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Montag, 8. November 2010

Die beiden Weiber

Evelyn de Morgan (1855−1919)
Königin Eleonore von Quitanien mit Rosamund Clifford
Bildquelle: Wikipedia

Erste Fabel

Ein Mann von Mittelalter hatte zwei Mätressen, eine Alte und eine Junge. Beide waren eifersüchtig auf einander, jede wollte am meisten geliebt seyn; beide waren mit seinem Alter unzufrieden. Die Alte, der er zu jung aussah, rupfte ihm daher alle schwarze Haare aus; die Junge, der er zu alt vorkam, ließ kein einziges weißes Härchen stehen. Was geschah? In kurzem war unser Mann ein Kahlkopf.
 
Sehet da zwei entgegengesetzte politische Systeme; und den Ruin der Nation, an der sie versucht werden.
Christian August Fischer
Politische Fabeln
Königsberg 1796

Sonntag, 7. Februar 2010

Die beiden Mäuse und die Ratte

 

Sechs und dreißigste Fabel

Zwei Mäuse hatten eine Auster gefunden, und jede wollte sie allein haben: man beschloß endlich die Ratte zum Schiedsrichter zunehmen, und überlieferte ihr das streitige Gut. Sie öffnete die Auster, und schluckte sie hinunter: – »Hier ist für jeden eine Schaale!« – sagte Sie: – »Das erste war für die Gebühren.


L–r Streitigkeiten!
Christian August Fischer
 Politische Fabeln
Königsberg 1796

Montag, 12. Oktober 2009

Drei und dreißigste Fabel: Die beiden Lügner


»In Japan« - sagte ein junger Herr, der so eben von Reisen kam: - »In Japan hat man Äpfel, wie der Tisch so groß.« - »Was sagen Sie?« - fiel sein Nachbar ein: »In Kamtschatka hat man Töpfe, wie jene Kirche dort.« - »Das ist nicht möglich!« - sagte der erste. - »Warum nicht? Um ihre Äpfel darin zu kochen!«

»Wir gehen nach Paris!« - sagten die Alliirten. - »Wir kommen nach London!« - prahlten die Franzosen.

Christian August Fischer
Politische Fabeln
Königsberg, 1796

Montag, 17. August 2009

Der Schmetterling und die Schnecke


Ein und zwanzigste Fabel

»Elende!« sagte ein glänzender Schmetterling zu einer Schnecke: »Wie kannst du es wagen, mir unter die Augen zu kommen«.
»Stolzer Wicht!« antwortete die Schnecke: »Vor einer Stunde warest du noch ein unförmlicher Klumpen. Ich habe mein Haus, ich lebe in meinem Eigenthum, ich bin mit wenigem zufrieden. Du hast weder Heimath noch Obdach, du lebst durch die Gnade der Blumen, um ihnen zu schaden.«

Elende Parvenus die ihr verächtlich auf den fleißigen Bürger, auf den arbeitsamen Landmann herabseht; die Fabel ist für euch!

Christian August Fischer
Politische Fabeln
Königsberg 1796

Mittwoch, 30. Juli 2008

Der Bauer und sein Esel


Foto: ⓒ Jeremias Radke

»Geschwind! Zu den Waffen!« ruft ein Bauer seinem Esel zu, als die Feinde im Anrücken waren. »Zu den Waffen?« antwortete dieser. »Ich sehe nicht ein, warum. Mir kann es gleichgültig sein, wem ich gehöre. Ich muß einmal Lasten tragen; gleichviel, wer sie mir auflegt.«
So sprach er und erwartete die Ankunft der Feinde, ohne sich von der Stelle zu rühren.
Aufruf zur Verteidigung des Vaterlandes! - das heißt: des fürstlichen Interesse!