Posts mit dem Label Schnecken werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schnecken werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 11. Mai 2019

Besitz

Mit ihrem Hause eine Schnecke
Fand eine andre auf der Strecke,
Die ohn Haus war, und begann:
»Ob man noch Schnecke nennen kann
So was, wie du bist weiß ich nicht:
Wer auf die Welt nicht gleich sein Haus
Sich mitbringt, ist für mich ein Wicht!«
»Ich bin auf jedes Gut nicht aus«,
Entgegnete das nackte Tier –;
»Zerbricht dein Haus, ist’s aus mit dir, –
auch klebst du daran – fast fürchte ich:
Du hast das Haus nicht – es hat dich."
 
Alois Wohlmut (1849-19309
österreichischer Schauspieler und Autor
INNSBRUCKER NACHRICHTEN, 2.9.1917

Sonntag, 19. April 2015

Schneckentragödie


Zweiter Versuch

Eine Schnecke, die mit Haus verwegen,
auf jenem breiten Weg hinglitt,
der asphaltglatt von Süd nach Norden,
die Wiese in zwei Hälften schnitt,

Gewitzt durch angeborene Ahnung
zieht sie sich bei Gefahr zurück
in die Windung ihrer Wohnung
vertrauend auf ihr Schutz und Glück.

Da rast in ungebotner Eile
’ne nackte Schneck’ an ihr vorbei
höhnt, du brauchst wohl noch ne Weile,
ich kriech schon mal, ich bin so frei.

Zitternd noch vor Wut und Angst
fängt die Schnecke an zu klagen
Denkst du, dass du alles kannst?
Wirst dich noch zu Tode jagen.

So zieht sie langsam und gemächlich
voll Stolz auf ihrer Bahn dahin
als überschnell ein rasend Auto
sie plattwalzt ohne jeden Sinn.

Der erste Versuch

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 25. April 2013

Schnecke und Wühlmaus


Eine Schnecke traf die emsigen Wühlmäuse als sie ihre Gänge gruben und fragte verwundert: „Ihr macht euch jedes Mal aufs Neue so viel Arbeit, aber meistens halten die Gänge ja nicht lange! Warum macht ihr das?“
„So viel Arbeit?“  antwortete eine Maus und die umherstehenden lachten lauthals.
„Das ist doch keine Arbeit,“ sagte die erste. „Das macht uns Spaß. Wir bauen Gänge, ab und zu schauen wir nach draußen und schieben die Erde etwas raus, knabbern an leckere Wurzeln und wenn wir eine Pause machen, liegen wir in unseren Nestern. Wenn ein Gang hier und da zusammenbricht, dann machen wir gerne wieder einen Neuen.“
„Das macht Spaß?“ Die Schnecke zog ihre Fühler verärgert etwas zurück, „sinnloses Tun ist das!“
„Wenn wir sehen, wie schwer du an deinem Häuschen trägst, das wäre nichts für uns. Das ist doch lästig, immer das Haus auf dem Buckel zu haben. Ohne Haus auf deinem Buckel könntest du auch wie wir, schneller deiner Wege gehen!“
Die Schnecke zog sich beleidigt in sein Haus zurück und dachte so bei sich: „Ein eigenes Haus zu haben ist doch immer schön. Manchmal aber ist es schon hinderlich, da haben die Mäuse recht.“
Spaß haben ist die eine Seite der Medaille, die andere: Alles kann auch hinderlich sein.


Sonntag, 30. Oktober 2011

Falter und Schnecke

Falter haben keine Tugend –
            geb ich zu;
Sie genießen ihre Jugend
            ganz schmasu!
Rauben allen Blumenseelchen
            Glück und Ruh,
halten selbst in Lilienkelchen
            Rendezvous.

Aber denkt, ein Falterleben,
            liebe Leut‘,
Ist ja nur ein kurzes Schweben,
            überm Heut‘.
Darum laßt sie doch genießne,
            wie sie’s freut,
Alles was in Wald und Wiesen
            schnell sich beut.

Freilich, besser hat’s die Schnecke,
            der – nach Brehm –
Auch der Aufenthalt im Drecke
            angenehm;
Sie genießt das Leben gründlich
            und bequem,
tugendhaft sowohl als sündlich –
            je nachdem.

Doch erregt ihr wüstes Schleimen
            nie Skandal,
Denn sie tut es im Geheimen
            allemal;
Nur der Falterflug, der kecke,
            macht ihr Qual,
Weil er „offen buhlt“ … Die Schnecke
            hat Moral!

A. De Nora
aus: Ruheloses Herz

Montag, 5. April 2010

Schnecke und Zecke


Die Schnecke klaut der Zecke eine Decke. Da ärgert sich die Zecke und beißt der Schnecke in den Po. 

Nina Porath

Donnerstag, 4. Februar 2010

Die Schnecke und die Grille

 

Recht langsam,  Schritt vor Schritt, mit viel Behutsamkeit,
Kroch eine wohl beladne Schnecke
Zu einer nahgelegnen hecke,
Der Weg, so kurz er war, war für die Schnecke weit,
Ein Zeiger an der Uhr kann nicht so sachte gehen,
Itzt zieht sie Hörner ein, itzt streckt sie Hörner aus,
itzt bleibt sie eine Weile stehen,
So drückte sie das Schneckenhaus.

Hier pries sie das Geschick der Grille,
Die an dem Wege saß, und sang:
Wie leicht ist sie, wie schnell ihr Gang!
Sie lebt und singt in edler Stille,
Ein Sprung setzt sie in Sicherheit.
Wenn meine Wohnung mich verbindet auszuhalten,
Und in der Sorge zu veralten.

Die Grille nahm sich hier die Zeit
Die Schnecke heimlich zu belauschen,
Drauf zwitscherte sie ihr zum Trost die Worte zu:
Wie gerne wollt ich mit dir tauschen?
Wenn mich die Wittrung plagt, so liegst und ruhest du
Bequemlich, zugedeckt, verschlossen,
Oft such ich ich in der Nacht kalt, hungrig und verdrossen
Die Ruhe, die dich längst mit sanften Flügeln deckt,
wenn mich der Winterschnee, mit Tod und Krankheit schreckt.
Wenn ich mich mit dem Hunger quäle,
So närst du dich in deiner Höhle.

Hier ist die Grille fortgehüpft,
Ich schließe so aus ihrer Klage:
Wer ledig ist, hat seine Plage,
Und eine Haushaltung ist auch mit Noth verknüpft.

Lichtwehr

Sonntag, 27. September 2009

Die Schnecken


Einst giengen zwei Jünglinge spatziren und fanden im Fahrweg einige Schnecken, die sie, besorgt, daß sie von einem Fuhrwagen zerdrückt werden möchten, in den Busch dabei warfen. Ihr Muthwilligen, riefen die Schnecken, warum stört ihr uns aus unsrer friedlichen Ruhe und werft uns so muthwillig hierher.

Menschenbrüder, mit wem hadert ihr, wenn euch ein kleines Ungemach geschieht? Mit einem Allweisen? O! ihr Kurzsichtigen!

Novalis

Donnerstag, 24. September 2009

Der Schröter, die Schnecke und der Molkendieb


Ein Schröter *), der mit einer Schnecke
Im Schatten einer Weißdornhecke
Spatzieren kroch, gerieth mit ihr
In Streit, und zwar der Hörner wegen.
Kaum trägt ein junger Offizier
So stolz den neuen Troddeldegen
Als Junker Schröter sein Geweih.
Der Hirsch, dem wir am meisten gleichen,
Sprach er, muß ohne Prahlerey,
Mit seinem Kopfputz meinem weichen:
Er dienet mir, du weist es schon,
Zur Hand und wie dem Krebs zur Scheere,
Im Krieg zum Schutz und Trutzgewehre,
Und.... Alles gut, mein lieber Sohn,
Und doch möcht ich mit dir nicht tauschen;
Auf meinen Hörnern hat die Macht
Des Zevs zwey Augen angebracht,
Wodurch ich die Gefahr belauschen,
Und die ich, rückt der Feind heran,
Schnell, wie mich selbst, verbergen kann.
So sprach die Schnecke. Junker Schröter
Bestieg noch einmal den Katheder;
Allein das Lied des Schaalthiers blieb
Noch immer auf der alten Weise.
Ein Amor, der auf einer Reise
Als Schmetterling sein Wesen trieb,
Und sich, um auszuruhn, ins Grüne
Herabließ, mußte Schiedsmann seyn.
Ich, sprach er mit gelehrter Miene,
Bin für die Hörner, die man sein
Verbergen kann; doch dächt ich wären
Die Augen füglich zu entbehren.
Ey, rief die Schnecke, Freund, wie so?
Allein der kleine Schelm entfloh,
Anstatt das Räthsel aufzuklären.

*) Hirschkäfer
Gottlieb Konrad Pfeffel

Dienstag, 18. August 2009

Die Maus und die Schnecke


»Da dank’ ich schön für die Ehre, mein eigenes Haus herumschleppen und durch dessen Schwere so schleichen zu müssen!« - rief eine Maus der Schnecke zu: »Sieh mal, wie schnell ich in einer einzigen Minute, den Raum überfliege, zu dessen Durchkriechung du ganzer Tage bedarfst.«

»Es ist wahr, liebe Maus,« gab jene zur Antwort, »du bist schnell. Aber Schade nur, daß diese Schnelligkeit die Natur dir nicht ausschlußweise, sondern auch deiner Todfeindin, der Katze mitheilte. Wenn du oft ängstlich vor ihr von Winkel zu Winkel fliehst, und dich überall nach einem Schlupfloch umschaust! nicht wahr, dann wünschest du dir auch ein eigenes Haus? Dann würdest du gern ein kleine Unbequemlichkeit, des größern Nutzens halber, ertragen?«

Fabeln nach
Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G.Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schwieder
1783

Montag, 17. August 2009

Der Schmetterling und die Schnecke


Ein und zwanzigste Fabel

»Elende!« sagte ein glänzender Schmetterling zu einer Schnecke: »Wie kannst du es wagen, mir unter die Augen zu kommen«.
»Stolzer Wicht!« antwortete die Schnecke: »Vor einer Stunde warest du noch ein unförmlicher Klumpen. Ich habe mein Haus, ich lebe in meinem Eigenthum, ich bin mit wenigem zufrieden. Du hast weder Heimath noch Obdach, du lebst durch die Gnade der Blumen, um ihnen zu schaden.«

Elende Parvenus die ihr verächtlich auf den fleißigen Bürger, auf den arbeitsamen Landmann herabseht; die Fabel ist für euch!

Christian August Fischer
Politische Fabeln
Königsberg 1796

Sonntag, 16. August 2009

Adler und Schnecke


FIEKCHEN
Da sehen sies, Mama. Ich nehme nicht so vielerley vor, als jener, und sie sprechen immer, ich trödelte gar. Aber ich weis gewiß, ich wäre lange hin, wenn ich hingehen sollte. Fortunat malt immer, Mama. Seyn sie doch so gut, und bitten sie einmal für mich, er soll mir die Fabel vom Adler und der Schnecke malen.


SYLVESTERINN
Was ist denn das für eine Fabel?


FIEKCHEN
Ich habe sie einmal gelernt. Sehn sie nur, Mamachen. Es hat ein Adler mit einer Schnecke gewettet, wer am ersten an den und den Ort kommen würde. Der Adler denkt, ich komme schon noch zu rechte, und fliegt indessen weit weit weg. Die Schnecke schleicht gerade zu; so gut sie kann, und kömmt doch eher.


Johann Elias Schlegel
1719-1749
aus: Der geschäftige Müßiggänger
3. Akt, 2. Auftritt

Samstag, 15. August 2009

Die Schnecke



Eine Schnecke, die an einem Bahndamm wohnte, ärgerte sich alle Tage über einen Schnellzug, der vorbeisauste und sie durch sein ungeschlachtes Benehmen in ihrem behaglichen Geschäfte störte.
»Das will ich ihm austreiben!« sagte die Schnecke zu sich selbst, stellte sich zwischen den Gleisen auf und streckte drohend ihre Fühler aus, als sie den Zug in der Ferne auftauchen sah.
»Niederstoßen werd' ich ihn!« sagte sie voll grimmen Mutes.
Der Zug kam heran und brauste über die Feindin hinweg. Die Schnecke drehte sich um und sah dem Davoneilenden nach.
»Er hält nicht stand,« sagte sie verächtlich, »er reißt aus, er ist ein Feigling.«

Paul Keller
6.6.1873 - 20.8.1932

Freitag, 14. August 2009

Das Schneckenhaus


Kind:
Schnecke, Schnecke, komm heraus,
Bleib nicht immer nur im Haus,
Zeig mir deine Hörnlein schön,
Die möcht ich so gerne sehn.


Schnecke:
Kindlein, sieh, ich folge dir,
Denn du scheinst nicht böse mir,
Rührst so weich und sanft mich an,

Daß ich dich nicht fürchten kann.



Kind:
Keinem Thierchen thu ich weh,
Weil ich sie so gerne seh.
Schau mir frisch nur in’s Gesicht,
Schnecklein; denn ich plag dich nicht.

Wilhelm August Corrodi
Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendzeit
Zürich 1876

Donnerstag, 13. August 2009

Die Schnecke


Zur Mutter sprach die kleine Schnecke:
O Mütterlein, vergönne mir,
Daß ich von jener Buchenhecke
Nur einmal stille die Begier,
Zu schaun ins bunte Weltgewimmel,
Es ist so schön der Morgenhimmel,
So rein die Luft, so still der See1
Gelt, Mütterlien, ich darf? - So geh,
-
Sprach Mütterlein, ich will mich freuen,
wenn munter du zurücke kehrst.
Wohl dir, wird es dich nicht gereuen,
Was täglich du so oft begehrst.
Viele Glück, mein Töchterlein, zur Reise!
Sey fein vorsichtiglich und weise.
Ruh auf dem langen wEg auch aus,
und bring viel Neues mit nach Haus.
-
Und ohne viele Fährlichkeiten
kriecht nun mein Schnecklein frisch empor,
hört tollen Lärm von allen Seiten,
und spitzt darob sein kleines Ohr.
Was wars? – Sieh, dort in grüner Laube
Erwürgt der Habicht eine Taube,
zerreißt der Wolf ein junges Lamm,
Das eben von der Mutter kam.
-
Mit Bückling’ und mit Servitöre
Naht sich der Fuchs dem Hünerstall.
Ein Reiger hascht die munteren Störe
Dort unten an dem Wasserfall.
Der Hund sieht jenen weißen Hasen
Ganz unbesorgt am Hügel grasen,
Wünscht guten Morgen, Heil und Glück,
Und – beißt ihn rücklings ins Genick.
-
Der Löwe lechzt aus dürrer Kehle
nach einem königlichen Schmaus,
Und seine Katze lockt zur Höle
Mit Schmeicheley den Dachs heraus.
Kaum zeigt er sich, so spreitzt die Katze,
Voll innern Grimms die Krallentaze,
Giebt ihm den Fang, legt – weil sie muß –
Den Dachsen vor des Löwen Fuß.
-
Zufrieden wallt die schmalen Stege
ein unbefangner Wandersmann.
Doch dort, aus jenem dunkeln Wege,
Sieh! – schlägt ein Mörder auf ihn an.
Puff! – sinkt der Arme blutig nieder!
Nun zeigt der Schelm sich plötzlich wieder,
Zieht ihn aufs Freye wild heraus,
Und plündert seine Taschen aus.
-
Oh weh! Was sieht man nicht auf Reisen!
Rief Schnecklein mit bethräntem Blick.
Laß uns zurück zur mutter kreisen,
Eh uns noch trift ein gleich Geschick.
»Nun will ich gern im Häuslein bleiben,
Und mir darin die Zeit vertreiben.
In meinem Häuslein ist mir wohl,
Die Welt ist aller Falschheit voll.” *)

*) Die letzten vier Zeilen las der Verfasser schon in seiner frühen Jugend unter einem Gemälde , das eine Schnecke im verschlossenen Haus darstellte. Die Welt hat sich nun seit damals leider so wenig geändert, daß dem Biedermann ein verschlossenes Schneckenhaus mit diesen treuherzigen Reimen noch immer ein bedeutungsvolles Symbol seyn muß.

Mittwoch, 12. August 2009

Die Elster und die Schnecke


Eine Elster saß hoch auf einem Baume, wohin sie ihr Nest gebaut hatte. Eine Schnecke blickte sehnsuchtsvoll zu ihr hinauf. »Du möchtest gerne bey mir seyn,« sagte die Elster: »du hast aber keine Flügel.« Die Schnecke schwieg, und ehe sichs die Elster versah, war die Schnecke oben am Neste. »Wie bist du heraufgekommen?« fragte die Elster erstaunungsvoll: »du kannst ja nicht fliegen.« - »Ich kroch:« - war die Antwort.

Minister und Generäle, Räthe und Beamte steigen oft schneckenartig in die Höhe

Joseph Krause
aus: Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Erstes Bändchen
Straßburg und Mainz, 1801

Donnerstag, 28. Mai 2009

Auch die Fabel der Alten …


Auch die Fabel der Alten, das schöne Bild geistiger Verklärung, der Psyche-Schmetterling, genügte ihr nicht. Die Raupe ist geflügelt worden, hat ihre Farben gesteigert, ihre Formen entwickelt und hinterläßt die Larve, wie eine Blume ihre Knospenkapsel, aber des Menschen Leib verwelkt und bricht endlich ganz und gar zusammen, ihm entsteigt keine sichtbar veredelte und doch seiner Urform verwandte Gestalt. Ich glaube an die Fortdauer, eben darum graust mir vor den unlösbaren Räthseln des Todes.

Adele Schopenhauer
aus: Anna (Roman)
Theil 1–2, Band 2
Leipzig 1845.

Freitag, 3. April 2009

Die Raupe und der Schmetterling


In einer grün bewachsnen Hecke
Sah einstens eine träge Schnecke,
Daß oben eine Raupe hing,
Die nun damit zum Werke gieng,
Sich nach Gewohnheit einzuspinnen, Ein anderer Leben zu beginnen.

Wie übel, sprach sie, geht es dir!
Du mußt dir selbst dein Grab bereiten,
Und kömmst, nach dir bestimmten Zeiten,
In anderer Gestalt herfür;
Dein erstes Wesen wird zerstöret,
so Farb als Bildung ändert sich;
Doch ich bin unveränderlich,
Und werde nicht, wie du verkehret;
Denn wenn ich mich auch gleich verstecke,
Verbleib ich doch stets eine Schnecke.

Freund! dieses ist ein falscher Wahn,
Ließ sich die Raupe drauf vernehmen;
Ich find unbillig, mich zu grämen;
Mein Tod gebiert mir neues Leben,
Und setzt mir leichte Flügel an,
Daß ich mich von der Erden heben
Und nach der Höhe schwingen kann;
Du aber bleibest für und für
Verächtlich an dem Staube kleben,
Und bist ein niederträchtig Thier;
Drum sieh, wie gütig und geneigt
Mein weises Schicksal mit mir handelt,
Da es mein Wesen so verwandelt,
Daß es verbessert aufwärts steigt.

***
Das Sterben bringt viel minder Schaden,
Als man aus Furcht zu glauben pflegt;
Wir werden von der Last entladen,
Die uns zur Erden niederschlägt;
Drum soll man sich darum nicht quälen,
Daß man nicht länger leben kann;
Der Tod setzt gleichsam unsern Seelen
Zur Ewigkeit die Flügel an.
______
Die alten Aegyptier, Griechen und andere Völker pflegten daher einen Schmetterling oder Zweyfalter, als ein Sinnbild der befreyten Seele, auf ihre Leichensteine und todtengefäße eingraben oder malen zu lassen, vermuthlich, weil im Griechischen ein Wort sowohl die Seele, als ein verwandelte Raupe oder Schmetterling bedeutet. Siehe etwas hiervon in des Spons Recherches curieuses d’Antiquite, am Ende, wo ich mich recht besinne. Demnach hat diese Fabel wirklich einigen Grund in der Antiquität.

Daniel Wilhelm Triller
Neue aesopische Fabeln

Donnerstag, 8. Januar 2009

Die Schnecke


Zum erstenmal kroch eine Schnecke,
Das schönste Kunststück der Natur,
Aus der verborgnen Fliederhecke,
Die sie gebahr auf Tempes Flur.
Hier saß auf weichen Lotusblättern
Der Phönix ihrer jungen Vettern.
Sie stutzt, sie gafft ihn staunend an
Und nickt ihm Dank, als er sie grüßet,
Doch der versuchtere Galan
Rückt näher, kömmt und sieht und küsset.
Das Bäschen schaudert und verschließet
Sich schnell in ihr verschanztes Haus.
Allein itzt schien es ihr zu enge,
Es war als zögen hundert Stränge
Sie aus der finstern Gruft heraus.
Kaum schlüpft sie aus der bunten Schale,
So küßt er sie zum andernmale.
Sie sträubt sich und mit scheuem Blick
Glitscht sie in ihr Castell zurück;
Doch dasmal nur mit dem Gesichte.
Ihr Busen winkt dem losen Wichte
Noch kühner als zuvor zu seyn.
Er wars. – Sie biß ihn doch? – Ach nein!
Sie bebte nur durch alle Glieder,
Und schäumte Zorn, doch blos zum Schein.
Nach zwo Minuten kam sie wieder.
Zwar grollt noch ihr Gesicht; allein
Der Lecker küßte seine Falten,
Und sie zog blos die Augen ein,
Die wir getäuscht für Hörner halten.
Bald aber zuckt sie gar nicht mehr,
Und küsset lieber noch als er.

Wär ich ein Schalk, ich würde schwören
Daß junge Mädchen Schnecken wären.
Gottlieb Konrad Pfeffel

Sonntag, 14. September 2008

Jupiter und die Schnecke



Jupiter verhieß den Thieren, die er in der Welt erschuf,
Das zu geben, was sie wünschten. Jedes kam auf seinen Ruf.
Alle wünschten, alle baten; was sie baten, ward verliehn.
Zu den andern kroch die Schnecke, bis sie vor dem Zeus erschien.

Diese sprach: O Haubt der Götter, laß mich doch ein Haus erflehn,
Das nur mir, nicht andern, dienet, still darin herumzugehn!
Wenigstens bleibt meine Wohnung von Verdrießlichen befreit,
Ich entschleiche vielen Forschern, vielen Neidern, vielem Streit.

Tausend mögen stolzer wählen; jeder Segen, der mir blüht,
Blüht mir schöner und gedoppelt, wann ein Böser ihn nicht sieht.
Wahl und Vortrag ward gebilligt: Jupiter ging dieses ein,
Und vor vielen schien die Schnecke glücklich und gescheidt zu sein.

Friedrich von Hagedorn

Samstag, 9. August 2008

Schneckentragödie



Eine Weinbergschnecke, schon älter und erfahren, schob sich und ihr Haus in angemessenem Tempo über eine Straße, um das erfrischend aussehende Grün der anderen Seite zu erreichen. Als eine Nacktschnecke in atemberaubenden Tempo an ihr vorbeizog, rief die Weinbergschnecke ihr hinterher: »Du wirst dich bei diesem Tempo noch einmal zu Tode stürzen«. Die Antwort hörte die Schnecke nicht mehr, weil ein Auto sie und ihr Haus gerade in jenem Augenblick plattgewalzt hatte.

Horst-Dieter Radke