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Donnerstag, 17. September 2015

Die Regenwürmer

 
Ein Maulwurf trennt und hebt den Grund.
Ein Regenwurm, der Noth empfund,
Warnt seine Brüder, als Beschirmer.
Ein jeder folget seinem Rath,
Und kriecht herfür. Was bringt die that?
Ein Hun erscheint, und frißt die Würmer.

***

Die Frucht, für ungewisse Noth,
Bringt manchem den gewissen Tod.

Neue Fabeln und Erzählungen
nebst einer Vorrede,
Sr. Wohlgeb. Herrn
Daniel Wilhelm Triller
Phil. er Med. Doct. Königl. Pohln. und Churfürstl. Sächs. Hofraths, profess. Med. Publ. Ord. auf der Universität zu Wittenberg, und der Akademie der Wissenschaften zu Bologna Mitglieds.
Leipzig und Bremen, bey Hermann Jägern. 1752

Montag, 15. Juli 2013

Der todkranke Habicht und die leichtgläubigen Tauben

Ein Habicht lag in letzten Zügen,
Und rief, es geht mir herzlich nah,
Daß ich die Tauben zu betrügen,
Im Leben stets nach Mitteln sah;
Drum such ich ihnen abzubitten
Was sie bisher von mir erlitten.

Die Tauben wurden ehr gebeten;
Es kamen ihrer auch ein Paar.
Doch als sie, sicher vor Gefahr,
Dem Kranken allzu nah getreten,
Ihn, zur Versöhnung, selbst zu küssen,
Da hat er sie noch todt gebissen.

***

Lernt klüger sein, ihr albern Tauben,
Und send in Zukunft nicht os blind,
Merkt, daß den Feinden nicht zu glauben,
So lange sie am Leben sind.


Daniel Wilhelm Triller

Sonntag, 30. Juni 2013

Die Blume im Pfade


Eine Blume stand im Gange,
Die der Zufall dort gepflanzt.
Doch der Gärtner sprach: wie lange
Bleibt hier wol dein Glück verschanzt:
Du wirst bald den Hindernüßen
Weichen, und verderben müßen.

Nein, sprach sie, man läßt mich leben,
Wenn du nur mein Gönner bist.
Und ich will mich schön erheben,
Daß kein Feind mir schädlich ist.
Drum so laß dich auch erweichen,
Und mri meinen Glanz erreichen.

Kind, versetzt der, dich zu retten
Widersprcht des Pfades raum.
Du wirst ohne dem zertretten,
Denn die meisten sehn dich kaum.
Du mußt fort. Mit einem Worte,
Du stehst nicht am rechten Orte.

Mancher Einfall klänge schöne,
Wär er nur recht angebracht.
Dieß bedenkt, ihr Musensöhne,
Wenn ihr schreibt, und Lieder macht.

Pflanzt euch Blumen, schwingt die Worte.
Aber thuts am rechten Orte.



Daniel Wilhelm Triller

Freitag, 10. August 2012

Der Luchs und der Elephant

Verbreitungsgebiet des Eurasischen Luchs
Quelle: Wikipedia
Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe
unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.    
Namensnennung:
IUCN Red List of Threatened Species,
species assessors and the authors of the spatial data.

Die 103. Fabel

Der Luchs kam zu dem Elephant,
Als der sich auf dem Thron befand,
Und bat, ihm einen Dienst zu schenken.
Er sprach: Ich bin behend und schlau.
Mein Auge wacht, und sieht genau.
Der Tapferkeit nicht zu gedenken.

Ich weiß es, sprach der Fürst, allein,
Es ist nicht gnug, verschmitzt zu seyn,
Gar scharf zu sehn, nach Müh zu streben.
Bezeug erst so viel Ehrlichkeit,
Als Fleis und Unverdrossenheit,
So soll dich auch mein Spruch erheben.

Daniel Wilhelm Triller
aus: Neue Fabeln und Erzählungen, nebst einer Vorrede
Leipzig und Bremen, 1752


Donnerstag, 17. September 2009

Die Spinne und die Schwalbe


Die Spinne sah mit Misvergnügen,
Wie öfters eine Schwalbe kam,
Und, durch den Raub der besten Fliegen,
Ihr Unterhalt und Nahrung nahm;
Dieß, sprach sie, kann ich nicht mehr leiden,
Ich will dir die Gelegenheit,
Du Nahrungsdieb, gar bald beschneiden.

Drauf zog sie in Geschwindigkeit
Ein Netz vor die zerbrochnen Scheiben,
Wodurch die leichte Schwalbe flog;
Hier dachte sie, wird sie hangen bleiben,
Wiewohl sie sich gar sehr betrog.

Denn als die Schwalbe wiederkommen,
hat sie das Netz, weil es nicht hielt,
Zusammt der Spinnen fortgenommen;
So war die Rachlust schlecht gekühlt.
*
Wenn Schwächre sich an Stärkern rächen,
Pflegt es nicht anders herzugehn;
Wo Nachdruck und Gewalt gebrechen,
Da läßt sichs schwerlich widerstehn.
Ein Zorn, der ohne Kraft und Macht,
Tobt nur umsonst, und wird verlacht.

Daniel Wilhelm Triller
aus: Neue Aesopische Fabeln,
wrinnen in gebundener Rede
allerhand erbauliche Sittenlehren
und nützliche Lebensregeln
vorgetragen werden.
Hamburg, 1740

Freitag, 3. April 2009

Die Raupe und der Schmetterling


In einer grün bewachsnen Hecke
Sah einstens eine träge Schnecke,
Daß oben eine Raupe hing,
Die nun damit zum Werke gieng,
Sich nach Gewohnheit einzuspinnen, Ein anderer Leben zu beginnen.

Wie übel, sprach sie, geht es dir!
Du mußt dir selbst dein Grab bereiten,
Und kömmst, nach dir bestimmten Zeiten,
In anderer Gestalt herfür;
Dein erstes Wesen wird zerstöret,
so Farb als Bildung ändert sich;
Doch ich bin unveränderlich,
Und werde nicht, wie du verkehret;
Denn wenn ich mich auch gleich verstecke,
Verbleib ich doch stets eine Schnecke.

Freund! dieses ist ein falscher Wahn,
Ließ sich die Raupe drauf vernehmen;
Ich find unbillig, mich zu grämen;
Mein Tod gebiert mir neues Leben,
Und setzt mir leichte Flügel an,
Daß ich mich von der Erden heben
Und nach der Höhe schwingen kann;
Du aber bleibest für und für
Verächtlich an dem Staube kleben,
Und bist ein niederträchtig Thier;
Drum sieh, wie gütig und geneigt
Mein weises Schicksal mit mir handelt,
Da es mein Wesen so verwandelt,
Daß es verbessert aufwärts steigt.

***
Das Sterben bringt viel minder Schaden,
Als man aus Furcht zu glauben pflegt;
Wir werden von der Last entladen,
Die uns zur Erden niederschlägt;
Drum soll man sich darum nicht quälen,
Daß man nicht länger leben kann;
Der Tod setzt gleichsam unsern Seelen
Zur Ewigkeit die Flügel an.
______
Die alten Aegyptier, Griechen und andere Völker pflegten daher einen Schmetterling oder Zweyfalter, als ein Sinnbild der befreyten Seele, auf ihre Leichensteine und todtengefäße eingraben oder malen zu lassen, vermuthlich, weil im Griechischen ein Wort sowohl die Seele, als ein verwandelte Raupe oder Schmetterling bedeutet. Siehe etwas hiervon in des Spons Recherches curieuses d’Antiquite, am Ende, wo ich mich recht besinne. Demnach hat diese Fabel wirklich einigen Grund in der Antiquität.

Daniel Wilhelm Triller
Neue aesopische Fabeln

Dienstag, 24. März 2009

Frauenzimmer und Spiegel


Ein Frauenzimmer war voll Flecken,
Und überhaupt nicht wohlgestalt,
Auch sechs und dreyßig Jahr schon alt,
Doch suchte sie mit großem Fleiß,
Durch ein erkauftes Roth und Weiß,
Die Misgestalt zu überdecken.
so oft sie vor den Spiegel trat,
Und sich in seinem Glas besahe,
(Das dann sowohl des Abends spat,
Als Morgens und Mittags, geschahe,)
Fuhr sie mit zornigen Gebehrden
Denselben also grimmig an:

Was stellst du mich, du grober Thor,
So ungestalt und häßlich vor?
Wart nur, du sollst bald inne werden,
Wie unbesonnen du gethan,
Wenn ich mich künftig an dir räche,
Und dich in tausend Stücken breche.
Es liegt ja nur allein an dir,
Daß ich so unannehmlich scheine;
Denn wie ich von mir selber meyne,
Komm ich mir nicht so häßlich für;
Drum ändre künftig diese Sache,
Und denke stets an meine Rache.

Ach! Sprach der Spiegel, ach du fehlst!
Daß du die Schuld auf mich geschoben;
Es ist umsonst, daß du so schmählst,
Ich kann nicht schelten oder loben;
Mein stets gerechter Ausspruch fällt,
Wie sich ein Ding mir fürgestellt;
Ich pflege nie was zu verstecken,
Und zeig an jedem Angesicht
Aufrichtig alle Fehl und Flecken,
ich mach sie aber selber nicht’.
Was ich an jeglichem erblicke,
Das geb ich ihm getreu zurücke.
Wer nur ein Auge hergebracht,
Kann ja nicht zwey von hinnen tragen;
Und wem die Nase krumm gemacht,
Dem wird sie hier nicht gleich geschlagen.
ich ändre niemals die Gestalt,
Schön wird nie garstig, jung nie alt.
***
Wenn treue Lehrer uns die Flecken
Des sündlichen Gemüths entdecken:
So sey man nicht im Zorn entflammt,
Noch suche sich dafür zu rächen;
Sie thun ihr Straf- und Warnungsamt,
Und müssen so, nach ihrer Pflicht,
Nothwendig mit uns ernstlich sprechen;
Sie zeigen uns nur die Gebrechen;
allein sie machen solche nicht.

Daniel Wilhelm Trillers
aus: Neue aesopische Fabeln, Hamburg 1740