Posts mit dem Label Julius Sturm werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Julius Sturm werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 30. November 2012

Der Adler und der Rabe


Ein Adler flog dem Himmel zu,
Da krächzt ein Rabe: »Schwängest du
dich bis zur Sonne selbst empor,
Was ist dein Vorteil, stolzer Thor?
Dort oben fällt dir nichts zum Raub.«
Da rief der Adler: »Du hast Recht,
Raub giebt’s dort nicht, doch mein Geschlecht
Liebt Luft und Licht – und haßt den Staub.«

Julius Sturm
Neues Fabelbuch
Leipzig, 1881

Mittwoch, 4. Juli 2012

Die Dohle und der Sperling


Die Dohle trug, was sie nur fand
An alten Scherben, Glas und Band
Aufs Dach, an einen sichern Ort.
Das sah ein Spatz und nahm das Wort
Und fragte voller Neubegier:
»Sag’, wozu dient der Trödel dir?«
Die Antwort war: »Einfält’ger Spatz,
für Trödel hältst du meinen Schatz,
Weil er nicht zu gebrauchen ist?
Man merkt’s, daß du kein Kenner bist.«

Neues Fabelbuch
Von Julius Sturm
Leipzig, 1881

Dienstag, 19. Oktober 2010

Der alte Wetterhahn



»Man sagt mir nach, ich solle feig mich dreh’n
Nach jedem Wind; vor Zeiten ist’s gescheh’n,
Das räum’ ich ein,« sprach stolz ein Wetterhahn,
»Doch solche Schwachheit hab’ ich abgethan,
Seit Jahren steh’ ich fest auf meinem Turm
Und biete Trotz dem Winde wie dem Sturm.«
Er drehte sich auch nicht, doch offenbar
Nur deshalb, weil er eingerostet war.

Julius Sturm
Neues Fabelbuch
Leipzig, 1881

Montag, 24. Mai 2010

Thaler und Heller


Zum Heller sprach der Thaler einst:
»Und ob du auch noch blanker scheinst,
Du bleibst an Wert doch spottgering,
Du winzig kleines Kupferding.«


Der Heller rief: »Wer klug mich spart,
Der bringt’s gar bald zu deiner Art;
Doch wer mit dir nur rechnen kann,
der rechnet sich zum Bettelmann.«

Julius Sturm
Neues Fabelbuch
Leipzig 1881

Mittwoch, 25. November 2009

Hundefreundschaft


Zwei Hunde schlossen einen Freundschaftsbund,
Den sie besiegelten mit Pfot’ und Mund,
Und sahen of einander zärtlich an
Und haben sich viel Lieb’s und Gut’s gethan.
Doch einmal warf die Köchin aus dem Haus
Ein köstlich duftend Schinkenbein hinaus, –
Und mit der Freundschaft war’s für immer aus.

Julius Sturm
Neues Fabelbuch, Leipzig 1881

Montag, 6. Juli 2009

Zwei Wandrer


Durch unser Dorf ging jüngst ein Wandersmann,
Da bellten ihn die Hunde grimmig an;
Er ließ sie knäffen, schaute sich nicht um,
Da wurden bald die Köder wieder stumm.

Ein zweiter Wand’rer kam und wie zuvor
Schoß bellend Hund um Hund aus Thor um Thor;
erzürnt schlug er mit seinem Stabe drein,
Da fielen alle Hunde groß und klein
Ihn wütend an, und nur mit Müh’ entkam
Er ihren Bissen voller Wut und Scham.

Julius Sturm, 1881

Samstag, 2. Mai 2009

Die verliebten Kater

Zwei Kater liebten eine Katze
Und brauchten wüthend ihre Tatze,
Miauten furchtbar, bissen sich
Um die Geliebte ritterlich,
Und sprachen endlich, müd’ vom Streiten:
»Das Kätzlein selber soll entscheiden,
wen von uns beides es begehrt.«
Da sprach die Schöne: »Hochgeehrt
fühl’ ich durch euern Antrag mich,
Doch klüger war es sicherlich,
wenn vor dem Streit ihr mich gefragt,
Seit gestern bin ich schon versagt.«

Julius Sturm
Leipzig, 1881