Posts mit dem Label Joseph Krause werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Joseph Krause werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 30. November 2016

Der Wanderer und der Vielfraß

Ein Wandrer ruhte unter einem Baume, auf dem sich ein Vielfraß befand. Der Wandrer erblickte das Thier, sprang von der Erde auf, und lief davon.
»Halt!« rief der Vielfraß; »Komme zurück, und fürchte mich nicht.« Der Wandrer kehrte um, und fragte:
»Was bist du für ein Thier?« »Ich bin der Vielfraß«, war die Antwort, »und fresse ein Pferd oder Rennthier auf ein Mahl, ohne davon satt zu werden.« »Das ist viel«, versetzte der Wandrer, »da du nur so groß, als ein MetzgerHund bist.«
_
Gibt es nicht auch gewisse Menschen unter uns, die ganze Häuser verschlucken, Wiesen und Felder verdauen, und ganze Herden verzehren, ohne davon – satt zu werden?

Joseph Krause
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Strasburg und Mainz, 1801

Donnerstag, 27. August 2015

Der Kukuk und die Henne

Ein Kukuk wollte eine Henne über die Art und Weise belehren, wie sie ihre Jungen warten und pflegen sollte.
Die Henne lächelte und sagte:
»Wie kannst du mich die Methode lehren, wie ich meine Küchlein erziehen osllte, da du selbst deine eigenen Kinder in eine fremde Wiege legst, und von andern Vögeln erziehenläßt.

Auf diese Fabel passen jene pädagogischen Schriftsteller, welche die glänzendsten Theorien über Erziehung schreiben, selbst aber nie ein Kind erzogen haben.

Joseph Kraus
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Zweytes Bändchen
Strasburg und Mainz, 1801

Freitag, 31. Juli 2015

Der Schmetterling und die Biene


Ein bunter Schmetterling wiegte sich stolz auf einer Blume. Eine Biene flog auch dahin, um Honig zu sammeln. Der Schmetterling blickte sie mit Verachtung an, und sagte:

»Du haariges Ding! du wagst es, mir an der Seite zu stehen. Sieh, wie meine Flügel glänzen; jedermann hascht nach mir.« – »Jedermann hascht nach dir?« versetzte die Biene: »ich sehe nur Kinder nach dir laufen. Du glänzest zwar; ich aber arbeite. Komm’ in mein Haus, schau meine Arbeit, und verachte mich nicht mehr.« Der Schmetterling schwieg und flog davon.


Diese Fabel ist für euch, ihr Herrchen! die ihr nur die Geschicklichkeit besitzet, von Toilette zu Toilette, wie Schmetterlinge, zu flattern.

Joseph Kraus
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Erstes Bändchen
Strasburg und Mainz, 1801

Montag, 29. Oktober 2012

Die Kaufleute und die Katze

Als ostindsche Kaufleute ihre Waaren auf Kamehle luden, schlich sich eine Katze hin, – machte eine Buckel, und sagte:
„Sehe, ich habe auch einen Buckel, und kann Lasten tragen, wie die Kamehle.«
»Wir wollen sehen«, sprachen die Kaufleute, und legten ihr nur eine ganz leichte Last auf. – Allein der Katze war die Last zu schwer. Man nahm sie ihr wieder ab, und jagte sie davon.

Dieß Loos verdienen alle Bücklinge, und Schwachköpfe, die vom Staate Aemter erschleichen.

Joseph Krause
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Strasburg und Mainz, 1801

Freitag, 6. Juli 2012

Der Maulwurf und der Gärtner


»Halt!« rief ein Maulwurf zu einem Gärtner, der ihn mit dem Grabschend tödten wollte, – »schone meiner,  – du bist mit Dank schuldig; indem ich dich gegen deine ärgsten Feinde – gegen die RegenWürmer – schütze, welche die zartesten Würzen abfressen.«
»Ich verwünsche deinen Schutz, denn während du mich schützest, verheerest du mir Blumen und KräuterBeeten,« sprach der Gärtner, und schlug den Maulwurf todt.
-
So verheeren auch die Soldaten im Krieg des Untertanen gut, während sie es verteidigen.

Joseph Krause
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Strasburg und Mainz, 1801

Samstag, 28. Januar 2012

Der Esel und der Fabeldichter

„Herr!“ sagte ein Esel zu einem Fabeldichter, „wenn ich in deinem Buche wieder eine Rolle spielen muß, so laß mich Dach auch etwas Vernünftiges reden.“
„Sage deinem Treiber,“ versetzte der Fabeldichter; „er soll dich zuerst vernünftig denken lehren, dann werde ich dich auch vernünftig sprechen lassen.“
„Das thut er nicht,“ sprach der Esel; „denn er behauptet, wenn ich anfange zu denken, so höre ich auf, Disteln zu fressen, Lasten zu tragen, und Gehorsam zu leisten.“

Dies behaupten auch die Despoten des Landmanns, wenn von Schulenverbesserung die Rede ist.

Joseph Krause
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Strasburg und Mainz, 1801

Montag, 23. Januar 2012

Die Nachtigallen und ihr Wärter

Eine alte Fabel, die heute, angesichts der verqueren Bemühungen, das Urheberrecht zu beschneiden, wieder aktuell ist:

Ein reicher Mann, der ein Freund der Nachtigallen war, verreiste auf einige Zeit. Vor seiner Abreise gab er dem NachtigallenWärter eine summe Gelds, um für Futter und andere Bedürfnisse der Nachtigallen zu sorgen. Der Wärter aber behielt das Geld für sich, und ließ die Nachtigallen darben. Bey der Rückkehr des Herrn waren die Sängerinnen stumm und traurig.

„Warum“, fragte der Herr, „singet ihr, und freuet euch nicht über meine Ankunft?“

„Wer sollte singen, und sich freuen“, sagten die Nachtigallen, „wenn man uns Not leiden lässt?“
-
Wie sollten Künste und Wissenschaften im Staate blühen, wenn Künstler und Gelehrte hungern müssen?

Joseph Krause
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Strasburg und Mainz, 1801

Mittwoch, 12. August 2009

Die Elster und die Schnecke


Eine Elster saß hoch auf einem Baume, wohin sie ihr Nest gebaut hatte. Eine Schnecke blickte sehnsuchtsvoll zu ihr hinauf. »Du möchtest gerne bey mir seyn,« sagte die Elster: »du hast aber keine Flügel.« Die Schnecke schwieg, und ehe sichs die Elster versah, war die Schnecke oben am Neste. »Wie bist du heraufgekommen?« fragte die Elster erstaunungsvoll: »du kannst ja nicht fliegen.« - »Ich kroch:« - war die Antwort.

Minister und Generäle, Räthe und Beamte steigen oft schneckenartig in die Höhe

Joseph Krause
aus: Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Erstes Bändchen
Straßburg und Mainz, 1801

Sonntag, 9. August 2009

Die Spinne und die Mücke


Eine Spinne fing eine große FleischFliege, mit der sie lange Zeit nur tändelte. - Endlich ersah die Fliege ihren Vortheil, und entkam. Gleich darauf flog eine Mücke ins Gewebe, und blieb hangen.
»Du entfliehst mir nicht mehr«, sagte die Spinne.
»Warum«, fragte die Mücke, »muß denn ich, als ein so kleines Insekt, hangen, da du doch die große Fliege so gnädig entlassen hast?«
»Ist dir das SprüchWort nicht bekannt?« versetzte die Spinne: »Große Diebe läßt man laufen, und kleine müssen hangen.«
-
Wie leicht ist der Sinn dieser Fabel zu enthüllen!

Joseph Krause
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Strasburg und Mainz, 1801