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Samstag, 6. Januar 2018

Die Musikanten

Ein Nachbar bat den andern einst zum Essen.
Doch war dabei noch List im Spiel:
Der Wirth hielt von Musik gar viel,
Und war darauf versessen,
Daß jener seine Sänger hört;
Jetzt wird ihm dieser Wunsch gewährt.
Die Burschen stimmen an, das geht durch Dick und Dünn,
Aus Leibeskräften schrein die Thoren,
Dem Gaste gellen schon die Ohren,
Es wird ganz schwindlig ihm zu Sinn.
»Erbarm dich doch«, so ruft er voll Verwirrung,
»Woran soll man denn da sich freun? Dein Chor
Brüllt Unsinn vor!«
– »Nun wohl«, versetzt der Wirth mit sanfter Rührung
»Ein wenig kreischen sie;
Doch dafür trinken sie auch Branntwein nie,
Und alle sind von bester Führung.«

Ich aber sage: trinke wohlgemuth,
Nur mach’ auch deine Sache gut.

Krylof’s sämmtliche Fablen
Aus dem Russischen übersetzt und
mit einer Einleitung begleitet
von Ferdinand Löwe
Leipzig: F.A. Brockhaus, 1874

Dienstag, 19. November 2013

Prinzessin und Einhorn

Ein neues Lied von Jörg Lingrön: Prinzessin und Einhorn.

Samstag, 3. August 2013

Urna Chahartugchi - die Stimme aus der Mongolei

Urna Chahartugchi, die Hauptdarstellerin im Film »Das Lied von den zwei Pferden« ist auch auf zwei CDs zu hören. Zum Einstieg eignet sich ganz besonders die 2012 produzierte CD Portrait: The Magical Voice from Mogolia


Im ausführlichen, dreisprachigen (engl./dt./frz.) Booklet wird die Geschichte von Urna erzählt und die Liedtexte liegen in Übersetzungen vor.


Die Musikerin stammt aus einer mongolischen Nomadenfamilie, geht in die Stadt, um Musik zu studieren. Da Geld fehlt, übernimmt sie Kinderdienst bei Ihrer Lehrerin. Später folgt sie ihr nach Shanghai, lernt Mandarin und schafft es, an der Musikhochschule aufgenommen zu werden. Dieser Weg ist voller Mühen, wird von ihr aber bewältigt. Seither ist sie nicht nur auf den Konzertbühnen ihrer Heimat zu hören, sondern weltweit. Urna ist Nomadin geblieben, lebte in Kairo und Berlin und singt doch nur über ihre mongolische Heimat, die sie als bedroht ansieht.

Ihre erste CD erschien bereits im Jahr 2002:



Freitag, 24. August 2012

Die Saiten auf der Geige


 
Die XVIII. Fabel

Ein so genanntes E, die Quinte wollt ich sagen,
Fieng immer an sich zu beklagen,
Als wiederführ ihm nicht genug Ehre.
Das A, sein Nachbar, hielt ihm ein:
Wenn ich an deiner Stelle wäre,
Ich würde gern zufrieden seyn.
Was geht dir denn noch ab? Du stehst ja obenan;
Du hast ja unter uns den Vorzug zu genießen.
Ach sprach das E, schon gut! Soll mich das nicht verdrießen?
Ich steh am meisten aus, und muß fast immer dran;
Ich sing auch unter euch den trefflichsten Discant;
und gleichwohl hat man nicht so viel auf mich gewandt,
Als auf das grobe G; ich soll es sehn und leiden?
Ein solcher schlechter Kerl läßt sich in Silber kleiden?
Verdient ers denn? o nein! ich wüßte wohl nicht, wie?
Man sollte mich mit Silber überspinnen;
Mit mir verlohnte sichs der Müh.
Du würdest, sprach das D, dabey nicht viel gewinnen.
Die Sach erfordert vielen Zwang;
Du bist zu schwach, du magst es ja nicht wagen;
Du bringst dich sonst um deinen Klang.
Ihr Naren! rief das E, das müßt ihr Kindern sagen;
Ich glaub es nicht, drum schweigt nur still.
Der Silberdrat hilft ja dem G den Klang vermehren:
Warum denn nicht auch mir? Ich lasse mirs nicht wehren,
Es mag auch gehen, wie es will.
Die Quinte bat nach diesem ihren Herrn,
Als er die Geige nahm, und wieder spielen wollte,
Daß er sie überspinnen sollte.
Ihr dürft euch, sagte sie, dawider gar nicht sperrn,
Es wird euch keinen schaden bringen,
ich werde desto schärfer klingen.
Der Schüler maß der Quinte Glauben bey,
Und ohne lange nachzusinnen,
Ob auch die Sache thulich sey,
Erfüllt er ihren Wunsch, und ließ sie überspinnen.
Er nahm sie nun, und zog sie wieder auf,
Die schöne Quinte! die! Sie sollte heller singen,
und gleichwohl hörte er sie, sechs Tone gröber klingen:
Was, sprach er, heißt denn das? Du mußt mir wohl hinauf!
Er meynt, es läg an ihm, weil er beständig noch
Auf ihr gethan Versprechen fußte;
Drum dreht er immer zu, und spann sie so hoch,
So daß sie gar zerspringen mußte.
***
Manch Narr will vornehm thun, und hat doch kein Geschicke,
Wer klug ist, fürchtet sich für übergroßem Glücke,
Weil Ansehn, Ehre, Stand und Pracht
Viel eher zwanzig grob, als einen höflich macht.


Neue Fabeln oder moralische Gedichte
Daniel Stoppe
1740/45

Freitag, 16. Dezember 2011

Der Hund

Ein Mops, der in der Welt sich trefflich umgesehn,
Und auch dasjenige, was hier und da geschehn,
Gar artig zu erzählen wußte,
War, wenn er in Gesellschaft kam
Der andern Zeitvertreib, indem er ihren Gram
Durch manch Histörchen stillen mußte.
Er kam mit seinem Herrn, vor nicht gar langer Zeit,
Zu Junker Hansens Hochzeitfeste,
Und größerte, bey der Gelegenheit,
Die Zahl der ungebetnen Gäste.
Er hatte grade noch gefehlt,
Und war der Vierzigste, wofern ich recht gezählt.
Bey so viel Hunden ward Gang, Haus und Hof gedrange,
Man hatte Noth genug, daß man nur keinen trat.
Dem Koche selbst ward in der That
Vor soviel Nebentischern bange,
Die, wenn sie in die Küche kamen,
Ihm, eh er sichs versah, da Fleisch vom Spiesse nahmen;
Er prügelte gewaltig zu,
Und dennoch liessen ihm die Hunde keine Ruh.
Mops war der ehrlichste; der gieng nicht von der Stelle;
Er lag im Winkel dort, unweit der Stubenschwelle,
Und plauderte sich da nach Wunsche müd und satt,
Mit einem Budel aus der Stadt.
Die Trauung sollte noch geschehen.
Ach! hub der Budel an, das Ding, das muß ich sehen;
Ich bin ein Kerl, der gern was neues sieht und hört;
So bald man in die Kirche fährt:
So will, so werd ich mich, zu meinem großen Glück,
Schon wissen mit hinein zu dringen;
Die angestellte Brautmusik
Soll, hör ich, gar vortrefflich klingen.
O ja! versetzte Mops. Es wird dich nicht gereuen,
Lauf immer mit und dräng dich auf das Chor!
Ich hab es schon gesehn; mir thut so Kopf als Ohr
Noch heut zu Tage weh von dem empfunden Schreyen.
Wie, fragte Budel, siehts mit der Musik denn aus?
Beschreib mirs doch ein wenig zum voraus.
Hier steht, verfolgte Mops, ein groß- und schwarzer Mann,
Der seinen rechten Arm nicht stille halten kann;
Er schleuderte ihn bald auf- bald wieder unterwärts,
Um, weil er in dem Ernst die Leute nicht darf schlagen,
Durch diesen fürchterlichen Scherz
Der Jugend neben ihm ein schrecken einzujagen.
Es hält ein jedes Kind ein Blatt in seiner Hand;
Was drauf geschrieben steht, das ist mir nicht bekannt,
Vielleicht ists ein Bericht von lauter Mordgeschichten;
Die Ruthe wenigstens muß drauf gemalet seyn;
Sie fangen allemal erbärmlich an zu schreyn,
So oft sie das Gesicht auf ihr eBlätter richten.
Nächst diesen sah ich auch noch zwo Perücken stehn;
Wem die gehöreten, das kann ich nicht mehr wissen;
Doch das gedenkt mich noch, sie fingerten gar schön
auf gelben Prügelchen, worein sie stattlich bliessen.
Ein Blaurock, der darneben stund,
Nahm einen gelben Wurm in Mund;
Und weil er ihm vielleicht den Kopf halb abgebissen:
So schrie der arme Wurm so gar erschrecklich sehr,
Als wenn er wirklich schon dem Tod im Rachen wär.
Das aber, wie mich dünkt, war hier der größte Spaß,
Daß ein gewissen Herr bey einem Kasten saß,
Auf welchem eine lange Reihe
Von gelb- und schwarzen Hölzchen lag.
So bald er stark drauf schlug, erhub sich ein Geschreye,
Daß jedermann davor erschrack;
Daß ließ er auf einmal viel tausend Amseln pfeifen,
So daß der Schall davon den Thurm gefährlich wog;
Im Gegentheil, bey seinem sachten Greifen,
Piept allemal ein junges Huhn,
Und zwar so lang in einem Thun,
Bis der vergriffne Herr die Hand zurücke zog;
Sie nannten ihn den Organist.
Itzund besinn ich mich, versetzte Budel, wieder;
Ich habe viel gehört von einem meiner Brüder,
Daß dieser Hühnervogt ein großer Künstler ist,
Den niemand ohn Entzückung höre,
Den jedermann bewundre, lieb und ehre.
Hoho! rief unser Mops. Mit Gunst!
Ein Organist zu seyn ist eben keine Kunst;
Die Hühner müßten denn mit allem Fleiße passen,
Sonst will ich sie so gut, als jemand, schreyen lassen;
Ich weis schon, wie mans macht. Mops nahm nun den Entschluß,
mit auf das Chor zu gehn und seinen Mann zu weisen
Er lief und nahm den Pudel mit;
Der sollte nach der Zeit sein Lob bey andern preisen.
De Bräutigam und die Braut that gleich den letzten Schritt
An den geweihten Ort, wo man sie trauen sollte;
Der rechte Organist saß schon und griff drauf los;
Der Anfang war versäumt. Weswegen Mops beschloß,
Daß er nach diesem sich der Welt schon zeigen wollte.
Er mußte mit Verdruß die längste Weile rasten,
Bis endlich auch an ihn die Reih zu greifen kam.
Denn als die Vormusik ihr frohes Ende nahm:
Verließ der Organist den Sitz bey seinem Kasten
Trat bey dem Brustbaum hin, und sah in stiller Ruh
Der angegangnen Trauung zu;
So gleich sprang unser Hund, mit schnell-bewegten Füssen,
Auf dem Pedal herum, und orgelte recht grob.
Den alten Organist schien dieses zu verdreisssen,
Und da sien Substitut sich in die Höhe hob,
Die schwarzen Hölzchen zu berürhen:
So gab er ihm so gleich das Trinkgeld vor den Kopf,
Und hinderte dadurch den unverschämten Tropf
An seinem weitern Musciren.
Der Hund erzürnte sich, fieng selber an zu schreyn,
Und biß dne, der ihn schlug, aus Rachsucht in das Bein.
Durch diesen Lermen nun, wie leicht zu denken ist,
Warad das gesammte Chor auf einmal wild und rege.
Der unbefugte Organist
Bekam für seine Müh recht sehr viel Stöß und Schläge.
Das war sein unverhoffter Lohn.
Er schlich mit seiner Kunst nunmehr beschämt davon,
Und schwur, selbst wenn ihn auch die Leute darum bäten,
Die Orgel und das Chor nicht wieder zu betreten.
***
Als ein Historicus war unser Hund schon recht;
Doch als ein Organist bestund er gar zu schlecht.

Daniel Stoppe (1697 - 1747)
Neue Fabeln
1740

Samstag, 5. November 2011

Jenny Wren


2005 veröffentlichte Paul McCartney ein Lied über den Zaunkönig: »Jenny Wren« (auf dem Album »Chaos and Creation in the Backyard«). Das Solo auf der Duduk, einem armenischen Rohrblattinstrument spielte Pedro Eustache. Siebenunddreißig Jahre vorher erschien das Lied über die Amsel (Blackbird) auf dem weißen Doppelalbum der Beatles.

Montag, 22. August 2011

Die Gründung des Klosters Holzkirchen

Bildquelle: Wikipedia


In alter Zeit war der einzige Sohn des Edelmanns im untern Schlosse zu Remmlingen auf die Jagd gegangen und lange nicht nach Hause zurückgekehrt. Da sandte sein Vater allenthalben hin Leute, ihn zu suchen, und er selbst ritt aus, gelobend, da ein Kloster zu bauen, wo sein Sohn, lebend oder todt, wiedergefunden würde. In einem wilden Waldthale fanden sie endlich den Jüngling, von einem Einhorn durchbohrt, das, von seinem Pfeile getroffen, todt neben ihm lag. Seinem Gelübde treu, stiftete der Edelmann an dem Ort ein Benediktinerkloster und nannte es Holzkirchen, weil das Michelskirchlein, das auf der Höhe zuerst gebaut wurde, ganz von Holz war. Außen an der Klosterkirche ist noch jetzt ein Steinbild, welches den Edelmann zu Pferd, dessen Frau und ihren Sohn mit dem Einhorne vorstellt.

Bernhard Baader
Volkssagen aus dem Lande Baden
und den angrenzenden Gegenden
Band 1, Karlsruhe 185

America - The Last Unicorn

Freitag, 8. April 2011

Die geschminkte Rose


An seinem Fenster pinselte
Ein Maler eine Rose je,
Und weil sie nicht bestellet war,
Gelang die Ros' ihm wunderbar:
Nun war er fertig, nahm den Hut,
Ging seines Weg's, und dachte: – gut!

Und eine weisse Rose, die
Am Fenster blühte, sah es, wie,
So schön das Roth der Schwester fand:
Den Vorzug sie gar tief empfand.
Sie faßte Neid, schalt ihren Topf,
Zergrämte sich und hing den Kopf.

Als nun der Maler wieder kam,
Und wahr der Rose Trauern nahm,
Da trat er mit dem Spritzkrug hin,
Zu Hülf' der armen Kränklerin;
Allein die Rose sträubte sich,
Und klagte bitter: Lasset mich!

Was hilft mir euer Wasserkrug?
Ich bleibe doch wie Leichentuch!
So roth, wie die dort, werd' ich nie,
Und bin doch auch so gut, wie sie.
Das Wasser bleicht mich nur noch mehr:
Nehmt lieber euern Pinsel her,
Und gebt mir auch so schönes Roth;
Ich bin ja sonst so blaß, wie Tod.

Der Maler dacht' in seinem Sinn,
Du eitle Närrin! nahm Karmin,
Und strich ihr roth die Blätter all',
Das dankte sie ihm tausendmal;
Allein kaum war die Farbe d'ran,
So fieng sie auch zu welken an.

Das Roth verdarb den Lebenssaft,
Zerfraß der zarten Fibern Kraft,
Gelbrothe Flecken zeigten sich,
Zusammenschrumpften jämmerlich
Die Blätter alle, und ihr Duft
War Odem einer Leichengruft.

Der Maler kam, und sah, und roch:
Gott, rief er, das die Rose noch,
Die gestern so den Text mir las,
Heut' stinkend, wie ein faules Aas? –
Er riß die Rose von dem Stock,
Im Hut sie über's Fenster flog.

Hört, Mädchen, was die Fabel spricht,
Und malt die weisse Rose nicht.

Aloys Blumauer

aus: Sämmtliche Gedichte. München 1830

S. 216ff


Sonntag, 19. Dezember 2010

Lautenvariationen

Bildquelle: Wikipedia

Im Kamin prasselte das Feuer und verzehrte langsam die Holzscheite. Draußen fiel der Schnee in dicken Flocken und hüllte alles, den Weg, die Bäume, die Häuser, die Gerätschaften, die draußen herum standen unter einer weißen Decke ein. In der dunklen, nur vom Kaminfeuer erhellten Stube saß der Lautenist und spielte Variationen über eine Melodie, die ihm den ganzen Tag schon durch den Kopf gegangen war. Als er inne hielt, weil ihm keine neue Variation einfiel, sagte die Frau, die still dabei gesessen hatte:
»Nun hast du alles gesagt. Lass gut sein und uns zu Bett gehen.«
Der Lautenspieler antwortete:
»Ich habe noch nicht einmal begonnen, etwas zu sagen. Alles, was ich spiele, alles, was ich komponieren sind nur Übungen, um mich dem anzunähern, was zu sagen wäre.«

Horst-Dieter Radke

Montag, 21. Dezember 2009

Nur durch Tränen geschaut, ist die Welt erträglich



»Warum diese Traurigkeit in vielen euren Liedern« fragte die Königin den Lautenisten nach seinem Vortrag. »In fast jedem zweiten Lied kommen Tränen vor. Ist das angemessen für einen Mann, der so wundervoll sein Instrument beherrscht und solch ansprechende Musik schreiben kann?«
»Solch ein Mann braucht die Tränen, Majestät« erwiderte der Lautenist, »denn nur, wenn er durch diese schaut, ist er in der Lage, die Welt, in der er lebt, halbwegs angemessen zu lieben.«


Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 1. Januar 2009

Harmonie der Sphären

Ein Jüngling las von ungefehr
Von einer Harmonie der Sphären
Im Plato. Ha! die muß ich hören,
Rief er, und bat den Jupiter,
Ihm sein Verlangen zu gewähren.
Umsonst sprach dieser: junger Thor!
Das göttliche Concert der Sphären
Ist nicht für eines Menschen Ohr!
Er ließ nicht ab, ihn zu beschwören,
Bis Zeus einst die Geduld verlor,
Und sich entschloß, ihn zu erhören.
Er rühret seinen Scheitel an;
Der Jüngling hört durch alle Himmel,
Und was? ... Ein gräßliches Getümmel.
Ein tausendstimmiger Orkan,
Bewehrt mit Graus und Untergange,
Und alle Donner durch die Hand
Des Rächers auf die Welt gesandt,
Sind gegen diesem Rundgesange,
Dem Summen einer Biene gleich.
O Zeus! was lässest du mich hören?
So rief der Jüngling starr und bleich:
Ist das die Harmonie der Sphären?
So brüllt die Hölle nach dem Raub:
Ha, mache mich viel lieber taub,
Du fürchterlicher Gott der Götter!
Itzt rufet Zeus aus einem Wetter:
Erkenne, blödes Erdenkind,
Daß Menschen keine Götter sind.
Du hörst ein schreckendes Getümmel,
Und ich – die Harmonie der Himmel.

Gottlieb Konrad Pfeffel

Montag, 22. Dezember 2008

Lautenmeister und Violinist

ⓒ Rosemarie Radke

»Ist er endlich fertig?« sagte verstimmt Francesco Veracini, der Violinist zu Sylvius Leopold Weiss, dem Kammermusikus des Kurfürsten von Sachsen, als dieser seine Laute gestimmt hatte und erwartungsvoll zu ihm aufschaute. »Wenn er seine vierundzwanzig Saiten endlich in die wohltemperierte Stimmung gebracht hat, sind wir Violinspieler auf unseren vier Saiten bereits mit dem ersten Satz des Konzerts fertig.«

»Was hat das Publikum davon, wenn ihr auf euren vier Seiten lediglich die Melodie spielt« erwiderte der Lautenmeister in aller Ruhe. »Das Accompagnement, der harmonische Grund und die Ausführung der anderen Stimmen fehlten? Es wäre wie das heiße Wasser, in das Gemüse und Salz für eine anständige Suppe nicht eingebracht sind.«


Horst-Dieter Radke

Samstag, 8. November 2008

Schlange und Flöte


»Du musst tanzen, wenn ich erklinge!«, sprach die Flöte zur Schlange. »Du bist meine Sklavin.«
Die Schlange wiegte sich hin und her. »Was ist schlimm daran, wenn ich deine Musik in Bewegung verwandle und so nicht nur dem Ohr, sondern auch dem Auge etwas biete?«
»Du musst, wenn ich will«, entgegnete hämisch die Flöte.
Am Abend kroch die Schlange zur Flöte, die der Spieler achtlos auf die Decke gelegt hatte, und richtete sich auf.
»Siehst du«, sprach sie. »Ich kann auch tanzen ohne deine Musik. Wer will es mir verwehren?«
Die Flöte schaute die Schlange nur verächtlich an.
»Aber kannst du erklingen«, zischte die Schlange, »wenn der Spieler dich nicht bläst?«
Hilflos und stumm schaute die Flöte der tanzenden Schlange zu.

Horst-Dieter Radke

Samstag, 13. September 2008

Die Geige



(Eine Fabel aus dem 17. Jahrhundert)

Ein durchreisender Musiker ging in Cremona durch die Werkstätten der großen Geigenbauer Amati, Guarneri und Stradivari. Er nahm jede Geige in die Hand und besah sie lange. Viele legte er wieder weg, ohne ihren Ton gehört zu haben. Manche zupfte er an und nur wenigen entlockte er mit dem Bogen ein paar Töne. Zum Schluss wählte er ein Instrument aus der Werkstatt von Nicola Amati.

Auf dem Heimweg fragte sein Begleiter, ob es auch hätte sein können, dass eine der weggelegten Geigen die bessere gewesen wäre. »Instrument und Musiker müssen zusammen passen« antwortete der Violinist. »Aber wenn der Musiker es nicht schafft, dem Instrument das an Klang zu entlocken, was in ihm steckt, dann nützt die beste Geige nichts.«

Nach einigem Nachdenken fügte er noch hinzu: »Der Mensch ist es, der die Entscheidung trifft, welches Instrument er zum Klingen bringen will, genauso wie er für die Musik verantwortlich ist. Die Geige aber sorgt dafür, dass der Instrumentalist seine Gedanken und Vorstellungen angemessen umsetzen kann.«

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 11. September 2008

Die Trommel

(Eine Fabel aus dem alten Indien)

Lange saß der Mann vor der Trommel und sah sie an. Dann, als alle glaubten, er wäre eingeschlafen und würde nun nicht mehr spielen, nahm er sie vorsichtig in seinen Schoß und begann leise und zaghaft mit den Händen auf Fell und Rahmen zu klopfen und zu streicheln. Immer intensiver wurde das Spiel, so dass alle bald von den bezwingenden Rhythmen gefangen waren.

Als nach dem Spiel einer der Zuhörer fragte, ob es auch hätte sein können, dass er nicht getrommelt hätte, sagte der Mann: »Die Trommel kann man nicht spielen. Man muss hören können und sich von ihr leiten lassen. Ein richtiger Musiker wird von ihr gespielt – dann ist es Musik.«

Horst-Dieter Radke

Samstag, 2. August 2008

Paganini

Ich erkläre das Gerücht, dass ich viele Jahre im Kerker gewesen sein und dort die Geige erlernt haben soll, für eine Fabel.

Niccolo Paganini

Allgemeine musikalische Zeitung, Leipzig, 1829
zitiert aus: Werner Fuld: Paganinis Fluch, S.177


Eine Rezension zu diesem Buch gibt es hier

Montag, 2. Juni 2008

Die Saite und die Gitarre

„Was bist du ohne mich?“, summte die Saite zur Gitarre. »Ein leerer, offener Holzkasten, den man noch nicht einmal verschließen kann. Erst durch mich wirst du zum Klingen, deine Decke zum Schwingen gebracht. Ich bin dein höheres Selbst, dein Geist und deine Seele.«
Mit einem hässlichen Schnarren zerriss die Saite und der Spieler, mitten im Konzert, rettete die Situation, in dem er auf der Decke und den Zargen rhythmische Kaskaden klopfte und das Publikum zu Begeisterungsrufen hinriss.
In der Pause wechselte er die Saite und warf die alte, zerrissene achtlos fort.
Horst-Dieter Radke