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Montag, 20. April 2015

Johann Gottlieb Willamov

Johann Gottlieb Willamov wurde am 15. Januar 1736 in Mohrungen, einem kleinen Städtchen Ostpreußens geboren. Der Vater war Pfarrer und unterrichtete seinen Sohn selbst. Im Alter von 16 Jahren begann er an der Universität Königsberg mit dem Studium der Theologie, belegte aber auch Vorlesungen zu Mathematik und den schönen Wissenschaften. 1758 wurde er Professor am Gymnasium in Thorn. Er lebte arm, zunächst aber zufrieden und wurde von seinen Schülern geliebt. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer veröffentlichte er Dithyramben, aber auch ein Buch mit satirischen Grabschriften in Vers und Prosa. Weil die Besoldung auch nach Jahren noch allzu kärglich ausfiel, folgte er einem Ruf im Jahr 1767 nach Petersburg. Herder kritisierte, dass Willamov für das Amt einer pompösen Schule in Petersburg ungeeignet war. Tatsächlich geriet er dort in Schulden und verzichtete 1776 auf die Leitung der deutschen Schule. Mit Privatunterricht und Gelegenheitsschriften fristete er kümmerlich sein Leben. Er geriet ins Gefängnis und starb, kurz nach seiner Entlassung, im Alter von 41 Jahren am 6. Mai 1777.

Willamov war zu Lebzeiten bekannt und wurde von Kollegen wie Herder geschätzt. Man erklärte ihn gar zum preußischen Pindar. Seine Dithyramben und seine Fabeln waren schon zu Lebzeiten berühmt. Sein Gesamtwerk erschien erst nach seinem Tode.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Die Gänse und der Hahn



Die Gänse:
Wir haben einst zu unsrer ew’gen Ehre
Durch unsre Wachsamkeit
Roms Kapitol vom Untergang’ befreit.

Der Hahn:
Ei! was ich hör!
Habt ihr denn auch die Stadt beschützet?

Die Gänse:
Nein.

Der Hahn:
Nicht? – Nun so haltet ja mit eurem Prahlen ein.



Dialogische Fabeln
Johann Gottlieb Willamov
(1736 − 1777)
Berlin, 1791

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Dithyrambus und Fabel

Der Dithyrambus und die kleine Aesopische Fabel scheinen zwo so verschiedene Dichtungsarten zu seyn, daß sie zwei ganz entgegengesetzte Genie’s zu erfordern scheinen: wenn jene in eine poetischen Trunkenheit enthusiastisch tobt, und mit den Mänaden über die Gebirge raset … so suchet diese, der gelassenen Natur in ihrer äußersten Simplizität zu folgen, und allezeit den kürzesten und geradesten Weg zu gehen. Wir wollen nicht behaupten, daß es nicht solche ausgebreitete Genie’s geben sollte, die mit gleichem Glücke sich in jede von diesen Verfassungen ätzen könnten: indessen scheint es, daß die letztere der Muse unsers Dichters doch weit natürlicher ist, als die erstere. Der Enthusiasmus seiner Dithyramben ist nicht selten erzwungen und studiret; er sucht öfteren den Strom, der seine Wort fortwälzen soll, dals daß er von demselben jähling ergriffen und fortgerissen wird. Unter seinen Fabeln sind verschiedene, deren Erfindung so gut ist, und die so leicht und ungekünstelt dialogirt sind, daß wir sie denen des Phädrus an die Seite setzen könnten. Der Charakter der handelnden Thiere ist meistens wohl ausgedrückt, die Sprache ist leicht, und die Lehre sinnlich und gut herbeigeführt: nur möchten wir zweifeln, ob diejenige Weise, die Personen gleich dialogisch einzuführen, allezeit wohl angebracht sei und durchgängig gefallen möchte, da der Ort der Szene zur Wahrscheinlichkeit viel beiträgt, und den Leser nicht selten auf eine angenehme Art vorbereitet. Wem wird z. B. bei der ersten Fabel nicht gleich einfallen, daß es eine seltsame Katze seyn müsse, die so viel mit der Maus komplimentiret, und nicht gerade zufährt, wenn jene nicht noch in ihren Löchern sitzt.


Johann Gottlieb Willamov (1736 - 1777)
aus: Dialogische Fabeln, S. 23 f.
Berlin, 1791

Donnerstag, 12. Juli 2012

Die beiden Maler


gesehen in Paris, April 2012 (Montmartre)

Der Eine.
Mein Herr! zu allen diesen Stücken,
Die Sie hier aufgestellt erblicken,
Hab’ ich nicht mehr gebraucht, als nur drei Tage Zeit.
Ich bin nun einmal schon in dieser Fertigkeit;
Ein anderer wird das nicht wagen.

Der Andere.
Das freilich nicht; ich will es gern gestehen.
Allein es ist, wenn sie es gleich nicht sagen,
Auch Ihren Stücken anzusehn.

Johann Gottlieb Willamov (1736 − 1777)
Dialogische Fabeln, Berlin, 1791

Montag, 26. März 2012

Die Eiche und die Fichte


Die Eiche.
Wie kommst du in den hoch erhabnen Eichenwald,
Nichtswerthe Fichte? Such’ dir einen Aufenthalt
Beim Pöbel deiner Art.

Die Fichte.
Ihr hoch erhabnen Eichen!
Ein kleiner Ehrgeiz treibet mich:
Bei’m Pöbel meiner Art sind größer noch, als ich;
Hier überseh’ ich eures gleichen.

Johann Gottlieb Willamov (1736 - 1777)
aus: Dialogische Fabeln, Berlin, 1791

Mittwoch, 28. September 2011

Die Raupe und der Regenwurm


Die Raupe.

wie schön ist doch die Welt für mich gebaute!
So weit mein scharfes Auge schauet,
Bewundert es, geschaffen mir zum Glück’,
Der großen Götter Meisterstück.
Für mich macht dieses warme Wetter
Die sonne, die so hell vom Himmel auf mich scheint;
Denn Kälte, weiß sie, ist mein Feind.
Für mich trägt dieser Baum so weiche, süße Blätter;
Denn wer genießt sie sonst, als ich?
Auch Blumen zeugte die Natur für mich.
Denn wenn ich einst verwandelt werde
Und mich vergöttert von der Erde
Erhebe, trink’ ich ihren Nektarsaft.
Ja, weil die dunkle Nacht mir kein Vergnügen schafft,
So geht die Sonne nie zur Ruh’,
sie schicke mir denn erst die glänzende Laterne,
Den Mond, und tausend blanke Sterne,
Wenn niemand wacht, als ich, zu meinem Dienste zu.
Sprich, Regenwürmchen, sind wir Raupen nicht beglückt?

Der Regenwurm.

Und Regenwürmer sind wol nichts, erhabne Made,
Als Ungeziefer? nicht? Es ist um dich doch Schade!
Du hättest dich zum Menschen gut geschickt.

Johann Gottlieb Willamov
(1736 - 1777)
aus: Dialogische Fabeln
Berlin, 1791