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Sonntag, 18. Dezember 2011

Lapis Exilis

Wolfram von Eschenbach
in der Manessischen Liederhandschrift
Bildquelle: Wikipedia

Die wehrliche Ritterschaft,
Höret, was ihr Nahrung schafft:
Sie leben von einem Stein,
Dessen Art muß edel sein.
Ist euch der noch unbekannt,
Sein Name wird euch hier genannt:
Er heißet Lapis exilis.
Von seiner Kraft der Phönix
Verbrennt, daß er zu Asche wird
Und dann der Glut verjüngt entschwirrt.
Der Phönix schüttelt sein Gefieder
Und gewinnt so lichten Schimmer wieder,
Daß er schöner wird als eh.
Wär einem Menschen noch so weh,
Doch stirbt er nicht denselben Tag,
Da er den Stein erschauen mag,
Und noch die nächste Woche nicht;
Auch entstellt sich nicht sein Angesicht:
Die Farbe bleibt ihm klar und rein,
Wenn er täglich schaut den Stein,
Wie in seiner besten Zeit
Einst als Jüngling oder Maid.
Säh er den Stein zweihundert Jahr,
Ergraurn würd ihm nicht sein Haar.
Solche Kraft dem Menschen giebt der Stein,
Daß ihm Fleisch und Gebein
Wieder jung wird gleich zur Hand:
Dieser Stein ist Gral genannt.

Wolfram von Eschenbach
(um 1160/80 - um/nach 122o)
aus: Parzival, Kap.: Trevrezent

Sonntag, 30. Januar 2011

Der Phönix

Bildquelle: Wikipedia

An einem schönen Tage kam
Aus weit entferntem Lande
Ein Wundervogel, und man nahm,
Obschon man ihn nicht kannte,
ihn gerne auf in unserm Haine;
Man folgte hier, wie oft, dem Scheine.

Ein Phönix war es, und es eilt.
Der Vögel Schaar, ihn zu begrüßen;
Man macht den Hof ihm, wo er weilt,
Man buhlt um seine Gunst; es müssen
Selbst Neid und Bosheit eingestehen,
Daß solche Pracht man nie gesehen.

Die Federn, seiner Stimme klang,
Erfüllet Alle mit Entzücken:
M;an nennet göttlich seinen Sang,
Und eilet, ihn mit Ruhm zu schmücken,
Nur dahin geht Aller Streben,
Mit Lob und Preis ihn zu erheben.

Die Nachtigall bekennet laut,
Nie Schonern sang gehört zu haben.
Der Pfau stets auf den Phönix schaut,
Um seinen Blick an ihm zu laben.
Bewundrung füllet Aller Herzen:
An Trennung denkt man nur mit Schmerzen.

Der Phönix wird als Himmelssohn,
Als Vogel-König sehr geehret;
Mit Staunen nur spricht man davon,
Wie er, vom Feuer nicht verzehret,
Verjüngt sich aus der Glut erhebet,
Und vor der Flamme Wut nicht bebet.

Doch während man den Phönix preist,
Seufzt eine Turteltaube leise.
Der Gatte hört die, und verweist
Die Schweigen ihr auf sanfte Weise.
„Es regt der Neid sich, wie es scheint?“
„O nein!“ – erwidert sie und weinet.

„Ihr preiset dieses Vogels Glück?
Ganz anders fühle ich im Herzen:
Mich jammert nur sein Missgeschick,
und füllet mir die Brust mit Schmerzen.
Der Arme steht allein:
Wie kann er glücklich seyn?“

Claris de Florian

Dienstag, 1. Dezember 2009

Vogel Phönix


Eines Tags ging ein reicher Mann spazieren an den Fluß, da kam ein kleines Kästchen geschwommen, dies Kästchen nahm er und machte den Deckel auf, da lag ein kleines Kind darin, welches er mit heim nahm und aufziehen ließ. Der Verwalter konnte aber das Kind nicht leiden, und einmal nahm ers mit sich in einem Kahn auf den Fluß, und als er mitten darin war, sprang er schnell heraus ans Land, und ließ das Kind allein im Kahn. Und der Kahn trieb immer fort, bis an die Mühle, da sah der Müller das Kind und erbarmte sich, nahm es heraus und erzog es in seinem Haus. Einmal aber kam von ungefähr der Verwalter in dieselbe Mühle, erkannte das Kind und nahm es mit sich. Bald darauf gab er dem jungen Menschen einen Brief zu tragen an seine Frau, worin stand: »Den Ueberbringer dieses Briefs sollst du den Augenblick umbringen.« Unterwegs aber begegnete dem jungen Menschen im Walde ein alter Mann, welcher sprach: Weis' mir doch einmal den Brief, den du da in der Hand trägst! Da nahm er ihn, drehte ihn bloß einmal herum und gab ihn wieder, nun stand darin: Dem Ueberbringer sollst du augenblicks unsere Tochter zur Frau geben! So geschah es, und als der Verwalter das hörte, gerieth er in Aerger und sagte: »He, so geschwind gehts nicht, eh ich dir meine Tochter lasse, sollst du mir erst drei Federn vom Vogel Phönix bringen.«

Der Jüngling machte sich auf den Weg nach dem Vogel Phönix, und an derselben Stelle im Wald begegnete ihm wieder derselbe alte Mann und sprach: Geh den ganzen Tag weiter fort, Abends wirst du an einen Baum kommen, darauf zwei Tauben sitzen, die werden dir das weitere sagen! Wie er Abends an den Baum kam, saßen zwei Tauben drauf. Die eine Taube sprach: Wer da zum Vogel Phönix will, muß gehen den ganzen Tag, so wird er Abends an ein Thor kommen, das ist zugeschlossen. Die andere Taube sprach: unter diesem Baum liegt ein Schlüssel von Gold, der schließt das Thor auf. Da fand er den Schlüssel und schloß das Thor damit auf; hinterm Thor, da saßen zwei Männer, der eine Mann sprach: Wer den Vogel Phönix sucht, muß einen großen Weg machen über den hohen Berg, und dann wird er endlich in das Schloß kommen.

Am Abend des dritten Tags langte er endlich im Schloß an, da saß ein weißes Mamsellchen, und sprach: Was wollt ihr hier? – Ach, ich will mir gern drei Federn vom Vogel Phönix holen. Sie sprach: Ihr seyd in Lebensgefahr, denn wo euch der Vogel Phönix gewahr würde, fräße er euch auf mit Haut und Haar, doch will ich sehen, wie ich euch zu den drei Federn verhelfe, alle Tage kommt er hierher, da muß ich ihn mit einem engen Kamm kämmen; geschwind hier unter den Tisch, der war rund um mit Tuch beschlagen.

Indem kam der Vogel Phönix heim, setzte sich oben auf den Tisch und sprach: ich wittere, wittere Menschenfleisch! – »Ach was? ihr seht ja wohl, daß niemand hier ist« – kämm mich nun, sprach der Vogel Phönix.

Das weiße Mamsellchen kämmte ihn nun, und er schlief darüber ein; wie er recht fest schlief, packte sie eine Feder, zog sie aus und warf sie unterm Tisch. Da wachte er auf: »Was raufst du mich so? Mir hat geträumt, es käme ein Mensch und zöge mir eine Feder aus.« Sie stellte ihn aber zufrieden, und so gings das anderemal und das drittemal. Wie der junge Mensch die drei Federn hatte, zog er damit heim und bekam nun seine Braut.

Jacob und Wilhelm Grimm
Kinder- und Hausmärchen
Berlin 1812/15

Freitag, 7. August 2009

Vogel Phönix


Aus einem alten Buche ohne Titel:

Phönix, der edle Vogel werth,
Hat seines Gleichen nicht auf Erd,
Um seinen Hals ist's goldgelb klar,
Sein Leib und Flügel Purpur gar;
Hat auf dem Haupte eine Kron,
Der höchste Baum sein hoher Thron.
Er wohnt und lebet lang allein,
Dann stellen sich viel Vögel ein.
Die Vögel sammeln für ihn frey
Den Weihrauch und die Specerey,
Von edlem Holz wohlriechend Aest,
Sie machen aus dem alln ein Nest.
Dann schwingt er drüber sein Gefieder
Am Sonnenglanze auf und nieder.
Wenn er das Rauchwerk so gezündt,
Die Flamme sich zur Höhe windt.
Dann läßt er sich herab zur Gluth,
Verbrennt sich willig wohlgemuth.
Alsdann in seiner Asche wird
Ein leuchtend Würmlein erst formirt,
Darnach ein Vogel rein und pur,
Dem vor'gen gleich in der Natur.
Christus, des Himmels Phönix rein,
Hat so gewohnt auf Erd' allein,
Ein Adler stark, der überwand
Höll, Teufel, Sünd und Todesband.
Sein Gottheit ist die güldne Farb,
Und sein Verdienst uns Heil erwarb.
Das Purpur-Kleid er hat auch an,
Auf seinem Haupt die Dornenkron.
Aus rechter Lieb inbrünstiglich
Er opfert darauf willig sich.
Und man begrub ihn ehrlich frey,
Mit köstlich edler Specerey.
Also des Himmels Phönix lag,
Im Grab, bis an den dritten Tag,
Alsdann er wieder lebend wurd'
Durch seine ew'ge Geistsgeburt.

Achim von Arnim und Clemens Brentano
aus: Des Knaben Wunderhorn

Mittwoch, 5. August 2009

Der Phönix


Es kommt ein Vogel geflogen aus Westen,
Er fliegt gen Osten,
Nach der östlichen Gartenheimat,
Wo Spezereien duften und wachsen,
Und Palmen rauschen und Brunnen kühlen –
Und fliegend singt der Wundervogel:
»Sie liebt ihn! sie liebt ihn!
Sie trägt sein Bildnis im kleinen Herzen,
Und trägt es süß und heimlich verborgen,
Und weiß es selbst nicht!
Aber im Traume steht er vor ihr,
Sie bittet und weint und küßt seine Hände,
Und ruft seinen Namen,
Und rufend erwacht sie und liegt erschrocken,
Und reibt sich verwundert die schönen Augen –
Sie liebt ihn, sie liebt ihn!«
An den Mastbaum gelehnt, auf dem hohen Verdeck,
Stand ich und hört ich des Vogels Gesang.
Wie schwarzgrüne Rosse mit silbernen Mähnen,
Sprangen die weißgekräuselten Wellen;
Wie Schwanenzüge schifften vorüber,
Mit schimmernden Segeln, die Helgolander,
Die kecken Nomaden der Nordsee;
Über mir, in dem ewigen Blau,
Flatterte weißes Gewölk
Und prangte die ewige Sonne,
Die Rose des Himmels, die feuerblühende,
Die freudvoll im Meer sich bespiegelte; –
Und Himmel und Meer und mein eigenes Herz
Ertönten im Nachhall:
»Sie liebt ihn! sie liebt ihn!«

Heinrich Heine

Dienstag, 4. August 2009

Bist du selber, o Mensch, der Phönix


Bist du selber, o Mensch, der Phönix, von welchem du träumtest,
Daß ihn die Flamme verjüngt? Innig beklag' ich dich dann,
Daß man aus feuchtem Holz den Scheiterhaufen dir thürmte
Und in regnigter Nacht gar in den Brand ihn gesteckt.
Anfangs zwar schürt Amor das Feuer, er hat es entzündet,
Lustig prasselt es auf, doch er versäumt es zu bald,
Nun erlischt es, du liegst auf todten Kohlen, die Winde
Sausen, der Regen tropft, und du erstarrst und erfrierst.

Friedrich Hebbel

Montag, 3. August 2009

Phönix, fabelhafter heiliger Vogel …

Phönix, fabelhafter heiliger Vogel der alten Ägypter, von adlerähnlicher Gestalt und purpur- und goldfarbigem Gefieder, über den im Altertum verschiedene Sagen umliefen, wovon die bekannteste folgende ist: er verbrannte sich alle 500 Jahre in seinem aus Gewürzen bereiteten Nest, ging aber verjüngt aus seiner Asche wieder hervor und trug, herangewachsen, die Reste seines alten Körpers, in Myrrhen eingeschlossen, nach Heliopolis in Ägypten. In der ägyptischen Darstellung glich der P. eher einem Reiher (der Ardea cinerea); er hieß Benu und galt als die Seele des verstorbenen Gottes Osiris, in die sich die Toten zu verwandeln wünschten. Später kam der P. als Symbol ewiger Verjüngung auch in den christlichen Sagenkreis und ward ein Emblem des byzantinischen Reiches. Bei den Alchimisten war P. eine der vielen Bezeichnungen für den Stein der Weisen. Vgl. Cassel, Der P. und seine Ära (Berl. 1879).

Meyers Großes Konversations-Lexikon
Band 15. Leipzig 1908, S. 809.

Samstag, 1. August 2009

Die 72. Fabel: Warum sich der Vogel Phönix fast niemals sehen läßt


Ein Rabe und eine Krähe unterredeten sich einsmals miteinander über verschiedene seltene Materien, unter andern auch vom Vogel Phönix, von seiner Gestalt, von seinen Eigenschaften, insbesondere aus welcher Ursache sich dieser Vogel so selten sehen liesse? Da sie bey dieser Materie waren, näherte sich ihnen ein Papagoy, von welchem, weil er in dem Lande geboren war, wo sich der Phönix aufhielte, sie glaubten, Licht zu erhalten, und diesfalls baten sie ihn: er mögte ihnen doch die Ursache sagen, warum dieser Vogel sich so selten sehen liesse? Der Papagoy antwortete: Davon kann man unterschiedene natürliche Ursachen anführen. Die erste ist, daß dieser Vogel nirgends vorhanden ist. Da sie dieses hörten: so baten sie ihn, er mögte nur die übrigen Ursachen vor sich behalten, sie hätten an der ersten bereits genung.

Diese Fabel lehret, daß die Menschen sich oft über eine Sache unterreden, und darüber streiten, bevor sie sich um die Wirklichkeit derselben bekümmert haben.

Ludvig Holberg

Freitag, 31. Juli 2009

Ein Phönix soll man sein

Ich will ein Phönix sein und mich in Gott verbrennen,
Damit mich nur nichts mehr von ihme könne trennen.

Angelus Silesius
1624- 1677

Donnerstag, 30. Juli 2009

Wenn der Phönix ist bejahret ...


Wann der Phönix ist bejahret und nimmt an den Kräften ab,
Bauet er von Zimmetrinden für sich selbst ein Flammengrab.
Auf des höchsten Berges Spitzen
Soll er im Gewürze sitzen,

Mit dem schwarzen Trauerkleid angethan, und doch erfreuet,
Daß der holden Sonne Glanz ihn durch ihren Brand erneuet,
Weil er ihre Flammen liebt,
Die ihm todt das Leben giebt.

Also soll ein jeder Christ seine Sünden legen ab,
Und des alten Adams Fleisch gleichsam tragen in das Grab;
In der Trübsal Dornenspitzen
Soll er rein und reuig sitzen,

So wird ihn der Gnadengeist und die Himmelsglut erfreuen,
Daß er sich mit Seel' und Sinn, wie der Phönix, wird erneuen,
Weil er eine Flamme liebt,
Die des Lebens Leben giebt.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Eule und Phönix


Hui Dsi war Minister im Staate Liang. Dschuang Dsi ging einst hin, ihn zu besuchen. Da hinterbrachte es jemand dem Hui Dsi und sprach: »Dschuang Dsi ist gekommen und möchte Euch von Eurem Platze verdrängen!« Darauf fürchtete sich Hui Dsi und ließ im ganzen Reiche nach ihm suchen drei Tage und drei Nächte lang. Darnach ging Dschuang Dsi hin und suchte ihn auf.

Er sprach: »Im Süden gibt es einen Vogel, der heißt der junge Phönix. Ihr kennt ihn ja wohl? Dieser junge Phönix erhebt sich im Südmeer und fliegt nach dem Nordmeer. Er rastet nur auf heiligen Bäumen; er ißt nur von der reinsten Kost und trinkt nur aus den klarsten Quellen. Da war nun eine Eule, die hatte eine verweste Maus gefunden. Als der junge Phönix an ihr vorüberkam, da sah sie auf und erblickte ihn. (Besorgt um ihre Beute) sprach sie: Hu! Hu! – Nun wollt Ihr mich wohl auch von Eurem Staate Liang hinweghuhuen?«

Dschuang Dsi
Das wahre Buch vom südlichen Blütenland

Dienstag, 28. Juli 2009

Phönix steigt aus den Flammen


Ewig unsterbliches lied der immer jungen liebe
Fliegt geheimnisvoll durch vermooster jahrhunderte wald
Auf der holdseligen schwermut melodischen flügeln.
Schliessen möchten sich menschliche lippen gleich mimosen
Rosen gleich wenn vom kirchturm der angelus niederfliesst
Wie bei des mondes erscheinen die persischen tulpen.
Auf der holdseligen schwermut melodischen flügeln
Durch die gärten durch meine träume fliegt wonnend dahin
Ewig unsterbliches lied der immer jungen liebe.

Stefan George

Montag, 27. Juli 2009

Phönix (Mythologie) ...

Rembrand: Phönix (Allegorie) - Bildquelle: Wikipedia

... ein mythischer Vogel, von dem die Sage ging, daß er nur alle 500 Jahre einmal erscheine. Da kam er aus dem fernen Indien nach Aegypten, und trug ein Wunderei in den Heliostempel der Sonnenstadt. Er hatte Adlergröße, weiche Flaumen und ein prächtiger Federkamm zierte den Kopf: der Hals schillerte goldgelb, die Flügel prangten in Purpurfarbe, mit himmelblauer Spiegelung. Es gibt stets nur einen einzigen Phönix, wenn dieser sein Ende fühlt, trägt er sich ein Nest aus duftenden Hölzern und Balsamen zusammen, laßt es vom Strahl der Sonne entzünden, und facht die Gluth mit seinen Flügeln an. Nach dieser Selbstverbrennung entsteht aus der Asche ein Würmchen, und aus diesem geht nach kurzer Zeit ein junger Phönix hervor. Wenn die Geschichtschreiber alter Zeit uns versichern, daß die Phönixmythe astronomische Bedeutung habe, indem durch den Phönix und seine lange Lebensdauer ein besonderer Cyklus von Jahren verstanden werde, so hat dagegen spätere Deutung in dem Ph. ein schönes Bild der Verjüngung und der Unsterblichkeit gefunden. Dieß freiwillige Opfer des eigenen gealterten Lebens in Flammen, dieß Hervorgehen eines verjüngten Lebens, wenn der Läuterungstod überstanden, kann es ein schöneres Symbol der Fortdauer geben?

Damen Conversations Lexikon
Band 8. [o.O.] 1837, S. 203-204.

Sonntag, 26. Juli 2009

Der Phönix


Nach vielen Jahrhunderten gefiel es dem Phönix, sich wieder einmal sehen zu lassen. Er erschien, und alle Thiere und Vögel versammelten sich um ihn. Sie gafften, sie staunten, sie bewunderten und brachen in entzückendes Lob aus.

Bald aber verwandten die besten und geselligsten mitleidsvoll ihre Blicke, und seufzten: Der unglückliche Phönix! Ihm ward das harte Loos, weder Geliebte noch Freund zu haben; denn er ist der einzige seiner Art!

G. E. Lessing

Samstag, 25. Juli 2009

Der Phönix und die Nachteule (Des fünften Buches erste Fabel)

Bildquelle: Wikipedia

Der Phönix, der ein Fürst der Feder-reichen Schaar
In dem Arabischen Gefild’, und zwar
Der erste dieses Namens, war:
Ein Ehrerbietiger Basal vom Sonnen-Licht’,
Hatt’ allezeit, so lang’ er auch gelebet,
Recht als ein Heiliger zu leben, sich bestrebet.
Es kannt das Flügel-Volck noch seines gleichen nicht.
Der fromme Vogel nun erreicht, nach tausend Jahren,
Des langen Lebens Ziel.
Da es dem Schicksal denn gefiel,
Da er auch endlich stürb’. Er hatt’ es kaum erfahren,
Als, ohne Gram um seine Herrlichkeit
Und ohne Klag’ und Hertzeleid,
Er seinen holz-Stoß selbst, der ihn verbrennen sollte,
Zusammen tragen wollte.

Nicht weit davon, in einem dürren Baum,
Saß eine Eul versteckt, die elend, grämisch, alt,
Verdrießlich, mager, ungestalt,
Und kalt, wie Eis und Stein; Sie rührete sich kaum;
Nur flucht’ und lästerte sie stets der Sonnen Licht,
Als deren warmen Lebens-Brand
sie nicht empfand.

Mein Bruder, sprach darauf der Heil’ge, fluche nicht!
Sey still, gedulde dich, stirb besser, als du lebtest!
Der Tod, vor welchem du stets zittertest und bebtest,
ist gar kein Uebel, glaub es mir.
Das glaub’ ein andrer dir,
Fing gleich die Eul’ hierauf verdrießlich an zu sagen:
Ich bin gewiß, daß es ein Uebel ist,
Und will so viel ich will, darüber klagen.
So lang’ ich frisch, that ich, was mir gelüstet:
Auf die Art bin ich auch zu sterben schlüssig,
Und dein Geschwätz ist überflüßig.
Du hast im übrigen gut predigen hierzu,
Du der du fast zugleich erschinest mit der Welt;
Dein Gott, die Sonne selbst, ist älter kaum, als du.
Was Wunder, daß es dir zu sterben einst gefällt?
Du solltest ja wol recht der Erde müde seyn,
Und, ihrer satt, das Leben hassen.
Hätt’ ich hier auch gesehn so manches Tages Schein;
So wollt’ ich auch mein Loch, mit mindern Gram, verlassen.

Was hättest du doch mehr gesehen?
Wandt’ hier Arabiens Apostel ein:
Das, was geschicht, ist allezeit geschehen;
ein Tag pflegt allezeit dem andern gleich zu seyn.
Wenn wir anitzt zu einer Zeit erkalten:
So haben wir gleich lang’ gelebt.
wie daß dein Hertz die Sonn’ nicht anzubeten strebt,
Von welcher du das Leben doch erhalten!
Auf! zeige, daß es dich gereuet,
Daß du sie allezeit gehasset und gescheuet.
Mein, sage mir, was war die Frucht
Von deiner ungerechten Flucht;
Als Elend, Jammer, Noht, Verdruß und Hertzeleid?
Alleing enug: es eilt die schnelle Zeit,
Und ich bin itzt zu sterben schon bereit.

Fahr wol! es mag dir wohl bekommen!
Versetzte die Eul’, ich hab mir vorgenommen,
Was mich betrifft, noch länger hier zu seyn:
Der Phönix sucht’ indeß den Vorsatz zu vollbringen,
Trägt vom Gewürtz und Holz den Stoß zu Hauf;
Facht in der Sonnen Strahl die Gluht an mit den Schwingen,
Und leget sich gelassen oben drauf.
Das Feuer unterdeß, getrieben durch den West,
Ergreift zugleich der Eulen Nest.
Man sieht den Heiligen auf seinem Holtz-Stoß sterben;
In seinem Loche muß das Ungeheur verderben.
Doch mit dem Unterscheid:
‘Der eine stirbt für allezeit,
Der andre kommt mit neuer Pracht und Zier,
Aus seiner Asch’ aufs neu’ herfür.

Unsterblichkeit ist des Gerechten Krone.
Die Bosheit hat den Tod, ja noch vielmehr, zum Lohne.
Nur ist es warhlich zu beklagen,
Daß man hiebey annoch muß eine Wahrheit sagen;
Der Phönix ist nur eintzeln und allein;
so wird es auch fast mit den Frommen seyn.

B.H.Brockes
Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten,
Erster Theil,
nebst einem Anhang etlicher übersetzten Fabeln
des Herrn de la Motte
(Original: Le Phoenix & le Hibou, Falbe I. Livre V.)

Montag, 23. Februar 2009

Der Physiologus

Ir sult an disen stunden.
von wises mannes munde.
eine rede suochen.
an disem buoche.
phisiologus ist ez genennet.
von der tiere nature
ez uns zellet.
Ist ez nu iwer wille.
So swiget uil stille.

Der Physiologus ist eine Zusammenstellung von Beschreibungen realer (z.B. Löwe, Pelikan) und fabelhafter (Einhorn, Phönix) Tiere. Verbunden sind die Tierbeschreibungen mit Analogien zur christlichen Heilsgeschichte. Entstanden ist die griechische Urfassung vermutlich im 2. Jahrhundert in Alexandria. Später gab es eine erweiterte byzantinische Fassung. Ab 400 entstanden lateinische Übertragungen, meist gekürzt und daraus gab es im 11. Jahrhundert erste Übersetzungen ins Deutsche. Das Werk hatte eine große Verbreitung und war sehr beliebt. Spuren lassen sich noch in der Literatur des Barock finden (z.B. im Don Quixote von Cervantes) und letztendlich profitiert auch der moderne Harry Potter noch davon, denn die mitteralterlichen Bestiarien, aus denen viel »Personal« von der Autorin übernommen wurde, fußen nicht unwesentlich auf dem Physiologus.

Horst-Dieter Radke

Montag, 1. Dezember 2008

So auch die Liebe des Menschen …

So auch die Liebe des Menschen. Jene feste, dauernde, treue Liebe, die unser eigentlichstes, wahrstes Glück gründet, kann nur aus sogenannter Untreue hervorgehen, wie der Phönix der Fabel sich aus der Asche empor hebt. Denn erst nach mehreren Versuchen weiß das Herz, was es bedarf zur Erwiederung seiner innigsten Gefühle.

Charlotte von Ahlefeld (1781 – 1849)

Samstag, 12. Juli 2008

Der Weise und der Alchymist

Gesund und fröhlich, ohne Geld,
Lebt’ einst ein Weiser in der Welt.

Ein Fremder kam zu ihm, und sprach: auf meinen Reisen
Hört’ ich von deiner Redlichkeit,
Du bist ein Phönix uns’rer Zeit.
Nichts fehlt dir, als der Stein der Weisen.

Ich bin der Trismegist, vor dem sich die Natur
Stets ohne Schleier zeigt, ich habe den Merkur,
Dadurch wir schlechtes Blei in feines Gold verkehren,
Und diese Kunst will ich dir lehren.

O dreimal größter Trismegist!
Versetzt der Philosoph, du magst nur weiter reisen,
Der ist kein Weiser nicht, dem Gold so schätzbart ist.
Vergüngt seyn, ohne Gold, das ist der Stein der Weisen.

Magnus Gottfried Lichtwer

Mittwoch, 25. Juni 2008

Fabeltiere



Tiere, die nicht in der Realität sondern in Religion, Mythos und Dichtung vorkommen, nennt man Fabelwesen. Bekanntestes Fabeltier, über viele Völker verbreitet, ist der Drache, der als großes, schlangen- oder echsenartiges, oft geflügeltes Wesen dargestellt wird, das Feuer speien kann und Schätze bewacht. Darstellungen finden sich bereits in der Kunst des Alten Orients. In China gilt der Drache auch als Symbol des Wächters. Das Einhorn ist ein Fabeltier aus dem Mittelalter (weißes Pferd mit Horn), das seine Symbolik hauptsächlich aus dem Christentum entnimmt. Der Phönix ist ein Vogel, der sich selbst verbrennt und aus der Asche neu aufsteigt. Er wurde bereits im alten Ägypten verehrt.
Eine Reihe von Mischwesen sind den Fabeltieren ebenfalls noch zuzuordnen: der Basilisk (Drache & Hahn), Pegasus (Pferd & Mensch) und Greif (Löwe & Vogel).
Fabeltiere sind heute keineswegs ausgestorben. Sie bevölkern die Literaturgattung »Fantasy« so reichlich, wie zuvor die Mythologien der verschiedenen Völkern. In Fabeln selbst kommen sie allerdings nur höchst selten vor.
Horst-Dieter Radke