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Samstag, 13. Januar 2018

fabuloes als Buch


Nun gibt es »fabuloes« nicht nur als Blog, sondern auch als Buch und E-Book. Das Schönste aus den mehr als 1.300 Postings dieses Blogs themenorientiert zusammengestellt. Während der Blog nach wie vor gut zum stöbern ist, lädt das Buch zum schmökern ein. Natürlich wird der Blog weitergeführt. Fabeln, Parabeln und fabelhafte Beiträge gibt es noch genug.

Sonntag, 7. Januar 2018

Der Affe und der Zimmermann

Ein Affe, erzählt man, sah einen Zimmermann ein Stück Holz spalten vermittelst zweier Keile, indem er auf dem Holz rittlings saß. Das setzte den Affen in Erstaunen. Kaum war der Zimmermann nach einem anderen Geschäft fortgegangen, so erhob sich der Affe, und ergriff ein Geschäft, das nicht das seinige war. Er setzte sich nemlich rittlings auf das Holz, lehnte sich mit dem Rücken an den hintern Keil, und richtete sein Gesicht auf das Stück Holz. Da kamen seine Hoden in die Spalte zu hangen, und er zog den vordern Keil heraus und die Spalte klaffte zusammen. Da fiel er in Ohnmacht. Nach einiger Zeit kam der Zimmermann, und wie er den Affen an seiner Stätte sah, nahte er sich demselben und schlug ihn tüchtig durch. Die Schläge aber, die er von dem Zimmermann erhielt, verursachten ihm noch ärgere Schmerzen, als ihm das zusammenklaffende Stück Holz verursachte.

Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitlgiede der asiatischen Gesellschaft von Paris. 
Erstes Bändchen, 
J. Scheible’s Buchhandlung, 1837

Sonntag, 5. April 2015

Der Fuchs und die Pauke

Ein Fuchs kam in einen Wald, in welchem eine Pauke an einen Baum aufgehängt war. So oft ein Wind wehte, schlugen die durch denselben bewegten Zweige die Pauke an, und es erschallte ihr starker, bewundernswürdiger Ton. Der Fuchs ging dem Ton, den er vernommen nach, bis er zur Pauke kam. Er fand dieselbe sehr dickleibig, und glaubte deshalb sicherlich, daß sie viel Fett und Fleisch haben müsse. Er machte sich dann an dieselbige, bis daß er sie entzwei brachte. Allein als er sah, daß sie hohl war und nichts in ihr, sprach er:

Ich weiß nicht, wie das möglich ist, daß das gehaltloseste Ding den lautesten Ton von sich gibt und den größten Körperumfang hat.

Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitglied der asiatischen Gesellschaft von Paris.

Erstes Bändchen
Stuttgart: J. Scheible’s Buchhandlung, 1837

Donnerstag, 30. Mai 2013

Der Fuchs und die Vogeljungen auf dem Baum


In Benfeys Pantschatantra … wird eine Fabel angeführt, die man im Mittelalter in lateinischer, arabischer, hebräischer, spanischer und deutscher Sprache las. Sie steht in dem bei Johann Capua hinzugefügten letzten (17.) Kapitel und hat folgenden Inhalt:

Der Fuchs weiß eine Taube, die auf einem Baume sitzt, so in Schrecken zu setzen, daß sie ihm, um ihr Leben zu retten, ihre Jungen herabwirft. Als der Fuchs weg ist, kommt der Spatz zu ihr und sagt: sie hätte antworten sollen, er solle sein möglichstes tun, und wenn er auf den Baum klettere, so würde sie mit ihnen auf einen andern Baum fliegen. Als der Fuchs wiederkommt, gibt sie ihm diese Antwort. Der Fuchs erwidert: Ich will deine Jungen schonen, wenn du mir sagst, wer dir dies geraten. Sie sagt: Der Sperling. Darauf geht der Fuchs zu diesem und fragt ihn: Wenn der Wind dich trifft, wohin legst du dann deinen Kopf? Der Spatz antwortet: Unter die linke Seite. Darauf fragt der Fuchs: Wenn er dich vorn trifft, wohin dann? Der Sperling: An mein Hinterteil. Der Fuchs: Wenn er dich aber von allen Seiten trifft, wohin dann: Unter meine Flügel. Darauf fragt der Fuchs: Wieso er das könne? Er könne es nicht glauben; wenn er es aber könne, so habe er seinesgleichen noch nicht gesehen. Der Sperling mach te es ihm nun vor. Da packte ihn der Fuchs und sagt: »Du konntest der Taube raten, aber nicht dir selbst!« und frißt ihn auf.

Diese Fabel ist literarisch interessant, da sie Hans Sachs in einem Meisterlied (Götze Bd. 5, Nr. 630) bearbeitete und eine Parallele dazu im Reineke Fuchs steht, wo der Fuchs den Hahn beredet mit geschlossenen Augen zu singen und ihn so fangt; doch wird er hier später befreit.

Interessant ist auch die Volksüberlieferung, die eine Anzahl nahe verwandter Sagen kennt.

Dähnhardt: Natursagen

Mittwoch, 30. Januar 2013

Der Jäger und der Wolf


Eines Tages gieng ein Jägersmann auf die Jagd aus, versehen mit Bogen und Pfeilen. Er war noch nicht weit gegangen, so schoß er eine Gazelle. Er nahm sie dann auf sienen Rücken und wollte nach seiner Wohnung zurückkehren. Da kam ihm aber ein wildes Schwein in den Weg; er schoß einen Pfeil auf dasselbe ab und traf; allein das Schwein stürzte auf ihn los, haute ihn mit seinen Zähnen auf solche Weise, daß ihm der Bogen aus der Hand flog, und Mann und Schwein fielen tod nieder. Da kam ein Wolf herzu; der sprach bei sich: dieser Mann und die Gazelle und das Schwein geben mir auf eine Zeit lang hinlängliche Speise; allein ich will den Anfang machen mit dem Bogen und diesen zuerst fressen, für heute werde ich an demselben genug haben. Darauf machte er sich an den Bogen, um ihn entzwei zu machen, allein wie er  entzwei gieng, flog auch der Sattel des Bogens auf und traf seinen Hals, und er fiel todt nieder.


Calila und Dimna
aus dem Arabisch
von Philipp Wolff
Stuttgart 1837
S. 162

Dienstag, 29. Januar 2013

Die Ente, die das Fischfangen aufgab


Eine Ente nemlich erblickte einmal bei Nacht in dem Wasser den Schein eines Sternes. Sie hielt denselben für einen Fisch und wollte ihn fangen. Nachdem sie solches mehreremal vergeblich versucht, üb erzeugte sie sich, daß das was sie sah etwas seyn müsse, das nicht gefangen werden können und ließ es daher gehen. Wie es Tag wurde, erblickte sie wirklich einen Fisch, hielt diesen dann aber auch für so ein Ding, wie sie verflossene Nacht gesehen, und das sie nicht fangen konnte, und ließ das Fischfangen bleiben.


Calila und Dimna 
aus dem Arabisch von Philipp Wolff 
Stuttgart 183 
S. 68

Mittwoch, 23. Januar 2013

Durch sechs Dinge macht sich ein König Feinde …

Dimna versetzte hierauf:

– Durch sechs Dinge macht sich ein König Feinde und verdirbt seine Sache: durch Verkennung seiner Leute, durch Bürgerkrieg den er aufkommen läßt, durch Leidenschaften, denen er ergeben, durch Härte und Grausamkeit, durch Muthlosigkeit in Unglückszeit, durch verkehrte Handlungsweise. Erstlich also, wenn er verkennt diejenigen unter seinen Dienern, welche es rechtlich und aufrichtig mit ihm meinen, sowie die seiner Beamten, welche Einsicht und Muth besitzen und ihm in Treue ergeben sind, und sich nicht bemüht Männer zu suchen, welche genannte Eigenschaften haben. Zweitens, wenn seine Unterthanen unter einander in Krieg gerathen. Drittens, wenn er sich von Leidenschaften beherrschen läßt, wie von der Liebe zu Weibern oder Knaben, von der zum spiel, zum Trunk, zur Jagd und was dem ähnlich ist. Viertens, wenn er in ungestümer Härte seiner Zunge gleich Schmähungen ausstoßen und seine Hand gleich Gewaltthat ausüben läßt, wo es gar nicht am Platze ist. Fünftens, wenn er zur Unglückszeit, bei Seuchen, bei Hungersnoth, bei feindlichen Einfällen und dergleichen, gleich alle Fassung verliert. Sechstens endlich, wenn seine Handlungsweise eine verkehrte ist, so daß er streng ist, wo er mild, und mild, wo er streng seyn sollte.



Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitlgied der asiatischen Gesellschaft von Paris.

Erstes Bändchen
Stuttgart:
J. Scheible’s Buchhandlung
1837

S. 38 f.

Sonntag, 20. Januar 2013

Bidpai's Fabelbuch (5)


Arabisch

Die älteste Uebersetzung unsers Buches ist die aus dem Pehlwi gemachte arabische von Abdallah ben Mokassa. Dieser Mann war ein geborner Perser und lange Zeit der Religion der Mager ergeben. Später, im Dienst des Isa ben Ali, eines Onkels der beiden Khalifen Saffah und Mansur, schwor er seine väterliche Religion ab und wurde ein Bekenner des Islam, wiewohl seine Orthodoxie stets in großem Verdacht blieb. sein sarkastisches Wesen zog ihm viele Feinde zu, und unter diesen auch den Khalifen Mansur selbst. Er endete daher auf eine schreckliche Weise, durch die Hand des von Mansur beauftragten Statthalters von Basra, Sofjan, – es wurde ihm ein Glied des Leibes nach dem andern abgeschnitten und in einen Ofen geworfen, zuletzt sein ganzer übriger Körper. – Er starb 145. d. H. d. i. 8762 unserer Zeitrechnung *).



Zuförderst verlangt Ibn Mokasse von den Lesern des Buchs, das sie nicht bei dem Aeußern der Erzählungen stehen bleiben, sondern, daß sie vielmehr den verborgenen moralischen Sinn derselben aussuchen sollen. Erst dann werde das Buch Nutzen bringen. So müße man ja auch die Nuß erst aufbrechen, wenn man sie genießen wolle. Sodann empfiehlt er: die erkannten Lehren der Weisheit in das praktische Leben übergehen zu lassen, denn das Wissen helfe nichts, wenn man nicht darnach handle. Das Wissen, sagt er, vollendet sich erst durch das Handeln, das Wissen ist wie der Baum, und das Handeln wie die Frucht. Und wer nach dem wohl erkannten Guten nicht handle, der mache sich dadurch nur um so strafbarer. Der weise Mann, fährt er fort, werde bei all seinen Unternehmungen sich stets ein nützliches Ziel vorstecken, er werde Missgeschick, das ihn nach göttlicher Fügung treffe, in Geduld ertragen, denn dasselbe sey nur ein anscheinendes und werde für ihn günstigen Erfolg haben. Das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung dürfe ihn nicht abhalten das seinige zu thun, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, aber der höchste Gegenstand seiner Bestrebungen müßen immer die bleibenden und unvergänglichen Güter seyn. Der einsichtsvolle Mensch werde auf seiner Hut seyn gegen seine Leidenschaften, nicht Glauben schenken den Worten aller Welt, nicht hartnäckig bestehen bei einem falschen Verfahren, an das Unausweichbare der Beschlüsse der Gottheit glauben, mit Muth und fester Ausdauer handeln, Andern nicht thun was er wünscht, daß man ihm nicht thue, und nie sein Vortheil auf Kosten Anderer suchen.. Zuletzt ermahnt er nochmals die Leser, daß sie sich nicht begnügen sollen, blos oberflächlich in dem Buch zu blättern, sondern daß sie es ganz und in ernster Aufmerksamkeit lesen sollen.

Der Verfasser des Buchs, sagt er noch am Ende, habe sich bei Abfassung desselben viererlei vor Augen gestellt. Einmal nemlich: dasselbe anziehend zu machen für die jungen Leute, was er dadurch zu erreichen glaubte, daß er darin verschiedene Thiere reden und handeln ließ. Zweitens: die Aufmerksamkeit der Fürsten zu fesseln durch die darin gezeichneten Gestalten der Thiere. Drittens: Daß dasselbe, dem Vergnügen gemäß, das die Leute aus allen Ständen in seiner Lectüre finden würden, durch eine große Anzahl von Abschriften sich vervielfältigen und so auf die fernste Nachwelt sich erhalten sollte. Viertens endlich, sagt er, betreffe der wahre Zweck der Abfassung des Buchs nur die Philosophen, d.h. sein höchster Zweck seyen die unter dem Gewande der Fabeln verborgenen Lehren der Weisheit und Moral.



Calila und Dimna
aus dem Arabisch
von Philipp Wolff
Stuttgart 1837

Montag, 14. Januar 2013

Bidpai's Fabelbuch (4)

Pehlwi

Die wichtigsten historischen Zeugnisse stimmen darin überein, daß unter Nuschirwan, dem Gerechten, das Buch Bidpai’s nach Persien gebracht worden sey. Der Arzt Barzujeh, so lauten die historischen Berichte, gieng entweder aus eigenem antrieb oder aus Auftrag des Königs nach Indien, um sich das außerordentliche Buch, dessen Ruf weit hin verbreitet war, zu verschaffen. Er erreichte seinen zweck durch seine Klugheit und Schlauheit. Barzujeh, der das Buch sofort in das Pehlwi (das Altpersische) übersetzte, erwarb sich durch seine Bemühungen die höchste Gunst seines Fürsten, verlangte aber von demselben als Lohn nichts anderes, als daß er seinen ersten Minister Buzurschmihr beauftragen möchte, die Geschichte eines (Barzujeh’s) Lebens bis zu seiner Reise nach Indien dem übersetzten Buch voranzustellen. …


Die Pehlwi Uebersetzung hatte fast mit der gesammten persischen Literatur das Loos, unter der Dynastie der Sassaniden durch den Glaubenseifer der Araber vernichtet zu werden.



Calila und Dimna
aus dem Arabisch
von Philipp Wolff
Stuttgart 1837

Donnerstag, 10. Januar 2013

Kalila und Dimna: Buchausgaben

Die derzeit schönste und beste Ausgabe der arabischen Fabelsammlung »Kalila und Dimna« ist die in der Neuen Orientalischen Bibliothek im Beck-Verlag:



Eine für Kinder und Jugendliche nacherzählte (und reduzierte Fassung ist als preiswerte Taschenbuchausgabe zu haben:


Eine Fassung als E-Book (für das kindle) liegt in der Ausgabe des Herder-Verlages (als Print-Ausgabe vergriffen) vor:



Bidpai's Fabelbuch (3)

Indisch

Daß das Buch, d.h. der Grundstock desselben, indischen und nicht persischen Ursprungs sey, wie Herr von Diez zu beweisen sich bemühte, ist jetzt nach dem zu Tage geförderten indischen Text des Hitopadesa (freundliche Unterweisung) und nach den gründlichen Untersuchungen englischer und französischer Gelehrten, namentlich nach denen meines verehrtesten Lehrers, des Barons S. de Sacy außer allen Zweifel gesetzt. Außer vielen historischen Zeugnissen spricht für Indien als das Stammland dieser Fabelsammlung das indische Colorit, das sich an vielen Stellen unserer arabischen Uebersetzung nicht verkennen läßt, wiewohl der arabische Uebersetzer oder Bearbeiter im Ganzen das Buch zu nationalisieren suchte. Die allerdings nicht kleine Verschiedenheit in den einzelnen Fabeln und Erzählungen und in ihrer Anreihung an einander, bei Hitopadesa und unserm arabischen Text, darf nicht befremden. Der arabische Uebersetzer hat eben den ihm vorliegenden Stoff frei behandelt. Der Hitopadesa, dem selbst wieder ein älteres Werk, das Panchatantra (fünf Sammlungen), zu Grund liegt, ist zuerst von Wilkins in einer englischen Uebesetzung Bath, 1787 bekannt gemacht worden. …


Ueber die Entstehung des Buchs in Indien verbreitete sich die von einem gewissen Behnud, einem Perser, zu dem Buch gemachte Einleitung. Was an der Erzählung dieses Behnud Historie, was bloße Sage oder Erfindung sey, ist nicht auszumitteln, indeß ist wohl nicht zu zweifeln, daß dieselbe eine historische Grundlage habe. Das Wesentliche dieser Einleitung ist folgendes:


Nachdem der indische König Fur (Porus) durch Alexander den Großen überwunden und getödtet war, kam ein gewisser Dabschelim, königlichen Stammes, auf den Thron von Indien, denn der von Alexander an Porus Stelle eingesetzte Statthalter konnte sich nicht halten. Dieser Dabschelim wurde mit der Zeit ein vollkommener Tyrann. Zu seiner Zeit lebte ein wegen seiner Weisheit in allgemeinem Ansehen stehender Brahmane, namens Bidpai. Der Weise, von dem rücksichtslosen Eifer getrieben, den König von seinem ungerechten Thun und Treiben abzubringen, stellt sich vor demselben und hält ihm in freimüthiger Sprache alle seine Gebrechen vor und ermahnt ihn zur Aenderung seiner Handlungsweise. Der ob solcher Freimüthigkeit ergrimmte König gab alsbald Befehl, den Brahmanen an’s Kreuz zu schlagen, änderte jedoch gleich denselben dahin ab, daß er den Bidpai bloß in’s Gefängniß werfen ließ. Die zahlreichen Schüler des Weisen entflohen in entfernte Gegenden. Bidpai blieb lange Zeit im Gefängniß. In einer schlaflosen Nacht verfiel der König in Nachdenken über die Gestirne des Himmels und ihre Bewegungen, sowie über das System des Universums. Da gedachte er wieder des weisen Brahmanen, hoffte von demselben über das, was ihm dunkel war, Aufschluß erhalten zu können und bereuete seine an demselben ausgeübte Grausamkeit. So ward Bidpai vor den König gebracht und auf dessen Befehl wiederholte er, indem er die Reinheit seiner Absichten betheuerte, die früher demselben gegebenen Zurechtweisungen und Ermahnungen. Dabschelim hörte ihn aufmerksam und ruhig an, ließ ihm die Fesseln abnehmen und erklärte ihm sogar, ihm die Regierung seines Reichs anvertrauen zu wollen. Nur ungern gieng der Brahmane auf diese Antrag ein. Seine Verwaltung hatte, wie sich erwarten ließ, den günstigsten Einfluß auf das Reich. Alle Könige Indiens unterwarfen sich gern der Oberherrschaft des nun durch seine vortreffliche Eigenschaften ausgezeichneten Dabschelim. Bidpai erklärte hierauf seinen Schülern, die sich nach seiner ehrenvollen Erhebung zu dem höchsten Staatsamte wieder um ihn versammelt hatten, daß der König ihm den Auftrag gegeben: ein Buch zu verfassen, welches die wichtigsten Regeln der Weisheit in sich enthielte. Anfangs wollte Bidpai die Arbeit mit seinen Schülern theilen, aber bald sah er ein, daß er besser derselben sich allein unterzöge, und so gieng er an’s Werk, indem er nur einen seiner Schüler als seinen Schreiber annahm. Nachdem er sich mit Papier und mit den für ihn und seinen Schreiber nöthigen Nahrungsmitteln auf ein ganzes Jahr, welche Frist ihm vom König zur Abfassung seines Werks vergönnt war versehen hatte, schloß er sich mit seinem Schreiber in ein Zimmer ein, zu dem Niemand Eintritt erhielt. Nach Verfluß der bestimmten Frist ward er mit dem Buche fertig. Der König berief alle Großen und Weisen seines Reichs und vor solcher Versammlung las Bidpai sein Buch vor. Der König war entzückt darüber und zeigte sich bereit, dem Verfasser jegliche Belohnung, die er dafür verlangte, zu geben. Bidpai verlangte aber keinen andern Lohn, als daß sein Buch sorgsam aufbewahrt werden möchte, auf daß es nicht über Indien hinaus und in die Hände der Perser komme.



Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp Wolff
Stuttgart, 1837

Sonntag, 6. Januar 2013

Bidpai's Fabelbuch

Kalila und Dimna
Afghanisches Manuskript, 1429
Quelle: Wikipedia

…Was den Titel vorliegenden Buches betrifft, so glaubte ich dem alten und ursprünglichen „Calila und Dimna,“ welches Benennungen zweier Schakale sind, die in den beiden ersten Capiteln des Buchs die Hauptrolle spielen, und wornach dann das ganze Buch benannt worden, den Titel beisetzen zu müßen, unter welchem das Buch am bekanntesten ist, „Fabeln Bidpai’s.“ Hier muß aber gegen die Meinung verwahret werden, welche nach diesem Titel blos gewöhnliche Thierfabeln, in unzusammenhängender Reihe neben einander gestellt, wie die des Aesop und Locman, erwarten wollte; denn Bidpai’s Fabelbuch enthält nicht vereinzelt dastehende Fabeln, sondern, mit einem Wort, eine Philosophie des Lebens, dargestellt in dem anmuthigen Gewande von Fabeln und Parabeln. Die in dem Buche enthaltenen, mehr denn sechzig, Fabeln und Parabeln sind durch ein engeres oder loseres Band an einander geknüpft, kunstreich und dennoch natürlich. Eine Einsicht in das Buch wird das Nähere über die Art und Weise der Verbindung zeigen.


Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitlgiede der asiatischen Gesellschaft von Paris.

Erstes Bändchen
Stuttgart:
J. Scheible’s Buchhandlung
1837

Dienstag, 26. Juni 2012

Falke und Sperling


… Aber ehe ich auf ewig schweige, muß ich euch doch noch eine kleine Fabel erzählen. Ein Falke war im Begriff, einen Sperling zu erwürgen, den er gefangen hatte. Laß mich, sagte der Sperling, es verlohnt sich nicht der Mühe, mich zu knuppern, und der Falke schenkte ihm Leben und Freyheit, und sagte: Es ist nur ein Sperling.

Der Tausend und Einen Nacht
noch nicht übersetzte
Mährchen, Erzählungen und Anekdoten,
zum erstenmale aus dem Arabischen in’s Französische
übersetzt von
Joseph von Hammer,
und aus dem Französischen in’s Deutsche
von
Aug. E. Zinserling
Stuttgart und Tübingen, 1823

Dienstag, 1. Mai 2012

Der Greif und der Eisvogel


Allein, als das Meer anschwoll, entriß derselbe die jungen Eisvögel.
Da sagte das Weibchen:
- Ich habe es ja gleich von vorne herein gesagt, daß es so kommen werde.
Das Männchen aber entgegnete:
- Ich werde mich zu rächen wissen an dem Herrn des Meeres.
Darauf ging er zu einer Truppe von Vögeln und sprach zu ihnen:
- Ihr seyd meine Verwandte und Freunde, so stehet mir nun bei!
Diese fragten:
- Was willst du, daß wir thun sollen?
Der Seevogel erwiederte:
- Gehet mit mit insgesamt zu den übrigen Vögeln, daß wir ihnen klagen was von dem Herrn des Meeres geschehen ist, und wir wollen zu ihnen sagen: ihr seyd Vögel wie wir, drum steht uns bei.
Jene Truppe von Vögeln entgegnete:
- Siehe! Der Greif ist unser Beherrscher und König, darum gehe mit uns zu demselben, daß wir ihn um seine Hülfe anrufen, ihm klagen was dir von dem Herrn des Meeres begegnet und ihn bitten, Rache an demselben uns zu verschaffen durch die Macht seines ganzen Reiches.
Hierauf begaben sie sich zu dem Greif mit dem Eisvogel und ließen ihren Hülferuf ertönen. Der Greif zeigte sich ihnen alsbald, wo sie ihm dann ihre Geschichte erzählten und ihn ersuchten, mit ihnen zum Kampf gegen den Herrn des Meeres auszuziehen, was derselbige ihnen gleich zusagte. Wie aber der Herr des Meeres erfuhr, dass der Greif mit dem gesamten Reich der Vögel ihn bekriegen wolle, da wagte er es nicht sich in Kampf einzulassen mit einem ihm überlegenen König, gab dem Eisvogel seine Jungen zurück und schloß mit ihm Frieden, worauf der Greif sich zurückzog.

aus: Calla und Dimna oder die Fabeln Bidpai’s
Aus dem Arabischen von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie Privatdozenten der orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitglied der asiatischen Gesellschaft von Paris,
Erstes Bändchen, Stuttgart 1837, S. 87 f.

Mittwoch, 31. August 2011

Das Unicornium, belangend …

Erin Stevenson O'Connor
Das Bild steht unter der  GNU-Lizenz für freie Dokumentation
Bildquelle: Wikipedia

Das Einhorn / Unicornium, belangend / so schreiben die Authores, Plinius, Aristoteles, Ælianus und Philostratus so unterschiedlich darvon (wie zu sehen ist in dem Thier-Buch D. Gesneri Teutscher Version fol. 36.) daß es hart ist / etwas gewisses zu berichten /ausser daß dieses ein grimmiges / schnell- und starckes Thier seye / gelblechter Farb / in der Grösse und Gestalt einem Pferdt nicht vil ungleich / ausgenommen / daß es an seinen Füssen unterhalb gespaltne Klauen habe.

Das merckwürdigiste / und in der Artzney das kostbariste ist an diesem Thier das bey 2. oder 3. Elen lange / starcke und spitzige Horn / welches an seiner Stirn gerad hinauß gehet / deßwegen es auch Einhorn genennt wird. Wann es mit dem Elephanten streiten will / da wetzt es zuvor das Horn an einem Felsen /und schaut / daß es ihme den Bauch / welcher weich ist / darmit durchsteche und aufreisse; wann es aber fehlt / da wird er von ihm zerrissen.

Das Einhorn soll sich befinden in Mohrenland /auch Indien und Arabien. Wann es über 2. Jahr alt ist / lasset es sich nicht mehr fangen (wohl aber wann es jung ist) sondern er zerreißt alles / und lasset sich ehender umbringen / als fangen oder zahm machen /und förchtet keine Waffen: massen in H. Schrifft geschrieben stehet: Meinest du / das Einhorn werde dir dienen / und werde bleiben an deiner Krippen stehen.

Willibald Kobolt
Die Groß- und Kleine Welt
Natürlich-Sittlich- und Politischer Weiß zum Lust und Nutzen vorgestellt [...].
Augsburg 1738
 

Sonntag, 24. Oktober 2010

Von der Indianer Weisheit ...

5. §. Von der Indianer *) Weisheit hat uns Sendebar, oder Sandhaber, denn man findet ihn verschiedentlich geschrieben, ein Buch hinterlassen, davon ich einen alten Druck in lateinischer Sprache besitze. Der Titel heißt: DIRECTORIUM HUMANÆ VITÆ, ALIAS PARABOLÆ ANTIQUORUM SAPIENTUM: dieser ist sonder Ort und Namen des Druckers, ohne Zahlen der Blätter und Seiten, mit alten Holzschnitten in Fol. gedruckt. In der Vorrede steht, daß es eigentlich Belile ve Dimne **) heiße, aus dem Indianischen ins Persische, sodann ins Arabische, hernach ins Hebräische, und endlich ins Lateinische übersetzet worden. Dieser letztere Uebersetzer Johannes DE CAPUA, richtet seine Zueignungsschrift an den Cardinal Matthäus, in einem sehr barbarischen Lateine: so, wie es um die Erfindung der Buchdruckerkunst üblich war. Der Inhalt aber besteht in XVIII. Capiteln, aus lauter Fabeln, die der König Anastres Casri, durch seinen Leibarzt Berozias, aus Indien bekommen, als er ihn hingeschicket hatte, auf den Bergen Kräuter zu sammlen, womit man Todte auferwecken könnte. Als dieser sie nun gesammlet und zubereitet hatte, die Todten aber doch nicht auferwecken konnte; erfuhr er von den indianischen Weisen: daß man durch die Berge die weisen Männer, durch die Kräuter aber die Weisheit, wie durch die Todten die Thoren, verstehen müßte; und bekam von ihnen das Buch der Weisheit, welches er ins Persische übersetzte, und seinem Könige brachte. Diesem nun gefiel es überaus, daher er es gemein zu machen befahl. Starke hat es von neuem lateinisch übersetzet; der weise Herzog zu Würtemberg Eberhard aber, soll es ins Deutsche gebracht haben. Eine sehr alte deutsche Dollmetschung in Fol. habe ich zu Wien in einer Privatbibliothek gesehen; die aber ungemein selten gefunden wird.


Johann Christoph Gottsched
Versuch einer critischen Dichtkunst
Des I. Abschnitts II. Hauptstück
*) mit »Indianer« meint Gottsched »Inder«
**) gemeint ist: Kalila und Dimna

Montag, 5. Oktober 2009

Der frühe Ruhm dieser Indischen Fabeln

… Denn der frühe Ruhm dieser Indischen Fabeln in Persien, die Menge von Sittensprüchen in Versen aus den verschiedensten Dichterwerken den prosaischen Erzählungen eingeflochten beweisen, nach dem Urtheile eines Kenners das frühere Dasein einer reichen dichterischen Literatur, und jene antiken Fabel-Werke sind in Indien nur erst durch das jüngere Fabelbuch, das unter dem Namen des Hitopadesa bekannt ist, außer Umlauf gebracht. Auf demselben Wege sind die unterhaltenden Erzählungen, die unter den Namen der Sieben weisen Meister, der Tausend und eine Nacht u.a. über Persien und Arabien, als Uebersetzungen und Umarbeitungen (nach v. Hammer) mannigfaltigster Art, nur mit verändertem Schauplatz und historischen Namen, aber immer denselben Character und Inhalt beibehaltend, in jener Periode in die Literatur der Levante und der Westvölker übergingen, unstreitig Indischer Herkunft, so daß v. Schlegel z.B. bemerkte, man werde in den meisten Fällen im letztgenannten Werke nicht fehlen, statt des bei Arabern gefierten Namens Harun als Raschid, den des Indischen Vikramadityas … zu lesen. Daher dies in dieser mittelalterlichen Zeit mit der Indischen Literatur ging, wie im höhern Alterthum mit den Waaren; man hat die fremden Erzeugnisse lange genossen, ohne das Land zu kennen woher sie kamen. Hier wird es hinreichen, bei dem was schon oben über Weltstellung gesagt ist … , darauf hinzuweisen, daß es in derselben Zeit eben so mit den Wissenschaften ging, it Arithmetik, Algebra, Astronomie, Medicin, Chemie, worin Araber und Perser die Schüler der Indier waren, die Europäer wieder die der Araber wurden, wodurch der Gang einer merkwürdigen Tradition sich kund giebt, die zwischen dem wahren Orient und Occident der alten Welt, wenn auch getrennt, doch niemals ganz unterbrochen war. Wir wiederholen hier nur was von Andern schon bewiesen ist; das decimale System unserer Ziffern ist ganz Indisch, und die Araber sagen es ganz ohne Hehl, daß sie es von den Indiern gelernt ebenso die Algebra, und eins der drei Indischen Systeme der Astronomie, die vom Khalif Mansur (754 - 775) bis zur Zeit Mamuns (813 n. Chr. Geb.) bekannt wurden. Die zwölf Zeichen im Thierkreise bei Aegyptern, Chaldäern, Indiern gehen auf eine vorgeschichtliche Mittheilung unter den nachher sich fremd gewordenen Völkern zurück, oder auf die Herleitung aus einer gemeinsamen Quelle. Die Bearbeitung der Metalle und Steine muß in Indien uralt seyn, wenn auch keine Geschichte darüber Aufschluß giebt, wie sich die damit beschäftigten Künste weiter über die Erde verbreitet haben. außer dem Zinn, dessen wir oben gedachten, ist Indisches Eisen nach den römischen Pandecten zollbare Waare, bei Arabischen Dichtern ist das Schwert von Indischem Stahl (Mohannadon) wie bei Ktesias berühmt. Messing, eine Art Corinthisches Erz (im Sanskr. Kansasthi), schon dem Pseudo Aristoteles bekannt; die Verarbeitung des getriebenen Kupfers bei den Indischen Tempeln frühzeitig allgemein, und im Sanskritischen Namen des Schwefels liegt schon der Gebrauch desselben bei der Scheidung des Kupfers aus seinen Erzen, da er Sulvari im Sanskrit, d.i. Feind des Kupfers heißt, daher das lateinische Sulphur seinen Ursprung erhielt, und Blei in der Provinz Malwa oder Mulva gewonnen, heißt im Hindostanischen noch Mulva, woraus sein bedeutungsloser griechischer Name μόλνβος, μόλνβδος herzuleiten seyn mag. Malwa ist durch die vielen Metallidole seines großen Tempels berühmt, der im Jahre 1227 bei dessen erster Entdeckung und Eroberung von Udschyini (Ozene) zerstört ward. Auch in der Arzneiwissenschaft lernten Araber aus medicinischen Werken der Sanskrit-Literatur wie der Griechischen; Indische Heilverfahren in mancherlei Krankheiten haben sich weit über den Westen verbreitet, und die Kunst der Zubereitung der Arzneimittel, der Farbstoffe, der destillirten Getränke, der Essenzen, kurz der Chemie und vielerlei Gewerbearten, sind zugleich aus Indien in jenen Zeiten, wie die Waaren, mit nach Vorderasien und Süd-Europa übergegangen, ehe noch dieses Land durch Sultan Mahmud (997), Marco Polo (1290), Vasco de Gama (1498) und ihren Nachfolgern von neuem betreten wurde.

Carl Ritter
aus: Die Erdkunde von Asien
Band IV. Erste Abtheilung
Die indische Welt, Berlin 1835

Samstag, 25. Juli 2009

Der Phönix und die Nachteule (Des fünften Buches erste Fabel)

Bildquelle: Wikipedia

Der Phönix, der ein Fürst der Feder-reichen Schaar
In dem Arabischen Gefild’, und zwar
Der erste dieses Namens, war:
Ein Ehrerbietiger Basal vom Sonnen-Licht’,
Hatt’ allezeit, so lang’ er auch gelebet,
Recht als ein Heiliger zu leben, sich bestrebet.
Es kannt das Flügel-Volck noch seines gleichen nicht.
Der fromme Vogel nun erreicht, nach tausend Jahren,
Des langen Lebens Ziel.
Da es dem Schicksal denn gefiel,
Da er auch endlich stürb’. Er hatt’ es kaum erfahren,
Als, ohne Gram um seine Herrlichkeit
Und ohne Klag’ und Hertzeleid,
Er seinen holz-Stoß selbst, der ihn verbrennen sollte,
Zusammen tragen wollte.

Nicht weit davon, in einem dürren Baum,
Saß eine Eul versteckt, die elend, grämisch, alt,
Verdrießlich, mager, ungestalt,
Und kalt, wie Eis und Stein; Sie rührete sich kaum;
Nur flucht’ und lästerte sie stets der Sonnen Licht,
Als deren warmen Lebens-Brand
sie nicht empfand.

Mein Bruder, sprach darauf der Heil’ge, fluche nicht!
Sey still, gedulde dich, stirb besser, als du lebtest!
Der Tod, vor welchem du stets zittertest und bebtest,
ist gar kein Uebel, glaub es mir.
Das glaub’ ein andrer dir,
Fing gleich die Eul’ hierauf verdrießlich an zu sagen:
Ich bin gewiß, daß es ein Uebel ist,
Und will so viel ich will, darüber klagen.
So lang’ ich frisch, that ich, was mir gelüstet:
Auf die Art bin ich auch zu sterben schlüssig,
Und dein Geschwätz ist überflüßig.
Du hast im übrigen gut predigen hierzu,
Du der du fast zugleich erschinest mit der Welt;
Dein Gott, die Sonne selbst, ist älter kaum, als du.
Was Wunder, daß es dir zu sterben einst gefällt?
Du solltest ja wol recht der Erde müde seyn,
Und, ihrer satt, das Leben hassen.
Hätt’ ich hier auch gesehn so manches Tages Schein;
So wollt’ ich auch mein Loch, mit mindern Gram, verlassen.

Was hättest du doch mehr gesehen?
Wandt’ hier Arabiens Apostel ein:
Das, was geschicht, ist allezeit geschehen;
ein Tag pflegt allezeit dem andern gleich zu seyn.
Wenn wir anitzt zu einer Zeit erkalten:
So haben wir gleich lang’ gelebt.
wie daß dein Hertz die Sonn’ nicht anzubeten strebt,
Von welcher du das Leben doch erhalten!
Auf! zeige, daß es dich gereuet,
Daß du sie allezeit gehasset und gescheuet.
Mein, sage mir, was war die Frucht
Von deiner ungerechten Flucht;
Als Elend, Jammer, Noht, Verdruß und Hertzeleid?
Alleing enug: es eilt die schnelle Zeit,
Und ich bin itzt zu sterben schon bereit.

Fahr wol! es mag dir wohl bekommen!
Versetzte die Eul’, ich hab mir vorgenommen,
Was mich betrifft, noch länger hier zu seyn:
Der Phönix sucht’ indeß den Vorsatz zu vollbringen,
Trägt vom Gewürtz und Holz den Stoß zu Hauf;
Facht in der Sonnen Strahl die Gluht an mit den Schwingen,
Und leget sich gelassen oben drauf.
Das Feuer unterdeß, getrieben durch den West,
Ergreift zugleich der Eulen Nest.
Man sieht den Heiligen auf seinem Holtz-Stoß sterben;
In seinem Loche muß das Ungeheur verderben.
Doch mit dem Unterscheid:
‘Der eine stirbt für allezeit,
Der andre kommt mit neuer Pracht und Zier,
Aus seiner Asch’ aufs neu’ herfür.

Unsterblichkeit ist des Gerechten Krone.
Die Bosheit hat den Tod, ja noch vielmehr, zum Lohne.
Nur ist es warhlich zu beklagen,
Daß man hiebey annoch muß eine Wahrheit sagen;
Der Phönix ist nur eintzeln und allein;
so wird es auch fast mit den Frommen seyn.

B.H.Brockes
Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten,
Erster Theil,
nebst einem Anhang etlicher übersetzten Fabeln
des Herrn de la Motte
(Original: Le Phoenix & le Hibou, Falbe I. Livre V.)