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Samstag, 28. November 2020

Die Fabel von der Teetasse

 Fabel von der Teetasse


 

»Du Anhängsel«, sagte die Teetasse zum Henkel, »bist mir lästig. Immer verhinderst Du, dass mich jemand richtig in die Hand nimmt. Jedes Mal bist du es, der angefasst wird.« »Sei doch froh«, sagte der Henkel, »dass du nicht immer befingert wirst. Ich wäre glücklich, wäre ich dich endlich los.«
Zwischen beiden knirschte das Porzellan und weil jeder daran arbeitete, sich von dem anderen zu lösen, fiel bei nächster Gelegenheit der Henkel ab. Er wurde in den Müll geworfen, wobei man die Tasse noch nützlich fand.
»Endlich«, schwärmte die Tasse, »endlich kann ich darauf hoffen, einmal richtig umfasst zu werden.«
Doch als die Frau, der die Tasse gehörte, sie am Abend in die Hand nahm, verbrannte sie sich die Finger, da der Tee noch heiß war. Sie ließ die Tasse fallen, die am Boden in tausend Scherben zersprang.

Horst-Dieter Radke

Samstag, 22. Juni 2019

Der Mond und die Affen


Lange nach der Erschaffung der Welt, aber noch viel länger zurück, von heute aus gesehen, lebte eine Affenherde in einem Wald, in dem es auf einer Lichtung einen tiefen Teich gab. Eines Nachts bemerkte der größte und stärkste Affe, dass der Mond inmitten des kleinen Teichs leuchtete. Er erschrak und rief alle seine Affenbrüder zusammen. Seht, rief er, der Mond ist in den Teich gefallen. Er wird versinken, wenn wir ihn nicht herausholen. Sie liefen aufgeregt am Ufer auf und ab oder schauten aus den Ästen der Bäume herunter auf den Mond im Teich, aber kein Arm war in der Lage, ihn zu erreichen. Lange sann der große und starke Affe, bis er eine Idee hatte. Wo ein Arm nicht langt, müssen es eben viele Arme sein, doch nicht nebeneinander, sondern in einer langen Reihe. So rief er alle Affen zu sich auf den Baum, fasste den Ast fest und ließ sich herunterhängen. Der nächste Affe kletterte an ihm herab, fasste den herunterhängenden Arm und ließ sich ebenfalls hängen. Wieder ein Affe folgte, und noch einer, und noch viele. Immer näher kam man der Wasseroberfläche und dem Mond, immer mehr aber bog sich auch der Ast und als der letzte Affe begann, an der langen Reihe seiner Brüder herunterzuklettern, konnte der Ast das Gewicht nicht mehr tragen, brach und alle Affen fielen in den Teich. Nicht wenige ertranken – unter ihnen auch der größte und stärkste Affe. Die wenigen Affen, die sich naß und klamm ans Ufer retten konnten sahen zu, wie sich die aufgewühlte Oberfläche des Teichs nach und nach glättete und der Mond sich wieder in der Oberfläche spiegelte.

Ein Fuchs, der alles beobachtet hatte, sagte: Wenn die Narren dem größten Narren folgen, ist Ihnen der Untergang gewiss.

Altibetische Fabel
Nacherzählt von Horst-Dieter Radke

Sonntag, 17. März 2019

Apfel und Birne

„So rot und prächtig möchtest du wohl auch einmal aussehen“ sagte der Apfel stolz zur Birne. „Schau einmal, wie ich glänze und alle anlache, die mir entgegen treten. Dagegen hängst du unproportioniert und mit dickem Bauch am Baum und hast allenfalls eine verschämte Röte zu zeigen.“
„Aber so saftig und süß innen drinnen wie ich wirst du wohl nie sein. Vorher frisst dich die Fäulnis auf!“ konnte die Birne gerade noch antworten, bevor eine Kinderhand sie vom Baume riss und an den bereits geöffneten, erwartungsvollen Mund hob.
Horst-Dieter Radke

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Buddhas Lamento






Noch stand ich staunend vor dem Zaun und wunderte mich über die Stille, die rings um den Baum sich zu verbreiten schien. Ruhig floß der Main im Hintergrund und etwas seitwärts saß der Buddha in ständiger, tönernen Versenkung. Der Wunsch einzutreten und mich der Stille einzufügen, wurde übermächtig. Da sprach der Buddha laut und vernehmlich: »Bleib draußen, Wanderer. Die Stille, die du wahrzunehmen wähnst, ist nichts als Lärm, der die Ruhe scheucht.« Irritiert schaute ich auf die unbewegliche Gestalt, deren Augen immer noch geschlossen waren. Um diese Wahn zu verscheuchen sagte ich laut: »Aber ich höre doch keinen Ton!« Ein leises Lachen war die Antwort. »Narr! Lärm besteht nicht nur aus Tönen«, erwiderte der Buddha. »Auch die Stille kann schreien.« Ich stellte mein Fahrrad ab und trat näher. »Aber…« rief ich, senkte meine Stimme dann jedoch erschrocken zu einem Flüstern ab. »… wenn man doch nichts hört, keinen Ton, dann muss doch Stille sein!«  Wieder dieses Lachen und fast meinte ich, die Statue mit dem Kopf schütteln zu sehen. Ich sah genauer hin – und erkannte nun keine Bewegung des Buddhas mehr. »Die äußere Stille ist das eine«, belehrte mich der Erhabene. »Wie aber sieht es mit deiner inneren Stille aus?« Skeptisch versuchte ich in mich hineinzuhorchen und in die vermeintliche Lautlosigkeit meines Selbst klang die Stimme des Buddhas wie ein Schrei: »Wie kann in Dir die Stille herrschen, wenn Du meine Stimme noch vernehmen kannst?« Verblüfft sah ich ein Wimpernzucken der Statue. Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder und schon war alles vorbei.

»Kommst du?«, rief meine Frau. »Wir wollen weiter.« Ergeben und doch ein bisschen sehnsuchtsvoll schob ich mein Fahrrad an diesem Garten der vermeintlichen Stille vorbei, schwang mich auf den Sattel und trat in die Pedale.


Horst-Dieter Radke

Mittwoch, 4. Juli 2018

»Das Einhorn in Paris« nun als E-Book

Das »Einhorn in Paris« ist nun auch als E-Book in Amazons kindle store zu haben.


Samstag, 13. Januar 2018

fabuloes als Buch


Nun gibt es »fabuloes« nicht nur als Blog, sondern auch als Buch und E-Book. Das Schönste aus den mehr als 1.300 Postings dieses Blogs themenorientiert zusammengestellt. Während der Blog nach wie vor gut zum stöbern ist, lädt das Buch zum schmökern ein. Natürlich wird der Blog weitergeführt. Fabeln, Parabeln und fabelhafte Beiträge gibt es noch genug.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Das Einhorn in Paris


Fabelhafte phantastische Erzählungen gibt es in dem Buch "Das Einhorn in Paris".



Dienstag, 28. November 2017

Wintermärchen, gedruckt


Nun gibt es das »Wintermärchen« auch als gedrucktes Buch. Neben der Titelerzählung sind zwei weitere enthalten. Ein »Dieb« trifft in der Weihnachtszeit einen Jungen und diese Begegnung verändert sein Leben. In der »Antarktisverschwörung« ist Ruprecht verschwunden und keiner weiß wohin und warum. Bei der Suche nach ihm wird eine schreckliche Verschwörung aufgedeckt. Genau das richtige für alle Verschwörungstheoretiker und diejenigen, die es werden wollen.

Sonntag, 26. November 2017

Sagen und Legenden des Mittelalters


Bücher mit alten Sagen gibt es zu Hauf, meist kommentarlos zusammengestellt, manchmal mit einem erläuternden Vor- oder Nachwort. Dieses Sagenbuch ist anders. Die Sagen sind thematisch geordnet (Heldensagen - König Artus und Gralssagen - Sagen um Karl den Großen - Königs- und Kaisersagen - Rheinsagen - Burgensagen - Legenden), jede Gruppe wird eingeführt, jede einzelne Sage darüber hinaus noch durch Erläuterungen zu den Hintergründen kommentiert. Das Buch ist mit alten Abbildungen (s/w) illustriert und wird durch Farbtafeln auf Kunstdruckpapier ergänzt. All dies zu einem unschlagbaren Preis. Nicht nur als Geschenk geeignet, sondern auch zum selberlesen.

Freitag, 24. November 2017

Winterzeit - Vorlesezeit


Winterzeit ist Vorlesezeit und was bietet sich besser an, als ein echtes Wintermärchen.


Montag, 8. Mai 2017

Die Fabel von der Zecke

Gib mir dein Blut, sagte die Zecke und biss sich in den Igel. Dem war das unangenehm, aber er kam nicht an den Blutsauger heran. Seine eigenen Stacheln verhinderten dies. Als sie vollgesogen war, ließ sich die Zecke erleichtert fallen, um gleich darauf von einem Raben aufgepickt zu werden. Igel und Rabe freuten sich beide; der eine, weil er die Zecke los war, der andere, weil er sie hatte.

Horst-Dieter Radke

Freitag, 10. März 2017

Da beißt die Maus keinen Faden ab

Das Sprichwort »Da beißt die Maus keinen Faden ab«, soll zurückgehen auf eine alte Fabel von Äsop. Diese erzählt von einem Mäuschen, das über einen schlafenden Löwen lief, worauf der Löwe erwachte und es mit seinen gewaltigen Tatzen griff. Das Mäuschen flehte um sein Leben und versprach ewige Dankbarkeit dafür. Großmütig schenkte der Löwe ihr die Freiheit und dachte dabei, wie wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein könne. Bald darauf hörte das Mäuschen das fürchterliche Gebrüll des Löwen, lief nachsehen, und fand ihren Wohltäter in einem Netze gefangen. Es zernagte einige Knoten des Netzes, so daß der Löwe mit seinen Tatzen das übrige zerreißen konnte. So vergalt das Mäuschen die ihm erwiesene Großmut. Selbst unbedeutende Menschen können bisweilen Wohltaten großartig vergelten, darum sollte auch der Geringsten nicht übermütig behandelt werden.

Eine andere Erklärung könnte auch eine Legende um die heilige Gertrud von Nivelles (626 - 659) liefern. In manchen Darstellungen wird die heilige Gertrud mit Mäusen, manchmal auch mit einem Spinnrad dargestellt. Die Legende erzählt, dass sie durch ihr Gebet Mäuse vertrieb, die immer wieder den Faden beim Spinnen durchbissen haben. Die Spindel ist aber auch ein Symbol für den Lebensfaden und damit mythisches Erbe der germanischen »Nornen«, der Schicksalsgöttinnen, die am Lebensfaden der Menschen spinnen. Diesen Faden beißen in den alten Mythen Mäuse ab.

HDR

Montag, 14. November 2016

Der Nagel


»Ewig halte ich Euch schon«, sagte der Nagel zu den Brettern. »Ich bin es nun leid.« Damit lockerte er sich, die Bretter brachen auseinander und der Nagel fiel zu Boden. Er rollte in eine Ritze, versteckte sich, und seufzte erleichtert auf, nun bar aller Verpflichtungen zu sein. Doch die Erleichterung schwand mit der Zeit. Feuchtigkeit machte sich in der Ritze breit, Rost fraß an ihm. Mehr und mehr spürte er seine Vergänglichkeit. »Bretter, wo seid ihr?« rief er. »Ich komme zurück und halte euch wieder!« Doch seine Rufe verhalten ungehört. Die Bretter hielt längst ein anderer Nagel.

Horst-Dieter Radke

Dienstag, 8. November 2016

Ein fabelhaftes Angebot


Weihnachten naht! Unerbittlich. Wer in Panik gerät, wenn die Gedanken auf die Geschenke kommen, kann sich jetzt beruhigt zurücklehnen. Es gibt ja »Puff und Poggel«, die Krimireihe aus den 1950er Jahren. Alfred Poggel, Kriminalkommissar und seine Zimmervermieterin Anna Puff ermitteln - im Schmwarzmarktmilieu, unter Falschmünzern, in katholischen Kinderheimen und in der boomenden Autobranche. Drei Bände gibt es bislang, alle sowohl als Druck- wie als E-Book-Ausgabe zu haben.

Ich habe beim Sutton-Verlag für die ersten beiden Bände jeweils ein kleines Kontigent mit günstigem Autorenrabatt locker gemacht. Wer also die Bücher nicht kennt oder gerne weiterverschenken will, kann sie für eine kurze Zeit bei mir für 5 Euro inklusiv Versandkosten bekommen (solange der Vorrat reicht). Auf Wunsch auch mit Signatur (Signatur von beiden Autoren allerdings mit Aufschlag von 1 Euro, weil ein Postweg mehr dazu kommt). Damit sich die Autoren auch wieder die Butter für die Brötchen leisten können, ist ein schneller Abverkauf erwünscht.

Also, per Mail (blog[at]hd-radke.de), Chat oder Anruf bei mir melden, wer ein oder mehrere Exemplare haben möchte. Wer sich ersteinmal gründlich über Puff & Poggel informieren möchte, bekommt gegen 1 Euro eine informative und spannende Überraschungssendung.

Dienstag, 26. Januar 2016

Russische Fabeldichter

Als Begründer der russischen Fabel gilt Alexander Petrowitsch Sumarokow (1717 - 1777). Sumarokow stammt aus einer adligen Familie, diente u.a. in der militärischen Kanzlei und war eine Zeit lang auch Theaterdirektor. Er schrieb Theaterstücke, Opernlibretti und zwischen 1762 und 1769 Fabeln. Seine Fabeln zeichnen sich durch eine große Geschwätzigkeit aus. A. A. Rževskij (1737 - 1804) ist ein weiterer Dichter, der sich in Rußland der Fabel angenommen hatte. Anders als Sumarokow, der die Prosafabel pflegte, nutzte Rževskij die Gedichtform, teilweise durch druckgrafische Gestaltung, in dem er den Gedichten geometrische Formen gab. Vasilij Ivánovič Májkov (1728-1778) bewunderte Sumarokow, dem er insbesondere in den Fabeln nachstrebte. Bekannt wurde er allerdings durch seine Episteln. Iwan Andrejewitsch Krylow (1769 - 1844) war Hauslehrer und Bibliothekar in Sankt Petersburg. Er veröffentlichte zwischen 1809 und 1843 mehr als 200 Fabeln, von denen eine Auswahl bereits 1842 in deutscher Sprache erschien. Nur am Anfang orientierte sich Krylow an Äsop und La Fontaine, schuf später dann aber eigene Fabeln. Alexander Nikolajewitsch Afanassjew (1826 - 1871) gilt als der »russische Grimm«. Er war Märchensammler und erfasst dabei auch Fabeln.
Horst-Dieter Radke

Mittwoch, 20. Januar 2016

Der Baum



Er lies sich an dem mächtigen Baum am Fluss nieder, lehnte sich mit dem Rücken an. Was war das überhaupt für ein Baum? Eine Buche? Eine Linde? Ein Ahorn? Er hatte überhaupt keine Ahnung. Von Bäumen verstand er nicht viel. Also zog er sein Buch hervor und begann zu lesen, vom Ringeherrn, dem Auenland und dem Fangornwald. So vertieft war er in die Lektüre, dass er nicht merkte, wie langsam und leise knirschend sich zwei starke Äste herunterbogen, ihn umfassten, umklammerten und nach und nach den Druck erhöhten. Erst als das Atmen schwer wurde, merkte er auf. »Was? … Lass mich los!« Doch so sehr er sich mühte, er kam nicht mehr frei. Immer kräftiger drückten ihm die Äste die Brust und den Atem ab. »So soll es allen gehen«, wisperte es aus den Zweigen, »die aus meinen Brüdern schnödes Papier machen und dies mit Schwärze beschmutzen.«

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 17. Januar 2016

Buddha im Schnee


Eines Tages wurden Buddha und seine Jünger beim Meditieren bereits morgens vom Schnee überrascht. Während seine Jünger nach und nach aufhörten zu meditieren, blieb der Buddha in seiner Versenkung und rührte sich nicht. Es wurde Mittag, die Jünger liefen frierend und zitternd herum, sich mit den Armen sich auf Brust und Schulter schlagend. Keiner wagte es, den Erhabenen aus seiner Versenkung zu holen. Nur Ananada befreite ab und zu den Meister von allzu großer Schneelast. Am frühen Nachmittag hörte der Schneefall auf, die Sonne kam durch und schmolz den Schnee wieder weg. Noch vor Sonnenuntergang schüttelte sich der Buddha, stand auf, schaute um sich und sah nur bibbernde Mönche.

»Was ist los?« fragte er. »Warum friert ihr? Wärmt euch die Sonne nicht, die gerade dabei ist, mit einem wunderschönen Rot für die Nacht zu verschwinden?«

»Habt ihr nicht gefroren, Meister? Wir hatten den ganzen Tag über Schnee und eisigen Wind!«

Buddha lächelte. »Vielleicht hatten wir Schnee und vielleicht war es kalt. Ich war jedoch nicht da. Wie konnte ich da frieren?«

Der Kater, dem Buddha schon einige Male begegnet war, schnurrte, während er noch mit seinen Jüngern sprach, heran und rieb sich an seinem Bein. Auf seinem schwarzen Fell glänzten noch wenige Schneekristalle. »Auch er war nicht anwesend«, sagte Buddha, »und hat folglich nicht gefroren.«

»In einer Höhle wird er gewesen sein, in irgend einem Unterschlupf. Das Katzenvieh ist viel zu bequem um der Kälte zu trotzen«, schimpfte ein Jünger.

»Oder zu schlau«, sagte Buddha. »Wer wird auch so dumm sein, im Schnee und in der Kälte auf und ab zu laufen ohne sich unterzustellen.«
apokryphe Buddha-Legende aus dem 21. Jh.
aufgeschrieben erstmals von
 Horst-Dieter Radke

Montag, 16. November 2015

Das mittelalterliche Franken

Dass das Mittelalter nicht nur Fabeln kannte, ist in meinem neuen Buch nachzulesen: Mittelalterliches Franken.

Es ist nicht einfach ein »Geschichtsbuch« sondern auch ein Reiseführer für die heutige Zeit. Es sind viele Tipps drin, wo man das Mittelalter in Franken heute noch sehen kann.

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Der Märchenerzähler erzählt eine neue Geschichte

Wenn die Dämmerung kommt und die meiste Arbeit gemacht ist, gehen alle auf den Markt, von dem sich die Händler dann bereits zurückgezogen haben. Mitten auf dem Platz aber sitzt der Märchenerzähler und sobald alle sich um ihn herum versammelt sind, beginnt er, seine Geschichten zu erzählen. Er kennt viele Geschichten, die Zuhörer haben sie alle schon gehört, weil sie immer wieder kommen und es ihnen nie langweilig wird, sie ein zweites, ein drittes oder ein viertes Mal zu hören.

Doch heute sitzt der Erzähler lange still. Niemand traut sich etwas zu sagen oder zu fragen. Mal räuspert sich hier eine, mal hustet dort jemand. Irgendwann beginnt der Erzähler doch, mit geschlossenen Augen und mit einer ganz neuen Geschichte.

Eines Tages, so erzählt er, kam die Wahrheit an eine Wegkreuzung, und wusste nicht weiter. Jeder den sie fragte, gab ihr eine andere Antwort. Der eine sagte »links gehen«, eine andere behauptete »rechts ist der richtige Weg«. Ein noch junger Mann rief emphatisch: »Nur geradeaus führt der Weg ins Neue!« und ein altes Männlein wollte die Wahrheit sogar zurückschicken, weil direkt voraus das größte Unheil zu erwarten sei. Da stand sie nun, die Wahrheit, und wusste nicht, wem sie glauben sollte. Da ihr selbst die Lüge fremd war, galt alles, was andere sagten, für sie so, als hätte sie es selbst gesagt. Was tun? Gleichzeitig nach links, rechts, vorne und hinten ging nicht. Am liebsten wäre sie nach oben weg, weil das niemand vorgeschlagen hatte, aber fliegen konnte sie nicht. Seufzend ließ sie sich auf einen Stein am Wegesrand nieder. Hier wollte sie bleiben. Da kam ein kleines Mädchen an die Kreuzung und sah die Wahrheit. »Warum gehst du nicht weiter«, fragte es, »bist du müde?« »Nein, müde bin ich niemals, aber ich kann nicht sehen, wo ich hin soll. Jeder gibt mir eine andere Richtung an und deshalb weiß ich nicht, welchem Rat ich folgen soll.« »Ist doch egal«, sagte das Kind. »Wo du hingehst, muss es richtig sein, denn wo die Wahrheit erscheint, muss das Falsche verschwinden.« Da lächelte die Wahrheit, nahm das Kind an die Hand und ging mit ihr gerade aus weiter. Doch schon im nächsten Ort kamen die Menschen schreiend gelaufen, schlugen die Wahrheit, prügelten das Kind und warfen die Geschundenen zur Stadt hinaus. »Was war das?« klagte die Wahrheit. »Ich weiß es auch nicht«, weinte das Kind. »Sie haben etwas von Fremden, die ihnen die Heimat wegnehmen und die Ordnung zerstören wollen« gerufen. »Aber das ist ja schrecklich«, sagte die Wahrheit, »wer sind denn diese Fremden.« »Ich glaube, sie meinten uns damit«, antwortete das Kind. Da war die Wahrheit sehr betroffen und beschloss, nicht mehr geradeaus zu gehen sondern lieber nach links abzubiegen. Doch sie kamen nicht weit, denn bald standen sie vor einem Zaun, der aus stacheligen Drähten gespannt war. Da hinüber konnte sie nicht kommen. Nun gingen sie in die andere Richtung, bis sie zu einer Mauer kamen, die so hoch war, dass sie nicht drüber hinweg sehen konnten. Bald standen sie wieder an der Kreuzung und seufzend machte sich die Wahrheit auf den Weg dorthin zurück, woher sie gekommen war. Aber auch das wurde ihr bald verwehrt. Menschen standen dort, mit Waffen und drohten, sie zu vernichten, wenn sie nur einen Schritt weitergehen würde. So kam es, das seit diesem Tag die Wahrheit an der Wegkreuzung sitzt. Viele Kinder haben sich zu Ihr gesellt, viele zerschunden und zerschlagen. Sie alle bleiben dort und warten auf den Tag, an dem sich alle Wege wieder öffnen werden. Doch wann wird das sein?

Der Märchenerzähler erhebt sich, verneigt sich in alle vier Himmelsrichtungen, und geht. Keiner hindert ihn. Aber es bleibt still auf dem Platz und beim nach Hause gehen gibt es kein fröhliches Gespräch, keine angeregte Unterhaltung, kein Wort zum Abschied. Jeder denkt über diese Fabel nach, die der Märchenerzähler heute das erste Mal erzählt hat.

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 18. Oktober 2015

Fabel vom Storch und dem überschlauen Wolf


Ein Storch landete nach seinem langen Flug von Afrika entkräftet und müde neben dem Teich auf der großen Wiese. Sofort schlief er ein. Ein Wolf, der im Vorbeikommen den Storch sah, überlegte kurz, ob er ihn fressen sollte. Mit einem Blick auf die quakenden Frösche im Teich sagte er: Nein, den dürren, mageren Vogel mag ich mir jetzt nicht einverleiben. Ich warte noch ein bisschen, bis er sich wieder Fleisch an die Knochen gefressen hat. Dann wird er mir eine gute Mahlzeit sein.

Als der Storch am nächsten Tag erwachte und die Frösche im Teich hörte, begann er sofort, sich die besten herauszusuchen und zu verschlingen. Bald war er wieder kräftig und stand gut im Fleisch. Dem Wolf lief das Wasser im Mund zusammen, als er den Storch so sah. Er lief hin und wollte ihn fressen. Allein der Storch hob in aller Seelenruhe ab, flog noch ein paar Runden über dem Teich, in dem nur nur noch vereinzelt Frösche quakten und zog weiter. Der Wolf hatte das Nachsehen.

Horst-Dieter Radke