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Mittwoch, 3. Juli 2019

Der überlistete Löwe

Der Löwe grollte dem Schakal, weil er ihm einen Streich gespielt hatte. Der Schakal wich daher vorsätzlich dem Löwen aus. Der Löwe aber überraschte ihn eines Tages am Fuße eines Felsen, wo an kein Entwichen zu denken war. Pfeilschnell jedoch sprang der Schakal an den Felsen heran, stellte ich mit dem Vorderfüßen gegen denselben und schrie aus vollem Halse den Löwen um Hilfe an. »Was gibt’s?«, fragte der Löwe. »Gibt’s!«, erwiderte der Schakal, »siehst Du denn nicht, daß der Felsen im Einsturz begriffen ist? Komme her, stelle Dich gegen ihn und halte ihn, bis ich einen Stock geholt habe, um ihn damit zu stützen.« Der Löwe that, wie geheißen und so entkam ihm der Schakal.

Erstes Buch
Reineke Fuchs in Südafrika
oder
Hottentottische Fabeln, Sagen und Märchen
Meist nach Originalhandschriften der Rheinischen Missionare
G. Krönlien und J. Rath

Montag, 29. April 2019

Der Hahn

Der Hahn, so sagt man, wurde einst vom Schakal beschlichen und gepackt. Da sprach der Hahn: »Willst Du nicht erst beten, ehe Du mich tödtest, wie der weiße Mann thut?« Der Schakal erwiderte: »Wie macht er es denn, wenn er betet? Nun?«
»Er faltet die Hände«, sagte der Hahn. Da faltete der Schakal die Hände und betete. Der Hahn sprach wiederum: »Du guckst ja umher; mach’ doch die Augen zu!« Das that der Schakal, der Hahn aber flog auf und schalt ihn, indem er rief: »Du Schelm! Betest Du auch?«
Da saß der Schakal sprachlos, weil er überlistet war.

Dr. W. H. I. Beleg
Reineke Fuchs in Afrika
Fabeln und Märchen der Eingeborenen

Donnerstag, 4. April 2019

Die Hyäne und die Schlange

Ein Holländer, der allein seines Wegs ging, sah eine Schlange unter einem großen Steine liegen. Die Schlange bat ihn um Hilfe, aber als er sie befreit hatte, sagte sie: »Nun will ich Dich fressen!« Der Mann antwortete: »Das ist aber nicht recht! Laß uns erst zum Hasen gehen!«
Als dieser die Geschichte gehört hatte, sagte er: »Das ist ganz recht!« »Nein!« sagte der Mann, »laß uns die Hyäne fragen!« Die Hyäne sagte dasselbe: »Das ist ganz recht!« »Nun laß uns noch den Schakal fragen!« schrie der Mann in seiner Verzweiflung.
Der Schakal schüttelte bedächtig sein Haupt, zog die ganze Geschichte in Zweifel und verlangte erst den Ort zu sehen, um beurteilen zu können, ob der Mann wirklich im Stande sei, den Stein zu heben. Die Schlange legte sich dann nieder, und zum Beweise der Wahrheit legte der Mann den Stein wieder auf sie. Als sie nun wieder fest lag, sagte der Schakal: »Nun laß sie nur liegen!«

Reineke Fuchs in Südafrika
oder
Hottentottische Fabeln, Sagen und Märchen
Meist nach Originalhandschriften der Rheinischen Missionare
G. Krönlien und J. Rath

Samstag, 13. Januar 2018

fabuloes als Buch


Nun gibt es »fabuloes« nicht nur als Blog, sondern auch als Buch und E-Book. Das Schönste aus den mehr als 1.300 Postings dieses Blogs themenorientiert zusammengestellt. Während der Blog nach wie vor gut zum stöbern ist, lädt das Buch zum schmökern ein. Natürlich wird der Blog weitergeführt. Fabeln, Parabeln und fabelhafte Beiträge gibt es noch genug.

Montag, 7. November 2016

Wildschwein und Frosch schwimmen um die Wette

Lambo, das Wildschwein, begegnete eines Tags am Rande eines Reisfeldes Boketra, dem Frosch. Der Große sah auf den Kleinen herab und sagte: »Verhalte dich ruhig und plantsche nicht im Wasser, wenn du dabei soviel Lärm machen mußt!« – »Mein Lieber,« antwortete Herr Boketra, »ist's auch schon recht, daß du der Große bist, so verbitte ich's mir doch ernstlich, so anmaßend zu mir zu sprechen. Bist du wirklich so stark wie du scheinst? Laß uns einmal unsere Kräfte im Schwimmen messen.« – »Halt den Mund und belästige mich nicht obendrein. Ich nehme es mit hundert deinesgleichen auf.« – »Gewiß, sehr wohl! Ich weiß, daß du sehr kräftig bist. Aber vielleicht bin ich dir doch im Schwimmen über.« – »Schön, einverstanden! bei Neumond treffen wir uns wieder, jeder bringt seine Angehörigen mit, die dann dem Austragen des Wettstreites in der Großen Lagune in Amparihilara zuschauen sollen.«

Vor dem Kampfe dachte sich nun Boketra eine List aus. Er bat mehrere andere Frösche, sich hier und dort in der Lagune, wo die Schwimmer vorbei mußten, zu verstecken, und etwa von Herrn Lambo gestellte Fragen richtig zu beantworten.

Als die beiden Gruppen beieinander waren, hielten ihre Führer einen Rat ab, um zu beschließen, was mit dem Besiegten geschehen sollte. Man kam überein, daß er mit seiner ganzen Familie hinzurichten wäre. Dabei darf man nicht vergessen, daß die Wildschweine durchaus nicht glaubten, daß eine Niederlage ihres Kämpen überhaupt möglich war.

Die Schwimmer starteten also. Der eine verließ sich allein auf seine Kraft; er schwamm mit kräftigen Stößen vorwärts, und das Wasser spritzte um ihn hoch auf; der andere hielt sich zurück. Herr Lambo befand sich bald mitten im See. Seine Verwandten feuerten ihn durch Zurufe an. Doch fühlte er sich plötzlich matt und matter werden; er wandte den Kopf nach rechts, nach links, um zu sehen, wieviel er wohl seinem Gegner voraus war. Sofort rief ihm ein Frosch zu: »Na, noch ein bißchen und du hast ihn um ein gutes Stückchen überholt.« – »Wo steckt denn mein Gegner?« fragte das Wildschwein. »Hier bin ich!« antwortete hinter ihm ein anderer Frosch. Da begann das Schwein mit verstärkter Anstrengung wieder weiter zu schwimmen.

Ein wenig später wiederholte sich das gleiche Spiel. Als der erschöpfte Herr Lambo den Mund öffnete, um sich nach seinem Gegner zu erkundigen, drang ihm das Wasser in den Schlund, und er ertrank.

Die anderen Schweine, die am Ufer zurückgeblieben waren, wurden durch den plötzlichen Tod aufs höchste überrascht. Wütend über die Frösche, die dem Sieger zujubelten, wollten sie sich auf die kleinen Kerle stürzen, um sie zu verschlingen; doch die sprangen sämtlich ins Wasser und entkamen so ihren Feinden. Seither sind Frösche und Schweine keine Freunde mehr gewesen.

Hambruch, Paul:
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde.
Jena, Eugen Diederich, 1922.

Mittwoch, 11. November 2015

Kuh und Bache

Kuh und Bache wohnten, so geht die Mär, zusammen in einem geruhigen Tal. Sie bekamen zur selben Zeit Junge. Sprach die Bache zu ihrer Gefährtin: »Schau, wie fruchtbar ich bin, und wie viel schöner ich mit meinen vielen Kleinen bin als du!« Die Kuh antwortete: »Laßt uns ins Dorf gehen und den Leuten unsere Nachkommenschaft zeigen; wer von uns verhöhnt wird, soll die Häßlichste sein.« Die Bache willigte ein, und beide begaben sich auf den Weg. Die Kuh trabte zuerst durch die Gassen; als die Leute sie sahen, sagten sie: »Schaut mal, welch herrliche Kuh! Seht, was für ein niedliches Kälblein sie bei sich hat!« Die Bache folgte ihr unmittelbar; als die Leute sie sahen, höhnten sie und riefen: »Seht einmal das garstige Wildschwein an!«

Daher trägt das Wildschwein stets den Kopf zum Boden gesenkt; es schämt sich der Worte der Menschen. Die Kuh aber hält das Haupt hoch empor, denn sie ist auf die Schmeicheleien stolz.

Paul Hambruch
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
 Jena: Eugen Diederich, 1922.

Montag, 10. August 2015

Mensch und Mücke

Herr Olombelona und die Mücke Rekehitsa hatten Gefallen aneinander; so schlossen sie denn auch Blutsbrüderschaft; als Rekehitsa vom Blute des Herrn Olombelona trank, mundete dies ihr vortrefflich. Und so erzählte sie nachher den anderen Mücken: »Wir mühen uns allemal ab, Blut ausfindig zu machen. Da wollen wir künftighin doch nicht das unseres Bruders vergessen, das ausgezeichnet schmeckt.« Eine andere Mücke antwortete: »Laßt uns ihn besuchen und einmal sein Blut proben; dann ersparen wir ihm die Mühe, uns Reis zu kochen, Wasser zu holen und ihn zu waschen, wir bitten ihn da nur um ein recht einfaches Mahl.«

Herr Olombelona war eingeschlafen und schnarchte, als die Besucher bei ihm erschienen; sie baten nach allen Regeln des Anstands um Eintritt, doch Herr Olombelona hörte sie nicht und antwortete nicht. »Bss! Bss!« machten die Mücken, »laßt uns hineingehen.« Damit flogen sie hinein, ließen sich auf dem Menschen nieder und tranken sein Blut. Plötzlich fuhr Herr Olombelona aus dem Schlafe auf und rief wütend: »Wartet! Euch werde ich kommen! So benehmt ihr euch also einem Blutsbruder gegenüber?« Und tapp, tapp! streckte er eine Mücke nach der anderen nieder.

Seither, so geht die Mär, sind Menschen und Mücken keine Freunde mehr. Sieht der Mensch eine Mücke, schlägt er sie tot; trifft aber die Mücke einen Menschen, sticht sie ihn und saugt sein Blut.

Paul Hambruch
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Eugen Diederich Verlag, Jena, 1922.

Mittwoch, 13. Mai 2015

Der kranke Löwe

Der Löwe, sagt man, war krank; da gingen sie Alle, ihn in seinen Leiden zu besuchen; der Schakal aber ging nicht hin, weil die Spuren der Leute, die hingingen, um ihn zu besuchen, nicht wieder zurückkehrten. Da wurde er von der Hyäne bei dem Löwen verklagt. »Obschon ich gekommen bin, Dich zu besuchen, will doch der Schakal nicht kommen, Dich (wörtlich: den Mann) in Deinen Leiden zu besuchen.« Da schickte der Löwe die Hyäne, um den Schakal zu fangen. Das that sie und brachte ihn vor den Löwen. Der Löwe fragte den Schakal: »Warum kamst Du denn nicht, nach mir zu sehen?«

Der Schakal gab zur Antwort: »Bitte, lieber Onkel; als ich hörte, daß Du so schwer krank seiest, ging ich zum Zauberdoktor, um Rath zu holen und ihn zu fragen, was für eine Arznei meinem Onkel von seinen Schmerzen helfen würde. Der Doctor aber sagte so zu mir: »»Geh und sage Deinem Onkel, er möge die Hyäne ergreifen, ihr das Fell abziehen, und, wenn es noch warm wäre, es anlegen; dann werde er besser werden.«« Die Hyäne ist so nichtsnutzig, daß sie sich gar nicht um die Leiden meines Onkels kümmert.«

Der Löwe folgte diesem Rath, ergriff die Hyäne, zog ihr, während sie aus Leibeskräften heulte, daß Fell über die Ohren und legte es an.

Reineke Fuchs in Afrika
Fabeln und Märchen der eingebornen
nach Originalhandschriften der Grey’schen Bibliothek 
in der Kap-Stadt und andern authentischen Quellen
Von Dr. W. H. J. Bleek
Weimar, 1870

Dienstag, 12. Mai 2015

Kuckuck

Ein Sohn Zanaharys war gestorben. Der Vater rief sämtliche Lebewesen der Erde zusammen, damit sie bei der Bestattung die Trauerlieder sängen. Auf Befehl Zanaharys begannen alle mit dem Gesang, aber bald wurden etliche müde, und man vernahm ihre Stimmen nicht mehr. Nach Verlauf einer Stunde sangen nur noch sehr wenige Trauerlieder. Und nach zwei Stunden hörte man fast keinen mehr. Als die dritte Stunde zu Ende ging, waren alle heiser und stimmlos geworden, nur der Kuckuck sang noch aus vollem Halse. Tag und Nacht sang er, bis Zanahary ihm schließlich Einhalt gebot. Als der Kuckuck ihn nun um eine Belohnung bat, sprach Zanahary: »Ich bin mit dir zufrieden. Hinfort sollst du dir, wenn du Eier legen willst, nicht wie andere Vögel ein Nest bauen; denn du mußt doch jetzt sehr müde sein, nachdem du solange gesungen hast. So sollst du deine Eier denn in die Nester anderer Vögel legen; du darfst ihre hinauswerfen und zerschlagen, damit du Platz für deine eigenen bekommst. Die anderen Vögel sollen die Mühe haben, deine Eier auszubrüten, aber du brauchst es nicht!«

Und so geschieht es denn. Der Kuckuck brütet seine Eier nicht aus, sondern schiebt sie den anderen unter.

Paul Hambruch
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Jena: Eugen Diederich, 1922.

Donnerstag, 2. April 2015

Die Schlange

Es war einmal ein Weißer, so erzählt man, der traf eine Schlange, auf die ein großer Stein gefallen war, so daß sie sich nicht aufrichten konnte. Da hob der Weiße den Stein von der Schlange auf. Als er ihn aber aufgehoben hatte, wollte die Schlange ihn beißen. Der Weiße sagte jedoch: »Halt! Laß uns Beide erst zu klugen Leuten gehen!« So gingen sie denn und kamen zur Hyäne. Die sagte der Weiße: »Ist es auch wohl recht, daß die Schlange mich nun beißen will, obwohl ich ihr half, da sie hilflos unter dem Steine lag?« Die Hyäne erwiderte: »Nun, was wäre das denn Großes, wenn Du gebissen würdest?« Da wollte ihn die Schlange beißen, aber der Weiße sprach wieder: »Warte erst, und laß uns zu andern klugen Leuten gehen, damit ich höre, ob es auch recht ist!«

Als sie weiter gingen, trafen sie den Schakal. Da redete der Weiße den Schakal an: »Ist’s auch wohl recht, daß die Schlange mich beißen will, obschon ich den Stein aufhob, der auf ihr lastete?« Der Schakal erwiderte: »Ich kann es mir gar nicht vorstellen, daß die Schlange so vom Stein bedeckt sein konnte, daß sie nicht im Stande war aufzustehen. Nur wenn ich’s mit meinen eigenen Augen sähe, würde ich’s glauben. Kommt, wir wollen uns auf den Weg machen und zusehen, ob’s möglich ist.«
So machten sie sich denn Alle auf und gingen nach der Stelle, wo es geschehen war. Dort angekommen sprach der Schakal: »Schlange, lege Dich nieder und laß Dich mit dem Stein bedecken.« Da legte der Weiße den Stein auf sie, und, obschon sie sich sehr anstrengte, konnte sie doch nicht aufstehen. Der weiße Mann wollte den Stein wieder aufheben, aber der Schakal sprach: »Laß sie nur liegen, sie wollte Dich ja beißen; sie mag allein aufstehen!«

Und Beide gingen davon.

Reineke Fuchs in Afrika
Fabeln und Märchen der Eingebornen
nach
Originalhandschriften der Grey’schen Bibliothek
in der Kap-Stadt und andern authentischen Quellen
Von: Dr. W. H. J. Bleek, Weimar, 1870

Donnerstag, 28. Februar 2013

Fabeln aus Afrika

Der Februar stand unter dem Motto: »Fabeln aus Afrika«. Bevor er gleich herum ist, schnell noch ein paar Buch- und Hörempfehlungen:

Unter dem Buyubaum

Der Krankenpfleger Daudi erzählt den Patienten im Hospital des Dschungeldoktors von klugen und törichten Tieren.


Awo Olwatuuka

Eine Reise durch die afrikanische Fabel- und Märchenwelt verspricht dieses E-Book:



Bojabi, der Zauberbaum

Eine alte afrikanische Fabel, neu erzählt:


Der Zauber der Schildkröte

Ein fabelhaftes Hörbuch für Kinder in dem erzählt wird, wie die Tiere zu ihren Farben kamen.

Der Hahn


Der Hahn, so sagt man, wurde einst vom Schakal beschlichen und gepackt. Da sprach der Hahn: »Willst Du nicht erst beten, ehe  Du mich tödtest, wie der weiße Mann thut?« Der Schakal erwiderte: »Wie macht er es denn, wenn er betet? Nun?« »Er faltet die Hände,« sagte der Hahn. Da faltete der Schakal die Hände und betete. Der Hahn sprach wiederum: »Du guckst ja umher; mach‘ doch die Augen zu!« Das that der Schakal, der Hahn aber flog auf und schalt ihn, indem er rief: »Du Schelm! Betest Du auch?«
Da saß der Schakal sprachlos, weil er überlistet war.


Reineke Fuchs in Afrika
Fabeln und Märchen der eingebornen
nach
Originalhandschriften der Grey’schen Bibliothek
in der Kap-Stadt und andern authentischen Quellen
Von
Dr. W. H. J. Bleek
Weimar, 1870

Mittwoch, 20. Februar 2013

Der Betrüger

In einer Stadt wohnte einmal ein Mann, der war ein großer Betrüger. Der mietete die Leute zur Arbeit und versprach ihnen 200 Realen Lohn für den Monat. Am Ende des Monats aber pflegte er ihnen zu sagen: »Geh in die Stadt und bringe mir zwei Dinge; wenn du sie mir nicht bringen kannst, gebe ich dir dein Geld nicht.« So betrog er viele um ihren Lohn, so daß sie seine Arbeit umsonst verrichten mußten.

Eines Tages traf er einen Knaben und machte mit ihm das gleiche Abkommen. Der Knabe war's zufrieden, ging mit ihm und arbeitete den ganzen Monat. Am Ende des Monats verlangte er sein Geld. Sein Herr aber sprach zu ihm: »Geh auf den Markt und hole mir ›Haa Hii‹!« Der Knabe dachte bei sich: »Haa, Hii? Was ist das? Was mag ›Haa, Hii‹ sein? Ah! jetzt weiß ich's! Mein Herr soll es schon bekommen.«

Und er ging seines Wegs, bis er einen großen Tausendfuß fand, und nahm eine schwarze Flasche und steckte ihn hinein. Darauf ging er weiter und fand einen Skorpion; auch diesen that er in die Flasche und korkte sie zu. Darauf brachte er die Flasche seinem Herrn und sprach: »Hier ist ›Haa, Hii‹«

Sein Herr sprach: »Was ist ›Haa‹?« Er antwortete ihm: »Stecke nur den Finger hinein!« Und er steckte einen Finger hinein, da stach ihn der Tausendfuß und er schrie: »Ha-a-a!« Da lachte der Knabe und sprach: »Der Herr hat ›Haa‹ gefunden, ›Hii‹ ist auch noch darin!« Der Herr aber sprach: »Es ist schon gut,« gab ihm sein Geld, und er ging seines Weges.

Seidel, A. (Hg.)
Geschichten und Lieder der Afrikaner
Berlin, 1896

Dienstag, 19. Februar 2013

Sonne, Mond und Hahn


Die drei Götterkinder Sonne, Mond und Hahn lebten als Brüder anfangs einträchtig beieinander.

Eines Tages ging die Sonne einmal aus, Mond und Hahn blieben im Hause. Da befahl der Mond dem Hahn, er möchte die Rinder hereinholen, doch der weigerte sich. Der Mond wurde darob böse, faßte ihn beim Schopf und warf ihn auf die Erde hinunter.
Als die Sonne heimkam, erzählte der Mond ihr den Vorfall. Die Sonne wurde betrübt und sagte: »Du magst nicht in Eintracht leben; schön, dann will ich auch nicht mehr mit dir ausgehen. Fortan gehört dir die Nacht und du darfst erst des Abends ausgehen. Der Tag jedoch ist mein. Und der Hahn wird mich niemals vergessen, denn ich habe ihn nicht vertrieben und noch immer lieb. Auch will ich's nicht haben, daß er ausgeht oder kräht, wenn du unterwegs bist.«


Der Hahn befolgte die Anweisungen der Sonne. Allemal, wenn sein Bruder morgens aufsteht, freut er sich ihn zu sehen; er erinnert sich daran, daß sie sein älterer Bruder ist, er schaut ihn an und ruft unaufhörlich den Tag über: »Indriinilay zoky e! Indriinilay zoky e! [Sieh da, mein älterer Bruder, e!] Und wenn die Sonne untergegangen und der Mond an der Reihe ist, dann begibt sich der Hahn schnell ins Haus, um den andern nicht sehen zu müssen.


Hambruch, Paul
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Jena, 1922

Sonntag, 17. Februar 2013

Die Hausfrau und die Katze


Es lebte einmal eine Katze im Hause einer Frau. Eines Tages sprach die Hausfrau zu ihr: »Katze, ich werde Dich zu meinem Aufseher machen.« Die Katze antwortete: »Ich bin damit einverstanden den Aufseher zu spielen; aber welcher Art soll die Wache sein, die Du mir übertragen willst?« Die Frau erwiderte: »Ich werde Dir die Wache dort in meiner Küche übergeben, wenn ich gekocht habe; Dir werde ich es überlassen, auf die gebratenen Fische Acht zu geben. Nämlich, wenn ich mit Kochen fertig bin, mache ich gerne ein kleines Schläfchen.« Die Katze antwortete: »Ich nehme den Dienst an.«

Eines Tages, als die Frau gekocht hatte, sprach die Katze zu ihr: »Lass die Bratpfanne offen stehen.« Die Frau willigte ein und ließ sie offen.

Sobald die Frau eingenickt war, schaute sich die Katze die Fische in der Pfanne an, und das Wasser lief ihr im Munde zusammen. Schließlich sprach sie: »Ich werde sie essen.« Als die Frau erwachte, entdeckte sie, dass in dem Topfe nichts mehr drin war. Sie sprach zu ihr: »Wie kommt denn das, warum ist nichts mehr in dem Topfe?« Die Katze antwortete ihr: »Gehen wir hin das Gesetz befragen, ob der, welcher den Aufseher spielt, nichts zu essen bekommt!« Die Frau schlug sie, jagte sie weg und gab nun selbst auf ihre Töpfe Acht; auch deckte sie dieselben fortan zu.



Velten, C.
Märchen und Erzählungen der Suaheli
Stuttgart/Berlin 1898

Freitag, 15. Februar 2013

Der Löwe, die Hyäne und der Fuchs

Der Löwe, die Hyäne und der Fuchs unternahmen einen Feldzug. Sie fingen ein Schaf. Da sprach der Löwe: »Wir wollen teilen.« Die Hyäne sprach: »Des Tieres Hinterteil ist mein, das Vorderteil bekommt der Löwe, die Eingeweide und die Füße bekommt der Fuchs!« Da schlug der Löwe der Hyäne mit der Tatze ein Auge aus und sagte zu dem Fuchs: »Teile du!« Der Fuchs aber erschrak und sagte: »Kopf, Eingeweide und Füße sind für mich und die Hyäne, alles übrige bekommt der Löwe.« »Wer hat dich das gelehrt?« fragte der Löwe. »Das Auge der Hyäne,« antwortete der Fuchs.

Seidel, A. (Hg.)
Geschichten und Lieder der Afrikaner
Berlin, 1896

Montag, 11. Februar 2013

Der Löwe und die Schildkröte

 
Vier außerordentlich große Elfenbeinzähne, so groß, daß jeder Zahn von zwei Männern getragen werden mußte, lagen bereit als Wettlaufpreis, und man sagte:
»Wohlan, laufet um die Wette, alle Tiere! Wer zuletzt ermüdet, bekommt das Elfenbein.«
Da kamen viele Tiere und liefen um die Wette, wurden aber müde und gaben den Wettlauf auf, so daß nur noch der Löwe übrig blieb. Dieser freute sich und sprach:
»Mir gehört der Preis!«
Da erhob sich die Schildkröte und sprach:
»Noch nicht! Wir wollen noch miteinander wettlaufen, damit ich jenes Elfenbein bekomme.«
Der Löwe weigerte sich, lachte und sprach:
»Wie? Wirst du wettlaufen können?«
Die Schildkröte entgegnete:
»Du wirst es schon sehen; lauf nur zu!«
Die Schildkröte kletterte unbemerkt auf des Löwen Rücken, und so liefen sie denn, – liefen, liefen und liefen, bis der Löwe müde wurde und ausruhen mußte.
Da rief die Schildkröte:
»Ruht nicht aus; sonst bekomme ich die Elfenbeinzähne.«
Weiter und weiter lief wiederum der Löwe, bis er ganz und gar ermattet wieder zu den Elfenbeinzähnen kam. Da machte er Halt, drehte sich um und fragte:
»Schildkröte, wo bist du?«
Die Schildkröte antwortete hinter ihm:
»Ach, ich bin schon lange hier.«
Da sah sich der Löwe besiegt und ließ ihr den Preis.

Held, T. von:
Märchen und Sagen der afrikanischen Neger
Jena, 1904

Sonntag, 10. Februar 2013

Der Pavian als Hirte

Die Namaqua erzählen, vor kurzem habe ein Mann einen jungen Pavian aufgezogen und zu seinem Hirten gemacht. Der Pavian blieb den ganzen Tag im Feld bei der Herde und trieb sie Abends in das Dorf zurück, wobei er auf dem Rücken einer Ziege ritt, die hinterdrein trabte. Dem Pavian gehörte die Milch einer Ziege zu; nur an dieser sog er und hielt auch die Kinder von der Milch der andern Ziegen zurück. Auch gab ihm sein Herr wohl bisweilen ein wenig Fleisch. Ein Jahr lang that er so Dienste als Hirte, dann wurde er aber unglücklicherweise auf einem Baume von einem Leoparden getödtet.


Reineke Fuchs in Afrika
Fabeln und Märchen der Eingeborenen
nach Originalhandschriften der Grey’schen Bibliothek 
in der Kap-Stadt und andern authentischen Quellen
Von
Dr. W. H. J. Bleek
Weimar, 1870

Freitag, 31. August 2012

Wer war der Dieb?

Der Schakal und die Hyäne verdingten sich einst als Knechte bei demselben Herrn. Mitten in der Nacht stand der Schakal auf, bestrich den Schwanz der Hyäne mit ein wenig Fett, und aß dann alles übrige Fett auf, das er im Hause fand. Am Morgen vermißte der Mann sein Fett und beschuldigte sofort den Schakal, es verzehrt zu haben. „Guck nach dem Schwanz der Hyäne!“ sagte der Schelm, „dann wirst Du Sehen, wer der Dieb ist“. Das that der Mann und schlug die Hyäne halbtodt.

Dr. W. H. J. Bleek
aus: Reineke Fuchs in Afrika
Fabeln und Märchen der eingebornen
Weimar, 1870

Donnerstag, 5. Januar 2012

Der tote Mann und der Mond


Ein alter Mann sah einen Toten, auf welchen der Schein des Mondes fiel. Er rief eine große Anzahl Tiere zusammen und redete sie also an: »Wer von euch als tapferen Leuten will es auf sich nehmen, diese Leiche auf das entgegengesetzte Flußufer zu tragen, und wer den toten Mond?« Zwei Arten von Kröten meldeten sich; die eine mit den langen Beinen übernahm den Mond, die andere mit den kurzen Beinen den toten Menschen. Die Trägerin des Mondes gelang ihr Unternehmen; diejenige des Menschen aber ertrank infolge der Kürze ihrer Beine. Und das ist der Grund, weshalb der tote oder untergegangene Mond immer wieder erscheint, der Mensch dagegen, wenn er einmal tot ist, nicht mehr zurückkehrt.

Afrikanische Fabel