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Sonntag, 12. Mai 2019

Der Wolf und der Schäfer

 
Ein Schäfer hatte durch eine grausame Seuche seine ganze Herde verloren. Das erfuhr der Wolf und kam, seine Kondolenz abzustatten.
Schäfer, sprach er, ist es wahr, daß dich ein so grausames Unglück betroffen? Du bist um deine ganze Herde gekommen? Die liebe, fromme, fette Herde! Du dauerst mich, und ich möchte blutige Tränen weinen.
Habe Dank, Meister Isegrim, versetzte der Schäfer. Ich sehe, du hast ein sehr mitleidiges Herz.
Das hat er auch wirklich, fügte des Schäfers Hylax hinzu, sooft er unter dem Unglücke seines Nächsten selbst leidet.

Gotthold Ephraim Lessing

Freitag, 30. Dezember 2016

Der Sperling und der Strauß

"Sei auf deine Größe, auf deine Stärke so stolz wie du willst", sprach der Sperling zu dem Strauße; "ich bin doch mehr ein Vogel als du. Denn du kannst nicht fliegen, ich aber fliege, obgleich nicht hoch, obgleich nur ruckweise."

Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen verliebten Gesanges, ist mehr ein Genie, als der schwunglose Schreiber einer langen Hermanniade.

Gotthold Ephraim Lessing

Dienstag, 28. April 2015

Der Sperling und die Feldmaus


Zur Feldmaus sprach ein Spatz: Sieh dort den Adler sitzen!
Sieh, weil du ihn noch siehst! er wiegt den Körper schon;
Bereit zum kühnen Flug, bekannt mit Sonn' und Blitzen,
Zielt er nach Jovis Thron.
Doch wette, – seh' ich schon nicht adlermäßig aus –
Ich flieg' ihm gleich. – Fleug, Prahler! rief die Maus.

Indes flog jener auf, kühn auf geprüfte Schwingen;
Und dieser wagts, ihm nachzudringen.
Doch kaum, daß ihr ungleicher Flug
Sie beide bis zur Höh' gemeiner Bäume trug,
Als beide sich dem Blick der blöden Maus entzogen,
Und beide, wie sie schloß, gleich unermeßlich flogen.
*
Ein unbiegsamer F* will kühn wie Milton singen.
Nach dem er Richter wählt, nach dem wirds ihm gelingen.

Gotthold Ephraim Lessing

Freitag, 3. April 2015

Das unvermeidliche Schicksal


Eine Maus sah in einiger Entfernung die Katze. Sie hatte von ihrer Feindschaft gehört, und eine grosse Furcht vor ihr gefaßt. Aber sie beruhigte sich, da sie eine Mausfalle neben ihr stehen sah. Hier, sagte sie, habe ich einen sichern Schirm, wenn die Katze sich zu mir nähern wollte. Dieses köstliche Werk ist mir zum Schirm hierher gestellt. Ich kann mich augenblicklich dahinein flüchten, und durch einen schlauen Druck die Thüre zuschliessen, so bin ich wie in einer Festung vor den Klauen aller Katzen bewahrt. Die Katze that einen Sprung nach ihr, im Augenblicke floh die Maus in die Falle und drückte sie zu. Die Katze sagte: Noch bist du mein Raub, du bist dem Schicksal auf dem Wege entgegen gegangen, auf welchem du ihm zu entfliehen gedachtest.

Lessingische, unäsopische Fabeln
Enthaltend die sinnreichen Einfälle und weisen Sprüche der Thiere
Nebst damit einschlagender Untersuchung der Abhandlung Herrn Lessings von der Kunst Fabeln zu verfertigen
Zweyte Auflage
Zürich, bey Orell, Geßner und Comp. 1767

Donnerstag, 22. November 2012

Fabelhafte Fabelbücher (Rezension)

Wer Fabeln liebt, möchte sie auch gelegentlich nachlesen. Das Angebot an alten und neuen Fabelbüchern ist groß, doch welches soll man wählen. Eine kleine Hilfe versucht die folgende Übersicht zu geben.

Das große Fabelbuch von Constanze Breckhoff und Gerhard Glück (Lappan Verlag) ist ein Prachtband, der nicht nur eine repräsentative Auswahl Fabeln von Aesop bis Wilhelm Busch und verschiedener Völker bringt, sondern auch noch schön und angemessen illustriert (G.Glück) ist. Das Buch ist nicht nach Zeitalter sortiert, sondern bunt gemischt. Ein guter Tipp für diejenigen, die gerne in guten Büchern schmökern und eine gute »Fabelgrundausstattung«.



Wer sich speziell für die Fabeln des Aesop interessiert, greift statt der zu Hauf verfügbaren Billigausgaben diverser Nachdruckverlage besser auf die Neuübersetzung von Thomas Voskuhl aus dem Reclam-Verlag.



Wem es nicht so auf sprachliche Genauigkeit ankommt, dafür aber auf sprachliche Schönheit, sollte sich die von Fulvio Testa illustrierten Ausgabe von Gisbert Haefs ansehen.




Die Fabeln des Jean de LaFontaine liegen in der Übersetzung von Ernst Dohm in einer umfangreichen und illustrierten Gesamtausgabe vor (mehr als 500 Seiten).



Wer es etwas karger und preiswerter möchte, wählt die Reclam Ausgabe (Übersetzer: Jürgen Grimm), die immerhin auch die Illustrationen von Gustave Doré enthält.



Lessings Fabeln liegen in einer schönen Taschenbuchausgabe des Fischer-TB-Verlages vor. Sie enthält außerdem auch die »Abhandlungen über die Fabel«.



Sie sind nicht jedermanns Geschmack und kommen heute arg belehrend daher, aber wer sie mag, die Kinderfabeln des Wilhelm Hey, findet 50 davon in einem preiswerten Taschenbuch:



Luthers Fabeln und Sprichwörter
findet man in einer schönen Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Illustriert mit Abbildungen und Holzschnitten aus der Werkstatt von Lukas Cranach:



Deutsche Fabeln des 18. Jahrhunderts sind repräsentativ in einem Bändchen des Reclam-Verlages zusammen gestellt. Es ist sehr zu empfehlen, denn darin sieht man, dass es neben Lessing, Gellert & Gleim noch zahlreiche andere Fabeldichter in dieser Zeit gab.



Zum Abschluss Johann Wolfgang von Goethe. Seine längere Fabeldichtung um »Reineke Fuchs« ist wunderschön Illustriert von Dieter Wiesmüller in diesem Prachtbuch aus dem Hanser-Verlag. Ein Buch nicht nur für Kinder. Oder anders gesagt: Ein Buch, das Erwachsene, die es sich gekauft haben, auch an Kinder aushändigen können.




Horst-Dieter Radke

Dienstag, 20. Dezember 2011

Laß dich den Teufel bey einem Haare fassen …

Laß dich den Teufel bey einem Haare fassen; und du bist sein auf ewig?

Gotthold Ephraim Lessing
aus: Emilia Galotti

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Die Hunde


Wie ausgeartet ist hier zu Lande unser Geschlecht! sagte ein gereif’ter Budel. In dem fernen Weltteile, welchen die Menschen Indien nennen, da, da gibt es noch rechte Hunde; Hunde, meine Brüder – – ihr werdet es mir nicht glauben, und doch habe ich es mit meinen Augen gesehen – die auch einen Löwen nicht fürchten, und kühn mit ihm anbinden.
Aber, fragte den Budel ein ersetzter Jagdhund, überwinden sie ihn denn auch, den Lösen?
Überwinden? war die Antwort. Das kann ich nun eben nicht sagen. Gleichwohl, bedenke nur, einen Löwen anzufallen! – –
O, fuhr der Jagdhund fort, wenn sie ihn nicht überwinden, so sind deine gepriesene Hunde in Indien – besser als wir, so viel wie nichts – aber ein gut Theil dümmer.
 
Gotthold Ephraim Lessing

Freitag, 21. Oktober 2011

Der Werth des Nützlichem

Der Sperling rühmte sich, daß er mehr ein Vogel wäre als der Strauß; denn er flöge. Der Strauß antwortete: Es ist wahr, meine Flügel sind nicht gemacht mich auch nur auf ein Dach zu tragen, aber sie geben doch meinem schweren Leib eine ungemeine Leichtigkeit. ich renne den Pferden, den Strömen, und gar den Winden zuvor. Ich verschlinge den Erdboden unter mir. In der Zeit daß du dich rückweise auf die Balken einer Scheune windest, verschwinde ich aus deinem blöden Gesichte.

Lessingische, unäsopische Fabeln
Enthaltend die sinnreichen Einfälle und weisen Sprüche der Thiere
Nebst damit einschlagender Untersuchung der Abhandlung Herrn Lessings von der Kunst Fabeln zu verfertigen
Zweyte Auflage
Zürich, bey Orell, Geßner und Comp. 1767

Freitag, 5. Februar 2010

Lessings Fabeln ...

[Lessings] Fabeln sind nicht bloß für Kinder, sondern auch für Männer, und Männer insonderheit lesbar. Noch mehr sind's seine Abhandlungen über das Wesen, den Nutzen, die Einkleidung, das Wunderbare der Fabel, die er seinen Proben beifügte ... Die Abhandlungen über die Fabel insonderheit sind mit einer so glücklichen, leichten, sokratisch-platonischen Analyse geschrieben, daß ich im Geiste dieser Methode ihnen in unserer Sprache Weniges an die Seite zu setzen wüßte.


Johann Gottfried Herder

Dienstag, 22. September 2009

Dass selbst Lessing darin zu arbeiten versuchte …

Nach all diesen sämtlichen Erfordernissen wollte man nun die verschiedenen Dichtungsarten prüfen, und diejenige, welche die Natur nachahmte, sodann wunderbar und zugleich auch von sittlichem Zweck und Nutzen sei, sollte fürs erste und oberste gelten. Und nach vieler Überlegung ward endlich dieser große Vorrang, mit höchster Überzeugung, der Äsopischen Fabel zugeschrieben... Daß selbst Lessing darin zu arbeiten versuchte, daß so viele andere ihr Talent dahin wendeten, spricht für das Zutrauen, welche sich diese Gattung erworben hatte.

Johann Wolfgang von Goethe
Dichtung und Wahrheit
Zweiter Teil, Buch 7

Sonntag, 26. Juli 2009

Der Phönix


Nach vielen Jahrhunderten gefiel es dem Phönix, sich wieder einmal sehen zu lassen. Er erschien, und alle Thiere und Vögel versammelten sich um ihn. Sie gafften, sie staunten, sie bewunderten und brachen in entzückendes Lob aus.

Bald aber verwandten die besten und geselligsten mitleidsvoll ihre Blicke, und seufzten: Der unglückliche Phönix! Ihm ward das harte Loos, weder Geliebte noch Freund zu haben; denn er ist der einzige seiner Art!

G. E. Lessing

Sonntag, 12. Juli 2009

Lessings Fabeln gebührt der Ruhm der zweckmäßigsten Kürze ...

Lessings Fabeln gebührt der Ruhm der zweckmäßigsten Kürze, des angenehmsten Witzes, der feinsten Rundung und Eleganz im Vortrage, der trefflichen Wahl und Versinnlichung der moralischen Lehrsätze. Seine Fabeln sind nicht bloß für Kinder, sondern auch Männern, und Männern insonderheit, lesbar. Noch mehr sind es die Abhandlungen über das Wesen, den Nutzen, die Einkleidung, das Wunderbare der Fabel.

Karl Heinrich Jördens
aus: Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten
Leipzig 1808

Dienstag, 23. Juni 2009

Der Falke


Des einen Glück ist in der Welt des andern Unglück. Eine alte Wahrheit, wird man sagen. Die aber, antworte ich, wichtig genug ist, daß man sie mit einer neuen Fabel erläutert.

Ein blutgieriger Falke schoß einem unschuldigen Taubenpaare nach, die sein Anblick eben in den vertrautesten Kennzeichen der Liebe gestört hatte. Schon war er ihnen so nah, daß alle Rettung unmöglich schien; schon gurrten sich die zärtlichen Freunde ihren Abschied zu. Doch schnell wirft der Falke einen Blick aus der Höhe, und wird unter sich einen Hasen gewahr. Er vergaß die Tauben; stürzte sich herab, und machte diesen zu seiner bessern Beute.

Gotthold Ephraim Lessing

Montag, 5. Januar 2009

Wann ist eine Erdichtung eine Fabel?

Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt, so heißt diese Erdichtung eine Fabel.

G.E.Lessing
Abhandlungen über die Fabel
I. Vom Wesen der Fabel

Dienstag, 16. Dezember 2008

Herz und Phantasie

Um so bewundernswerter erscheint es, daß La Fontaines Gegenfüßler, der einsilbige Lessing, wenn er die alte vergessene Richtung Andreäs fortsetzt, in seinen engen Prosafabeln doch nicht bloß unsern Verstand, sondern durch die prägnante Lyrik von Bekenntnissen und die parabolische Sinnigkeit manches Stücks auch Herz und Phantasie ergreift.

aus:
Erich Schmidt: Lessing
Sein Leben und seine Schriften

Dienstag, 11. November 2008

Indirekte und direkte Fabeln

Fabeln also, welche den moralischen Satz in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, würde man vielleicht indirekte Fabeln sowie die andern direkte Fabeln nennen können.

Gotthold Ephraim Lessing
Abhandlung über die Fabel –
III. Von der Einteilung der Fabeln (S.88)


Freitag, 22. August 2008

Kritik an Lessing

Wäre Lessings scharfsinnige betrachtung wie in die griechische fabel ebenso tief in die altdeutsche gedrungen und durch umfassendere historische studien unterstützt worden; so hätten wir diesem geistreichen mann vielleicht die fruchtbarsten erörterungen unserer thierfabel zu danken. Den abstand des Phädrus von Äsop hat er aufgedeckt, auch die schwäche der lafontainischen fabel gegenüber der äsopischen blieb ihm unverborgen. Sein irthum lag darin, dass er in den besten griechischen stücken den gipfel, nicht in allen schon das sinken und die sich zersetzende kraft der alten thierfabel erblickte. zu dieser können die apologe, die er selbst gedichtet, sich nicht anders verhalten als ein epigramm in scharfzielender gedrungeheit zu der milden sinnlichen, von dem geiste des ganzen eingegebenen dichtung des alterthums. Das naive element geht den lessingischen fabeln ab bis auf die leiseste ahnung.

Jacob Grimm aus:
»Reinhart Fuchs«, Berlin, 1834
(Cap.I, XVIII)

Sonntag, 17. August 2008

Der Fuchs und der Tiger

ⓒ Mirjam Radke

Fab. Aesop. 159

»Deine Geschwindigkeit und Stärke«, sagte ein Fuchs zu dem Tiger, »möchte ich mir wohl wünschen.«
»Und sonst hätte ich nichts, was dir anstünde?« fragte der Tiger.
»Ich wüßte nichts!«
»Auch mein schönes Fell nicht?« fuhr der Tiger fort. »Es ist so vielfarbig als dein Gemüt, und das Äußere würde sich vortrefflich zu dem Innern schicken.«
»Eben darum«, versetzte der Fuchs, »danke ich recht sehr dafür. Ich muß das nicht scheinen, was ich bin. Aber wollten die Götter, daß ich meine Haare mit Federn vertauschen könnte!«

Gotthold Ephraim Lessing

Sonntag, 20. Juli 2008

Die Bären



Den Bären glückt' es nun schon seit geraumer Zeit,
Mit Brummen, plumpem Ernst und stolzer Frömmigkeit
Das Sittenrichteramt bei allen schwächern Tieren
Aus angemaßter Macht, gleich Wütrichen, zu führen.
Ein jedes furchte sich, und keines war so kühn,
Sich um die saure Pflicht nebst ihnen zu bemühn;
Bis endlich noch im Fuchs der Patriot erwachte,
Und hier und da ein Fuchs auf Sittensprüche dachte.
Nun sah man beide stets auf gleiche Zwecke sehn;
Und beide sah man doch verschiedne Wege gehn.
Die Bären wollten nur durch strenge heilig machen;
Die Füchse straften auch, doch straften sie mit Lachen.
Dort brauchte man nur Fluch, hier brauchte man nur Scherz;
Dort bessert man den Schein, hier bessert man das Herz;
Dort sieht man Düsternheit, hier sieht man Licht und Leben;
Dort nach der Heuchelei, hier nachder Tugend streben.
Du, der du weiter denkst, fragst du mich nicht geschwind,
Ob beide Teile wohl auch gute Freunde sind?
O wären sie's! Welch Glück für Tugend, Witz und Sitten!
Doch nein, der arme Fuchs wird von dem Bär bestritten
Und, trotz des guten zwecks, von ihm in Bann gethan.
Warum? Der Fuchs greift selbst die Bären tadelnd an.
*
Ich kann mich diesmal nicht bei der Moral verweilen;
Die fünfte Stunde schlägt; ich muß zum Schauplatz eilen.
Freund, leg' die Predigt weg! Willst du nicht mit mir gehn?
»Was spielt man?« Den Tartüff. »Dies Schandstück sollt' ich sehn?«

Gotthold Ephraim Lessing

Mittwoch, 16. Juli 2008

Der Adler



Man fragte den Adler: »Warum erziehst du deine Jungen so hoch in der Luft?«
Der Adler antwortete: »Würden sie sich, erwachsen, so nahe zur Sonne wagen, wenn ich sie tief an der Erde erzöge?«

Gotthold Ephraim Lessing