Posts mit dem Label 18./19. Jh. werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 18./19. Jh. werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 21. September 2019

Parabel

Der Vater mit dem Sohn ist über Feld gegangen,
Sie können nachtverirrt die Heimat nicht erlangen.

Nach jedem Felsen blickt der Sohn, nach jedem Baum,
Wegweiser ihm zu sein im weglos dunklen Raum.

Der Vater aber blickt indessen nach den Sternen,
Als ob der Erde Weg er woll’ am Himmel lernen.

Die Felsen blieben Stumm, die Bäume sagten nichts,
Die Sterne deuteten mit einem Streifen Lichts.

zur Heimat deuten sie. Wohl dem, der traut den Sternen:
Den Weg der Erde kann man nur am Himmel lernen.

Friedrich Rückert

Sonntag, 12. Mai 2019

Der Wolf und der Schäfer

 
Ein Schäfer hatte durch eine grausame Seuche seine ganze Herde verloren. Das erfuhr der Wolf und kam, seine Kondolenz abzustatten.
Schäfer, sprach er, ist es wahr, daß dich ein so grausames Unglück betroffen? Du bist um deine ganze Herde gekommen? Die liebe, fromme, fette Herde! Du dauerst mich, und ich möchte blutige Tränen weinen.
Habe Dank, Meister Isegrim, versetzte der Schäfer. Ich sehe, du hast ein sehr mitleidiges Herz.
Das hat er auch wirklich, fügte des Schäfers Hylax hinzu, sooft er unter dem Unglücke seines Nächsten selbst leidet.

Gotthold Ephraim Lessing

Donnerstag, 28. März 2019

Der Dichter und der Fuchs

Herr Dichter, sprach ein Fuchs, der an der Kette lag,
Ich bitte, laßt mich los! ich will ein Stückchen machen,
Ihr sollt darüber lachen;
Nur heut' auf einen Tag!

Auf einen Augenblick
Dürft es nur sein, du Schalk! so lachtest du der Kette.
Ja! wer von dir nicht schon so manches Schelmenstück
Gehöret und gelesen hätte!
Du bist so schlau, so schlau! so listig, daß man dich
Fest hält, wenn man dich hat; die Kunst ist, dich zu kriegen!
Darum, du Vogel, du! wer klug ist, tröstet sich
An seiner Kette selbst, und bleibt geduldig liegen.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim
Ausgewählte Werke, Leipzig 1885, S. 111.

Freitag, 8. März 2019

Der böse Basilisk

Der böse Basilisk aus hellem Spiegel seuget
Zu eigenm Untergang selbst seiner Augen Gifft.
Wer Bosheit anzuthun dem Nechsten ist geneiget,
Ist billig daß ihn selbst sein Mörder-Anschlag trifft.

Eduard Mörike

Donnerstag, 7. März 2019

Fabeln über Paradiesvögel

Bildquelle: Wikipedia


Die merkwürdigsten sind die Paradiesvögel (Paradisea) von denen man mehrere Arten kennt, welche hier zum Theil ausschließend einheimisch sind. Nicht bloß der Pracht ihrer Federn und Farben wegen, sondern auch durch wunderliche Mährchen, die von ihnen erzählt und geglaubt wurden, sind diese Vögel bei den Naturforschern und Sammlern berühmt worden. Dahin gehört die Fabel, daß sie ohne Beine geboren würden, nie die Erde berührten, ihr ganzes Leben hindurch in der Luft schwebten, und als ächte Kinder des Paradieses bloß vom Thaue des Himmels lebten. Man findet in den Schriften der älteren Naturforscher erbauliche Betrachtungen, über den Endzweck des Schöpfers bei dem Bau dieser erhabenen übersinnlichen Vögel. Die Fabel hat eine einfache Veranlassung. Bei dem Zuge der Vögel bringt bisweilen ein heftiger Windwechsel ihre langen Schulterfedern in Unordnung; dies hindert sie im Fliegen, und sie sollen entweder ins Meer, oder auf den Erdboden, wo sie nicht sogleich wieder auffliegen können, weil sie, bei dem eigenen Bau ihrer Federn, sich hierzu auf einem Baume oder sonst auf einem erhabenen Gegenstande befinden müssen. Die Einwohner fangen sie nun leicht, schneiden ihnen die Füße ab und tragen sie als Zierathen auf ihren Turbans. Einige wurden den Holländern auf den Gewürzinseln verkauft, welche entweder selbst glaubten, daß die abgeschnittenen Füße von der Geburt an fehlten, oder welche in ihrem ehrlichen Speculationsgeiste es einträglicher fanden, in Europa solche Wundervögel zu verkaufen.

Eine andere Fabel erzählt von den Königsvögeln (Paradise regia Lin.) daß sie ihrem Könige oder Anführer mit eben dem Gehorsam und der Ehefurcht gehorchen, wie ein Unterthan seinem Monarchen. Wenn eine Schaar zum Wasser oder an einen Platz kommt, wo sich Nahrung findet, so soll kein Vogel eher das Wasser oder Futter anrühren, bis der König getrunken oder gefressen hat. Dieses, in Indien als unläugbare Wahrheit geglaubte Märchen hat keinen anderen Grund, als daß diese Vögel bei ihren Zügen einem folgen, der vorausfliegt, was auch andere Zugvögel zu thun pflegen.

Neueste Länder- und Völkerkunde.
Ein geographisches Lesebuch
Sechszehnter Band. Australien.
von Dr. L. Lindner
Weimar, 1814

Samstag, 29. Dezember 2018

Der betrogene Teufel

Die Araber hatten ihr Feld bestellt,
Da kam der Teufel herbei in Eil’;
Er sprach: Mir gehört die halbe Welt,
Ich will auch von eurer Ernte mein Teil.

Die Araber aber sind Füchse von Haus,
Sie sprachen; die untere Hälfte sei dein.
Der Teufel will allezeit oben hinaus;
Nein, sprach er es soll die obere sein.

Da bauten sie Rüben in einem Strich;
Und als es nun an die Teilung ging,
Die Araber nahmen die Wurzeln für sich,
Der Teufel die gelben Blätter empfing.

Und als es wiederum ging ins Jahr,
Da sprach der Teufel im hellen Zorn;
Nun will ich die untere Hälfte fürwahr,
Da bauten die Araber Weiz und Korn.

Und als es wieder zur Teilung kam,
Die Araber nahmen den Ährenschnitt,
Der Teufel die leeren Stoppeln nahm
Und heizte der Hölle Ofen damit.

Friedrich Rückert

Samstag, 6. Januar 2018

Die Musikanten

Ein Nachbar bat den andern einst zum Essen.
Doch war dabei noch List im Spiel:
Der Wirth hielt von Musik gar viel,
Und war darauf versessen,
Daß jener seine Sänger hört;
Jetzt wird ihm dieser Wunsch gewährt.
Die Burschen stimmen an, das geht durch Dick und Dünn,
Aus Leibeskräften schrein die Thoren,
Dem Gaste gellen schon die Ohren,
Es wird ganz schwindlig ihm zu Sinn.
»Erbarm dich doch«, so ruft er voll Verwirrung,
»Woran soll man denn da sich freun? Dein Chor
Brüllt Unsinn vor!«
– »Nun wohl«, versetzt der Wirth mit sanfter Rührung
»Ein wenig kreischen sie;
Doch dafür trinken sie auch Branntwein nie,
Und alle sind von bester Führung.«

Ich aber sage: trinke wohlgemuth,
Nur mach’ auch deine Sache gut.

Krylof’s sämmtliche Fablen
Aus dem Russischen übersetzt und
mit einer Einleitung begleitet
von Ferdinand Löwe
Leipzig: F.A. Brockhaus, 1874

Sonntag, 6. August 2017

Großmuth eines wilden Indianers

Ein wilder Indianer, welcher sich auf der Jagd verirrt hatte, wendete sich zu einem englischen Kolonisten, den er vor seiner Hausthüre antraf. Er bath den Kolonisten zuerst um ein Stück Brod, und da er dieses von ihm nicht erhalten konnte, ersuchte er ihn um einen Trunk Bier oder Wasser. Allein der gesittete Kolonist schlug ihm beydes ab, und schalt ihn noch dazu einen indianischen Hund mit dem Zusatz: was er sich unterstehe, einen Mann wie er wäre, zu beunruhigen? – Einige Monate darnach kam der Kolonist in eben denselben Fall, worin der Indianer vorher gewesen war, da er mit seinen Freunden auf die Jagd ging, und sich verirrte. Er sah sich also genöthigt, einen Wilden, welchem er begegnete, um Beystand anzuflehen und zu bitten, ihm den Weg nach seinem Hause zu zeigen. Der Wilde sagte ihm: es sey zu spät, dahin zurückzukehren, und lud ihn ein, mit ihm nach seiner Hütte zu kommen. Der Kolonist nahm die Einladung an, und als er in der Hütte des Wilden angekommen war, setzte ihm dieser sogleich Wildpret und einige Erfrischungen vor, und bereitete ihm eine Haut, um darauf zu schlafen. Beym Anbruch des Tages unterließ der Indianer nicht, seinen Gast nach Hause zu begleiten. Als er ihn nun nach Haus gebracht, fragte er den Kolonisten: ob er sich nicht erinnern könne, ihn schon einmal gesehen zu haben? – Der Kolonist betrachtete auf diese Frage den Wilden etwas genauer, und erkannte in demselben eben den Indianer, dem er vor einiger Zeit Brod und Wasser abgeschlagen hatte. Mit großer Beschämung erkannte und bekannte er aber auch sein damaliges schlechtes Betragen. – Der Indianer machte ihm aber weiter keine Vorwürfe deßwegen, sondern wünschtr ihm alles Wohlergehen, und ging weg.

Gold und Silber
dargebracht in kleinen
Erzählungen, Anekdoten, Gedichten und Fabeln
für Knaben und Mädchen
von guter Erziehung
Herausgegeben von J. Ch. Birnbach
Wien, 1824

Freitag, 30. Juni 2017

Der Affe und der Geizige

Einst hielt ein Geiziger sich einen Affen.
Ein Geizhals seyn, und den sich anzuschaffen,
Das scheint dir sonderbar; allein bedenke doch:
Gesellschaft kostet Geld, und Menschen können stehlen.
Auch hat ein Affe die Tugend noch:
Sein Herr darf nicht vor ihm verhehlen;
Er darf vor seinen Augen zählen,
Kein Mensch erfährts, er stört ihn nie darin,
Kurz die Gesellschaft war nach unsers Kaspar Sinn.

Der Glockenschlag rief einst den Mann zur Kirche hin;
Denn durch sein Fasten, Bethen, Singen
Dacht' er dem Himmel noch mehr Gaben abzuzwingen;
Da ließ er in der Eil den Schreibpult offen stehen,
Wo ihn sein Äff, im Gold oft hatte wühlen sehn.
Der Affe, der den Haufen Gold erblicket,
Und den die lange Weile drücket,
Sinnt sich gar bald ein Spielchen aus.
Er fängt ein Goldstück an hervorzulangen,
Und zielt, und wirft es durch die Fensterstangen.
Er wiederholt sein Spiel. Man sammelt sich ums Haus,
Man ruft: "Wirf auch ein Stück, mein Plätzchen!" fängt und springt,
Und wem mit Hund und Hand ein Fang gelingt,
Dem jagte ein andrer wieder ab.

Indem der Affe noch dies Schauspiel gab,
Kam unser Harpat, – »Was ist hier zu sehn!
worüber lacht man dann? - O wehe mir!
Mein schönes Geld! Verfluchter Räuber dir
Will ich den Kopf vom Rümpfe drehen,
Das Eingeweide will ich dir
Aus deinem Leibe reißen" – – "Mäßigt eure Hitze"
Sprach hier ein Greis; "das Geld ist euch so wenig nütze,
Als ihm. Er wirft es weg; Ihr sperrt es ein,
Wer mag von euch der Klügste seyn?"

Vaterländische Unterhaltungen
Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch zur
Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens,
Beförderung der Vaterlandsliebe und gemeinnütziger Kenntnisse
für die Jugend Österreichs
von Leopold Chimani
Vierter Teil
Wien 1815, Im Verlage bey Anton Doll

Freitag, 28. April 2017

Zeus und der Esel

Bist du mit deinem Stande zufrieden, sagte Zeus zu dem Esel.

Immer zufrieden, antwortete der Esel, immer will ich gerne ein Esel seyn, laß mir nur die Gabe der Unwissenheit bey meinem Stande, damit ich es nicht weiß, daß ich ein Esel bin.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Dienstag, 11. April 2017

Der Basilisk zu Memmingen

Melchior Lorck: "Basilischus" (Basilisk), Radierung 42 x 62 mm, aus dem Jahr 1548
Bildquelle: Wikimedia

An ama Haus henter'm Engel z'Memmenga sieht mã an geala Basilischka mit era fuirothe Zonga. – Dau haut mã amaul d'Magd in Keller na g'schickt und haut g'wahtet und g'wahtet, aber s'ischt koĩ Magd meh rauf komma. Do haut mã eppen andersch na g'schickt, aber s'ischt wieder nemad rauf komma, denn sobald's der Basilischk angucket haut send se g'schtorba. Am End gaut oiner her, nemmt an Schpiegel und laut da Basilischka neĩ gucka, und sobald se der sell drenn g'sẽ a haut, ischt er uf der Schtell verreckt. –
Wenn a Gockeler reacht alt wird, so legt er an Oi, bruatets aus, und us dem wird denn a Basilischk.

Alexander Schöppner
Sagenbuch der Bayer. Lande
München 1852–1853

Montag, 3. April 2017

Das Rebhuhn

Talus oder Pardix, des Dädalus Schwester Sohn, erlernte bei seinem Vetter die Bildhauerkunst. Als ein denkender Kopf erfand er die Töpferscheibe, die Säge, das Drechseleisen, den Zirkel und andere nützliche Dinge. Dädalus, welcher fürchtete, Talus möchte es ihm dereinst an Ruhme weit zuvor tun, stürzte ihn aus Neid von Minvervens heiliger Burg, von dem Schlosse zu Athen, herab, vorgebend, daß er von selbst gefallen.

Doch Pallas, dem Genie hold, fing ihn auf, machte ihn zu einem Vogel und umhüllte ihn mitten in den Lüften mit Gefieder. Seines Geistes Kraft und Schnelligkeit ging in Flügel und Füße über; sein Name aber blieb der vorige. Jedoch steigt dieser Vogel niemals hoch, noch nistet er auf Bäumen in hohen Wipfeln. Er fliegt immer nahe am Boden hin und legt seine Eier in niedere Hecken. Seines alten Falles eingedenk, fürchtet er die Höhe.

Johann Gottfried Hanisch
Mythologische Fabellese.
Ein Nachtrag zu einer jeden Naturgeschichte.
Hildburghausen, 1796

Freitag, 17. März 2017

Die Liebe bei Mann und Frau

Das Weib wird wahnsinnig aus Liebe, der Mann aus Stolz. Beide moralischen Gifte wirken aber als Gegengift. Hat das Weib den erforderlichen Stolz, so raubt die Liebe ihr nicht den Verstand; verschwindet die Liebe nicht ganz aus dem Herzen des Mannes, so verfällt sein Verstand nicht der finstern Macht des Wahnsinns. man könnte auch wohl sagen, bei dem Weibe verdrängt die Vernunft gar leicht den verstand, bei dem Manne der Verstand die Vernunft. Die Entsetzungen beider Mächte aber haben die Verrücktheit zur Folge.

gefunden in:
Humoristische Blätter
No 26., 27. Junio 1839

Mittwoch, 8. März 2017

Persische Fabel

Als der Hahn am Morgen schlief,
Nahm der Schakal in den Rachen
so ihn, daß er mußt’ erwachen,
Und der bange Wächter rief:

Was beginnst du, grauser Schlächter!
Wehe dem, der mich verlezt.
Denn mich hat der Herr gesetzt
Selb zu seines Hauses Wächter.

Stundenzähler ich der Nacht,
Und des Tages Lichtverkünder,
Schrecken bin ich bleicher Sünder;
Gib mich frey aus deiner Macht! –

Ich nicht werd’ es thun gewiß;
Denn der Morgen, den du weckest,
ist mein Feind, und die du schreckest,
Meine Freundin Finsterniß.

Wenn es ist dein Amt, zu wachen,
Schlafend hast du dich verdammt.
Meines ist ein andres Amt,
Und vollziehen soll’s mein Rachen.

Sage mir und laß mich wissen,
Wie du willst verschlungen seyn,
Ob in vielen Stücken klein,
Oder ganz auf Einen Bissen.

Friedrich Rückert (1788 - 1866)
Morgenblatt für gebildete Stände,
Nro. 165, Freitag, 11. Juli 1823

Freitag, 24. Februar 2017

Der Greis und der Tod

Ein alter armer Mann trug eine schwere Last von Reisigbündeln aus dem Walde nach seiner Hütte zu, um sich im nahen Winter damit gegen die Kälte zu sichern.
Der Weg war lang, seine Kraft gering. Müde und verdrußvoll warf er endlich seine Bürde nieder und seufzte: »Komm doch, o Tod, und befreie mich von einem so mühseligen Leben!«
Kaum hatte er seinen Wunsch ausgesprochen, so stand der Tod wirklich vor ihm und fragte noch einmal, was er verlange.
»O ich bitte, lieber Herr«, antwortete der erschrockene Greis, »ich bitte, habe die Güte und hebe mir diese Reisigbündel wieder auf den Rücken!«

Unnatürlich und ungerecht ist der Wunsch nach dem Tode. Denn zehnmal gegen einmal würden wir unzufrieden sein, wenn er erhört würde. Tief in unserem Herzen wohnt die Liebe zum Leben; eine starke Aufforderung für jeden, sein Leben solange als möglich zu erhalten.

Ertrage jegliche Beschwerden
Des Lebens standhaft als ein Christ,
Und wirke Gutes hier auf Erden,
Solange dir’s noch möglich ist.

Moritz Erdmann Engels (1767 - 1836)
Moral in Fabeln, Leipzig 1796
gefunden in: Aus alten Kinderbüchern, Fabel auf Fabel
Berlin 1989

Freitag, 17. Februar 2017

Unicornu Verum

Es findet sich noch eine Materie, so in der Medicin beliebt ist, unter dem Nahmen: das wahre oder rechte Einhorn / Unicornu Verum, auch Unicornu Marinum genannt, das ist ein sehr langer, gestreiffter, und gleichsam gewundener Zahn eines gewissen Grön-Ländischen Wallfisches / siehet äusserlich gelb, inwendig aber weiß aus, wird von den Grönland-Fahrern zu uns bracht. Der Fisch, wovon es herrühret, wird Narhual genennet, weilen er sich vom Aaß und Todten-Cörpern, so dorten Nar heissen, ernehret, und von Thoma Bartholino in einem eigenen Buch beschrieben, daß er den andern Wallfischen nicht viel ungleich, und  ohngefehr 30. Ellen lang sey; zwey Floß-Federn auf den Seiten, 3. Hügel auf dem Rucken, und unten am Bauch nur einen habe. Aus dessen lincken Ober-Kienbacken ein langer Zahn, gerad vor sich heraus stehet, womit er das Eiß brechen soll: weswegen das sogenannte Horn öffters forn abgebrochen ist. Und gehet also dieser Zahn nicht aus der Nasen, wie Olearius l. c. redet, indem dieser Fisch keine Nase hat: und wie die andern Wallfische durch zwo Löcher, so oben in dem Nacken stehen, und nicht durch die Nase respirirt, auch das Wasser daraus in die Höhe wirfft: Sondern er sitzet in seiner Höhle, am obersten Kinnbacken, wie die Zähne an andern Thieren. Ob aber ein Fisch zwey solche Zähn habe, wie D. Jacobi in Mus. Reg. Haffn. muthmasset, auch dergleichen eines gesehen hat, muß die Erfahrung weiter lehren. Dieses aber ist gewiß, daß unten in dem grossen Horn oder Zahn offt noch ein kleiner stecket, wie Herr. Doct. Reusel in der Kunst-Kammer zu Stuckardt gesehen: Weßwegen Simon Urias lib. 1. Grœnlandiæ Antiq. fol. 285. nicht unbillig schliesset, daß diesem Wallfisch die Zähne, wie denen Menschen, ausfallen, und andere wachsen thäten.

Bräuner, Johann Jacob:
Physicalisch= und Historisch= Erörterte Curiositaeten.
Frankfurth am Mayn 1737.

Dienstag, 7. Februar 2017

Warum die Menschen schwatzen

Frag:
Warum die Menschen so gerne miteinander reden und schwatzen?

Antwort.
Weilen sie durch Reden untereinander Trost / und das durch unterschiedliche Gedancken bemüssigte Hertz zu erleichteren suchen.

Hilarius Salustius, Melancholini
wohl-aufgeraumter Weeg-Gefärth
Vorbringend
Lächerliche / aber kluge Fabeln / nutzliche Fragen / denckwürdige Geschichten / wundersame Würckungen der Natur / auch ersprießliche Sitten-Lehren.
Allen
Mit der Miltz-Kranckheit und Unmuth beladenen Scorbuticis, zur nutzlichen ERgötzung ans Taglicht gegeben
Gedruckt im Jahr 1717

Donnerstag, 2. Februar 2017

Wie wird man reich?

Frag:
Was muß einer thun / der reich will werden?

Antwort.
Er muß fliehen die Weiber / Gastereyen / Sicherheit / und Spielen.

Hilarius Salustius, Melancholini
wohl-aufgeraumter Weeg-Gefärth
Vorbringend
Lächerliche / aber kluge Fabeln / nutzliche Fragen / denckwürdige Geschichten / wundersame Würckungen der Natur / auch ersprießliche Sitten-Lehren.
Allen
Mit der Miltz-Kranckheit und Unmuth beladenen Scorbuticis, zur nutzlichen ERgötzung ans Taglicht gegeben
Gedruckt im Jahr 1717

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Der Affe und der Hund

Ein Urang-Utang hatte sich
Mit Menschenkleidung säuberlich
Nach neuster Mode ausgeschmückt.
Den Hut in seine Stirn gedrückt
Trat er nun seine Wallfahrt an,
Und zwar mit solchem Schaugepränge,
Als wär' er Sultan Soliman,
Und ihm die weite Welt zu enge.

Das Dörflein sah den fremden Herrn,
Und wich ihm aus, un grüßte ihn von fern.
Doch als im seligen Genuß
Der hohen Würde Petz zum Genuß
Den großen Hut vom Kopfe nahm,
Und man ihm in die Augen sah,
Da hieß es: Seht den Narren da!
man rief und schrie und zischt' ihn aus.

Petz aber lief voll Gram und Scham;
Und als er nun nach Hause kam,
Sprach er zu Phylax seinem Freund:
Ich habe wunderfest gemeint,
Daß ich dem Herrn der Thiede glich,
Und sieh! man verspottet mich,
Und treibt mich fort mit Ungestüm!

Ey! Sprach der Hund, du gleichst ihm
Aufs Haar; allein bloß äußerlich,
Deshalb, mein Freund, verlacht man dich.

***

Der reiche Star will auch ein Denker seyn.
Das Sein ist schwer; er wählt den Schein;
Sein Bildersaal, sein blanker Bücherschrein
Verkünden dir den weisen Mann,
Doch Jammer! Niemand glaubt daran.

Vaterländische Unterhaltungen
Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch
zur
Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens, Beförderung der Vaterlandsliebe und gemeinnütziger Kenntnisse
für die Jugend Österreichs
von Leopold Chimani
Dritter Teil
Wien 1815, Im Verlage bey Anton Doll

Sonntag, 4. Dezember 2016

Der Ichnevmon *) und der Ibis


An den Ufern des Nils begegnete Ichnevmon dem auf die Opfer stolzen Ibis, welche ihm die dankbaren Aegypter brachten, weil er ihr Land von schädlichem Ungeziefer wohlthätig reinigte. In der That, Ibis, sagte er, wenn man dem Muthe Gerechtigkeit wiederfahren ließe, so würde man mir, als dem Ueberwinder des Krokodils, diese Altäre rauchen sehen, welche man dir bestimmt, der du deine Siege auf elendes machtloses Gewürme einschränkest. Vielleicht, versetzte der Ibis, würde man diesen Muth, den du von dir preisest, nicht an dir wahrnehmen, wenn die Leber des Krokodils nicht zu viel Reizungen für deinen Gaumen hätte.

*) Der Ichnevmon ist ein kleines Thier, welches nach Plinius und andrer Zeugniß, der gefährlichste Feind des Krokodils ist, dem er im Schlaf in den offenen Rachen kriecht und die Leber abfrißt. Der Ibis aber ist eins chwarzer Vogel, der viel ähnliches mit dem Storche hat.

Wilhelm Ehrenfried Neugebauer, 1761