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Freitag, 1. Mai 2015

Der Wanderer und das Irrlicht

Ein Wanderer sah des Nachts auf seinem Wege ohnweit von sich ein Irrlicht; ging ihm gradezu nach; kam vom rechten Pfade ab, und versank bis über die Knöchel in einem tiefen Sumpfe.
Ha, verwünschtes, vermaledeites Trugbild, rief er aus: warum mußtest du mich hierher führen?”
“Ich dich geführt? erwiderte das Irrlicht. Um Verzeihung, ich verdiene diesen Vorwurf nicht. Du gingst mir ia freiwillig nach. Niemand, als du selbst, gab dir den Rath, mir zu folgen.”

Gern schiebt der Mensch im Unfalle die Schuld auf einen andern. Aber er prüfe sich genauer, und er wird größtentheils finden, daß er selbst davon die Quelle sey.

A.G. Meißner
Fabeln in VIII Büchern
Berling 1807

Mittwoch, 15. April 2015

Der sterbende Pfau


Ein sterbender Pfau vermachte wenige Augenblicke vor dem Tode seinen schönen Schweif dankbar dem Hausherrn, der ihn ernährt hatte.
Seine Kinder beschwerten sich darüber, weil nun das vorzüglichste Stück ihrer Erbschaft verloren gehe.
“O, rief der Vater ihnen zu: ihr seid nicht meine Söhne, wenn ihr nicht, auch unbeschenkt einst ähnliche Schweife tragte.”

Söhne berühmter oder verdienstvoller Männer, ihr müßt Ruhm und Verdienst euch selbst erwerben, wenn ihr eurer Väter würdig seyn wollt!

A.G. Meißners 
Fabeln in VIII Büchern
Neue, vom Verfasser selbst besorgte Ausgabe, Theil I.
Mit 100 Holzschnitten von Gubiz.
Berlin, in der fröhlich’schen Buchhandlung 1807

Dienstag, 21. August 2012

Der Weinstok und die andern Bäume


Zwei Fabeln

I.

„Dies elende Gestrippe unsre Nachbarschaft“? riefen einige Fruchtbäume, als dicht bei ihnen ein Weinstok eingesenkt ward. „Unfähig sich durch sich selbst empor zu halten, unfähig seinem Pflanzer den kleinsten Schutz gegen Sonnenstrahl und Hitze zu ertheilen, unfähig selbst dem geringsten Vogel zum Neste zu dienen – was soll er hier? Welche Frucht vermag er zu bringen?“
„Eine, die ihr nie vermögt! die an Feuer und Milde die eurigen alle beschämt! Wartet nur, ihr unseligen Schwätzer, bis zum nächsten Herbst; und die Götterfrucht der Traube wird euch alle mit Neid erfüllen.“
So strafte der Gärtner die murrenden Bäume, und seine Prophezeihung ward buchstäblich erfüllt.
Auf gleiche Art spottete oft die feine Weltgesellschaft des unscheinbaren R **, dessen Muse sie bald alle beschämte.

II.

Allein, so vortrefflich auch die Trauben des Weinstoks prangten, so beging doch dieser den gleichen unverzeihlichen Fehler, sich dessen zu überheben. Nicht genug, daß er stets und so laut als möglich der beschämten Bäume spottete; nicht genug, daß er immer den Vorfall mit dem Gärtner erzählte; er verlangte von diesem letztern auch, daß er alle die übrigen Bäume ausrotten, und den ganzen Raum mit Rebenstökken bepflanzen sollte.
„Vergiß nicht, erwiderte dieser, daß dein vorzüglicher Werth deshalb nicht jedes andern Verdienst ausschließt! Vergiß nicht, daß du doch nur vorzüglich zum Vergnügen und zum Trank an Festtagen, dieser ihre Früchte hingegen zum Nutzen und zur alltäglichen Kost erschaffen sind“
Des guten Dichters Kopf ist allerdings der ersten Köpfe einer. Doch daß es noch manche, ihm an Nutzbarkeit gleiche giebt, das wird er nicht läugnen, wenn er billig denkt.

Meißner

Donnerstag, 9. August 2012

Der Palmbaum und der Luchs

Ein schön gefleckter Luchs legte sich, ermüdet von seiner Jagd unter einem etwas krumgewachsenen Palmbaum nieder, um in dessen Schatten der Ruhe zu genießen.
»Weg von mir, du Blutiger! rief der Baum ihm zu: Ich will meinen Schatten nicht durch einen solchen Grausamen entheiligt wissen.«
»Und solltest dir doch vielmehr Glück wünschen, hohnlachte der Luchs, daß ein Thier dich Krüppel mit seiner Gegenwart beehrt.«
»Mir Glück wünschen? Ha, wärest du so häßlich wie der Igel, du solltest mir willkommen seyn.«
*
Aber Schönheit bey boßhaftem Herzen ist jedem Redlichen ein zwiefacher Gräuel.

August Gottlieb Meissner
Wien, 1813

Samstag, 6. August 2011

Die Luft und der Erdboden


Die Luft rühmte sich gegen die Erde, wegen ihres höhern Platzes und wegen ihrer thätigen Geschwindigkeit, da diese hingegen in steter Trägheit unbeweglich ruhe. *)

»Nicht iede Geschwindigkeit, antwortete diese, ist thätig; und nicht iede Unbeweglichkeit träge. Ich bringe Kräuter, Thiere, Menschen, Metalle, Steine, Wälder hervor; Du erhabnes, immer unruhiges Element, was hast du mir entgegen zu setzen? Ungewitter, Sturmwind, und – was ich nur zu sehr beseufze! - Erdbeben.

Friedlicher Fürst und du Ländereroberer – doch der Moralist darf wohl da die Worte sparen, wo die Sache sich von selbst ergiebt.

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783

Samstag, 9. Juli 2011

Der Kraken und der Schiffer


Ein Kraken hob sich allmählig aus dem Meer empor. Ein Schiffer, der in die Nähe kam, hielt ihn für festes Erdreich und landete auf solchem. Wie erschrack er, als plötzlich dieser Boden unter ihm entwich, und er sich mühsam durch Schwimmen auf sein Schiffgen rettete.

Kaum war er geborgen, als er sah, was ihn bethört hatte; und eine Fluth von Flüchen gegen den betrüglichen Fisch ausstieß.

»Du fluchst mir würklich sehr zur Unzeit«, antwortete dieser; »da du mir danken soltest. Ein Mann, der in ein so unsichres Element auf schwachen Brete sich wagt, solte nie dem blosen Scheine trauen; oder thut er’s einmal, so sey er froh, wenn er mit durchnäßten Kleidern und einem kleinen Schrecken davon kömt, weil er dadurch vielleicht sich Klugheit für die Zukunft holt.«

Würklich giebt es gewisse kleine Betrüger, denen man sich noch obendrein verbunden zu seyn achten sollte, weil sie uns durch nicht allzuschädliche Erfahrung iene Klugheit lehren, die man nie aus der Theorie allein erlernt.

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783
Holzmanns Veröffentlichung stammt aus dem Jahre 1571

Freitag, 10. Juni 2011

Der Kiesel und das Saamenkorn


Neben einem Kiesel lag tief in der Erde ein Waitzenkorn, und schien schon gänzlich vernichtet zu seyn, als ein schöner Keim und bald darauf ein noch schönrer Halm aus ihm aufschoßte. »Wie ist das möglich? rief der Kiesel verwundrungsvoll: Du in meinen Gedanken schon ganz Verwester, lebst mit neuer Jugendkraft wieder auf? Ich hingegen, bin ich einmal zerknirscht, hab’ alsdann auch meine Kräfte verloren für immer!

der gewöhnliche Unterschied der störrischen und saftmüthigen Geschöpfe, versetzte das Saamenkorn. Jenes widersteht länger einer Gefährlichkeit: aber unterliegt es ihr einmal; so unterliegt’s auf ewig. Der Sanftmüthige dauert gelassen die Stunde der Prüfung aus, und tritt, wenn sie vorüber oft mit verstärktem Glanz hervor.

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783

Donnerstag, 25. November 2010

Das Licht und die Laterne


Ein Licht, das über die Straße in einer Laterne getragen ward, beschwerte sich: daß diese letztere einen großen Theil seines Glanzes verdunkle.

Das ist wohl möglich; antwortete dieselbe: und gleichwohl bist du mir Dank schuldig; denn ich schüzze dich vor den Anfällen der freien Luft und des Windzuges. Ich allein erhalte dein Dasein gegen mancherlei Gefahren.

Ertrage daher immer geduldig eine kleine Ungemächlichkeit, des weit größern Vortheils willen!

A.G. Meißners
Fabeln in VIII Büchern
Neue, vom Verfasser selbst besorgte Ausgabe
Theil I. 1s bis 4s Buch
Berlin, in der Fröhlich’schen Buchhandlung 1807

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Der Drache und die Iltis


Bildquelle: Wikipedia

Ein Drache brüstete sich hoch wegen des kostbaren Edelsteins, den die Natur – wie das Gerücht, zumal in der Fabel, geht – ihm ins Haupt gelegt habe.

Fürwahr ein sehr unzeitiger Stolz! Straft’ ihn die Iltis: was hilft dir ein Reichthum, der niemals dir, sondern erst nach deinem Tode einem andern Nutzen bringt, und der obendrein Ursache ist, daß tausend Feinde dir Strick und Netze legen?

Ein Antwort, die man den Bewahrern der Geldkästen zurufen könte!

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783

Donnerstag, 23. September 2010

Der Wassertropfen



Ein Tropfen Wasser fiel aus einer Wolke herab ins Welt-Meer
»Ach, rief er aus, was bin ich hier unter dieser zahllosen, unübersehlichen Menge? Ein Nichts; ja, fast noch weniger als Nichts.«
Eine Muschel hörte diese Worte; that sich auf, und verschlang den bescheidenen Tropfen. In ihr ward er zu einer unschäzbaren Perle, und prangte iezt in der Krone des persischen Monarchen, schöner als alle übrigen Juwelen des Morgenlandes.

Denienigen, der seine Niedrigkeit fühlt und gesteht, pflegt das Schicksal oft hoch zu erhöhen.

A. G. Meißner (1753 - 1807)
aus: Fabeln, Berlin 1807

Freitag, 11. Juni 2010

Die Wolke und die Erde


Eine Wolke, die so eben erst aus der Erde empor gestiegen war, und sich gesammlet hatte, überhob sich ihrer Höhe und ihres Glanzes. Aber ihr antwortete lächelnd ihre Mutter: »Du bist ausgegangen von mir, und wirst hoffentlich bald wieder zu mir zurückkehren. Steige so hoch, wie du willst, du wirst Ungewitter, Sturm und Wind nicht entgehn; und sie alle, ja schon allzustarker Sonnenschein selbst, werden dich, als Regen, bald von deiner lüftigen Höhe stürzen.

Großen dieser Welt, und ihr Beherrscher der Erde, es hat keine Noth, so sehr ihr glänzt und braußt, ihr werdet doch wieder Erde werden.

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783

Samstag, 1. Mai 2010

Der Rabe und das Einhorn

from Collin de Plancy's Dictionnaire Infernal, 1863
Quelle: Wikipedia



Ein Rabe saß auf einem Felsen. Ihn sah das Einhorn da sitzen, und sprach: jetzt soll ein Beweis meiner Stärke dich staunend machen; denn ich will dir zeigen, wie ich Berg’ umstoße.

Kaum gesagt, lief es gegen den Felsen mit aller Gewalt; Aber statt, daß er wankte, zerschellerte an ihm das Horn, und das stolze Thier fiel für Schmerzen nieder.

Armes Einhorn! rief der Rabe, den Beweis deiner Stärke bleibst du mir schuldig; aber den Beweis deiner Dummheit und die Wahrheit des Satzes: daß Hochmuth alle Dinge zerstöre, gabst du mir ungebeten.

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783

Dienstag, 27. Oktober 2009

Der Kiesel und das Samenkorn


Neben einem Kiesel lag tief in der Erde ein Weizenkorn, und schien schon gänzlich vernichtet zu seyn, als ein schöner Keim und bald darauf ein noch schönerer Halm aus ihm aufschoßte. »Wie ist das möglich?« rief der Kiesel verwunderungsvoll: »Du in meinen Gedanken schon ganz Verwester, lebst mit neuer Jugendkraft wieder auf? Ich hingegen, bin ich einmal zerknirscht, habe alsdann auch meine Kräfte verloren für immer!«

Der gewöhnliche Unterschied der störrischen und sanftmüthigen Geschöpfe, versetzte das Samenkorn. Jenes widersteht länger einer Gefährlichkeit: aber unterliegt es ihr ein Mahl; so unterliegt es auf ewig. Der Sanftmüthige dauert gelassen die Stunde der Prüfung aus, und tritt, wen sie vorüber, oft mit verstärktem Glanze hervor.

August Gottlieb Meißner
Fabeln, 1813

Dienstag, 18. August 2009

Die Maus und die Schnecke


»Da dank’ ich schön für die Ehre, mein eigenes Haus herumschleppen und durch dessen Schwere so schleichen zu müssen!« - rief eine Maus der Schnecke zu: »Sieh mal, wie schnell ich in einer einzigen Minute, den Raum überfliege, zu dessen Durchkriechung du ganzer Tage bedarfst.«

»Es ist wahr, liebe Maus,« gab jene zur Antwort, »du bist schnell. Aber Schade nur, daß diese Schnelligkeit die Natur dir nicht ausschlußweise, sondern auch deiner Todfeindin, der Katze mitheilte. Wenn du oft ängstlich vor ihr von Winkel zu Winkel fliehst, und dich überall nach einem Schlupfloch umschaust! nicht wahr, dann wünschest du dir auch ein eigenes Haus? Dann würdest du gern ein kleine Unbequemlichkeit, des größern Nutzens halber, ertragen?«

Fabeln nach
Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G.Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schwieder
1783

Mittwoch, 18. Juni 2008

Die beiden Krebse



»Geh doch nicht so krumm, sondern in gerader Linie!« rief ein älterer Krebs einem jüngeren zu.
»Von Herzen gern«, erwiderte dieser, »nur bitte ich, mir voranzugehen!«

Tadle an niemandem einen Fehler, den du selbst besitzt!
A.G.Meißner