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Mittwoch, 7. November 2012

Vom Drachen

 
Drache in der Marien-Bergkirche Laudenbach (bei Weikersheim)

Es waren einmal Mann und Frau, die hatten drei Töchter; die älteste und die jüngste spannen, die mittlere aber machte sich auf dem Hof zu schaffen. Der Vater arbeitete vom Morgen bis zum Abend auf dem Felde; und als er eines Tages nach Hause kam, sprach er zu seiner Frau: »Warum schickst du mir kein Mittagessen hinaus? Ich plage mich dort den ganzen Tag und pflüge und hab davon einen mächtigen Hunger. Schick mir morgen die älteste Tochter mit dem Essen.« Die Älteste weigerte sich aber und sagte zum Vater: »Ich bring es Euch nicht hinaus, denn ich weiß nicht, wo Euer Feld liegt.« Er antwortete jedoch: »Du wirst es schon finden; morgen, wenn ich aufs Feld gehe, werd ich an einem Stock schnitzeln; dann halt dich nur an die Späne, und so wirst du zu mir gelangen.«
Am nächsten Tage ging der Bauer aufs Feld und schnitzelte unterwegs am Stock, aber der Drache hatte davon erfahren und pustete die Späne weg, so daß sie nun zu seiner Hütte führten. Als die Zeit kam, das Mittagessen hinauszutragen, ging die älteste Tochter fort, erblickte die Spur und folgte ihr. Sie wanderte und wanderte, und schon fing es an zu dunkeln, aber vom Vater war noch immer nichts zu sehen. Da kam sie ein großes Verlangen an zu essen; sie setzte sich am Wege nieder, aß sich satt, stand wieder auf und ging weiter. Noch war sie aber keine ganze Werst weitergekommen, als sie ein Hüttchen erblickte und ein Feuer darin. Da bekreuzigte sie sich und sagte: »Gott sei Dank, da ist endlich mein Vater!« Sie trat in die Hütte und sah: dort aß der Drache sein Abendbrot! Da sprach der Drache zu ihr: »Komm und iß!« Doch sie antwortete ihm: »Ich will nicht.« Jetzt schrie er sie aber an: »Ich sage dir: setz dich hin und iß!« Sie erwiderte jedoch: »Ich hab schon gegessen, trug dem Vater das Mittag hinaus, aber fand ihn nicht, darum aß ich's selber auf.« Der Drache brüllte sie nochmals an: »So komm und iß auch bei mir!« Da blieb ihr nichts anderes übrig, sie setzte sich hin und aß mit ihm zu Abend. Das Fleisch aber war süß, denn es war von Menschen. Und als sie gegessen hatten, legten sie sich schlafen. Das Mädchen stand früh auf, der Drache jedoch noch früher. Er sprach zu ihr: »Jetzt sollst du mein Weib sein; da hast du die Schlüssel und einen Apfel; geh durch alle Zimmer und Scheunen, aber hier, in diese zwei Kammern, geh nicht hinein.« So sprach er und flog davon.


Sie ging dann in alle Zimmer hinein und erblickte ganze Zuber voll Gold, Silber und Kupfer. Es lockte sie aber auch heftig, in jene zwei Kammern hineinzuschauen; sie öffnete sie, trat ein und stöhnte vor Entsetzen, denn Leichen lagen in der ersten Kammer, und in der zweiten standen Zuber voller Blut! Sie schaute hinein und ließ den Apfel fallen. Zwar nahm sie ihn heraus und wusch ihn, aber am Stengel blieb ein wenig Blut kleben. Dann kam der Drache wieder angeflogen und verlangte gleich den Apfel von ihr. Sie gab ihn her, der Drache besah sich ihn und fragte: »Bist du in die Kammern hineingegangen?« – »Nein, ich bin nicht hineingegangen!« – »Du lügst, verfluchtes As, denn du bist doch drin gewesen!« Er nahm ein Beil, schlug ihr den Kopf ab und warf die Leiche in die Kammer. Kam der Vater am Abend nach Hause und sagte zu seiner Frau: »Warum hast du mir kein Essen geschickt?« – »Schau einer den an! ich hab's dir doch geschickt! Noch immer ist die Älteste nicht zurück; vielleicht hat sie sich verirrt.« – »Na, schwatz keinen Unsinn, aber schick mir morgen die jüngste Tochter hin; ich werd aufs Feld gehn und Asche streuen.«
Am nächsten Tage ging er fort und streute Asche auf den Weg, der Drache aber blies sie wieder zu seiner Hütte. Als es Mittagszeit wurde, schickte die Mutter die jüngste Tochter mit dem Essen zum Vater, und sie ging den Spuren der Asche nach. Sie wanderte lange, lange, und es fing schon an zu dunkeln, aber vom Vater war noch nichts zu sehen. Da setzte sie sich nieder und aß von dem Mitgebrachten; und da nach stand sie wieder auf und ging weiter. Auf einmal erblickte sie eine Hütte, und die war erleuchtet. Die Tochter bekreuzigte sich und sagte: »Gott sei Dank! dort wird doch endlich wohl mein Vater sein.« Sie trat in die Hütte ein, erblickte den Drachen und wünschte ihm einen guten Abend. »Willkommen, mein gutes Kind! Wie hast du dich hierher verirrt?« fragte der Drache. Sie antwortete: »Ich hab dem Vater das Essen hintragen wollen und mich dabei zu Euch verirrt.« – »Nun, dann leg dich schlafen, wenn es so ist«, sagte der Drache. Und die Tochter legte sich nieder. In der Früh, als sie aufstand, sprach der Drache zu ihr: »Sei von nun ab meine Frau; hier hast du die Schlüssel und einen Apfel und geh überall herum, nur in diese zwei Kammern geh nicht hinein!« Und dann flog er davon. Es lockte sie aber gar sehr, in die beiden Kammern hineinzugehen. Sie öffnete die eine, erblickte dort ihre Schwester und fing an zu weinen; dann öffnete sie auch die zweite, erblickte dort die Zuber und beugte sich vor, um hineinzuschauen, da fiel ihr aber der Apfel aus dem Busen. Sie nahm ihn heraus und wusch ihn ab, doch am Stengel blieb ein wenig Blut kleben. Der Drache kam angeflogen und befahl: »Trag das Abendbrot auf!« Sie brachte ihm das Essen, und als er satt geworden war, fragte er: »Bist du in die Kammern gegangen?« – »Nein, ich bin nicht hineingegangen!« – »Dann zeig mir den Apfel her!« Er besah sich den Apfel, ergriff ohne ein Wort zu sagen das Beil, hackte ihr den Kopf ab und warf die Leiche in die Kammer. Der Bauer aber kam wieder nach Hause zurück und sagte zu seiner Frau: »Warum hast du mir das Essen nicht hinausgeschickt?« – »Wieso hab ich's dir nicht geschickt? Jetzt ist schon die zweite Tochter fort und kommt nicht zurück.« – »Na, dann schick mir morgen die dritte!« Die mittlere Tochter aber kam zum Vater und sagte: »Ich weiß den Weg nicht aufs Feld.« – »Dann will ich Kartoffeln auf den Weg streuen«, antwortete der Vater, »so wirst du mich schon finden.«


Am andern Tage ging er wieder pflügen und streute auf dem Wege Kartoffeln aus, aber der Drache blies sie wieder zu seiner Hütte. Und als es Mittagszeit wurde, schickte die Mutter die zweite Tochter mit dem Essen, und sie ging der Spur nach. Es fing schon an zu dunkeln, doch vom Vater war noch nichts zu sehen. Sie setzte sich nieder, aß ihr Abendbrot, stand wieder auf und ging weiter; da sah sie eine Hütte und ging auf sie zu. Sie trat ein und erblickte den Drachen beim Abendessen. Der Drache sprach zu ihr: »Setz dich hin und iß!« Sie setzte sich und fing an zu essen, und hernach legten sie sich beide nieder. Als die Tochter am Morgen aufstand, sagte der Drache zu ihr: »Sei von nun ab meine Frau; hier hast du die Schlüssel und einen Apfel; geh überall umher, aber nur in diese zwei Kammern geh nicht hinein!« Und dann flog er davon. Es lockte sie sehr zu sehen, was wohl in den beiden Kammern sein möge, in die hineinzugehen der Drache ihr verboten hatte. Sie öffnete die eine und erblickte dort ihre Schwestern; da schloß sie die Kammer schnell ab und ging wieder in die Hütte. Der Drache kam angeflogen und fragte: »Bist du in die Kammern hineingegangen?« – »Nein, ich bin nicht hineingegangen!« – »Zeig mir aber mal den Apfel her!« Sie reichte ihm den Apfel, und der Drache sagte darauf: »Nun, es ist wahr, du bist nicht drin gewesen.«


Am nächsten Tage sprach sie zum Drachen: »Ich fühl es, daß es meinem Vater schlecht geht.« Er antwortete ihr: »Hab ich denn so wenig Gold und Silber? Nimm, soviel du willst und schick es ihm!« Da ging sie in den Garten, fing eine Krähe und befahl ihr: »Bring mir das Wasser des Lebens und des Todes, sonst zerreiß ich dich!« Die Krähe flog davon und brachte ihr von dem Wasser. Nun ging die Tochter in die Kammer, bespritzte ihre Schwestern, legte sie in eine Truhe und sperrte sie ab; dann ging sie zum Drachen und sagte: »Nimm hier diese Truhe und trag sie zu meinem Vater!« Und der Drache trug sie fort. Nach ein paar Jahren gebar die Tochter einen Sohn: halb ein Drache, halb ein Mensch. Und wieder sprach sie zum Drachen: »Ich fühl es: meinem Vater geht es schlecht!« – »Na, dann pack Gold zusammen und schick es ihm«, sagte der Drache. Da legte sie Gold in eine Truhe, hackte ihr Kind in zwei Hälften und warf sie in die Kammer; dann ging sie zum Drachen und sprach zu ihm: »Trag doch diese Truhe zum Vater, ich aber will zur Gevatterin gehn.« Sie ging hinaus, kroch in die Truhe und sperrte sich ein. Der Drache hob die Truhe auf und brachte sie fort. Als er aber nach Hause kam, merkte er, daß die Frau nicht mehr da war. Nun erkannte er, daß sie ihn betrogen hatte, aber es war nichts mehr zu machen.

August Löwis of Menar
Russische Volksmärchen
Jena, 1927

Dienstag, 17. Juli 2012

Der Tazzelwurm

Bildquelle: Wikipedia

Festlied bei Aufstellung des Herbergsschilds «Zum feurigen Tazzelwurm» am Bergwirtshäuslein zu Rehau, beim Übergang über die Audorfer Almen


Als noch ein Bergsee klar und gross
In dieser Täler Tiefen floss,
Hab' ich allhier in grosser Pracht
Gelebt, geliebt und auch gedracht
Als Tazzelwurm.

Vom Pentling bis zum Wendelstein
War Fels und Luft und Wasser mein,
Ich flog und ging und war gerollt,
Und statt auf Heu schlief ich auf Gold
Als Tazzelwurm.

Hornhautig war mein Schuppenleib
Und Feuerspei'n mein Zeitvertreib,
Und was da kroch den Berg herauf,
Das blies ich um und frass es auf
Als Tazzelwurm.

Doch als ich mich so weit vergass
Und Sennerinnen roh auffrass,
Da kam die Sündflut grausenhaft
Und tilgte meine Bergwirtschaft
Zum Tazzelwurm.

Jetzt zier' ich nur gemalt im Bild
Des Schweinesteigers neuen Schild,
Die Senn'rin hört man jauchzend schrei'n
Und keine fürcht't das Feuerspei'n
Des Tazzelwurms.

Und kommt so ein gelehrtes Haus
So höhnt's und spricht: «Mit dem ist's aus,
Der war ein vorsündflutlich Vieh,
Doch weise Männer sah'n noch nie
Den Tazzelwurm.»

Kleingläub'ge Zweifler! Kehrt nur ein
Und setzt auf Bier Tiroler Wein...
Ob Ihr dann bis nach Kufstein fleucht,
Ihr spürt, dass ich Euch angekeucht
Als Tazzelwurm.

Und ernsthaft spricht der Klausenwirt:
«Schwernoth! Woher sind die verirrt?
Das Fusswerk schwankt... im Kopf ist Sturm...
Die sahen all' den Tazzelwurm!
Den Tazzelwurm!»

Joseph Victor von Scheffel

Dienstag, 10. April 2012

Der Tatzelwurm

Bildquelle: Wikipedia

Als kleiner Verwandter gilt der Tatzelwurm, ein alpenländisches Fabeltier, das auch unter den Namen Dazzelwurm, Praatelwurm, Stollenwurm, Beißwurm oder Bergstutzen bekannt ist, in der französischen Alpen als Arassas. Der Sage nach wird er zwischen 50 - 200 Zentimeter lang. Er lebt in Höhlen, die er sich selbst in den Felsen gräbt. Er ist scheu, gilt aber als gefährlich und aggressiv.

Samstag, 31. Dezember 2011

Märchenhaftes zum Jahreswechsel



Nun gibt es meine Märchen, die in den letzten fünfzehn Jahren verstreut veröffentlicht wurden, als E-Book für das kindle-Lesegerät. Eine Sammlung für Kinder und eine für Erwachsene.


Donnerstag, 15. September 2011

Drachenberg

Bildquelle: Wikipedia
Urheber: Philipendula

Drachenberge gibt es in Deutschland nicht wenige; ihre Namen bezeugen den festgewurzelten Volksglauben an Drachen, die, mit dem an Lindwürme verschmolzen und fast eins, überall auf Ungeheuer der Vorzeit hindeuten, die nicht mehr vorhanden sind. Wo Sagen von Lindwürmer haften, ist insgemein die Sankt Georg-Legende mit ihnen verwachsen. Die vielen drachenhaften Gebilde an den Kirchen des romanischen Baustils gaben der Sage stets neue Nahrung. Bei Wurmlingen und seiner berühmten Wallfahrtkapelle und in der Höhle am Fuße der Wandelburg hauste und wandelte vorzugsweise ein greulicher Wurm, der ja auch Wurmlingen den Namen gab. Viele sagen, es sei gar ein Pärchen, Männlein und Weiblein, gewesen, auf daß die gute Art nicht aussterbe und die irrenden Ritter doch etwas zu tun fänden. Die Sage vom Lindwurm auf Frankenstein wie die von Limburg (Lindburg) an der Lahn wiederholt sich getreu mit der alten Limburg auf dem Lim- oder Lindberge im Neidlinger Tale im Schwabenlande, nur daß sie geradezu den heiligen Georg als Drachentöter nennt, während andere verwandte Sagen dessen mythische Persönlichkeit mehr umhüllen. Nah dem Filstale liegt das Dorf Drackenstein mit einem Drachenloch und einer Totenhöhle, wie bei Meiningen ein Drachenberg mit einem Drachen- und einem Bärengraben. Der Drache im Drachenloch bei Drackenstein soll noch immer geisten. Einst gelang ihm der Raub einer Kaiserstochter, er hielt sie gefangen fünf Jahre lang und gedachte ihr die Ehre zu, sie zu seiner Gemahlin zu erheben, aber er gefiel ihr nicht, obschon er ihr drei herrliche Kleider schenkte, darauf auf einem Sterne gestickt waren, auf dem zweiten der Mond und auf dem dritten die Sonne. Sie ging mit einem Schneider, der ihr im Walde begegnet war, durch und nahm die Kleider mit, und später heiratete sie den Schneider, und der Drache hatte das Nachsehen. Auch bei Eningen liegt ein Drackenberg; daran sollen zwei hohe Nußbäume gestanden haben, mit den Kronen ineinander verschlungen. Diese Kronen bildeten das Drachenbette, und der Drache sei gewesen wie eine ungeheuer große Klapperschlange. Ein Jäger, welcher allerlei Jagdstücklein verstand, auch wohl selbst ein Hexenmeister war, schoß mit einer gewissen Kugel die Schlange in den Kopf, da tat sie einen Schneller noch den halben Drackenberg hinauf und starb. Im Ammentale hauste ein greulicher Lindwurm, den erlegte nur dadurch ein Ritter, daß er sich über und über mit Spiegeln behing. Da der Wurm in diesen sich erblickte, meinte er, er bekomme Kameradschaft, und nahte sich nicht feindlich. Gleich darauf stieß ihm der Ritter seinen Speer in das Herz.
Ludwig Bechstein
Deutsches Sagenbuch
Meersburg und Leipzig 1930

Dienstag, 13. September 2011

Drache

Bildquelle: Wikipedia

Drache, 1) Sternbild am nördlichen Himmel; die Fabel sagt, Juno haben den drachen, welcher die goldenen Äpfel im Schlafgemache der Hesperiden bewacht, und welchen Hercules tödtete, an den Himmel versetzt. – 2) Der fabelhafte Drache. Von diesem Ungeheuer geht die Fabel fast so weit hinauf, als die Geschichte reicht. Man schildert seine Gestalt so schrecklich als möglich, und gibt ihm zum Wohnplatze beinahe alle bekannte Länder, besonders das damals noch unbekannte Indien und Afrika. Seine Größe gab man nicht leicht unter 20, oft aber auf 70 Ellen an. Von letzterer Art war der Drache, der nach dem Ulian zu Alexanders des Eroberers Zeiten in Indien lebte und göttlich verehrt wurde. Füße hatte er nach diesen Beschreibungen nicht, sondern wie schlangen bewegte er sich durch Windungen des Körpers fort. Der ganze Körper war mit Schuppen bedeckt, und nach Vielen der hals mit einer Mähne geziert. Übrigens widersprechen sich diese Erzählungen fast alle, und nur darin stimmen sie überein, daß der Drache vortreffliche Sinnenwerkzeuge, besonders ein scharfes Gesicht habe. Ihm wird eine solche Stärke beigelegt, daß es ihm eine Kleinigkeit war, einen Elefanten zu erwürgen. Seine Nahrung bestand in Blut und Fleisch von allerlei Thieren auch fraß er verschiedene Früchte. Das Sonderbarste ist, daß dessenungeachtet dieses Thier gefangen und zahm gemacht werden konnte, wovon die alten Schriftsteller mancherlei zu erzählen wissen. Diesen Fabeln scheint aber dennoch ein wirkliches thier zum Grund zu liegen, und wahrscheinlich ist dieses kein anderes als die große Abgottschlange (Boaconstrictor, s.d.). Der fabelhafte Drache des Mittelalters hat 4 Löwenfüße, einen langen, dicken Schlangenschwanz und einen ungeheuern Rachen, aus welchem Feuerflammen strömten. In den Ritterzeiten spielte dieser Drache eine Hauptrolle; er gehörte zu den Ungeheuern, welche die bepanzerten Romanhelden zu besiegen hatten. Diese Sagen wurden wahrscheinlich durch mangelhafte Nachrichten vom Nilkrokodill, welche durch die Kreuzzüge nach Europa kamen, und übertriebene Beschreibungen unserer größten inländischen Schlangen veranlaßt …


Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände
(Conversations-Lexikon)
Siebente Originalauflage
(Zweiter durchgesehener Abdruck)
Dritter Band
D bis E.
Leipzig: F.A. Brockhaus, 1830

Sonntag, 11. September 2011

Apis und der Drache zu Babel

Bildquelle: Wikipedia
(Pergamon-Museum, Berlin)

Gott Apis und der Drachengott zu Babel
Beklagten ihr Geschick, das in der Unterwelt
Mit allen Bestien der Götterfabel
Zum großen Troß der Schatten sie gesellt,

„Mein Reich war leider kurz; es warf,“ so sprach der Drache,
„Mir täglich einen Zoll von fetten Opfern ab,
Als ein verwünschter Jud, ein Atheist, aus Rache
In Butterklösen mir vergab.“

„Mit mir,“ versetzt der Stier, „trotz aller Weihrauchsnebel,
Die mich umgaben, trieb ein Wütherich,
Cambyses, gleichs Spiel; sein mordgewohnter Säbel
Entgötterte mit Einem Hiebe mich.“

„Wir müssen hart für unsern Schwindel büßen,“
Sprach jener. „Freund, wo dachten wir nur hin,
Daß wir zu Göttern uns erheben ließen?
Der Einfall war doch wohl zu kühn.“


„Herr Bruder,“ sprach der Stier zum Drachen,
„Die Kühnheit wird mich nie gereun.
Wenn Priester ungescheut aus Menschen Ochsen machen,
So dürfen Ochsen Götter seyn.“

Gottlieb Konrad Pfeffel

Elidar - Magierin der Drachen



Die deutsche Fantasyautorin Susanne Gerdom hat sich in ihrem neuesten Roman der Drachen angenommen. Die junge Elidar, noch in der magischen Ausbildung, muss sich auf die Suche nach ihrer wahren Herkunft machten - und die ist mit dem Schicksal der Drachen verbunden.

Eine Buchbesprechung zu einem weiteren neuen Roman Susanne Gerdom's findet sich hier.

Mittwoch, 3. August 2011

Der Fuchs und der Drache


Ein Fuchs wühlte, indem er sich seine Grube aushöhlte, etwas tiefer; suchte aber noch mehrere und tiefere Minen, und kam denn endlich bis auf die unterste Höhle eines Drachen, der einen geheimen Schatz bewachte. »Vor allen Dingen,« sagte der Fuchs, so wie er den Drachen erblicke, »verzeihe meine Unvorsichtigkeit! Aber sodann sage mir auch, denn du siehst es leicht ein, wie schlecht sich das Geld zu meiner Lebensart reimt, was du mit dieser Mühwaltung gewinnst; und was dich dafür entschädigt, daß du des Schlummers entbehrst, und beständig in der Finsterniß lebst?«
»Nichts,« antwortete der Drache. »Jupiter übertrug mir’s.«
»Du nimmst also nichts für dich, und gibst auch niemanden etwas?«
»So ist es der Wille des Schicksals!«
»Werde nicht ungehalten über mein offenherziges Geständniß: die Götter haßten ihn von seiner Geburt an, der so lebt, wie du.«

Fabulae Aesopiae
Phädrus in deutschen Reimen
von Xaver Weinzierl
Wien und Triest, 1817

Samstag, 5. Februar 2011

Treffende Antwort


Shizhao (Bildquelle: Wikipedia)


Der chinesische Gesandte in Washington, Exzellenz Wu Ting Fang, nahm kürzlich an einem Festessen teil. Seine Tischdame erkundigte sich danach, weshalb die Chinesen den Drachen überall abbilden.

„Sie wissen doch, daß es ein derartiges Geschöpf nicht gibt?“ fragte sie. „Oder haben Sie je einen Drachen gesehen?“
„Meine Gnädige,“ antwortete der Diplomat, „warum bildet man denn in Ihrem Lande die Göttin der Freiheit auf Ihren Münzen ab? Sie wissen doch, daß es ein solches Geschöpf nicht gibt? Oder haben Sie jemals die Freiheit gesehen?“


M.P.
Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens
Jahrgang 1909, 3. Band, S. 240

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Der Drache und die Iltis


Bildquelle: Wikipedia

Ein Drache brüstete sich hoch wegen des kostbaren Edelsteins, den die Natur – wie das Gerücht, zumal in der Fabel, geht – ihm ins Haupt gelegt habe.

Fürwahr ein sehr unzeitiger Stolz! Straft’ ihn die Iltis: was hilft dir ein Reichthum, der niemals dir, sondern erst nach deinem Tode einem andern Nutzen bringt, und der obendrein Ursache ist, daß tausend Feinde dir Strick und Netze legen?

Ein Antwort, die man den Bewahrern der Geldkästen zurufen könte!

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783

Donnerstag, 10. September 2009

Die 65. Fabel: Der Bauer, der Drache und der Fuchs


Ein Bauer hörte einsmals auf seinem Wege ein klägliches Geschrey, als wenn jemand in äussersten Noth wäre. Er erschrack darüber, und kehrte sich anch der Gegend, wo der Schall herkam. Dieser ort war eine Höhle, welche mit einem Steine zugemacht war. Da er nun diese Höhle erreichet hatte, so hörte er folgende Worte ganzd eutlich: Ach! ist denn niemand vorahnden, der sich über einen elenden Gefangenen erbarmen will, den man unschuldiger Weise in dieses Gefängniß eingechlossen hat, in welchem ich umkommenmuß! Diese Worte wurden so oft und mit einer so kläglichen Stimme wiederhohlet, daß der Bauer zum Mitleiden bewogen ward, und sich vorsetzte, den Gefangenen zu retten. Dieses geschah dadurch, daßer den Stein, welcher vor dem Eingange der Höhle lag, auf die Seite wälzte. Aber, statt eines gefangenen Menschens, sah er mit grossem Schrecken einen grossen und hässlichen Drachen herauskommen, welcher seinen Rachen sofort weit aufsperrte, um den Bauern zu verschlingen, und dadurch seinen Hunger zu stillen, den er etliche Tage ausgestanden hatte. Der Bauer fiel auf die Knie, und stellte dem Drachen mit beweglichen Worten vor, wie unbillig er solchergestalt mit ihm verführe, da er ihm doch das Leben gerettet hätte; und ob das die Dankbarkeit sey, die er seinem Erretter schuldig wäre? Der Drache schüttelte den Kopf und sagte: Was Dankbarkeit? diese Tugend findet unter euch Menschen keine Statt. Der Bauer sagte: Er thäte denen Menschen mit diesem Vorwurfe unrecht. Und da sich eben ein altes Pferd sehen ließ: so bat der Bauer, man mögte es in dieser Sache urtheilen lassen. Der Drache war es zufrieden. Aber da die Sache von denen Partheyen mit grosser Wohlredenheit vollständig war vorgetragen worden: so fiel der Richter dem Drachen bey, indem er durch sein Beyspiel erwies, daß keine Dankbarkeit bey denen Menschen zu finden wäre. Er gieng seinen ganzen Lebenslauf durch, erzählte, was für Dienste er seinem Herrn gethan hatte, der ihn nun in seinem Alter durch Hunger umkommen liesse. Der Drache bedankte sich für das gute Urtheil, und öffnete seinen Schlund, den Bauer zu verschlingen. Der Bauer bat aufs neue um sein Leben, indem er vorgab, das Pferd wäre ein partheyischer Richter, und weil er eben einen alten magern Hund erblickte, so appellirte der Bauer an diesen. Der Drache sagte darauf: Wohlan, ich will dir das Maas vollmessen. Die Sache ward also vor dem neuen Richter abgehandelt, welcher aber die Undankbarkeit seines Herrn mit der schwärzesten Farbe abmalete, und darauf den Ausspruch des Pferdes bestätigte. Diese beyden Urtheile stürtzen den Bauer in die äusserste Verzweiflung. Und er würde stracks seyn aufgeopfert worden, wenn sich nicht ein Fuchs eingefunden hätte. Dieser verwunderte sich sehr, einen Drachen und einen Bauer in Gesellschaft anzutreffen, und er fragte nach der Ursache. Der Bauer erzählte darauf dem Fuchs, was ihm begegnet wäre, und bat den Drachen zu erlauben, daß der Fuchs mögte Richter zwischen ihnen beyden seyn, und er setzte hinzu: er wollte alsdann nicht mehr um sein Leben bitten, wenn der Fuchs mit der Meynung der vorigen Richter übereinstimmte. Der Drache wollte dieses lange nicht eingehen, zuletzt aber bequemte er sich doch dazu, weil er glaubte, er wäre eines günstigen Urtheils gewiß genung. Nachdem nun der Fuchs zum Richter, doch ohne weiteres Appelliren, war angenommen worden, zog er zuerst den Bauer auf die Seite, und fragte ihn, was für Belohnung er haben sollte, wenn er ihn retten würde? Der Bauer versprach ihm einen freyen Eingang in seinen Hof, nebst dem Ober- und Untergerichte über seine alten und jungen Hühner, Enten, Gänse u.d.g. Da der Bauer dieses Gelübde mit einem Eid versiegelt hatte, begab sich der Fuchs zum Drachen, und sagte zu ihm: Er zweifelte nun an der Richtigkeit der Sache nicht mehr, aber es wäre nöthig, daß man, bevor er ein gegründetes und gesetzmäßiges Urtheil spräche, sich zurück verfügte, um die Höhe in Augenschein zu nehmen. Sie verfügten sich darauf alle drey zurück, und da sie an die Höhle gekommen waren, sagte der Fuchs: Der Bericht, der mir von dieser Sache ist ertheilet worden, kommt mir ganz unglaublich vor; denn ich kann nicht begreifen, daß in dieser Höhle Raum für einen so grossen Drachen wäre. Ich will dir zeigen, sagte der Drache, daß der Raum für mich groß genung ist. Er kroch darauf in die Höhle, um den ungläubigen Richter zu überzeugen. Allein, kaum war er darinnen, so gab der Fuchs dem Bauer ein Zeichen, damit er den Stein wieder vor die Höhle wälzte. Dieses geschah, und der Drache fieng an, sich wieder eben so jämmerlich anzustellen, wie zuvor; aber vergebens. Der Bauer verließ nunmehr den Fuchs nach abgelegter Danksagung und Erneuerung seines Gelübdes. Aber, da er zu Hause war, und dieses schädliche Gelübde überlegte, beschloß er, solchem keinesweges nachzukommen, und, nachdem er in diesem Vorsatze von seiner Frau war bestärket worden, so bewaffnete er sich gegen die Ankunft des Fuches, und empfieng seinen Wohlthäter solchergestalt, daß er kaum mit dem Leben davon kam. Der Fuchs sagte darauf: Niemals kann ein Richter schlechter besoldet werden. Keine Geschichte kann die Undankbarkeit der Menschen stärker als diese beweisen; denn daß der Drache Recht hat, dieses können mein Rücken und meine Glieder bezeugen.

Diese Fabel lehret, daß die Wohlthaten gemeiniglich entweder vergessen oder schlecht belohnet werden.

Ludvig Holberg

Dienstag, 20. Januar 2009

Der Drache

In China lag das Volk vor einem ehrnen Drachen.
Ein Weiser sahs. Vergieb, sprach er, den Selbstbetrug,
O Gott! Es ist für dich der Ehre schon genug,
Daß sie dich nicht zum Menschen machen.

Gottlieb Konrad Pfeffel

Dienstag, 30. Dezember 2008

Lindwurm


Lindwurm, eine Art Drache …, ein Fabelthier von abenteuerlicher Gestalt, hauptsächlich mit einem Schlangenleib, weßhalb sein unsterbliches Leben in der deutschen Sage des Mittelalters fortlebt. In Stamm- und Schildsagen vieler adeliger Geschlechter spielt der Lindwurm eine Rolle, und wird zum Gedächtniß an Heldenthaten in den Wappen fortgeführt. Am bekanntesten ist die Legende von dem Ritter St. Georg …, welcher einen Lindwurm tödtete und die Jungfrau erlöste, die dieser gefangen hielt. Die deutsche Heldensage bietet ähnliche Stoffe in Menge dar; auch Mähren hat mehrere dieser Art, und örtliche kommen in Deutschland sehr viele vor. In mancher alten Kirche, auf manchem Rathause zeigt man noch Drachen- und Lindwurmhäute ausgestopft, als Wahrzeichen früherer Tapferkeit. Große Schlangen gaben jedenfalls die Veranlassung zu der so weit verbreiteten Fabel. Die Benennung des Fabelthiers wird nicht von unserm deutschen Wort Linde, sondern von dem schwedischen linda hergeleitet, was winden, umwickeln, umringeln, nach Schlangenart bezeichnet.

Damen Conversations Lexikon,
Band 6. [o.O.] 1836, S. 372-373.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Drachenblut


Sanguis Draconis

teutsch, Drachenblut

Ist ein zusammen geronnener, trockner, gummihaftiger Saft, der sich gar leicht zerreiben lässet, und so roth, als wie Blut aussiehet. Er rinnet aus den Rissen, welche in einen grossen indianischen Baum, beym Clusio Draco arbor, teutsch, Drachenbaum genannt, gemachet worden. Der ist so hoch wie eine Fichte, dick und mit vielen Zweigen besetzet. Sein Holtz ist sehr harte, und mit einer nicht gar dicken, zarten Schale überzogen. Seine Blätter sind groß, schier so formiret wie das Schwerdtlilienkraut, und so gestalt und lang wie eine Degenklinge, etwan eines halben Schuhes breit, spitzig, und beständig grüne. Seine Früchte wachsen Träubleinweise, sind so dicke als wie kleine Kirschen, rund und im Anfang gelb, hernachmahls roth, und endlich, wann sie zeitig, gar schön blau, und etwas sauer von Geschmacke. Nicolaus Monardes, Renodæus, und viele andere mit ihnen, haben geschrieben, wann man der Frucht die Haut abzöge, so erschiene drunter die Gestalt eines Drachen, so wie denselbigen die Mahler abzumahlen pflegen, mit aufgesperrten oder offenen Rachen, einem etwas langen Halse, der Rückgrad mit Stacheln besetzet, mit einem langen Schwantze, und die Füsse mit Klauen wol bewaffnet. Ihrem Vorgeben nach, so hat der Baum den Namen von dieser Figur erhalten. Ich aber halte es für eine Fabel, dieweil es mir keine einzige reisende Person gewiß versichern wollen. …

Lemery, Nicholas:
Vollständiges Materialien-Lexicon.
Leipzig, 1721., Sp. 997-998

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Python

Python (Mythol.), ein berühmtes Ungeheuer, welches in Gestalt eines Drachen nach der großen Wasserfluth des Dencalion aus dem zurückgebliebenen Schlamme entstand, seinen Aufenthalt auf dem Parnasse hatte, und den Menschen als Orakel gedient haben soll. Da dieser Drache wußte, daß er von dem Sohne der Latona umgebracht werden würde, so verfolgte er diese während ihrer Schwangerschaft sehr heftig: Sie kam demungeachtet glücklich nieder, und ihr Sohn Apollo erlegte schon am vierten Tage seiner Geburt den Drachen mit seinen Pfeilen, warf die Gebeine desselben in den Abgrund des Orakels und bemächtigte sich des Orakels selbst; daher erhielt er den Beinamen Pythius. Vielleicht wollte man mit dieser Fabel auf die Kraft hindeuten, mit welcher die Sonne (Apollo) nach einer außerordentlichen Ueberschwemmung die aus dem Schlamme entstandenen höchst schädlichen Dünste besiegte und zerstreute.

Brockhaus Conversations-Lexikon
Bd. 8. Leipzig 1811, S. 303.

Sonntag, 16. November 2008

Schlangen und Drachen


Große Schlangen wurden bei den Alten auch Drachen genannt. Aber wer dabei an geflügelte und feuerspeiende Untiere denkt, oder an sogenannte Basilisken, der denkt an eine Fabel. Und es ist nur so viel an der Sache, daß es in fremden Weltteilen auf den Bäumen Eidechsen gibt, die durch sogenannte Flughäute auf dem Rücken und am Hals, oder an den Seiten zwischen den vordern und hintern Beinen sich in der Luft schwebend erhalten und weite Sprünge machen können.

Johann Peter Hebel
Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds

Samstag, 2. August 2008

Der Drache mit mehreren Köpfen und der Drache mit mehreren Schwänzen

Einst zog, wie ein Histörchen uns berichtet
(Und ist's nicht wahr, so ist's doch gut erdichtet),
Des Sultans Abgesandter, der beim Kaiser war,
Des Sultans Macht der kaiserlichen vor.
Die Worte trafen eines Deutschen Ohr,
Der fand des Türken Meinung anfechtbar.
Er sagte: »Unser Herrscher hat Vasallen,
Die reich und mächtig sind wie er;
Jeder von ihnen könnte nach Gefallen

Besolden ein gewaltig Heer.«

Des Sultans Untertan, ein kluger Mann,
Entgegnete: »Gewiß, wohl hörte ich,
Daß jeder Kurfürst Truppen rüsten kann.
An einen Traum gemahnte dieses mich.
Ich war an sicherm Ort, als jenseits hoher Hecken
Die hundert Köpfe einer Hydra drohten.
Mich überfiel ein kalter Schrecken,
Ich zählte mich schon zu den Toten,
Doch kam ich mit dem Schrecken fort;
Der Drache konnte keine Öffnung finden,
Um durch die hohe Hecke dort
Die vielen Köpfe glatt hindurchzuwinden.

Noch sann ich nach dem Abenteuer,
Da zeigte sich am selben Ort
Ein andres Ungeheuer;
Das hatte nur ein einzig Haupt,
Doch mehr als einen Schwanz am Leibe.
Entsetzlich kam es angeschnaubt –
Unmöglich, daß ich's Euch beschreibe.
Der Kopf schlüpft mühlos durch mit Brust und Bauch,
Und hinterher die Schwänze alle auch;
Nichts hindert sie, leicht ist's vollbracht,
Da eins dem andern Platz gemacht.
Und seht – dies ist der Sache Kern –
So steht's mit Eurem, so mit unserm Herrn.«

La Fontaine (Quelle: zeno.org)

siehe auch: Fabeltiere


Samstag, 28. Juni 2008

Die Laster und die Strafe

Die Kinder des verworfnen Drachen,
Die Laster, reisten über Land,
Um anderswo sich was zu machen,
Weil sich zu Hause Mangel fand.

Das Gras erstarb, wo sie gegangen,
Der Wald ward kahl, die Felder wild,
Die Straße war mit Molch und Schlangen,
Die Luft mit Eulen angefüllt.

Jetzt sahn sie ungefähr zurücke,
Es folgte jemand nach, und wer?
Die Strafe hinkte mit der Krücke
Ganz langsam hinter ihnen her.

Du holst uns diesmal, rief der Haufen,
Gewiß nicht ein: doch diese sprach:
»Fahrt ihr nur immer fort zu laufen,
Ich komm’ oft spät, doch richtig nach.«

Magnus Gottfried Lichtwer

Mittwoch, 25. Juni 2008

Fabeltiere



Tiere, die nicht in der Realität sondern in Religion, Mythos und Dichtung vorkommen, nennt man Fabelwesen. Bekanntestes Fabeltier, über viele Völker verbreitet, ist der Drache, der als großes, schlangen- oder echsenartiges, oft geflügeltes Wesen dargestellt wird, das Feuer speien kann und Schätze bewacht. Darstellungen finden sich bereits in der Kunst des Alten Orients. In China gilt der Drache auch als Symbol des Wächters. Das Einhorn ist ein Fabeltier aus dem Mittelalter (weißes Pferd mit Horn), das seine Symbolik hauptsächlich aus dem Christentum entnimmt. Der Phönix ist ein Vogel, der sich selbst verbrennt und aus der Asche neu aufsteigt. Er wurde bereits im alten Ägypten verehrt.
Eine Reihe von Mischwesen sind den Fabeltieren ebenfalls noch zuzuordnen: der Basilisk (Drache & Hahn), Pegasus (Pferd & Mensch) und Greif (Löwe & Vogel).
Fabeltiere sind heute keineswegs ausgestorben. Sie bevölkern die Literaturgattung »Fantasy« so reichlich, wie zuvor die Mythologien der verschiedenen Völkern. In Fabeln selbst kommen sie allerdings nur höchst selten vor.
Horst-Dieter Radke