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Donnerstag, 23. März 2017

Die Ratten und ihr Töchterlein

Eine Fabel aus Japan

Einst lebte in der Nähe eines einsamen Gehöftes, das von Reisfeldern umgeben war, ein Rattenpaar, sehr geachtet von seines gleichen und in bestem Wohlstand. Diesen Ratten wurde unter vielen anderen Kindern einmal eine Tochter geboren, so niedlich und mit so glänzendem, grauem Felle versehen, mit so nett emporstehenden breiten Oehrchen und so leuchtenden Aeuglein, daß sie ganz außerordentlich stolz auf dies Töchterlein wurden und Tag aus, Tag ein nur daran dachten, wie sie ihm eine recht glänzende Zukunft bereiten sollten. Und als die kleine Ratte heranwuchs, da kamen ihre Eltern immer mehr darin überein, daß nur das mächtigste Wesen der ganzen Welt ihr Gemahl werden solle.

Als sie diese Angelegenheit einstmals mit einem Nachbar besprachen, sagte dieser: »Wenn ihr eure Tochter nur dem Mächtigsten zur Frau geben wollt, so müßt ihr die Sonne zu eurem Schwiegersohne ausersehen, denn ohne alle Frage ist der Sonne Niemand an Macht gleich.«

Das leuchtete dem Rattenpaare ein, und ohne Zögern machten sie sich auf den Weg zur Sonne und brachten ihr Anliegen vor, sie möchte ihr Töchterlein heiraten. Die Sonne aber erwiderte: »Zwar bin ich euch sehr verbunden, daß ihr euch so weit herbemüht habt und die freundliche Absicht hegt, mir eure vielgeliebte Tochter zur Frau zu geben; aber bitte, sagt mir, was für einen Grund habt ihr dafür, daß ihr gerade mich zum Schwiegersohne ausersehen habt?« Die Ratten sagten: »Wir möchten unsere Tochter gern dem mächtigsten Wesen der Welt zur Frau geben, und das bist ohne allen Widerstreit eben du. Darum haben wir dich zum Schwiegersohne erwählt.« Da sprach die Sonne: »Was ihr da sagt, ist wohl nicht ohne allen Grund, aber es giebt doch etwas, das mächtiger ist als ich. Dem müßtet ihr also euer Töchterchen zur Frau geben.« Die Ratten entgegneten: »Kann denn wirklich etwas mächtiger sein, als du?« Die Sonne aber sprach: »Wenn ich die Welt bescheinen will dann kommt gar oft eine Wolke herangezogen und deckt mich zu, und meine Strahlen vermögen sie nicht zu durchdringen noch zu verscheuchen; ich bin machtlos gegen die Wolke. Da müßtet ihr also zur Wolke gehen und sie zu eurem Schwiegersohne machen.« Das sahen die Ratten ein und gingen zur Wolke.

Als sie dieser ihr Anliegen vorgetragen hatten, da sprach die Wolke: »Ihr irrt, wenn ihr meint, daß ich das mächtigste Wesen bin. Wohl habe ich die Macht, die Sonne zu bedecken, aber ganz ohnmächtig bin ich gegen den Wind, und fängt der zu wehen an, so treibt er mich fort, reißt mich in Stücke und ich vermag nichts gegen ihn.« Da gingen denn die Ratten zum Winde und machten ihm den Vorschlag, ihre Tochter zu heiraten, die sie gern dem mächtigsten Wesen zur Frau geben wollten. Der Wind aber sagte: »Ihr seid im Irrthum; wohl habe ich Kraft, die Wolke zu verjagen, aber machtlos bin ich gegen die Mauer, die man errichtet, um mich zurückzuhalten; ich kann nicht hindurchblasen und ihr nichts anhaben, die Mauer ist viel stärker als ich.« Da zogen die Ratten wieder fort und kamen zur Mauer, der sie in gleicher Weise ihre Bitte vortrugen. Die Mauer jedoch entgegnete: »Wohl wahr, ich habe die Kraft, dem Winde zu widerstehen; aber da ist die Ratte, die untergräbt mich, bohrt sich in mich hinein und macht Löcher durch mich hindurch, ohne daß ich es hindern kann. Ich bin ohnmächtig gegen die Ratte. Viel besser thut ihr also, ihr nehmt die Ratte zu eurem Schwiegersohne, als daß ihr mich wählt!«

Da freuten sich die Ratten und sahen ein, daß die Mauer vollkommen recht hatte. Sie gingen heim und verheirateten ihr liebes Töchterlein an einen stattlichen Rattenjüngling. Und das haben sie nicht bereut, denn ihr Töchterlein lebte mit dem Manne aus ihrem eigenen Geschlecht vergnügt und glücklich und nicht minder zur Freude und Zufriedenheit ihrer Eltern, die so hoch mit ihr hinaus gewollt hatten.

Brauns, David
Japanische Märchen und Sagen
Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885

Dienstag, 9. Juli 2013

Die Freundschafft der Kazen und Ratten

Die Kazen und Ratten lebten sonst in großer Feindschafft, und von beyden Seiten sezte es manchen gefährlichen Tanz. Murner der Alte that endlich Vergleichs-Vorschäge: die Ratten sollten den Kazen den Mäusefang frey lassen, und diese sollten jene nicht auf den Malzböden stören. Sie wurden billig befunden, und durch die Speckmäuse als erbetene Garants feyerlich puliciret. Sultan hörte an einem Riz den Tractaten mit zu: Ist es doch, sprach er und leckte seinen Schnurbart, als wann ich meinen gnädigen Herrn, Zevs tröste ihn! den Cammer-Rath mit seinen Amtleuten wieder reden hörte.

Friedrich Karl von Moser

Sonntag, 5. Dezember 2010

Auf Stippvisite


Foto: Mirjam Radke

Die Sonne strahlt. Der  Ostwind trägt die Rufe des Muezzin  von der Böckmannstraße bis zur Danziger. In den Auslagen der türkischen Gemüsehändler leuchten die satten Farben der Tomaten, Salatgurken, Auberginen, Apfelsinen und Granatäpfel.  Ein Mann in einem wallenden Gewand schleppt zwei tief gefrorene Fleischspieße auf den Schultern in das Restaurant Batman. Die Kehrbesenmaschine der Stadtreinigung fährt Schlangenlinien um die Zweitereiheparker am Straßenrand. Hupkonzert.  Der Autoverkehr staut sich auf dem Steindamm bis zum Phillips Hochhaus.
„Ich glaub wir sind falsch!“
Thadeus steckt seine Nase aus dem Regenwassersiel und schaut sich um. Seine Barthaare zittern. Er quetscht sich durch den Spalt zwischen zwei Stahlverstrebungen und schüttelt den grauen Pelz. Dicht hinter ihm folgt Louisa.
„Hilfe, ich steck fest!“
Thadeus dreht sich zu ihr um und schüttelt den Kopf.
„Meine Güte, atme aus und dann wird’s schon gehen.“
Louisa atmet aus und aus und aus. Endlich!
„Komisch, hört sich an wie in Istanbul, bloß saukalt ist es.“ 
Louisa schaudert. Sie hebt den Kopf und schnüffelt: 
„Und - hier gibt’s irgendwo Islim Kebabi.“
„Hä?“

„Auberginen mit Lammfleisch.“
„Du denkst auch immer nur an das Eine!“
Louisa kichert und setzt vorsichtig eine Pfote vor die andere im Rinnstein der vierspurigen Straße. Ein Hagelkorn. Noch eins. Ganz viele. Thadeus und Louisa ziehen die Köpfe ein.
„Das gibt’s doch gar nicht. Die einzige Wolke da oben läuft Amok. “
Louisa stupst die Hagelkörner mit der Schnauze an. 
„Wie Wassereis. Fehlt nur ein bisschen Zucker, dann wär‘s gar nicht so übel.“
„Hätten wir bloß auf die Kollegen im Seeschiffcontainer gehört. Die haben am Burchardkai nebenan gleich wieder eingecheckt auf dem nächsten Bananendampfer zurück nach Costa Rica. Aber, die verehrte Louisa musste ja unbedingt diese silbernen Rieseneier beschnüffeln.“
Thadeus sieht zum Himmel auf. Von der Wolke fehlt jede Spur. 
„Meine Güte, Thadeus. Das sind die Faultürme der Kläranlage. Du stehst doch sonst so auf Hightech. Hat‘s dir da etwa nicht gefallen?“ 
„Doch schon, aber den kilometerlangen Marsch durch den maroden Untergrund hätten wir uns echt sparen können. Von den ganzen Zivilisationskrankheitsviren krieg ich Depressionen.“
Der fette Mann mit langem Bart, in einen roten Kapuzenmantel gekleidet, stürmt auf die beiden Weltenbummler zu. Er hält einen Stock in der erhobenen Hand. Der Stock fliegt durch die Luft, verfehlt Louise knapp.
„Scheiß Ratten!“
Louisa duckt sich. Ihre  Barthaare stoßen gegen den Rinnstein. So schnell sie kann, läuft sie dicht an den Steinen entlang und verschwindet um die nächste Ecke. Thadeus überholt sie. Louisa nimmt sein Schwanzende zwischen die Zähne und folgt ihm auf dem Fuße. Sie schlüpfen unter einen Pappkarton, der zwischen einer Batterie Papier- und Altglascontainern liegt. Es riecht streng nach Schnaps und Bier. Louisa würgt. Thadeus Stimme überschlägt sich:
„Fuck, was sind die aggressiv hier. Die ticken ja nicht richtig!“
Er setzt sich zu Louisa und schleckt ihr Fell ab. Louise schmiegt sich an Thadeus.
„Jetzt lass uns mal überlegen, wo wir sein könnten. Ich kenne nur ein Land, in dem Müll sklavisch getrennt wird. Wir sind doch richtig, Thadeus. Das ist Deutschland. Passt auch zu den schlechten Manieren.“
Louisa wackelt mit den Ohren. Thadeus lugt unter dem Pappkarton hervor.
„Geschenkt, Louisa. Zurück zum Thema. Wenn ich Mensch wäre, würde ich mich mal dringend drum kümmern, das Kanalisationssystem zu modernisieren. Die ollen Gemäuer stehen ja kurz vor dem Zerfall. Nicht auszudenken, wenn die Soße erst mal das Grundwasser verseucht hat.“
Louisa zieht mit den Zähnen an Thadeus Schwanz.
„Die Menschen sind zu blöd. Sei froh, dass du keiner bist, Thadeus!“
 Eine Böe erfasst die Pappschachtel und wirbelt sie durch die Luft.
„Mist, unser Versteck fliegt weg!“, schimpfen Thadeus und Louisa im Chor.
Im Windschatten der alten Jugendstilhäuser setzten sie ihren Weg fort. Louisa wie immer in Thadeus Schlepptau. Unrat soweit das Auge schauen kann. Na gut, gelogen, Louisa ist so kurzsichtig wie die Kollegen Maulwürfe. Dafür kann sie umso besser riechen: Hundekacke, Kotze, Ochsenschwanzsuppendose, Glühwein, Hackbällchen, Hustenbonsche, Pausenbrot mit Salami, Cornflakes, Pommes rot weiß, Pappbecher mit kaltem Kaffee, schimmeliges Toastbrot.
„Igitt, Menschenpisse!“, sagt Louisa und schnappt nach Luft.
Thadeus macht einen langen Hals und linst in den Kasten, einer architektonischen Missgeburt sondergleichen, der am Rande des schönen Platzes mit dem Brunnen und den alten Laternen überflüssig wie ein Krebsgeschwür ist. Der Mann im roten Kapuzenmantel steht breitbeinig vor einer Pinkelrinne und stopft seinen Penis in den Hosenschlitz.
„Lass uns abhauen, Louisa.“
Mehr sagt Thadeus nicht. Wozu Louisa unnötig aufregen?
„Ich find ja, Pisse riecht so schlecht nicht.“
„Sieh dich vor, Thadeus!“
Louisa beißt ihm in den Allerwertesten.
„Autsch!“
 Ein paar Tauben gurren. Sie zanken sich um ein Käsebrötchen und als die Ratten ihnen zu nahe kommen, nehmen sie Reißaus und flatterten davon.
„Oha, was sind das denn für arme Mädels? Die frieren sich ja tot, so nackig wie die rumlaufen?“, flüstert Thadeus.
Er bleibt wie angewurzelt stehen und Louisa kracht frontal in sein Hinterteil.
„Man, kannst du nicht Bescheid sagen!“
Sie reibt sich die Schnauze und atmet tief ein und langsam wieder aus.
„Fuck!“
Thadeus macht einen großen Bogen um eine Spritze im Gebüsch, an der angetrocknetes Blut klebt.
„Was denn für Mädels?“
Louise nimmt Witterung auf und horcht.
„Keine Ahnung, die stehen hier rum wie Falschgeld und warten auf den Bus oder so.“
Ein schwarzes Auto mit einem silbernen Stern vorne auf der Haube hält am Straßenrand. Die Scheibe der Beifahrertür surrt leise, während sie sich absenkt. Eins der Mädchen in einer verfilzten Wolljacke beugt sich zum Fenster hinunter, nickt und steigt ein. Louisa wackelt mit den Ohren und hält die Nase empor, schnuppert.
„Wenn das hier nicht so zum Himmel stinken würde, tät ich ja nichts Böses denken.“
Reifen quietschen. Eine fette Abgaswolke löst bei Louisa einen Hustenanfall aus. Das dauert, bis Louise wieder aufatmen kann.
„Wozu haben Menschen eigentlich Beine, Thadeus?“
„Weils besser aussieht.“
Louise wälzt sich im Dreck und zappelt mit den Pfoten in der Luft.
„Geil!“
„Ähm, ja … Wozu gibt’s überhaupt Menschen, Louisa?“
„Weil … Weil die so lecker kochen können.“
Zielsicher steuert Louisa auf einen angebissenen Cheeseburger zu, der mitten auf dem Weg herumliegt und knabbert dem angetrockneten Schmelzkäse einen Zickzackrand.
„Lass mal, Louisa, du wirst zu fett.“
Louisa lässt sich nicht stören und futtert für zwei. Thadeus schließt die Augen. Fast Food hat definitiv seine guten Seiten. Der Untergang des Abendlandes steht kurz bevor. Er kennt niemanden, der Menschen vermissen würde und Thadeus ist viel herum gekommen. Wanderratten sind keine Stubenhocker. 
„Kirchenallee und Deutsches Schauspielhaus“, liest Thadeus laut vor, während Louisa sich immer noch die Schnauze abschleckt.
 
„Ah, jetzt weiß ich, wo wir gelandet sind, Thadeus, in Hamburg, dem Tor zur Welt.“
Thadeus schüttelt den Kopf.
„Pah, Tor. Wo denn? Türchen zum Adventskalender von Klein Erna vielleicht. Das käme der Wahrheit näher.“
„Und die Kantine vom Schauspielhaus soll exquisite Extraklasse vom Feinsten sein.“
Sabber hängt Louisa am Schnauzenfell.
„Ich hab keinen Bock auf die Pfeffersäcke. Die sollen hier ne Rattenverordnung haben, ne Rattendatenbank, ne Ratten-Hotline, und Horden von Arbeitslosen werden zu Rattenkillern ausgebildet. Nee, das müssen wir uns nicht antun, Louisa, sonst fallen wir noch mal tot um!“
„Wo du recht hast, hast du recht, Thadeus, klügster und liebster aller meiner Schatzis!“
„Okay, dann mal zackzack ab in den Untergrund in Richtung  Hafen, Louise!“
Der Heilige Georg in Blattgold gehüllt zielt mit dem Schwert auf den Drachen. Ein Paar in extravaganten Lederhosen, die nackten Ärsche schauen daraus hervor wie rote Bäckchen, schlendern unterm Georg durch. Hand in Hand steuern sie auf die Bellini Bar zu. Men only steht quer über der Eingangstür in rosa Lettern. Der Autoverkehr quält sich von der Danziger Straße in Richtung Steindamm und der Wind trägt das Läuten der Glocken mit sich bis zur Böckmannstraße. Die Sonne steht tief im Westen. Lang sind die Schatten, die die Zwillingskirchtürme des Mariendoms auf den Platz vor der Caritas werfen. Brummbärtige Gestalten warten darauf, dass Schwester Hiltrud die Suppenküche öffnet: „Frohe Weihnachten!“

Freitag, 22. Oktober 2010

Der Löwe und die Ratte



Man soll sich möglichst alle Welt verpflichten,

Der Kleinste selbst kann werten Dank verrichten.

Nichts ahnend kroch

Aus ihrem Loch

Vor des Löwen Maul eine Ratte hervor

Und bangte, daß sie ihr Leben verlor.


Der König der Tiere aber bewies

Großmut, indem er sie laufen ließ.

Die Wohltat blieb nicht ohne Lohn.

Wer glaubt wohl, daß von jener Ratte

Der Löwe einen Nutzen hatte?


Und doch geschah's nach wenig Tagen schon,

Als er aus seinen sichern Wäldern ging

Und unversehens sich in einem Netze fing.

Er machte drin – vergeblich – groß Geschrei

Und doch: die Ratte eilt darauf herbei –

Das Maschenwerk zernagen ihre Zähne,

Befreit entkommt der König mit der Mähne.


Viel mehr als Wut und große Kraft

Hat hier Geduld und Zeit geschafft.

Jean de Lafontaine

Mittwoch, 10. Februar 2010

Die Ratte und der Elefant


Der Eigendünkel kommt in Frankreich häufig vor:
Man spielt den einflußreichen Mann
Und ist doch nur ein Bürger, nur ein Tor,

Der seiner Eitelkeit nicht widerstehen kann.

Die Eitelkeit ist auch dem Spanier eigen,
Doch pflegt er sie nicht so zu zeigen;
Sein Dünkel scheint mir närrischer zu sein,

Doch nicht so dumm und nicht so kindisch klein.

Den unsrigen soll euch ein Beispiel geben,

Das ich mit Fleiß gezeichnet nach dem Leben.
Die allerkleinste Ratte sah einmal
Den allergrößten Elefanten gehen,
Und höhnte laut, es wäre ein Skandal,

Den Schneckengang des Riesen anzusehen.
Der Elefant war feierlich geschmückt,

Und lang und breit mit schwerer Last beglückt:
Des Sultans edles Weib
Nebst ihrem liebsten Zeitvertreib,

Dem Hündchen, Äffchen und der Katz,
Der Magd und allem Putz und Tand,

Ja selbst dem Papagei noch auf der Hand,

Fand auf des Tieres breitem Rücken Platz

Zu einer fernen Pilgerreise.

Die Ratte höhnte die demütige Weise,

Mit der das Volk zur Seite wich.

»Es scheint,« rief sie, »man achtet den am meisten,
Der rücksichtslos für sich

Den größten Raum in Anspruch nimmt.

Ist's denn die Masse, die den Wert bestimmt?

Kommt's mehr nicht darauf an, etwas zu leisten?
Den Elefanten fürchtet jedes Kind,
Doch wir, die wir viel kleiner sind,

Wir stehn an Kraftbewußtsein ihm nicht nach!«
Das war es, was die tief empörte Ratte sprach.

Sie hätte wohl noch mehr gesprochen,

Doch eine Katze, die herbeigekrochen,

Bewies der eitlen Kleinen kurzerhand,

Daß eine Ratte schwächer als ein Elefant.

Jean de Lafontaine

Dienstag, 9. Februar 2010

Der Katzentrust

 

»Im Amphitheater der Pariser medizinischen Fakultät« – so steht zu lesen – »ist heute der internationale Rattenkongreß eröffnet worden.« Lisa, unterbrich nicht immer! Was für eine Frage! Natürlich Ratten – nein, doch nicht: keine Ratten. Ärzte waren versammelt. Guck: »Professor Roger wies in seinem einleitenden Vortrag darauf hin, dass Paris allein Tausende von Ratten zähle.« Lisa, jetzt komm ich dir aber gleich auf den Kopf! Was für Ratten! Was für Ratten! Solche wie du denkst, bestimmt nicht: die heißen auf französisch ›poules‹, dieselben mit Wasserspülung: ›poules de luxe‹. Fahren wir fort. »Diese Rattenheere bildeten eine ständige Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung.« Jetzt paß auf:
»Man habe zuerst versucht, dem Übel durch eine ausgedehnte Katzenzucht abzuhelfen, es habe sich jedoch herausgestellt, dass viele Katzen sich mit den Ratten zu gemeinsamen Raubzügen verbanden!«
Jetzt ist es also zunächst heraus, warum so viele Katzen in Paris herumsitzen. Sie symbolisieren irgend etwas: den Hausbesitzerstand; die Seele der Portiers, den weiblichen Charme – der Gewerbefleiß ist jedenfalls nicht darunter; denn die Katze ist das einzige vierbeinige Tier, das dem Menschen eingeredet hat, er müsse es erhalten, es brauche aber dafür nichts zu tun. Soweit gut. Diese pariser Katzen aber, meine ganze Freude, sind also ›aufgezogen‹ worden? Bei mir zu Hause, wo sie Schriftdeutsch reden, sagen sie dann gern: »aus bevölkerungspolitischen Gründen« – das hört sich so schön an. Also dazu sind die Katzen da ... sie sollten also doch arbeiten ...
Hat sich was. Denn was ist geschehen –?
Ich stelle mir die Sache ungefähr folgendermaßen vor:
Es ist nachts. Im Vorratskeller beim Potin um die Ecke sitzen die zwei Katzen des Hauses und unterhalten sich. »Schnurr«, sagt die eine – was, wie jeder Kenner weiß, achtzehnsilbig ausgesprochen wird und bedeutet: »Wir könnten eigentlich wieder mal ans Käsefaß gehen.« – »Murr«, sagt die andere Katze. »Ich habe einen leichten Appetit auf Sardinen.« So sprechen sie noch eine Weile – dann wandeln sie sammetpfotig fürbaß, zum Käse und zu den Sardinen.
Nachmittags hat Frau Potin zu der einen gesagt: »Mon petit minou, wenn du eine Ratte siehst ... « – »Ja«, hat Minou gesagt, »das ist ein alter Schlager.« Und hat gebuckelt ... Jetzt ist es so weit.
Aus der Ecke kommt ein leises Pfeifen: Das sind die Ratten. Eine steckt die spitze Schnauze vor ... Minou will sich auf sie stürzen und setzt an ... Da legt ihr die andere ernst die Pfote auf die Schulter. Die Ratte kommt hervor. Da stehen sie alle drei. Schweigen.
»Kinder«, sagt die Ratte. »Das ist doch Unfug, was wir hier machen. Ihr jagt mich, verliert eure Zeit, zum Schluß habt ihr eine Ratte, eine einzige. Die andern laufen, organisiert, wie wir uns haben, fort. Seid doch vernünftig: Ich habe früher in Pillkallen einen Sergeanten gekannt, der pflegte zu seinen Einjährigen, wenn seine Rechnungen bezahlt werden sollten, zu sagen: ›Einjähriger, teilen wir sich dem Raub!‹ Das können wir doch auch! Laßt uns in Ruhe, und drehen wir das Ding zusammen –!«
Jetzt sind die Ratten aus allen Löchern gekommen, die Katzen sehen mit glimmenden Augen ins Dunkel, sie sehen alles und alle. Es herrscht ein mächtiges Gequieke und Geraschel; es ist eine angeregte Unterhaltung, und es wird verhandelt wie bei einer Interessengemeinschaft eben verhandelt wird: wozu hat der Mensch (und das Tier) die Ohren, wenn man sie nicht über dieselben hauen kann? Es wird gehauen. Resultat:
Die Katzen erklären ihr Desinteressement an den Ratten; die Ratten zeigen den Katzen die Vorräte. Herr Potin wird aufgeteilt.
Mit Windeseile verbreitet sich die Nachricht durch alle Röhren, Keller, Lagerräume, Bodenkammern, Hütten und Kanäle von Paris. In einer Nacht ist die Sache perfekt. Die Organe, die zur Bewachung eingesetzt sind, machen mit den Feinden der Vorräte halbpart; der Dumme ist ...
Lisa, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass junge Damen nicht dazwischenreden sollen, wenn sie nicht gefragt sind! Dies ist eine Fabel aus dem Tierreich, Tiere können gar nicht sprechen, und bei den Menschen kommt dergleichen, abgesehen vom Handelsteil, überhaupt nicht vor.
 
 
Peter Panter (Kurt Tucholsky)
Vossische Zeitung, 17.06.1928.

Montag, 8. Februar 2010

Die Ratte

 

Die Ratte als Fabeltier bekommt in der westlichen Kultur fast ausschließlich negative  Attribute. Sie gilt als feige und verschlagen. Wird ein Mensch als Ratte bezeichnet, so sollen diesem dadurch eben genau diese Eigenschaften angehängt werden. Im asiatischen Raum - wo die Ratten ursprünglich herkommen, bevor sie sich über die ganze Welt ausgebreitet haben - werden diese Nagetiere aber auch positiver charakterisiert. In Indien wird die Ratte auch als Symbol für Intelligenz benutzt. Es gibt Tempel, in denen die Tiere von Menschen mit Nahrung versorgt werden und wo es als Glückszeichen gilt, wenn eine Ratte jemanden über den Fuß läuft. In China gilt die Ratte unter anderem als Zeichen für Ehrlichkeit. Im deutschen Sprachschatz hat sich die Ratte auch jenseits der Bezeichnung ihrer Art verewigt: Landratte (für jemanden, der nicht zur See fährt), Rattenloch (für schäbige und dreckige Zimmer) und Rattenschwanz (für fast unübersehbare Folgewirkungen auf eine Handlung oder Tat). 

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 7. Februar 2010

Die beiden Mäuse und die Ratte

 

Sechs und dreißigste Fabel

Zwei Mäuse hatten eine Auster gefunden, und jede wollte sie allein haben: man beschloß endlich die Ratte zum Schiedsrichter zunehmen, und überlieferte ihr das streitige Gut. Sie öffnete die Auster, und schluckte sie hinunter: – »Hier ist für jeden eine Schaale!« – sagte Sie: – »Das erste war für die Gebühren.


L–r Streitigkeiten!
Christian August Fischer
 Politische Fabeln
Königsberg 1796

Sonntag, 15. Februar 2009

Die Ratte und der Schmetterling


Eine Ratte und ein Schmetterling bauten sich einmal ein Boot; sie verzierten es mit schönen Schnitzereien und hingen Kauri-Muscheln daran. Dann stiegen sie ein, und als sie im Meer über tiefes Wasser fuhren, ließ die Ratte einen Wind streichen. »Wenn du das noch einmal tust,« sagte der Schmetterling, »machst du unser Boot entzwei.« Nun ließ der Schmetterling einen Wind streichen. »Was schiltst du mich denn aus?« sagte die Ratte, »du wirst noch ein Loch in unser Boot machen!«

»Das macht mir nichts aus,« sagte der Schmetterling, »ich kann fliegen.« – »Und ich muß schwimmen,« antwortete die Ratte.

So ging es weiter; bald ließ der eine, bald der andere einen Wind streichen; schließlich machte die Ratte es so kräftig, daß der Schiffsboden entzweibarst, und das Boot sich mit Wasser füllte und sank.

Die Ratte schwamm, und der Schmetterling flog vornweg. »Verlaß mich nicht,« rief die Ratte hinter ihm her, »komm zurück, wir wollen zusammenhalten.«

Doch der Schmetterling kam erst wieder, als er müde ward; da setzte er sich auf den Kopf seines Freundes. »Geh' 'runter! wir sinken sonst,« sagte die Ratte. »Du hast ja das Boot entzwei gemacht,« sagte der Schmetterling, »ich bleibe auf deinem Kopfe, und du mußt an Land schwimmen.« Und so schwamm die Ratte, während der Schmetterling auf ihrem Kopf sitzen blieb.

Schließlich kamen sie in seichtes Wasser und wateten ans Land; die Ratte war so müde, daß sie nicht einmal das Wasser vom Fell abschüttelte, sondern sich zum Schlafen hinlegte, während ihr Freund, der Schmetterling, auf Nahrungssuche ging. Der Schmetterling flog in einen Bananengarten und sog den Saft ein, der aus den reifen Bananen herausfließt; endlich begab sich auch die Ratte in ein Zuckerrohrfeld, kletterte auf einen saftigen Stengel und fing an zu knabbern. Sie knabberte und nagte, bis plötzlich der Stengel abbrach, über die Ratte hinwegfiel und sie einklemmte. »Ki, ki, ki!« schrie sie da; und als der Schmetterling seinem Freunde helfen wollte, da war er schon tot. Er hüllte ihn in eine Matte und rief seine Gefährten herbei.

Viele Schmetterlinge stellten sich ein; und sie trugen die Ratte in das schon vorbereitete Grab. Eine Weihe sah den Zug und sagte: »Freunde, was für einen Braten habt ihr denn da?« Doch sie sagten es ihm nicht. Der Adler fragte: »Kerle, was für Fleisch habt ihr da eingewickelt?« Doch sie sagten es ihm nicht. Auch die anderen Aasvögel erkundigten sich bei den Schmetterlingen; doch die trugen die Ratte fort und bestatteten sie so, daß niemand zu ihr gelangen konnte.

Hambruch, Paul
Südseemärchen
Jena, 1916


Donnerstag, 20. November 2008

Die Ratte und das Lampenlicht


Die Ratte war in der Nacht auf der Suche nach Nahrung unterwegs. Plötzlich hob sie die Schnauze und witterte. War da nicht ein gefährlicher Geruch in der Luft?
»Guten Abend, Frau Ratte«, ertönte eine schmeichelnde Stimme, »wie geht’s, wie steht’s?«
»Wer da?«, gab die Ratte kurz zurück.
»Ein Freund, ein guter Freund«, schmeichelte die Stimme weiter.
»Freund?«, zischte die Ratte. »Freunde riechen nicht so gefährlich.«
»Na, na, na. Das ist aber nicht nett. So etwas von einer so hübschen Dame zu hören.«
Die Ratte fühlte sich geschmeichelt, wollte aber die Vorsicht nicht aufgeben.
»Ich möchte den wohl sehen, der mir solche Komplimente macht.«
»Ja, da würde ich aber keinen guten Schnitt machen«, gab die Stimme zurück. »Mich neben ein so hübsches Ding zu stellen, macht mich ja noch hässlicher.«
»Ich werde schon nicht lachen«, antwortete die Ratte, halb vorsichtig und halb neugierig.
»Nun gut. Ich werde mich zeigen. Zuvor stellen Sie sich aber bitte dort unter die Lampe, dass Ihre Schönheit richtig zur Geltung kommt.«
Die Ratte huschte in das Licht der Straßenlaterne und blinzelte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Sie hörte etwas rascheln und dann war auch schon der Fuchs über ihr und biss ihr das Leben aus.
»Wer im Dunkeln gut sehen will, darf sich nicht ins Helle stellen«, schmunzelte der Fuchs und ließ sich die Ratte gut schmecken.

Horst-Dieter Radke

Samstag, 20. September 2008

Die Schildkröte und die Ratte



Vor dem Sturm eilt sich zu schützen
Manches Thier dem Walde zu;
Nur die Schildkröt' bleibet liegen
Auf dem off'nen Feld in Ruh.

Dies erblickt die Ratte; zeigen
Will sie auch den gleichen Mut,
Daß auch sie der Sturm nicht schrecke
Noch des Regens kühle Flut.

Tückisch grollend lacht der Eitlen
Jene bei sich, denn sie sah
Ueber sich, bald Unheil bringend,
Weiße Hagelwolken nah.

Und nicht lang', so rauscht es; Schlossen
Schlagen nieder, scharf und dick.
In ihr Schild zieht jetzt die Kröte
Sicher Kopf und Bein' zurück.

Doch die arme Ratte findet
Keinen Schirm, der sie hier deckt;
Und in wen'gen Augenblicken
Liegt sie todt dahingestreckt.

Miß nicht, Armer, dich mit Reichen,
In der Not deckt sie ihr Glück.
Nackend sinkst du; jene freuet
Oefters noch dein Mißgeschick.

Friedrich Müller (Maler Müller)
aus: Gedichte. Jena 1873, S. 76-77.

Donnerstag, 26. Juni 2008

Das größte Übel des Staats, die Ratte in der Bildsäule

Hoan-Kong frage einst seinen Minister, den Koang-Tschong, wofür man sich wohl in einem Staat am meisten fürchten müsse. Koang-Tschong antwortete: »Prinz, nach meiner Einsicht hat man nichts mehr zu fürchten, als was man nennet: die Ratte in der Bildsäule.«

Hoan-Kong verstand diese Vergleichung nicht; Koang-Tschong erklärte sie ihm also:

»Ihr wisset, Prinz, daß man an vielen Orten dem Geiste des Orts Bildsäulen aufzurichten pflegt; diese hölzernen Statuen sind inwendig hohl und von außen bemalet. Eine Ratte hatte sich in eine hineingearbeitet; und man wußte nicht, wie man sie verjagen sollte. Feuer dabei zu gebrauchen getraute man sich nicht, aus Furcht, daß solches das Holz der Statue angreife; die Bildsäule ins Wasser zu setzen, getraute man sich nicht, aus Furcht, man möchte die Farben an ihr auslöschen. Und so bedeckte und beschützte die Ehrerbietung, die man vor der Bildsäule hatte, die - Ratte.«

»Und wer sind diese Ratten im Staat?« fragte Hoan-Kong.

»Leute«, sprach der Minister, »die weder Verdienst noch Tugend haben und gleichwohl die Gunst des Fürsten genießen. Sie verderben alles; man siehet es und seufzet darüber; man weiß aber nicht, wie man sie angreifen, wie man ihnen beikommen soll. Sie sind die Ratten in der Bildsäule.»

Johann Gottfried Herder