritte Wunsch verwirkt ist, denn was sollte er machen? Er mußte die Würste wieder von der Nase herunter wünschen. Zu dieser Geschichte gibt es zahllose Varianten.
Hier thun sich noch weite Parallelen auf, zum Wunschhütchen, zur Tarnkappe, zum Schlaraffenland, und andererseits finden wir Anklänge an die griechischen Mythen vom Ikarusfluge, von der Fahrt des Phaethon, von Philemon und Baucis und vielerlei anderes.
Das weiter auszuführen möchte ich nun dem geschätzten Leser selbst überlasse, wie ich es ihm auch anheim geben muß, sich mit seiner Sehnsucht nach dem Glücke nach besten Kräften abzufinden. Da kann kein Mensch den anderen helfen, ich auch keinem, und keiner mir.

Karl Mischke
Innsbrucker Nachrichten
15. Januar 1901,   S.1 f.

Dienstag, 28. November 2017

Wintermärchen, gedruckt


Nun gibt es das »Wintermärchen« auch als gedrucktes Buch. Neben der Titelerzählung sind zwei weitere enthalten. Ein »Dieb« trifft in der Weihnachtszeit einen Jungen und diese Begegnung verändert sein Leben. In der »Antarktisverschwörung« ist Ruprecht verschwunden und keiner weiß wohin und warum. Bei der Suche nach ihm wird eine schreckliche Verschwörung aufgedeckt. Genau das richtige für alle Verschwörungstheoretiker und diejenigen, die es werden wollen.

Freitag, 24. November 2017

Winterzeit - Vorlesezeit


Winterzeit ist Vorlesezeit und was bietet sich besser an, als ein echtes Wintermärchen.


Sonntag, 5. März 2017

Der Schmied und der Teufel



Relief von der Kilianskirche (Emil Wachter) in Osterburken
Fotografiert mit Bilora Radix auf ORWO s/w Film (abgel. 1982)
Entwickelt mit Cafenol


Es war einmal ein Schmied, der lebte guter Dinge, verthat sein Geld, processirte viel und wie ein paar Jahr herum waren, hatte er keinen Heller mehr im Beutel. Was soll ich mich lang quälen auf der Welt, dachte er, ging hinaus in den Wald und wollt’ sich da an einen Baum hängen. Wie er eben den Hals in die Schlinge steckte, kam ein Mann hinter dem Baum hervor mit einem langen weißen Bart und einem großen Buch in der Hand. „Hör Schmied, sprach er, schreib deinen Namen da in das große Buch, so soll dirs wohlgehen zehn Jahre lang, aber darnach bist du mein, da hol ich Dich.“ – „Wer bist du?“ sprach der Schmied – „Ich bin der Teufel.“ – „Was kannst du“ – „Ich kann mich so groß machen als eine Tanne, und so klein als eine Maus“ – „So thus einmal, daß ichs sehe,“ sagte der Schmied, da machte sich der Teufel so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus. „Es ist gut sprach der Schmied, gib das Buch her, ich will mich hineinschreiben“ – Als er sich unterschrieben sagte der Teufel: Geh nur nach Haus, du wirst Kisten und Kasten voll finden, und weil du keine lange Umstände gemacht hast, so will ich dich auch in der Zeit einmal besuchen. Der Schmied ging heim, da waren alle Taschen, Kasten und Kisten voll Ducaten, und er mogte soviel davon nehmen als er wollte, es ward nicht all, und auch nicht weniger; da fing er sein lustiges Leben von vorne an, lud seine Kameraden ein, und war der vergnügteste Kerl von der Welt. Ein paar Jahre darauf sprach der Teufel einmal bei ihm ein, als er verheißen, sah zu wie die Wirthschaft ging, und schenkte ihm beim Abschied einen ledernen Sack, wer da hinein sprang, der konnte nicht wieder heraus, bis ihn der Schmied selber wieder heraus holte; damit trieb dieser seinen Spaß. Nach den zehn Jahren aber kam der Teufel und sprach zum Schmiedt „die Zeit ist herum, jetzt bist du mein, mach dich reisefertig.“ „Es ist gut,“ sprach der Schmiedt, hing seinen ledernen Sack um den Rücken und ging mit dem Teufel fort; als sie in den Wald kamen, zu der Stelle wo er sich aufhängen wollte, sprach er zum Teufel: „ich muß auch gewiß wissen, daß du der Teufel bist, mach dich erst wieder so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus.“ Der Teufel war bereit und thats, und wie er sich in eine Maus verwandelt hatte, packte ihn der Schmid und steckte ihn in den Sack, dann schnitt er sich einen Stock von dem nächsten Baum, warf den Sack hin und prügelte auf den Teufel los. Der Teufel schrie erbärmlich, lief in der Tasche hin und her, aber umsonst, er konnte nicht heraus. Endlich sagte der Schmied ich will dich loslassen, wenn du mir das Blatt aus deinem großen Buch wieder giebst, auf das ich meinen Namen geschrieben. Der Teufel wollte nicht, doch endlich mußt’ er daran, da ward das Blatt herausgerissen und der Teufel ging heim in die Hölle, ärgerte sich, daß er betrogen und obendrein geprügelt war.

Der Schmid ging auch wieder zu seiner Schmiede und lebte vergnügt fort, so lang Gott wollte, endlich ward er krank und als er seinen Tod merkte, befahl er, man sollte ihm nur zwei gute, lange, spitze Nägel und einen Hammer mit in den Sarg geben. Das geschah auch. Wie er nun gestorben war und vor die Himmelsthür kam, klopfte er an, aber der Apostel Petrus wollt ihm nicht aufschließen, weil er mit dem Teufel im Bund gelebt hätte. Wie der Schmied das hörte, dreht er sich um und ging zur Hölle. Der Teufel aber wollt ihn auch nicht einlassen, er begehre ihn nicht in der Hölle, da fange er doch nur Spectakel an. Der Schmied ward bös und hub an vor dem Höllenthor Lärmen zu machen, ein Teufelchen ward neugierig und wollte sehen, was der Schmidt treibe, also machte es ein wenig das Thor auf, guckte heraus, der Schmid aber packte es geschwind bei der Nase und nagelte es an dieser mit dem einen Nagel, den er bei sich hatte, an das Höllenthor fest. Das Teufelchen fing an zu kreischen wie ein Krautlöwe, da ward noch ein anderes an das Thor gelockt, das steckte auch den Kopf heraus, aber der Schmied war nicht faul, kriegte es am Ohr und nagelte es mit diesem neben das erste. Da fingen nun beide ein solches entsetzliches Geschrei an, daß der alte Teufel selber gelaufen kam, und wie er die zwei Teufelchen festgenagelt sah, ward er bitterbös, daß er vor Bosheit anfing zu weinen, herumsprang, in den Himmel zum lieben Gott lief, und sagte, er müsse den Schmied in den Himmel nehmen, es möge gehen, wie es wolle, der nagle ihm die Teufel alle an den Nasen und Ohren an, und er sey nicht mehr Herr in der Hölle. Wollte nun der liebe Gott und der Apostel Petrus den Teufel los werden, so mußten sie den Schmied in den Himmel nehmen, da sitzt er nun in guter Ruh, wie aber die beiden Teufelchen losgekommen, das weiß ich nicht.

Anm.: Schreibwiese "Schmied", die im Original uneinheitlich ist, wurde angepasst.

Brüder Grimm
Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe.
1. Auflage Berlin 1812

Samstag, 4. Februar 2017

Das Märchen vom Maulwurf

Vor vielen tausend Jahren, als die Menschen noch keine Kleider trugen, lebte mitten in der Erde ein Zwerg, so tief untern, daß kein Mensch etwas von ihm wußte. Und er selber wußte von den Menschen auch nichts; denn er hatte sehr viel zu tun. Er war ein König über die andern Zwerge, und schon fünf mächtige Höhlen hatte er sich ausputzen lassen, und war ganz alt und grämlich dabei geworden, so viel hatte er zu befehlen.
Es war aber nicht dunkel da unten in den Höhlen, sondern eine glänzte immer bunter als die andre, so viel Diamanten und Opale hatte das Zwergvolk drin aufgebaut, und die Wände waren von blankem Kristall, jede in einer besonderen Farbe. Und da saß nun der König der Zwerge, in seinem Mantel von schwarzem Sammet, auf einem großen grünen Smaragdstein, und faßte sich an seine spitze Nase und überlegte mit seinen alten Fingern, ob auch alles hell genug wäre. Er fand es aber durchaus nicht hell genug.
Da machten ihm die andern Zwerge eine sechste Höhle zurecht, mit Wänden von lauter Rubinen, die wie ein einziger Feuerschein glühten, und das dauerte tausend Jahre; aber er fand auch Das noch nicht hell genug. Als er nun immer trauriger wurde in seinem schwarzen Sammetmantel, kamen die andern alle zusammen, und die Jüngsten sagten zu den Alten: Kommt, laßt uns eine blaue Höhle machen!
Dafür wären sie beinahe totgeschimpft worden, denn bis dahin hatte das Zwergvolk die blaue Farbe nicht leiden können. Weil aber alle andern Farben in den sechs Höhlen schon durchprobiert waren, sagten endlich auch die ältesten Zwerge ja und gaben den jungen die Hände. Dann gingen alle an die Arbeit und putzten heimlich eine siebente Höhle aus, mit Wänden von echten Türkisen, die so hell und blau wie der Himmel waren, und das dauerte wieder tausend Jahre.
Die gefiel nun dem König wirklich, und der allerälteste Zwerg, der fast so alt wie der König selbst war, schoß vor Verwunderung einen Purzelbaum. Darauf trugen sie den großen Smaragdstein in die neue Höhle hinein, und der König setzte sich auf ihn und freute sich, wie schön sein schwarzer Sammetmantel zu den hellblauen Wänden paßte. Nachdem er aber fünfhundert Jahre so gesessen hatte, fand er auch Das nicht mehr hell genug; er wurde trauriger als je zuvor und seine Nase immer spitzer.
Fünfhundert Jahre saß er noch und überlegte seinen Kummer, sodaß er schon ganz fett zu werden anfing. Endlich ertrug er das nicht länger, ließ sich die jüngsten Zwerge kommen und sagte: macht mir eine Höhle, die Licht hat wie alle Farben in eine verschmolzen! Das aber verstanden auch die allerjüngsten nicht, und glaubten, ihr König sei verrückt geworden.
Da beschloß er, sie zu verlassen und selbst nach seinem hellen Lichte zu suchen. Er stieg herunter von seinem Smargadstein, und schnitt den schwarzen Sammetmantel etwas kürzer, sodaß er Hände und Füße frei bewegen konnte, und fang an zu graben. Weil aber unten in der Erde die Andern schon alles abgesucht hatten, so meinte er, daß Licht, wonach er solche Sehnsucht fühlte, müsse wohl weiter oben liegen, und grub sich in die Höhe; und weil das Zwergvolk damals den Spaten noch nicht erfunden hatte, so mußte er die Finger zum Wühlen nehmen. Das tat ihm nun sehr weh, denn er war das nicht gewohnt; aber er hatte solche Sehnsucht nach dem Licht.
Dreitausend Jahre wühlte der König der Zwerge und grub sich höher und höher hinauf. Die Haut um seine Finger war schon ganz dünn davon geworden, sodaß die kleinen Hände ganz rosarot aus seinem schwarzen Sammtmantel kuckten; aber immer sah er das Licht noch nicht. Nur tief von unten schimmerte noch ein blaues Pünktchen zu ihm herauf, aus seiner siebenten Höhle her; aber um ihn und über ihm war alles schwarz. Auch etwas magerer war er geworden, und die Nase noch spitzer.
Da überlegte er, ob er nicht lieber zu seinem Volk zurückkehren sollte; aber er fürchtete, dann würden sie ihn absetzen und wirklich in ein Irrenhaus sperren. Also ging er aufs neue an die Arbeit mit seinen rosaroten Zwerghänden, und grub nochmals dreitausend Jahre lang, und es wurde immer dunkler um ihn her, bis schließlich auch das blaßblaue Pünktchen tief unten hinter ihm verschwand. Als er nun gar nichts mehr sehen konnte, hörte er auf zu wühlen und sprang in die Höhe und wollte sich den Kopf einstoßen, so furchtbar traurig war ihm zumute.
Da ging auf einmal die Erde entzwei über ihm, und er schrie laut auf vor Entzücken und schloß die Augen vor hellem Schmerz, so viele Farben gab es da oben, als ob ihn tausend bunte Messer stächen, bis ins Herz. Denn hoch im Blauen über der Erde, viel höher als er gegraben hatte, so hell wie alle Farben in eine verschmolzen, stand eine große strahlende Kugel, und Alles war Ein Licht.
Als er es aber ansehen wollte und seine Augen wieder aufschlug, da war er blind geworden und fiel auf die Stirn. Und er fühlte, wie schwach sein Königsherz war, und wie sein schwarzer Mantel vor Schreck mit ihm zusammenwuchs, und daß er kleiner und kleiner wurde und seine Nase immer spitzer, und plötzlich rutschte er zurück in die Erde.
Seit dem Tage gibt es Maulwürfe hier oben, und darum haben sie ein schwarzes Sammetfell und rosarote Zwerghände und sind blind. Und manchmal, wenn die Sonne recht kräftig scheint, dann stoßen sie ein Häufchen Erde hoch und stecken die spitze Nase an die Luft, vor Sehnsucht nach dem Licht.

Richard Dehmel

Sonntag, 29. Januar 2017

Die faule Frau mit dem Korb

(c) Mirjam Radke
Kind am Strand von Malaysia

Es war einmal eine Frau, die war sehr faul. Sie wollte nicht arbeiten, ja, sich kaum baden; nur einmal wusch sie sich in zehn Tagen.

Eines Tages ging sie nach dem Badeplatz. Da rief eine Nipapalme nach ihr, die auf der anderen Seite des Ufers wuchs. Die Palme rief und rief, aber die Frau war viel zu faul, um zu antworten oder über den Fluß zu fahren und zu fragen, was sie wollte. Schließlich sagte die Nipapalme: »Warum bist du denn so faul, daß du nicht mal über den Fluß fahren willst? Auf deiner Seite ist doch ein Kahn; steig' ein, rudere herüber und hole dir meine jungen Blattsprossen.« Ganz langsam und bedächtig trottete die faule Frau nach dem Kahn, ganz langsam und bedächtig fuhr sie über das Wasser und holte sich dann die Blattsprossen. Darauf sagte die Nipapalme: »Ich rief dich, weil du so faul bist. Nimm nun diese Sprossen mit, trockne sie ein wenig in der Sonne und mach' dir daraus einen Korb.« Die faule Frau hätte beinahe geweint, als sie hörte, daß sie einen Korb machen sollte; sie nahm jedoch die Sprossen mit nach Hause und flocht auch richtig den Korb.

Als er fertig war, sagte er zu der Frau: »So, nun bringe mich an den Weg, wo die Leute zu Markte ziehen, setze mich dort hin, wo alle vorüber müssen, und dann geh' nach Hause.« Die Frau nahm den Korb und tat, wie ihr geheißen war. Viele Menschen zogen vorüber, niemand bemerkte ihn, bis schließlich ein reicher Mann des Weges kam. Als der ihn sah, sagte er: »Den Korb will ich nach dem Markte mitnehmen, da will ich meine Einkäufe hineinpacken, und treffe ich den Eigentümer auf dem Markte, dann kann ich ihn ihm wiedergeben.« Darauf ging der reiche Mann auf den Markt und fragte jeden, ob er einen Korb vermisse, aber niemand meldete sich. »Schön,« sagte der reiche Mann, »dann gehört er mir, ich werde meine Einkäufe hineinpacken und ihn mit nach Hause nehmen; wenn ihn jemand beansprucht, mag der zu mir kommen und ihn sich holen.« Und der reiche Mann packte alle seine Einkäufe hinein: Betelnüsse, Kalk, Kuchen, Fische, Reis und Bananen, bis der Korb voll war; wie nun der Mann sich noch ein Weilchen mit seinen Freunden unterhielt, verschwand der Korb und begab sich nach dem Hause der faulen Frau. Als er noch ein Stückchen vom Hause ab war, rief er die faule Frau. »Nun komm' her, komm' her und hilf mir, ich kann das Gewicht nicht allein schleppen.« Da ging die Frau zum Korbe hinaus, obschon sie dem Weinen nahe war, daß sie dies tun mußte, und holte ihn heim. Als sie sah, was für schöne Sachen darin lagen, meinte sie: »Das ist ja ein herrlicher Korb, aber vielleicht will er seinen Lohn dafür haben. Jedenfalls kann ich, wenn das immer so geht, ein recht gemütliches Leben führen. Ich brauch' den Korb doch nur an den Weg nach dem Markte zu setzen.« So setzte die Frau denn an den Markttagen den Korb immer an den Weg hin, und stets kehrte er gefüllt nach Hause zurück.

Sechs Leute betrog er auf diese Weise um ihr Eigentum. Nun machte es sich, daß die Sechse, die so ihre Habe eingebüßt hatten, den Korb wieder trafen, als sie zum siebenten Male zu Markte zogen. Sie erkannten den Betrüger sogleich wieder. Und diesmal sammelten sie Kuhfladen zusammen und füllten den Korb damit bis oben hin an. »Denn,« sagten sie, »dieser Korb ist ja ein abgefeimter Schurke.« Der volle Korb wanderte nicht auf den Markt, sondern begab sich nach Hause. Als die faule Frau ihn kommen sah, eilte sie zum Hause heraus. Als sie aber sah, daß er voller Kuhfladen war, schrie sie laut auf: »O, nun werde ich sterben müssen, denn der Korb bringt mir ja nichts mehr zu essen.« Und wirklich, fortan brachte der Korb nichts mehr vom Markte heim.

Hambruch, Paul
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Eugen Diederich, Jena 1922

Montag, 5. Dezember 2016

Wie aus dem Wolf was Nützliches wurde


Jetzt aber raus, dachte sich der Wolf und sprang aus dem Fenster, bevor der
Jäger ihn sah. Wat is los? Steht da plötzlich so ein kleines Mädchen
mitten aufm Weg vor ihm.
"Hömma, jetz is Schluss mitten auffressen vonnne Omas anderer Leute."
"Äh" sagte er Wolf. Dat Mädchen wedelte mit sonnen Stab inne Luft, und ratzfatz war dat Untier weg un stattdessen stand da wat ganz nützliches vor ihr aufm Weg. Steckt sie inne Tasche und macht seitdem lecker Spritzgebäck mit dem Wolf, durch den sich allet drehen ließ. Auch Plätzkenteig. Der alte Wolf, innen drin, dreht immer noch durch.

Amos Ruwwe

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Der Märchenerzähler erzählt eine neue Geschichte

Wenn die Dämmerung kommt und die meiste Arbeit gemacht ist, gehen alle auf den Markt, von dem sich die Händler dann bereits zurückgezogen haben. Mitten auf dem Platz aber sitzt der Märchenerzähler und sobald alle sich um ihn herum versammelt sind, beginnt er, seine Geschichten zu erzählen. Er kennt viele Geschichten, die Zuhörer haben sie alle schon gehört, weil sie immer wieder kommen und es ihnen nie langweilig wird, sie ein zweites, ein drittes oder ein viertes Mal zu hören.

Doch heute sitzt der Erzähler lange still. Niemand traut sich etwas zu sagen oder zu fragen. Mal räuspert sich hier eine, mal hustet dort jemand. Irgendwann beginnt der Erzähler doch, mit geschlossenen Augen und mit einer ganz neuen Geschichte.

Eines Tages, so erzählt er, kam die Wahrheit an eine Wegkreuzung, und wusste nicht weiter. Jeder den sie fragte, gab ihr eine andere Antwort. Der eine sagte »links gehen«, eine andere behauptete »rechts ist der richtige Weg«. Ein noch junger Mann rief emphatisch: »Nur geradeaus führt der Weg ins Neue!« und ein altes Männlein wollte die Wahrheit sogar zurückschicken, weil direkt voraus das größte Unheil zu erwarten sei. Da stand sie nun, die Wahrheit, und wusste nicht, wem sie glauben sollte. Da ihr selbst die Lüge fremd war, galt alles, was andere sagten, für sie so, als hätte sie es selbst gesagt. Was tun? Gleichzeitig nach links, rechts, vorne und hinten ging nicht. Am liebsten wäre sie nach oben weg, weil das niemand vorgeschlagen hatte, aber fliegen konnte sie nicht. Seufzend ließ sie sich auf einen Stein am Wegesrand nieder. Hier wollte sie bleiben. Da kam ein kleines Mädchen an die Kreuzung und sah die Wahrheit. »Warum gehst du nicht weiter«, fragte es, »bist du müde?« »Nein, müde bin ich niemals, aber ich kann nicht sehen, wo ich hin soll. Jeder gibt mir eine andere Richtung an und deshalb weiß ich nicht, welchem Rat ich folgen soll.« »Ist doch egal«, sagte das Kind. »Wo du hingehst, muss es richtig sein, denn wo die Wahrheit erscheint, muss das Falsche verschwinden.« Da lächelte die Wahrheit, nahm das Kind an die Hand und ging mit ihr gerade aus weiter. Doch schon im nächsten Ort kamen die Menschen schreiend gelaufen, schlugen die Wahrheit, prügelten das Kind und warfen die Geschundenen zur Stadt hinaus. »Was war das?« klagte die Wahrheit. »Ich weiß es auch nicht«, weinte das Kind. »Sie haben etwas von Fremden, die ihnen die Heimat wegnehmen und die Ordnung zerstören wollen« gerufen. »Aber das ist ja schrecklich«, sagte die Wahrheit, »wer sind denn diese Fremden.« »Ich glaube, sie meinten uns damit«, antwortete das Kind. Da war die Wahrheit sehr betroffen und beschloss, nicht mehr geradeaus zu gehen sondern lieber nach links abzubiegen. Doch sie kamen nicht weit, denn bald standen sie vor einem Zaun, der aus stacheligen Drähten gespannt war. Da hinüber konnte sie nicht kommen. Nun gingen sie in die andere Richtung, bis sie zu einer Mauer kamen, die so hoch war, dass sie nicht drüber hinweg sehen konnten. Bald standen sie wieder an der Kreuzung und seufzend machte sich die Wahrheit auf den Weg dorthin zurück, woher sie gekommen war. Aber auch das wurde ihr bald verwehrt. Menschen standen dort, mit Waffen und drohten, sie zu vernichten, wenn sie nur einen Schritt weitergehen würde. So kam es, das seit diesem Tag die Wahrheit an der Wegkreuzung sitzt. Viele Kinder haben sich zu Ihr gesellt, viele zerschunden und zerschlagen. Sie alle bleiben dort und warten auf den Tag, an dem sich alle Wege wieder öffnen werden. Doch wann wird das sein?

Der Märchenerzähler erhebt sich, verneigt sich in alle vier Himmelsrichtungen, und geht. Keiner hindert ihn. Aber es bleibt still auf dem Platz und beim nach Hause gehen gibt es kein fröhliches Gespräch, keine angeregte Unterhaltung, kein Wort zum Abschied. Jeder denkt über diese Fabel nach, die der Märchenerzähler heute das erste Mal erzählt hat.

Horst-Dieter Radke

Freitag, 23. Oktober 2015

Der Zauberteppich

In der Hauptmoschee zu Meschhed Hosseïn, der berühmten schiitischen Pilgerstadt, ist unter der Gebetsnische ein Teppich zu sehen, dessen Geschichte man folgendermaßen erzählt:

Zu Ijar, dem im ganzen Morgenland bekannten Teppichweber, kam Yussuf el Kürkdschü, der ebenso berühmte Musannif, um einen Teppich zu bestellen, der Eigentum seines Freundes Mazak, des jungen Kutubi, werden sollte. Ijar sprach:

»Ich habe eigentlich keine Zeit zu dieser Arbeit, jedoch weil du es bist, will ich sie übernehmen. Sie ist für Mazak bestimmt, dem meine Achtung angehört; darum werde ich dir nicht etwas Gewöhnliches, sondern das Beste liefern, was ich liefern kann.«

Nach einiger Zeit kam Yussuf el Kürkdschü wieder, um die begonnene Arbeit zu betrachten. Als er dies getan hatte, sagte er:

»Ich bin unzufrieden mit dir, o Ijar. Ich will ein Muster, das allen Leuten, besonders aber den Packträgern und Eselsjungen gefällt; du aber scheinst mich nicht verstanden zu haben.«

Da antwortete der Teppichweber:

»Du hast diese Arbeit für Mazak, den Kutubi, bestimmt, der weder Lastträger noch Eselsjunge ist, und wenn du glaubst, daß meine Kunst um das  Wohlgefallen der Verständnislosen zu buhlen habe, so irrst du dich. Laß mich machen, wie ich will; du wirst zufrieden sein!«

»Was ist es, was du willst?« fragte Yussuf.

»Einen Zauberteppich, der jeden Fuß, der ihn betritt, zum Pfad der Liebe lenkt. Ich webe ihn aus Fäden, die nie vergehen, sondern ewig währen.«

Diese Versicherung genügte dem Kürkdschü; er ging beruhigt fort. Aber als er nach einigen Tagen wiederkehrte, um die fortschreitende Arbeit in Augenschein zu nehmen, verfinsterte sich sein Angesicht, und er sprach:

»Ich sehe Gestalten, die mir nicht gefallen und auch keinem andern gefallen werden! Und ich sehe den Untergrund gefüllt mit Sprüchen der Weisheit, der Liebe und Barmherzigkeit, die das Auge des Beschauers stören. Ich bitte dich, ja nicht in dieser Weise fortzufahren!«

Da schaute der Weber ihn ernst an, schüttelte verwundert seinen Kopf und erwiderte:

»Ich habe dich für einen Kenner meiner Kunst gehalten und geglaubt, daß du Vertrauen zu mir hegest. Sollte ich mich geirrt haben? Willst du ein Werk von mir, so störe sein Entstehen nicht, sondern warte mit deinem Urteil, bis es fertig ist. Kannst du das aber nicht, so gehe in den Basar, wo man mit Schmerzen auf die Käufer wartet und heute verschachert, was morgen schon zerrissen wird.«

Der Kürkdschü entfernte sich schweigend. Er war nicht mit Ijar einverstanden, obgleich er ihm nichts entgegnen konnte. Aber als er zum drittenmal kam und seinen Blick auf den nun halbfertigen Teppich fallen ließ, rief er aus:

 »Maschallah! Was sehen meine Augen! Du füllst trotz meines Wunsches den Untergrund noch immerfort mit unwillkommenen Worten, und die Gestalten, die auf ihm entstanden sind, werden das Mißfallen jedes wahren Gläubigen erregen! Kürze das Werk und füge schnell den Rand hinzu! Da ich es bestellt habe, werde ich es behalten, obgleich es mir nicht gefällt. Zwar wird der Teppich nun kürzer als ich dachte, aber auf dem Basar sind genug andere zu haben, die ich für Mazak, den Kutubi, hinzufügen kann, damit er befriedigt werde.«

Da erhob Ijar sich von seiner Arbeit, lächelte wehmütig und sprach:

»So hast du also auch mir nur Ware des Basars zugemutet, und mich für einen Sohn gewöhnlichen Geschmacks gehalten! Wäre ich das, so säße ich bei den andern auf der Ladenbank und müßte mich wie sie um die Käufer heiser schreien. Aber ich webe nach Gedanken, die nicht zu kürzen sind, und wenn ich fertig bin, so haben diese Gedanken eine Tat vollbracht. Gehe getrost hin und kaufe da, wo du nun kaufen willst! Du brauchst meine Arbeit nicht zu behalten und nicht zu bezahlen. Nicht mein Geschäft, sondern Allah sorgt für mich!«

Yussuf el Kürkdschü entfernte sich zögernd, begleitet von der Ahnung, daß er töricht gehandelt habe. Ijar aber sandte den Teppich, als er ihn vollendet hatte, an El Akle, den weisesten der Kalifen. Dieser ließ ihn vor seinem Thron ausbreiten, rief die Großen seines Reiches zusammen und sprach, als sie vor dem Teppich standen:

»Betet die heilige Fatha, und laßt euch dann auf  dieses Gewebe nieder! Es wurde mir gesagt, daß es ein Teppich der Beratung sei. Ich will ihn prüfen.«

Da trat der Großwesir hervor und sagte:

»Wolltest du nicht die heilige Fahne des Propheten entfalten, um die Lehren des Islam auf den Spitzen unserer Schwerter hinaus in alle Welt zu tragen? Laß uns beraten, ob es der Wille Allahs ist!«

»Es sei euch gewährt,« antwortete der Kalif, »kniet auf den Rand des Teppichs, um zu beten!«

Sie gehorchten alle. Der Teppich war von grauer Farbe, und nichts, kein Spruch, kein Bild auf ihm zu sehen. Aber kaum sprachen sie dem Vorbeter die ersten Worte der Fatha nach, so begann er sich zu beleben. Der Spiegel des Gewebes füllte sich mit Dunkel, auf dem, goldig glänzend, Spruch um Spruch in der Reihenfolge erschien, in der sie von Ijar gewebt worden waren. Die grüne, wehende Fahne des Propheten wuchs hervor, und um sie scharten sich alle die Gestalten, die Yussuf el Kürkdschü nicht gefallen hatten: heulende und tanzende Derwische, Softas, Ulemas, Missionare, stürzende Säulen, Tempelmänner. Das alles kam und stand deutlich vor den Augen der Betenden, bis sie die letzten Worte der Fatha sprachen:

»Und führe uns nicht den Weg der Irrenden!«

Kaum waren diese Worte gesprochen, so begannen die Gestalten sich zu verwandeln, und zwar waren es grad so viel wie es Beter gab, und jeder von diesen hatte sein eignes Bild grad vor sich stehen, ihm ähnlich, zum Erstaunen ähnlich, aber doch das Zerrbild seines eignen Glaubens. Da sprang der Vorbeter erschrocken auf und rief:

 »Nein, nein, das bin ich nicht! O Allah, gib, daß ich ein andrer bin!«

Da stieg El Akle, der Kalif, von seinem Thron herab, stellte sich auf die Mitte des Teppichs und sprach:

»Ihr seid es alle, wie ihr euch hier seht. Es zeigt der Teppich euch die Züge eures Glaubens. Habt nun wohl acht, was jetzt geschehen wird!«

Sie sahen zu ihm auf, voller Erwartung, was nun geschehen werde. Sein Gesicht verwandelte sich; seine Gestalt wurde eine andre; nicht mehr der Kalif, sondern Ijar, der Weber, stand auf seinem Teppich. Er erhob gebieterisch seine Hand und sprach:

»Tretet zurück; ihr habt genug gesehen! Wenn dieser Teppich euch ein besseres Bild von eurem Glauben zeigt, dann ist es euch erlaubt, die Fahne des Propheten zu entfalten. Ihr seht jetzt meinen Geist, der hier bei seinem Werke lebt. Ich lege es in Allahs Tempel nieder. Geht hin, so oft ihr euch beraten wollt! Mein Geist wird dort euch stets die Wahrheit sagen!«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so war er wieder verschwunden und mit ihm der Teppich vor ihren erstaunten Augen. Am andern Tag aber verbreitete sich das Gerücht, daß in der Moschee zu Meschhed Hosseïn ein großer, grauer Teppich unter der Gebetsnische liege, den man dort nicht entfernen könne. Er sei unsichtbar über Nacht gekommen, und niemand habe ihn gebracht; es seien alle Wächter der Moschee bereit, dies zu beschwören.

Karl May

Dieser Text stammt aus dem Nachlass von Karl May. Näheres dazu hier

Mittwoch, 19. August 2015

Wilhelm & Jacob Grimm: Kinder & Hausmärchen


Die »Kleine Ausgabe« aus dem Jahr 1825 ist eine lohnende Anschaffung, nicht nur für Märchenfreunde. Warum, das ist dort ausführlich begründet.

Donnerstag, 18. Juni 2015

Der Wolf und die zwei Bauern




Der Wolf mußte mit Schaden und Schande von der Wohnung des Fuchses abziehen, aber heimkehren wollte er nicht eher, als bis ihm sein Schmuck, der Zagel, gewachsen wäre. Nun ging er allein auf Abenteuer aus, sobald ihn sein unbändiger Hunger dazu trieb; das war aber nicht sehr lange, denn von dem Hochzeitsschmause war ja fast nichts in seinem Bauche geblieben. "Das ist wahr", sprach er bei sich, "der schlimme Fuchs hat dir manchen guten Bissen verschafft, doch was, ich werde mir schon auch ohne ihn helfen, habe ich doch die Schliche und Mittelchen ihm abgelernt!"

Da sah er zwei Bauern auf einem Wagen, die rührten Säcke in die Mühle. "Ha!" dachte er, "das sind Fische, du willst es jetzt gleich so machen wie der Fuchs!" Er lief auf einem Seitenweg dem Wagen voran und legte sich wie tot an die Landstraße. Als der Wagen heranfuhr, sahen die Bauern den Wolf, und sie schnallten sofort ihre Hosenriemen fester und sprangen vom Wagen ab. Einer aber war gerade derjenige, der vom Fuchs geprellt worden, der winkte dem andern mit den Augen und dem Kopf und zeigte mit den Armen, er solle die Axt nehmen; er selbst nahm sich eine Wagenleiste. Sie traten leise hinzu: als sie nahe waren, führten sie zuerst einige gelinde Schläge. "Denn ist er tot", dachten sie, "können wir den Pelz unversehrt haben." Der Wolf ließ anfangs nichts merken und meinte. "Die wollen gewiß nur versuchen, ob du wirklich tot bist!" Als aber der eine sah, wie der Wolf mit den Augen zwinkerte und Atem von sich ließ, erhob er die Axt und versetzte ihm einen Schlag auf das Haupt, daß gleich das Blut hervorströmte; jetzt fühlte der Wolf, das sei kein Spaß, sprang heulend auf und rannte wie besessen davon.

Josef Haltrich (1822 - 1886)

Montag, 11. Mai 2015

Rapunzels Albtraum


Rapunzels Albtraum

Im Turm, im Turm
ich weiß es genau
da darbt und schmachtet
eine junge Frau.

Ihr Haar wächst lang
und immer länger
doch wird ihr dabei
auch immer bänger.

Denn was, so sagt sie
soll all dies Mühn.
wenn kein Fenster da ist
es heraus zu tün?

Kein junger Mann
wird kommen und schrein
dein Haar, herunter.
So lässt sie es sein.

HDR

Donnerstag, 8. August 2013

Die verrätherische Trompete

(c) Claus Müller

Im Süden Indiens lebte ein reicher Mann, der einen sehr einfältigen Sohn hatte. Nach dem Tode seiner beiden Eltern gelangte dieser junge Mann in den Besitz eines ansehnlichen Vermögens und heiratete ein treffliches Weib. Weil er nun ohne allen Umgang lebte und sehr beschränkten Verstandes war, kam er gar nicht nach aussen, band nie seinen Gürtel um, kurz er verliess zu keiner Zeit sein Haus. Da waren einmal bei einer Gelegenheit aus irgend einer Gegend her zahlreiche Kaufleute dahin gekommen, mit welchen die Frau einen Handel abschloss. Nachdem diese Kaufleute abgezogen waren, legte die Frau an jener Stelle das Gefieder eines Greifs nieder. Darauf sprach sie zum Manne: »Zwar verstehst du nicht zu handeln; warum aber sollte, wenn du geschäftig aus- und eingiengest, sich nicht etwas erwerben lassen? ist ja der zu erwerbende Gewinn für den Mann ein offenes Feld! Womit sollen wir, wenn das vom Vater überkommene Vermögen erschöpft ist, unser Leben fristen? Geh hinaus und wende dich nach jener Stelle, wo die Kaufleute gewesen«. Als der Mann diesen Worten gemäss ausgegangen war, fand er die zwei Flügel des Greifs und nahm sie in grosser Freude mit sich nach Hause. »Deine Worte«, sprach er zu seiner Frau, »sind wahr gewesen; sieh, ich habe das mitgebracht! Von morgen an will ich auf den Handel ausgehen; gib mir nur den nöthigen Vorrath auf den Weg mit«. Die Frau dachte bei sich: »Auch ohne zu bitten, wäre ihm das gewährt worden«, gab ihm die nöthigen Lebensmittel, lud ihm auf einen Esel Reis auf und mit der Anweisung den Reis zu verkaufen machte sie ihn reisefertig. Des andern Tages in der Frühe sattelte er den Esel und ritt davon. Er erreichte den Strand eines grossen Meeres und gelangte dort zu einer steilen Felswand, welche einer Räuberbande zum Aufenthalte diente. Während er in der hintern Ecke einer Felsenhöhle für seinen Esel einen Platz fand, kletterte er selbst auf ein Felsstück am Eingang der Höhle empor und setzte sich da nieder, seine Mahlzeit zu verzehren. Während er so dasass, kam eine Schaar Kaufleute. Am Eingang der Felsengrotte stappelten sie ihre Waaren auf, in einem Winkel am Ende derselben lagerten sich die Kaufleute selbst, ihre Trompete aber legten sie aus Furcht vor den Räubern über dem Eingang der Felsenhöhle nieder. Weil nun der einfältige Mensch, als er seine Mahlzeit verzehrte, sich gewaltig angegessen hatte, und gegenüber seinem Hintern, der einen Wind fahren liess, gerade die Öffnung der Trompete zu liegen gekommen war, so gab die Trompete einen mächtigen Schall von sich. Die Kaufleute, in dem festen Glauben, die ganze Räuberbande sei angekommen, liessen ihre Waaren im Stich und machten sich in hastiger Flucht auf und davon. Als er des Morgens in der Frühe sich erhob und nirgends auch nur einen Menschen erblickte, lud er sämmtliche zurückgelassene Waaren auf und kehrte damit nach Hause zurück. Alle Leute betrachteten ihn mit Staunen und sprachen unter einander: »Ist der doch reich und mächtig geworden! indem er so viele Feinde besiegt, hat er eine reichliche Beute davon getragen!« Doch seine Frau dachte: »So viel wegzunehmen, dazu hätte er die Kraft nicht im geringsten; wahrscheinlich ist er durch irgend eine Windbeutelei dazu gekommen; durch eine List will ich es schon herausbringen«. Während sie noch so bei sich dachte, sprach der Mann: »Ich will jetzt auf die Jagd gehen«, worauf die Frau sagte: »Wenn du gehen willst, so gerath nur nicht in die Gesellschaft böser Menschen«. »Für mich«, versetzte er, »dürfte nicht leicht jemand unüberwindlich sein!« Die Frau sprach: »Bei weitem stärker als du ist der Held Sûrja-Bagatur; mit ihm nimmst du es nicht auf; der wird dich erschlagen«. Doch mit den Worten: »Vor dem habe ich keine Angst!« setzte er sich auf ein vortreffliches Pferd und ritt davon. Seine Frau bestieg inzwischen ein treffliches Ross, zog Mannskleider an. gürtete sich ein Schwert um, und ohne sich ihrem Manne zu zeigen, kam sie auf einem Umwege ihm zuvor. Kaum hatte er sie nach einiger Zeit auf einer grossen Ebene erblickt, so ergriff er, ohne seine Frau zu erkennen, vor ihr die Flucht; doch die Frau eilte ihm nach, erfasste ihn und, ohne einen Laut von sich zu geben, zog sie das Schwert, holte damit aus und jagte ihm einen gewaltigen Schreck ein. Bogen und Pfeile sammt Ross, von welchem er abstieg, überreichte er ihr. Die Frau kam von ihrem Pferde herabgestiegen, setzte sich rittlings auf ihren Mann, und begann, indem sie so auf ihm sass, ihn wie ein Pferd anzutreiben. »Ach«, flehte er wiederholt, »tödte mich nicht, Bogen und Pfeile sammt Ross nimm hin«. »Nun denn«, sprach sie, »so führe deinen Mund mir mitten zwischen die Schenkel, dann will ich dich frei lassen«. »Deinem Worte werd' ich nachkommen«, sagte er, und nachdem die Frau ihre Beinkleider aufgenommen und die Scham sich hatte küssen lassen, liess sie ihn frei. Nachdem die Frau seinen Bogen und die Pfeile umgenommen und auf das Pferd gestiegen war, sprach der Mann ganz traurig: »Du bist gewiss der Held Sûrja-Bagatur!« »Ich bin es in der That«, versetzte die Frau und ritt zurück. Spät nach ihr in der Nacht kam auch der Mann nach Hause. Die Frau fragte: »Wo sind Bogen und Pfeile und dein Ross?« »Heute«, antwortete er, »bin ich mit dem Helden Sûrja-Bagatur zusammengetroffen; weil ich bis zu Ende des Tages mit ihm mich schlagend meine Kraft erschöpfte, so hat er mir Bogen und Pfeile sammt Ross weggenommen«. Die Frau röstete hierauf Getreidekörner zum Essen und setzte sie ihm vor. »Du musst mir«, sagte sie, »ausführlich erzählen, wie ihr beide mit einander gerungen habt?« Als er sich satt gegessen, sprach er: »Ausgenommen dass er bartlos ist, sieht er deinem Vater gleich«. Und als ihn die Frau weiter fragte, fuhr er fort: »Dieser Sûrja-Bagatur ist ein Mensch mit zwei Hintern, am übrigen Körper aber sieht er einem Weibe ähnlich«. Da brach die Frau in Lachen aus.

Bei diesen Worten der Erzählung rief der mit Glück und Wohlstand gesegnete Chân: »So war also das offenbar ein Mensch, der nicht einmal Weib und Mann von einander unterscheiden konnte!« Und Siddhi-K ýr versetzte: »Sein Glück verscherzend hat der Chân seinem Munde Worte entschlüpfen lassen!« und mit dem Ausruf: »In der Welt bleibe ich nicht!« flog er durch die Lüfte davon.


Bernhard Jülg
Mongolische Märchen
Innsbruck, 1868

Sonntag, 21. April 2013

Krieger, Barde und Taugenichts (3)



Gramgebeugt war der Baron, als er dies vernahm. Hatte er doch nun alle seine Söhne verloren. Und voller Entsetzen war der König, denn es waren nun nur noch drei Monate Zeit von der Jahresfrist verblieben.
Da trat aus dem Dunkel einer Ecke des Thronsaals ein Pferdeknecht hervor und kniete vor dem König nieder. Jung war er und hübsch, und seine Hände zitterten, als er sprach: »So erlaubt, edle Herren, daß ich losziehe, meine Brüder und die Prinzessin zu retten.« Solcherart waren seine Worte.
Da erst erkannte der Baron seinen jüngsten Sohn, der all die Zeit am Hofe des Königs als Knecht gedient hatte. Und Tränen standen in seinen Augen, als er ihn umarmte. Um keinen Preis wollte er ihn ziehen lassen, nun, da er ihn wieder gefunden hatte.
Der Jüngling jedoch senkte bescheiden den Kopf. »Eure Liebe war alles, was mir fehlte, mein Vater. Und gar sehr freue ich mich, daß Ihr mich wieder in Eurem Herzen aufnehmt. Doch nun laßt mich ziehen, denn es sind meine Brüder, und es ist meine Pflicht gegenüber dem König.«
Und da mußte der Vater ihn wohl oder übel ziehen lassen.
Mit Pferd, Schwert und Harfe zog der Jüngling los, und knapp vor Ablauf der Jahresfrist erreichte er das kleine Dorf am Waldesrand. Gar artig fragte er nach dem Weg, und so wies man ihn zu der alten Vettel im Wald und warnte ihn auch eilends vor ihr. Hielt man sie doch für eine Hexe.
»Zwei Weiden und eine Erle, die standen am Sumpf. Die Erle wurde größer, die Weiden verfaulten am Stumpf«, hörte er schon von weitem ihren Gesang, als er in den Wald hineinritt und hielt schnurstracks auf die alte Frau zu. Als er jedoch sah, wie schwer sie an ihren Eimern zu schleppen hatte, sprang er vom Pferd und eilte zu ihr, um ihr die Last abzunehmen. Und gar mitleidig bot er ihr den Rücken seines Pferdes an, damit sie nicht laufen müsse.
So geleitete er sie zu ihrer Hütte und brachte ihr das Wasser in die Küche. Es dunkelte schon, und die Hexe lud ihn ein zu bleiben. Schon bald saßen sie am Feuer und erzählten miteinander, und der Jüngling fragte das alte Mütterchen, warum sie jeden Tag einen solch beschwerlichen Weg auf sich nehme, um Wasser zu holen.
Da klagte ihm die Alte gar bitterlich ihr Leid, von der Quelle, die ihren Lauf geändert, so daß das Bächlein, das aus ihr entspringt, nun Stunden von ihrem Haus entfernt verliefe. Wiewohl doch nur einer in die Höhle am Berg klettern müsse, um den Stein dort zu entfernen, damit das Bächlein wieder seinen alten Lauf nehme, direkt an ihrem Hause vorbei.
Mitfühlend lauschte der Jüngling ihren Worten und schließlich konnte er nicht anders, als ihr helfen, obschon die Zeit bis zur Jahresfrist recht knapp bemessen war. So ritt er zum Berg und kletterte in die Höhle hinein auf der Suche nach dem Stein. Und als er diesen löste, blendete ein Licht seine Augen und Wasser sprudelte hervor und lief über seine Füße.
Als er schließlich die Augen wieder öffnete, stand eine durchscheinende Gestalt vor ihm, die mit der Stimme der alten Frau zu ihm sprach: »Habt Dank, daß Ihr den Fluch von mir genommen habt. Grausam war ich den Menschen gegenüber, so mußte ich jemanden finden, der aus Mitgefühl mir zu helfen bereit war und meinen wahren Geist aus der Quelle entließ. Drei Wünsche seien Euch deshalb gewährt. Doch wählt gut und entscheidet weise!«
»Ach«, seufzte der Jüngling eingedenk seiner knappen Zeit. »Ich wünsch mir nur, daß ich rechtzeitig vor Jahresfrist, die Burg erreichen würde, wo meine Brüder und die Prinzessin gefangen gehalten werden.«
»So sei es«, antwortete die Fee und verschwand, während der Jüngling augenblicklich in tiefen Schlaf versank.
Als er wieder erwachte, stand er mit seinem Pferd direkt vor den Toren der Burg, und es war der letzte Tag vor Ende der Jahresfrist. So erfüllte sich des Jünglings erster Wunsch.
Bereitwillig gewährte man ihm Eintritt, und der dunkle Herrscher lachte, als er den schlanken Jüngling sah, der als letzter gekommen war, ihn herauszufordern.
»So wollt auch Ihr mich fordern«, fragte er.
Der Jüngling nickte und erwiderte seinen Blick. »Wie von Euch gewünscht, fordere ich Euch vor Ablauf der Jahresfrist zum Zweikampf«, sagte er. »Sollt´ ich also gewinnen, so gebt meine Brüder und die Prinzessin frei. So ich aber verliere, gehört mein Leben Euch.«
»So werdet Ihr mein Sklave sein, wenn Ihr den Kampf verliert«, stimmte der dunkle Herrscher wohlgemut zu.
Und der Jüngling nickte stumm und ergeben, denn er sah seinen ältesten Bruder, beschwert mit Ketten, wie er Steine trug, und er sah seinen zweiten Bruder voller Schlamm und Dreck im Schweinestall der Burg.
Seines Sieges sicher baute sich der dunkle Herrscher vor ihm auf. Da zog der Jüngling sein Schwert, und ein Stoßseufzer kam über seine Lippen. »Ach, wenn ich doch nur diesen einen Kampf gewinnen könnte, damit meine Brüder und die Prinzessin frei würden.«
Dann klirrten die Waffen. Nur ein einziges Mal trafen ihrer beider Schwerter aufeinander, da geschah es, daß der Usurpator sein Schwert verlor, so daß der Jüngling das seine dem Gegner zum Zeichen des Sieges an den Hals setzen konnte. So erfüllte sich der zweite Wunsch des Jünglings.
Besiegt senkte der dunkle Herrscher den Kopf. »Was immer Ihr wünscht, es soll Euer sein«, knirschte er wütend. Aber bei sich dachte er: »Wenn er die Freigabe seiner Brüder und der Prinzessin wünscht, so soll er ihre toten Körper haben. Denn niemand wird mich besiegen!«
Der Jüngling jedoch dachte daran, wie seine Brüder betrogen worden waren und daran, wie sein Vater ihn verstoßen hatte, und senkte sein Schwert. »Ach«, sagte er dann, »das, was ich mir am meisten wünsche, könnt Ihr mir nicht geben. Denn ich wünscht´ mir nur, daß alle Menschen unserer beider Lande ehrlich zueinander sind und sich liebten und gegenseitig respektierten.«
Und so geschah es, daß der dritte und letzte Wunsch des Jünglings in Erfüllung ging.
Denn wie verwandelt erhob der dunkle Herrscher sich wieder und klopfte dem Jüngling auf die Schulter. »Seid mein Gast«, sagte er. Und sofort ließ er die beiden älteren Brüder befreien und waschen und neu einkleiden. Auch die Prinzessin ließ er rufen, und er veranstaltete ein großes Fest, bevor er die drei Brüder und die Prinzessin endlich ziehen ließ.

Groß war die Freude am Hofe, als die vier dort eintrafen. Hatte doch jeder schon das Land in der Hand des Feindes gewähnt. Der jedoch verhieß nun Frieden, und solange er lebte, stand er dem kleinen Königreich tapfer und treu zur Seite. Gute Zeiten sollten für das kleine Land anbrechen.
Der König schließlich war höchst erfreut über seinen wohlgeratenen und tapferen Schwiegersohn und richtete alsbald die Hochzeit aus, wiewohl seine Tochter den jungen Mann gar über alle Maßen liebte. Schon bei der Hochzeit dankte der alte König ab und überließ die Geschicke des Landes dem jungen Paar. Und der Jüngling ward der beste König, den das Land je hatte, denn er regierte mit Mitgefühl und Ehrlichkeit und hatte für jeden ein offenes Ohr. Sein ältester Bruder aber wurde zu seinem Leibgardist und der zweitälteste zu seinem Barden. Und gar oft lauschte der junge König dem alten König, und seiner Frau, der Prinzessin, sowie seinem Vater, dem Baron, um sich gute Ratschläge bei ihnen zu holen.
Denn um ein guter König zu sein, bedarf es nicht des Könnens eines Kriegers oder der glatten Zunge eines Barden - nur der Weisheit und Güte bedarf es, und über die verfügte der jüngste Sohn des Barons über alle Maßen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute...

Petra E. Joerns

Donnerstag, 18. April 2013

Krieger, Barde und Taugenichts (2)

 
Ach, groß war das Wehklagen am Hofe, als die schlechte Nachricht nach der Hälfte der Jahresfrist dort anlangte. Und wie grämte sich der Baron solcherart seinen Sohn verloren zu haben.
Da kam der zweitälteste seiner Söhne zu ihm und sagte: “Hört mein Vater, laßt mich ziehen, damit ich meinen Bruder befreien und die Hand der Prinzessin erwerben kann.”
»Ach«, wehrte der Baron ab, »wie willst du denn den dunklen Herrscher besiegen? Kannst du doch kaum mit dem Schwert umgehen.«
Doch der Barde lachte nur und antwortete: »Nicht mit dem Schwert werde ich ihn besiegen, Vater. Wohl aber mit einer List.«
Da ließ der Vater seinen zweiten Sohn schwergemut ziehen.
Auch der Barde gelangte nach Wochen und Monaten endlich in das kleine Dorf am Waldesrand, wo man ihn zu der alten Vettel verwies. Doch der Barde zog nicht gleich weiter, er hörte sich um im Dorf und sprach mit den Leuten. Er umgarnte sie mit Worten und Liedern, bis er endlich erfuhr, daß die alte Frau wohl eine Hexe war. »Ach«, dachte er, »gut das zu wissen. Nun ist es wohl recht günstig, die Alte zu umgarnen, damit sie mir ihr Wissen preisgibt.«
So zog er in den Wald und traf auch recht bald auf die Alte, die singend mit zwei Eimern Wasser beladen seinen Weg kreuzte. »Zwei Weiden und eine Erle, die standen am Sumpf. Die Erle wurde größer, die Weiden verfaulten am Stumpf«, sang sie, als der Barde sie unterbrach.
»Erlaubt mir, Euch zu begleiten«, lächelte er und bot ihr seinen Arm. Ihre Eimer jedoch trug er nicht. Und die Alte dankte ihm und ließ sich von ihm zu ihrem Haus geleiten. Dort bewirtete sie den jungen Mann gar fürstlich und der spielte als Dank seine Lieder für sie. So erfuhr er bald auch den Weg und auch was seinem Bruder widerfahren war. Gar höflich dankte er der Frau, bevor er weiterzog, doch die Warnung, die sie ihm nachrief, hörte er nicht mehr: »Gebt acht und laßt Euch auf keinen offenen Kampf mit ihm ein!«
Schon bald stand er vor den gewaltigen Toren der Burg und freudig gewährte man ihm Einlaß, denn Barden sind allenthalben gern gesehene Gäste. So spielte er und sang an der Tafel des dunklen Herrschers und sagte kein Wort davon, woher er kam. Es dauerte nicht lange, bis er das Zimmer fand, wo man die Prinzessin eingekerkert hatte. Und auch seinen Bruder fand er, der in Ketten gehüllt Steine schleppte zum Bau eines Schuppens. Dies erbitterte den Barden sehr.
Der dunkle Herrscher jedoch durchschaute die Maskerade des Barden und ließ ihn festnehmen. »Hört«, sagte er zu dem Barden. »Ihr habt die Wahl. Entweder ich lasse Euch in meinen tiefsten Kerker sperren für Euren Verrat oder ich fordere Euch zum Kampf. So Ihr jedoch verliert, sollt Ihr mein Sklave sein.« So sprach der Dunkle, denn er war sich seines Sieges sicher.
Der Barde jedoch lächelte nur, war er doch auf einen Kampf vorbereitet. Denn eingedenk der Niederlage seines Bruders hatte er sich das Pülverchen verschafft, daß diesen seiner Kraft beraubt hatte. »Gerne nehme ich Eure Herausforderung an«, antwortete er daher, »doch zuerst laßt uns miteinander speisen, wie es die Gastfreundschaft verlangt.«
Da lachte der Usurpator nur und sagte: »Lange genug habt Ihr an meiner Tafel gespeist. Nun aber sollt Ihr kämpfen.«
Nichts konnte der Barde tun, um dem anstehenden Kampf noch aus dem Wege zu gehen, hatte er ihm doch schon zugestimmt. Und so kam es, daß auch der zweite Sohn des Barons als Sklave des dunklen Herrschers endete.



Fortsetzung folgt
Petra E. Joerns

Mittwoch, 17. April 2013

Krieger, Barde und Taugenichts (1)

 
Es war einmal …

… ein Baron, der diente treu und ergeben seinem König. Er war nicht reich. Denn nicht jeder Baron schwimmt in Gold. Sein einziger Reichtum waren seine Burg, die zugegebenermaßen schon recht baufällig war, die Freundschaft seines Königs und seine drei Söhne, auf die er recht von Herzen stolz war.
So hatte der älteste der drei in kürzester Zeit mit viel Stärke und Entschlossenheit das Waffenhandwerk erlernt und war schon in jungen Jahren zum besten Krieger der bekannten Lande geworden. Wiewohl Mitgefühl ihm fremd war und er ob seiner vierschrötigen Gestalt und seiner groben Manieren nicht wenige der vielen Damen, die sich ihm zu nähern wagten, vergraulte, war er überall im Land berühmt und geachtet.
Der zweite der Söhne hatte recht bald bemerkt, daß er es in Stärke und Waffengeschick nicht mit seinem älteren Bruder aufnehmen konnte und hatte darob das Spielen der Harfe erlernt. Aufgrund seiner geschickten Finger und seiner glatten Zunge war er bald als bester Barde im weiten Land gerühmt, wenn er es auch mit der Ehrlichkeit nicht so ernst nahm und mehr Frauenherzen brach, als es schicklich war.
Der Jüngste jedoch war ein rechter Träumer. Er lernte das Waffenhandwerk, doch obwohl er geschickt und schnell war, war er doch zu mitfühlend, um je ein guter Krieger zu werden. Auch konnte er zwar der Harfe die süßesten Melodien entlocken und die schönsten Geschichten dazu erzählen, doch war er zu ehrlich und direkt und schaffte sich damit bei Hofe keine Freunde.
So unbestimmt war sein Geschick, daß sein Vater es schließlich nicht mehr mitansehen konnte und er ihn an seinem sechzehnten Geburtstag zu sich rufen ließ.
»Höre mein Sohn«, sagte er zu ihm. »Du wirst nun bald zu den Männern zählen, darum sage mir, was aus dir werden soll. Willst du ein Krieger werden oder ein Barde? Ach, es wäre mir recht egal. Doch allein ich sehe nicht, daß du dich für eines entscheiden könntest.«
Der Jüngling sah ihn recht betroffen an und schämte sich, doch eine Antwort konnte er seinem Vater nicht geben, denn er hatte keine. So bat der Sohn seinen Vater um Geduld, weinte sogar, um ihn wohlgesonnen zu stimmen. Jedoch dem Baron überkam die Wut und in seinem Zorn schickte er seinen Sohn fort, auf daß er in der weiten Welt zu einer Einsicht gelangen möge. Nur ein Pferd gab er ihm mit, Schwert und Harfe und etwas Geld, damit er nicht hungern müsse, bis er seine Entscheidung getroffen habe.
Und so zog der jüngste der drei Söhne des Barons in die Welt hinaus.

Drei Jahre gingen ins Land, in denen der Vater nichts mehr von seinem jüngsten Sohn hörte und schon dauerte ihn, daß er ihn fortgeschickt hatte. Da begab es sich, daß ein Usurpator den Thron des Nachbarreiches bestieg, und das kleine Königreich mit Krieg überzog. Der König rief seine Recken zusammen und stellte sich dem feindlichen Heer, als Schreckliches geschah und die Tochter des Königs von dem dunklen Herrscher entführt wurde. Noch entmutigender war die Nachricht, die der Dunkle dem König überbringen ließ. Wollte er doch die Prinzessin in Jahresfrist ehelichen und sich das Land untertan machen, wenn es niemandem zuvor gelingen sollte, ihn im Zweikampf zu besiegen. Und der dunkle Usurpator war ein gar schrecklicher Krieger.
Ach, groß war das Wehklagen des Königs, als er davon erfuhr, und voller Entsetzen hörte es auch der Baron. »Was soll ich nur tun?« jammerte der König, und der Baron als sein treuester Ratgeber mußte nicht lange überlegen.
»Schickt Eure Recken und Krieger hinaus, mein König«, antwortete er, »und versprecht ihnen Ruhm und Gold für die Errettung der Prinzessin. So wird sich wohl einer finden, der das Wunder vollbringen kann.«
Und so tat es der König, und die Recken zogen aus, die Prinzessin zu retten. Gar viele waren es, und nur wenige kehrten zurück. Viele fanden die Burg des Gegners gar nicht, so versteckt lag sie. Andere wiederum wurden auf dem Weg dorthin getötet. Die meisten jedoch verirrten sich, und fanden nicht wieder zurück. Voller Gram lauschte der König den schlechten Nachrichten, die ihn allenthalben erreichten, und so gingen drei Monate ins Land, und es tat sich nichts. Die Söhne des Barons jedoch blieben am Hofe.
»Was soll ich nur tun?« wehklagte der König sein Leid.
»Hört«, antwortete der alte Baron, »Gold und Ruhm vermögen die tapfersten Recken Eures Landes nicht zu locken. Die Belohnung muß wohl besser sein, damit die besten Krieger Eures Landes losziehen, Eure Tochter zu retten.«
Die Worte klangen weise und so fragte der König: »Aber um wieviel höher soll die Belohnung denn bemessen sein, um ihren Zweck zu erfüllen?«
Der Baron überlegte nicht lange, hatte er doch genau diese Frage erwartet. »Gebt dem Retter die Hand Eurer Tochter«, sagte er daher nur und schwieg hernach.
Lange dachte der König über die Worte des Barons nach. Drei Tage vergingen, bevor er seine Entscheidung endlich verkündete, die lautete, daß der Retter seiner Tochter, ihre Hand erhalten würde. Da schickte der Baron nach seinem ältesten Sohn und sprach zu ihm: »Nun geh, mein Sohn! Denn wenn du die Prinzessin errettest, wirst du der Schwiegersohn des Königs sein.« Und der Sohn ging.
Lange wanderte der Krieger durch die Lande, Wochen und Monate verstrichen, bis er schließlich ein kleines Dorf am Rande eines großen Waldes erreichte. Dort endlich konnten die Leute ihm sagen, daß die Burg des dunklen Usurpators wohl im Herzen des Waldes läge. Doch allein die alte Vettel in ihrer kleinen Hütte im Wald wüßte wohl den Weg dorthin.
Der Krieger zögerte nicht lange und ritt in den Wald hinein. Er war noch nicht weit gekommen, als er den Gesang einer alten Frau hörte, die mit zwei Eimern voller Wasser seinen Weg kreuzte. »Zwei Weiden und eine Erle, die standen am Sumpf. Die Erle wurde größer, die Weiden verfaulten am Stumpf.« So ging ihr Lied.
Allein den Krieger quälte die Ungeduld, und so rief er grob: »Heh, alte Vettel! Wo ist der Weg zur Burg des dunklen Herrschers?« Und als die Frau vor Schrecken nicht gleich antwortete, hob er das Schwert an ihren Hals, bis sie ihm endlich zitternd und stotternd den Weg wies. »Hütet Euch vor seiner Hinterlist«, warnte sie den Eiligen noch, doch er hörte sie schon nicht mehr.
Bald darauf gelangte er auch schon an der Burg an und verlangte Eintritt. Bereitwillig ließ man ihn ein, und schon bald stand der Krieger vor dem dunklen Herrscher. Er schlug mit seinem Schwert auf den Schild und schrie ihm seine Herausforderung entgegen.
»Gerne nehme ich Eure Herausforderung an«, antwortete der Dunkle, »seid Ihr doch ein würdiger Gegner. Doch erlaubt mir Euch meine Gastfreundschaft anzubieten und speist zuerst mit mir, so wie es sich geziemt.«
Der Krieger war zwar ungeduldig auf den Kampf, doch er gab nach und ließ sich an die Speisentafel geleiten, wo ihm die leckersten Speisen und Getränke aufgetischt wurde.
Allein er merkte nicht, wie die Diener auf Geheiß ihres Herrn ein Pulver in seinen Wein mischten. Wußte der Dunkle Herrscher doch allzu gut, daß sein Herausforderer der beste Krieger der bekannten Lande war. So gab er ihm ein Pulver zu trinken, daß seine Muskeln erlahmen lassen sollte.
»Was ist Euer Preis, solltet Ihr verlieren«, fragte der Dunkle den Krieger beim letzten Krug des roten Weines.
»Mein Leben soll Euch gehören«, antwortete da der Krieger ohne Zögern und hob den Krug.
»So sei es«, nickte der Dunkle, »solltet Ihr verlieren, so werdet Ihr mein Sklave sein.« Und er prostete dem Krieger zu. So bekräftigten sie ihr Abkommen.
Doch schon bald begann das Pulver zu wirken, die Muskeln des Kriegers erlahmten und der Krieger wurde so schwach, daß er kaum noch aus eigener Kraft stehen konnte. Jetzt erst erkannte er die Hinterlist seines Gegners, obschon es zu spät war. Und so kam es, daß der Krieger seinen Kampf verlor und zum Sklaven des dunklen Herrschers wurde.



Fortsetzung folgt


Sonntag, 14. April 2013

Die zwölf Statuen


 
Es war einmal ein Steinmetz, der bekam vom König den Auftrag ihm die perfekteste Frauenstatue zu meißeln, die es je unter der Sonne gegeben hatte. Der König wusste natürlich, wem er diesen Auftrag in die Hände gelegt hatte. Es war einer seiner begabtesten Bildhauer im ganzen Reich.
Der Bildhauer machte sich also an die Arbeit und kam recht gut voran. Einzig und allein im Gesicht der Schönen begann er sich gewissermaßen fest zu klopfen. Wenn er mit halb geschlossenen Augen zurücktrat und blinzelte, mochte das Antlitz schon durchgehen aber wenn er genauer hinschaute, bemerkte er dass der Mund noch ein wenig zu schief, die Nase zu kurz und die Augenbrauen zu tief angesetzt waren. Er konnte dieses Kunstwerk keinesfalls dem König anbieten. Darüber geriet er in eine derartige Wut das er mit seinem Meißel und seinem Hammer auf sein Werk losging, um es restlos zu zerstören. In diesem Moment sprach die Statue zu ihm: »Lass gut sein Meister, lass mich unversehrt, stell mich einfach in die hinterste Ecke deiner Werkstatt und fange noch einmal von vorne an.« Es fiel dem Steinmetz sehr schwer, denn er mochte die Fehler an seiner Arbeit nicht wieder und wieder sehen, aber er befolgte den Rat der Steinfrau, bezwang seine Wut und tat wie ihm die Statue geheißen.
In den folgenden Wochen meißelte der Steinmetz insgesamt noch elf weitere Frauenbilder, von denen der jeweils, sobald er einen unwiderruflichen Makel bemerkte, seine Arbeit unterbrach, aufhörte und die misslungene Steinfrau zu der ersten in die Ecke schob.
Schließlich und endlich gelang es ihm, mit der zwölften Statue die Frauenskulptur in Stein zu meißeln, der es an nichts mehr fehlte und die in seinen Augen keinen Makel mehr aufwies. Erleichtert, stolz und zufrieden benachrichtigte er den König, er könne nun sein Werk besehen und es abholen lassen. Der König kam höchstpersönlich in die Werkstatt und sah, als der Steinmetz das Tuch vom letzten Kunstwerk herunterzog, die anderen elf Versuche im hinteren Teil der Werkstatt.
»Was ist das?« Fragte der König den Steinmetz, ohne einen genaueren Blick auf die zwölfte zu werfen
»Das sind meine verfehlten Versuche.« Der Steinmetz schämte sich ein wenig dafür, dass jemand anderes all die Stümpereien entdeckt hatte.
»Stell sie hier auf!«, befahl der König »Ich möchte sie alle einmal sehen.«
Nachdem der Steinmetz die Reihe der weißen Frauen in seiner Werkstatt aufgestellt hatte, schritt der König das Spalier der Stein gemeißelten Schönen auf und ab, begutachtete diese, berührte jene und blieb hier und da stehen, um nachdenklich den Kopf zu wippen.
»Ich kann mich nicht entscheiden, lieber Steinmetz, die Auswahl ist zu groß und mal gefällt mir das Gesicht der einen mehr, und ein andermal die grazile Haltung der Anderen, jetzt wiederum zieht mich das Lächeln jener dort an.«
Der Steinmetz zuckte mit den Schultern und wartete ab, was sein Auftraggeber entscheiden würde. Da fuhr König fort: »Du bist der Meister, lieber Steinmetz, und darum frage ich dich: welche von den Frauen hier ist für dich die Schönste?«
Schon wollte der Steinmetz auf die Zwölfte zeigen, da fiel ihm auf, dass ihn der König nicht nach der makellosesten, sondern nach der schönsten Frau seiner Sammlung gefragt hatte. Sein Blick fiel auf das Lächeln, dass ihn damals so in Wut versetzt hatte, weil es ein wenig zu schief geraten schien und er antwortete ohne zu Zögern: »Die Erste.«

Freitag, 12. April 2013

Kalle Knickohr


Kalle Knickohr, das Kaninchen, saß auf der Wiese und schaute sehnsüchtig den großen runden Strohballen an. Das Stroh duftete herrlich. Nach milden Sommerabenden und Sonnenschein. Doch der Sommer war zu Ende und Kalle brauchte dringend ein warmes Polster für seinen Bau und etwas zum Knabbern in den kalten Wintermonaten. Er hatte schon alles versucht, um den mächtigen Rundballen in seinem Bau unterzubringen. Rollen, schieben, zerren, drücken, nichts hatte geklappt. Kalle hatte den Strohballen keinen Millimeter vom Fleck rücken können. Da kam der Esel des Weges.
»I-ah, hallo Knickohr. Was schaust du denn so enttäuscht?«
»Ach Graufell, ich würde gerne den Strohballen in meinen Bau bringen, aber ich bin nicht stark genug«, antwortete das Kaninchen.
»Ich würde dir ja gerne helfen, aber ich bin vom Grasen auf der Weide schon so erschöpft, dass ich kaum noch einen Huf vor den anderen setzen kann.«

Eine Maus, die das gehört hatte, lachte laut fiepend los: »Was bist du nur für ein faules Tier, Graufell.«
Der Esel iahte empört und trottete davon. Das Mäuschen aber sagte zu Kalle Knickohr: »Was ein großer fauler Esel nicht schafft, dass schaffen emsige kleine Mäuschen im Handumdrehen. Warte einen Augenblick.«
Sie huschte davon und kam einige Augenblicke später mit unzähligen anderen Mäusen zurück. »Wir helfen dir, wenn du das Stroh mit uns teilst«, sagte die Maus.
Kalle war einverstanden und so machten sich die Mäuse ans Werk. Wie graue Schatten huschten sie über das Feld, machten sich über den Rundballen her und schleppten kleine Bündel aus Strohhalmen zum Bau des Kaninchens. Als dessen Vorratskammern prall gefüllt waren, war noch genug übrig um auch die Schlafhöhlen der Mäuse behaglich auszupolstern. Am Abend kuschelten sich alle gemütlich in ihr Stroh. Kalle streckte sich und seufzte wohlig: »Erstaunlich, was viele kleine Pfoten mit der richtigen Idee alles vollbringen können.«
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