Posts mit dem Label Parabel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Parabel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 21. September 2019

Parabel

Der Vater mit dem Sohn ist über Feld gegangen,
Sie können nachtverirrt die Heimat nicht erlangen.

Nach jedem Felsen blickt der Sohn, nach jedem Baum,
Wegweiser ihm zu sein im weglos dunklen Raum.

Der Vater aber blickt indessen nach den Sternen,
Als ob der Erde Weg er woll’ am Himmel lernen.

Die Felsen blieben Stumm, die Bäume sagten nichts,
Die Sterne deuteten mit einem Streifen Lichts.

zur Heimat deuten sie. Wohl dem, der traut den Sternen:
Den Weg der Erde kann man nur am Himmel lernen.

Friedrich Rückert

Dienstag, 7. Mai 2019

Die Steine

Tolstoi (Quelle: Wikimedia commons)

Zwei Frauen kamen zu einem Greise, um sich von ihm belehren zu lassen. Die eine kennzeichnete sich selbst als eine große Sünderin. In der Jugend hatte sie ihren Gatten betrogen, und die Erinnerung daran quälte sie das ganze Leben lang.
Die andere Frau hatte sich niemals gegen die Gesetze vergangen, sie fühlte sich vollkommen schuldlos und war mit sich stets zufrieden.
Der Greis fragte beide nach ihrem Leben aus. Die eine berichtete unter hellen Tränen, was sie einst verbrochen hatte. Sie war von der Wucht ihres Frevels so erdrückt, daß sie gar keine Vergebung erwarten konnte.
Hingegen sagte die andere, daß sie sich durchaus keiner Schuld bewußt sei. Der Alte wandte sich zuerst an die Sünderin und sprach:
„Du, Magd Gottes, zieh hinaus vors Tor der Stadt und suche den größten Stein, den du aufheben kannst und bring ihn her! Und du!“, sagte er zur anderen Frau, schaffe auch Steine her, so viel du kannst, aber lauter kleine.“
Die beiden Frauen zogen aus, um dem Befehl des Greises zu willfahren. Die eine brachte einen großen, schweren Stein, die andere einen Sack voll kleiner Steine. Der Alte betrachtete die Steine und sprach:
„Jetzt will ich euch noch einen Auftrag geben. Traget die Steine zurück und legt sie wieder an dieselben Stellen, von wo ihr sie geholt habt, und dann kehrt zu mir zurück.“
Und die Frauen taten, wie ihnen geheißen wurde. Die eine fand sehr leicht den Platz, wo sie den mächtigen Stein gefunden hatte, und legte ihn dort wieder hin. Die andere konnte sich unmöglich entsinnen, auf welchen einzelnen Stellen sie die winzigen Steine aufgelesen hatte. Es war ihr nicht möglich, der Weisung des würdigen Greises zu folgen und sie kam zu ihm mit dem gefüllten Sack zurück.
„Gerade so,“ sagte er zu den beiden Frauen, „geht es mit den Sünden! Du hast ohne Schwierigkeit den großen und schweren Stein an seinen früheren Ort legen können, weil du genau wußtest, von wo er genommen war. Und du warst nicht imstande es zu tun, weil es dir entfallen war, wo du all die kleinen Steine aufgehoben hattest. Wer sich Gewissensbisse wegen seiner Sünden machte, hat sich mit den Menschen und mit sich selbst zu versöhnen gesucht und darum von den Folgen der Sünde befreit.
Wer sich aber nur kleiner Vergehen schuldig machte, entsinnt sich ihrer oft kaum, bereut sie gar nicht mehr, gewöhnt sich dagegen an ein sündhafte Leben und verurteilt nur um so strenger die Sünden der anderen.
Wir sind alle Sünder - und wir müssen zugrunde gehen, wenn wir dessen nicht eingedenk sind und Reue empfinden.“



Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi
Innsbrucker Nachrichten,  8.7.1917

Samstag, 13. Januar 2018

fabuloes als Buch


Nun gibt es »fabuloes« nicht nur als Blog, sondern auch als Buch und E-Book. Das Schönste aus den mehr als 1.300 Postings dieses Blogs themenorientiert zusammengestellt. Während der Blog nach wie vor gut zum stöbern ist, lädt das Buch zum schmökern ein. Natürlich wird der Blog weitergeführt. Fabeln, Parabeln und fabelhafte Beiträge gibt es noch genug.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Zwei malayische Parabeln - II. Die Bedingungen

Foto: (c) Mirjam Radke

Eines Tages kam König Alexander der Große vor eine verfallene Stadt. Da erblickte er am Stadttor eine Schrifttafel, auf der stand folgendes zu lesen: »Diese Stadt wurde von sieben Fürsten beherrscht, und sie sind alle gestorben.« – Alexander betrachtete die Tafel, las die Inschrift und fragte dann seine Begleiter: »Wer haust denn jetzt in dieser Stadt? Ist noch ein Nachkomme der Fürsten vorhanden?« Einer erwiderte: »Ja, Majestät, es ist noch ein männlicher Nachkomme da, der wohnt bei all' den Gräbern.« –

Alexander der Große sprach: »Geh' und bring' ihn zu mir her!« Der Mann ging zu ihm und jener kam.

König Alexander fragte: »Nun, Diener Allahs, sag' an, weshalb weilst du beständig auf dem Friedhof?«

Der Nachfahre der Fürsten verbeugte sich und antwortete: »Majestät, großmächtigster Herr der Welt! Ich bemühte mich lange, den Unterschied zwischen den Gebeinen der Könige und ihrer Sklaven herauszufinden. Es gelang nicht. Sie sind einander gleich, und ich vermag sie nicht zu unterscheiden.«

Da sagte König Alexander der Große: »Willst du mir folgen? Ich will dir ein Amt geben.« Der Nachfahre der Könige entgegnete: »Großmächtigster Herr und König! Zuvor möchte ich Euch um Verlaub bitten, an Euch einige Bedingungen stellen zu dürfen. Befriedigt Ihr dann mein Begehren, so will ich Euch gern folgen.« –

König Alexander fragte: »Wohlan, Herr Königssohn, nennt Eure Bedingungen.«

Der erwiderte: »O, Majestät! Erstlich: ein Leben ohne Tod. Zweitens: eine Jugend ohne Alter. Drittens: einen Reichtum ohne Armut. Viertens: stete Freude, in der kein Schmerz ist.« Nun meinte König Alexander: »Ei, Herr Königssohn, wer hat Macht über solches?«

Sprach der andere: »Großmächtigste Majestät, Herr und König! Habt Ihr keine Macht, mir solches zu gewähren, dann schweiget und laßt mich nach solchem streben bei jemand, der die Macht hat, es zu vollbringen.«

Alexander der Große war betroffen, als er diese Worte des Königssprossen vernommen hatte.

Hambruch, Paul
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Jena, 1922

Dienstag, 3. Januar 2017

Zwei malayische Parabeln - I. Das Große

(c) Mirjam Radke

In früheren Zeiten lebte ein König, der gab Befehl, einen prächtigen Palast zu errichten und ihn wunderschön auszuschmücken.

Als der Bau beendet war, ließ er alle Bewohner der Stadt zu sich kommen, um ihnen ein Fest zu geben. Sie erschienen alle und schmausten und freuten sich miteinander. Dann gab der König dem Palasthüter den Befehl: »Wer hier das Tor verläßt, den sollst du fragen: ›Hat der Palast einen Fehler oder nicht?‹« Einzeln kamen die Gäste heraus. Jeden befragte der Torhüter, wie ihm geheißen war. Und sie antworteten: »Wir finden am Palaste keinen Fehler.« –

Zuletzt kamen etliche Leute, die trugen grobe Kleider. Der Palastwächter fragte: »Seht ihr einen Fehler in diesem Bauwerk?« – Sie erwiderten: »Ja. Zwei Fehler sind uns nicht entgangen.« Als der Torhüter dies gehört hatte, hielt er sie an und berichtete dem König: »Großmächtigste Majestät, Herr der Welt! Ich habe Leute gefunden, die behaupten, daß dein Palast zwei Fehler besitzt.« Der König befahl: »Rufe sie her!« Sie kamen. Der König fragte: »Welche Fehler saht ihr an meinem Palast?« Da verneigten sie sich tief und antworteten: »Großmächtigste Majestät, Herr der Welt! Der erste Fehler des Palastes ist, daß auch er zerfallen und vergehen wird, und der zweite, daß auch alle seine Bewohner sterben werden.« Der König fragte weiter: »Kennt ihr denn einen Palast, der nicht vergehen wird, dessen Bewohner nicht sterben werden?« Sie antworteten: »Großmächtigste Majestät! Es gibt einen Palast, der nicht vergeht und dessen Bewohner nicht sterben, das ist der Himmel.«

Und sie erzählten ihm nun von all' den mannigfachen Freuden, bis im König die Sehnsucht nach dem Himmel erweckt war. Dann sprachen sie ihm von der Hölle und ihren Strafen, erweckten in ihm die Furcht und brachten ihn dahin, Allah, den Erhabenen, zu verehren. Als der Fürst ihre Rede vernommen hatte, ging er in sich und bekehrte sich; er verließ den Palast, verzichtete auf sein Reich und wandelte fortan auf Allahs Wegen.

Die Barmherzigkeit Allahs sei mit ihm!

Hambruch, Paul
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Jena, 1922

Montag, 20. Juni 2016

Parabel

Es ereigneten sich einst allerlei seltsame Erscheinungen, worüber die Menschen in Sorge und Angst gerieten, weil nur eine schlimme Vorbedeutung darin erkannt werden konnte. Feurige Drachen stiegen aus der Erde, und einer verschlang den andern; Todtensärge schwebten in den Lüften, und drüber her lagen weiße Knochen und blanken Schwerter; Gräber öffneten sich, und bleiche, grinzende Larven gingen daraus hervor, mit drohender Bewegung.

Die Leute standen da, fast starr vor Schrecken, und seufzten über diese Zeichen. Unter der Menge befand sich aber auch ein Mann, der lachte höhnisch und sprach: die Umstehenden möchten wohl bethört seyn, ja vielleicht wahnsinnig, denn Er sehe von alle dem nichts, der Himmel sey vielmehr ungewöhnlich klar, und der Boden habe noch nie so viele Blumen und Kräuter getragen.

Die ihm zunächst standen, blickten den Mann mit Erstaunen an, aber bald merkten sie, daß er die Augen hinten am Kopfe habe, und unverrückt nach der Seite hinstarre, wo auch in der That von den furchtbaren Erscheinungen nichts wahrgenommen werden konnte. Sie wollten ihn darüber belehren, der Mann aber hieß sie dummes Gesindel, vom lieben Gott mit Blindheit geschlagen. Er allein sey sehend, und wolle alsbald nach Haus gehen, und es ausrufen und auch drucken lassen, daß sie den Verstand verloren hätten.

Aloys Schreiber

Sonntag, 19. Juni 2016

Parabel

Es ging ein Mann im Syrerland,
Führt' ein Kamel am Halfterband.
Das Tier mit grimmigen Gebärden
Urplötzlich anfing, scheu zu werden,
Und tat so ganz entsetzlich schnaufen,
Der Führer vor ihm mußt' entlaufen.
Er lief und einen Brunnen sah
Von ungefähr am Wege da.
Das Tier hört er im Rücken schnauben,
Das mußt' ihm die Besinnung rauben.
Er in den Schacht des Brunnens kroch,
Er stürzte nicht, er schwebte noch.
Gewachsen war ein Brombeerstrauch
Aus des geborstnen Brunnens Bauch;
Daran der Mann sich fest tat klammern,
Und seinen Zustand drauf bejammern.
Er blickte in die Höh', und sah
Dort das Kamelhaupt furchtbar nah,
Das ihn wollt oben fassen wieder.
Dann blickt er in den Brunnen nieder;
Da sah am Grund er einen Drachen
Aufgähnen mit entsperrten Rachen,
Der drunten ihn verschlingen wollte,
Wenn er hinunterfallen sollte.
So schwebend in der beiden Mitte
Da sah der Arme noch das Dritte.
Wo in die Mauerspalte ging
Des Sträuchleins Wurzel, dran er hing,
Da sah er still ein Mäusepaar,
Schwarz eine, weiß die andere war.
Er sah die schwarze mit der weißen
Abwechselnd an der Wurzel beißen.
Sie nagten, zausten, gruben, wühlten,
Die Erd' ab von der Wurzel spülten;
Und wie sie rieselnd niederrann,
Der Drach im Grund aufblickte dann,
Zu sehn, wie bald mit seiner Bürde
Der Strauch entwurzelt fallen würde.
Der Mann in Angst und Furcht und Not,
Umstellt, umlagert und umdroht,
Im Stand des jammerhaften Schwebens,
Sah sich nach Rettung um vergebens.
Und, da er also um sich blickte,
Sah er ein Zweiglein, welches nickte
Vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren;
Da konnt' er doch der Lust nicht wehren.
Er sah nicht des Kameles Wut,
Und nicht den Drachen in der Flut,
Und nicht der Mäuse Tückespiel,
Als ihm die Beer' ins Auge fiel.
Er ließ das Tier von oben rauschen,
Und unter sich den Drachen lauschen,
Und neben sich die Mäuse nagen,
Griff nach den Beerlein mit Behagen,
Sie däuchten ihm zu essen gut,
Aß Beer auf Beerlein wohlgemut,
Und durch die Süßigkeit im Essen
War alle seine Furcht vergessen.

Du fragst: Wer ist der töricht Mann,
Der so die Furcht vergessen kann?
So wiß, o Freund, der Mann bist du;
Vernimm die Deutung auch dazu.
Es ist der Drach im Brunnengrund
Des Todes aufgesperrter Schlund;
Und das Kamel, das oben droht,
Es ist des Lebens Angst und Not.
Du bist's, der zwischen Tod und Leben
Am grünen Strauch der Welt muß schweben.
Die beiden, so die Wurzel nagen,
Dich samt den Zweigen, die dich tragen,
Zu liefern in des Todes Macht,
Die Mäuse heißen Tag und Nacht.
Es nagt die schwarze wohl verborgen
Vom Abend heimlich bis zum Morgen,
Es nagt vom Morgen bis zum Abend
Die weiße, wurzeluntergrabend.
Und zwischen diesem Graus und Wust
Lockt dich der Beere Sinnenlust,
Daß du Kamel die Lebensnot
Daß du im Grund den Drachen Tod,
Daß du die Mäuse Tag und Nacht
Vergissest, und auf Nichts hast acht,
Als daß du recht viel Beerlein haschest
Aus Grabes Brunnenritzen naschest.

Friedrich Rückert

Dienstag, 19. Januar 2016

Nathan

Nathan, ein Prophet und weiser Lehrer zu Salem, saß unter seinen Jüngern und die Worte der Lehre und der Weisheit flossen wie  Honig von seinen Lippen.

Da sprach einer seiner Jünger, Gamaliel: Meister wie kommt es, daß wir so gern deine Lehren empfangen, und alle horchen der Rede deines Mundes?

Da lächelte der bescheidene Lehrer und sprach: heißt mein Name nicht Nathan (Geben?) – der Mensch nimmt ja gerne, wenn man nur zu geben weiß!

Wie giebst du denn? fragte Hillel, ein anderer von denen, die zu seinen Füßen saßen.

Und Nathan antwortete: Ich reiche euch den goldenen Apfel in silberner Schaale. – Die Schaale empfanget ihr, aber ihr findet den Apfel.

Parabeln, oder Gleichnisse aus der Natur gezogen
mit anmuthigen Erzählungen und lehrreichen Bildern geziert
vorzüglich der Jugend und allen Ständen gewidmet
Friedrich Adolf Krummacher (Hrsg.)
Bregenz, 1810

Donnerstag, 30. April 2015

1. Nathan

Nathan, ein Prophet und weiser Lehrer zu Salem, saß unter seinen Jüngern und die Worte der Weisheit flossen wie Honig von seinen Lippen.
Da sprach einer seiner Jünger: Gamaliel: Meister, wie kommt es, daß wir so gern deine Lehren empfangen, und alle horchen der Rede deines Mundes?
Da lächelte der bescheidene Lehrer, und sprach; Heißet mein Name nicht Geben? Der Mensch nimmt ja gerne, wenn man nur zu geben weiß!
Wie giebst du denn? fragte Hillel, ein anderer von denen, die zu seinen Füßen saßen.
Und Nathan antwortete: Ich reiche euch den goldenen Apfel in silberner Schaale. Die Schaale empfanget ihr, – aber ihr findet den Apfel.
_

Ein andermal fragte Gamaliel den weisen Nathan und sprach: Meister, warum lehrest du uns in Gleichnissen?
Nathan antwortete und sprach: Siehe, mein Sohn, als ich ein Mann ward, vernahm ich das Wort des Herrn in meinem Herzen, daß ich ein Lehrer des Volkes würde, und der Wahrheit Zeugniß gäbe, und der Geist Gottes kam über mich. Da ließ ich meinen Bart wachsen, und kleidete mich in grob hären Tuch, und ging hinaus unter das Volk und strafte es mit harten gewaltigen Worten. – Aber die Menschen flohen vor mir, und nahmen meine Worte nicht zu Herzen, oder sie deuteten sie auf Andere.
Da ergrimmte ich in meinem Geist, und floh hinaus in die Nacht auf das Gebirge Hermon, und sprach in meinem Herzen: Wollen sie das Licht nicht, so mögen sie in Nacht und Dunkel wandeln, und in der Finsterniß verderben! – So rief ich und wandelte zürnend in der finstern Nacht.
Siehe! Da kam die Dämmerung, und die Morgenröthe stieg am Himmel empor, und der Thau des Morgens troff hernieder auf das Gebirge Hermon. Da entwich die Nacht, und Hermon duftete. Denn der Schimmer des Morgenroths war sanft und lieblich, und die Nebelwolken schwebten um die Gipfel der Berge und leuchteten das Erdreich. Die Menschen aber wandelten fröhlich und schauten zur Morgenröthe empor. Da stieg der Tag vom Himmel hernieder, und die Sonne kam aus den Armen des Morgenroths und bestrahlte die bethaueten Pflanzen.
Und ich stand und schauete, und es ward mir sonderlich im Herzen. Da erhob sich säuselnd der Morgenwind, und ich vernahm im Gesäusel die Stimme des Herrn, die redete zu mir und sprach: Siehe, Nathan, so sendet der Himmel dem Sohn der Erde seine köstlichste und zarteste Gabe, das süße Tageslicht!

Als ich nun vom Gebirge herniederstieg – fuhr der Prophet fort – da führte mich der Geist des Herrn unter einen Granatbaum. Der Baum aber war schön und schattig, und er trug zu gleicher Zeit Blüthen und Früchte.
Und ich stand in seinem Schatten und schauete seine Blüthe an und sprach: O wie ist sie so schön und röthlich, gleich dem zarten Hauch der Unschuld auf den blühenden Wangen der Töchter Israels! –
Und als ich mich näher hinzu neigete, fand ich auch die herrliche Frucht, verborgen in dem Schatten der Blätter.
Da geschah zu mir das Wort des Herrn aus dem Granatbaum und sprach: Siehe, Nathan, so verheisset die Natur in der einfachen Blüthe die köstliche Frucht und reichet sie, ihre Hand verbergend, im Schatten des Laubes!
Und nun – fuhr der weise Nathan fort – kehrt’ ich frohen Muthes nach Salem zurück; ich that mein rauhes Gewand von mir, salbete mein Haupt und lehret die Wahrheit in fröhlicher Weise und in Gleichnissen.
Denn die Wahrheit ist ernst und hat wenig Freunde. Darum erscheinet sie gern in einfach fröhlichem Gewande, menschlich unter den Menschen, ob sie möchte Freunde und Jünger gewinnen.

Friedrich Adolph Krummacher (1767 - 1845)
Parabeln
Essen, 1829

Freitag, 3. Februar 2012

Eine Parabel über das Internet

Die Parabel über das Internet, die Nils Pooker "Märchen" nennt, ist schon etwas älter (2007) aber immer noch aktuell.

Montag, 16. Januar 2012

Eine hübsche Parabel

(c) Jeremias Radke

Eine kluge Prinzessin wurde von einem beschränkten, aber sehr mächtigen König geliebt, schenkte aber seinen Werbungen kein Gehör. Als er immer dringender und infolgedessen lästiger wurde, beschloß sie, ihn für immer aus ihrer Nähe zu entfernen. Dies mußte jedoch mit Güte geschehen, denn die Feindschaft des starken Nachbarn wollte die Prinzessin ihrem Lande nicht zuziehen.
So sprach sie denn eines Tages zu ihm: »Deine Treue hat mich gerührt, und ich will sie belohnen. Du sollst mein Gemahl werden, wofern es dir gelingt, die Aufgabe zu lösen, welche ich dir stellen will.«
Darauf erwiderte der König: »Nenne sie, und wenn es im Bereich menschlicher Kraft liegt, so werde ich sie erfüllen.«
»Ziehe hin«, sagte darauf die Prinzessin, »und suche mir folgende drei Dinge ausfindig zu machen: Ein Vorurteil, das durch Vernunft besiegt wurde. Eine Torheit, die so groß ist, daß noch kein Mensch sie begangen hat. Eine Lästerung, so schamlos, daß sie keine Zunge findet, um sie zu wiederholen.«
Der König lachte und gab Befehl, die Hochzeitsfeier zu bereiten, denn er meinte, in wenigen Tagen schon seine Braut heimzuführen. Dann begab er sich auf die Reise.
Dies geschah vor tausend Jahren, und bis heute ist er nicht zurückgekommen.

E.T.
aus. Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens
Jahrgang 1904, Elfter Band, S. 226 f.

Freitag, 2. September 2011

Parabel

Georg Herweg
(1817-1875)
Bildquelle: Wikipedia

Erlaubt mir, daß ich 'mal berichte
Euch eine alberne Geschichte:
Sie kommt mir eben in den Sinn,
Geduld ist deutsch, drum nehmt sie hin.

War eine brave, brave Frau,
Die nahm's im Dienste wohl genau,
Und macht', so brav sie auch gewesen,
Doch niemals vieles Federlesen.

Die Frau hatt' einen muntern Hahn,
Der kräht' ihr stets den Morgen an,
Und war nach seiner Hahn-Natur
Für sie die allerbeste Uhr.

Sobald den Tag er angesagt,
Da weckt' die Frau die faule Magd,
Was unsre Magd gar schwer verdroß,
Daß sie im Grimme einst beschloß,

Dem Vogel zu stutzen seine Schwingen
Und, meld' ich's kurz, ihn umzubringen.
Es war gedacht, es war getan,
Die Götter bekamen einen Hahn.

Was aber hat die Magd gewonnen?
Die sonst geweckt ward mit der Sonnen,
Ward nun geweckt um Mitternacht,
Nachdem den Hahn sie umgebracht.

Ach! sprach die Magd, die schwer Betörte,
Wenn ich den Hahn doch krähen hörte!
Sein Krähen hat so schön geklungen,
Als hätt' eine Nachtigall gesungen.

»Und nun der Witz? wir bitten dich!«
Ihr kennt die Frau so gut wie ich;
Sie ist die schönste weit und breit,
Ihr Anblick die volle Seligkeit.

Ihr kennt wohl auch des Nachbars Hahn,
Dem ihr soviel zuleid getan;
Und wenn ihr mich nach dem Dritten fragt:
»Du, deutsches Volk, du bist die Magd!«

Doch wenn ihr den Hahn auch mordet, ihr Sklaven,
So denkt darum nicht länger zu schlafen,
Erst weckt' euch die Frau nach dem Hahnenschrei,
Nun ist's mit dem Schlummer auf ewig vorbei.

Die Freiheit kommt wie ein Dieb in der Nacht
Und ruft euch zu: »Erwacht! erwacht!«

Georg Herwegh
aus: Herweghs Werke in drei Teilen.
Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart, 1909

Sonntag, 8. Mai 2011

§ 383

Zwei Chinesen in Europa waren zum ersten Mal im Theater. Der eine beschäftigte sich damit, den Mechanismus der maschinerien zu begreifen; welches ihm auch gelang. Der andere suchte, trotz seiner Unkunde der Sprache, den Sinn des Stückes zu enträthseln. – Jenem gleicht der Astronom, diesem der Philosoph.

Arthur Schopenhauer

Dienstag, 3. Mai 2011

Die Parabel

Die Parabel muss von der Fabel (denn sie ist mit ihr eng verwandt, weil auch sie gänzlich Erdichtung) wohl unterschieden werden, beide beschäftigen sich mit einem Bilde, aber in der Fabel liegt die Lehre in der beigefügten Anwendung des Bildes, in der Parabel in einem Gleichnisse, wie das des Jetham (Richt. 9,8 ff.), welches Gleichnis entweder gedeutet wird oder nicht; die Fabel nimmt ihre Bilder nicht aus der Menschenwelt, wohl aber die Parabel, jene nimmt sich auch aus der Thierwelt, die Parabel nicht. Die Fabel gibt stäts eine Moral, die Parabel nicht bloß diese, sondern sie deutet auf alle Zustände des Lebens, namentlich aber auf Religion; die Fabel kann scherzen, die Parabel ist stäts ernst. Sie ist eine durch ein Gleichniß belehrende Erzählung. Sie bewegt sich gern auf dem Gebiete der Wirklichkeit (was bei der Fabel nie der Fall ist) und stellt gern einen wahrscheinlichen Fall dar (so Jesu meiste Parabeln, z.B. von verlorenen Sohne, von den Arbeitern im Weinberge). Sie will eine Idee in einem fortschreitenden Bilde (zum Unterschiede von den Allegorie, deren Bild statarisch ist) entwickeln, dadurch Belehren, überzeugen, warnen. Der Meister in der Parabel ist Jesus. Ausgezeichnete Parabeln sind außer des schon erwähnten des Jotham, die Bußpredigt Nathan’s an David (2. Sam. 12.), in Lessing’s Nathan die von den drei Ringen. Auch Herder und Krummacher haben auf diesem Gebiete Ausgezeichnetes geliefert.

D.J.G. Scheibel
in: Allgemeine Kirchenzeitung
Sonntag 22. October 1837
Nr. 169, S. 1389 f.

Montag, 4. April 2011

Ein Mädchen will hoch hinaus

Bildquelle: Wikipedia

Alt-indische Parabel

Ein schönes, aber etwas einfältiges Mädchen aus der Candalakaste, der niedrigsten und verachtetsten aller Kasten hatte sich vorgenommen, den mächtigsten Freier auf Erden zu heiraten. Eines Tages erblickte sie den König, der an der Spitze seines Gefolges durch die Stadt zog. Sie folgte ihm mit dem Vorsatz, ihn zu heiraten. Da stieg der König von seinem Elefanten und warf sich vor einem Büßer in den Staub. »Der Büßer steht höher als der König«, dachte das Mädchen überrascht und folgte nun dem Büßer auf Schritt und Tritt. Als der Priester an einem Tempel Shiwas vorbeikam, ging er hinein und warf sich dem Bild Shivas zu Füßen. »Der Gott ist höher als der Büßer«, dachte das Mädchen und beschloss, die Braut des Gottes zu werden. Da kam ein Hund in den Tempel, hob das Bein und pinkelte die Götterstatue an. Von nun an folgte das einfältige Mädchen dem Hund. Auf diese Weise kam es in die Hütte eines jungen Candalas. Als sie sah, dass der Hund ihm die Füße leckte, wählte das Mädchen zufrieden diesen jungen Mann als Gatten.

Toren wollen oft hoch hinaus, fallen dann aber in ihren Stand zurück.

Horst-Dieter Radke
nacherzählt nach einer Erzählung
aus dem alten Indien

Freitag, 11. März 2011

Das Grab

Brahma
Bildquelle: Wikipedia
Dritte Parabel

1814

Still und voll Wehmuth wandelte der Brame in seinem einsamen Thale und gedachte der geprüften duldenden Fürstin, siehe, da erhob sich von neuem ein furchtbarerer Krieg. Der gewaltige Verderber brach auf von Abend her mit seiner wilden Heerschaar, das Land gegen Morgen zu verwüsten. Und was er mit Schmach und Hohn begann, gelang ihm, aber die Menschheit erseufzte.
Da flehete der Greis Tag und Nacht zu Brama für Wikrama den Gerechten und für Sakontala, die holdselige Fürstin. Aber sein Gebet ward nicht erhört, und das Getümmel des Krieges wälzte sich wie ein Strom bis an das Thal des Braminen, und das Land erlag unter der Geißel des Drängers.
Da floh der Brame trauernd in das wilde Gebirg‘ und wohnte zwischen den Felsen und verschmähete, ein menschlich Antlitz zu schauen. Denn seine Seele war voll Gram und wünschte zu sterben.
Aber sein Wunsch ward nicht erfüllt und er wohnete einsam zwischen den Felsen mehrere Jahre lang. Plötzlich erscholl ringsumher aus der Ferne ein freudiges Getön von Siegesjubel und Friedensgesängen mit Cymbeln und Drommeten.

Da neigete sich der Greis mit seinem Angesicht zur Erde und betete an, stand auf und salbte sein Haupt und sprach: Ehe denn ich sterbe, muß ich den Sieg der Gerechten und das Antlitz der Königin schauen!
Darauf füllte der Brame von neuem sein Körbchen mit den schönsten Frühlingsblumen des Thals und bedeckt‘ es mit den jungen Sprößlingen des Oel- und Palmbaums und dem duftenden Laube der zarten Mirte. Nun wandte er eilends sein Angesicht zur Königsstadt, und wandelte schweigend zwischen den jauchzenden Schaaren des Volkes.
Als er nun in die Thore des Palastes trat, da erheiterte sich das Angesicht des Greises, und er that seinen Mund auf und sprach zu den Dienern des Königs: Geleitet mich zu der Königin, daß ich mein Opfer ihr bringe Ich habe seit sieben Jahren die Welt nicht gesehen.
Da er diese Worte geredet, sahen die Diener ihn an, und sie verstummten und weinten. Der Brame aber sprach: Was weinet ihr, und wie ist euer Angesicht verwandelt?
Da antworteten die Diener und sprachen: Bist du denn ein Fremdling auf Erden, daß du allein nicht weißt, was geschehen ist? – Und sie führten ihn zu dem Grabe der Fürstin. Siehe, sprachen sie, ihr Herz ist gebrochen! – Und sie vermochten nicht mehr zu reden und weineten.
Da verklärte sich das Angesicht des Greises, und sein Auge glänzte wie eines Jünglings, und er erhob sein Haupt und sah auf gen Himmel und sprach: Seh‘ ich nicht Brama’s Thron und den Glanz des ewigen Lichtmeers, das ihn umschwebet! Und Sakontala ruhet vor ihm auf des Morgenroths duftigem Gewölk und blicket hernieder. – Des versöhnten Vaterlandes reinstes Opfer strahlet sie nun als Priesterin des himmlischen Friedens – Verklärte, sieh, auch jetzt noch weih‘ ich dir die irdischen Blumen. –
Darauf schwieg der Greis und neigte sein Angesicht über das Grab und die Blumen. Da erhob sich ein lindes Säuseln; und Brama lösete seine Seele.

Parabeln
von Dr. Friedrich Adolph Krummacher
Essen, 1829

Donnerstag, 10. März 2011

Der Edelstein

Sakuntala schaut zurück
Raha Ravi Varma (1848 - 1906)
Bildquelle: Wikipedia

Zweite Parabel

1807

Sakontala, die schönste und liebenswürdigste unter den Königinnen Indiens, feierte den Tag ihrer Geburt mit Thränen und stillem Gebet zu Brama. Denn es hatte ein furchtbarer Krieg das Land verheert, und der Herrscher Indiens, ihr Gemahl, war ferne von ihr im Gewühl der Schlachten. Aber, was ihren Schmerz noch herber machte, viele der Getreuen des Landes waren im Streit gefallen, und andere Diener des Königs, obwohl er sie mit Wohlthaten und Ehre gekrönet hatte, waren abtrünnig und in dem Undank und der Feigheit ihres Herzens offenbaret worden zur Zeit der Gefahr. Darum weinete Sakontala im Stillen und der Tag ihrer Geburt war ihr wie ein Tag des Todes.
Da trat der dienenden Frauen Eine herein zu der traurenden Fürstin und sprach: Siehe, der Brame ist da, der dir die Blumen seines Thals überreichet.
Aber Sakontala seufzte und sprach: Wie könnten Blumen mein zerrissenes Herz erfreuen und mir ein Schmuck seyn zu meinen erblaßten Wangen? - Jedoch, - sagte darauf die holde Königin - führet ihn zu mir, damit ich aus seiner Gabe erkenne, daß in meinem Kummer die Liebe treuer Einfalt mir bleibet.
Der alte Bramin kam und verneigte sein Angesicht und sprach: Siehe du freundliche Herrscherin und Mutter deines Vokes, deine Leiden haben dir nicht die Herzen der Bewohner des Thals entfremdet, wo du einst wandeltest, als noch der erste Lenz des Lebens dir lächelte. Denn der Wechsel des wankelmüthigen Glückes mag die Bande treuer Liebe nicht lösen; wohl schlingt er sie fester. – Doch Blumen bring‘ ich dir nicht. Sie sind zertreten in unserm Thale, aber sie werden schöner aufblühen, wenn Brama nach dem Sturme den Lenz hernieder sendete. Ich bringe dir das Köstlichste, was unser Thal erzeugte - einen Edelstein, so schön als jemals Indien einen sah.
Die unvergleichliche Herrscherin blickte schweigend und voll Verwunderung den Bramen an.
Er aber redete ferner und sprach: Blumen weihete ich dir, als noch auf deinem schönen Antlitz der jugendliche Glanz ungetrübter Freuden blühete. Aber Brama hat dir Leiden gesendet; ich sehe deine Wange umhaucht von der Blässe des stillen Kummers; ich wußte, daß du mit Thränen den Tag deiner Geburt begrüßen würdest. – Schönen Seelen sind sie ein Thau des Himmels, der ihre Blüthe vollendet. – So heiliget Brama seine Lieblinge! Siehe, darum bring‘ ich dir nun das Edelste, was die Natur erzeugt.
So sprach der Brame und setzte mit freundlicher Ehrfurcht ein Kästchen von Ebenholz zu den Füßen Sakontala. Herrlicher strahlte das edle Gestein in der dunklen Umfassung.
Da neigte die Königin ihr Antlitz und schauete auf das Kästchen und den edelen Stein, der es mit seinen Strahlen erfüllete. Und eine helle Thräne sank von ihren Wangen hernieder.
Der Bramin aber kehrt ein das einsame Thal zurück, und wandelte still und voll Wehmuth. Denn er hatte die Thränen Sakontala’s gesehn.

Parabeln
von Dr. Friedrich Adolph Krummacher
Essen, 1829

Mittwoch, 9. März 2011

Das Geschenk des Bramen


Shakuntala mit Freundinnen
Ravi Varma (1848 - 1906)
Bildquelle: Wikipedia

Erste Parabel
1806

Sakontala, die liebenswürdigste und geliebteste aller Königinnen, die jemals Indiens Thron zierten, die holde Gattin des edeln Fürsten Wikrama, feierte einstmal den fröhlichen Tag ihrer Geburt. Und die Freude erscholl in den Hütten und Pallästen des ganzen Landes, aber lebendiger und zarter tönete ihr Laut in jeglichem Herzen.

Denn das Antlitz der Königin war schön und sanft, und der Blick ihres Auges strahlte milde und lieblich, wie die Abendsonne, wenn sie hinter das Gebirge sich neiget, und den Thau und Kühlung hernieder sendet, und die Berg‘ und Thäler feuchtet von oben her.

Also war auch das Antlitz Sakontala. Darum schauten Indiens Bewohner kindlich zu der unvergleichlichen Fürstin empor mit Liebe und Dank, und brachten köstliche Gaben allerlei Art, die schönsten Gewächse des Landes, und Salben und Gold und Edelsteine; andere aber fleheten Segen von Brama.

Siehe, da trat zu der Feiernden, die sich in den Thoren der Fürstin versammelt hatten, auch ein Brame, der trug in seinen Händen ein Körblein von Binsen geflochten und einfaches Moos bedeckte den Rand des Körbleins.

Da sprachen die Diener des Hofes, die in den Hallen standen: Wird sich der Brame dem Glanz des Thrones nahn mit seinem Körblein von Binsen geflochten und mit kräuslichem Moose verbrämt? …

Aber der Brame nahete sich freimüthig und stellete das Körblein zu den Füßen Sakontala und sprach: Siehe du freundliche Herrscherin und Mutter deines Volkes, diese Binsen des Körbleins, und das zarte Moos der Hügel, und diese einfachen Blümchen sind jenem fernen Thale an der äußersten Gränze deines großen Gebiets entsprossen, wo dein Fuß wandelte, als noch der erste Lenz des Lebens dir lächelte.

Also redete der Brame, und das Körblein stand zu den Füßen Sakontala.

Da neigte die Königin ihr Antlitz und schaute auf das Körblein und auf die Blümchen, die es erfülleten. Und sie lächelte hernieder voll Anmuth auf die Blumen des Thales ihrer Jugend. –

Der Brame aber kehrte in das einsame Thal zurück und die Herrlichkeit des Feldes dünkt‘ ihm schöner. Denn er hatte das lächelnde Antlitz Sakontala gesehen.

Friedrich Adolph Krummacher
aus: Parabeln
Essen, 1829

Montag, 7. März 2011

Parabel

Einst winkte Zeus aus seinen Wolkenhöhen,
Und goldgelockt trat Hymen vor ihn hin,
geh, nimm die Herrschaft über alle Ehen,
Mach‘, daß die Liebenden sich nimmer fliehn.
Der Gott enteilt zum Bruder mit dem Bogen,
Erzählt, was ihm der Herr geboten hat,
Ach, oft hast du mich Armen schon betrogen,
ich bitte nur dich, schaff mir diesmal Rat.

Und Amor sprach: Ich will die Ketten binden,
Die ewig fesseln, was sich einmal fand;
Selbst ging er hin, das feste Band zu winden,
Von Rosen wand der kleine Gott das Band.
Ach, legtest du nur damals ab die Binden,
Am Rosenband blieb mancher Dorn zurück,
Drum konnt‘ ich nie ein trautes Pärchen finden,
Dem einmal nicht ein Dorn getrübt das Glück.

Wilhelm Hauff
(1802 - 1827)

Sonntag, 12. Dezember 2010

Die Parabel von der Schneeflocke





»Ich lass mich fallen«, sagte der Wassertropfen in der Wolke. »Ich bin es Leid nur ein kleines Glied in dieser riesigen Ansammlung von Wasser zu sein. Ich sehne mich danach, ganz nur mir zu gehören und mein eigenes Leben von dem der anderen zu unterscheiden.«

Der Tropfen löste sich aus der Wolke und mit ihm viele andere, die das gleiche Begehren hatten. Da es kalt war, gefror der Tropfen zu einem wunderschönen Stern aus feinen Eiskristallen. Langsam schwebte die Schneeflocke der Erde entgegen, genoss dabei ihre Freiheit, nahm auch die anderen wahr, die mit ihm herabschwebten, grüßte die einen und ignorierte die anderen. Sie lies sich vom Wind treiben, meinte gerade, die endgültige, absolute Freiheit erreicht zu haben, da setzte sie auf dem Boden auf. Sie kam auf andere Schneeflocken zu liegen und wieder andere legten sich auf sie, bis alle in einer dicken Schneedecke einen festen Verbund bildeten.

Immer neue Flocken kamen, der Frost tat ein übriges, und so war bald keinen Raum mehr zwischen den einzelnen Flocken. Da sehnte sich die Schneeflocke nach der lockeren Wolke zurück, in der sie so viel mehr Freiheit hatte. Doch hier auf dem Boden in der Masse der anderen, unbeweglich und eingeklemmt verlor sie bald neben dem Gefühl für den Verlust der Freiheit auch das Gefühl für sich selbst.


Horst-Dieter Radke