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Samstag, 6. Januar 2018

Die Musikanten

Ein Nachbar bat den andern einst zum Essen.
Doch war dabei noch List im Spiel:
Der Wirth hielt von Musik gar viel,
Und war darauf versessen,
Daß jener seine Sänger hört;
Jetzt wird ihm dieser Wunsch gewährt.
Die Burschen stimmen an, das geht durch Dick und Dünn,
Aus Leibeskräften schrein die Thoren,
Dem Gaste gellen schon die Ohren,
Es wird ganz schwindlig ihm zu Sinn.
»Erbarm dich doch«, so ruft er voll Verwirrung,
»Woran soll man denn da sich freun? Dein Chor
Brüllt Unsinn vor!«
– »Nun wohl«, versetzt der Wirth mit sanfter Rührung
»Ein wenig kreischen sie;
Doch dafür trinken sie auch Branntwein nie,
Und alle sind von bester Führung.«
–
Ich aber sage: trinke wohlgemuth,
Nur mach’ auch deine Sache gut.

Krylof’s sämmtliche Fablen
Aus dem Russischen übersetzt und
mit einer Einleitung begleitet
von Ferdinand Löwe
Leipzig: F.A. Brockhaus, 1874

Dienstag, 26. Januar 2016

Russische Fabeldichter

Als Begründer der russischen Fabel gilt Alexander Petrowitsch Sumarokow (1717 - 1777). Sumarokow stammt aus einer adligen Familie, diente u.a. in der militärischen Kanzlei und war eine Zeit lang auch Theaterdirektor. Er schrieb Theaterstücke, Opernlibretti und zwischen 1762 und 1769 Fabeln. Seine Fabeln zeichnen sich durch eine große Geschwätzigkeit aus. A. A. Rževskij (1737 - 1804) ist ein weiterer Dichter, der sich in Rußland der Fabel angenommen hatte. Anders als Sumarokow, der die Prosafabel pflegte, nutzte Rževskij die Gedichtform, teilweise durch druckgrafische Gestaltung, in dem er den Gedichten geometrische Formen gab. Vasilij Ivánovič Májkov (1728-1778) bewunderte Sumarokow, dem er insbesondere in den Fabeln nachstrebte. Bekannt wurde er allerdings durch seine Episteln. Iwan Andrejewitsch Krylow (1769 - 1844) war Hauslehrer und Bibliothekar in Sankt Petersburg. Er veröffentlichte zwischen 1809 und 1843 mehr als 200 Fabeln, von denen eine Auswahl bereits 1842 in deutscher Sprache erschien. Nur am Anfang orientierte sich Krylow an Äsop und La Fontaine, schuf später dann aber eigene Fabeln. Alexander Nikolajewitsch Afanassjew (1826 - 1871) gilt als der »russische Grimm«. Er war Märchensammler und erfasst dabei auch Fabeln.
Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 5. Juli 2012

Der Hahn und die Perle



Beim Wühlen in der Düngerpfütze
fand eine Perle einst der Hahn
und sprach: »Was ist denn da daran?
Das Ding ist gar nichts nütze!
Ist's eine Torheit nicht, daß man so hoch es schätzt?
Mich hätte in der Tat unendlich mehr ergötzt
ein Gerstenkorn – wenn's auch den Glanz nicht hat,
es macht doch satt.«

So urteilt auch der Ignorant:
Wovon er nichts versteht, das ist ihm bloßer Tand.

Iwan Andrejewitsch Krylow
Fabeln, Leipzig 1874
Original: St. Petersburg 1843
Übersetzer: Ferdinand Löwe

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Der Elefant und der Mops



Ein Elefant ward einst straßauf, straßab geführt,
versteht sich, ihn zur Schau zu stellen
– sind Elefanten doch hier seltene Gesellen –,
und hinter ihm ein Gafferschwarm sich rührt.
Da kommt von ungefähr dem Zug ein Mops entgegen.
Als der den Riesen sieht, wirft er sich gleich auf ihn
und bellt und heult und will verwegen,
so scheint's, in Kampf ihn ziehn.
»Hör auf«, sagt ihm der Spitz, »es ist ja eine Schande,
mit Elefanten messen dich, bist du's imstande?
Ganz heiser bist du schon – er aber geht
voll Majestät
und ohne dein Gekläff auch nur zu hören.« –
»Das soll mich gar nicht stören«,
versetzte der Mops, »das ist's, was meinen Mut erhöht.
Ich brauche meine Haut zu Markte nicht zu tragen
und gelte doch als Raufbold vor der Welt.
Laß nur die Hunde sagen:
Der Mops muß stark doch sein, so was zu wagen,
er hat den Elefanten angebellt.«

Iwan Andrejewitsch Krylow
Fabeln, Leipzig 1874
Original: St. Petersburg 1843
Übersetzer: Ferdinand Löwe

Sonntag, 13. November 2011

Die Truhe

 
Gar häufig kommt uns vor der Fall,
daß man mit vielem Wissensschwall
sich quält, wo’s nur gilt, ohne Zagen
die Sache selber zu befragen.

Vom Schreiner brachte man zu jemand eine Ruh’.
Das saubre Stück war eine rechte Augenweide,
und jeglicher hat daran seine Freude.
Ein Jünger der Mechanik tritt hinzu;
der sieht die Truhe an und ruft: »Ah, ein Geheimnis!
Jawohl, sie hat kein Schloss –
nun, nun, ich öffne sie Euch ohne Säumnis.
Seht mich nicht an so groß!
Ich find’ es schon heraus, ich öffne Euch die Truhe,
in der Mechanik habe ich was los – das lässt mir keine Ruhe.«

Er macht sich an die Truhe flugs,
er späht nach allem wie ein Luchs,
zerquält sien Hirn, o Jammer,
drückt auf ‚nen Nagel bald und bald auf eine Klammer.
Wer so sein Tun erblickt,
hält ihn für halb verrückt,
man flüstert und man lacht,
er aber murmelt immer sacht:
»Hier nicht, so nicht, da nicht.« Sein Eifer wächst,
er schwitzt und schwitzt und meint, er sei verhext.
Doch wie die Kraft zu Ende geht,
lässt er die Truhe, wie sie steht.
Die saure Mühe konnt’ ihn wohl verdrießen:
die Truhe war nicht zum Verschließen.

Iwan Andrejewitsch Krylow
Fabeln, Leipzig 1874
Original: St. Petersburg 1843
Übersetzer: Ferdinand Löwe

Montag, 4. Mai 2009

Russischer Aesop

Der vorzüglichste Fabeldichter, den Rußland bis jetzt hervorgebracht, ist Kriloff *), ein noch lebender Dichter, Aufseher der Kaiserlichen Bibliothek zu Petersburg. Sein Stoff ist fast immer originell, sein Vortrag zierlich und seine Wendungen geistreich. Seine Ideen und Bilder sind ganz Russisch und können daher als ein treues Gemälde seiner Landsleute dienen. Die Moral seiner Fabeln ist sinnig und gediegen, und dies ist kein kleiner Vorzug. Die Gräfin Orloff, die ihn durch ganz Europa bekannt zu machen wünschte, veranstaltete Uebersetzungen seiner Fabeln ins Französische und Italiänische. Sie erschienen 1825 in zwei Bänden zu Paris, mit dem Russischen Text und mit Beiträgen von den vorzüglichsten lebenden Dichtern. Herr Lemontey schrieb die Vorrede dazu, welche Nachrichten über den Verfasser enthält, der auch mehrere Lustspiele und andere dramatische Stücke geschrieben hat.

Magazin für die Literatur des Auslands
Nr. 61, 22. Mai 1833

*) Korrekt: Iwan Andrejewitsch Krylow, 1768 - 1844. 1842 Erschienen seine Fabeln auch in deutscher Sprache.