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Sonntag, 24. Oktober 2010

Von der Indianer Weisheit ...

5. §. Von der Indianer *) Weisheit hat uns Sendebar, oder Sandhaber, denn man findet ihn verschiedentlich geschrieben, ein Buch hinterlassen, davon ich einen alten Druck in lateinischer Sprache besitze. Der Titel heißt: DIRECTORIUM HUMANÆ VITÆ, ALIAS PARABOLÆ ANTIQUORUM SAPIENTUM: dieser ist sonder Ort und Namen des Druckers, ohne Zahlen der Blätter und Seiten, mit alten Holzschnitten in Fol. gedruckt. In der Vorrede steht, daß es eigentlich Belile ve Dimne **) heiße, aus dem Indianischen ins Persische, sodann ins Arabische, hernach ins Hebräische, und endlich ins Lateinische übersetzet worden. Dieser letztere Uebersetzer Johannes DE CAPUA, richtet seine Zueignungsschrift an den Cardinal Matthäus, in einem sehr barbarischen Lateine: so, wie es um die Erfindung der Buchdruckerkunst üblich war. Der Inhalt aber besteht in XVIII. Capiteln, aus lauter Fabeln, die der König Anastres Casri, durch seinen Leibarzt Berozias, aus Indien bekommen, als er ihn hingeschicket hatte, auf den Bergen Kräuter zu sammlen, womit man Todte auferwecken könnte. Als dieser sie nun gesammlet und zubereitet hatte, die Todten aber doch nicht auferwecken konnte; erfuhr er von den indianischen Weisen: daß man durch die Berge die weisen Männer, durch die Kräuter aber die Weisheit, wie durch die Todten die Thoren, verstehen müßte; und bekam von ihnen das Buch der Weisheit, welches er ins Persische übersetzte, und seinem Könige brachte. Diesem nun gefiel es überaus, daher er es gemein zu machen befahl. Starke hat es von neuem lateinisch übersetzet; der weise Herzog zu Würtemberg Eberhard aber, soll es ins Deutsche gebracht haben. Eine sehr alte deutsche Dollmetschung in Fol. habe ich zu Wien in einer Privatbibliothek gesehen; die aber ungemein selten gefunden wird.


Johann Christoph Gottsched
Versuch einer critischen Dichtkunst
Des I. Abschnitts II. Hauptstück
*) mit »Indianer« meint Gottsched »Inder«
**) gemeint ist: Kalila und Dimna

Freitag, 11. September 2009

Bei dieser Wendung der Anschauungen

Man sieht, bei dieser Wendung der Anschauungen mußte notwendig das Epische immer mehr in Allegorie übergehen, und so entstand nun das allegorisch-satirische Tiergedicht und die Fabel, wo die Tiere eben nur noch maskierte Menschen sind. Unter diesen neuen Tiergedichten behauptet, außer der schon erwähnten »Flohhatz« des Fischart, der Froschmäuseler von Georg Rollenhagen, unter den Fabeln die des Erasmus Alberus und des Burkard Waldis durch Frische und Lebendigkeit der Darstellung bei weitem den ersten Rang. Endlich aber fällt dieser kecke Heereszug gegen die Narrheit der Welt, da er immer matter und kurzatmiger wird, in bloße Anekdoten und Sittensprüche auseinander, wie bei Zinkgref, oder er spitzt sich zu einzelnen Epigrammenpfeilen, wie bei dem in seiner Art vortrefflichen Logau.

Joseph von Eichendorf
Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands
1. Band

Samstag, 27. Dezember 2008

Die Fabeln des Pilpay (1)

6. §. Die Fabeln des Pilpay sind mit den vorigen fast einerley, nur die Ordnung und Einrichtung ist etwas anders. Hier ist 1. des Königs Dabschelin und Pilpays Historie nebst fünf Fabeln. Hernach kömmt das Werk selbst in 4 Capiteln. Das erste zeigt durch sechs und zwanzig Fabeln, wie man sich vor Schmäuchlern und Verläumdern zu hüten habe. Im II. sieht man in zehn Fabeln, was es mit boshaften Staatsbedienten endlich für ein Ende nehme. Das III. lehret in 8 Fabeln, wie man sich gute Freunde erwerben könne, und was ihr Umgang nütze. Endlich zeiget das IV. durch zwölf Fabeln, daß man seinen Feinden nie trauen dörfe. Ob wir eine deutsche Uebersetzung davon haben, weis ich nicht. An französischen fehlt es nicht. La Motte hat in der Vorrede zu seinen Fabeln nicht gar zu vortheilhaft davon geurtheilet; aber ihm vieleicht unrecht gethan. Bey den Alten muß man nicht alles so genau nehmen; gesetzt, daß die Allegorie nicht jederzeit ganz richtig wäre. Pilpay soll ein Bramin, oder Brachman gewesen seyn, der unter dem Könige Dabschelin, das Ruder der Staatsgeschäffte in Händen gehabt. Dieser hätte nun alle seine Weisheit in dieß Buch geschlossen, und die Könige von Indien hätten es als einen Schatz aller Einsicht und Gelehrsamkeit aufbehalten; bis der persische König Anuservan davon gehöret (so nennet ihn Huetius, in seinem Tr. vom Ursprunge der Romane), der es durch seinen Leibarzt übersetzen lassen. Der Kalife Abujafar Almansor hätte es ins Arabische bringen lassen, daraus er abermal ins Persische übersetzet worden. Wenn indessen dieser An uservan der König Chosroes ist, der um Kaiser Justinians Zeiten gelebet hat: so ist diese Sammlung von Fabeln bey weitem so alt nicht, daß sie dem Aesopus vorgezogen zu werden verdiente.

Johann Christoph Gottsched
Versuch einer critischen Dichtkunst,
Des I. Abschnitts II. Hauptstück

Freitag, 28. November 2008

… die rechten Fabelschreiber

4. §. Doch wir müssen näher auf die rechten Fabelschreiber kommen. Unter den Persern ist Lockmann berühmt geworden, ja sein Ruhm ist bis nach Indien, Aegypten und Nubien gedrungen. Die heutigen Türken kennen ihn, und setzen ihn in Davids Zeiten: worinn sie sich aber, wenn er wirklich Aesopus gewesen seyn sollte, etwan um drey bis 400 Jahre irren. Man hat diese Fabeln auch in heutigen abendländischen Sprachen. Strabo erzählet, die Lehrer unter den Persern pflegten ihren Schülern die Sittenlehre in Erdichtungen vorzutragen. Cyrus, der Stifter ihrer Monarchie, erzählet beym Herodot den Gesandten der Ionier und Aeolier eine Fabel. Indessen ist sehr zu vermuthen, daß dieser Lockmann eben der phrygische Aesopus sey, den fast jedes Volk sich hat zueignen wollen. Die Araber geben vor, er sey von hebräischem Geschlechte gewesen; die Perser halten ihn für einen Aethiopier, welches denn die Etymologie des Namens Aesopus (AETHIOPS) zu bestätigen scheint. Sein Leben, welches Mircond beschrieben hat, kömmt sehr mit des Planudes Leben Aesops überein. Jenem, dem Lockmann, geben Engel die Weisheit; im Philostratus muß Mercur dem Aesop die Fabel eingeben. Kurz, die orientalischen Völker sagen, die Griechen hätten ihnen den Lockmann gestohlen, um ihren Aesop daraus zu bilden. Adam Olearius hat jenes Fabeln verdeutschet, und am Ende des persischen Rosenthals angehänget: Erpenius aber hat sie aus dem Arabischen ins Lateinische gebracht.

Johann Christoph Gottsched
Des I. Abschnitts II. Hauptstück.
Von äsopischen und sybaritischen Fabeln,
imgleichen von Erzählungen

Dienstag, 18. November 2008

Gottsched aber entgegnet…

Quelle: Wikipedia

Gottsched aber entgegnet: das sei ja eben das Preiswürdige bei der Sache! die Vernunft sei gottlob geläutert bei uns und die ausschweifende Einbildungskraft in ihre Schranken gewiesen; das habe den Fall Lohensteins bewirkt und dauerhafte Schönheiten dafür zuwege gebracht. Er spricht von den »Teufeleien des Tasso«, von den »abgeschmackten Hexereien des Shakespeare«, verwirft Oper und Kantate, »weil der Verstand dabei nichts zu denken habe«, er will, dass die tragische Schreibart stets »auf Stelzen, die komische barfuß gehe«, und weiß, in völliger Impotenz der Phantasie, die Fabel nur durch den lahmen Gelehrtenwitz zu retten, daß man voraussetzen müsse, die Bäume und Tiere, die da reden, hätten vielleicht in einer anderen Welt Verstand und Sprache. – Mit einem Wort: Bodmer verfocht volkstümlich die aufstrebende Gelehrtenrepublik; Gottsched den literarischen Absolutismus.

Joseph von Eichendorff
Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands
1. Teil

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Die Fabel, so nächst dieser die älteste ist …

3. §. Die Fabel, so nächst dieser die älteste ist, steht im II. Buche Samuels im 12ten Cap. und Nathan erzählete sie dem Könige David. War die obige aus dem Reiche der Bäume genommen: so ist diese von der zweyten Gattung, und hat lauter menschliche Personen; weil nämlich die Schafe, so darinn vorkommen, nichts reden, oder handeln. Von eben der Art ist die dritte, des klugen Weibes zu Thekoa, die im 14ten Cap. desselben Buches steht: und diese wollen einige Neuere lieber Erzählungen (CONTES) nennen; weil es nämlich mehr Anschein hat, daß sie wohl geschehen seyn könnten. So liefert uns denn die Schrift selbst ältere Muster von äsopischen Fabeln und Erzählungen, als die äsopischen sind: gesetzt, daß Aesopus, wie einige Gelehrte meynen, mit dem Assaph in Davids Hofcapelle einerley gewesen wäre. Allein der ganze Orient ist in den ältesten Zeiten wegen seiner Neigung zu den Fabeln und Allegorien berühmt gewesen. Kam nicht die Königinn von Saba, den König Salomon mit ihren Räthseln zu versuchen? Erzählet uns nicht Josephus, auf desjenigen Dius Bericht, der die phönizische Geschichte geschrieben, und auf des ephesinischen Menanders Zeugniß, der die Jahrbücher der Tyrier übersetzet hatte: daß Salomon und Hiram einander Räthsel aufgegeben, und große Summen darauf gesetzet, wer sie nicht würde auflösen können? Selbst die Brachmanen, die Gymnosophisten, ja die Chineser haben in den ältesten Zeiten die Art an sich gehabt, alles in Allegorien und Erzählungen vorzutragen, was sie als gute Lehren fortpflanzen wollen. Die ältesten Römer müssen diese Art zu moralisiren auch geliebet haben, wie wir aus der Fabel des Menenius Agrippa, von dem Streite der Glieder am menschlichen Leibe sehen, womit er den aufgebrachten Pöbel besänftigte, und wieder in die Stadt brachte.

Johann Christoph Gottsched
Versuch einer critischen Dichtkunst,
Des I. Abschnitts II. Hauptstück

Sonntag, 12. Oktober 2008

Fabeln noch älter als Homer

2. §. Daß indessen die Fabeln noch älter, als die übrigen Arten der Gedichte, sonderlich das Heldengedicht seyn, ist leicht zu erweisen. Ohne Zweifel ist das Buch der Richter, wenn es gleich erst um Samuels Zeiten geschrieben wäre, älter als Homer: und in demselben finden wir schon Jothams Fabel von den Bäumen, die sich einen König gewählet. Jotham also, war unstreitig lange vorm Samuel ein Fabeldichter: und da sein Gedicht dergestalt das älteste dieser Art ist, das wir kennen: so ist es wohl werth, daß wir es hier einrücken. …

Johann Christoph Gottsched
Versuch einer critischen Dichtkunst, Des I. Abschnitts II. Hauptstück

Dienstag, 8. Juli 2008

Was eine Fabel sey …

1. §. Was eine Fabel überhaupt sey […]: Sie ist eine erdichtete Begebenheit, welche erfunden worden, eine gewisse Sittenlehre darunter zu verbergen, oder vielmehr durch sie desto sinnlicher zu machen. Wir haben auch schon gewiesen, daß sie zweyerley sey; nachdem man entweder Pflanzen und Thiere, oder vernünftige Wesen darinn redend oder handelnd einführet. Hier aber muß ich noch die dritte Art hinzusetzen, darinnen man allegorische Personen dichtet, oder solchen Dingen ein Wesen und Leben giebt, die entweder ganz leblos sind, oder doch nur den Gedanken der Menschen ihr Daseyn zu danken haben: wie sichs hernach deutlicher zeigen wird. Diese Gattung nebst der ersten von Thieren, kann man eigentliche Fabeln oder Mährlein nennen; diejenigen aber, worinn lauter vernünftige Wesen, denkend, redend, und wirkend aufgeführet werden, pflegt man auch wohl Erzählungen zu heißen. Sie ändern aber darum ihre Natur nicht, und bleiben allemal erdichtete Begebenheiten, die ihre Sittenlehre bey sich führen. Menget man aber Thiere und Menschen, oder leblose und allegorische Personen, mit Geistern oder wirklich denkenden Wesen zusammen: so entstehen daraus vermischte Fabeln.

Johann Christoph Gottsched
Versuch einer critischen Dichtkunst, Des I. Abschnitts II. Hauptstück