Posts mit dem Label Lichtwer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Lichtwer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 27. Juli 2018

Der Mond und der Komete


Die Zeit verbarg des Tages Schein,
Die Nacht schwang ihre feuchten Flügel,
Schon über die bethauten Hügel,
Und schlummerte den Erdkreis ein,
Ihr Schatten wich dem Sternenlichte,
Der Mond strich sein verhüllt Gesichte
Mit silberfarbnen Hörnern an,
Nicht weit von ihm stund ein Komete,
Der seinen Sweif in schiefer Bahn
Nach dem bestirnten Süden drehte.

Weißt du auch, Nachbar! Sprach der Mond,
Wie schrecklich von dir auf der Erde
Von manchem Volk geredet werde,
Das ihr verdunkelt Rund bewohnt?
Man sagt, du seyst ein Unglücksbote,
Der Hunger, Pest und Würgen drohte,
Dein Anblick schrecke, was sterblich ist,
Ja, es besorgt der Mensch nicht selten,
Wenn du am Himmel sichtbar bist,
Den nahen Umsturz aller Welten.

Wie? Ich, o Mond! Wo denkst du hin?
Rief der erstaunende Komete,
Ich sey ein Pest- und Kriegsprophete?
Weiß denn die Erde, daß ich bin?
Ja! Fiel die Antwort, alle Schritte,
Die du gethan, und alle Tritte,
Die du noch thun sollst, sind bestimmt.
Man hat das Maaß von deinem Gange,
Und wenn dein Stral den Rückweg nimmt,
Das weiß man auf der Erde lange.

So wissen, fiel der Schwanzstern ein,
Vermuthlich auch die Erdenleute
Die zwischen uns gesetzte Weite,
Wie kann ich ihnen schrecklich seyn?
Warum nicht? Sagte der Planete,
Man hat gemerkt, wenn eine Komete
Sich unserm Erdenball genaht,
Das Theurung, Seuchen, Krieg entstunden,
Und da es niemand anders that,
Ward der Komete Schuld befunden.

Wahr ists, man hört genug von Pest,
Von Theurung und von Kriegsgetümmel,
Wenn auch dein Stern im obern Himmel
Der Erde sich nicht sehen läßt.
Hier wurde der Komet entrüste:
O, wenn ihr meinen Ursprung wüßtet,
Verleumdrisches Geschlecht! sprach er,
Was mögt ihr euch für Fallen graben,
Da nicht einmal die Sterne mehr
Vor euch am Himmel Friede haben?

M.G.Lichtwerns, Königl. Regierungs-Raths
im Fürstenthum Halberstadt,
Fabeln in vier Büchern, gedruckt bey
Joh. Thom. Edl. V. Trattnern, 1769

Freitag, 19. Juni 2015

Der Uhu und die Lerche



Es saß ein Uhu lange Zeit
Im Schatten einer hohlen Eiche,
Der höchsten in dem deutschen Reiche,
In einer öden Traurigkeit.

Hoch über ihm ließ sorgenfrei
Sich eine muntre Lerche hören,
Und meldete der Sänger Chören,
Daß jetzt der Frühling nahe sey.
Ihr Lied dringt aus den heitern Lüften
In's grüne Thal, belebt die Triften.
Der Uhu horcht, und ächzt dabei,
Daß er nicht auch so fröhlich sey.

Die Ungeduld ermuntert ihn,
Sich aus dem Neste zu bemühen;
Die feige Lerche wollt' entfliehen,
Sie wollt' es noch, als er erschien.
Doch war der armen Lerche bange
So dauerte die Angst nicht lange,
Als sie zu ihrem Trost vernahm,
Daß er in Friede zu ihr kam.

Es schien dem Uhu zweifelsfrei
Das Lerchenfleisch noch nichts zu taugen,
Er schwur bei seinen großen Augen,
Daß er für jetzt nicht hungrig sey.
Die Neugier, sprach er, dich zu fragen,
Hat mich an diesen Ort getragen.
Bekenne, was die Ursach' ist,
Daß du beständig fröhlich bist?

Monarch der Eulen, sagte sie,
Wer stets gesunde Tage zählet,
Und fliegen kann, wohin er wählet,
Wie kann der trauren? Fragst du, wie?
Fiel ihr der Uhu in die Rede,
Du scheinst ja sonst mir ziemlich blöde,
Gedenkst du niemals an den Tod,
Noch was dir Herbst und Winter droht?

Ich denke, sprach sie, wohl daran,
Allein der Tod ist unvermeidlich,
Die Herbst- und Winternoth oft leidlich,
Und jetzt geht ja der Frühling an.
Ich leb' indessen nach der Lehre,
Die ich von jenem Schäfer höre,
Der dort im Grünen vor uns liegt,
Ein Weiser sey nie mißvergnügt.

Geh' nur, du kleine Närrin du,
Fiel der Bescheid aus, das sind Lehren,
Die für die Lerchen nur gehören;
Die Lerche flog dem Schäfer zu,
Und sang ganz heimlich auf der Reise:
Wer fröhlich seyn will, der sey weise.

*

Merkt, Freunde, was die Lerche spricht,
Und kehrt euch an die Uhu's nicht.

Magnus Gottfried Lichtwer


Montag, 12. Dezember 2011

Der Hühnerhund

Des kranken Mopses gutes Leben
Begeht der neidische Bellin,
Bellin, vor dem die Hasen beben,
Das Rebhun fällt, die Füchse fliehn.

Da sieht man, wem das Glücke grünet!
Sehe, spricht er, diesen Broddieb an,
Zeit Lebens hat er nichts gethan,
Doch wird er wie ein Abt bedienet.

Das Brod vom schönsten Waizenkorne
Und Lerchenbrüste nähren ihn;
Seht, wie sich Herr und Frau bemühn,
Da ist Mops hinten, Möpschen vorne.

Ich bin gesund. Was ist mein Dank,
Wenn ich Feld, Busch und Thal durchkrochen?
Des Tages Prügel, Abends Knochen,
Warum bin ich nicht gleichfalls krank?

Es hat, nach des Fontaine Lehren,
Das Glücke zu gewisser Zeit
Die grausame Gefälligkeit,
Der Thoren Wünsche zu erhören.

Bellin ward krank und Mops gesund,
Sobald der Hausherr es vernommen,
So ließ er seine Jäger kommen,
Und sprach: Erschießt den Hünerhund.

Der arme Hund erschrack sich heftig.
Als er den Todesspruch empfieng,
Und dieser Schrecken war so kräftig,
Daß ihm sein ganzes Weh vergieng,
Er säumte nicht, davon zu scheiden.
*
Sieh! Neid, wie thöricht du verfährst,
Du kannst im Elend uns beneiden,
Darinn du längst versunken wärst.

Magnus Gottfried Lichtwer



Freitag, 2. Dezember 2011

Der junge Kater


Der Ausbund eines schönen Katers,
Den Muth und alter mündig sprach,
Bekam die Würde seines Vaters,
Und stellte Mäus‘ und Ratten nach.
Er folgte der gemeinen Wiese;
Des Räubers Sohn wird gern ein Dieb,
Das Wölfchen fühlt des Wolfes Trieb,
Ein junger Kater wünscht sich Mäuse.

Es that der junge Herr so keck,
Als wie ein andrer Scanderbeg *),
Sein Hirn war voller Mäus‘ und Ratten,
Die seine Klauen noch nicht hatten.
Wer ihn gesehen haben mag,
Der hätte wirklich sollen schwören,
Dies sey der Mäuse jüngster Tag,
Die sich auf Deutschlands Böden nähren.

Die dunkle Nacht bezog das Land,
Der Thau wusch die bestaubten Fluren,
Als unser Held noch keine Spuren
Des längstgesuchten Wildprets fand,
Das Warten löschte sacht und sachte
Des Katers erstes Feuer aus,
Er sah und hörte keine Maus.
Ein Ding, das ihn verdrüßlich machte.

Er saß und putzte sich das Kinn,
Da schlich ein Wiese bey ihm hin,
Was suchst du? sprach der Kater leise;
Ich suche, war die Antwort, Mäuse,
O weh! Soll ich mein Bischen Brod,
Fieng Murner heimlich an zu heulen,
Mit einem schlimmen Wiesel theilen,
So leid ich endlich selber Noth.

Auf beßre Kundschaft sich zu legen,
Kroch er bis auf das Scheuerdach,
Da flog ihm Jungfer Eul entgegen,
Schatz! fragte er, bist du auch noch wach?
Ja! sprach das schleyrichte Gesichte,
Ich warte hier auf ein Gerichte,
Auf einen guten Abendschmaus,
Auf was denn, Kind? Auf eine Maus.

Die Antwort ärgerte den Kater,
Er stieg herab, sieht auf den Mist,
Da ist ein Ygel, der was frißt,
Viel Glück zur Mahlzeit, alter Vater!
Was schmeckt dir denn alhier so gut?
EIn Mäuschen, sprach er, ist mein Essen,
Ey, daß du müßtest Kohlen fressen,
Gedachte jener voller Wut.

Hier, seufzt‘ er, ist nichts mehr zu naschen,
Fort, auf das Feld! vielleicht kann ich
Noch eine dicke Feldmaus haschen,
Mit dieser Hoffnung stärkt er sich.
Er kam aufs Feld, und traf im Gehen
Den Fuchs voll Zorn und Rachgier an,
Aus Neugier blieb der Kater stehen,
Und sprach: Wer hat dir was gethan?

O! ließ der Fuchs sich fluchend hören,
Ich wußt ein vieles Mäuseloch,
Und dachte diesen Abend noch
Es mit Vergnügen auszustören.
Doch als ich in dem Walde bin,
So geht der Schelm, der Sperber hin,
Und leert, so gehts mir, das Geniste,
Das er davon zerbersten müßte!

So bald der Kater mit Verdrduß
Des Fuchses letzte Worte hörte,
So wandt‘ er traurig Kopf und Fuß,
Damit er stracks nach Hause kehrte.
Ach! sprach er, wenn so viele sind,
die nach dem Mäusefleische streben,
Was hoff ich noch, ich armes Kind,
Von diesem Handwerk auch zu leben?

Indem er also bey sich dachte,
So fieng er eine Maus im Gehn,
Die ihn auf die Gedanken brachte,
Den Mäusen dennoch nachzustehn.
Er that im kurzen Heldenthaten,
Die Praxis macht ihn dick und fett,
Es gieng ihm, unter uns geredt,
Als wie den jungen Advokaten.


Magnus Gottfried Lichtwer


*) Gjergj Kastrioti (1405 - 1468), genannt Skanderbeg, war ein albanischer Fürst, der durch die Verteidigung Albaniens gegen die Osmanen berühmt wurde. Er wird in Albanien als Nationalheld verehrt.

Sonntag, 17. April 2011

Der Bock und der Bär


Ein junger Bock, schnell als ein Reh,
Verließ aus Lüsternheit die Heerde,
Und stieg mit witziger Geberde
An den Gebirgen in die Höh’.

Hier fand sich eine tiefe Höhle,
In diese wagte sich der Thor,
Und plötzlich fuhr ein Bär hervor,
O wie erschrak des Geisbocks Seele!

Was thust du hier?  so sprach der Bär
Ich lief, versetzt der Bock, voll Schrecken,
Mich vor dem Löwen zu verstecken,
Und seht, da kömmt er selber her.

Der Bär erschrak, und lief zurücke,
So schüchtern ist ein Bösewicht!
Der Geisbock lief mit gleichem Glücke
Ins Thal. Nothlügen schadet nicht.

Magnus Gottfried Lichtwer

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Der Fuchs und der Marder


Ein Fuchs, der manches Huhn den Bauren abgenommen,
Ließ Nachbar Mardern zu sich kommen,
Freund, hob er an, ich bin betagt,
Und, wie du siehst, nicht weiter tüchtig
Den Hühner nachzugehn, mein Fuß ist zwar noch flüchtig,
Allein der Schnupfen, der mich plagt,
Benimmt mir alle Kraft, das Wildpret auszuspüren,
Deswegen könntest du mich führen;
Es mangelt dir nicht an der Spur.

Zu dienen, sprach der Freund! mein Herr befehle nur,
Vor mir mag sich kein Raub verkriechen,
ich kann ihn auf die Meile riechen,
Es sey Huhn, Täuber oder Hahn.

Inmittelst sah der Fuchs des Führers Rüssel an,
Und sieh, es guckt auf allen Seiten
Das Zahnfleisch durch die Schnauze vor.
Was ist das? sprach der Fuchs, der schon den Muth verlor:
Ach nichts, versetzte der. Wie? gar nichts? Kleinigkeiten,
Doch aber? je mein Herr! fing Nachbar Marder an,
Der Dorfhund, Greif, hat es gethan,
Der Bube hat mich so gebissen,
Und mir das Maul mit aufgerissen.
O! Seufzte Reinecke, wenn diesem also ist,
So werd’ ich keine Feder rupfen,
Dir fehlt die Nas’ ich schwimm’ in Schnupfen.

***

Wer Schwache leiten will, der sey
Von ihrer Schwachheit selber frei.

Magnus Gottfried Lichtwer

Samstag, 13. Februar 2010

Die zwei Kaninchen

 

Unter eines Kirschbaums Schatten
hielten zwei Kaninchen Rast,
zwei Kaninchen, Wirth und Gast,
und, als sie geruhet hatten,
Scherzen sie im Gras herum,
Treten manches Blümchen krumm,
Das erst gestern aufgeblühet,
Hüpfen hin und hüpfen her,
Bis der Gast von ungefähr
Ueber sich was fremdes siehet.

Gleich hebt er den Kopf empor,
Macht ein Männchen, spitzt das Ohr,
Und erblicket einen Schützen,
Zwar von Stein (das wußt’ er nicht)
Der sein Rohr auf ihn gericht,
Um ihn auf den Pelz zu blitzen.
Unserm Häschen wird so heiß,
Daß es nicht zu bleiben weiß.

Endlich merkt es sein Geselle,
Freund! rief er, was soll das seyn?
Jagt dir etwas Schrecken ein?
Freilich grauet meinem Felle
Vor dem Jäger der dort liegt.

Ach! sprach jener, sey vergnügt,
Der hat keinen ausgerottet.
Wisse, dieser böse Mann,
Zielt, so lang ich denken kann.

***

Zorn mit Ohnmacht wird verspottet.


Magnus Gottfried Lichtwer

Donnerstag, 4. Februar 2010

Die Schnecke und die Grille

 

Recht langsam,  Schritt vor Schritt, mit viel Behutsamkeit,
Kroch eine wohl beladne Schnecke
Zu einer nahgelegnen hecke,
Der Weg, so kurz er war, war für die Schnecke weit,
Ein Zeiger an der Uhr kann nicht so sachte gehen,
Itzt zieht sie Hörner ein, itzt streckt sie Hörner aus,
itzt bleibt sie eine Weile stehen,
So drückte sie das Schneckenhaus.

Hier pries sie das Geschick der Grille,
Die an dem Wege saß, und sang:
Wie leicht ist sie, wie schnell ihr Gang!
Sie lebt und singt in edler Stille,
Ein Sprung setzt sie in Sicherheit.
Wenn meine Wohnung mich verbindet auszuhalten,
Und in der Sorge zu veralten.

Die Grille nahm sich hier die Zeit
Die Schnecke heimlich zu belauschen,
Drauf zwitscherte sie ihr zum Trost die Worte zu:
Wie gerne wollt ich mit dir tauschen?
Wenn mich die Wittrung plagt, so liegst und ruhest du
Bequemlich, zugedeckt, verschlossen,
Oft such ich ich in der Nacht kalt, hungrig und verdrossen
Die Ruhe, die dich längst mit sanften Flügeln deckt,
wenn mich der Winterschnee, mit Tod und Krankheit schreckt.
Wenn ich mich mit dem Hunger quäle,
So närst du dich in deiner Höhle.

Hier ist die Grille fortgehüpft,
Ich schließe so aus ihrer Klage:
Wer ledig ist, hat seine Plage,
Und eine Haushaltung ist auch mit Noth verknüpft.

Lichtwehr

Mittwoch, 22. Juli 2009

Die Kröte und die Wassermaus


Von dem Ufer einer See
Krochen annoch Abends späte
Eine Wassermaus und Kröte
An den Bergen in der Höh.
Aber mitten in dem Wandern
Rollt die eine mit der andern
Plötzlich in den See herab,
Und wie sehr die Kröte runge
Und den Leib zu schwimmen zwunge,
Fand sie doch allhier ihr Grab.
Also giengs der armen Kröte
Ihr Gesell, die Wassermaus,
Machte sich nicht viel daraus,
Sie treibt ihr Gewerb in Flüssen,
Wenn es auf der Erde ruht.

***
Also, sag ich, ist es gut,
Mehr als eine Kunst zu wissen.

Magnus Gottfried Lichtwer

Samstag, 11. Juli 2009

Die Schlange


In Africa war eine Schlange,
Die alle Thier ohn Ursach biß,
Und was sie biß, das trieb’s nicht lange,
Die Wunde schwall, es starb gewiß.

Dies ging ihr lange Zeit von statten,
Bis, da sie einst im Grase spielt,
Sie endlich ihren eig’nen Schatten
Für eine fremde Schlange hielt.

Da biß sie, weil sie es nicht wußte,
Mit einer solchen Wuth nach sich,
Daß sie davon selbst sterben mußte,
Daran, Verläumder, spiegle dich.

Magnus Gottfried Lichtwer

Donnerstag, 2. Juli 2009

Die Wespe und der Knabe


Eine kühne Wespe stach
Hänschen, als es Äpfel brach,
In die Hand, eh’ er es dachte.
Hänschen, das erbärmlich schrie,
War so glücklich, dass er sie
Auf der Flucht noch habhaft machte.

»Gnade!« rief die Täterin,
»Weil ich gar nicht strafbar bin;
Willst du Blutschuld auf dich laden?
Meinen Stachel, der dich kränkt,
Hat mir die Natur geschenkt,
Und ich muss gezwungen schaden.«

»Musst du’s?« fragt der kleine Mann.
»Ja, da ich’s nicht ändern kann!«
»Eben drum«, versetzt der Knabe,
»Weil ihr das unmöglich fällt,
Schaff ich dich auch aus der Welt,
Dass man Friede vor dir habe.«

Magnus Gottfried Lichtwer

Sonntag, 5. April 2009

Der Adler und der Schmetterling


Ein Sonnenadler, den sein Flug
Bis an die höchsten Wolken trug,
Ward durch den Wald von tausend Zugen
Als aller Vögel Fürst besungen.
Lob zeigt den Neid, ein Schmetterling,
Ein kleines, aber stolzes Ding
Vermaß sich ohne Scheu dem Adler gleich zu fliegen,
wo nicht, ihm annoch obzusiegen.

Der Adler nahm den Wettstreit an,
Als man ihm solches kund gethan,
Und ließ dem Wolkendiebe sagen,
Es morgen früh mit ihm zu wagen.
Der Adler war schon lange da,
Eh sein Bestreiter kam, der auf der kurzen Reise
auf manches Blümchen flog, und da und dorthin sah,
nach aller Schmettelringe Weise.
So kam er an, und gleich darauf
Erhob der Adler sich zu den sphgirnen Höhen,
Der kleine Harlekin rafft sich nun gleichfalls auf,
Und läßt die bunten Flügel gehen.

Allein er war nicht weit, als schon ein Wirbel kam,
Der ihn vor aller Augen nahm,
Und rücklings mit herunter brachte:
Es war kein Vogel, der nicht lachte.

***

Ihr kleinen Dichter, merkts, und wagt euch nicht zu viel
Gebietet eurer Eigenliebe;
Sonst gehts euch, wie dem Wolkendiebe,
Aus einem Bav wird kein Virgil

Magnus Gottfried Lichtwer

Mittwoch, 25. Februar 2009

Die Eule unter den Vögeln


Als vor kurzem Jungfer Eule
Vor Verdruß und langer Weile
Unter and’re Vögel kam,
Wurde sie als ungeschliffen
Von den andern ausgepfiffen,
Bis sie endlich ihren Rückweg wiederum nach Hause nahm.
Ei, da schimpft sie auf die Zeit,
Lobt und rühmt die Einsamkeit.

Liebe zur Geselligkeit ist uns von Natur gegeben,
Wer mit Niemand Umgang hält,
Schilt auf die verdorbne Welt,
Sagt es doch nur deutsch heraus: Herrn! ihr wisset nicht zu leben.

Magnus Gottfried Lichtwer

Dienstag, 11. November 2008

Die Füchse


Zween Füchse, Sohn und Vater, schlichen,
Als kaum die Mitternacht verstrichen,
um ein entschlafnes Dorf herum,
Voll böser Absicht, leis’ und stumm.

Sie nahten eines Hofes Ställen,
Da hörten sie die Hunde bellen,
Die Thüren knarrn, die Hähne krähn,
Der alte Fuchs sprach: laß uns gehn,

Hier wird der Angriff nicht gelingen,
Daher sie sachte weiter gingen,
Drauf stellt ein and’rer Hof sich dar,
Darinnen alles stille war.

Nur hört der Sohn nicht ohne Schaudern
Viel Gänse mit einander plaudern.
Der Alte sprach: dies schadet nicht,
Hier bellt kein Hund, ich seh’ kein Licht.

Sich brachen ein mit gutem Glücke,
Und aßen sich in Gänsen dicke.

***

Nicht leicht droht Unfall einer Macht,
Darin der Pöbel schweigt, und die Regierung wacht.

Magnus Gottfried Lichtwer

Freitag, 24. Oktober 2008

Oh Muse …


O Muse! die du weißt, was Thier’ und Bäume sagen,
Wovon der Vogel singt, was Fisch’ und Wurm beklagen,
Ich bitte, sage mir, wie reden Löw’ und Maus?
Wie drückt sich eine Gans, und wie ein Adler aus?
Wovon schwatzt Schneck’ und Forsch? wie sprechen muntre Pferde?
Was denkt der volle Monde? worüber seufzt die Erde?
Wie redet die Natur? Es läßt ja ungereimt,
Wenn roher Sänger Witz von Wuth der Lämmer träumt,
Die Löwen weinen läßt, die Hasen drohen lehret,
Gewächsen Flügel dreht, und die Natur verkehrt.
Aesopus dichtete natürlich, ohne Zwang,
Aesop, der von der Maus bis an den Löwen sang,
und ohne der Natur was falsches aufzubürden,
Die Thiere reden ließ, wie Thiere reden würden,
Die Wölfe dürsteten nach feiger Lämmer Blut,
Der Hirsch pries sein Geweih, der Uhu seine Brut,
der Panther drohete, der Stier sprach von dem Stalle,
Der Sperling plauderte, der Fuchs belog sie alle.
So sang der Phrygier; nichts, so sich widersprach,
Floß jemals in sein Lied, ihm sang ein Phädrus nach,
und Alle die nach ihm das Fabelreich durchstrichen,
Erhoben ihren Ruhm, so weit sie jenen glichen.
Mein Mund versucht ihr Lied. Wie, wenn es nicht gelingt?
Wer zweifelt, hat gewählt. Es sey gewagt, er singt.

Magnus Gottfried Lichtwer

Dienstag, 21. Oktober 2008

Der Wiesel und die Hühner

Nach Recht und Urtheil, mit dem Prügel
Ward vor dem frohen Hausgeflügel
Ein Dieb und and’rer Tullian,
Ein schlimmer Wiesel, abgethan.
Ein Hof voll Hühner sah’ ihn leiden,
Und gackerte dabei vor Freuden.
Nur eine Henne blieb betrübt,
Und sprach: »Man bricht des Räubers Glieder;
Allein die That ist schon verübt,
Wer giebt mir meine Kinder wieder?«

Magnus Gottfried Lichtwer

Dienstag, 23. September 2008

Die gefangene Drossel

Eine Drossel, die sich fing,
Als sie nach den Beeren ging,
Ließ der Thorheit sich gereuen,
Wär’ ich, sprach sie, wieder frei,
So wollt’ ich die Leckerei
Aerger, als den Geier scheuen.

Eine Jungfer, die sich flink
An die jungen Näscher hing,
Die sie um das Kränzchen brachten,
Schrie, in der Gewissenspein,
Möcht’ ich wieder Jungfer seyn,
Wollt’ ich keinen Kerl mehr achten.

Magnus Gottfried Lichtwer

Sonntag, 24. August 2008

Magnus Gottfried Lichtwer


Quelle (Foto): Wikipedia

Magnus Gottfried Lichtwer


Der Sohn eines Juristen wurde am 30. Januar 1719 in Wurzen geboren. Der Vater starb, als der Sohn zwei Jahre alt war. Er hatte aber Glück, denn von seinem Vormund, dem Stiftskanzler Zahn, wurde er gefördert und konnte ab 1743 an der Universität Leipzig studieren (Geschichte, Jura, Philosophie). Er wechselte später an die Universität Wittenberg und schloss sein Studium erfolgreich als Dr. jur. und Magister der Philosophie ab.

Auf Grund eines Unfalls wurde Lichtwer fast völlig blind. Das schadete aber weder seiner Karriere noch seiner schriftstellerischen Arbeit. Lichtwer war an der Universität Wittenberg ab 1747 als Privatdozent tätig. Angeregt durch die Philosophie des Christian Wolff veröffentlichte Lichtwer 1758 das Lehrgedicht »Das Recht der Vernunft«. Bereits 1748 waren Lichtwers »Aesopische Fabeln« erschienen.
Lichtwer heiratet 1749 in Wittenberg Henriette Sophie Albinus und ließ sich mit seiner Familie, die sich nach und nach um 3 Töchter erweiterte, in Halberstadt nieder. Hier wurde er 1751 zum »Wirkl. Königl. Regierungsrath« ernannt und erhielt dadurch eine Anstellung in der Verwaltung, in der er es bis zum Konsistorialrat (1760) und zum Strafrichter (1762) brachte. Als Richter war er auch Abgeordneter in der Landesdeputation.

Magnus Gottfried Lichtwer starb im Alter von 64 Jahren am 7. Juli 1783 in Halberstadt.

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 21. August 2008

Der Fuchs und das Eichhorn


ⓒ Jeremias Radke

In sichrer Höh’ gerader Eichen
Sah Reinecke von ungefähr
Ein braunes Eichhorn hin und her
Ringfertig durch die Gipfel streichen.
O mein Herr Vetter! rief der Dieb,
Es ist mir ja von Herzen lieb,
Dich unverhofft hier zu begrüßen,
Ich brenne seit geraumer Zeit
Vor Sehnsucht und vor Zärtlichkeit
So einen nahen Freund zu küssen.

Das muß ich wohl mit Dank erkennen,
Versetzt das Eichhorn, daß du mich
So heftig liebst, ich bitte dich,
Kannst du mir deinen Namen nennen?
Zu dienen, Eichhorn heißet er,
Dein Vater, tröst ihn, Jupiter,
Und meiner waren rechte Brüder,
Vollbürtge Brüder, und wir sind
Im andern Grad gesippet, mein Kind!
O steige doch geschwind’ hernieder.

So! Sind wir zween so nahe Vettern,
Antwortete das Eichhorn drauf,
So werd’ ich, nimms nicht übel auf,
Annoch ein wenig höher klettern.
Denn meine Mutter lehrte mich,
Daß unter nahen Vettern sich
Die Eintracht allzeit stärker nähre,
Je weiter hier auf dieser Welt,
Wo Mein und Dein uns Fallen stellt,
Der eine von dem andern wäre.

Der gute Fuchs ging seine Straße,
und dachte, daß der Unterricht
Von seiner alten Muhme nicht
Auf all’ und jede Fälle passe,
Nur dieses fiel, mit alle dem
Dem alten Heuchler unbequem,
Dass sein Gewissen ihn belehrte,
Daß unter die, bei denen man
Die Lehre wirklich brauchen kann,
Er und sein Vetter auch gehörte.

Magnus Gottfried Lichtwer

Dienstag, 19. August 2008

In Fabeln spricht das Meer …



In Fabeln spricht das Meer, die Elemente hören,
Der harte Fels gebiert, die Thier’ und Vögel lehren,
Es reden Baum und Stein, der Wurm, die Fliege spricht,
Und jedes Wesen giebt uns Lehr’ und Unterricht:

Die Wahrheit wird zum Traum, man siehet Drachen fliegen,
Und ein ganz Kranichheer mit den Pygmäen kriegen,
Hier gilt, was Menschen Witz von einer andern Welt,
Nur jemals im Gehirn sich möglich vorgestellt.

Glaubt nicht, als ob der Zweck nur die Vergnügung wäre,
Der Fabelzucker deckt oft eine bittre Lehre.
Der Leser sieht das Bild, er lacht des Fuchses List,
Merkt aber schamroth oft, daß er getroffen ist.

Die Fabel, die nicht lehrt, kehrt sich in leere Dünste,
Und füllt das Haupt mit Rauch; das sind der Perser Künste.
So träumt ein wilder Kopf, erhitzt vom Sonnenbrand,
Der, wo er nu hin sah, Gespenst und Riesen fand.

Aesop, der häßlichste von Xantus Sudelknechten,
Lehrt in zwei Stunden mehr, als sie in tausend Nächten,
Und Reinecke der Fuchs, giebt wie ein Morhof sprach,
Dem göttlichen Homer an Weisheit wenig nach.

Magnus Gottfried Lichtwehr