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Samstag, 29. Dezember 2012

4. Die Eulen


Kränkt euch nicht, (sprach der Eulenvater zu seinen Kindern), daß die Nachtigall so gern gehört wird, das Rebhuhn so beliebt, der Adler wegen seiner Macht und seines Sonnenfluges so berühmt ist! Wir sind immer weiser, angesehener und glücklicher als sie alle: denn – keines von ihnen hat einen Bart wie wir.

Karl Friedrich Kretschmans
sämtliche Werke
Sechster Band

Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799

Freitag, 2. Dezember 2011

Der junge Kater


Der Ausbund eines schönen Katers,
Den Muth und alter mündig sprach,
Bekam die Würde seines Vaters,
Und stellte Mäus‘ und Ratten nach.
Er folgte der gemeinen Wiese;
Des Räubers Sohn wird gern ein Dieb,
Das Wölfchen fühlt des Wolfes Trieb,
Ein junger Kater wünscht sich Mäuse.

Es that der junge Herr so keck,
Als wie ein andrer Scanderbeg *),
Sein Hirn war voller Mäus‘ und Ratten,
Die seine Klauen noch nicht hatten.
Wer ihn gesehen haben mag,
Der hätte wirklich sollen schwören,
Dies sey der Mäuse jüngster Tag,
Die sich auf Deutschlands Böden nähren.

Die dunkle Nacht bezog das Land,
Der Thau wusch die bestaubten Fluren,
Als unser Held noch keine Spuren
Des längstgesuchten Wildprets fand,
Das Warten löschte sacht und sachte
Des Katers erstes Feuer aus,
Er sah und hörte keine Maus.
Ein Ding, das ihn verdrüßlich machte.

Er saß und putzte sich das Kinn,
Da schlich ein Wiese bey ihm hin,
Was suchst du? sprach der Kater leise;
Ich suche, war die Antwort, Mäuse,
O weh! Soll ich mein Bischen Brod,
Fieng Murner heimlich an zu heulen,
Mit einem schlimmen Wiesel theilen,
So leid ich endlich selber Noth.

Auf beßre Kundschaft sich zu legen,
Kroch er bis auf das Scheuerdach,
Da flog ihm Jungfer Eul entgegen,
Schatz! fragte er, bist du auch noch wach?
Ja! sprach das schleyrichte Gesichte,
Ich warte hier auf ein Gerichte,
Auf einen guten Abendschmaus,
Auf was denn, Kind? Auf eine Maus.

Die Antwort ärgerte den Kater,
Er stieg herab, sieht auf den Mist,
Da ist ein Ygel, der was frißt,
Viel Glück zur Mahlzeit, alter Vater!
Was schmeckt dir denn alhier so gut?
EIn Mäuschen, sprach er, ist mein Essen,
Ey, daß du müßtest Kohlen fressen,
Gedachte jener voller Wut.

Hier, seufzt‘ er, ist nichts mehr zu naschen,
Fort, auf das Feld! vielleicht kann ich
Noch eine dicke Feldmaus haschen,
Mit dieser Hoffnung stärkt er sich.
Er kam aufs Feld, und traf im Gehen
Den Fuchs voll Zorn und Rachgier an,
Aus Neugier blieb der Kater stehen,
Und sprach: Wer hat dir was gethan?

O! ließ der Fuchs sich fluchend hören,
Ich wußt ein vieles Mäuseloch,
Und dachte diesen Abend noch
Es mit Vergnügen auszustören.
Doch als ich in dem Walde bin,
So geht der Schelm, der Sperber hin,
Und leert, so gehts mir, das Geniste,
Das er davon zerbersten müßte!

So bald der Kater mit Verdrduß
Des Fuchses letzte Worte hörte,
So wandt‘ er traurig Kopf und Fuß,
Damit er stracks nach Hause kehrte.
Ach! sprach er, wenn so viele sind,
die nach dem Mäusefleische streben,
Was hoff ich noch, ich armes Kind,
Von diesem Handwerk auch zu leben?

Indem er also bey sich dachte,
So fieng er eine Maus im Gehn,
Die ihn auf die Gedanken brachte,
Den Mäusen dennoch nachzustehn.
Er that im kurzen Heldenthaten,
Die Praxis macht ihn dick und fett,
Es gieng ihm, unter uns geredt,
Als wie den jungen Advokaten.


Magnus Gottfried Lichtwer


*) Gjergj Kastrioti (1405 - 1468), genannt Skanderbeg, war ein albanischer Fürst, der durch die Verteidigung Albaniens gegen die Osmanen berühmt wurde. Er wird in Albanien als Nationalheld verehrt.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Die Lichtscheuen - Dritte Fabel

Nach Vater Uhu’s Abschiedssegen,
Fing an der Rathkreis sich zu regen:
Da schlau hervor ein Käuzlein trat,
Und freundlich um ein Wörtchen bat:

Wir Münsterchorherrn sind dem König,
Wie Laien, sagt’ es, unterthänig,
wenn er in Obhut Kirch’ und Staat
Pflichtmäßig trägt. Jedoch ein wenig,
O Patriarch, nach deinem Rath,
Die Sonnensucht durch lindes Schröpfen
Und Aderlaß ihm auszuschöpfen,
Kann heilsam sein für Kirch’ und Staat.
Nur auszuführen etwas mißlich
Scheint, Vater Uhu, mir dein Rath.
Scharfschnablich sind und saugerüßlich
Geißmelker und Vampyr gewißlich.
Doch wenn der Schein nicht trüget, hat
Argwohn der Fürst aus alter That.

Nun, ruft der Uhu, was bedeutet
Dein Nur und doch? Rein ausgeläutet!

Das Käuzlein senket Schwing’ und Haupt_
Ehrwüprdiger! ist mir erlaubt,
Die schlaue Demuth zuentzügeln,
Und deiner Weißheit vorzuklügeln?

Laß, Vater, die Verirrten heim
Durch Freundlichekit und süße Brocken
Aus Sonnenbrand’ in Schatten locken,
Wenn nicht vor Augen, doch geheim.
Mißlingt es was nur unerschrocken!
Wo anders treibt der Same Keim,
Im Herzen dort und dort im Kopfe.
Wer scharf nur zielt nach Korn und Knopfe,
Der trifft: so sagt ein alter Reim.
Mein kluger Gimpel, hold dem Kropfe,
Mit schwarzem Käppchen auf dem Schopfe,
Wird leicht durch vollen Trog gerührt,
Und bald als Dompfaff eingeführt.
Unschuld und Einfalt körnt den Täuber,
Und ach! Empfindsamkeit der Weiber;
Den Wendehals lockt Nackendrehn,
Und reger Frömmigkeit Gestöhn;
Die Schwalbe wählt die stillen Dächer
Des Doms, und stille Mauerlöcher;
Ein Ball im Kirchthurm freut den Spatz,
Den Raben ein gefundner Schatz;
Für Dohl’ und Elster wird Belohnung
Im Münster freie Kost und Wohnung;
Für Specht und Staar, Kibitz’ und Krähn
Weissagerkund’ und Geistersehn;
Dem Kukuk, der sich gerne schmeichelt,
Wird laut Bewunderung geheuchelt.
Gewännen wir die Nachtigall;
Nachtvögel sähn wir überall,
Verkehrt durch ihren Zauberschall!

Geh! spricht der Uhu, feurig lächelnd,
Mit regem Fittig Heil ihm fächelnd.

Das Käuzlein fliegt zum nahen Hain,
Wo, unter zartem Laub’ allein,
Tonreich der tiefbewegten Seele
Wehmuth und Wonn’ aus heller Kehle
Ergeußt die sanfte Philomele:
Daß nachempfindet Flur und Hain,
Im dämmerlichen Mondenschein;
Daß kaum ein Pappelblättchen rauschet,
und still der Wandrer steht, und lauschet,
Und im Gedüft hellgrüner Main
Zu wonnetrunkenem Verein
Jungfrau und Jüngling Herzen tauschet.

Nachdem, mit wahrer Rührung fast,
Das Käuzlein sie vom nahen Ast
Lang’ angehört und betrachtet:
Ach! seufzt es, welch Entzücken schmachtet,
Wie hebt der Andacht Schwung sich kühn
Aus deinem Herzen, wann es nachtet!
Wie hallt in Wonnemelodien,
Worauf des Menschen Ohr auch achtet,
Die ahndungsvolle Phantasei,
Vom Gaukelspiel der Sinne frei!
Weh ihm, wer Einsicht und Ergründung
Am klaren Sonnenlicht verlangt,
Unwert der dämmernden Empfindung,
Wovon, bei alles Trugs Verschwindung,
Das Herz uns kindlich wogt und bangt!
O knüpftest du zur Überwindung
Des frechen Wahns mit uns Verbindung!
Komm, Seelenschwester! Wir vertraun
Das Amt dir, hoch von Zinn’ und Mauer
Des Domes, nächtlich zu erbaun,
Durch Nachtgeheimniß, voll von Schauer
Wohlthätiger Zerknirschungstrauer!
Bald dankt für wundersame Ruh’
Dir aller Lüfte Volk, wenn du
Zurück von eitlem Thun es bringest,
Und, dienstbar unserm Erzuhu,
Mit lieblich schmelzendem Lulu
In Schlaf und holde Träume singest!

Mir, sagt Aedon, solch Vertraun?
Ich singe Lieb’, ihr heulet Graun!



Johann Heinrich Voss

Dienstag, 15. Dezember 2009

Die Lichtscheuen - Zweite Fabel



Bildquelle: Wikipedia

Als Herold Kauz des Throns Gesinnung
Dem Oberuhu, der ihn fragt,
Nicht ohne Spötteln vorgeklagt;
Wird hoher Rath der dunklen Innung
Im Thurm des Münsters angesagt:
Wo Er, gegrüßt Erzvater Uhu
Von Vögeln, doch von Menschen Schuhu,
Rauhöhrig, scharf bekrallt, betagt,
Im braunen Amtsgefieder ragt.
Her flattern rings aus allen Zinnen,
Sobald Gefild’ und Städte ruhn,
Die Uhu’ all’ und Uhuinnen,
Nachtrab’ und Kauz und Leichenhuhn,
Vampyre, Fledermäus’ und Eulen,
Geöhrt und ohrlos. Alle heulen
Und krächzen um einander nun,
Und wimmern kläglich, und uhu’n.

Weh, Brüder, weh uns! Was zu thun?
Ruft Altpapa mit demuthsvoller
Amtswürde, gluher Augen Roller!
Noch einmal frag’ ich, was zu thun,
Daß wir auf unserm Stuhle nun
Und wenig ungehudelt ruhn!
Ihr hört’s! mit kaltem Hohn und Spotte
Verwirft er, treu des Tages Gotte,
Der König, als Illuminat,
Ach! unsern wohlgemeinten Rath:
Daß doch des Lichts vorlauter Rotte,
Die immer was zu krähen hat,
Gedämpft der Schnabel sei vom Staat!
Will seine Hoheit denn nicht hören;
(Sehr leid wird’s unserm Herzen thun!)
Doch, bleibt verstockt sein Herz ei nun!
So wird, nach Sanftmuth, Ernst ihn lehren,
Vom krummen Abweg’ umzukehren!
Uns heilg zwar ist Königsmacht;
Doch heiliger die alte Nacht,
Die wir nach altem Brauch in hehren
Nachtceremonien verehren!
Geißmelker du, und du Vampyr,
Scharfmäulig beid’, und krallenklauig,
Und leis’ im Angriff: euch ja schau’ ich
Geübt und regsam; euch vertrau’ ich
Das große Wohl des Ganzen hier.
Wie fromm und eiferig im Dunkeln
Euch dort die grellen Blicke funkeln!
O wackres Paar, gesegnet mir!
Beichtväterlich ja wisset ihr,
Fest angeklammert mit Begier,
Im Dunkeln Milch und Blut zu saugen;
Daß bald der hohle Kopf verdummt,
Daß dumpf das Ohr stets summt und brummt,
Und blöd’ in Dämmerung die Augen
Blendwerk und Spuk zu sehen taugen.
Wohlan! euch sendet der Altar!
Seid kühn mit Vorsicht! Nehmet wahr
Der Zeit, der Umständ’ und des Ortes;
Und schafft Vollendung meines Wortes.
Ihr kennt den jähen Felsensitz,
Wo, nie vom Sturmwind’ angebrauset,
Vom Schnee und Regen nie umsauset,
Vertraut dem Donner und dem Blitz,
Im Goldgedüft der König hauset:
Weis’ und gerecht durch Meer und Land,
Nur leider uns nicht fromm, genannt.
So oft  auf ätherhellem Hügel
Des Wolkenbergs die raschen Flügel
Zu süßer Ruh’ er abgespannt;
Kein Kämmerling, kein Leidtrabant,
Bewahrt dann ängstlich Schloß und Riegel:
zugänglich ruht er, unbewacht,
Und sonder Argwohn, Tag und Nacht,
Getrost der Volkslieb’ und der Macht.
Nun merkt! Wann sorglos einst, wie immer,
Er, von den Seinen nur umwohnt,
Bei unseres Gestirnes Flimmer,
In öder Nachtstill’ ohne Mond,
Nach schwerem Kampf und Reichsgeschäfte
Einschlummert endlich, tief und fest;
Anschleichend haucht ihm derbe Pest,
Und sänftigt die kecken Säfte
Von Trunkenheit der Sonnenkräfte,
Durch Aderlaß: bis er betäubt
Mit uns an Nacht und Mystik gläubt,
Für alten Vorwitz selbst sich stäupt,
Aufklärer mordet und vertreibt,
Und gram dem Licht, andächtig finster,
Uns folgsam, herrscht vom hohen Münster!

Beifallgemurmel, halb noch stumm,
Schwoll mehr und mehr, und wogt’ herum
Im nächtlichen Concilium.
Laut nun, wie ehmals die Beamten
Des Römerbischofs in Trident
Uns Ketzer alle mit gesammten
Dreihundert Kehlen laut verdammten
Zum Höllenpfuhl, der ewig brennt;
So schreit der Chorausruf, und schallet,
Daß ringsumher die Münster hallet:

Ja! ja! wie all’ antworten: Ja!
Dem Sonnenfreund’ Anathema!



Johann Heinrich Voss

Montag, 14. Dezember 2009

Die Lichtscheuen - Erste Fabel

Ein Kauz, in düstern Synagogen
Des Oberuhu’s auferzogen,
Kam früh, als Nacht in Dämmrung schwand,
Vom Dom des Münsters abgesandt,
Zum König Adler angeflogen:
Der, edler Ahnherrn edler Sohn,
Einnahm mit Glanz den Felsenthron
Der Vogelstämm’ in Land und Wogen.

Treu, krächzt’ er, treu der Huldigung,
Und treu des Nachtgestirns im Äther,
Von uns mit Nachtgebet ersichter,
Hochheiliger Bekräftigung!
Rüg’ ich, gesandt vom Rath der Väter,
Den fast zu gellenden Trompeter,
Wohl kaum mit deiner Billigung,
so überschwänglich ausgekrähter
Aufklärung und Verneuerung,
Den kecken Hahn, den Missethäter,
Dir, unser König, als Verräther!
Wann noch dein wohlbeherrschter Staat,
Nach sanftem Thun gewohnter That,
Sanft schläft und träumet und verdauet,
Und unser Nachtlied früh’ und spat,
Wovor allein dem Schalke grauet,
Den Frommen, welcher wacht, erbauet.
Schnell kräht uns der Illuminat
Die Sonn’ empor, um aufzuklären,
Und Ruh’ und Andacht uns zu stören.
Fink, Lerche, Schwalb’ und Meis’ empören
Gefild’ und Wald in freien Chören.

Man kann sein eigen Wort nicht hören!
Die tolle Rotte spricht gar Hohn
Der mystischen Religion,
Der wir, seit undenkbarem Alter
Des hehren Nachtaltars Verwalter,
Andacht und Opferbrauch geweiht:
Daß, gegen alle Mißgestalter,
Wir ewig siegreich, als Erhalter
Der Nachtreligion im alter
Und ungefälschter Lauterkeit,
Zurück den Schwarm der Ungerechten,
Die (nicht mit Adleraugen, traun!)
In Blendung unvorsichtig schaun,
Zurück vom Schein zur Wahrheit brächten,
Und von des heitern Lichts Vertraun
Zu dunkler Ahndung holdem Graun.
Schwermüthig, frommer König, sinnet
Der Vater Uhu Nacht und Tag
Auf hohem Glockenstuhle wach,
Indem er Rath auf Raht entspinnet,
Und, was er abbrach, neu beginnet:
Damit des Leichtsinns schnöde Brut,
Die wähnet, alles werde gut,
Was man im Lichte denkt und thut,
Altgläubig nehm’ uralter Satzung
Geheimnisvolle Seelenatzung
und stets, o Königs wohlgemuth
In seiner und in deiner Hut,
Darbringe treulich Glut und Blut
Dem Heiligthum und Thron zur Schatzung!
Frei denken in Religion,
Heißt frei auch handeln mit dem Thron.
So scholl aus düsterm Tabernakel
Des weisen Erzuhu’s Orakel!
Ja, König, strafst du nicht, so drohn
(Das Leichenhun sah Vorspuk schon,
Und manch bedenkliches Mirakel1)
So drohn dem Münster und dem Staat
Aufruhr, Empörung, Hochverrath.
Hast du geargwohnt, was des tollen
Rohrdommels Graunausrufe wollen,
Die dumpf wie ferne Donner rollen?
Was wohl in manchem Schreiertrupp,
In manchem schlaugedämpften Klub,
Die Unzufriednen schmähn und grollen!
Wie wohl, zum Beispiel, Kräh’ und Staar,
Und andres Völklein, das in Schaar
So gerne sich zusammenrottet,
Des Uhu’s und des Adlers spottet:
Des großen Adlers heimlich zwar,
Des armen Uhu’s offenbar!
Selbst, die, von stiller Nacht begeistert,
Bei Nacht der Herzen sich bemeistert,
Die Nachtigall singt ohne Scheu
Am hellen Tag Aufklärungslieder;
Daß ohne Scheu da Waldgefieder
Aufklärung nachsingt hin und wieder
Aufklärung? nein Aufklärerei!
O sagt’ ich alles, was mir leise
Ein paar verschmitzter Fledermäuse,
Die oft in Dämmrung spähn, geraunt;
Du selber hörtest tieferstaun’t!
Herr König, laß dir doch gefallen:
(Wir Kauz’ und Eulen flehn gesammt!)
Dem Hahn und seinen Schreiern allen,
Die immerfort Aufklärung hallen,
Zum Bändiger, im Censoramt
Den frommen Uhu zu bestallen!

Der Adler that, als hört’ er nicht,
Und sah in’s junge Morgenlicht.


Johann Heinrich Voss

Die Lichtscheuen



Ein Epos in fünf Fabeln
an: Johann Joachim Spalding





Lang’ unter Friedrichs Adlerschwingen,
Hast du, zum reinen Licht gekehrt,
Religion der Liebe singen
Und predigen mit Kraft gelehrt.
Dein stilles Ältre zu verjüngen,
Bleib, du edler Greis, bleib gerne doch!
Nie wird der Eulen Trug gelingen,
Der König Adler waltet noch.





Mittwoch, 29. Juli 2009

Eule und Phönix


Hui Dsi war Minister im Staate Liang. Dschuang Dsi ging einst hin, ihn zu besuchen. Da hinterbrachte es jemand dem Hui Dsi und sprach: »Dschuang Dsi ist gekommen und möchte Euch von Eurem Platze verdrängen!« Darauf fürchtete sich Hui Dsi und ließ im ganzen Reiche nach ihm suchen drei Tage und drei Nächte lang. Darnach ging Dschuang Dsi hin und suchte ihn auf.

Er sprach: »Im Süden gibt es einen Vogel, der heißt der junge Phönix. Ihr kennt ihn ja wohl? Dieser junge Phönix erhebt sich im Südmeer und fliegt nach dem Nordmeer. Er rastet nur auf heiligen Bäumen; er ißt nur von der reinsten Kost und trinkt nur aus den klarsten Quellen. Da war nun eine Eule, die hatte eine verweste Maus gefunden. Als der junge Phönix an ihr vorüberkam, da sah sie auf und erblickte ihn. (Besorgt um ihre Beute) sprach sie: Hu! Hu! – Nun wollt Ihr mich wohl auch von Eurem Staate Liang hinweghuhuen?«

Dschuang Dsi
Das wahre Buch vom südlichen Blütenland

Samstag, 25. Juli 2009

Der Phönix und die Nachteule (Des fünften Buches erste Fabel)

Bildquelle: Wikipedia

Der Phönix, der ein Fürst der Feder-reichen Schaar
In dem Arabischen Gefild’, und zwar
Der erste dieses Namens, war:
Ein Ehrerbietiger Basal vom Sonnen-Licht’,
Hatt’ allezeit, so lang’ er auch gelebet,
Recht als ein Heiliger zu leben, sich bestrebet.
Es kannt das Flügel-Volck noch seines gleichen nicht.
Der fromme Vogel nun erreicht, nach tausend Jahren,
Des langen Lebens Ziel.
Da es dem Schicksal denn gefiel,
Da er auch endlich stürb’. Er hatt’ es kaum erfahren,
Als, ohne Gram um seine Herrlichkeit
Und ohne Klag’ und Hertzeleid,
Er seinen holz-Stoß selbst, der ihn verbrennen sollte,
Zusammen tragen wollte.

Nicht weit davon, in einem dürren Baum,
Saß eine Eul versteckt, die elend, grämisch, alt,
Verdrießlich, mager, ungestalt,
Und kalt, wie Eis und Stein; Sie rührete sich kaum;
Nur flucht’ und lästerte sie stets der Sonnen Licht,
Als deren warmen Lebens-Brand
sie nicht empfand.

Mein Bruder, sprach darauf der Heil’ge, fluche nicht!
Sey still, gedulde dich, stirb besser, als du lebtest!
Der Tod, vor welchem du stets zittertest und bebtest,
ist gar kein Uebel, glaub es mir.
Das glaub’ ein andrer dir,
Fing gleich die Eul’ hierauf verdrießlich an zu sagen:
Ich bin gewiß, daß es ein Uebel ist,
Und will so viel ich will, darüber klagen.
So lang’ ich frisch, that ich, was mir gelüstet:
Auf die Art bin ich auch zu sterben schlüssig,
Und dein Geschwätz ist überflüßig.
Du hast im übrigen gut predigen hierzu,
Du der du fast zugleich erschinest mit der Welt;
Dein Gott, die Sonne selbst, ist älter kaum, als du.
Was Wunder, daß es dir zu sterben einst gefällt?
Du solltest ja wol recht der Erde müde seyn,
Und, ihrer satt, das Leben hassen.
Hätt’ ich hier auch gesehn so manches Tages Schein;
So wollt’ ich auch mein Loch, mit mindern Gram, verlassen.

Was hättest du doch mehr gesehen?
Wandt’ hier Arabiens Apostel ein:
Das, was geschicht, ist allezeit geschehen;
ein Tag pflegt allezeit dem andern gleich zu seyn.
Wenn wir anitzt zu einer Zeit erkalten:
So haben wir gleich lang’ gelebt.
wie daß dein Hertz die Sonn’ nicht anzubeten strebt,
Von welcher du das Leben doch erhalten!
Auf! zeige, daß es dich gereuet,
Daß du sie allezeit gehasset und gescheuet.
Mein, sage mir, was war die Frucht
Von deiner ungerechten Flucht;
Als Elend, Jammer, Noht, Verdruß und Hertzeleid?
Alleing enug: es eilt die schnelle Zeit,
Und ich bin itzt zu sterben schon bereit.

Fahr wol! es mag dir wohl bekommen!
Versetzte die Eul’, ich hab mir vorgenommen,
Was mich betrifft, noch länger hier zu seyn:
Der Phönix sucht’ indeß den Vorsatz zu vollbringen,
Trägt vom Gewürtz und Holz den Stoß zu Hauf;
Facht in der Sonnen Strahl die Gluht an mit den Schwingen,
Und leget sich gelassen oben drauf.
Das Feuer unterdeß, getrieben durch den West,
Ergreift zugleich der Eulen Nest.
Man sieht den Heiligen auf seinem Holtz-Stoß sterben;
In seinem Loche muß das Ungeheur verderben.
Doch mit dem Unterscheid:
‘Der eine stirbt für allezeit,
Der andre kommt mit neuer Pracht und Zier,
Aus seiner Asch’ aufs neu’ herfür.

Unsterblichkeit ist des Gerechten Krone.
Die Bosheit hat den Tod, ja noch vielmehr, zum Lohne.
Nur ist es warhlich zu beklagen,
Daß man hiebey annoch muß eine Wahrheit sagen;
Der Phönix ist nur eintzeln und allein;
so wird es auch fast mit den Frommen seyn.

B.H.Brockes
Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten,
Erster Theil,
nebst einem Anhang etlicher übersetzten Fabeln
des Herrn de la Motte
(Original: Le Phoenix & le Hibou, Falbe I. Livre V.)

Freitag, 24. April 2009

Die Eule und die Fledermaus


E Ogel aa e Flaggermus

»Hvorfor ve Do da aa olti hoold Dei te di Möss«, so e Ogel te e Flaggermus, »aa saadant olti kryff omkring i old e Kjolddergaef, do est jaa en Faul lisom vi, brugg kun Din Vinger te aa flöi op i e Luft ma, wenn ed blyver mörgt – lisom a; vi ar ja da begge Ratsauel.«
E Flaggermus kamm hen te e Ogel i e Mörkning, aa e Ogel sak en te aa flöi ma sei op i et stuurt Taarn, hvor en ho sin Riie.
Men e Mus kamm it tebag te sit Kjoddergaff.

Die Eule und die Fledermaus

»Warum willst Du Dich noch immer zu den elenden Mäusen halten?« sagte die Eule zur Fledermaus, »und, wie sie, in den Kellerlöchern herumwühlen. Du bist ja ein Vogel, so gut, wie wir. Gebrauche nur Deine Flügel, wie ich, zum nächtlichen Fluge, den wir zusammen in den freien Lüften machen wollen. Beide sind wir ja Nachtvögel.«
Die Fledermaus kam in der Dämmerung zur Eule geflogen; und diese brachte sie nach ihrem erhabenen Neste auf den Thurm, wo sie die weiteste Aussicht hatten.
Aber ich sah sie nachher nicht wieder in ihrem Kellerloche.

Fabel in nordschleswigscher Mundart
Übersetzung von Dr. Gottlieb
Husum 1844

Mittwoch, 25. Februar 2009

Die Eule unter den Vögeln


Als vor kurzem Jungfer Eule
Vor Verdruß und langer Weile
Unter and’re Vögel kam,
Wurde sie als ungeschliffen
Von den andern ausgepfiffen,
Bis sie endlich ihren Rückweg wiederum nach Hause nahm.
Ei, da schimpft sie auf die Zeit,
Lobt und rühmt die Einsamkeit.

Liebe zur Geselligkeit ist uns von Natur gegeben,
Wer mit Niemand Umgang hält,
Schilt auf die verdorbne Welt,
Sagt es doch nur deutsch heraus: Herrn! ihr wisset nicht zu leben.

Magnus Gottfried Lichtwer

Donnerstag, 27. November 2008

Der Adler und die Eule


Als in Gesellschaft sich der alberne Philer,
Den einer Favoritinn Gunst erhöht,
Mit klügern Staatsbedienten maß,
Ergriff Hilarion ein Blatt, und las:

Der Adler Jupiters und Pallas Eule stritten.
»Abscheulich Nachtgespenst!« - »Bescheidner! will ich bitten;
Der Himmel häget mich und dich:
Was bist du also mehr, als ich?«
Der Adler sprach: Wahr ists, im Himmel sind wir beide,
Doch mit dem Unterscheide,
Ich durch eigenen Flug,
Wohin dich deine Göttinn trug.

Karl Wilhelm Ramler

Samstag, 18. Oktober 2008

Die Eulen


Der Uhu, der Kauz und zwo Eulen
Beklagten erbärmlich ihr Leid:
Wir singen; doch heißt es, wir heulen:
So grausam belügt uns der Neid.
Wir hören der Nachtigall Proben,
Und weichen an Stimme nicht ihr.
Wir selber, wir müssen uns loben:
Es lobt uns ja keiner, als wir.

Friedrich von Hagedorn

Mittwoch, 11. Juni 2008

Die Eule und der Schatzgräber



Jener Schatzgräber war ein sehr unbilliger Mann. Er wagte sich in die Ruinen eines alten Raubschlosses und ward da gewahr, daß die Eule eine magere Maus ergriff und verzehrte.
"Schickt sich das", sprach er, "für den philosophischen Liebling Minvervens?"
"Warum nicht?" versetzte die Eule. "Weil ich stille Betrachtungen liebe, kann ich deswegen von der Lust leben? Ich weiß zwar wohl, daß ihr Menschen es von euren Gelehrten verlanget."
Gotthold Ephraim Lessing