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Mittwoch, 12. Juni 2013

Die Eule und der Rabe


Die Eule
Daß Jedermann mich als Minvervens Vogel ehre!

Der Rabe
Und mich, weil ich dem Phöbus angehöre.

Die Eule
Mich wundert es doch ungemein,
Daß Phöbus einen Dieb zu seinem Liebling wählet.

Der Rabe.
Und meinst du beß'rer Art zu seyn?
weiß nicht die ganze Welt, daß auch ihr Eulen stehlet?

Die Eule
Ey nun! Freund Rabe, laß uns nur Gesten,
Daß nicht Verdienste stets zu Lieblingen erhöhn.


Johann Friedrich August Kazner

geb. 1732 in Stuttgart
gest. 1798 in Frankfurt a.M.
als Gräfl. Degenfeldischer Hofrath

Fabeln, Epigrammen Und Erzählungen (1786)

Montag, 20. Februar 2012

Medicinische Moden

Daß Jungfer Barbara so oft zur Beichte geht,
Ist weder Heuchelei, noch ängstliches Gewissen.
Sie spricht gern von sich selbst; und seht,
Hier ist der Platz, wo andre schweigen müssen.

Johann Friedrich August Kazner

Samstag, 15. Oktober 2011

Der Biber und der Fischotter


Ein Biber gestattete einst dem Fischotter, seinen künstlichen Bau zu betrachten.
Erlaube mir, mein Freund! fieng der Fischotter an, dich zu fragen, warum du so viel vergebliche Kunst und Arbeit an die Aussenwerke verwendet hast, da dich die letzte Kammer allein für allen Anfällen deiner Feinde in die vollkommenste Sicherheit setzt?
Meine Wachsamkeit möchte mich verlassen, antwortete der Biber, und in diesem Fall dürfte mir keine Zeit übrig bleiben, mich in das Innerste meines Baues zurück zu ziehen.
***
Wer ein Geheimniß zu verwahren hat, thut wohl daran, es mit einem unbedeutenden Zaun zu umgeben, den er im Nothfall dem fremden Fürwitz, und der eigenen Menschlichkeit preißgeben kann.


Joh. Fridr. August Kazner
Fabeln, Epigrammen und Erzählungen
Frankfurt am Mayn, 1786

Montag, 1. August 2011

Die Maisen


Einer der Mitsklaven Aesop's hatte den Kindern seines Herrn ein gefundenes ganzes Nest mit jungen Maisen nach Haus gebracht. Die Vögelchen waren noch beinahe federlos, und die Kinder hatten ihr Vergnügen daran, ihren Zöglingen das Futter in die offenen Schnäbel zu stecken.
Endlich flogen sie aus dem Nests, und frassen selbst, als die Kinder einst in die Kammer kamen, und mit Verwunderung sahen, wie sich die Maisen unter einander über dem Futter herum zausten, und sich mit wildem Geschrei nach den Augen pickten.
»Seht doch die garstigen Vögel«, rief eines von den Kindern dem Aesop zu, »was sie für einen Krieg untereinander erhoben haben! Sollte man unter der Brut des nämlichen Nestes, eines Vaters und einer Mutter, solche Verbitterung glauben?«
»Sind in der Teilung begriffene Geschwister«, sprach Aesop. »Aber du hast recht. Es sind garstige Vögel. Musst sie fliegen lassen.«

Johann Friedrich August Kazner
(1732 - 1798)
aus: Fabeln, Epigramme und Erzählungen (1786)

Dienstag, 22. März 2011

Glücksgüter

Wunderbar sind die Schätze verteilt: der Arme hat wenig;
Nichts der Bettler; zu viel der Reiche; genug - o nicht Einer!

Johann Friedrich August Kazner
(1732- 1798)
aus: Fabeln, Epigrammen Und Erzählungen (1786)