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Donnerstag, 30. Mai 2019

Die Fabel in der Fotografie

Dass die Fabelwelt auch fotografisch dargestellt werden kann, zeigte eine Ausstelung im Pariser Musée de la Chasse et de la Nature im Jahr 2008.

Sonntag, 21. April 2013

Krieger, Barde und Taugenichts (3)



Gramgebeugt war der Baron, als er dies vernahm. Hatte er doch nun alle seine Söhne verloren. Und voller Entsetzen war der König, denn es waren nun nur noch drei Monate Zeit von der Jahresfrist verblieben.
Da trat aus dem Dunkel einer Ecke des Thronsaals ein Pferdeknecht hervor und kniete vor dem König nieder. Jung war er und hübsch, und seine Hände zitterten, als er sprach: »So erlaubt, edle Herren, daß ich losziehe, meine Brüder und die Prinzessin zu retten.« Solcherart waren seine Worte.
Da erst erkannte der Baron seinen jüngsten Sohn, der all die Zeit am Hofe des Königs als Knecht gedient hatte. Und Tränen standen in seinen Augen, als er ihn umarmte. Um keinen Preis wollte er ihn ziehen lassen, nun, da er ihn wieder gefunden hatte.
Der Jüngling jedoch senkte bescheiden den Kopf. »Eure Liebe war alles, was mir fehlte, mein Vater. Und gar sehr freue ich mich, daß Ihr mich wieder in Eurem Herzen aufnehmt. Doch nun laßt mich ziehen, denn es sind meine Brüder, und es ist meine Pflicht gegenüber dem König.«
Und da mußte der Vater ihn wohl oder übel ziehen lassen.
Mit Pferd, Schwert und Harfe zog der Jüngling los, und knapp vor Ablauf der Jahresfrist erreichte er das kleine Dorf am Waldesrand. Gar artig fragte er nach dem Weg, und so wies man ihn zu der alten Vettel im Wald und warnte ihn auch eilends vor ihr. Hielt man sie doch für eine Hexe.
»Zwei Weiden und eine Erle, die standen am Sumpf. Die Erle wurde größer, die Weiden verfaulten am Stumpf«, hörte er schon von weitem ihren Gesang, als er in den Wald hineinritt und hielt schnurstracks auf die alte Frau zu. Als er jedoch sah, wie schwer sie an ihren Eimern zu schleppen hatte, sprang er vom Pferd und eilte zu ihr, um ihr die Last abzunehmen. Und gar mitleidig bot er ihr den Rücken seines Pferdes an, damit sie nicht laufen müsse.
So geleitete er sie zu ihrer Hütte und brachte ihr das Wasser in die Küche. Es dunkelte schon, und die Hexe lud ihn ein zu bleiben. Schon bald saßen sie am Feuer und erzählten miteinander, und der Jüngling fragte das alte Mütterchen, warum sie jeden Tag einen solch beschwerlichen Weg auf sich nehme, um Wasser zu holen.
Da klagte ihm die Alte gar bitterlich ihr Leid, von der Quelle, die ihren Lauf geändert, so daß das Bächlein, das aus ihr entspringt, nun Stunden von ihrem Haus entfernt verliefe. Wiewohl doch nur einer in die Höhle am Berg klettern müsse, um den Stein dort zu entfernen, damit das Bächlein wieder seinen alten Lauf nehme, direkt an ihrem Hause vorbei.
Mitfühlend lauschte der Jüngling ihren Worten und schließlich konnte er nicht anders, als ihr helfen, obschon die Zeit bis zur Jahresfrist recht knapp bemessen war. So ritt er zum Berg und kletterte in die Höhle hinein auf der Suche nach dem Stein. Und als er diesen löste, blendete ein Licht seine Augen und Wasser sprudelte hervor und lief über seine Füße.
Als er schließlich die Augen wieder öffnete, stand eine durchscheinende Gestalt vor ihm, die mit der Stimme der alten Frau zu ihm sprach: »Habt Dank, daß Ihr den Fluch von mir genommen habt. Grausam war ich den Menschen gegenüber, so mußte ich jemanden finden, der aus Mitgefühl mir zu helfen bereit war und meinen wahren Geist aus der Quelle entließ. Drei Wünsche seien Euch deshalb gewährt. Doch wählt gut und entscheidet weise!«
»Ach«, seufzte der Jüngling eingedenk seiner knappen Zeit. »Ich wünsch mir nur, daß ich rechtzeitig vor Jahresfrist, die Burg erreichen würde, wo meine Brüder und die Prinzessin gefangen gehalten werden.«
»So sei es«, antwortete die Fee und verschwand, während der Jüngling augenblicklich in tiefen Schlaf versank.
Als er wieder erwachte, stand er mit seinem Pferd direkt vor den Toren der Burg, und es war der letzte Tag vor Ende der Jahresfrist. So erfüllte sich des Jünglings erster Wunsch.
Bereitwillig gewährte man ihm Eintritt, und der dunkle Herrscher lachte, als er den schlanken Jüngling sah, der als letzter gekommen war, ihn herauszufordern.
»So wollt auch Ihr mich fordern«, fragte er.
Der Jüngling nickte und erwiderte seinen Blick. »Wie von Euch gewünscht, fordere ich Euch vor Ablauf der Jahresfrist zum Zweikampf«, sagte er. »Sollt´ ich also gewinnen, so gebt meine Brüder und die Prinzessin frei. So ich aber verliere, gehört mein Leben Euch.«
»So werdet Ihr mein Sklave sein, wenn Ihr den Kampf verliert«, stimmte der dunkle Herrscher wohlgemut zu.
Und der Jüngling nickte stumm und ergeben, denn er sah seinen ältesten Bruder, beschwert mit Ketten, wie er Steine trug, und er sah seinen zweiten Bruder voller Schlamm und Dreck im Schweinestall der Burg.
Seines Sieges sicher baute sich der dunkle Herrscher vor ihm auf. Da zog der Jüngling sein Schwert, und ein Stoßseufzer kam über seine Lippen. »Ach, wenn ich doch nur diesen einen Kampf gewinnen könnte, damit meine Brüder und die Prinzessin frei würden.«
Dann klirrten die Waffen. Nur ein einziges Mal trafen ihrer beider Schwerter aufeinander, da geschah es, daß der Usurpator sein Schwert verlor, so daß der Jüngling das seine dem Gegner zum Zeichen des Sieges an den Hals setzen konnte. So erfüllte sich der zweite Wunsch des Jünglings.
Besiegt senkte der dunkle Herrscher den Kopf. »Was immer Ihr wünscht, es soll Euer sein«, knirschte er wütend. Aber bei sich dachte er: »Wenn er die Freigabe seiner Brüder und der Prinzessin wünscht, so soll er ihre toten Körper haben. Denn niemand wird mich besiegen!«
Der Jüngling jedoch dachte daran, wie seine Brüder betrogen worden waren und daran, wie sein Vater ihn verstoßen hatte, und senkte sein Schwert. »Ach«, sagte er dann, »das, was ich mir am meisten wünsche, könnt Ihr mir nicht geben. Denn ich wünscht´ mir nur, daß alle Menschen unserer beider Lande ehrlich zueinander sind und sich liebten und gegenseitig respektierten.«
Und so geschah es, daß der dritte und letzte Wunsch des Jünglings in Erfüllung ging.
Denn wie verwandelt erhob der dunkle Herrscher sich wieder und klopfte dem Jüngling auf die Schulter. »Seid mein Gast«, sagte er. Und sofort ließ er die beiden älteren Brüder befreien und waschen und neu einkleiden. Auch die Prinzessin ließ er rufen, und er veranstaltete ein großes Fest, bevor er die drei Brüder und die Prinzessin endlich ziehen ließ.

Groß war die Freude am Hofe, als die vier dort eintrafen. Hatte doch jeder schon das Land in der Hand des Feindes gewähnt. Der jedoch verhieß nun Frieden, und solange er lebte, stand er dem kleinen Königreich tapfer und treu zur Seite. Gute Zeiten sollten für das kleine Land anbrechen.
Der König schließlich war höchst erfreut über seinen wohlgeratenen und tapferen Schwiegersohn und richtete alsbald die Hochzeit aus, wiewohl seine Tochter den jungen Mann gar über alle Maßen liebte. Schon bei der Hochzeit dankte der alte König ab und überließ die Geschicke des Landes dem jungen Paar. Und der Jüngling ward der beste König, den das Land je hatte, denn er regierte mit Mitgefühl und Ehrlichkeit und hatte für jeden ein offenes Ohr. Sein ältester Bruder aber wurde zu seinem Leibgardist und der zweitälteste zu seinem Barden. Und gar oft lauschte der junge König dem alten König, und seiner Frau, der Prinzessin, sowie seinem Vater, dem Baron, um sich gute Ratschläge bei ihnen zu holen.
Denn um ein guter König zu sein, bedarf es nicht des Könnens eines Kriegers oder der glatten Zunge eines Barden - nur der Weisheit und Güte bedarf es, und über die verfügte der jüngste Sohn des Barons über alle Maßen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute...

Petra E. Joerns

Freitag, 13. Juli 2012

Vom Fuchs und dem Bock

Ein Fuchs und ein Bock sprungen vor Durst in einen Brunnen / damit sie trincken möchten / nachdem sie aber getruncken hatten / kunten sie nicht wieder heraus / wie wohl sie es auf allerhand Weise versuchte; da sprach der Fuchs zum Bock / mein Freund / sey gutes Muths / es ist mir ein unfehlbares Mittel eingefallen / durch welches wir aus disem schlimmen Ort kommen mögen. Du must dich mit deinen fodern Füssen an die Maur spreitzen / und ich will auf deine Schultern / und hernach herausspringen / so bald aber ich draussen seyn werde / will ich dich auch heraus ziehen. Der Bock trauete dem Rath des Fuchses / und thäte / wie er ihm gesagt hatte. Da der Fuchs sich frey sahe / fieng er an vor Freuden um den Brunnen zu springen und zu tanzen / und spottete des Bocks / bekümmerte sich auch wenig ihn heraus zu ziehen / deßwegen ihn der Bock einen Betrüger und Treulosen schalte / weil er ihm die gegebene Parole nicht gehalten. Aber er antwortete ihm; O du guter Bock / wann du so viel Hirn im Kopffe hättest / als Haare du im Barte hast / wärest du nicht hinunter gesprungen / wan du nicht vorher wohl betrachtet / wie du wieder heraus kommen köntest.

Lehre
Ein Mensch soll nichts vornehmen / er habe dann vorher das End betrachtet.

Autzerlesene Fabeln

Aus dem Frantzösischen in das Italienische durch den Herrn de Veneroni, Sprach-Meistern zu Paris: Und dann durch Herrn Balthas Nickisch, Sprach-Meistern zu Augspurg ins Teutsche übersetzt. Alles mit Kupffer-Stücken bey einer jeden Fabel ausgezieret: der Sprach-liebenden und Kunst-geneigten Jugend zu nützlicher Ergötzlichkeit
Zu Augspurg bey Johann Ulrich Krauß, Burger und Kupfferstecher daselbst, 1718

Mittwoch, 30. Mai 2012

Eine fabelhafte Entdeckung


Ich wollte mir die Ausstellung von Otto Modersohn und seiner dritten Eherfrau Louise Modersohn-Breling ansehen. Wir leben schon so lange hier und hatten nie Zeit dafür gefunden. Da ich Kopfschmerzen hatte und nur so halbgar vor mich hingearbeitet habe, dachte ich mir gegen Mittag, besser ist, ich schau mir was schönes an. Also ins Auto gesprungen, nach Wertheim gefahren, ins Grafschaftsmuseum gegangen, brav die Modersohn-Ausstellung aufgesucht und die Bilder angeschaut. Nett. Teilweise auch schön. Aber beeindruckt war ich nicht. In die anderen Säle habe ich nur kurz reingeschaut. Die Kopfschmerzen waren weg und ich wollte wieder heim. Vorher kaufte ich mir noch ein Heft über die Ausstellungen des »Schlösschen im Hofgarten« (auch in Wertheim) und kam mit der Dame an der Kasse ins Gespräch. Aus einem Nebensatz entnahm ich, dass es auch noch Karikaturen gab.

»Die nehm ich noch mit«, sagte ich und ließ mir den Weg zeigen. Als ich die Federzeichnungen von den Futterer-Brüder sah, war ich hin und weg. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Teilweise sahen die wie Fotografien aus und man musste näher rangehen um sie als Federzeichnung zu identifizieren. Besonders ein Frauenkopf hatte es mir angetan. Bekannt wurden die Brüder Futterer durch ihre Karikaturen für die Satirezeitschrift Meggendorfer Blätter (1889 - 1928) Allerdings gibt das Wort »Karikatur« nicht wirklich wieder, was sie da abgeliefert haben. Mit schnell hingeworfenen Strichen etwas zu überzeichnen, was viele Karikaturisten machen, war die Sache August Futterers nicht. Deutliche gezeichnete Linien, Licht- und Schattenkontraste, exakte und nicht oberflächlich ausgeführte Schraffuren unterschiedlichster Art, mit der feinste Grauabstufungen erzeugt werden konnten - all dies ließ diese Karikaturen nahe an eine Fotografie herankommen. Seine Maxime »Was ist, das ist auch darstellbar« wird so ohne weitere Erläuterung deutlich.

Die Ölbilder Josef Futterers fand ich um Klassen besser als die von den Modersohns. Ein Freund des Malers dichtete mal zu seinem Geburtstag

Futterer Josef – München - Kunst
Maler, self-made-man, viel Dunst.
Pfälzer Bauern - warm und kalt
Je nach Ausdruck - jung und alt,
sind's für die die blauen Lappen
Kunstmäzene gern berappen.
Eigenart'ger Lichteffekt
ist's was Futterer bezweckt,
DER und große Farbverschwendung
Zeigen eine Kunstvollendung.
Erst fragt man sich, was soll's sein?
Endlich dämmert's: Ah wie fein
Ausgedrückt im flotten Sitl
Was der Künstler sagen will


Genau so - irgendwo im Impressionismus ist er angesiedelt, wenn er nicht gerade mit der Feder zugange war.

Ich wollte gar nicht wieder weg - aber das Museum machte schon um 16:30 Uhr zu. Also kaufte ich schnell noch ein Heft über die Futterers, was gut war, denn die Infos über die beiden sind dünn gesät. Selbst bei Wikipedia nur zwei kleine Einträge. In Würzburg soll in der Städtischen Galerie einiges von den Futterern vorhanden sein, da muss ich demnächst mal hin. Und wenn ich wieder mal in München bin, weiß ich, dass ich auch dort in den verschiedenen Ausstellungen (Lenbachhaus, Stadtmuseum, Städtische Galerie) nach Bildern der Futterers fahnden kann.

Horst-Dieter Radke

Dienstag, 29. Mai 2012

Leib und Seele


Einst entzweiten sich Leib und Seele; und zwar so heftig, daß diese ienen auf einige Zeit ganz verließ. Nach Verfluß eines ziemlichen Raums kam sie wieder, um zu sehn, wie er sich befinde; und fand ihn sehr feist und aufgedunsen.

»Siehst du? rief er ihr schon weitem entgegen: Du glaubtest, dein Außenbleiben würde mich verzehren; und es bekömmt mir sowohl, daß ich noch um eins so viel indessen zugenommen habe.«

Unglücklicher! versetzte sie: und du merkst nicht, daß diese Geschwulst ein sichrer Bote baldiger Vernichtung, diese Dicke nicht Gesundheit, sondern Wind und Spuren angehender Fäulniß sey? Nicht äusrer Umfang, sondern innre Kraft ist Vorzug und bürge des Lebens.

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Der Teufel und der Bauer

Johannes Vorster:
Hugo von Trimberg "Der Renner"
Bildquelle: Wikipedia

Den Teufel hat einmal ein Bauer schön dran gekriegt und zum Narren gehabt. Wenn ihr die Geschichte hören wollt, so will ich sie euch erzählen. – Dieser Bauersmann war eines Tags bis zum späten Abend noch beschäftigt mit dem Anbau seines Ackers, und mit der Aussaat des Weizens. Wie er nun zuletzt – es war schon dunkel – sich rüsten will zur Heimfahrt, da erblickt er plötzlich mitten auf seinem Acker eine feuerrothe Stelle, wie von glühenden Kohlen. Er geht hinzu, und sieht da ein kleines Teufelein sitzen auf dem Gluthhaufen. Der sagt zu ihm: »Du sollt diesen Schatz haben, und er soll dein werden, wenn du mir jährlich die Hälfte von dem gibst, was dir dein Acker hervor bringt und einträgt.« – Der Bauer meinte: auf so einen Pakt könne er sich einlassen, und er dachte wohl sogleich daran, wie er den dummen Teufel überlisten werde. Er sagte daher, und schlug ein: »Topp! Ihr sollt die Hälfte haben von allem, was ich baue. Und damit kein Streit zwischen uns entstehe bei der Theilung, so soll euch alles gehören, was unter der Erde ist, und mir, was über der Erde ist.« Dem Teufel war dieß ganz recht; denn er hatte gesehen, wie fast alles Saatkorn unter die Erde geegget worden; und so, dacht' er, könne es ihm nicht fehlen. – Als nun die Ernte herbei kam, so erschien der Bauer mit seinen Leuten, und anderseits auch der Teufel mit seinen Gesellen. Jene fingen an, das Korn zu schneiden, und diese rauften fein die Stoppeln aus der Erde. Der Bauern drosch sein Korn auf der Tenne aus, worfelt's, lud's in Säcke, und führt's zu Markt, wo er's theuer verkaufte. De Teufel ebenfalls, setzte sich neben dem Bauer auf dem Markt hin, und bot da seine Stupfeln feil; niemand aber kaufte ihm sein Zeug ab, sondern er ward vielmehr von den Marktleuten brav ausgelacht und heim geschickt. Als der Markt zu Ende war, so sprach der Teufel zum Bauern: »Hör, Kujon! dieß Mal hast du mich betrogen; ein ander Mal gelingt dir's nicht. Bei der nächsten Aussaat und Ernte wollen wir die Sach umkehren; ich nehm', was über der Erde ist, und du kriegst, was unter der Erde ist. So geht's gleich auf.« Dem Bauern war das auch recht, und er sagte: Wie Ihr wollt, Herr Teufel, also gescheh' es. – Der Bauer säete nun auf seinem Acker Rübsamen aus, der sein gutes Gedeihen und Wachsthum hatte. Als nun die Zeit der Ernte gekommen, so erschien sogleich der Teufel mit seinen Helfern, und schnitten gar emsiglich die Rübenblätter ab, vom Boden weg, und sammelten sie ein. Hinter ihnen grub der Bauer gemächlich die Rüben aus, lud's in Säcke, und führt's nach Haus. Beim nächsten Markt verkaufte der Bauer seine Rüblein um guten Preis; der Teufel aber lösete für sein Blättericht nichts. »Ich seh wohl, Lump, sprach drauf der Teufel zum Bauern, daß du mich wieder betrogen hast. Weißt du was? um der Geschichte ein End zu machen, so wollen wir einen Pakt eingehen: wer am meisten Hitz und Schwitz aushalten kann, der soll des andern Theil gewinnen, ich dein Feld, du meinen Schatz.« Der Bauer sprach: »Drauf will ich's ankommen lassen. Kommt nur gleich! Wir lassen des Baders Badstüble heizen, so lang der Ofen halten mag. Ein Schwitzbad thut mir ohnehin schon längst Noth.« Sie gingen also beide ins heiße Badstüblein. Der Teufel setzte sich frischweg hinter den Ofen, auf die Hölle; der Bauer dagegen hielt sich nahe am Fenster, durch welches ein Lüftlein herein strich; denn es war drinnen doch gar zu mörderisch heiß. Zuletzt konnte er's schier nicht mehr aushalten; er suchte daher am Fenster eine Scheibe auszulösen, um etwas Luft zu bekommen. Da fragte ihn der Teufel: Was machst du denn dort? was treibst du, Kalfakter? Der Bauer antwortete: »Ich vermache und verstopfe nur hier die Löchlein und Ritzlein all, durch welche die Luft herein dringt. Sonst kann's ja nicht warm werden im Stüble. Mich friert wenigstens noch. Wie ist's Euch?« »Daß du in der tiefsten Höll' bratest, du verdammter Racker!« – sagte der Teufel voll Zorn; und indem er sich für überwunden hielt, nahm er sogleich Reißaus durchs Kamin, und ließ sich vor dem Bauern nimmer sehen. –

»Hat also der Bauer den Schatz richtig gekriegt?« fragte Fritz. »Darüber magst du ihn selbst fragen,« antwortete der Vater.

Ludwig Aurbacher
Ein Büchlein für die Jugend
Stuttgart/Tübingen/München 1834

Samstag, 10. Dezember 2011

Samstag, 20. August 2011

Das Einhorn

Dame mit Einhorn
Barbara Longhi (1552 - 1638)
Bildquelle: Wikipedia

Am 22. September des Jahres 1659 haben die Schanzenarbeiter vor dem Bockenheimer Thore am Fundamente der äußersten Stadtgrabenmauer gearbeitet und dort ein Einhorn, fünf Werkschuhe lang, etliche Klafter tief in der Erde ausgegraben, allein da sie aus Unverstand nicht gewußt, was solches für ein Horn gewesen, haben sie solches mit Hämmern und Pickeln zerhauen, da dann ein Jeder ein Stücklein davon haben wollen und ist in Folge davon dieses schöne Stück zertheilt und gleichsam vernichtet worden. Die Herrn Medici und Materialisten haben etliche solche Stücke probirt und für köstlich befunden und darum haben auch die Apotheker wahrscheinlich solche von den Arbeitern um theures Geld gekauft. Vermuthlich hat auch die Frankfurter Apotheke »zum Einhorn« ihren Namen davon bekommen.

Johann Georg Theodor
Sagenbuch des preußischen Staates
Zweiter Band, Frankfurt und Umgegend 1779

Dienstag, 9. August 2011

Werwölfe in der Heide

Lucas Cranach
(Bildquelle: Wikipedia)

In Lachendorf hatte ein Bauer einen Knecht; der lag mit einem andern Knecht auf der Wiese hinterm Busch, und sie hielten Mittagsruhe. Da schlief der zweite Knecht beinahe ein, aber er blinzelte doch mit den Augen und sah, wie der andre Knecht einen ledernen Gürtel umtat und sich in einen Werwolf verwandelte, darauf fortlief, ein junges Füllen, das unten auf der Wiese graste, anfiel und fraß mit Haut und Haar. Wie er nun zurückkam, legte er sich neben den andern Knecht, der noch tat, als wenn er schliefe. Wie die Zeit um war, standen sie beide auf und mähten bis es Abend war. Darauf gingen sie zusammen nach Lachendorf, und unterwegs sagte der eine Knecht zum Werwolf: ich möchte mich doch nicht an lebendigem Pferde satt fressen. – Das hättest du draußen nicht sagen sollen, es wäre dir übel ergangen, sagte der Werwolfsknecht. Ein andermal stand der Knecht wieder von der Mittagsruhe auf, tat seinen Gürtel um und lief davon, aber da verfolgten ihn die Knechte, hetzten die Hunde auf ihn und schlugen ihn tot, weil er ein Werwolf war.
Die Menschen verwandeln sich in Werwölfe, indem sie einen Gürtel umlegen, und dann stehlen sie den Leuten allerlei. Den Knechten, die Korn auf dem Rücken tragen, nehmen sie das Korn ab. Ruft man einen Werwolf bei seinem menschlichen Namen, wenn man ihn nämlich weiß, so muß er so lange laufen, bis er umkommt.
 
Sage aus Niedersachsen

Freitag, 11. März 2011

Das Grab

Brahma
Bildquelle: Wikipedia
Dritte Parabel

1814

Still und voll Wehmuth wandelte der Brame in seinem einsamen Thale und gedachte der geprüften duldenden Fürstin, siehe, da erhob sich von neuem ein furchtbarerer Krieg. Der gewaltige Verderber brach auf von Abend her mit seiner wilden Heerschaar, das Land gegen Morgen zu verwüsten. Und was er mit Schmach und Hohn begann, gelang ihm, aber die Menschheit erseufzte.
Da flehete der Greis Tag und Nacht zu Brama für Wikrama den Gerechten und für Sakontala, die holdselige Fürstin. Aber sein Gebet ward nicht erhört, und das Getümmel des Krieges wälzte sich wie ein Strom bis an das Thal des Braminen, und das Land erlag unter der Geißel des Drängers.
Da floh der Brame trauernd in das wilde Gebirg‘ und wohnte zwischen den Felsen und verschmähete, ein menschlich Antlitz zu schauen. Denn seine Seele war voll Gram und wünschte zu sterben.
Aber sein Wunsch ward nicht erfüllt und er wohnete einsam zwischen den Felsen mehrere Jahre lang. Plötzlich erscholl ringsumher aus der Ferne ein freudiges Getön von Siegesjubel und Friedensgesängen mit Cymbeln und Drommeten.

Da neigete sich der Greis mit seinem Angesicht zur Erde und betete an, stand auf und salbte sein Haupt und sprach: Ehe denn ich sterbe, muß ich den Sieg der Gerechten und das Antlitz der Königin schauen!
Darauf füllte der Brame von neuem sein Körbchen mit den schönsten Frühlingsblumen des Thals und bedeckt‘ es mit den jungen Sprößlingen des Oel- und Palmbaums und dem duftenden Laube der zarten Mirte. Nun wandte er eilends sein Angesicht zur Königsstadt, und wandelte schweigend zwischen den jauchzenden Schaaren des Volkes.
Als er nun in die Thore des Palastes trat, da erheiterte sich das Angesicht des Greises, und er that seinen Mund auf und sprach zu den Dienern des Königs: Geleitet mich zu der Königin, daß ich mein Opfer ihr bringe Ich habe seit sieben Jahren die Welt nicht gesehen.
Da er diese Worte geredet, sahen die Diener ihn an, und sie verstummten und weinten. Der Brame aber sprach: Was weinet ihr, und wie ist euer Angesicht verwandelt?
Da antworteten die Diener und sprachen: Bist du denn ein Fremdling auf Erden, daß du allein nicht weißt, was geschehen ist? – Und sie führten ihn zu dem Grabe der Fürstin. Siehe, sprachen sie, ihr Herz ist gebrochen! – Und sie vermochten nicht mehr zu reden und weineten.
Da verklärte sich das Angesicht des Greises, und sein Auge glänzte wie eines Jünglings, und er erhob sein Haupt und sah auf gen Himmel und sprach: Seh‘ ich nicht Brama’s Thron und den Glanz des ewigen Lichtmeers, das ihn umschwebet! Und Sakontala ruhet vor ihm auf des Morgenroths duftigem Gewölk und blicket hernieder. – Des versöhnten Vaterlandes reinstes Opfer strahlet sie nun als Priesterin des himmlischen Friedens – Verklärte, sieh, auch jetzt noch weih‘ ich dir die irdischen Blumen. –
Darauf schwieg der Greis und neigte sein Angesicht über das Grab und die Blumen. Da erhob sich ein lindes Säuseln; und Brama lösete seine Seele.

Parabeln
von Dr. Friedrich Adolph Krummacher
Essen, 1829

Donnerstag, 10. März 2011

Der Edelstein

Sakuntala schaut zurück
Raha Ravi Varma (1848 - 1906)
Bildquelle: Wikipedia

Zweite Parabel

1807

Sakontala, die schönste und liebenswürdigste unter den Königinnen Indiens, feierte den Tag ihrer Geburt mit Thränen und stillem Gebet zu Brama. Denn es hatte ein furchtbarer Krieg das Land verheert, und der Herrscher Indiens, ihr Gemahl, war ferne von ihr im Gewühl der Schlachten. Aber, was ihren Schmerz noch herber machte, viele der Getreuen des Landes waren im Streit gefallen, und andere Diener des Königs, obwohl er sie mit Wohlthaten und Ehre gekrönet hatte, waren abtrünnig und in dem Undank und der Feigheit ihres Herzens offenbaret worden zur Zeit der Gefahr. Darum weinete Sakontala im Stillen und der Tag ihrer Geburt war ihr wie ein Tag des Todes.
Da trat der dienenden Frauen Eine herein zu der traurenden Fürstin und sprach: Siehe, der Brame ist da, der dir die Blumen seines Thals überreichet.
Aber Sakontala seufzte und sprach: Wie könnten Blumen mein zerrissenes Herz erfreuen und mir ein Schmuck seyn zu meinen erblaßten Wangen? - Jedoch, - sagte darauf die holde Königin - führet ihn zu mir, damit ich aus seiner Gabe erkenne, daß in meinem Kummer die Liebe treuer Einfalt mir bleibet.
Der alte Bramin kam und verneigte sein Angesicht und sprach: Siehe du freundliche Herrscherin und Mutter deines Vokes, deine Leiden haben dir nicht die Herzen der Bewohner des Thals entfremdet, wo du einst wandeltest, als noch der erste Lenz des Lebens dir lächelte. Denn der Wechsel des wankelmüthigen Glückes mag die Bande treuer Liebe nicht lösen; wohl schlingt er sie fester. – Doch Blumen bring‘ ich dir nicht. Sie sind zertreten in unserm Thale, aber sie werden schöner aufblühen, wenn Brama nach dem Sturme den Lenz hernieder sendete. Ich bringe dir das Köstlichste, was unser Thal erzeugte - einen Edelstein, so schön als jemals Indien einen sah.
Die unvergleichliche Herrscherin blickte schweigend und voll Verwunderung den Bramen an.
Er aber redete ferner und sprach: Blumen weihete ich dir, als noch auf deinem schönen Antlitz der jugendliche Glanz ungetrübter Freuden blühete. Aber Brama hat dir Leiden gesendet; ich sehe deine Wange umhaucht von der Blässe des stillen Kummers; ich wußte, daß du mit Thränen den Tag deiner Geburt begrüßen würdest. – Schönen Seelen sind sie ein Thau des Himmels, der ihre Blüthe vollendet. – So heiliget Brama seine Lieblinge! Siehe, darum bring‘ ich dir nun das Edelste, was die Natur erzeugt.
So sprach der Brame und setzte mit freundlicher Ehrfurcht ein Kästchen von Ebenholz zu den Füßen Sakontala. Herrlicher strahlte das edle Gestein in der dunklen Umfassung.
Da neigte die Königin ihr Antlitz und schauete auf das Kästchen und den edelen Stein, der es mit seinen Strahlen erfüllete. Und eine helle Thräne sank von ihren Wangen hernieder.
Der Bramin aber kehrt ein das einsame Thal zurück, und wandelte still und voll Wehmuth. Denn er hatte die Thränen Sakontala’s gesehn.

Parabeln
von Dr. Friedrich Adolph Krummacher
Essen, 1829

Mittwoch, 26. Januar 2011

V. Der arme Taglöhner und der Tod

Bildquelle: Wikipedia

Ein armer Taglöhner schleppte sich die Tage seines Lebens jämmerlich fort, und doch legte er achtzig Jahre zurücke. Was er sich immer seufzend wünschte, war nichts anders als: Lieber Tod, komm doch endlich einmal! – Erlöse mich doch endlich, lieber Tod!

Der Tod erhörte ihn, und kam.

Der Taglöhner erschrack, und bath: nur drey Jahre noch, lieber Tod! – – lieber Tod, nur drey Jahre noch.

Nach dreyen Jahren kam der Tod wieder, und der arme Taglöhner bath wiederum um drey Jahre.

Je nun, sagte endlich der Tod. Ihr Menschen rufet mich, wenn ihr mich nicht sehet, und wenn ich komme, so fürchtet ihr mich. Ich will euch hinfür von ohnegfähr überfallen.

Von dieser Stunde an sterben die Menschen, wenn sie es am mindesten vermuthen.

Heinrich Braun
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
aus dem I. Buch
München, 1772

Sonntag, 19. Dezember 2010

Lautenvariationen

Bildquelle: Wikipedia

Im Kamin prasselte das Feuer und verzehrte langsam die Holzscheite. Draußen fiel der Schnee in dicken Flocken und hüllte alles, den Weg, die Bäume, die Häuser, die Gerätschaften, die draußen herum standen unter einer weißen Decke ein. In der dunklen, nur vom Kaminfeuer erhellten Stube saß der Lautenist und spielte Variationen über eine Melodie, die ihm den ganzen Tag schon durch den Kopf gegangen war. Als er inne hielt, weil ihm keine neue Variation einfiel, sagte die Frau, die still dabei gesessen hatte:
»Nun hast du alles gesagt. Lass gut sein und uns zu Bett gehen.«
Der Lautenspieler antwortete:
»Ich habe noch nicht einmal begonnen, etwas zu sagen. Alles, was ich spiele, alles, was ich komponieren sind nur Übungen, um mich dem anzunähern, was zu sagen wäre.«

Horst-Dieter Radke

Montag, 8. November 2010

Die beiden Weiber

Evelyn de Morgan (1855−1919)
Königin Eleonore von Quitanien mit Rosamund Clifford
Bildquelle: Wikipedia

Erste Fabel

Ein Mann von Mittelalter hatte zwei Mätressen, eine Alte und eine Junge. Beide waren eifersüchtig auf einander, jede wollte am meisten geliebt seyn; beide waren mit seinem Alter unzufrieden. Die Alte, der er zu jung aussah, rupfte ihm daher alle schwarze Haare aus; die Junge, der er zu alt vorkam, ließ kein einziges weißes Härchen stehen. Was geschah? In kurzem war unser Mann ein Kahlkopf.
 
Sehet da zwei entgegengesetzte politische Systeme; und den Ruin der Nation, an der sie versucht werden.
Christian August Fischer
Politische Fabeln
Königsberg 1796

Sonntag, 7. November 2010

Chrysaor

Cesar von Everdingen: Die vier Musen
Bildquelle: Wikipedia

Chrysāor (»Goldschwert«), im griech. Mythus Sohn des Poseidon und der Medusa, sprang mit einem goldenen Schwert in der Hand nebst Pegasos aus dem Rumpf der Medusa, als Perseus dieser das Haupt abschlug. Er zeugte mit der Okeanide Kallirrhoë den dreiköpfigen Riesen Geryones und die Echidna.
Meyers Großes Konversations-Lexikon
Band 4. Leipzig 1906, S. 136

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Auf Denselben



Domenico Feti: Parable of the lost drachme
Quelle: Wikipedia


Aus Sympathie
Behagt mir besonders ein Meister:
Domenico Feti heißt er.
Der parodirt die biblische Parabel
So hübsch zu einer Narrenfabel,
Aus Sympathie.
Du närrische Parabel!



Johann Gottfried Herder

Werke. Erster Theil. Gedichte
Berlin 1879

Dienstag, 15. Juni 2010

Hercules im Himmel


Als Hercules zum Lohne für sein edles Leben
Im Himmel eine Aufnahm' fand,
Wetteiferten die Götter in vereintem Streben,
Ihm ihre Achtung zu beweisen.
Nur Plutos reichte ihm stolz die Hand.
Darob der Held ergrimmt ihm trotzig zeigt den Rücken.

»Was störet, Freund!« – fragt Zeus – »so mächtig dein Entzücken?«
»Warum erzürnst du dich, wenn Plutos naht?«
»Ich lernt' ihn kennen auf des Lebens Pfad,
»Und traf auf meiner ird'schen Bahn
»Ihn beinah stets bei schlechten Leuten an"«

Jean-Pierre Claris de Florian

Freitag, 21. Mai 2010

... welches eine Affricanische Creatur

Quelle: Wikipedia

Das Einhorn / welches eine Affricanische Creatur / und in der Provinz Agaos in dem Königreich Dæmotes anzutreffen; wiewohl auch nicht unglaublich daß sich solches auch verlauffe, und an andern Orten gefunden werde. Davon gedenckt besageter Autor ferner: Dieses Thier ist so groß, als ein mittelmäßiges Pferd, schwartzbraun an Farb, und hat einen schwartzen Schweiff und Mahne, beeds dünn und kurtz, wiewohl anderer Orten, jedoch eben in dieser Provinz, solche länger und dicker gesehen werden; mit einem schön gewundenen Horn an der Stirn, 6. Palmen oder Spannen lang, und länger, wie es von den Mahlern gebildet wird, und ist weißlecht an der Farbe: Sie enthalten sich in dicken Wäldern und Gesträuß, zu Zeiten kommen sie in die Felder, und werden selten gesehen, sind furchtsam, zerstreuet, und verborgen in den Höltzern, die barbarischen und wildesten Völcker in der Welt, haben diese Thier um sich, und nehren sich von solchen, wie von andern Thieren.

Johann Jacob Bräuner
Physicalisch- und Historische-Erörterte Curiositäten
38. Von unterschiedenen Wunderthieren
Frankfurth am Mayn 1737

Dienstag, 23. März 2010

Eines jeden Element


Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn im Firmament,
Der Salamander muß im Feur erhalten werden,
Im Herzen Jesu ich als meinem Element.

Angelus Silesius

Sonntag, 14. März 2010

Die größere Gefahr

Peleus mit Thetis
Quelle: Wikipedia

Hochbrausend rang mit Peleus Sohn Skamander,
Der Held muß fliehn die Schlingen seiner Fluten;
Doch zähmen bald den Strom des Feuers Gluten,
Des eignen Betts unwill'gen Salamander.

Cygnus lud in die friedlichen Maeander,
Auf deren Spiegel Mittagsschatten ruhten;
Doch mitten in dem süßen Bad umfluten
Des Todes Schau'r den großen Alexander.

Ein glühend Herz zagt nicht bei'm wilden Rauschen
Feindseligen Geschicks, und wird sich halten,
Schlüg' über'm Haupt die Well' ihm auch zusammen.

Doch in der Wollust kühlem Schooße lauschen
Geheimes Grausen, bängliches Erkalten,
Und löschen der Begeistrung muth'ge Flammen.
August Wilhelm von Schlegel
Leipzig 1846